Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Goethe's Spiritual Disposition
GA 22

Translate the original German text into any language:

III. Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch sein «Märchen von der grünen Schlange und der Lilie.»

3. Goethe's Spiritual Disposition, as Illustrated in his Fairy Tale: “The Green Snake and the Beautiful Lily.”

Diese Ausführungen sind eine Neu-Bearbeitung meines Aufsatzes «Goethes geheime Offenbarung», der 1899 zu Goethes hundertfünfzigstem Geburtstage im «Magazin für Literatur» erschienen ist.

These remarks are a revised version of my essay “Goethe’s Secret Revelation,” which appeared in the Magazin für Literatur in 1899 on the occasion of Goethe’s 150th birthday.

[ 1 ] Schiller war um die Zeit, in der seine Freundschaft mit Goethe begann, mit den Ideen beschäftigt, die in seinen «Briefen über ästhetische Erziehung des Menschen» ihren Ausdruck gefunden haben. Er arbeitete diese ursprünglich für den Herzog von Augustenburg geschriebenen Briefe 1794 für die Horen um. Was Goethe und Schiller damals mündlich verhandelten und was sie sich schrieben, schloß sich immer wieder, der Gedankenrichtung nach, an den Ideenkreis dieser Briefe an. Schillers Nachsinnen betraf die Frage: Welcher Zustand der menschlichen Seelenkräfte entspricht im besten Sinne des Wortes einem menschenwürdigen Dasein? «Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist.» 1So schreibt Schiller im vierten Briefe. Eine Brücke will Schiller schlagen von dem Menschen der alltägigen Wirklichkeit zu dem idealischen Menschen. Zwei Triebe sind in der Menschennatur vorhanden, die diese von der idealischen Vollkommenheit zurückhalten, wenn sie in einseitiger Art zur Entwicklung kommen: der sinnliche und der vernünftige Trieb. Hat der sinnliche Trieb die Oberhand, so unterliegt der Mensch seinen Instinkten und Leidenschaften. In die Betätigung, die von seinem Bewußtsein durchhellt ist, mischt sich eine dieses Bewußtsein trübende Kraft. Sein Tun wird das Ergebnis einer inneren Nötigung. Überwiegt der vernünftige Trieb, so ist der Mensch bestrebt, Instinkte und Leidenschaften zu unterdrücken und einer abstrakten, von innerer Wärme nicht getragenen Notwendigkeit sich zu übergeben. In beiden Fällen ist der Mensch einem Zwange unterworfen. Im erstern bezwingt seine sinnliche Natur die geistige; im zweiten die geistige seine sinnliche. Weder das eine, noch das andere gibt dem Menschen im Kerne seines Wesens, der zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit in der Mitte liegt, völlige Freiheit. Diese ist nur durch eine Harmonie der beiden Triebe zu verwirklichen. Die Sinnlichkeit soll nicht unterdrückt, sondern veredelt werden; die Instinkte und Leidenschaften sollen sich mit der Geistigkeit durchdringen, so daß sie selbst die Verwirklicher des in sie eingegangenen Geistigen werden. Und die Vernunft soll das Seelische im Menschen so ergreifen, daß sie dem bloß Instinktiven und Leidenschaftlichen seine Gewalt nimmt, und der Mensch das, was Vernunft ihm rät, wie selbstverständlich aus Instinkt und mit der Kraft der Leidenschaft vollbringt. «Wenn wir jemand mit Leidenschaft umfassen, der unsrer Verachtung würdig ist, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Natur. Wenn wir gegen einen andern feindlich gesinnt sind, der uns Achtung abnötigt, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Vernunft. Sobald er aber zugleich unsre Neigung interessiert und unsre Achtung sich erworben, so verschwindet sowohl der Zwang der Empfindung, als der Zwang der Vernunft, und wir fangen an, ihn zu lieben.» [Vierzehnter Brief.] Ein Mensch, der in seiner Sinnlichkeit die Geistigkeit der Vernunft, in seiner Vernunft die elementarische Kraft der Leidenschaft offenbart, wäre eine freie Persönlichkeit. Auf die Entwicklung der freien Persönlichkeiten möchte Schiller das harmonische Zusammenleben in der menschlichen Gesellschaft begründen. Mit der Frage nach einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein verband sich ihm diejenige nach der Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens. Das war seine Antwort auf die Fragen, die in der Zeit, als er diese Gedanken ausgestaltete, den Menschen durch die französische Revolution gestellt waren.227. Brief

[ 1 ] Around the time his friendship with Goethe began, Schiller was preoccupied with the ideas that found expression in his Letters on the Aesthetic Education of Man. He adapted these letters, originally written for the Duke of Augustenburg, for the Horen in 1794. What Goethe and Schiller discussed verbally at the time and what they wrote to each other repeatedly followed, in terms of their line of thought, the circle of ideas presented in these letters. Schiller’s reflections centered on the question: Which state of the human soul’s powers corresponds, in the best sense of the word, to a life worthy of a human being? “Every individual human being, one might say, bears within himself, by nature and destiny, a pure, ideal human being, and the great task of his existence is to harmonize with the unchanging unity of this being in all his vicissitudes.” 1So writes Schiller in the fourth letter. Schiller seeks to build a bridge from the human being of everyday reality to the ideal human being. Two drives are present in human nature that hold it back from ideal perfection if they develop in a one-sided manner: the sensual and the rational drive. If the sensual impulse prevails, man succumbs to his instincts and passions. A force that clouds this consciousness interferes with the activity illuminated by it. His actions become the result of an inner compulsion. If the rational impulse prevails, the human being strives to suppress instincts and passions and to surrender to an abstract necessity not sustained by inner warmth. In both cases, the human being is subject to compulsion. In the first, his sensual nature overpowers the spiritual; in the second, the spiritual overpowers the sensual. Neither one nor the other grants the human being, at the core of his being—which lies midway between sensuality and spirituality—complete freedom. This can be realized only through a harmony of the two drives. Sensuality is not to be suppressed, but ennobled; the instincts and passions are to interpenetrate with spirituality, so that they themselves become the agents of the spiritual that has entered into them. And reason should take hold of the soul in man in such a way that it takes away the power of the merely instinctive and passionate, and man accomplishes what reason advises him to do as a matter of course, out of instinct and with the power of passion. “When we embrace someone with passion who is worthy of our contempt, we feel the painful coercion of nature. When we are hostile toward another who commands our respect, we feel the painful coercion of reason. But as soon as he simultaneously captures our affection and earns our respect, both the coercion of feeling and the coercion of reason vanish, and we begin to love him.” [Fourteenth Letter.] A person who reveals the spirituality of reason in his sensuality and the elemental power of passion in his reason would be a free personality. Schiller wished to base harmonious coexistence in human society on the development of free personalities. For him, the question of a truly dignified existence was linked to that of the organization of human coexistence. This was his answer to the questions posed to humanity by the French Revolution at the time he was formulating these ideas.227th Letter

[ 2 ] Goethe fand sich durch solche Ideen tief befriedigt. Er schreibt über die ästhetischen Briefe am 26. Oktober 1794 an Schiller: «Das mir übersandte Manuskript habe ich sogleich mit großem Vergnügen gelesen; ich schlürfte es auf einen Zug hinunter. Wie uns ein köstlicher, unsrer Natur analoger Trunk willig hinunterschleicht und auf der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohltätig, und wie sollte es anders sein, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit erkannte, was ich teils lebte, teils zu leben wünschte, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand.»

