Goethe's Spiritual Disposition
GA 22
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Goethe's Spiritual Disposition, tr. SOL
I. Goethes Faust als Bild seiner esoterischen Weltanschauung
1. Goethe’s Faust as a Reflection of His Esoteric Worldview
Diese Ausführungen sind 1902 geschrieben und zuerst veröffentlicht worden.
These writings were composed in 1902 and first published that year.
[ 1 ] Es ist Goethes Überzeugung, daß der Mensch niemals in einer zusammenfassenden Vorstellungswelt die Rätsel des Daseins lösen könne. Er teilt diese Anschauung mit allen, die, nach gewissen Prüfungen ihres Innenlebens, sich bis zu einem Einblick in das Wesen der Erkenntnis durchgerungen haben. Diese können nicht, gleich gewissen Philosophen, von einer Beschränktheit des menschlichen Erkennens sprechen. Sie sehen ein, daß das menschliche Weisheitsstreben nirgends eine Grenze hat, daß es vielmehr ins Unendliche zu erweitern ist. Aber sie wissen, daß die Tiefen der Welt unerreichbar sind. In jedem Geheimnis, das sich ihnen enthüllt, liegt der Quell zu neuen Geheimnissen, in der Lösung eines Rätsels liegt ein neues verborgen. Doch wissen sie auch, daß dieses neue wieder für sie lösbar sein wird, wenn sich ihre Seele zu der entsprechenden Entwicklungsstufe erhoben hat. Obwohl sie so überzeugt sind, daß es für den Menschen keine unlöslichen Weltgeheimnisse gibt, wollen sie doch niemals in einer abgeschlossenen Erkenntnis sich befriedigen, sondern nur gewisse Aussichtspunkte im Seelenleben erklimmen, in denen sich die in der Ferne sich verlierenden Perspektiven der Erkenntnis eröffnen.
[ 1 ] Goethe is convinced that human beings can never solve the mysteries of existence within a single, comprehensive conceptual framework. He shares this view with all those who, after certain examinations of their inner lives, have managed to gain insight into the nature of knowledge. Unlike certain philosophers, they cannot speak of a limitation of human cognition. They realize that the human quest for wisdom has no limits, that it can, rather, be expanded into infinity. But they know that the depths of the world are unreachable. In every mystery that reveals itself to them lies the source of new mysteries; in the solution of one riddle lies another hidden one. Yet they also know that this new one will again be solvable for them once their soul has risen to the corresponding stage of development. Although they are so convinced that there are no unsolvable mysteries of the world for human beings, they never wish to be satisfied with a closed-off understanding, but only to climb to certain vantage points in the life of the soul, from which the perspectives of knowledge, fading into the distance, open up.
[ 2 ] Wie mit der Erkenntnis im allgemeinen geht es mit derjenigen, welche wir aus den wahrhaft großen Werken des Geisteslebens gewinnen. Sie gehen aus einer Tiefe des Seelenlebens hervor, deren Grund unerreichbar ist. Man darf sogar sagen, daß nur diejenigen geistigen Schöpfungen zu den wahrhaft bedeutenden gehören, denen gegenüber man ein solches Gefühl in einem immer stärkeren Grade erhält, je öfter man zu ihnen zurückkehrt. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, daß man immer, wenn man zurückkehrt, selbst vorher eine Weiterentwicklung seines Seelenlebens durchgemacht hat. Es scheint, daß jeder, der mit dieser Gesinnung den Goetheschen Faust ansieht, von ihm eine solche Empfindung gewinnen muß.
[ 2 ] Just as with knowledge in general, so it is with the knowledge we gain from the truly great works of spiritual life. They spring from a depth of the soul’s life whose source is beyond reach. One might even say that only those spiritual creations belong to the truly significant ones toward which one develops such a feeling to an ever-greater degree the more often one returns to them. This presupposes, however, that whenever one returns, one has oneself previously undergone a further development of one’s inner life. It seems that anyone who approaches Goethe’s Faust with this attitude must gain such a feeling from it.
[ 3 ] Wer dazu noch bedenkt, daß Goethe dieses Werk als junger Mann begonnen und kurz vor seinem Tode vollendet hat, der wird sich hüten, über dasselbe einen erschöpfenden Gedanken zu hegen. Der Dichter ist in seinem langen und reichen Leben von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe fortgeschritten, und er hat seine Faustschöpfung in vollem Maße an dieser Fortentwicklung teilnehmen lassen. Einmal wurde er gefragt, ob denn der Abschluß seines Faust so wäre, daß er den Worten des im Jahre 1797 geschriebenen «Prolog im Himmel» entspreche: «Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewußt.» Er antwortete, das wäre ja «Aufklärung», Faust aber endige im höchsten Alter, und da werde man Mystiker. Gewiß: der junge Goethe konnte sich nicht bewußt sein, daß er im Laufe seines Lebens zu der Anschauung erhoben werde, für die er am Schlüsse des Faust im «Chorus mysticus» die Worte fand: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» An seinem Lebensende hatte sich ihm in anderer Weise geoffenbart, was im Dasein ewig ist, als er 1797 ahnen konnte, da er Gott zu den Erzengeln, mit Hindeutung auf dieses Ewige, sprechen läßt: «Und was in schwankender Erscheinung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken.»
[ 3 ] Anyone who also considers that Goethe began this work as a young man and completed it shortly before his death will be wary of forming an exhaustive opinion about it. Throughout his long and rich life, the poet progressed from one stage of development to the next, and he allowed his creation of Faust to participate fully in this ongoing development. He was once asked whether the conclusion of his Faust corresponded to the words of the “Prologue in Heaven,” written in 1797: “A good man, in his dark struggle, is well aware of the right path.” He replied that this was indeed “Enlightenment,” but that Faust ends in the highest age, and there one becomes a mystic. Certainly: the young Goethe could not have been aware that, in the course of his life, he would be elevated to the perspective for which he found the words at the end of Faust in the “Chorus mysticus”: “All that is transitory is but a parable.” At the end of his life, what is eternal in existence had revealed itself to him in a different way than he could have foreseen in 1797, when he had God speak to the archangels, alluding to this eternity: “And what hovers in wavering appearance, strengthen with enduring thoughts.”
[ 4 ] Goethe war sich klar, daß sich ihm seine Wahrheit stufenweise enthüllt hat. Er wollte seinen Faust aus diesem Gesichtspunkte beurteilt haben. Am 6. Dezember 1829 sagte er zu Eckermann: «Wenn man alt ist, denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war... Es geht mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber- und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender einwechselt, so daß er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor sich sieht.»
[ 4 ] Goethe was well aware that his truth had been revealed to him gradually. He wanted his Faust to be judged from this perspective. On December 6, 1829, he said to Eckermann: “When one is old, one thinks about worldly things differently than when one was young... It is like someone who, in his youth, has a great deal of small silver and copper coins, which he exchanges for increasingly valuable items over the course of his life, so that in the end he sees his youthful possessions before him in the form of pure gold pieces.”
[ 5 ] Warum dachte Goethe in seinem Alter über die «weltlichen Dinge» anders als in seiner Jugend ? Weil er im Laufe des Lebens immer höhere Aussichtspunkte des Seelenlebens erstiegen hat, in denen sich ihm immer neue Perspektiven der Wahrheit geoffenbart haben. Wer seiner inneren Entwicklung folgt, der allein kann hoffen, die im hohen Alter von ihm geschriebenen Teile des Faust in der rechten Weise zu lesen. Für den erschließen sich aber auch immer neue Tiefen dieses Weltgedichtes. Er dringt vor zu einer esoterischen Deutung der Vorgänge und Gestalten. Alles gewinnt neben der äußeren noch eine innere, geistige Bedeutung. Wer solches nicht vermag, der wird, je nach seiner persönlichen, künstlerischen Auffassung, den zweiten Teil des Faust, wie der bedeutende Ästhetiker Vischer, ein zusammengeschustertes Machwerk des Alters nennen; oder er wird sich an der reichen Bilder- und Märchenwelt erfreuen, die Goethes Phantasie entströmt ist.
[ 5 ] Why did Goethe, in his old age, view “worldly matters” differently than he did in his youth? Because, over the course of his life, he ascended to ever higher vantage points of the inner life, where ever-new perspectives on truth were revealed to him. Only those who follow their inner development can hope to read the parts of Faust written by him in his old age in the proper way. For them, however, ever new depths of this cosmic poem are revealed. They advance toward an esoteric interpretation of the events and characters. Everything acquires, in addition to its external meaning, an inner, spiritual significance. Those who are unable to do so will, depending on their personal artistic perspective, call the second part of Faust—like the eminent aesthetician Vischer—a cobbled-together work of old age; or they will delight in the rich world of images and fairy tales that flowed from Goethe’s imagination.
[ 6 ] Wer von einer esoterischen Deutung des Goetheschen Faust spricht, wird naturgemäß alle die zum Widerspruch reizen, die verlangen, daß ein «Kunstwerk rein künstlerisch» erfaßt und genossen werden müsse. Sie werden mit dem Vorwurfe bei der Hand sein, daß es unstatthaft sei, lebensvolle Gestalten der künstlerischen Phantasie in stroherne Allegorien zu verwandeln. Wenn solche Leute nur sich darüber klar wären, daß sie nichts weiter behaupten, als was man von einem höheren Gesichtspunkte aus eine « Zigeunerwahrheit» nennt. Sie glauben, weil für sie der geistige Gehalt strohern ist, muß er es für alle sein. Nein, es gibt welche, die dort, wo ihr stroherne Allegorien seht, ein höheres Leben atmen, denen ein tiefer Geist erquillt, wo ihr nur Worte hört. Es ist zunächst schwer, sich mit euch zu verständigen, wenn ihr nicht den «guten Willen» habt, uns ins «Geisterreich» zu folgen. Wir haben ja nur dieselben Worte, die ihr auch habt. Und wir können niemand zwingen, das ganz andere, das wir bei den Worten empfinden, mitzuempfinden. Wir bekämpfen euch nicht. Wir geben alles zu, was ihr sagt. Auch uns ist Faust zunächst Kunstwerk, Phantasieschöpfung. Wir rechneten es uns als einen Mangel an, wenn wir diesen künstlerischen Wert nicht empfinden könnten. Aber glaubet nur nicht, daß wir keine Sinne haben für die Schönheit der Lilie, weil wir zu dem Geist aufsteigen, den sie uns offenbart; glaubet nicht, daß wir ohne Auge sind für das Bild, das «im höheren Sinne» für uns, wie «alles Vergängliche», nur ein «Gleichnis» ist.
[ 6 ] Anyone who speaks of an esoteric interpretation of Goethe’s Faust will naturally provoke the opposition of those who insist that a “work of art” must be understood and enjoyed “purely artistically.” They will be quick to accuse us of it being impermissible to transform the vivid figures of artistic imagination into straw-like allegories. If only such people realized that they are asserting nothing more than what, from a higher perspective, is called a “gypsy truth.” They believe that because the spiritual content is more straw-like to them, it must be so for everyone. No, there are those who, where you see straw-like allegories, breathe a higher life, in whom a deeper spirit springs forth where you hear only words. It is difficult at first to communicate with you if you do not have the “goodwill” to follow us into the “spiritual realm.” After all, we have only the same words that you have. And we cannot force anyone to share in the very different feelings we experience through these words. We do not fight against you. We concede everything you say. For us, too, Faust is at first a work of art, a creation of the imagination. We would consider it a shortcoming if we were unable to perceive this artistic value. But do not think that we have no appreciation for the beauty of the lily because we ascend to the spirit it reveals to us; do not think that we are blind to the image which, “in a higher sense,” is for us—like “all that is transitory”—merely a “parable.”
