Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Theosophy
GA 9

Translate the original German text into any language:

Vorrede zur 3. Auflage (1910)

Was anlässlich der Veröffentlichung der zweiten Auflage dieses Buches gesagt worden ist, darf auch dieser dritten gegenüber ausgesprochen werden. Es sind auch diesmal «Ergänzungen und Erweiterungen» an einzelnen Stellen eingeschaltet worden, welche zu der genaueren Prägung des Dargestellten mir wichtig scheinen; zu wesentlichen Änderungen dessen, was schon in der ersten und zweiten Auflage enthalten war, schien mir nirgends eine Nötigung vorzuliegen. Und auch dasjenige, was über die Aufgabe der Schrift schon bei ihrem ersten Erscheinen gesagt worden und in der Vorrede zur zweiten Auflage hinzugefügt worden ist, bedarf gegenwärtig einer Änderung nicht. Deshalb soll hier die Vorrede der ersten Auflage und dann auch dasjenige wiedergegeben werden, was in der Vorrede zur zweiten Auflage hinzugefügt worden ist:

In diesem Buche soll eine Schilderung einiger Teile der übersinnlichen Welt gegeben werden. Wer nur die sinnliche gelten lassen will, wird diese Schilderung für ein wesenloses Phantasiegebilde halten. Wer aber die Wege suchen will, die aus der Sinnenwelt hinausführen, der wird alsbald verstehen lernen, dass menschliches Leben nur Wert und Bedeutung durch den Einblick in eine andere Welt gewinnt. Der Mensch wird nicht — wie viele fürchten — durch solchen Einblick dem «wirklichen» Leben entfremdet. Denn er lernt durch ihn erst sicher und fest in diesem Leben stehen. Er lernt die Ursachen des Lebens erkennen, während er ohne denselben wie ein Blinder sich durch die Wirkungen hindurchtastet. Durch die Erkenntnis des Übersinnlichen gewinnt das sinnliche «Wirkliche» erst Bedeutung. Deshalb wird man durch diese Erkenntnis tauglicher und nicht untauglicher für das Leben. Ein wahrhaft «praktischer» Mensch kann nur werden, wer das Leben versteht.

Der Verfasser dieses Buches schildert nichts, wovon er nicht Zeugnis ablegen kann durch Erfahrung, durch eine solche Art von Erfahrung, die man in diesen Gebieten machen kann.

Nur in diesem Sinne Selbsterlebtes soll dargestellt werden. Wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt, kann dieses nicht gelesen werden. In einer gewissen Beziehung wird von dem Leser jede Seite, ja mancher Satz erarbeitet werden müssen. Das ist mit Bewusstsein angestrebt worden. Denn nur so kann das Buch dem Leser werden, was es ihm werden soll. Wer es bloß durchliest, der wird es gar nicht gelesen haben. Seine Wahrheiten müssen erlebt werden. Geisteswissenschaft hat nur in diesem Sinne einen Wert.

Vom Standpunkt der landläufigen Wissenschaft kann das Buch nicht beurteilt werden, wenn nicht der Gesichtspunkt zu solcher Beurteilung aus dem Buche selbst gewonnen wird. Wenn der Kritiker diesen Gesichtspunkt einnehmen wird, dann wird er freilich sehen, dass durch diese Ausführungen wahrer Wissenschaftlichkeit in nichts widersprochen werden soll. Der Verfasser weiß, dass er durch kein Wort mit seiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hat in Widerspruch kommen wollen.

Wer noch auf einem anderen Wege die hier dargestellten Wahrheiten suchen will, der findet einen solchen in meiner «Philosophie der Freiheit». In verschiedener Art streben diese beiden Bücher nach dem gleichen Ziele. Zum Verständnis des einen ist das andere durchaus nicht notwendig, wenn auch für manchen gewiss förderlich.

Wer in diesem Buche nach den «allerletzten» Wahrheiten sucht, wird es vielleicht unbefriedigt aus der Hand legen. Es sollten eben aus dem Gesamtgebiete der Geisteswissenschaft zunächst die Grundwahrheiten gegeben werden.

Es liegt ja gewiss in der Natur des Menschen, gleich nach Anfang und Ende der Welt, nach dem Zwecke des Daseins und nach der Wesenheit Gottes zu fragen. Wer aber nicht Worte und Begriffe für den Verstand, sondern wirkliche Erkenntnisse für das Leben im Sinne hat, der weiß, dass er in einer Schrift, die vom Anfange der Geist-Erkenntnis handelt, nicht Dinge sagen darf, die den höheren Stufen der Weisheit angehören. Es wird ja durch das Verständnis dieses Anfanges erst klar, wie höhere Fragen gestellt werden sollen. In einer anderen, sich an diese anschließenden Schrift, nämlich in des Verfassers «Geheimwissenschaft», findet man weitere Mitteilungen über das hier behandelte Gebiet.