[ 2 ] Goethe found such ideas deeply satisfying. In a letter to Schiller dated October 26, 1794, regarding the Aesthetic Letters, he writes: “I read the manuscript you sent me immediately and with great pleasure; I devoured it in one sitting. Just as a delicious drink, analogous to our nature, willingly slides down our throats and already shows its healing effect on the tongue through the good mood of the nervous system, so were these letters pleasant and beneficial to me, and how could it be otherwise, since I found what I had long recognized as right—what I partly lived and partly wished to live—presented in such a coherent and noble manner.”

[ 3 ] Was Goethe zu leben wünschte, um sich eines wahrhaft menschenwürdigen Daseins bewußt sein zu dürfen, fand er in Schillers ästhetischen Briefen ausgesprochen. Begreiflich ist es daher, daß auch in seiner Seele Gedanken angeregt wurden, die er auf seine Art in der Richtung der Schillerschen auszugestalten suchte. Aus diesen Gedanken heraus ist die Dichtung erwachsen, die so mannigfaltige Auslegungen gefunden hat: Das Rätselmärchen, mit dem Goethe seine in den Horen erschienene Erzählung «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» schloß, und das im Jahre 1795 in «Horen» erschienen ist. Auch diese «Unterhaltungen »knüpfen wie Schiliers ästhetische Briefe an die französischen Zustände an. Man wird das ihren Schluß bildende «Märchen» nicht erklären dürfen, indem man von außen allerlei Ideen in dasselbe hineinträgt, sondern indem man zurückgeht auf die Vorstellungen, die damals in Goethes Seele lebten.

[ 3 ] What Goethe wished to experience in order to be able to be conscious of a truly dignified existence, he found articulated in Schiller’s aesthetic letters. It is therefore understandable that thoughts were stirred within his soul as well, which he sought to develop in his own way, following Schiller’s lead. From these thoughts arose the poem that has been subject to such diverse interpretations: the riddle-fairy tale with which Goethe concluded his story “Conversations of German Emigrants,” published in Horen, and which appeared in Horen in 1795. Like Schiller’s aesthetic letters, these “Conversations” also draw on the French context. One must not attempt to explain the “fairy tale” that forms their conclusion by imposing all manner of external ideas upon it, but rather by returning to the ideas that lived in Goethe’s soul at that time.

[ 4 ] Die größte Zahl der unternommenen Auslegungsversuche dieser Dichtung findet man verzeichnet in dem Buche «Goethes Märchendichtungen» von Friedrich Meyer von Waldeck. 3Heidelberg, Karl Wintersche Univcrsitätsbuchhandlung [1879] Seit dem Erscheinen dieses Buches sind allerdings einige neuere Erklärungsversuche zu den früheren hinzugekommen. 4Ich habe in den Geist des Märchens aus den Voraussetzungen der Goetheschen Gedankenwelt vom Anfang der neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts einzudringen versucht und habe, was sich mir ergeben hat, zuerst in einem Vortrage ausgesprochen, den ich am 27. November 1891 im Wiener Goetheverein gehalten habe. Was ich damals gesagt habe, hat sich mir seither nach den verschiedensten Richtungen erweitert. Aber alles, was ich seither über das «Märchen» habe drucken lassen oder mündlich ausgesprochen habe, ist nur eine weitere Ausgestaltung der in jenem Vortrage ausgesprochenen Gedanken. Auch mein 1910 erschienenes Mystcriendrama «Die Pforte der Einweihung» ist eine Frucht jener Gedanken. [Der am 27. November 1891 im Wiener Goethcvcrein von Rudolf Steiner gehaltene Vortrag «Über das Geheimnis in Goethes Rätselmärchen in den ,Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten'» im Referat von K. J. Schröer wurde 1942 in Heft XV (Band III) der «Veröffentlichungen aus dem Literarischen Frühwerk» abgedruckt.]

[ 4 ] The largest number of attempts to interpret this poem can be found in the book Goethe’s Fairy-Tale Poems by Friedrich Meyer von Waldeck. 3Heidelberg, Karl Wintersche University Bookstore [1879] Since the publication of this book, however, several newer attempts at interpretation have been added to the earlier ones. 4I have attempted to penetrate the spirit of the fairy tale from the perspective of Goethe’s intellectual world in the early 1790s, and I first presented my findings in a lecture I delivered on November 27, 1891, at the Vienna Goethe Society. What I said at that time has since expanded in a wide variety of directions. But everything I have since had printed or spoken about the “fairy tale” is merely a further elaboration of the thoughts expressed in that lecture. My mystical drama The Gate of Initiation, published in 1910, is also a fruit of those thoughts. [The lecture “On the Mystery in Goethe’s Riddle Fairy Tales in the ‘Conversations of German Emigrants’” delivered by Rudolf Steiner on November 27, 1891, at the Vienna Goethe Society in a paper by K. J. Schröer was reprinted in 1942 in Issue XV (Volume III) of “Publications from the Early Literary Works.”]