[ 7 ] Wir halten es mit Goethe. Er sagte am 25. Januar 18 27 zu Eckermann: «Aber doch ist alles (im Faust) sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen.»
[ 7 ] We agree with Goethe. On January 25, 1827, he said to Eckermann: “But everything (in Faust) is sensual and, when staged, will appeal to everyone’s eye. And that is all I intended. If only the audience takes pleasure in the appearance; the initiate will not fail to grasp the higher meaning at the same time.”
[ 8 ] Wer Goethe wirklich verstehen will, der darf sich von solcher Einweihung nicht fernehalten. Man kann genau den Punkt in Goethes Leben angeben, wo ihm der Sinn dafür aufging, daß «alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist». Es war, als ihm vor den antiken Kunstwerken der Gedanke durch die Seele zog: «So viel ist gewiß, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der Natur und einen ebenso sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen läßt und wie es vorgestellt werden muß, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden hinzufahren. Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen: da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» Es ist unter dem 6.September 1787, da Goethe im Tagebuch seiner «Italienischen Reise» diesen Gedanken aufzeichnet.
[ 8 ] Anyone who truly wishes to understand Goethe must not shy away from such an initiation. One can pinpoint the exact moment in Goethe’s life when he came to realize that “all that is transitory is but a parable.” It was as if, standing before the ancient works of art, the thought crossed his mind: “This much is certain: the ancient artists possessed just as great a knowledge of nature and an equally sure grasp of what can be imagined and how it must be imagined as Homer did. Unfortunately, the number of first-rate works of art is far too small. But when one beholds even these, one has nothing left to desire but to recognize them properly and then depart in peace. The great works of art have been produced by human hands according to true and natural laws, and are at the same time the highest works of nature. Everything arbitrary and imagined falls away: there is necessity, there is God.» It was on September 6, 1787, that Goethe recorded this thought in the diary of his “Italian Journey.”
[ 9 ] Man kann auch auf anderen Wegen zu dem «Geiste der Dinge» dringen. Goethes Natur ist eine künstlerische. Daher muß sich ihm in der Kunst dieser Geist erschließen. Man kann nachweisen, daß auch seine großen, wissenschaftlichen Erkenntnisse, durch die er die naturwissenschaftlichen Einsichten des neunzehnten Jahrhunderts vorher verkündigt hat, aus seinem Künstlergeiste heraus geboren sind. 1Vergleiche mein Buch «Goethes Weltanschauung». Eine andere Persönlichkeit wird durch eine religiöse, eine dritte durch eine philosophische Entwicklung zu einer gleichen Perspektive der Erkenntnis und Wahrheit kommen.
[ 9 ] There are other ways to penetrate the “spirit of things.” Goethe’s nature is an artistic one. Therefore, this spirit must reveal itself to him through art. It can be demonstrated that even his great scientific discoveries, through which he foreshadowed the scientific insights of the nineteenth century, were born of his artistic spirit. 1See my book “Goethe’s Worldview.” One person may arrive at the same perspective of knowledge and truth through a religious development, another through a philosophical one.
[ 10 ] Man darf in Goethes Faust das Bild einer inneren Seelenentwicklung suchen. Im besonderen ein solches, wie es eine künstlerische Persönlichkeit zur Darstellung bringen muß. Er war durch seine Geistesanlage dazu vorherbestimmt, in die Tiefen der Natur selbst zu schauen. Man sehe, wie der Knabe schon für sich einen tiefempfundenen Naturdienst als Ergebnis seines Glaubensbekenntnisses ausbildet. Er schildert uns das in «Wahrheit und Dichtung». «Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigentliche Gott, der ja wohl auch mit dem Menschen wie mit allem übrigen in ein genaueres Verhältnis treten könne, und für denselben ebenso wie für die Bewegung der Sterne, für Tages- und Jahreszeiten, für Pflanzen und Tiere Sorge tragen werde.» Er nimmt aus der Naturaliensammlung seines Vaters die besten Mineralien und Gesteine und legt sie in regelmäßiger Ordnung auf ein Musikpult. Das ist der Altar, auf dem er dem Naturgotte sein Opfer darbringen will. Zu oberst legt er Räucherkerzchen, und diese entzündet er mit Hilfe eines Brennglases durch die aufgefangenen Strahlen der aufgehenden Morgensonne. So hat er ein heiliges Feuer durch das Wesen der natürlich-göttlichen Kräfte selbst entzündet. Sieht man darin nicht den Anfang zu einer inneren Seelenentwicklung, die, um im Sinne der indischen Theosophie zu sprechen, in der Mitte der Sonne das Licht und in der Mitte des Lichtes die Wahrheit sucht. Wer Goethes Leben verfolgt, der kann diesen «Pfad» schauen, auf dem er durch Zwischenstufen hindurch die «tiefere Bewußtseinsschichte» gesucht hat, durch die sich ihm dann die ewige «Notwendigkeit, Gott» enthüllt hat. Er erzählt uns in «Wahrheit und Dichtung», wie er sich in allen möglichen Wissensgebieten herumgetrieben hat, um einmal in alchimistischen Versuchen zu suchen, ob ihm «durch Geistes Kraft und Mund nicht manch Geheimnis würde kund». Später hat er in den Werken der Natur die ewigen Gesetzmäßigkeiten gesucht und in seiner «Urpflanze» und im «Urtier» gefunden, was der Geist der Natur zum Menschengeiste spricht, wenn die Seele sich, in seinem Sinne, zu einer «der Idee gemäßen» Denk- und Vorstellungsweise durchgerungen hat. Zwischen beide Wendepunkte seines Seelenlebens fällt die Abfassung des Teiles vom Faust, in dem er diesen, nach Verzweiflung an allem äußerlichen Wissen, den « Erdgeist» beschwören läßt. Das ewige, wahrheitträchtige Licht selbst spricht aus den Worten dieses «Erdgeist»:
[ 10 ] One may look for a depiction of inner spiritual development in Goethe’s Faust. In particular, one that an artistic personality must bring to life. By virtue of his intellectual disposition, he was predestined to look into the depths of nature itself. One sees how the boy already develops for himself a deeply felt devotion to nature as a result of his creed. He describes this to us in “Truth and Poetry.” “The God who stands in direct connection with nature, who acknowledges and loves it as his work—this seemed to him to be the true God, who could surely enter into a closer relationship with man as with all else, and who would care for him just as he does for the movement of the stars, for the days and seasons, for plants and animals.” He takes the finest minerals and rocks from his father’s natural history collection and arranges them in a regular order on a music stand. This is the altar upon which he intends to offer his sacrifice to the God of Nature. At the very top he places incense sticks, which he lights with the aid of a magnifying glass using the rays of the rising morning sun. Thus he has kindled a sacred fire through the very essence of the natural-divine forces. Does one not see in this the beginning of an inner development of the soul which, to speak in the terms of Indian theosophy, seeks the light in the center of the sun and the truth in the center of the light? Anyone who follows Goethe’s life can see this “path” on which, through intermediate stages, he sought the “deeper layer of consciousness” through which the eternal “necessity of God” was then revealed to him. In “Truth and Poetry,” he tells us how he dabbled in all manner of fields of knowledge, at times seeking through alchemical experiments to see if “through the power and mouth of the spirit, many a secret might be revealed to him.” Later, he sought the eternal laws in the works of nature and found in his “primordial plant” and “primordial animal” what the spirit of nature speaks to the human spirit when the soul, in his sense, has struggled its way to a mode of thought and imagination “in accordance with the Idea.” Between these two turning points in his spiritual life lies the composition of the part of Faust in which he has Faust, having despaired of all external knowledge, summon the “Earth Spirit.” The eternal, truth-bearing light itself speaks through the words of this “Earth Spirit”:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
In the tides of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A glowing life,
Thus I create at the rushing loom of time
And weave a living garment for the Deity.
[ 11 ] Das ist ein Ausdruck der umfassenden Naturanschauung, der wir auch in Goethes, etwa in seinem dreißigsten Lebensjahre geschriebenem Prosahymnus «Die Natur» begegnen. «Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder - alles ist neu, und doch immer das alte.... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ist sie ? - Sie ist die einzige Künstlerin ... Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus.... Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr.... Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.... Die Menschen sind alle in ihr, und sie in allen.... Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben. ... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt. ... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. ... Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. ... Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. ... Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst!»
[ 11 ] This is an expression of the comprehensive view of nature that we also encounter in Goethe’s prose hymn “Nature,” written when he was about thirty years old. “Nature! We are surrounded and embraced by her—unable to step out of her, and unable to penetrate deeper into her. Uninvited and unannounced, she draws us into the circle of her dance and carries us along until we are weary and slip from her arms. She creates ever-new forms; what is there has never been; what was will not return—all is new, and yet always the old.... She is always building and always destroying, and her workshop is inaccessible. She lives in nothing but children, and the mother—where is she?—She is the only artist... Each of her works has its own essence, each of her manifestations the most isolated concept, and yet everything makes up a whole.... She is eternally transforming, and there is not a moment of stillness within her.... Her step is measured, her exceptions rare, her laws immutable.... All people are within her, and she is within all.... Life is her most beautiful invention, and death is her stratagem for having much life. ... One obeys her laws, even when one resists them. ... She is everything. She rewards herself and punishes herself, delights and torments herself. ... It knows neither past nor future. The present is its eternity. ... It has brought me in; it will also lead me out. I entrust myself to it. ... I did not speak of it. No, what is true and what is false—it has spoken of everything. Everything is its fault; everything is its merit!”
[ 12 ] Goethe hat selbst im hohen Alter, auf diese Stufe seiner Seelenentwicklung zurückblickend, gesagt, daß sie eine untergeordnete Lebensanschauung darstelle, und daß er zu einer höheren gekommen sei. Aber diese Stufe hat ihm das ewige Weltgesetz erschlossen, das die Natur ebenso durchflutet wie die menschliche Seele. Sie hat ihm die schwerwiegende Empfindung erregt, daß eine ewige, eherne Notwendigkeit alle Wesen zu einem zusammenschließt. Sie hat ihn gelehrt, den Menschen in innigem Bande mit dieser Notwendigkeit zu betrachten. Es ist die Gesinnung, die in der Ode «Das Göttliche» vom Jahre 1782 zum Ausdruck kommt.
[ 12 ] Even in his old age, looking back on this stage of his spiritual development, Goethe said that it represented a subordinate worldview and that he had arrived at a higher one. But this stage opened up to him the eternal law of the universe, which permeates nature just as it does the human soul. It aroused in him the profound sense that an eternal, iron necessity unites all beings into one. It taught him to view human beings as intimately bound to this necessity. It is the sentiment expressed in the ode “The Divine” from the year 1782.
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
.....
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Let man be noble,
Helpful and good!
For that alone
Distinguishes him
From all beings
That we know.
.....
According to eternal, iron,
Great laws
We must all
Complete the cycles
Of our existence.
