Goethe's Worldview
GA 6
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Vorrede zur 1. Ausgabe
[ 1 ] Die Gedanken, die ich in diesem Buche ausspreche, sollen die Grundlage festhalten, die ich in der Weltanschauung Goethes beobachtet habe. Im Lauf vieler Jahre habe ich immer wieder und wieder das Bild dieser Weltanschauung betrachtet. Besonderen Reiz hatte es für mich, nach den Offenbarungen zu sehen, welche die Natur über ihr Wesen und ihre Gesetze den feinen Sinnes- und Geistesorganen Goethes gemacht hat. Ich lernte begreifen, warum Goethe diese Offenbarungen als so hohes Glück empfand, daß er sie zuweilen höher schätzte als seine Dichtungsgabe. Ich lebte mich in die Empfindungen ein, die durch Goethes Seele zogen, wenn er sagte, daß «wir durch nichts so sehr veranlaßt werden über uns selbst zu denken, als wenn wir höchst bedeutende Gegenstände, besonders entschiedene charakteristische Naturszenen, nach langen Zwischenräumen endlich wiedersehen und den zurückgebliebenen Eindruck mit der gegenwärtigen Einwirkung vergleichen. Da werden wir denn im ganzen bemerken, daß das Objekt immer mehr hervortritt, daß, wenn wir uns früher an den Gegenständen empfanden, Freud und Leid, Heiterkeit und Verwirrung auf sie übertrugen, wir nunmehr bei gebändigter Selbstigkeit ihnen das gebührende Recht widerfahren lassen, ihre Eigenheiten zu erkennen und ihre Eigenschaften sofern wir sie durchdringen, in einem höhern Grade zu schätzen wissen. Jene Art des Anschauens gewährt der künstlerische Blick, diese eignet sich dem Naturforscher, und ich mußte mich, zwar anfangs nicht ohne Schmerzen, zuletzt doch glücklich preisen, daß, indem jener Sinn mich nach und nach zu verlassen drohte, dieser sich in Aug' und Geist desto kräftiger entwickelte.» Die Eindrücke, welche Goethe von den Erscheinungen der Natur empfangen hat, muß man kennen, wenn man den vollen Gehalt seiner Dichtungen verstehen will. Die Geheimnisse, die er dem Wesen und Werden der Schöpfung abgelauscht hat, leben in seinen künstlerischen Erzeugnissen und werden nur demjenigen offenbar, der hinhorcht auf die Mitteilungen, die der Dichter über die Natur macht. Der kann nicht in die Tiefen der Goetheschen Kunst hinuntertauchen, dem Goethes Naturbeobachtungen unbekannt sind.
[ 2 ] Solche Empfindungen drängten mich zu der Beschäftigung mit Goethes Naturstudien. Sie ließen zunächst die Ideen reifen, die ich vor mehr als zehn Jahren in Kürschners «Deutscher Nationallitteratur» mitteilte. Was ich damals in dem ersten anfing, habe ich ausgebaut in den drei folgenden Bänden der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, von denen der letzte in diesen Tagen vor die Öffentlichkeit tritt. Dieselben Empfindungen leiteten mich, als ich vor mehreren Jahren die schöne Aufgabe übernahm, einen Teil der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für die große Weimarische Goethe-Ausgabe zu besorgen. Was ich an Gedanken zu dieser Arbeit mitgebracht und was ich während derselben ersonnen habe, bildet den Inhalt des vorliegenden Buches. Ich darf diesen Inhalt als erlebt im vollsten Sinne des Wortes bezeichnen. Von vielen Ausgangspunkten aus habe ich mich den Ideen Goethes zu nähern gesucht. Allen Widerspruch, der in mir gegen Goethes Anschauungsweise schlummerte, habe ich aufgerufen, um gegenüber der Macht dieser einzigen Persönlichkeit die eigene Individualität zu wahren. Und je mehr ich meine eigene, selbst erkämpfte Weltanschauung ausbildete, desto mehr glaubte ich Goethe zu verstehen. Ich versuchte ein Licht zu finden, das auch die Räume in Goethes Seele durchleuchtet, die ihm selbst dunkel geblieben sind. Zwischen den Zeilen seiner Werke wollte ich lesen, was mir ihn ganz verständlich machen sollte. Die Kräfte seines Geistes, die ihn beherrschten, deren er sich aber nicht selbst bewußt wurde, suchte ich zu entdecken. Die wesentlichen Charakterzüge seiner Seele wollte ich durchschauen.