[ 5 ] Man wird die Keim-Gedanken zu dem «Märchen» in den «Unterhaltungen» suchen müssen, deren Abschluß es bildet. Goethe stellt in diesen «Unterhaltungen» die Flucht einer Familie aus den mit Kriegsverheerungen belasteten Gegenden dar. In den Gesprächen, die sich zwischen den Gliedern dieser Familie abspielen, lebt auf, was in Goethes Vorstellungskreisen durch den Austausch der gekennzeichneten Ideen mit Schiller damals angeregt war. Die Gespräche drehen sich um zwei Gedankenmittelpunkte. Von dem einen werden alle die Vorstellungen des Menschen beherrscht, durch welche dieser in den Ereignissen, die in sein Leben eingreifen, einen Zusammenhang zu bemerken glaubt, der sich aus den Gesetzen der sinnlichen Wirklichkeit nicht durchdringen läßt. Die Geschichten, welche da erzählt werden, sind zum Teil reine Gespenstergeschichten, zum Teil solche, in denen Erlebnisse zur Darstellung kommen, die an Stelle des naturgesetzlichen Zusammenhanges einen «wunderbaren» zu verraten scheinen. Goethe hat diese Schilderungen wahrlich nicht aus einer Hinneigung zu irgendeiner Art von Aberglauben verfaßt, sondern aus einem viel tieferen Antrieb heraus. Die angenehm-mystische Empfindung, die manche Menschen haben, wenn sie von etwas hören können, das doch die «beschränkte», auf gesetzmäßige Zusammenhänge gehende Vernunft «nicht erklären kann», lag ihm ganz ferne. Aber er sah sich immer wieder vor die Frage gestellt: Gibt es für die Menschenseele nicht eine Möglichkeit, sich von den Vorstellungen, die nur aus der sinnlichen Wahrnehmung kommen, zu befreien und in einem rein geistigen Anschauen eine übersinnliche Welt zu ergreifen? Es könnte ja wohl der Drang nach einer solchen Betätigung des Erkenntnisvermögens ein naturgemäßes menschliches Streben darstellen, das auf einem für die Sinne und den auf diese gestützten Verstand verborgenen Zusammenhang mit einer solchen Welt beruht. Und die Neigung zu Erlebnissen, welche den natürlichen Zusammenhang zu durchbrechen scheinen, könnte nur eine kindliche Abirrung von dieser berechtigten menschlichen Sehnsucht nach einer geistigen Welt sein. Goethe interessierte sich vielmehr für die Richtung, welche die Seelentätigkeit bei ihrer Neigung zum abergläubisch Gehätschelten nimmt, als für den Inhalt der Erzählungen, die bei kindlichen Gemütern aus einer solchen Neigung hervorgehen.

[ 5 ] One must look for the seeds of the “fairy tale” in the “Conversations,” of which it forms the conclusion. In these “Conversations,” Goethe depicts a family's flight from regions ravaged by war. In the conversations that take place among the members of this family, we see brought to life what had been inspired in Goethe’s mind at the time by his exchange of ideas with Schiller. The conversations revolve around two central themes. One of these dominates all human conceptions through which people believe they perceive a connection in the events that intervene in their lives—a connection that cannot be penetrated by the laws of sensory reality. The stories told here are partly pure ghost stories, partly such in which experiences are depicted that seem to reveal a “wondrous” connection in place of the natural-law connection. Goethe certainly did not compose these descriptions out of a penchant for any kind of superstition, but rather out of a much deeper impulse. The pleasantly mystical sensation that some people experience when they hear of something that “cannot be explained” by “limited” reason, which relies on lawful connections, was entirely foreign to him. But he found himself repeatedly confronted with the question: Is there not a possibility for the human soul to free itself from the ideas that arise solely from sensory perception and to grasp a supersensory world through a purely spiritual contemplation? The urge toward such an exercise of the cognitive faculties could well represent a natural human striving based on a connection to such a world that is hidden from the senses and the intellect grounded in them. And the inclination toward experiences that seem to break through the natural order could be nothing more than a childish deviation from this legitimate human longing for a spiritual world. Goethe was far more interested in the direction that the activity of the soul takes in its inclination toward the superstitiously cherished than in the content of the stories that arise from such an inclination in childish minds.

[ 6 ] Der zweite Gedankenmittelpunkt strahlt die Vorstellungen aus, welche das moralische Menschenleben betreffen, für das der Mensch seine Antriebe nicht aus der Sinnlichkeit, sondern aus Impulsen schöpft die ihn über das hinausheben, was die Sinnlichkeit in ihm anregt. Auf diesem Gebiete ragt ja eine übersinnliche Kräftewelt in das Seelenleben des Menschen herein.

[ 6 ] The second center of thought radiates the ideas that pertain to moral human life, in which a person draws their impulses not from sensuality but from forces that lift them above what sensuality stirs within them. In this realm, a world of supersensible forces reaches into the inner life of the human being.

[ 7 ] Von beiden Gedankenmittelpunkten aus gehen Strahlen, welche im Übersinnlichen endigen müssen. Und von ihnen aus wird die Frage nach dem inneren Menschenwesen angeregt, nach dem Zusammenhange der Menschenseele mit der sinnlichen Welt einer- und der übersinnlichen andrerseits. Schiller trat dieser Frage philosophisch in seinen ästhetischen Briefen nahe; für Goethe war der abstrakt-philosophische Weg nicht gangbar; er mußte das, was er in dieser Richtung zu sagen hatte, im Bilde verkörpern. Und das geschah durch das «Märchen von der grünen Schlange und der Lilie». In Goethes Phantasie gestalteten sich die mannigfaltigen menschlichen Seelenkräfte zu Märchenpersonen, und in den Erlebnissen und dem Zusammenwirken dieser Personen verbildlicht sich das ganze menschliche Seelenleben und Seelenstreben. - Wenn man dergleichen ausspricht, hat man von einer gewissen Seite her sogleich den Einwand zu gewärtigen: aber dadurch wird eine Dichtung doch aus dem künstlerischen Phantasiereiche herausgehoben und zur unkünstlerischen Verbildlichung abstrakter Begriffe, die Figuren werden aus dem echten Leben herausgenommen und zu unkünstlerischen Symbolen oder gar Allegorien gemacht. Solch ein Einwand beruht auf der Vorstellung, daß in der Menschenseele nur abstrakte Ideen leben können, sobald sie das Gebiet des Sinnlichen verläßt. Er verkennt, daß es eine lebensvolle übersinnliche Anschauung gibt ebenso wie eine sinnliche. Und Goethe bewegt sich mit seinen Personen im «Märchen» nicht im Reiche abstrakter Begriffe, sondern übersinnlicher Anschauungen. Was hier über diese Personen und ihre Erlebnisse gesagt werden wird, ist durchaus nicht so gemeint, daß behauptet würde: das eine bedeute das; das andere jenes. Solche Hinneigung zu symbolischer Ausdeutung liegt diesen Betrachtungen so ferne wie nur möglich. Für sie ist im «Märchen» der Alte mit der Lampe, sind die Irrlichter und so weiter nichts anderes als die Phantasiegestaltungen, als die sie in der Dichtung auftreten. Aber gesucht werden soll, durch welche Gedankenimpulse die Phantasie des Dichters belebt wird, um solche Gestalten zu schaffen. Diese Gedankenimpulse brachte sich Goethe ganz gewiß nicht in einer abstrakten Form zum Bewußtsein. Weil sie seiner Geistesart in dieser Form zu inhaltsarm erschienen wären, drückte er sich eben durch Gestalten der Phantasie aus. Der Gedankenimpuls waltet in den Untergründen von Goethes Seele, dessen Frucht ist die Phantasiegestalt. Die Zwischenstufe als Gedanke lebt nur unterbewußt in seiner Seele und gibt der Phantasie die Richtung. Der Betrachter des Goetheschen «Märchens» braucht den Gedankengehalt; denn der allein kann seine Seele so stimmen, daß sie in nachschaffender Phantasie den Wegen der schöpferischen Goetheschen folgt. Es ist das Sichhineinversetzen in diesen Gedankengehalt nichts anderes als gewissermaßen das Aneignen der Organe, durch die der Betrachter sich in dieselbe Luft versetzen kann, in der Goethe geistig geatmet hat, als er das «Märchen» schu£ Es ist die Einstellung des Blickes auf die menschliche Seelenwelt, auf die Goethe geblickt hat, und aus deren Walten ihm - anstatt philosophischer Ideen - lebendige Geistgestalten entgegensprangen. Was in diesen Geistgestalten lebt, es lebt in der menschlichen Seele.