[ 13 ] Und dieselbe Anschauung spricht aus dem etwa 1787 geschriebenen Faustmonolog «Wald und Höhle»:
[ 13 ] And this same view is expressed in the Faust monologue “Forest and Cave,” written around 1787:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you permit me only to be a cold, marveling visitor,
but grant me to look into its deep bosom
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me and teach me to know my brothers
in the silent bush, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, crashing down,
Squeezing neighboring branches and trunks as it sweeps down,
And the hill thunders hollow and dull at their fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and in my own breast
Secret, deep wonders open up.
[ 14 ] Auf die Wunder der eigenen Brust eröffnet sich Goethe die Perspektive seiner Seele. Es ist die Perspektive, die sich nicht mehr in der äußeren Welt allein erschließen kann; die vielmehr nur eröffnet wird, wenn der Mensch in die eigene Seele hinuntersteigt, so daß in immer tieferen Regionen des Bewußtseins ihm immer höhere Geheimnisse offenbar werden. Dann erhält die Welt der Sinne und des Verstandes eine neue Bedeutung. Sie wird zum «Gleichnis» des Ewigen. Der Mensch sieht ein, daß er den Bund zwischen der Außenwelt und der eigenen Seele inniger schließen muß. Er erfährt, daß in seinem Innern die Stimmen erklingen, die auch alle äußeren Welträtsel zu lösen berufen sind. «Das Unzulängliche, hier wird's Erreichnis.» 2Der Verfasser dieser Ausführungen bekennt sich zu der von Ad. Rudolf im Archiv für neuere Sprachen LXX 1883 vorgebrachten Ansicht, daß die Schreibung «Ereignis» nur auf einen Hörfehler des Goethes Diktat Schreibenden beruht, und daß das richtige Wort «Erreichnis» ist. Diese Anmerkung wurde 1918, der Neu-Ausgabe, mit der veränderten Schreibweise im Goetheschen Text hinzugefügt. 1902 heißt es noch im Manuskript und gedruckten Text «Ereignis». - Die Annahme von Ad. Rudolf vertritt auch K. J. Schröer in seiner Ausgabe der Faustdichtung, die Rudolf Steiner bei der Einstudierung von Faust-Szenen in Dornach (1914-1919) benutzte. Erst 1928 wurde eine Handschrift Goethes mit der Schreibweise Ereignis aus der Goethe-Sammlung von A. Kippenberg als Faksimiledruck bekannt. Die höchste Tatsache des Lebens, die Trennung in das Männliche und Weibliche, wird zum Schlüssel des Menschenrätsels. Der Erkenntnisvorgang wird zum Lebens-, zum Befruchtungsvorgang. Die Seele in ihrer Tiefe wird zum Weibe, das, von dem Weltengeiste befruchtet, den höchsten Lebensinhalt gebiert. Das Weib wird zum «Gleichnis» dieser Seelentiefen. Wir steigen zu den Mysterien des Daseins hinan, indem wir uns von dem « Ewig-Weiblichen» hinanziehen lassen. Das höhere Dasein beginnt, wenn wir den Weisheitsgang als einen geistigen Befruchtungsvorgang erleben.
[ 14 ] Through the wonders of his own breast, Goethe gains a perspective on his soul. It is a perspective that can no longer be revealed by the external world alone; rather, it is revealed only when a person descends into his own soul, so that ever higher mysteries are revealed to him in ever deeper regions of consciousness. Then the world of the senses and the intellect takes on a new meaning. It becomes a “parable” of the eternal. Man realizes that he must forge a more intimate bond between the external world and his own soul. He experiences that within him resound the voices that are also called upon to solve all the mysteries of the external world. “The inadequate—here it becomes achievement.” 2The author of these remarks subscribes to the view put forward by Ad. Rudolf in the Archiv für neuere Sprachen LXX 1883, that the spelling “Ereignis” is based solely on a hearing error by the person transcribing Goethe’s dictation, and that the correct word is “Erreichnis.” This note was added in 1918, in the new edition, with the altered spelling in Goethe’s text. In 1902, the manuscript and printed text still read “Ereignis.”—Ad. Rudolf is also supported by K. J. Schröer in his edition of the Faust poems, which Rudolf Steiner used during the rehearsals of Faust scenes in Dornach (1914–1919). It was not until 1928 that a manuscript by Goethe with the spelling Ereignis from A. Kippenberg’s Goethe collection became known as a facsimile print. The highest fact of life, the separation into the masculine and the feminine, becomes the key to the mystery of humanity. The process of cognition becomes a process of life, a process of fertilization. The soul, in its depths, becomes the woman who, fertilized by the world spirit, gives birth to the highest meaning of life. The woman becomes the “parable” of these depths of the soul. We ascend to the mysteries of existence by allowing ourselves to be drawn upward by the “Eternal Feminine.” Higher existence begins when we experience the path of wisdom as a spiritual process of fertilization.
[ 15 ] Die tieferen Mystiker aller Zeiten haben so empfunden. Sie lassen die höchste Erkenntnis aus einer geistigen Befruchtung hervorgehen, wie die Ägypter den Seelenmenschen, Horus, durch den Geistesblick, der von Osiris, dem vom Tode Erweckten, ausgehend die Isis überstrahlt. Der zweite Teil von Goethes Faust ist ein aus solcher Gesinnung heraus geschriebenes Werk.
[ 15 ] The profound mystics of all ages have felt this way. They allow the highest knowledge to emerge from a spiritual fertilization, just as the Egyptians conceived the soul-man, Horus, through the spiritual gaze that emanates from Osiris—the one raised from the dead—and outshines Isis. The second part of Goethe’s Faust is a work written from such a mindset.
[ 16 ] Die Liebe Fausts zu Gretchen im ersten Teil ist eine sinnliche. Diejenige Fausts im zweiten Teile zu Helena ist nicht bloß ein sinnlich-wirklicher Vorgang; sie ist ein «Gleichnis» für das tiefste mystische Seelenerlebnis. Faust sucht, indem er Helena sucht, das «Ewig-Weibliche»; er sucht die Tiefen der eigenen Seele. Es liegt in dem Wesen von Goethes Persönlichkeit, daß dieser «das Weib im Menschen» das Urbild der griechischen Frauenschönheit sein läßt. Ihm ist ja die göttliche Notwendigkeit an der Schönheit der griechischen Kunstwerke aufgegangen.
[ 16 ] Faust’s love for Gretchen in the first part is a sensual one. Faust’s love for Helena in the second part is not merely a sensual, concrete experience; it is a “parable” for the deepest mystical experience of the soul. In seeking Helena, Faust seeks the “eternal feminine”; he seeks the depths of his own soul. It is inherent in the nature of Goethe’s personality that he allows “the woman in man” to be the archetype of Greek feminine beauty. For he had come to realize the divine necessity inherent in the beauty of Greek works of art.
[ 17 ] Faust ist Mystiker geworden durch seine Ehe mit Helena. Als solcher spricht er am Beginne des vierten Aktes im zweiten Teil. Er sieht das Frauenbild, die Tiefen der eigenen Seele, und spricht:
[ 17 ] Faust has become a mystic through his marriage to Helena. As such, he speaks at the beginning of the fourth act in Part Two. He sees the image of woman, the depths of his own soul, and says:
... Formlos breit und aufgetürmt,
Ruht es im Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
Und spiegelt blendend flüchtiger Tage großen Sinn.
Doch mir umschwebt ein zarter, lichter Nebelstreif
Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und immer höher auf,
Fügt sich zusammen. - Täuscht mich ein entzückend Bild,
Als jugenderstes, längstentbehrtes, höchstes Gut?
Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf,
Aurorens Liebe, leichten Schwungs, bezeichnet's mir,
Den schnell empfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,
Löst sich nicht auf, erhebt sich in den Äther hin,
Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
... Formless, broad, and towering,
It rests in the east, like distant ice-capped mountains,
And reflects the great meaning of fleeting days in dazzling light.
Yet a delicate, light wisp of mist still hovers around me
Over my chest and brow, refreshing, cool, and soothing.
Now it rises lightly and hesitantly, higher and higher,
Coming together. — Is a delightful image deceiving me,
As the most youthful, long-deprived, highest good?
The earliest treasures of the deepest heart well up,
Aurora’s love, with light swing, points it out to me,
That first glance, swiftly felt, barely understood,
Which, once captured, outshone every treasure.
Like the beauty of the soul, the lovely form intensifies,
Does not dissolve, but rises into the ether,
And carries the best of my inner self away with it.
[ 18 ] Ist es uns bei diesen Worten, welche die Wonnen schildern, die der empfindet, der in die Tiefen der eigenen Seele hinuntergestiegen und von seinem «Ewig-Weiblichen» das Beste seines Innern mit fortgerissen gefühlt hat, nicht, wie wenn wir den Philosophen Griechenlands hörten:
[ 18 ] When we read these words, which describe the delights felt by one who has descended into the depths of his own soul and felt the best of his inner self swept away by his “Eternal Feminine,” is it not as if we were listening to the philosophers of Greece:
Wenn du befreit vom Leibe zum freien Äther emporsteigst,
Wird ein unsterblicher Gott sie (die Seele) sein, dem Tode
When you rise, freed from the body, into the free ether,
She (the soul) will be an immortal god, beyond death
[ 19 ] Denn der Tod wird auf solcher Stufe zum «Gleichnis». Der Mensch stirbt für das niedere Leben ab, um in einem höheren wieder aufzuleben. Das höhere Geistesleben wird eine neue Stufe des Werdens; das Zeitliche wird zum «Gleichnis» des Ewigen, das im Menschen auflebt. Die Verbindung mit dem «Ewig-Weiblichen» läßt das Kind im Menschen entstehen, das unvergänglich ist, weil es dem Ewigen angehört. Das höhere Leben ist das Aufgeben, der Tod der niederen Existenz und die Geburt der höheren. Goethe drückt in seinem «west-östlichen Diwan» das mit den Worten aus:
[ 19 ] For at this stage, death becomes a “parable.” Man dies to the lower life in order to be reborn into a higher one. The higher spiritual life becomes a new stage of becoming; the temporal becomes a “parable” of the eternal, which comes to life within man. The connection with the “Eternal Feminine” gives rise to the child within the human being, which is imperishable because it belongs to the Eternal. The higher life is the letting go, the death of the lower existence, and the birth of the higher. Goethe expresses this in his “West-Eastern Divan” with the words:
Und so lang du das nicht hast, dieses: ,Stirb und Werde!',
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.
And as long as you don’t have that—“Die and be reborn!”—
You are but a gloomy guest on this dark earth.
[ 20 ] In seinen Prosasprüchen lesen wir den gleichen Gedanken: Man muß seine Existenz aufgeben, um zu existieren. Goethe ist mit dem Mystiker Heraklit der gleichen Gesinnung. Dieser spricht über den Dionysosdienst der Griechen. Es wäre für ihn ein nichtiger, ja schändlicher Dienst, wenn er bloß dem Gotte des Naturlebens, des Sinnengenusses dargebracht würde. Aber das sei nicht der Fall. Es ist nicht bloß der Dionysos des Lebens, der unmittelbaren sinnlichen Fruchtbarkeit, dem dieses Treiben gilt; es ist zugleich der Gott des Todes, Hades. Es ist Hades und Dionysos derselbe, dem sie «lärmende Feuer veranstalten». In den griechischen Mysterien wurde das Leben im Verein mit dem Tode gefeiert; das ist das höhere Leben, das durch den sinnlichen Tod hindurchgeht. Es ist das Leben, von dem die Mystiker sprechen, wenn sie sagen: «Und so ist denn der Tod die Wurzel alles Lebens.» Der zweite Teil von Goethes Faust stellt eine Erweckung dar, die Geburt des «höheren Menschen» aus den Tiefen der Seele. Man versteht Goethes Worte von diesem Gesichtspunkte aus: «Die Menge der Zuschauer» mag ihre «Freude an der Erscheinung» haben; dem «Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen».