In der Vorrede zur zweiten Auflage wurde ergänzend hinzugefügt:

Wer gegenwärtig eine Darstellung übersinnlicher Tatsachen gibt, der sollte sich über zweierlei klar sein. Das erste ist, dass unsere Zeit die Pflege übersinnlicher Erkenntnisse braucht; das andere aber, dass heute im Geistesleben eine Fülle von Vorstellungen und Empfindungen vorhanden ist, die eine solche Darstellung für viele geradezu als wüste Phantasterei und Träumerei erscheinen lassen. Es braucht die Gegenwart übersinnliche Erkenntnisse, weil alles dasjenige, was auf die gebräuchliche Art der Mensch über Welt und Leben erfährt, eine Unzahl von Fragen in ihm anregt, die nur durch die übersinnlichen Wahrheiten beantwortet werden können. Denn darüber sollte man sich nicht täuschen: was man über die Grundlagen des Daseins innerhalb der heutigen Geistesströmung mitgeteilt erhalten kann, sind für die tiefer empfindende Seele nicht Antworten, sondern Fragen in bezug auf die großen Rätsel von Welt und Leben. Eine Zeitlang mag sich mancher der Meinung hingeben, dass er in den «Ergebnissen streng wissenschaftlicher Tatsachen» und in den Folgerungen manches gegenwärtigen Denkers eine Lösung der Daseinsrätsel gegeben habe. Geht die Seele aber bis in jene Tiefen, in die sie gehen muss, wenn sie sich wirklich selbst versteht, so erscheint ihr das, was ihr anfänglich wie Lösung vorgekommen ist, erst als Anregung zu der wahren Frage. Und eine Antwort auf diese Frage soll nicht bloß einer menschlichen Neugierde entgegenkommen, sondern von ihr hängt ab die innere Ruhe und Geschlossenheit des Seelenlebens. Das Erringen einer solchen Antwort befriedigt nicht bloß den Wissensdrang, sondern sie macht den Menschen arbeitstüchtig und gewachsen den Aufgaben des Lebens, während ihn der Mangel einer Lösung der entsprechenden Fragen seelisch und zuletzt auch physisch lähmt. Erkenntnis des Übersinnlichen ist eben nicht bloß etwas für das theoretische Bedürfnis, sondern für eine wahre Lebenspraxis. Gerade wegen der Art des gegenwärtigen Geisteslebens ist daher Geist-Erkenntnis ein unentbehrliches Erkenntnisgebiet für unsere Zeit.

Auf der anderen Seite liegt die Tatsache vor, dass viele heute dasjenige am stärksten zurückweisen, was sie am notwendigsten brauchen. Die zwingende Macht vieler Meinungen, welche man sich auf der Grundlage «sicherer wissenschaftlicher Erfahrungen» aufgebaut hat, ist für manche so groß, dass sie gar nicht anders können, als die Darstellung eines Buches, wie dieses eines ist, für bodenlosen Unsinn zu halten. Der Darsteller übersinnlicher Erkenntnisse kann solchen Dingen durchaus ohne alle Illusion gegenüberstehen. — Man wird ja allerdings leicht versucht sein, von einem solchen Darsteller zu verlangen, er solle «einwandfreie» Beweise für das geben, was er vorbringt. Man bedenkt dabei nur nicht, dass man damit sich einer Täuschung hingibt. Denn man verlangt — allerdings ohne dass man sich dessen bewusst ist — nicht die in der Sache liegenden Beweise, sondern diejenigen, welche man selbst anerkennen will oder anzuerkennen in der Lage ist. Der Verfasser dieser Schrift weiß, dass in ihr nichts steht, was nicht jeder anerkennen kann, der auf dem Boden der Naturerkenntnis der Gegenwart steht. Er weiß, dass man allen Anforderungen der Naturwissenschaft gerecht werden kann und gerade deswegen die Art der hier von der übersinnlichen Welt gegebenen Darstellung in sich gegründet finden kann. Ja, gerade echte naturwissenschaftliche Vorstellungsart sollte sich heimisch in dieser Darstellung fühlen. Und wer so denkt, der wird sich von mancher Diskussion in einer Art berührt fühlen, welche durch das tiefwahre Goethesche Wort gekennzeichnet ist: «Eine falsche Lehre lässt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, dass das Falsche wahr sei.» Diskussionen sind fruchtlos demjenigen gegenüber, der nur Beweise gelten lassen will, die in seiner Denkungsweise liegen. Wer mit dem Wesen des «Beweisens» bekannt ist, der ist sich klar darüber, dass die Menschenseele auf anderen Wegen als durch Diskussion das Wahre findet. — Aus solcher Gesinnung heraus sei dieses Buch auch in zweiter Auflage der Öffentlichkeit übergeben.

Rudolf Steiner (1910)

Versions Available:

Theosophy, Steiner Online Library
  1. Theosophy 1971, tr. H. Monges and G. Church
  2. Theosophie 2003, 32nd ed.