[ 7 ] From both of these focal points of thought, rays extend that must terminate in the supersensible. And from them arises the question of the inner human being, of the connection between the human soul and the sensory world on the one hand, and the supersensible world on the other. Schiller approached this question philosophically in his aesthetic letters; for Goethe, the abstract-philosophical path was not viable; he had to embody what he had to say in this regard in the image. And this was done through the “Fairy Tale of the Green Snake and the Lily.” In Goethe’s imagination, the manifold powers of the human soul took shape as fairy-tale characters, and the entire life and striving of the human soul is embodied in the experiences and interactions of these characters. - When one expresses such ideas, one must immediately anticipate an objection from a certain quarter: but this removes a work of poetry from the realm of artistic imagination and turns it into an inartistic illustration of abstract concepts; the characters are taken out of real life and made into inartistic symbols or even allegories. Such an objection is based on the notion that only abstract ideas can live in the human soul once it leaves the realm of the sensory. It fails to recognize that there is a vital suprasensory perception just as there is a sensory one. And Goethe, with his characters in the “fairy tale,” does not move in the realm of abstract concepts, but of supersensory perceptions. What will be said here about these characters and their experiences is by no means intended to assert that one means this, and the other that. Such a tendency toward symbolic interpretation is as far removed from these considerations as possible. For them, the Old Man with the Lamp, the will-o’-the-wisps, and so on in the “fairy tale” are nothing other than the figments of the imagination as they appear in the poem. But one should seek to discover the thought impulses that animate the poet’s imagination to create such figures. Goethe certainly did not bring these thought impulses to his consciousness in an abstract form. Because they would have seemed too devoid of content to his mind in this form, he expressed himself precisely through figures of the imagination. The thought impulse reigns in the depths of Goethe’s soul; its fruit is the figure of the imagination. The intermediate stage as a thought lives only subconsciously in his soul and gives direction to the imagination. The reader of Goethe’s “fairy tale” needs the content of the thought; for that alone can attune his soul so that, in imitative imagination, it follows the paths of Goethe’s creative imagination. Immersing oneself in this intellectual content is nothing other than, so to speak, appropriating the faculties through which the reader can place themselves in the same atmosphere in which Goethe breathed spiritually when he wrote the “fairy tale” . It is the focusing of one’s gaze upon the human soul-world that Goethe gazed upon, and from whose realm—instead of philosophical ideas—living spiritual figures sprang forth to meet him. What lives in these spiritual figures lives in the human soul.

[ 8 ] Die Vorstellungsart, die das «Märchen» durchdringt, sie klingt schon in den «Unterhaltungen» an. In den Gesprächen, von denen da erzählt wird, lenkt sich die menschliche Seele auf die zwei Weltgebiete hin, zwischen die sich der Mensch im Leben gestellt sieht: das sinnliche und das übersinnliche. Sich zu beiden Gebieten in das rechte Verhältnis zu bringen, strebt die tiefere Menschennatur an, zur Erringung einer freien, menschenwürdigen Seelenverfassung und zur Ausgestaltung eines harmonischen Zusammenlebens von Mensch zu Mensch. Goethe hat empfunden, daß in den «Unterhaltungen» selbst nicht voll zum Ausdrucke gekommen war, was er über die Beziehung des Menschen zu den beiden Weltgebieten hat aus den Erzählungen herausleuchten lassen. Er hatte das Bedürfnis, in dem umfassenden Märchengemälde die menschlichen Seelenrätsel, auf die sein Blick gerichtet war, näher an die unermeßlich reiche Welt des Geisteslebens heranzubringen. - Das Streben nach dem wahrhaft menschenwürdigen Zustand, auf den Schiller deutet, den Goethe zu leben wünschte, verkörpert sich ihm durch den Jüngling im «Märchen». Dessen Vermählung mit der Lilie, der Verwirklicherin des Freiheitsreiches, ist die Verbindung mit den in der Menschenseele schlummernden Kräften, die zum wahren inneren Erleben der freien Persönlichkeit führen, wenn sie erweckt werden.

[ 8 ] The mode of imagination that pervades the “fairy tale” is already foreshadowed in the “Conversations.” In the conversations described there, the human soul turns its attention to the two realms of the world between which man finds himself placed in life: the sensual and the supersensual. The deeper nature of man strives to establish the right relationship to both realms, to achieve a free, dignified state of mind, and to shape a harmonious coexistence among human beings. Goethe felt that what he had allowed to shine through in the narratives regarding humanity’s relationship to these two realms of existence had not been fully expressed in the “Conversations” themselves. He felt the need, within the comprehensive tapestry of the fairy tale, to bring the mysteries of the human soul—upon which his gaze was fixed—closer to the immeasurably rich world of spiritual life. - The striving for the truly human condition to which Schiller alludes, and which Goethe wished to live, is embodied for him by the young man in the “fairy tale.” His marriage to the Lily, the embodiment of the realm of freedom, is the union with the forces slumbering in the human soul, which, when awakened, lead to the true inner experience of the free personality.