[ 20 ] In his Prose Sayings, we find the same idea: One must give up one’s existence in order to exist. Goethe shares the same view as the mystic Heraclitus. The latter speaks of the Greeks’ worship of Dionysus. For him, it would be a futile, even shameful service if it were offered merely to the god of natural life, of sensual pleasure. But that is not the case. It is not merely the Dionysus of life, of immediate sensual fertility, to whom this activity is directed; it is at the same time the god of death, Hades. It is Hades and Dionysus, one and the same, for whom they “light noisy fires.” In the Greek mysteries, life was celebrated in union with death; this is the higher life that passes through sensual death. It is the life of which the mystics speak when they say: “And so death is the root of all life.” The second part of Goethe’s Faust depicts an awakening, the birth of the “higher human being” from the depths of the soul. One understands Goethe’s words from this perspective: “The crowd of spectators” may take “pleasure in the spectacle”; yet “the initiate will not fail to grasp the higher meaning.”
[ 21 ] Wer die Entwicklung der echten mystischen Erkenntnis sich angeeignet hat, der liest vieles von dieser in dem Goetheschen Faust. Nachdem (im ersten Teil, nach der Beschwörungsszene mit dem Erdgeist) Faust mit Wagner sich unterredet hat und allein bleibt, kleidet er seine Verzweiflung über die Kleinheit, die er dem Erdgeist gegenüber empfindet, in die Worte:
[ 21 ] Anyone who has come to understand the development of true mystical knowledge will find much of it in Goethe’s Faust. After (in the first part, following the invocation scene with the Earth Spirit) Faust has spoken with Wagner and is left alone, he expresses his despair at the insignificance he feels in the presence of the Earth Spirit in these words:
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst genoß in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
Und schaffend, Götterleben zu genießen
Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen!
I, the image of the deity, who once
Felt myself so close to the mirror of eternal truth,
Delighted in my own heavenly radiance and clarity,
And cast off the son of Earth;
I, more than a cherub, whose free power
Already flowed through the veins of nature
And, creating, to enjoy the life of the gods
Presumptuously measured itself—how must I atone!
[ 22 ] Was ist der «Spiegel ew'ger Wahrheit»? Man kann es beim Mystiker Jakob Böhme lesen. «Alles das, wessen diese Welt ein irdisch Gleichnis und Spiegel ist, das ist im göttlichen Reich in großer Vollkommenheit im geistlichen Wesen; nicht nur der Geist, als ein Wille oder Gedanke, sondern Wesen, körperlich Wesen, Saft und Kraft, aber gegen der äußeren Welt wie unbegreiflich: dann aus demselben geistlichen Wesen, in welchem das reine Element ist, sowohl aus dem finsteren Wesen im Mysterio des Grimmes, als dem Urständ des ewigen lautbaren Wesens, daraus die Eigenschaften entstehen, ist diese sichtbare Welt erboren und geschaffen worden, als ein ausgesprochener Hall aus dem Wesen aller Wesen.» Für diejenigen, welche «Zigeunerwahrheiten» lieben, sei angemerkt, daß durchaus nicht behauptet werden soll, Goethe habe gerade diese Stelle J. Böhmes im Auge gehabt, als er die obigen Verse schrieb. Was er aber im Auge gehabt hat, das ist die mystische Erkenntnis, die in J. Böhmes Sätzen zum Ausdruck kommt. Und in solcher mystischen Erkenntnis lebte Goethe allerdings. Er wurde in ihr immer reifer. Er hat aus den Mystikern geschöpft. Und aus diesem Quell ist ihm die Möglichkeit entsprungen, das Leben, «alles Vergängliche» nur als «ein Gleichnis», als einen Spiegel anzusehen. Es liegt ein nicht zu erschöpfendes Stück Innenentwicklung zwischen der Zeit, als Goethe für den ersten Teil die Zweifelworte schrieb, daß er doch fern sei von dem «Spiegel ew'ger Wahrheit», und den Worten des «Chorus mysticus», die ausdrücken, daß im «Vergänglichen» wirklich nur das «Gleichnis» des Ewigen zu sehen ist.
[ 22 ] What is the “Mirror of Eternal Truth”? One can read about it in the works of the mystic Jakob Böhme. “Everything of which this world is an earthly parable and mirror exists in the divine realm in great perfection within the spiritual being; not merely the spirit as a will or thought, but being, physical being, vitality, and power—yet to the outer world it appears incomprehensible: then from the same spiritual essence, in which the pure element resides, both from the dark essence in the mystery of wrath and the primal source of the eternal, audible essence—from which the qualities arise—this visible world has been born and created, as a distinct echo from the essence of all essences.” For those who love “gypsy truths,” it should be noted that it is by no means intended to be claimed that Goethe had precisely this passage by J. Böhme in mind when he wrote the above verses. What he did have in mind, however, is the mystical insight expressed in J. Böhme’s sentences. And Goethe certainly lived in such mystical insight. He grew ever more mature in it. He drew from the mystics. And from this source sprang the possibility for him to view life, “all that is transitory,” merely as “a parable,” as a mirror. There lies an inexhaustible process of inner development between the time when Goethe wrote the words of doubt in the first part—that he was, after all, far from the “mirror of eternal truth”—and the words of the “Chorus mysticus,” which express that in the “transient” one can truly see only the “parable” of the eternal.
[ 23 ] Das mystische «Stirb und Werde» durchflutet die Eingangsszene des zweiten Teils: «Anmutige Gegend. Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend.» Die Elfen unter Ariels Führung bewirken Fausts «Erweckung». Ariel spricht zu den Elfen:
[ 23 ] The mystical “Die and Be” pervades the opening scene of the second part: “A charming landscape. Faust lies on a flower-strewn lawn, weary, restless, seeking sleep.” The elves, led by Ariel, bring about Faust’s “awakening.” Ariel speaks to the elves:
Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise,
Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;
Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
Vier sind die Pausen nächtiger Weile,
Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus.
Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder,
Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;
Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
Wenn er gestärkt dem Tag entgegenruht.
Vollbringt der Elfen schönste Pflicht,
Gebt ihn zurück dem heiligen Licht.
You who hover around this head in ethereal circles,
Show yourselves here in the noble manner of elves,
Soothe the heart’s fierce turmoil;
Remove the fiery, bitter arrows of reproach,
Purify his inner self of the horror he has endured.
Four are the pauses of the night’s repose,
Now, without delay, fill them kindly.
First, lower his head upon the cool pillow,
Then bathe him in the dew from Lethe’s stream;
Soon his limbs, stiff with cramps, will be supple again,
As he rests, strengthened, awaiting the day.
Having fulfilled the fairest duty of the elves,
Return him to the sacred light.
[ 24 ] Und Faust ist beim Aufgang der Sonne dem «heiligen Licht» zurückgegeben:
[ 24 ] And at sunrise, Faust is returned to the “holy light”:
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Ätherische Dämm'rung milde zu begrüßen;
Du Erde warst auch diese Nacht beständig,
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.
The pulse of life beats fresh and alive,
Gently welcoming the ethereal twilight;
You, Earth, remained steadfast this night as well,
And breathe anew, refreshed, at my feet,
Already beginning to surround me with delight,
You stir and inspire a resolute determination,
To strive ceaselessly toward the highest existence.
[ 25 ] Was hat Faust in seiner «Studierstube» (im ersten Teil) erstrebt, und was ist ihm geworden auf der Stufe, auf der er uns im Beginn des zweiten Teiles entgegentritt? Was er dort erstrebt, kleidet er in die Worte des «Weisen»:
[ 25 ] What did Faust seek in his “study” (in the first part), and what has become of him at the stage at which he appears before us at the beginning of the second part? He expresses what he seeks there in the words of the “Wise Man”:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen.
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!
The spirit world is not closed off.
Your mind is closed, your heart is dead!
Come, bathe, disciple, undaunted
Your earthly breast in the morning glow!
[ 26 ] Hier kann Faust noch nicht die ird'sche Brust im Morgenrot baden. Er muß, nach der Beschwörung des Erdgeistes, sich seine Kleinheit gestehen. Aber er kann das am Beginne des zweiten Teiles. Ariel verkündet, wie das geschieht:
[ 26 ] Here, Faust cannot yet bathe his earthly breast in the morning glow. After summoning the Earth Spirit, he must acknowledge his own insignificance. But he is able to do so at the beginning of the second part. Ariel explains how this happens:
Horchet! horcht dem Sturm der Hören!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Listen! Listen to the storm of the senses!
Resounding to the ears of the spirit
The new day is already dawning.
[ 27 ] Daß aus der Morgenröte der «neue Tag» der Erkenntnis und des Lebens geboren wird, hat J.Böhme bekräftigt, als er das erste Werk, mit dem er in die mystische Weisheit eintauchte, betitelte «Aurora» oder «Die Morgenröte im Aufgang ». Wie Goethe in solchen Vorstellungen lebte, das zeigt die schon angeführte Stelle im vierten Akt des zweiten Teiles des Faust. «Des tiefsten Herzens frühste Schätze» werden ihm durch «Aurorens Liebe» erschlossen. - Als Faust wirklich gebadet hat «die ird'sche Brust im Morgenrot», da ist er reif, innerhalb seiner Erdenbahn ein höheres Leben zu führen. Er erscheint mit Mephistopheles am Kaiserhofe innerhalb eines Festes voll Lust und eitlen Genusses. Er selbst muß beitragen, den Genuß zu erhöhen. In der Maske des Plutus, des Gottes des Reichtums, erscheint er, mitten in einem Maskenscherz. Es wird von ihm verlangt, daß er zur Erhöhung des «Amüsements» Paris und Helena aus der Unterwelt heraufzaubere. Dabei offenbart sich uns, daß in Fausts Seelenleben die Stufe erreicht ist, auf der er das «Stirb und Werde» begriffen hat. Er macht das Fest der Lust mit, aber er tritt während des Festverlaufes den «Gang zu den Müttern» an. Nur bei den Müttern kann er die Bilder von Paris und Helena finden, die der Kaiser sehen will. Bei den Müttern ist das Reich, wo die ewigen Urbilder alles Seins aufbewahrt sind. Dort ist eine Region, die man nur betreten kann, «wenn man seine Existenz aufgegeben hat, um zu existieren». Dort kann Faust auch finden, was von Helena die Zeiten überdauert. In diese Region kann ihn aber Mephistopheles, der bis dahin sein Helfer war, nicht führen. Das ist für dessen Charakter bezeichnend. Er sagt ausdrücklich zu Faust:
[ 27 ] J. Böhme affirmed that the “new day” of knowledge and life is born from the dawn when he titled the first work with which he delved into mystical wisdom “Aurora” or “The Dawn Rising.” The passage already cited in the fourth act of the second part of Faust shows how Goethe lived within such ideas. “The earliest treasures of the deepest heart” are revealed to him through “Aurora’s love.”—Once Faust has truly bathed “his earthly breast in the morning glow,” he is ready to lead a higher life within his earthly journey. He appears with Mephistopheles at the imperial court during a festival full of pleasure and vain indulgence. He himself must contribute to heightening the enjoyment. He appears in the mask of Plutus, the god of wealth, in the midst of a masquerade. He is required to conjure up Paris and Helen from the underworld to heighten the “amusement.” In doing so, it is revealed to us that Faust’s inner life has reached the stage where he has grasped the “die and become.” He participates in the festival of pleasure, but during the course of the festivities he embarks on the “journey to the mothers.” Only with the Mothers can he find the images of Paris and Helen that the Emperor wishes to see. With the Mothers lies the realm where the eternal archetypes of all being are preserved. There is a region there that one can only enter “if one has given up one’s existence in order to exist.” There, Faust can also find what of Helen endures through the ages. But Mephistopheles, who until then had been his helper, cannot lead him into this region. This is characteristic of his nature. He says explicitly to Faust:
Du wähnst, es füge sich sogleich;
Hier stehen wir vor steilern Stufen,
Greifst in ein fremdestes Bereich.