[ 3 ] Unsere Zeit liebt es, die Ideen da, wo von psychologischer Betrachtung einer Persönlichkeit die Rede ist, in einem mystischen Halbdunkel zu lassen. Die gedankliche Klarheit in solchen Dingen wird gegenwärtig als nüchterne Verstandesweisheit verachtet. Man glaubt tiefer zu dringen, wenn man von einseitig mystischen Abgründen des Seelenlebens, von dämonischen Gewalten innerhalb der Persönlichkeit spricht. Ich muß gestehen, daß mir diese Schwärmerei für verfehlte mystische Psychologie als Oberflächlichkeit erscheint. Sie ist bei Menschen vorhanden, in denen der Inhalt der Ideenwelt keine Empfindungen erzeugt. Sie können in die Tiefen dieses Inhaltes nicht hinabsteigen, sie fühlen die Wärme nicht, die von ihm ausströmt. Deshalb suchen sie diese Wärme in der Unklarheit. Wer imstande ist, sich einzuleben in die hellen Sphären der reinen Gedankenwelt, der empfindet in ihnen das, was er sonst nirgends empfinden kann. Persönlichkeiten wie die Goethes kann man nur erkennen, wenn man die Ideen, von denen sie beherrscht sind, in ihrer lichten Klarheit in sich aufzunehmen vermag. Wer eine falsche Mystik in der Psychologie liebt, wird vielleicht meine Betrachtungsweise kalt finden. Ob es aber meine Schuld ist, daß ich das Dunkle und Unbestimmte nicht mit dem Tiefsinnigen für ein und dasselbe halten kann? So rein und klar, wie mir die Ideen erschienen sind, die in Goethe als wirksame Kräfte gewaltet haben, versuche ich sie darzustellen. Vielleicht findet auch mancher die Linien, die ich gezogen habe, die Farben, die ich aufgetragen habe, zu einfach. Ich meine aber, daß man das Große am besten charakterisiert, wenn man es in seiner monumentalen Einfachheit darzustellen versucht. Die kleinen Schnörkel und Anhängsel verwirren nur die Betrachtung. Nicht auf nebensächliche Gedanken, zu denen er durch dieses oder jenes Erlebnis von untergeordneter Bedeutung veranlaßt worden ist, kommt es mir bei Goethe an, sondern auf die Grundrichtung seines Geistes. Mag dieser Geist auch da und dort Seitenwege ein schlagen: eine Haupttendenz ist immer zu erkennen. Und sie habe ich zu verfolgen gesucht. Wer da meint, daß die Regionen, durch die ich gegangen bin, eisig sind, von dem meine ich, er habe sein Herz zu Hause gelassen.