[ 9 ] Eine Person, die für die Entwicklung der Vorgänge im «Märchen» eine bedeutungsvolle Rolle spielt, ist der Alte mit der Lampe. Als er mit seiner Lampe in die Felsklüfte kommt, wird er gefragt, welches das wichtigste der Geheimnisse sei, die er wisse. Er antwortet: «Das offenbare». Und auf die Frage, ob er dieses Geheimnis nicht verraten könne, sagt er: Wenn er das vierte wisse. Dieses vierte aber kennt die grüne Schlange. Und sie sagt es dem Alten ins Ohr. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieses Geheimnis sich auf den Zustand bezieht, nach dem sich alle im «Märchen» vorkommenden Personen sehnen. Dieser Zustand wird am Schluß des «Märchens» geschildert. Er drückt im Bilde aus, wie die Menschenseele ihre Verbindung eingeht mit den in ihren Untergründen waltenden Kräften, und wie dadurch ihr Verhältnis zum Übersinnlichen - dem Reich der Lilie - und dem sinnlichen - dem Reich der grünen Schlange - so geregelt wird, daß sich diese Seele mit ihren Erlebnissen und ihrem Tun in freier Art von dem einen und dem andern Gebiete anregen läßt, so daß sie im Verein mit den beiden ihr wahres Wesen verwirklichen könne. Man muß annehmen, daß der Alte den Inhalt dieses Geheimnisses kennt; denn er ist ja die einzige Person, die immer über den Verhältnissen steht, diejenige, von deren Lenkung und Leitung alles abhängt. Was also kann die Schlange dem Alten sagen? Er weiß, daß sie sich aufopfern muß, wenn der ersehnte Endzustand herbeigeführt werden soll. Aber dieses sein Wissen ist nicht entscheidend. Er muß mit diesem Wissen warten, bis die Schlange aus den Tiefen ihres Wesens heraus zu dem Entschlusse der Aufopferung sich reif findet. - Im Umfange des menschlichen Seelenlebens gibt es eine Kraft, von welcher die Entwicklung der Seele getragen wird zu dem Zustande der freien Persönlichkeit. Diese Kraft hat ihre Aufgabe auf dem Wege zu diesem Zustand. Wäre dieser erreicht, so verlöre sie ihre Bedeutung. Sie bringt die Menschenseele mit den Lebenserfahrungen in Zusammenhang. Sie verwandelt, was Wissenschaft und Leben offenbaren, in innere Lebensweisheit. Sie macht die Seele immer reifer für das ersehnte Geistesziel. An diesem verliert sie ihre Bedeutung, denn sie stellt das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt her. Am Ziele aber sind alle äußeren Impulse in innere Seelenantriebe verwandelt. Da muß diese Kraft sich aufopfern; sie muß ihre Wirksamkeit einstellen; sie muß als das übrige Seelenleben durchsetzendes Ferment ohne Eigenleben im verwandelten Menschen weiter bestehen. Goethes Geistesauge war insbesondere auf diese Kraft im Menschenleben hingerichtet. Er sah sie wirksam in den Erfahrungen des Lebens und in denjenigen der Wissenschaft. Er wollte sie da angewendet wissen, ohne daß man sich durch vorgefaßte Meinungen oder Theorien ein abstraktes Ziel setzt. Dieses Ziel muß sich erst aus den Erfahrungen heraus ergeben. Wenn diese ausgereift sein werden, sollen sie das Ziel aus sich gebären. Sie sollen nicht durch ein voraus bestimmtes Ende verstümmelt werden. Diese Seelenkraft ist in der grünen Schlange verkörpert. Sie nimmt das Gold auf, die Weisheit, die aus den Erfahrungen des Lebens und der Wissenschaft stammt, und die von der Seele angeeignet werden muß, so daß Weisheit und Seele eins werden. Diese Seelenkraft wird sich zur rechten Zeit opfern; sie wird den Menschen an sein Ziel, die freie Persönlichkeit, bringen. Daß sie sich opfern will, sagt die Schlange dem Alten ins Ohr. Sie vertraut ihm damit ein Geheimnis an, das ihm offenbar ist, das ihm aber trotzdem wertlos ist, so lange es sich nicht durch den freien Entschluß der Schlange verwirklicht. Wenn die gekennzeichnete Seelenkraft in dem Menschen so spricht wie die Schlange zu dem Alten, dann ist es für die Seele «an der Zeit», die Lebenserfahrung als Lebensweisheit zu erleben, die ein harmonisches Verhältnis vom Sinnlichen zum Übersinnlichen herstellt.

[ 9 ] One character who plays a significant role in the unfolding of events in the “fairy tale” is the Old Man with the Lamp. When he enters the rocky crevices with his lamp, he is asked which of the secrets he knows is the most important. He replies, “The obvious one.” And when asked if he could not reveal this secret, he says: If he knew the fourth one. But the green snake knows this fourth one. And she whispers it into the old man’s ear. There can be no doubt that this secret refers to the state for which all the characters in the “fairy tale” long. This state is described at the end of the “fairy tale.” It expresses, in imagery, how the human soul enters into a connection with the forces reigning in its depths, and how, through this, its relationship to the supersensible—the realm of the lily—and the sensible—the realm of the green serpent—is regulated in such a way that this soul, through its experiences and actions, allows itself to be freely inspired by both realms, so that, in union with the two, it may realize its true nature. One must assume that the Old Man knows the content of this secret; for he is, after all, the only person who always stands above the circumstances, the one on whose guidance and direction everything depends. So what can the Serpent say to the Old Man? He knows that she must sacrifice herself if the longed-for final state is to be brought about. But this knowledge of his is not decisive. He must wait with this knowledge until the serpent, from the depths of her being, finds herself ready for the decision to sacrifice. - Within the scope of human soul life, there is a force that carries the soul’s development toward the state of free personality. This force has its task on the path to this state. Were this state reached, it would lose its significance. It connects the human soul with life experiences. It transforms what science and life reveal into inner wisdom. It makes the soul ever more mature for the longed-for spiritual goal. At this goal it loses its significance, for it establishes the human being’s relationship to the external world. At the goal, however, all external impulses are transformed into inner soul impulses. There this force must sacrifice itself; it must cease its activity; it must continue to exist in the transformed human being as a ferment permeating the rest of the soul life, without a life of its own. Goethe’s spiritual eye was directed in particular toward this force in human life. He saw it at work in the experiences of life and in those of science. He wanted to see it applied there, without setting an abstract goal based on preconceived opinions or theories. This goal must first emerge from experience. When these have matured, they should give birth to the goal from within themselves. They should not be mutilated by a predetermined end. This soul force is embodied in the green serpent. It takes in the gold, the wisdom that stems from the experiences of life and science, and which must be appropriated by the soul, so that wisdom and soul become one. This soul force will sacrifice itself at the right time; it will lead the human being to his goal, the free personality. The serpent whispers into the old man’s ear that it wishes to sacrifice itself. It entrusts him with a secret that is obvious to him, but which is nevertheless worthless to him as long as it is not realized through the serpent’s free decision. When the described soul force speaks within the human being as the serpent speaks to the old man, then it is for the soul “time,” to experience life’s experience as life’s wisdom, which establishes a harmonious relationship between the sensory and the supersensory.