You think it will all fall into place at once;
Here we stand before steep steps,
Reaching into the most unfamiliar realm.
[ 28 ] Das Reich des Ewigen ist Mephistopheles fremd. Das könnte leicht unerklärlich scheinen, wenn man bedenkt, daß er dem Reiche des Bösen, also selbst einer ewigen Region angehört. Erklärlich wird es aber, wenn man Goethes Eigenart bedenkt. Er hat die ewige Notwendigkeit für sich nicht im Bereich des Christentums erlebt, zu dem für ihn Hölle und Teufel gehören. Ihm ist dieses Ewige persönlich da aufgegangen, wohin die christliche Vorstellungswelt nicht dringt. Es ist durchaus zuzugeben, daß eine Gestalt wie Mephistopheles ihrem letzten Ursprünge nach auch in heidnischen Religionsvorstellungen zu finden ist. 3Vergleiche Carl Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. [Untertitel: Mit besonderer Berücksichtigung des okkulten Phänomenalismus und des mittelalterlichen Zauberwesens. 1893. Für Goethe gehörte sie aber der nordisch-christlichen Welt an. Dorther hat er sie geschöpft. Es war seine persönliche Erfahrung, daß er sein Reich des Ewigen mit dieser Vorstellungswelt nicht finden konnte. Man braucht sich nur, um das einzusehen, an die Charakteristik zu erinnern, welche Schiller von Goethe gibt, als er mit einem tiefsinnigen Briefe diesem (23. August 1794) einen Spiegel seines Wesens vorhält: «Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, und hätte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Notwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große Stil in Ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher geboren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen Künstler zu werden, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären.»
[ 28 ] The realm of the eternal is foreign to Mephistopheles. This might seem inexplicable at first glance, considering that he belongs to the realm of evil—that is, to an eternal realm itself. It becomes clear, however, when one considers Goethe’s unique perspective. He did not experience the eternal necessity for himself within the realm of Christianity, to which, for him, hell and the devil belong. To him, this eternal reality dawned personally in a realm where the Christian imagination does not penetrate. It must certainly be admitted that a figure like Mephistopheles, in terms of his ultimate origin, can also be found in pagan religious concepts. 3Compare Carl Kiesewetter, Faust in History and Tradition. [Subtitle: With special consideration of occult phenomenalism and medieval magic. 1893. For Goethe, however, it belonged to the Nordic-Christian world. That is where he drew it from. It was his personal experience that he could not find his realm of the eternal within this conceptual world. To understand this, one need only recall the characterization Schiller gives of Goethe when, in a profound letter (August 23, 1794), he holds up a mirror to his nature: “Had you been born a Greek, or even just an Italian, and had an exquisite nature and an idealizing art surrounded you from the cradle, your path would have been infinitely shortened, perhaps rendered entirely superfluous. Even in your first perception of things, you would then have absorbed the form of the necessary, and with your first experiences, the grand style would have developed within you. Now, since you were born a German, since your Greek spirit was cast into this Nordic creation, you had no choice but either to become a Nordic artist yourself, or to replace in your imagination what reality withheld from it through the aid of the power of thought, and thus, as it were, to give birth to a Greece from within and by rational means.”
[ 29 ] Es kann hier nicht die Aufgabe sein, auf die verschiedenen Vorstellungen einzugehen, die man sich über die Bedeutung des Mephistopheles gemacht hat. In diesen Vorstellungen drückt sich gerade das dem meinigen entgegengesetzte Bestreben aus, künstlerische Gestalten in stroherne Allegorien oder Symbole zu verwandeln. Für eine esoterische Bedeutung darf Mephistopheles durchaus als wirklicher Mensch, im Sinne dichterischer Wirklichkeit natürlich, aufgefaßt werden. Denn die esoterische Deutung sucht nicht den geistigen Gehalt, den gewisse Gestalten erst durch den Dichter erhalten, sondern denjenigen, den sie schon im Leben haben. Ihn kann ihnen also der Dichter weder nehmen, noch geben, sondern er nimmt ihn, wie das für das Auge Sichtbare, aus dem Leben. Es gehört aber zum Wesen des Mephistopheles, daß er im Sinnlichen, im Materiellen lebt. Auch die Hölle ist ja nur das verkörperte Materielle. Wer so im Materiellen lebt wie er, dem kann das Ewige im Schöße der Mütter nur ein fremdestes Bereich sein. Der Mensch muß durch das Materielle hindurch, um wieder in das Ewige, das Göttliche einzugehen, in dem er seinen Ursprung hat. Findet er den Weg dahin, gibt er «seine Existenz auf, um zu existieren», so ist er eine Faustnatur; kann er vom Materiellen nicht lassen, so ist er ein Charakter wie Mephistopheles. Nur den «Schlüssel» zum Reich der Mütter vermag Mephistopheles dem Faust noch zu geben. An diesem «Schlüssel» hängt wirklich ein Geheimnis. Man muß es erlebt haben, um es ganz durchzufühlen. Der in der Wissenschaft Lebende wird am leichtesten dazu kommen.
[ 29 ] It is not my task here to address the various interpretations that have been offered regarding the meaning of Mephistopheles. These interpretations express precisely the opposite of my own aim: the tendency to transform artistic figures into wooden allegories or symbols. For an esoteric interpretation, Mephistopheles may certainly be understood as a real human being—in the sense of poetic reality, of course. For the esoteric interpretation does not seek the spiritual content that certain figures acquire only through the poet, but rather that which they already possess in life. The poet can therefore neither take it away from them nor give it to them, but takes it, like that which is visible to the eye, from life. But it belongs to the nature of Mephistopheles that he lives in the sensual, in the material. Hell, too, is after all only the embodied material. For one who lives in the material world as he does, the eternal in the womb of the mothers can be nothing but the most alien of realms. Man must pass through the material in order to re-enter the eternal, the divine, in which he has his origin. If he finds the way there, if he “gives up his existence in order to exist,” then he is of the nature of Faust; if he cannot let go of the material, he is a character like Mephistopheles. Only the “key” to the realm of the Mothers can Mephistopheles still give to Faust. There is truly a mystery attached to this “key.” One must have experienced it to fully grasp it. Those who live in science will find it easiest to attain.
[ 30 ] Man kann noch soviel Wissen anhäufen und doch kann einem der «Geist der Dinge», das Reich der Mütter, verschlossen bleiben. In dem Wissen hat man aber im Grunde den Schlüssel zum Geisterreich in der Hand. Es wird entweder zur Gelehrsamkeit oder zur Weisheit. Man lasse einen weisen Menschen sich des «trockenen Gelehrtenstoffes » bemächtigen, den ein bloß Wissender angehäuft hat: er wird dadurch in eine Region geführt, die dem ändern «fremdestes Bereich» ist. Faust vermag mit dem Schlüssel, den ihm Mephistopheles gibt, zu den Müttern zu gelangen. In der Art, wie Mephistopheles und Faust von dem Reich der Mütter sprechen, spiegeln sich deren Charaktere:
[ 30 ] One can accumulate as much knowledge as one likes, and yet the “spirit of things,” the realm of the mothers, may remain closed to one. Yet in knowledge, one essentially holds the key to the spirit realm in one’s hand. It becomes either erudition or wisdom. Let a wise person take possession of the “dry scholarly material” that a mere know-it-all has accumulated: it will lead them into a realm that is the “most foreign domain” to the other. With the key that Mephistopheles gives him, Faust is able to reach the Mothers. The way Mephistopheles and Faust speak of the realm of the Mothers reflects their characters:
Mephistopheles:
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.Faust:
Du sendest mich ins Leere,
Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze,
Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
Nur immer zu! Wir wollen es ergründen,
In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.
Mephistopheles:
You will see nothing in the eternally empty distance,
Hear not the step you take,
Find nothing solid where you rest.Faust:
You send me into the void,
So that there I may increase both art and power;
You treat me so that, like that cat,
I may scrape the chestnuts from the embers for you.
Go on, then! Let us explore it,
In your nothingness I hope to find the universe.
[ 31 ] Goethe hat es Eckermann verraten, wie er zur Einführung der Mütterszene gekommen ist. «Ich kann Ihnen weiter nichts verraten» - sagt Goethe - «als daß ich beim Plutarch gefunden, daß im griechischen Altertum von Müttern als Gottheiten die Rede gewesen.» Das mußte auf Goethe, der von seiner mystischen Erkenntnis her die Bedeutung des «Ewig-Weiblichen» kannte, einen großen Eindruck machen.
[ 31 ] Goethe confided to Eckermann how he came to include the mother scene. “I can tell you nothing more,” says Goethe, “than that I found in Plutarch that in ancient Greece, mothers were spoken of as deities.” This must have made a great impression on Goethe, who, based on his mystical insight, understood the significance of the “eternal feminine.”
[ 32 ] Aus dem Reiche der Mütter zaubert Faust die Gestalten der Helena und des Paris herauf. Als er sie dann am Kaiserhofe vor sich sieht, da erfaßt ihn ein unwiderstehlicher Drang zu Helena. Er will sich ihrer bemächtigen. Es erfolgt eine Explosion. Faust sinkt bewußtlos hin und wird von Mephistopheles fortgetragen. - Wir sind damit an einer Stelle in Fausts Entwicklung, die von großer Bedeutung ist. Faust ist reif, zum Geistigen vorzudringen. Er kann sich geistig zu den ewigen Urbildern erheben. Er ist auf dem Punkte, wo das Geistige dem Menschen in einer unendlichen Perspektive sichtbar wird.
[ 32 ] From the realm of the mothers, Faust conjures up the figures of Helen and Paris. When he then sees them before him at the imperial court, he is seized by an irresistible urge toward Helen. He wants to take possession of her. An explosion ensues. Faust sinks unconscious and is carried away by Mephistopheles. — We have thus reached a point in Faust’s development that is of great significance. Faust is ready to penetrate into the spiritual realm. He can spiritually rise to the eternal archetypes. He is at the point where the spiritual becomes visible to man in an infinite perspective.