[ 4 ] Will man mir den Vorwurf machen, daß ich nur diejenigen Seiten der Goetheschen Weltanschauung schildere, auf die mich mein eigenes Denken und Empfinden weist, so kann ich nichts erwidern, als daß ich eine fremde Persönlichkeit nur so ansehen will, wie sie mir nach meiner eigenen Wesenheit erscheinen muß. Die Objektivität derjenigen Darsteller, die sich selbst verleugnen wollen, wenn sie fremde Ideen schildern, schätze ich nicht hoch. Ich glaube, sie kann nur matte und farbenblasse Bilder malen. Ein Kampf liegt jeder wahren Darstellung einer fremden Weltanschauung zu Grunde. Und der völlig besiegte wird nicht der beste Darsteller sein. Die fremde Macht muß Achtung erzwingen; aber die eigenen Waffen müssen ihren Dienst tun. Ich habe deshalb rückhaltlos ausgesprochen, daß nach meiner Ansicht die Goethesche Denkweise Grenzen hat. Daß es Erkenntnisgebiete gibt, die ihr verschlossen geblieben sind. Ich habe gezeigt, welche Richtung die Beobachtung der Welterscheinungen nehmen muß, wenn sie in die Gebiete dringen will, die Goethe nicht betreten hat, oder auf denen er, wenn er sich in sie begeben hat, unsicher herumgeirrt ist. So interessant es ist, einem großen Geiste auf seinen Wegen zu folgen; ich möchte jedem nur so weit folgen, als er mich selbst fördert. Denn nicht die Betrachtung, die Erkenntnis, sondern das Leben, die eigene Tätigkeit ist das Wertvolle. Der reine Historiker ist ein schwacher, ein unkräftiger Mensch. Die historische Erkenntnis raubt die Energie und Spannkraft des eigenen Wirkens. Wer alles verstehen will, wird selbst wenig sein. Was fruchtbar ist, allein ist wahr, hat Goethe gesagt. Soweit Goethe für unsere Zeit fruchtbar ist, soweit soll man sich in seine Gedanken- und Empfindungswelt einleben. Und ich glaube, aus der folgenden Darstellung wird hervorgehen, daß unzählige noch ungehobene Schätze in dieser Gedanken- und Empfindungswelt verborgen liegen. Ich habe auf die Stellen hingedeutet, an denen die moderne Wissenschaft hinter Goethe zurückgeblieben ist. Ich habe von der Armut der gegenwärtigen Ideenwelt gesprochen und ihr den Reichtum und die Fülle der Goetheschen entgegengehalten. In Goethes Denken sind Keime, welche die moderne Naturwissenschaft zur Reife bringen sollte. Für sie könnte dieses Denken vorbildlich sein. Sie hat einen größeren Beobachtungsstoff als Goethe. Aber sie hat diesen Stoff nur mit spärlichem und unzureichendem Ideengehalt durchsetzt. Ich hoffe, daß aus meinen Ausführungen hervorgeht, wie wenig Eignung die moderne naturwissenschaftliche Denkweise dazu besitzt, Goethe zu kritisieren, und wie viel sie von ihm lernen könnte.
Rudolf Steiner
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Goethe's World View, Mercury Press 1985, tr. William Lindeman
Preface to the First Edition
[ 1 ] The thoughts which I express in this book are meant to contain the fundamental elements that I have observed in Goethe's world view. In the course of many years I have contemplated the picture of this world view again and again. There was a particular appeal for me in looking upon what nature had revealed of its being and laws to Goethe's refined organs of sense and spirit. I learned to understand why Goethe experienced these revelations as a good fortune and happiness so great that he sometimes valued them more highly than his poetic gift. I lived into the feelings which moved through Goethe's soul when he said that “nothing motivates us so much to think about ourselves as when, after a long interval, we finally see again objects of the highest significance, scenes of nature with particularly decisive characteristics, and compare the impression remaining from the past with the present effect. We will then notice by and large that the object emerges more and more, that, while we earlier experienced joy and suffering in our encounter with the objects and projected our happiness and perplexity onto them, we now, with egoism tamed, grant them their rightful due, which is that we recognize their particularities and learn to value their characteristics more highly by thus living into them. The artistic eye yields the first kind of contemplation; the second kind is suited to the researcher of nature; and I had to count myself, although at first not without pain, still in the end fortunate that, as the first kind of sense threatened to leave me by and by, the second kind developed all the more powerfully in eye and spirit.”
One must be acquainted with the impressions which Goethe received from the phenomena of nature if one wants to understand the full content of his poetic works. The secrets which he gleaned from the being and becoming of the creation live in his artistic productions and are revealed only to someone who gives heed to the communications which the poet makes about nature. A person cannot dive down into the depths of Goethean art to whom Goethe's observations of nature are unknown.