[ 10 ] Das ersehnte Ziel wird herbeigeführt durch die Wiederbelebung des zur Unzeit von dem Übersinnlichen - der Lilie - berührten und daher gelähmten und ertöteten Jünglings; durch seine Vereinigung mit der Lilie, wenn die Schlange, die Lebenserfahrung der Seele, sich geopfert hat. Dann ist auch die Zeit gekommen, in der die Seele in sich die Brücke bilden kann zwischen dem diesseitigen und jenseitigen Gebiet des Flusses. Diese Brücke entsteht aus dem Stoffe der Schlange selbst. Die Lebenserfahrung führt fortan kein Eigenleben; sie ist nicht mehr, wie vorher, bloß auf die äußere Sinneswelt gerichtet. Sie ist innere Seelenkraft geworden, die man als solche bewußt nicht übt, sondern die nur wirkt, indem sich Sinnliches und Übersinnliches im Menschen-Innern gegenseitig erleuchten und erwärmen. - Wenn nun auch die Schlange die Urheberin dieses Zustandes ist, sie könnte allein dem Jüngling doch nicht die Gaben verleihen, durch die ihm möglich wird, das neugegründete Seelenreich zu beherrschen. Die empfängt er von den drei Königen. Von dem ehernen erhält er das Schwert mit dem Auftrag: « Das Schwert zur Linken; die Rechte frei.» Der silberne König gibt ihm das Zepter, indem er den Satz spricht: «Weide die Schafe.» Der goldene König drückt ihm den Eichenkranz aufs Haupt mit den Worten: «Erkenne das Höchste.» Der vierte König, der in Mischung die drei Metalle Kupfer, Silber und Gold enthält, sinkt zum wesenlosen Klumpen zusammen. - In dem Menschen, der auf dem Wege zur freien Persönlichkeit ist, sind drei Seelenkräfte in Mischung wirksam: der Wille (das Kupfer), das Fühlen (Silber), die Erkenntnis (Gold). Die Lebenserfahrung gibt im Laufe des Daseins aus ihren Offenbarungen, was die Seele sich durch diese drei Kräfte aneignet: die Macht, durch welche die Tugend wirkt, offenbart sich dem Willen ; die Schönheit (der schöne Schein) offenbart sich dem Fühlen; die Weisheit offenbart sich dem Erkennen. Was den Menschen abtrennt von der «freien Persönlichkeit», das ist, daß diese drei in Mischung in seiner Seele wirken; er wird die freie Persönlichkeit in dem Maße erringen, als er mit vollem Bewußtsein die Gaben der drei in ihrer besonderen Eigenart, jede für sich, empfängt und sie erst - in freier bewußter Betätigung - in seiner Seele selbst vereinigt. Dann zerfällt in sich, was ihn vorher bezwungen hat, die chaotische Mischung der Gaben des Wollens, Fühlens und Erkennens.

[ 10 ] The longed-for goal is brought about by the revival of the young man who was untimely touched by the supernatural—the lily—and was thus paralyzed and killed; through his union with the lily, once the serpent—the soul’s life experience—has sacrificed itself. Then the time has also come when the soul can form within itself the bridge between the earthly and otherworldly realms of the river. This bridge is formed from the very substance of the serpent itself. From now on, life experience no longer leads a life of its own; it is no longer, as before, directed solely toward the external sensory world. It has become an inner soul force, which one does not consciously exercise as such, but which acts only as the sensory and the supernatural mutually illuminate and warm one another within the human being. - Even though the serpent is the originator of this state, she alone could not bestow upon the youth the gifts that enable him to rule the newly established realm of the soul. He receives these from the three kings. From the bronze king, he receives the sword with the command: “The sword in the left hand; the right hand free.” The silver king gives him the scepter, saying: “Feed the sheep.” The golden king places the oak wreath upon his head with the words: “Know the Highest.” The fourth king, who contains a mixture of the three metals—copper, silver, and gold—sinks into an insubstantial lump. - In the human being who is on the path to a free personality, three soul forces are at work in combination: the will (copper), feeling (silver), and knowledge (gold). In the course of existence, life experience reveals what the soul acquires through these three powers: the power through which virtue works reveals itself to the will; beauty (the beautiful appearance) reveals itself to feeling; wisdom reveals itself to cognition. What separates human beings from the “free personality” is that these three act in a mixture within their soul; they will attain the free personality to the extent that they receive the gifts of the three—each in its own distinct nature—with full consciousness, and only then—through free, conscious activity—unite them within their own soul . Then what previously overpowered him—the chaotic mixture of the gifts of willing, feeling, and knowing—will dissolve within him.

[ 11 ] Der König der Weisheit ist aus Gold. Wo das Gold im «Märchen» auftritt, verkörpert es die Weisheit in irgendeiner Form. Wie die Weisheit in der sich zuletzt opfernden Lebenserfahrung wirkt, ist bereits angedeutet. Aber auch die Irrlichter bemächtigen sich des Goldes in ihrer Art. Der Mensch trägt in sich eine Seelenanlage - und sie kommt bei manchen Personen in einseitiger Art zur Entfaltung, so daß sie ihr ganzes Wesen auszufüllen scheint -, durch die er sich aneignet, was Leben und Wissenschaft an Weisheit verleihen. Aber diese Seelenanlage strebt nicht darnach, die Weisheit ganz mit dem Leben der Seele zu vereinigen ; sie bleibt als einseitiges Wissen, als Mittel, dieses oder jenes zu behaupten oder zu kritisieren, bestehen ; sie dient dazu, die Person glänzen zu lassen, oder diese Person im Leben in einseitiger Weise zur Geltung zu bringen. Sie strebt auch nicht darnach, sich durch die Verbindung mit dem, was die äußere Erfahrung bietet, in Ausgleich zu bringen. Sie wird zum Aberglauben, den Goethe in den Gespenstergeschichten der «Ausgewanderten» zur Darstellung brachte, weil sie nicht darnach strebt, sich in Einklang zu versetzen mit dem Naturgemäßen. Sie wird zur Lehre, bevor sie im Seelen-Innern Leben geworden ist. Sie ist, was falsche Propheten und Sophisten durch das Leben tragen möchten. Sie ist weit entfernt davon, den Goetheschen Lebensgrundsatz sich zu eigen zu machen: Man muß seine Existenz aufgeben, um zu existieren. Die Schlange, die selbstlose, in Liebe zur Weisheit, in erlebter Weisheit entwickelte Lebenserfahrung, gibt ihre Existenz auf, um die Brücke zu bilden zwischen der Sinnlichkeit und der Geistigkeit.