[ 33 ] Nun kann er entweder sich bescheiden und sich sagen, daß diese Perspektive nicht im Fluge durchmessen werden kann, daß sie vielmehr langsam durch zahllose Lebensstationen durchschritten werden muß; oder er kann sich im Sturme des göttlichen Endzieles bemächtigen wollen. Das letztere will Faust. Er macht eine neue Prüfung durch. Er muß erfahren, daß der Mensch an die Materie gebunden ist, und daß er erst, wenn er alle Stufen des Materiellen durchgemacht hat, zur Erlangung des Endzieles gereinigt ist.
[ 33 ] Now he can either be modest and tell himself that this path cannot be traversed in a single bound, but must instead be traversed slowly through countless stages of life; or he can seek to seize the divine ultimate goal in a storm of passion. Faust chooses the latter. He undergoes a new trial. He must learn that man is bound to matter, and that only after he has passed through all the stages of the material world is he purified enough to attain the final goal.
[ 34 ] Nur ein rein geistiges, ein auf geistige Weise geborenes Wesen könnte sich unmittelbar mit dem Geistigen vereinigen. Der Menschengeist ist kein solches Wesen. Er muß durch das Materielle vollständig hindurchwandeln. Ohne diese Lebenswanderung wäre dieser Menschengeist ein wesenloses Wesen. Wenn er so vorhanden wäre, könnte er nicht leben. Entstünde er auf irgendeine Weise, so müßte er die materielle Wanderung von vorn anfangen. Denn der Mensch ist das, was er ist, nur dadurch, daß er durch eine Reihe vorheriger Verkörperungen durchgegangen ist. Auch diese Vorstellung mußte Goethe im Faust darstellen. Über den Homunkulus hat sich Goethe am 16. Dezember 1829 zu Eckermann ausgesprochen: «Denn solche geistige Wesen wie der Homunkulus, die durch eine vollkommene Menschwerdung noch nicht verdüstert und beschränkt werden, zählte man zu den Dämonen.»
[ 34 ] Only a purely spiritual being, one born in a spiritual manner, could unite directly with the spiritual. The human spirit is not such a being. It must pass completely through the material world. Without this journey through life, the human spirit would be a being without substance. If it existed in such a form, it could not live. If it were to come into being in any way, it would have to begin the material journey all over again. For the human being is what he is only because he has passed through a series of previous incarnations. Goethe also had to portray this idea in Faust. On December 16, 1829, Goethe spoke to Eckermann about the homunculus: “For such spiritual beings as the homunculus, who have not yet been darkened and limited by a complete incarnation, were counted among the demons.”
[ 35 ] Homunkulus ist also ein Mensch, doch ohne die dem Menschen notwendige Materialität. Er wird im Laboratorium auf künstliche Weise erzeugt. An dem schon angeführten Tage sagt Goethe noch weiter über ihn zu Eckermann: «Als ein Wesen, dem die Gegenwart durchaus klar und durchsichtig ist, sieht Homunkulus das Innere des schlafenden Faust.» Aber weil seinem Geiste alles durchsichtig ist, kommt es ihm auf den Geist gar nicht an. «Das Räsonieren ist nicht seine Sache; er will handeln.» Insoferne der Mensch ein Wissender ist, wird gerade durch das Wissen der Trieb zum Wollen, zum Handeln geweckt. Nicht auf das Wissen, nicht auf den Geist als solchen kommt es an, sondern darauf, diesen Geist durch das Materielle, durch die Handlung hindurchzuführen. Je wissender ein Wesen ist, einen desto größeren Trieb zum Handeln muß es haben. Und ein auf rein geistigem Wege entstandenes Wesen muß erfüllt sein von Durst nach Handlung. In dieser Lage ist Homunkulus. Sein gewaltiger Drang nach Wirklichkeit führt Faust und Mephistopheles nach Griechenland, in die «Klassische Walpurgisnacht». Im Reiche, in dem Goethe die höchste Wirklichkeit gefunden hat, soll Homunkulus körperlich entstehen. Damit ist dann auch für Faust die Möglichkeit gegeben, die wirkliche Helena, nicht bloß deren Urbild zu finden. In die griechische Wirklichkeit wird Homunkulus der Führer. Wir brauchen bloß Homunkulus bei seiner Wanderung durch die klassische Walpurgisnacht zu verfolgen, um sein Wesen ganz kennenzulernen. Er will von zwei griechischen Philosophen, Thales und Anaxagoras, hören, wie er entstehen, das heißt zum Handeln kommen kann. Er sagt zu Mephistopheles:
[ 35 ] The homunculus is thus a human being, yet without the materiality necessary to a human being. He is artificially created in the laboratory. On the day already mentioned, Goethe says even more about him to Eckermann: “As a being to whom the present is entirely clear and transparent, the homunculus sees into the inner being of the sleeping Faust.” But because everything is transparent to his spirit, the spirit itself is of no consequence to him. “Reasoning is not his business; he wants to act.” Insofar as a human being is a knower, it is precisely through knowledge that the impulse to will, to act, is awakened. It is not knowledge, nor the spirit as such, that matters, but rather the task of guiding this spirit through the material world, through action. The more knowledgeable a being is, the greater its impulse to act must be. And a being created by purely spiritual means must be filled with a thirst for action. This is the situation in which Homunculus finds himself. His powerful urge for reality leads Faust and Mephistopheles to Greece, to the “Classical Walpurgis Night.” In the realm where Goethe found the highest reality, Homunculus is to be physically created. This then also gives Faust the opportunity to find the real Helen, not merely her archetype. In Greek reality, Homunculus becomes the guide. We need only follow Homunkulus on his journey through the Classical Walpurgis Night to fully understand his nature. He wants to hear from two Greek philosophers, Thales and Anaxagoras, how he can come into being—that is, how he can come to act. He says to Mephistopheles:
Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld mein Glas entzwei zu schlagen;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da möcht' ich mich nicht wagen.
Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
Ich horchte zu, es hieß: Natur! Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen.
Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
Und ich erfahre wohl am Ende,
Wohin ich mich am allerklügsten wende.
I float from place to place
And would gladly emerge in the best sense,
Eager to shatter my glass in two;
But what I have seen so far,
I dare not venture into.
Only, to tell you in confidence:
I am on the trail of two philosophers,
I listened, and they said: Nature! Nature!
I do not wish to part from them.
Surely they must know the nature of the world;
And in the end I shall surely learn,
Whither it is wisest for me to turn.
[ 36 ] Er will die natürlichen Bedingungen der körperlichen Entstehung kennenlernen. Thales führt ihn zu Proteus, dem Meister der Verwandlung, des ewigen Werdens. Thales sagt von Homunkulus:
[ 36 ] He wants to learn about the natural conditions of physical formation. Thales leads him to Proteus, the master of transformation, of eternal becoming. Thales says of the homunculus:
Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greif lieh Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch war' er gern zunächst verkörperlicht.
It seeks advice and longs to come into being.
It is, as I have heard,
A wondrous being, only half-born into the world.
It lacks nothing in intellectual qualities,
But sorely lacks tangible virtues.
Until now, only the glass gives him weight,
Yet he would gladly have been embodied first.
[ 37 ] Und Proteus spricht das Gesetz des Werdens aus:
[ 37 ] And Proteus proclaims the law of becoming:
Doch gilt es hier nicht viel besinnen,
Im weiten Meere mußt du anbeginnen!
Da fängt man erst im Kleinen an
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen.
Man wächst so nach und nach heran
Und bildet sich zu höherem Vollbringen.
But there is no need to dwell on this here,
In the vast sea you must begin!
There, one starts small
And takes pleasure in devouring the smallest things.
One grows little by little
And develops toward greater achievements.
[ 38 ] Thales gibt dazu den Rat:
[ 38 ] Thales offers the following advice:
Gib nach dem löblichen Verlangen,
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend, abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.
Yield to the noble desire,
To begin creation anew!
Be ready to act swiftly!
There you move according to eternal laws,
Through a thousand, a thousand forms,
And you have time until you reach humanity.
[ 39 ] Die ganze Goethesche Naturanschauung von der Verwandtschaft aller Wesen, von ihrer metamorphosischen Entwicklung aus dem Unvollkommenen zum Vollkommenen tritt hier im Bilde auf. Der Geist kann in der Welt zunächst nur keimartig sein. Er muß sich in die Materie, in die Elemente ausgießen, in sie untertauchen, um aus ihnen erst höhere Gestalt anzunehmen. Homunkulus zerschellt am Muschelwagen der Galatea. Er löst sich in die Elemente auf. Die «Sirenen» beschreiben den Vorgang.
[ 39 ] Goethe’s entire view of nature—the kinship of all beings and their metamorphic development from the imperfect to the perfect—is embodied here in this image. At first, the spirit can exist in the world only in embryonic form. It must pour itself into matter, into the elements, submerge itself in them, in order to assume a higher form from them. The homunculus shatters against Galatea’s shell chariot. He dissolves into the elements. The “Sirens” describe the process.
Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
What fiery wonder do the waves reveal to us,
That crash against one another, sparkling?
Thus it glows and sways and shines upward:
The bodies glow on their nocturnal path,
And all around, everything is surrounded by fire;
So let Eros reign, who began it all!
[ 40 ] Homunkulus ist als Geist nicht mehr. Er hat sich den Elementen gemischt. Aus ihnen kann er entstehen. Zum Geist muß die Begierde, das Wollen, das Handeln, der Eros treten. Der Geist muß durch die Materie, durch den Sündenfall hindurch. Das geistige Wesen muß, nach Goethes obigen Worten, verdüstert und beschränkt werden. Das ist zu einer «vollkommenen Menschwerdung »notwendig. Das Mysterium der Menschwerdung stellt der zweite Akt des zweiten Teiles dar. Proteus, der Meister der körperlichen Verwandlungen, legt dieses Mysterium dem Homunkulus dar:
[ 40 ] The homunculus is no longer a spirit. It has mingled with the elements. From them it can arise. Desire, will, action, and Eros must enter into the spirit. The spirit must pass through matter, through the Fall. According to Goethe’s words above, the spiritual being must be darkened and limited. This is necessary for a “perfect incarnation.” The mystery of incarnation constitutes the second act of the second part. Proteus, the master of physical transformations, explains this mystery to the homunculus:
Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng' und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach höhern Orten: 4Die Ausgaben haben «Orden», was wohl nur Hörfehler des Schreibers ist.
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.
Come with me in spirit to the damp expanse,
There you will live in all its length and breadth,
Here you may move about as you please;
Just do not strive for higher places: 4The editions have “Orden,” which is likely just a hearing error on the part of the scribe.
For once you have become a human being,
Then it is completely over for you.