[ 2 ] Feelings such as these impelled me to occupy myself with Goethe's nature studies. They allowed first of all the ideas to ripen, which more than ten years ago I communicated in Kürschner's Deutscher Nationalliteratur. What I began back then in the first volume I have developed more fully in the three following volumes of the scientific writings of Goethe, of which the last one is appearing just at this time. The same feelings guided me as I undertook some years ago the wonderful task of being responsible for a part of the natural scientific writings of Goethe for the comprehensive Weimar edition of Goethe's works. What I brought to this work in the way of thoughts, and the thoughts that arose in me during it, form the content of the present book. I can characterize this content as experienced in the fullest sense of the word. I have sought to draw near to the ideas of Goethe from many starting points. I have called up all the opposition slumbering in me to Goethe's way of looking at things in order to safeguard my own individuality in the face of the power of this unique personality. And the more I developed my own world view, won for myself, the more I believed I understood Goethe. I tried to find a light that would even illuminate the places in Goethe's soul which remained dark to himself. Between the lines of his works I wanted to read what would make him entirely comprehensible to me. The powers of his spirit, which governed him but of which he did not himself become conscious, these I sought to discover. I wanted to see into the essential character traits of his soul.
[ 3 ] When it is a matter of considering a personality psychologically, our age loves to leave its ideas in a kind of mystical semi-darkness. Clarity of thought in such things is held in contempt today as dry intellectual knowledge. It is believed that one can penetrate more deeply if one speaks about one-sidedly mystical abysses of soul life, about demonic powers within the personality. I must admit that this enthusiasm for a misguided mystical psychology appears to me as superficiality. It is present in people in whom the content of the world of ideas arouses no feelings. They cannot descend into the depths of this content; they do not feel the warmth which streams forth from it. Therefore they seek this warmth in unclarity. Whoever is capable of living into the bright spheres of the world of pure thoughts feels within him something that he cannot feel anywhere else. One can come to know personalities like that of Goethe only if one is able to take up into oneself, in all their light-filled clarity, the ideas by which such personalities are governed. A person who loves a false mysticism in psychology will perhaps find my way of looking at things cold. But is it my fault that I cannot regard what is dark and indefinite as one and the same with what is profound? I sought to present the ideas which held sway in Goethe as active powers just as purely and clearly as they appeared to me. Perhaps many will also find the lines I have drawn, the colors I have applied, too simple. I believe, however, that one best characterizes what is great if one tries to present it in all its monumental simplicity. The little adornments and appendages only confuse one's contemplation. It is not the incidental thoughts, to which this or that less significant experience moved Goethe, that are important to me about him but rather the basic direction of his spirit. Although this spirit does also take side paths here and there, one main tendency is always recognizable. And this is what I have sought to follow. If someone believes that the regions through which I have gone are ice-cold, I believe of him that he has left his heart at home.
[ 4 ] If someone wants to reproach me by saying that I portray only those aspects of the Goethean world view to which my own thinking and feeling direct me, then I can only respond that I want to look upon another personality only in the way that he must appear to me according to my own being. I do not value very highly the objectivity of those portrayers who want to deny themselves when they present the ideas of others. I believe that this objectivity can paint only dull and pallid pictures. A battle underlies every true presentation of another's world view, and someone who is fully conquered will not be the best portrayer. The other's power must compel my respect, but my own weapons must perform their service. I have therefore stated without reserve that in my view the Goethean way of thinking has its limit, that there are regions of knowledge which remain closed to it. I have shown which direction the observation of world phenomena must take if it wants to penetrate into regions which Goethe did not enter upon, or in which, when he did go into them, he wandered about uncertainly. As interesting as it may be to follow a great spirit upon his path, I want to follow each one only as far as he benefits me myself. For it is not the contemplation, the knowledge, which is valuable, but rather the life, one's own activity. The pure historian is weak, is not a powerful man. Historical knowledge robs one of the energy and spring of one's own activity. Whoever wants to understand everything will not be much himself. What is fruitful is alone true, Goethe has said. Insofar as Goethe is fruitful for our time, one ought to live into his world of thoughts and feelings. And I believe that there will emerge from the following presentation the fact that innumerable treasures lie hidden within this world of thoughts and feelings that have not yet been raised. I have indicated the places where modern science has not kept up with Goethe. I have spoken of the poverty of our present-day world of ideas and contrasted to it the wealth and fullness of the Goethean one. In Goethe's thinking there are seeds which modern science should bring to fruition. This thinking could be an example for science. Science has more material from observations that Goethe had, but it has permeated this material only with a meager and insufficient content of ideas. I hope that there will emerge from my book how little the modern natural scientific way of thinking is in a position to criticize Goethe and how much it could learn from him