Preface to the 3rd edition (1910)

What was said on the occasion of the publication of the second edition of this book may also be said about this third edition. Once again, “additions and expansions” have been inserted in individual places, which I consider important for a more precise characterization of the subject matter; I saw no need for any significant changes to what was already contained in the first and second editions. Nor is there any need to change what was said about the purpose of the book when it was first published and what was added in the preface to the second edition. Therefore, the preface to the first edition and what was added in the preface to the second edition are reproduced here:

This book aims to describe some aspects of the supernatural world. Those who only accept the sensory world will consider this description to be an insubstantial fantasy. However, those who seek paths that lead out of the sensory world will soon come to understand that human life only gains value and meaning through insight into another world. Such insight does not alienate people from “real” life, as many fear. For it is through this insight that they learn to stand securely and firmly in this life. They learn to recognize the causes of life, whereas without this insight they grope their way through its effects like blind people. It is through the knowledge of the supersensible that the sensory “real” gains meaning. Therefore, this knowledge makes one more capable, not less capable, for life. Only those who understand life can become truly “practical” people.

The author of this book describes nothing that he cannot testify to through experience, through the kind of experience that can be had in these areas.

Only what has been experienced in this sense should be presented. This book cannot be read in the way books are usually read in our age. In a certain sense, every page, even every sentence, will have to be worked out by the reader. This has been deliberately intended. For only in this way can the book become to the reader what it is meant to be. Those who merely read through it will not have read it at all. Its truths must be experienced. Spiritual Science has value only in this sense.

From the standpoint of conventional science, the book cannot be judged unless the point of view for such a judgment is gained from the book itself. If the critic adopts this point of view, he will certainly see that these statements in no way contradict true scientificity. The author knows that he has not wanted to contradict his scientific conscientiousness with a single word.

Anyone who wants to seek the truths presented here in another way will find it in my “Philosophy of Freedom.” In different ways, these two books strive for the same goal. The one is not necessary for understanding the other, although it is certainly helpful for some.

Those who seek the “ultimate” truths in this book may put it down unsatisfied. The basic truths should first be given from the entire field of Spiritual Science.

It is certainly in human nature to ask about the beginning and end of the world, the purpose of existence, and the nature of God. But those who seek not words and concepts for the intellect, but real insights for life in the spiritual sense, know that in a work dealing with the beginnings of spiritual knowledge, one cannot speak of things that belong to the higher stages of wisdom. It is only through understanding this beginning that it becomes clear how higher questions should be asked. In another writing that follows on from this, namely the author's “Occult Science,” one finds further information on the subject dealt with here.

The following was added to the preface to the second edition:

Anyone who currently presents a description of supersensible facts should be clear about two things. The first is that our time needs the cultivation of supersensible knowledge; the other, however, is that today's spiritual life is filled with so many mental images and feelings that such a description appears to many to be nothing more than wild fantasy and daydreaming. The present needs supersensible knowledge because everything that people learn about the world and life in the usual way raises a myriad of questions in them that can only be answered by supersensible truths. For we should not deceive ourselves: what can be communicated about the foundations of existence within today's intellectual currents are not answers for the deeply feeling soul, but questions relating to the great mysteries of the world and life. For a time, some may indulge in the opinion that they have found a solution to the riddles of existence in the “results of strictly scientific facts” and in the conclusions of some contemporary thinkers. But when the soul descends to those depths it must reach in order to truly understand itself, what initially appeared to be a solution now appears to be merely a stimulus to the true question. And an answer to this question should not merely satisfy human curiosity, but is essential for the inner peace and harmony of the soul. Achieving such an answer not only satisfies the thirst for knowledge, but also makes people capable of work and able to cope with the tasks of life, while the lack of a solution to the corresponding questions paralyzes them mentally and ultimately also physically. Knowledge of the supersensible is not just something for theoretical needs, but for true life practice. Precisely because of the nature of contemporary intellectual life, spiritual knowledge is therefore an indispensable field of knowledge for our time.

On the other hand, there is the fact that many people today reject most strongly what they need most. The compelling power of many opinions, which have been built up on the basis of “reliable scientific experience,” is so great for some that they cannot help but consider the presentation of a book such as this to be utter nonsense. The presenter of supernatural insights can face such things without any illusions. — It is, of course, tempting to demand that such a person provide “irrefutable” proof for what he claims. However, one fails to realize that this is a deception. For one demands — without being aware of it — not the evidence that lies in the matter itself, but that which one is willing or able to accept. The author of this work knows that it contains nothing that cannot be recognized by anyone who stands on the ground of contemporary knowledge of nature. He knows that all the requirements of natural science can be met and that, precisely for this reason, the nature of the presentation given here by the supersensible world can be found to be well-founded. Indeed, a genuine scientific way of thinking should feel at home in this presentation. And anyone who thinks this way will feel touched by some of the discussions in a way that is characterized by Goethe's profoundly true words: “A false doctrine cannot be refuted, for it rests on the conviction that the false is true.” Discussions are fruitless with those who will only accept evidence that fits in with their way of thinking.

Those who are familiar with the nature of “proof” are aware that the human soul finds truth by means other than discussion. It is from this conviction that this book is now being made available to the public in a second edition.

Rudolf Steiner (1910)