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The Rudolf Steiner Archive

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The Portal of Initiation
GA 14

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Zwischenspiel

(Es ist angenommen, daß das Vorhergehende die Aufführung war, welcher Sophia beigewohnt hat, und daß sie am nächsten Tage wieder von ihrer Freundin Estella besucht wird. Das Folgende in demselben Zimmer wie das Vorspiel.)

Sophia:
Meine liebe Estella, verzeih, daß ich dich habe warten lassen; es war notwendig, erst etwas bei den Kindern zu besorgen.

Estella:
Ich bin nun schon wieder bei dir. Ich habe dich so lieb, daß ich mich stets nach dir sehne, wenn mich etwas tief bewegt.

Sophia:
Du wirst in mir stets die Freundin finden, die an deinen Empfindungen den wärmsten Anteil nehmen kann.

Estella:
Es gingen mir diese »Enterbten des Leibes und der Seele« so nahe. Es mag dir recht sonderbar scheinen, wenn ich sage, daß es mir einige Augenblicke lang war, als ob alles mir sich vor die Seele stellte, was ich jemals an Menschenleid habe beobachten können. Mit der größten künstlerischen Kraft ist in diesem Werke nicht nur dargestellt, was an äußerem Missgeschick bei so vielen Menschen anzutreffen ist, sondern es wird mit einem bewundernswerten Scharfblick auf die tiefsten Seelenschmerzen gewiesen.

Sophia:
Man kann sich von einem Kunstwerke gewiß keine rechte Vorstellung bilden, wenn man nur von seinem Inhalt hört; dennoch wäre es mir lieb, wenn du mir etwas mitteilen wolltest von dem, was dich so sehr bewegt.

Estella:
Man hatte es mit einem wundervollen Aufbau zu tun. Der Künstler will zeigen, wie ein junger Maler alle Schaffenslust verliert, weil er an der Liebe zu einer Frau zu zweifeln beginnt. Sie hatte ihm die Kraft gegeben, seine hoffnungsvollen Anlagen zu entwickeln. In ihr war aus reinster Begeisterung für seine Kunst die schönste Opferliebe entstanden. Und dieser konnte er es danken, daß er auf seinem Gebiete eine volle Entfaltung seiner Kräfte erlebte. Er erblühte gewissermaßen in der Sonne seiner Wohltäterin. Aus seiner Dankbarkeit entwickelte sich nun durch vieles Zusammensein mit dieser Frau eine leidenschaftliche Liebe zu ihr. Dadurch vernachlässigte er immer mehr ein armes Geschöpf, das ihm in Treue ergeben war und das schließlich aus Gram starb, weil es sich sagen mußte, daß ihm des geliebten Mannes Herz verloren sei. Als er von ihrem Tod hörte, ging ihm die Nachricht nicht besonders nahe, denn seine Gefühle gehörten allein seiner Wohltäterin. Doch mußte er immer mehr sich überzeugen, daß deren edle Freundschaftsempfindungen sich nie in leidenschaftliche Liebe wandeln könnten. Das trieb ihm alle Schaffensfreude aus der Seele. Er fühlte sich in seinem Innenleben immer öder. In solcher Lebenslage kam ihm auch wieder seine arme Verlassene in den Sinn. Und aus einem hoffnungsvollen Menschen wurde eine Lebensruine. Ohne Aussicht auf irgendeinen Lichtpunkt siechte er dahin. ‒ Das alles ist mit höchster dramatischer Lebendigkeit durchgeführt.

Sophia:
Ich kann mir denken, wie gewaltig diese Darstellung gerade auf meine liebe Estella gewirkt hat, die schon in ihrer Jugend so sehr litt, wenn ihr das Schicksal solcher Menschen vor Augen trat, die durch schwere Lebenskonflikte in bittre Seelennot getrieben wurden.

Estella:
Meine liebe Sophie, du missverstehst mich nach dieser Richtung. Ich kann wohl unterscheiden zwischen Kunstwerk und Wirklichkeit. Und es hieße das erstere nicht aus sich selbst beurteilen, wenn man in das Urteil die Gefühle hineintragen wollte, welche man im Leben den dargestellten Ereignissen entgegenbringt. Was mich so tief erschüttert hat, ist diesmal wirklich nur die vollendete künstlerische Ausgestaltung einer tiefen Lebensfrage. Und ich konnte wieder mit voller Klarheit erkennen, wie die Kunst nur dann zu ihrer Höhe emporsteigen kann, wenn sie sich an das volle Leben hält. Sobald sie sich von diesem entfernt, werden ihre Werke unwahr.