[ 11 ] The King of Wisdom is made of gold. Whenever gold appears in the “fairy tale,” it embodies wisdom in some form. How wisdom manifests itself in the life experience of ultimate self-sacrifice has already been hinted at. But the will-o’-the-wisps, too, lay claim to the gold in their own way. Human beings possess a soul disposition—and in some individuals it unfolds in a one-sided manner, so that it seems to fill their entire being—through which they appropriate the wisdom bestowed by life and science. But this soul disposition does not strive to unite wisdom fully with the life of the soul; it remains as one-sided knowledge, as a means to assert or criticize this or that; it serves to make the person shine, or to bring this person to prominence in life in a one-sided way. Nor does it strive to find balance through connection with what external experience offers. It becomes the superstition that Goethe depicted in the ghost stories of The Emigrants, because it does not strive to harmonize with what is natural. It becomes a doctrine before it has become life within the soul. It is what false prophets and sophists wish to carry through life. It is far from embracing Goethe’s principle of life: One must give up one’s existence in order to exist. The serpent—that selfless life experience developed through love of wisdom and lived wisdom—surrenders its existence to form the bridge between sensuality and spirituality.

[ 12 ] Der Jüngling wird durch ein unbezwingliches Verlangen nach dem Reich der schönen Lilie gedrängt. Welches sind die Kennzeichen dieses Reiches? Die Menschen können, trotzdem sie die tiefste Sehnsucht nach dem Gebiet der Lilie haben, doch nur zu bestimmten Zeiten in dasselbe gelangen, bevor die Brücke gebaut ist. Zur Mittagszeit bildet die Schlange, auch schon vor ihrer Opferung, eine vorläufige Brücke in das Gebiet des Übersinnlichen. Und abends und morgens kann man über den Schatten des Riesen hinüberkommen über den Fluß - die Vorstellungs- und Gedächtniskraft -, der das Sinnliche von dem Übersinnlichen trennt. Jemand, der sich der Beherrscherin des übersinnlichen Reiches nähert, ohne dazu die innere Eignung zu besitzen, muß an seinem Leben so Schaden nehmen wie der Jüngling. Auch hat die Lilie das Verlangen nach dem andern Reiche. Es kann der Fährmann, der die Irrlichter über den Fluß gefahren hat, jeden herüber-, aus dem Übersinnlichen, niemand hinüberbringen.

[ 12 ] The young man is driven by an irresistible longing for the realm of the beautiful lily. What are the hallmarks of this realm? Although people have the deepest longing for the realm of the lily, they can only enter it at certain times before the bridge is built. At noon, even before its sacrifice, the serpent forms a temporary bridge into the realm of the supersensible. And in the evening and morning, one can cross over the river—the power of imagination and memory—that separates the sensible from the supersensible, via the giant’s shadow. Anyone who approaches the mistress of the supernatural realm without possessing the inner aptitude to do so must suffer as much harm to their life as the young man. The lily, too, has a longing for the other realm. The ferryman who has ferried the will-o’-the-wisps across the river can bring anyone over from the supernatural realm, but no one across.

[ 13 ] Wer von dem Übersinnlichen berührt sein will, muß erst sein Inneres durch Lebenserfahrung an dieses Übersinnliche, das nur in Freiheit ergriffen werden kann, herangearbeitet haben. Goethe spricht in den «Sprüchen in Prosa» seine auf dieses zielende Überzeugung aus: «Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich.» Ein andrer seiner Sprüche ist dieser: «Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.» Das Reich des einseitig wirkenden Übersinnlichen - bei Schiller des einseitigen Vernunfttriebes - ist das der Lilie ; das Reich der einseitig wirkenden Sinnlichkeit - des sinnlichen Triebes bei Schiller - ist dasjenige, in dem die Schlange vor ihrer Opferung lebt. - Der Fährmann kann jeden herüber in dies letztere Reich, niemand hinüber in das andere bringen. Die Menschen stammen alle, ohne dazu selbst etwas zu tun, aus dem Übersinnlichen. Aber sie können eine freie - von keiner «Zeit», das ist von keinem nur unwillkürlich hervorgerufenen Seelenzustand abhängige - Verbindung mit diesem Übersinnlichen nur herstellen, wenn sie sich über die Brücke der geopferten Lebenserfahrung begeben wollen. Vorher gibt es zwei unwillkürlich eintretende Seelenzustände, durch die der Mensch ins übersinnliche Reich gelangen kann, das eins ist mit dem Reiche der freien Persönlichkeit. Der eine Seelenzustand ist derjenige durch die schöpferische Phantasie, die ein Abglanz des übersinnlichen Erlebens ist. In der Kunst verbindet der Mensch das Sinnliche mit dem Übersinnlichen. In der Kunst auch offenbart er sich als frei schaffende Seele. Das ist verbildlicht in dem Übergang, den die Schlange, die noch nicht zum übersinnlichen Erleben bereite Lebenserfahrung, zur Mittagszeit ermöglicht. - Der andere Seelenzustand tritt ein, wenn der Bewußtseinszustand der Menschenseele - des Riesen im Menschen, der ein Ebenbild des Makrokosmos ist - herabgedämpft ist, wenn die bewußte Erkenntnis sich verdunkelt und ablähmt, so daß sie sich als Aberglaube, Vision, Mediumismus auslebt. Die Seelenkraft, die sich auf diese Ärt bei gelähmtem Bewußtsein darlebt, ist für Goethe einerlei mit derjenigen, welche durch Gewalt und Willkür, auf revolutionäre Art, den Menschen in den Zustand der Freiheit führen möchte. In Revolutionen lebt sich der Drang nach einem Idealzustande dumpf aus, wie sich in der Dämmerung der Schatten des Riesen über den Fluß legt. Daß auch diese Ansicht über den «Riesen» berechtigt ist, dafür spricht, was Schiller am 16. Oktober 1795 an Goethe schreibt, der sich auf einer Reise befindet, die sich bis nach Frankfurt am Main ausdehnen sollte: «Es ist mit in der Tat lieb, Sie noch ferne von den Händeln am Main zu wissen. Der Schatten des Riesen könnte Sie leicht etwas unsanft anfassen.» Was die Willkür, der ungezügelte Verlauf geschichtlicher Ereignisse, im Gefolge hat, ist neben dem herabgedämmerten menschlichen Bewußtseinszustand im Riesen und seinem Schatten verbildlicht. Die Seelenimpulse, die zu solchen Ereignissen führen, sind ja in der Tat mit der Neigung zum Aberglauben und zur träumerischen Ideologie verwandt. Die Lampe des Alten hat die Eigenschaft, nur da zu leuchten, wo schon ein anderes Licht vorhanden ist. Man muß dabei an den von Goethe wiederholten Spruch eines alten Mystikers denken «Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken; läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken.» 5Vergleiche «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», III. Band. Herausgegeben von Rudolf Steiner. Sonderausgabe Stuttgart 1922, Seite 88.