[ 41 ] Das ist alles, was der Meister der körperlichen Wandelungen von der Menschwerdung wissen kann. Er ist der Meinung, wenn der Mensch als solcher entstanden, höre die Entwicklung auf. Das weitere gehört nicht zu seinem Bereich. Er ist nur im Körperlichen zu Hause; und durch das Menschwerden trennt sich das Geistige eben von dem Bloß-Körperlichen ab. Die weitere Entwicklung des Menschen geschieht im Reiche des Geistigen. Das höchste, wozu es der natürliche Eros bringt, ist die Trennung in zwei Geschlechter, sind das Männliche und das Weibliche. Hier setzt die geistige Entwicklung ein; der Eros wird vergeistigt. Faust geht mit der Helena, dem Urbild der Schönheit, eine Ehe ein. Goethe ist der Überzeugung, daß er durch die Ehe mit der griechischen Schönheit das geworden ist, was er ist. Das Mysterium der Vergeistigung hatte für Goethe einen künstlerischen Charakter. Aus der Ehe Fausts mit Helena geht der Euphorion hervor. Auch das hat Goethe selbst gesagt, was der Euphorion ist. Eckermann führt Goethes Worte unter dem 20.Dezember 1829 an: «Der Euphorion ist kein menschliches, sondern ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist.» Durch die Ehe, die Faust in den Tiefen seiner Seele erlebt, wird die Poesie geboren. Diese Färbung des geistigen Mysteriums muß wieder auf Goethes persönliche Erfahrung und Wesenheit zurückgeführt werden. Er hat in der Kunst, in der Poesie «eine Manifestation geheimer Naturgesetze» gesehen, die ohne sie niemals offenbar würden.1(Vergleiche seine Sprüche in Prosa.) Als Künstler hat er die höheren Stufen des Seelenlebens durchgerungen. Es war nur natürlich, daß er der Poesie nicht nur ganz allgemeine, sondern solche Züge gab, die den poetischen Schöpfungen seiner Zeit entnommen waren. Auf Euphorion sind Byrons Züge übergegangen. «Ich konnte als Repräsentanten der neuesten poetischen Zeit», sagte Goethe am 5.Juli 1827 zu Eckermann, «niemanden gebrauchen als ihn (Byron), der ohne Frage als das größte Talent des Jahrhunderts anzusehen ist. Und dann, Byron ist nicht antik und nicht romantisch, sondern er ist wie der gegenwärtige Tag selbst. Einen solchen mußte ich haben. Auch paßte er übrigens ganz wegen seines unbefriedigten Naturells und seiner kriegerischen Tendenz, woran er in Missolunghi zugrunde ging. Eine Abhandlung über Byron schreiben, ist nicht bequem und rätlich, aber gelegentlich ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen hinzuweisen, werde ich auch in der Folge nicht unterlassen.» Die Ehe Fausts mit Helena kann keine dauernde sein. Das Hinuntersteigen in die Tiefen der Seele ist, auch nach Goethes Überzeugung, nur in Feieraugenblicken des Lebens möglich. Man taucht unter in die Regionen, in denen das höchste Geistige geboren wird. Aber mit der Verwandlung, die man da erfahren hat, kehrt man wieder zurück ins tätige Leben. Faust macht einen Vergeistigungsprozeß durch; aber auch als Vergeistigter soll er weiter im unmittelbaren Leben wirken. Der Mensch, der solche Feieraugenblicke durchgemacht hat, muß allerdings sehen, wie ihm in der unmittelbaren Wirklichkeit das tiefer Seelische wieder entschwindet. Im Bilde ist das von Goethe dargestellt. Euphorion entschwindet wieder in das Reich des Dunkels. Der Mensch kann nicht zu dauerndem irdischen Leben das Geistige bringen. Aber dieses Geistige ist nun mit seiner Seele innig verbunden. Sein Kind, das Geistige, zieht auch seine Seele in das Reich des Ewigen. Er hat sich dem Ewigen vermählt. Durch die höchsten geistigen Leistungen tritt der Mensch mit seinem besten Sein, mit den Tiefen seiner Seele selbst in das Ewige ein. Die Ehe, die er in seiner Seele eingegangen ist, läßt ihn im All aufgehen. Wie dieser ewige Ruf, der in der Brust des immer strebenden Menschen erklingt, tönen die Worte des Euphorion:
[ 41 ] That is all the Master of Physical Transformations can know about the Incarnation. He believes that once a human being has come into being as such, development ceases. What comes next does not fall within his domain. He is at home only in the physical realm; and through the process of becoming human, the spiritual separates itself from the merely physical. The further development of the human being takes place in the realm of the spiritual. The highest point to which natural Eros can lead is the separation into two sexes: the male and the female. This is where spiritual development begins; Eros becomes spiritualized. Faust enters into a marriage with Helena, the archetype of beauty. Goethe is convinced that through his marriage to the Greek beauty, he has become what he is. For Goethe, the mystery of spiritualization had an artistic character. From Faust’s marriage to Helena, Euphorion is born. Goethe himself also explained what Euphorion is. Eckermann quotes Goethe’s words under the date of December 20, 1829: “Euphorion is not a human being, but an allegorical being. In him is personified the poetry that is bound to no time, no place, and no person.” Through the marriage that Faust experiences in the depths of his soul, poetry is born. This coloring of the spiritual mystery must again be traced back to Goethe’s personal experience and essence. He saw in art, in poetry, “a manifestation of secret laws of nature” that would never be revealed without them. 1(Compare his aphorisms in prose.) As an artist, he had ascended to the higher stages of the life of the soul. It was only natural that he endowed poetry not only with general traits but also with those drawn from the poetic creations of his time. Byron’s traits have passed into Euphorion. “As a representative of the latest poetic era,” Goethe told Eckermann on July 5, 1827, “I could use no one but him (Byron), who is without question to be regarded as the greatest talent of the century. And then, Byron is neither ancient nor romantic, but he is like the present day itself. I had to have someone like that. Moreover, he was also a perfect fit precisely because of his restless nature and his warlike tendencies, which led to his downfall at Missolunghi. Writing a treatise on Byron is neither convenient nor advisable, but I shall not fail to honor him on occasion and refer to him in detail in the future.” Faust’s marriage to Helena cannot be a lasting one. Descending into the depths of the soul is, even according to Goethe’s conviction, possible only in life’s moments of celebration. One plunges into the regions where the highest spiritual is born. But with the transformation one has experienced there, one returns once more to active life. Faust undergoes a process of spiritualization; but even as a spiritualized being, he is to continue to act in immediate life. The person who has gone through such solemn moments must, however, see how the deeper spiritual aspect vanishes again in immediate reality. This is depicted in Goethe’s work. Euphorion vanishes back into the realm of darkness. Human beings cannot bring the spiritual into permanent earthly life. But this spiritual is now intimately connected with their soul. Its child, the spiritual, also draws their soul into the realm of the eternal. They have wed themselves to the eternal. Through the highest spiritual achievements, human beings enter the eternal with their very best being, with the depths of their soul itself. The marriage he has entered into in his soul allows him to merge with the cosmos. Like this eternal call that resounds in the breast of the ever-striving human being, the words of Euphorion ring out:
Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!
Don't leave me alone, Mother,
in this dark realm!
Der Mensch, der in dem Zeitlichen das Ewige empfunden hat, vernimmt von dem Geistigen in ihm diesen Ruf immerzu. Seine Schöpfungen ziehen seine Seele nach dem Ewigen. So wird Faust weiterleben. Ein Doppelleben wird er führen. Im Leben wird er schaffen; aber sein geistiges Kind verbindet ihn auf seiner irdischen Wanderung mit dem höheren Reich des Geistes. Das wird das Leben eines Mystikers sein. Allerdings nicht eines solchen, der in müßiger Beschaulichkeit, in einem Traum-Innenleben seine Tage verbringen wird, sondern in voller Tätigkeit, so aber, daß jeder Tat der Adel aufgedrückt ist, den der Mensch durch geistige Vertiefung erlangt.
The person who has sensed the eternal within the temporal hears this call from the spiritual within him constantly. His creations draw his soul toward the eternal. Thus Faust will live on. He will lead a double life. In life he will create; but his spiritual child connects him, on his earthly journey, with the higher realm of the spirit. This will be the life of a mystic. Not, however, of one who will spend his days in idle contemplation, in a dreamlike inner life, but in full activity—yet in such a way that every deed is imbued with the nobility that man attains through spiritual deepening.
[ 42 ] Auch das äußere Leben Fausts wird nunmehr das eines Menschen, der seine Existenz aufgegeben hat, um zu existieren. Er will ganz selbstlos im Dienste der Menschheit wirken. Noch eine Prüfung steht ihm aber bevor. Auch er kann auf seiner Stufe das Wirken im materiellen Dasein mit den reinen Bedürfnissen des Geistes nicht voll in Einklang bringen. Er hat dem Meere Boden abgewonnen. Er hat darauf eine herrliche Kulturstätte errichtet. Aber ein altes Häuschen ist noch stehen geblieben; ein altes Paar wohnt darinnen. Das stört die neue Schöpfung. Die Alten wollen den herrlichsten Besitz nicht eintauschen für ihr Anwesen. Faust muß sehen, wie Mephistopheles seinen Wunsch mit der Wendung ins Böse ausführt. Ihre Habe steckt er in Brand; das Paar stirbt vor Schrecken. Faust muß es nochmals erleben, daß die «vollkommene Menschwerdung» «verdüstert und beschränkt», daß sie zur Schuld führen muß. Seine Sinne, sein Materielles waren es, die ihm diesen Streich gespielt, die ihm diese Prüfung auferlegt haben. - Als er das Glöckchen von der Kapelle der Alten läuten hört, da bricht er in die Worte aus:
[ 42 ] Faust’s external life, too, now becomes that of a man who has given up his existence in order to exist. He wishes to work entirely selflessly in the service of humanity. But one more trial lies ahead of him. Even at his level, he cannot fully reconcile his work in material existence with the pure needs of the spirit. He has reclaimed land from the sea. He has built a magnificent cultural center upon it. But an old cottage still stands; an elderly couple lives there. This disturbs the new creation. The old couple refuse to exchange their property for the most magnificent estate. Faust must watch as Mephistopheles fulfills his wish with a twist toward evil. He sets their home ablaze; the couple dies of fright. Faust must experience once again that “perfect humanization” is “darkened and limited,” that it must lead to guilt. It was his senses, his material nature, that played this trick on him, that imposed this trial upon him. — When he hears the little bell ringing from the old couple’s chapel, he bursts out with the words:
Verdammtes Läuten! Allzu schändlich
Verwundet's, wie ein tückischer Schuß;
Vor Augen ist mein Reich unendlich,
Im Rücken neckt mich der Verdruß,
Erinnert mich durch neidische Laute,
Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
Der Lindenraum, die braune Baute,
Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
Und wünscht' ich dort mich zu erholen,
Vor fremden Schatten schaudert mir,
Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen,
O! war' ich weit hinweg von hier!
Damn those bells! How shameful!
They wound me like a treacherous shot;
Before my eyes, my kingdom is boundless,
But behind me, vexation taunts me,
Reminding me through envious sounds,
My high estate is not pure,
The linden grove, the brown building,
The decaying little church is not mine.
And if I wished to rest there,
I shudder at foreign shadows,
Thorns in my eyes, thorns in my soles,
Oh! If only I were far away from here!
Seine Sinne erzeugen in Faust den verhängnisvollen Wunsch. Er hat doch noch einen Rest von derjenigen Existenz, die er aufgeben mußte, um zu existieren. Das Anwesen ist nicht sein. In der «Mitternacht» stellen sich vier graue Weiber ein: der Mangel, die Schuld, die Sorge, die Not. Sie sind es, die das Dasein des Menschen beschränken und verdüstern. Unter ihrem Geleit wandelt er durch das Leben. Er kann gar nicht leben, ohne von ihnen zunächst geleitet zu sein. Denn das Leben allein kann von ihnen frei machen. Faust ist so weit, daß drei von ihnen keine Gewalt über ihn haben. Nur der Sorge ist diese Gewalt nicht genommen. Sie sagt:
Faust’s senses give rise to a fateful desire. He still retains a remnant of the existence he had to abandon in order to exist. The estate is not his. In “Midnight,” four gray women appear: Want, Guilt, Worry, and Need. It is they who limit and darken human existence. Accompanied by them, he walks through life. He cannot live at all without first being guided by them. For only life itself can set him free from them. Faust has reached the point where three of them have no power over him. Only Worry retains this power. She says: “/p”
Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
“Sisters, you cannot and must not go in.”