Sophia:
Ich kann dich völlig verstehen, wenn du so sprichst. Ich habe immer diejenigen Künstler bewundert, welche bis zu einer vollendeten Darstellung dessen gelangen, was du Lebenswahrheit nennst. Und ich glaube, daß gerade in unserer Zeit darinnen es mancher zur Meisterschaft gebracht hat. Nur ließen in meiner Seele gerade die höchsten Leistungen auf diesem Gebiete eine gewiße Unbehaglichkeit zurück. Ich konnte mir das lange nicht erklären. Eines Tages kam mir das Licht, das mir Antwort brachte.

Estella:
Du willst mir wohl sagen, daß dich deine Weltanschauung von der Schätzung der sogenannten Wirklichkeitskunst abgebracht hat.

Sophia:
Liebe Estella, reden wir doch heute nicht von meiner Weltanschauung. Du weißt recht gut, daß die eben geschilderte Empfindung in mir lange vorhanden war, bevor ich auch nur das geringste von dem wußte, was du meine Weltanschauung nennst. Und ich empfinde so nicht nur der realistisch sein wollenden Kunst gegenüber, sondern auch andere Richtungen erzeugen mir ein ähnliches Gefühl. Das tritt besonders dann in mir auf, wenn ich gewahr werde, was ich in einem höhern Sinne die Unwahrheit gewisser Kunstwerke nennen möchte.

Estella:
Darinnen kann ich dir wahrlich nicht folgen.

Sophia:
Bedenke, meine liebe Estella, daß eine lebensvolle Erfassung der wahren Wirklichkeit dem Herzen das Gefühl einer gewißen Armut des Kunstwerkes erzeugen muß, da es doch gewiß ist, daß auch der größte Künstler der vollen Natur gegenüber nur ein Stümper bleiben muß. Mir wenigstens kann auch die vollendete künstlerische Nachbildung das nicht geben, was ich etwa den Offenbarungen einer Landschaft oder eines menschlichen Antlitzes verdanke.

Estella:
Das liegt doch aber in der Natur der Sache, und ist nicht zu ändern.

Sophia:
Es wäre zu ändern, wenn nur die Menschen sich über Eines zur Klarheit bringen wollten. Sie können sich nämlich sagen, daß es widersinnig ist, durch die menschlichen Seelenkräfte das noch einmal zu bilden, was höhere Mächte als das wahrste Kunstwerk vor uns ausbreiten. Doch haben dieselben Mächte dem Menschen ein Streben in die Seele gelegt, an dem Schöpfungswerke gewissermaßen fortzuarbeiten, um das der Welt zu geben, was diese Mächte noch nicht selbst vor die Sinne hinstellen. In allem, was der Mensch schaffen kann, haben die schöpferischen Mächte die Natur unvollendet gelassen. Warum sollte er ihre Vollkommenheit in unvollkommener Gestalt nachbilden, da er doch ihre Unvollkommenheit in Vollkommenheit wandeln kann. Denke dir diese Behauptung in ein elementarisches Gefühl verwandelt, und du wirst dir auch eine Vorstellung davon machen können, warum ich Unbehagen empfinde so vielem gegenüber, was du Kunst nennst. Das Gewahrwerden einer unvollkommenen Wiedergabe der sinnenfälligen Wirklichkeit muß Unbehagen hervorrufen, während die unvollkommenste Darstellung dessen, was sich hinter der äußeren Beobachtung verbirgt, eine Offenbarung sein kann.

Estella:
Du redest eigentlich von etwas, was nirgends vorhanden ist. Denn eine bloße Wiedergabe der Natur erstrebt ja kein wahrer Künstler.

Sophia:
Darin liegt aber gerade die Unvollkommenheit vieler Kunstwerke, daß die schöpferische Betätigung durch sich selbst über die Natur hinausführt, und daß der Künstler nicht weiß, wie das aussieht, was nicht in die sinnliche Beobachtung fällt.

Estella:
Ich sehe keine Möglichkeit für uns, in diesem Punkte zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Es ist recht bitter, die liebste Freundin in den wichtigsten Seelenfragen Wege gehen zu sehen, die von den eigenen so abweichen. Ich hoffe dennoch auf bessere Zeiten für unsere Freundschaft.

Sophia:
Wir sollten in diesem Punkte hinnehmen können, was uns das Leben bringt

Estella:
Auf Wiedersehen, liebe Sophie.

Sophia:
Auf Wiedersehen, meine gute Estella.

Versions Available:

The Portal of Initiation 1925, tr. Henry Collison
  1. Die Pforte der Einweihung, 5th ed.

Interlude

Scene: same as in the Prelude. The day after the play to which Estella, in the Prelude, invited her friend to accompany her.

Sophia: Forgive me, dear Estelle, for keeping you waiting. I had to attend to something for the children.