Worry creeps in through the keyhole.
Und die Sorge mahnt ihn an eine Stimme, tief im Herzen jedes Menschen. Keiner kann den letzten Zweifel tilgen darüber, ob er auch wirklich mit seiner Lebensrechnung vor dem Ewigen bestehen kann. Faust empfindet das in diesem Augenblicke. Hat er denn wirklich nur reine Mächte schon um sich ? Hat er seinen «inneren Menschen» von allem Unreinen frei gemacht? Er hat «Magie» auf seinen Pfad mitgenommen. Er bekennt das mit den Worten:
And that worry is like a voice deep within every human heart, urging him on. No one can dispel the final doubt as to whether they can truly stand before the Eternal One with their life’s account. Faust feels this at this very moment. Does he truly have only pure powers around him? Has he freed his “inner self” from all that is impure? He has taken “magic” along on his path. He confesses this with the words:
Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
Stünd' ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
I have not yet fought my way out into the open air.
If I could banish magic from my path,
Forget spells entirely,
I would stand before you, Nature, a man alone,
Then it would be worth the trouble to be human.
Nein, die letzten Zweifel kann auch Faust nicht von sich wegbannen. Die Sorge darf auch mit Bezug auf ihn sagen:
No, even Faust cannot dispel his last doubts. Even with regard to him, one might say:
Würde mich kein Ohr vernehmen,
Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
In verwandelter Gestalt
Üb' ich grimmige Gewalt.
If no ear were to hear me,
It would still thunder in my heart;
In a transformed form
I would wield fierce power.
Der Sorge gegenüber will Faust sich zunächst stellen, als ob jeder Rest in ihm geschwunden sei von Zweifeln an seiner Lebensrechnung:
Faust initially intends to confront this anxiety as if every trace of doubt regarding his life’s reckoning had vanished from within him:
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor! wer dorthin die Augen blinzend richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
I know the circle of the earth well enough.
Our view is blocked beyond that point;
Fool! Whoever turns his eyes there, squinting,
Founds his own kind above the clouds!
Let him stand firm and look around here;
To the capable, this world is not silent.
Why should he wander into eternity!
In diesen Sätzen zeigt eben Faust, daß er daran ist, sich völlig ins Freie zu kämpfen. Die Sorge will ihn in ihrer Art an das Ewige mahnen. Sie stellt ihm vor, wie die Menschen, die auf der Erde wirken, doch nur Zeitliches zu Zeitlichem fügen. Und wenn sie dieses tun, wenn sie glauben, daß dem Tüchtigen die Welt nicht stumm sei, dann bleibe sie, die Sorge, zuletzt doch noch bei ihnen. Und so, wie sie das bei anderen vermag, so glaubt sie das auch bei Faust tun zu können. Sie glaubt ihn in den Zweifeln bestärken zu können, die dem Menschen kommen, wenn er sich fragt, ob denn all sein Schaffen doch eine Bedeutung habe. Was sie über den Menschen vermag, das spricht sie aus:
In these lines, Faust demonstrates that he is in the process of fighting his way completely into the open. Worry seeks, in its own way, to remind him of the eternal. It shows him how people who act upon the earth merely add the temporal to the temporal. And when they do this, when they believe that the world is not silent to the capable, then worry, in the end, remains with them after all. And just as it is able to do this with others, it believes it can do so with Faust as well. It believes it can reinforce the doubts that come to a person when he asks himself whether all his work has any meaning at all. It voices what it is capable of doing to people:
Soll er gehen? soll er kommen?
Der Entschluß ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte
Wankt er tastend halbe Schritte.
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdrücken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.
Should he go? Should he come?
The decision has been taken from him;
In the middle of the well-trodden path
He staggers, groping his way in half-steps.
Such an unstoppable rolling,
Painful letting go, adverse duty,
Now liberating, now crushing,
Half-sleep and poor refreshment
Pins him to his place
And prepares him for hell.
Um in der hiermit angedeuteten Weise der Macht der Sorge zu verfallen, ist Fausts Seele zu weit vorgeschritten. Er darf ihr entgegenrufen:
Faust’s soul has progressed too far to succumb to the power of worry in the manner implied here. He may call out to it:
Doch deine Macht, o Sorge, schleichend groß,
Ich werde sie nicht anerkennen.
But your power, O worry, creeping ever greater,
I will not acknowledge it.
Sie vermag nur etwas über sein Körperliches. Indem sie entschwindet, haucht sie ihn an; und er erblindet. Damit ist das Körperliche von ihm um einen weiteren Grad abgestorben.
She can only affect his physical being. As she vanishes, she breathes on him; and he goes blind. With that, his physical being has died a little more.
Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet helles Licht.
The night seems to penetrate ever deeper,
Yet within, a bright light shines.
Es kommt nun nur noch das Seelische des Faust in Betracht. Über dieses hat der im Materiellen lebende Mephistopheles keine Gewalt. Faust ist ja seit der Helena-Szene mit seinem besten Teile, mit dem Tiefsten seiner Seele im Ewigen. Dieses Ewige nimmt völlig Besitz von ihm nach seinem Tode. Fausts Unsterbliches wird von den Genien diesem Ewigen einverleibt.
All that remains to be considered now is the spiritual aspect of Faust. Mephistopheles, who lives in the material world, has no power over this. Ever since the Helena scene, Faust has been in the eternal realm with his best part, with the deepest part of his soul. This eternal realm takes complete possession of him after his death. Faust’s immortal essence is incorporated into this eternal realm by the genies.
Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
The noble soul is saved
From evil in the spirit world:
Whoever strives with all his might,
We can redeem him;
And if love has truly
Descended upon him from above,
The blessed host will meet him
With a warm welcome.
Die «Liebe von oben» steht im deutlichen Gegensatz zum «Eros», den der Proteus meinte, und von dem gesagt wird (am Ende des zweiten Aktes des zweiten Teiles):
“Love from above” stands in stark contrast to the “Eros” that Proteus referred to, and of which it is said (at the end of the second act of the second part):
Und rings ist alles vom Feuer umronnen,
So herrsche denn Eros, der alles begonnen.
And all around, everything is engulfed by fire,
So let Eros reign, he who started it all.
Dieser Eros ist die «Liebe von unten», die den Homunkulus durch die Elemente und durch die körperlichen Verwandlungen hindurchführt, damit er zuletzt als Mensch erscheinen könne. Dann beginnt «die Liebe von oben», die die Seele weiterentwickelt.
This Eros is the “love from below,” which guides the homunculus through the elements and physical transformations so that it may ultimately emerge as a human being. Then “the love from above” begins, which further develops the soul.
[ 43 ] Fausts Seele steht am Wege nach dem Ewig-Unendlichen. Eine unendliche Perspektive eröffnet sich vor ihr. Man kann diese Perspektive ahnend empfinden. Sie dichterisch gegenständlich zu machen, ist eine große Schwierigkeit. Goethe empfand das. Er sagte darüber zu Eckermann: «Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und daß ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen, christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.» Es mußte auf den nicht auszuschöpfenden Inhalt der Seele hingedeutet, das tiefste Innere im Symbol dargestellt werden. «Heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften» stellen die höchsten Zustände der Seelenentwicklung dar. Man wird aufwärts geführt in die Regionen des Bewußtseins - der Seele -, in denen die Welt immer mehr zum «Gleichnis» des Ewigen wird.
[ 43 ] Faust’s soul stands on the path to the eternal and infinite. An infinite perspective opens up before it. One can sense this perspective intuitively. To render it concretely in poetic form is a great difficulty. Goethe felt this. He said to Eckermann about it: “Incidentally, you will admit that the conclusion, where the saved soul ascends, was very difficult to write, and that, with such supernatural, scarcely conceivable things, I could very easily have lost myself in vagueness had I not given my poetic intentions a beneficially limiting form and firmness through the sharply defined, Christian-ecclesiastical figures and concepts.” It was necessary to point to the inexhaustible content of the soul; the deepest inner self had to be represented in symbol. “Holy anchorites, scattered across the mountains, dwelling among the ravines” represent the highest states of the soul’s development. One is led upward into the regions of consciousness—of the soul—where the world increasingly becomes a “parable” of the eternal.
[ 44 ] Dieses Bewußtsein, die Tiefen der Seele, werden in mystischer Weise im Bilde des «Ewig-Weiblichen», der Jungfrau Maria, angeschaut. Sie betet der Doctor Marianus entzückt an:
[ 44 ] This consciousness, the depths of the soul, are contemplated in a mystical way in the image of the “Eternal Feminine,” the Virgin Mary. The Doctor Marianus adores her with rapture:
Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.
Supreme Ruler of the World!
Let me, beneath the blue,
Spread-out canopy of the sky
Behold your secret.
[ 45 ] In monumentale Worte klingt der Faust in den «Chorus mysticus» aus. Sie sollen Worte ewiger Weisheit sein. Sie verkünden das Mysterium, daß «alles Vergängliche nur ein Gleichnis» ist. Was in weitester Ferne vor dem Menschen liegt, wohin ihn der Weg führt, den er betritt, wenn er es begriffen hat, dieses «Stirb und Werde»:
[ 45 ] Faust concludes the “Chorus mysticus” with monumental words. They are meant to be words of eternal wisdom. They proclaim the mystery that “all that is transitory is but a parable.” What lies in the farthest distance before man, where the path he treads leads him once he has grasped this “die and become”:
Das Unzulängliche,
Hier wird's Erreichnis. 5Über die Schreibung «Erreichnis» vergleiche oben S. 18 Anmerkung. [siehe hier Anm. 2
The Inadequate,
Here it becomes an achievement. 5Regarding the spelling of “Erreichnis,” see the note on p. 18 above. [See note 2 here
Was nicht beschrieben werden kann, weil es nur zu erleben ist; was die Eingeweihten der « Mysterien» erlebten, wenn sie auf den «Pfad» des Ewigen geführt wurden; was unaussprechlich ist, weil es in so tiefen Klüften der Seele liegt, daß die für Zeitliches geprägten Worte es nicht fassen können:
What cannot be described because it can only be experienced; what the initiates of the “Mysteries” experienced when they were led onto the “Path” of the Eternal; what is inexpressible because it lies in such deep chasms of the soul that words, shaped by the temporal, cannot grasp it:
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
The Indescribable,
Here it is.
Und zu all dem zieht die Kraft der eigenen Seele, ziehen die Mächte, die der Mensch ahnt, wenn er die inneren Pforten der Seele überschreitet, wenn er in sich die göttliche Stimme sucht, die ihn zur Ehe ruft zwischen dem «Ewig-Männlichen», der Welt, und dem «Ewig-Weiblichen», dem Bewußtsein :
And alongside all this lies the power of one’s own soul, the forces that a person senses when they cross the inner gates of the soul, when they seek within themselves the divine voice that calls them to a union between the “Eternal Masculine”—the world—and the “Eternal Feminine”—consciousness:
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
The Eternal Feminine
Draws us upward.