Estella: Here I am back again with you already. I long for your sympathy whenever anything stirs me deeply.

Sophia: Well, you know that I shall always sympathize most warmly with you in your interests.

Estella: This play, of which I spoke to you, Outcasts from Body and from Soul touched me so deeply. Does it seem to you odd when I say that there were moments when all I had ever known of human sorrow stood before me? With highest artistic force the work not only gives the outer mischances happening to so many people, but also points out with wonderful penetration he deepest agonies of the soul.

Sophia: One cannot, I fear, form a proper conception a work of art by simply hearing of its contents. But would like you to tell me what stirred you so.

Estella: The construction of the play was admirable. The artist wished to show how a young painter loses all his creative desire, because he begins to doubt his love for a woman. She had endowed him with the power to develop his promising talents. Pure enthusiasm for his art had produced in her the most beautiful love of sacrifice. To her he owed the fullest development of his abilities in his chosen field. He blossomed, as it were, in the sunshine of his benefactress. Constant association with this woman developed his gratitude into passionate love. This caused him to neglect, more and more, a poor creature who was faithfully devoted to him, and who finally died of grief, because she had to confess to herself that she had lost the heart of the man she loved. When he heard of her death, the news did not seriously disturb him, for his heart belonged entirely to his benefactress. Yet he grew ever more and more certain that her noble feeling of friendship for him would never turn to passionate love. This conviction drove all creative joy from his soul, and his inner life grew constantly more desolate. In this condition of life the poor girl, whom he had forsaken, came again into his mind, and a wrecked life was all that resulted from a hopeful and promising man. Without prospect of a single ray of light he pined away. All this is portrayed with intense dramatic vividness.

Sophia: I can easily see how the play must have worked upon your feelings. As a girl you always suffered intensely at the destiny of such people, who had been driven to bitterness by heavy misfortunes in their life.

Estella: My dear Sophy; you misunderstand me. I can easily distinguish between what is real and what is merely artistic. And criticism fails, I know, if one carries into it the feelings one had in life. What stirred me here so deeply was the really perfect representation of a deep problem of life. I was once again able to realize clearly how art can only mount to such heights, when it keeps close to the fulness of life. As soon as it departs therefrom, its works are untrue.

Sophia: I understand you perfectly when you speak like that. I have always admired the artists who could represent what you call the reality of life. And I believe a great many have that power,—especially nowadays. Nevertheless even the very highest attainments leave behind them in my soul a certain discomfort For a long time I was unable to explain this to myself, but one day the light came that brought the answer.

Estella: You mean to tell me, that your conception of the world has dispelled your appreciation of so-called realistic art.

Sophia: Dear Estelle, let us not speak of my conception of the world to-day. You know quite well, that the feeling I have just described was entirely familiar to me long before I knew anything at all about what you call my ‘conception of the world.’ And these feelings are not only aroused in me with reference to so-called realistic art: but other things also create a similar feeling in me. It grows especially marked when I become aware of what I might call, in a higher sense, the want of truth in certain works of art.

Estella: There I really cannot follow you.

Sophia: A vivid grasp of real truth must needs create in the heart a sense of a certain poverty in works of art. For of course the greatest artist is always a novice compared with nature in her perfection. The most accomplished artist fails to give me what I can get from the revelation of a landscape or a human countenance.

Estella: But that is in the nature of the case and cannot be altered.

Sophia: But it could be altered, if men would only become clear on one point. They could say that it is irrational for the soul to reproduce what higher powers have already set before us as the highest works of art. These same powers have implanted in man an impulse to continue the great work of creation, in order to give the world what they themselves have not yet placed before the senses. In all that man can create, the original powers of creation have left nature incomplete. Why should he reproduce nature's perfections in an imperfect form, when he has the ability to change the imperfect into perfection? If you think of this assertion as changed into an elemental feeling you will understand why I feel a sense of distress towards much that you call art. It is distressing to see an external sense-reality imperfectly, portrayed in realistic art. On the other hand, the least perfect representation of what is concealed behind the outwardly observed phenomenon may prove a revelation.

Estella: You are really talking. of something that nowhere exists. No true artist really tries to give a bare reproduction of nature.

Sophia: That is just why so many works of art are imperfect; for the creative function leads of itself beyond nature, and the artist does not know the appearance of what is outside his senses.

Estella: I see no possibility of our coming to any understanding with one another on this point. It is indeed sad that, in these most important problems of the soul, my best friend follows views so different from my own. I hope our friendship may yet fall on better days.

Sophia: On such a point we shall surely be able to accept whatever life may bring us.

Estella: Au revoir, dear Sophy.

Sophia: Good-bye, dear Estelle.

Curtain