[ 13 ] Anyone who wishes to be touched by the supernatural must first, through life experience, have prepared their inner self to receive this supernatural—which can only be grasped in freedom. In his “Prose Sayings,” Goethe expresses his conviction regarding this: “Everything that liberates our spirit without giving us mastery over ourselves is pernicious.” Another of his sayings is this: “Duty, where one loves what one commands of oneself.” The realm of the one-sidedly acting supernatural—in Schiller, the one-sided drive of reason—is that of the lily; the realm of the one-sidedly acting sensuality—the sensual drive in Schiller—is that in which the serpent lives before its sacrifice. —The ferryman can bring anyone across into this latter realm, but no one across into the other. All human beings originate from the supersensible, without doing anything to bring it about themselves. But they can establish a free connection with this supersensible—one not dependent on any “time,” that is, on any state of the soul brought about merely involuntarily—only if they are willing to cross the bridge of sacrificed life experience. Before that, there are two involuntary states of the soul through which a person can enter the supersensible realm, which is one with the realm of the free personality. One such state of the soul is that brought about by creative imagination, which is a reflection of supersensible experience. In art, a person connects the sensible with the supersensible. In art, too, they reveal themselves as a freely creative soul. This is symbolized by the transition that the serpent—life experience not yet ready for supersensible experience—facilitates at midday. - The other state of the soul occurs when the state of consciousness of the human soul—the giant within the human being, who is a likeness of the macrocosm—is subdued, when conscious knowledge darkens and becomes dulled, so that it manifests itself as superstition, vision, or mediumship. The soul force that manifests itself in this way when consciousness is paralyzed is, for Goethe, one and the same as that which seeks to lead humanity into a state of freedom through violence and arbitrariness, in a revolutionary manner. In revolutions, the urge toward an ideal state plays itself out in a dull manner, just as the giant’s shadow falls across the river at twilight. That this view of the “giant” is also justified is supported by what Schiller wrote to Goethe on October 16, 1795, while Goethe was on a journey that was to extend as far as Frankfurt am Main: “It is indeed a comfort to know that you are still far from the strife on the Main. The giant’s shadow could easily treat you a bit roughly.” What the arbitrariness, the unbridled course of historical events, brings in its wake is symbolized in the giant and his shadow, alongside the dimming state of human consciousness. The impulses of the soul that lead to such events are, in fact, akin to a tendency toward superstition and dreamy ideology. The old man’s lamp has the property of shining only where another light is already present. One must recall the saying of an ancient mystic, repeated by Goethe: “Were the eye not sun-like, it could never behold the sun; were God’s own power not within us, how could the divine delight us?” 5See “Goethe’s Scientific Writings,” Vol. III. Edited by Rudolf Steiner. Special edition, Stuttgart 1922, p. 88.

[ 14 ] So wie die Lampe im Dunklen nicht leuchtet, so leuchtet das Licht der Weisheit, der Erkenntnis, dem Menschen nicht, der ihm nicht die geeigneten Organe, das innere Licht, entgegenbringt. Noch deutlicher aber wird, was die Lampe ist, wenn man beachtet, daß sie in ihrer Art wohl beleuchten kann, was die Schlange als Entschluß in sich ausreift, daß sie aber die Geneigtheit der Schlange zu diesem Entschlusse erst erfahren muß. Es gibt eine menschliche Erkenntnis, die jederzeit auf das höchste Streben des Menschen geht. Sie hat sich im Laufe des geschichtlichen Lebens der Menschheit aus dem inneren Erleben der Seelen erhoben. Aber, worauf sie deutet, das Ziel des menschlichen Strebens: es kann nur in seiner konkreten Wirklichkeit aus der sich opfernden Lebenserfahrung gewonnen werden. Was den Menschen die Betrachtung der geschichtlichen Vergangenheit lehrt, was ihm mystisches, was religiöses Erleben über seinen Zusammenhang mit dem Übersinnlichen zu sagen vermögen: alles dieses kann seine letzte Verwirklichung nur durch die Opferung der Lebenserfahrung finden. Der Alte kann mit seiner Lampe alles so verwandeln, daß es in neuer, dem Leben dienlicher Form erscheint; aber die wirkliche Entwicklung ist von dem Ausreifen der Lebenserfahrung abhängig.

[ 14 ] Just as a lamp does not shine in the dark, so the light of wisdom and knowledge does not shine upon a person who does not meet it with the appropriate faculties—the inner light. But what the lamp is becomes even clearer when one considers that, in its own way, it can indeed illuminate what the serpent is maturing within itself as a decision, yet it must first perceive the serpent’s inclination toward this decision. There is a human insight that always points to the highest aspiration of humanity. It has risen from the inner experience of souls in the course of humanity’s historical life. But what it points to—the goal of human striving—can only be attained in its concrete reality through the self-sacrificing experience of life. What the contemplation of the historical past teaches humanity, what mystical and religious experience can tell it about its connection to the supersensible: all of this can find its ultimate realization only through the sacrifice of life experience. The Elder can transform everything with his lamp so that it appears in a new form more conducive to life; but true development depends on the maturing of life experience.

[ 15 ] Der Alte hat zur Frau die Persönlichkeit, welche dem Flusse mit ihrem Leibe haftet für dasjenige, was sie ihm schuldig geworden ist. Diese Frau verkörpert ebenso die menschliche Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft wie die geschichtliche Erinnerung der Menschheit an ihre Vergangenheit. Sie ist dem Alten beigesellt. Mit ihrer Hilfe hat er das Licht, das beleuchten kann, was durch äußere Wirklichkeit schon hell ist. Aber die Vorstellungs- und die Erinnerungskraft sind nicht in Lebenseinheit verbunden mit den konkret wirklichen Kräften, die in der Entwicklung des Einzelmenschen und im geschichtlichen Leben der Menschheit tätig sind. Vorstellungs- und Erinnerungskraft haften am Vergangenen; sie konservieren das Vergangene, so daß es zum Forderer an das Entstehende und Werdende wird. In den Verhältnissen, in denen als dem durch die Erinnerung Festgehaltenen der Mensch und die Menschheit leben, ist der Niederschlag dieser Seelenkraft enthalten. Im dritten der ästhetischen Briefe schreibt Schiller über diesen Niederschlag: «Der Zwang der Bedürfnisse warf ihn (den Menschen) hinein, ehe er in seiner Freiheit diesen Stand wählen konnte; die Not richtete denselben nach bloßen Naturgesetzen ein, ehe er es nach Vernunftgesetzen konnte.» Der Fluß trennt die beiden Reiche, das der Freiheit im Übersinnlichen, das der Notwendigkeit im Sinnlichen. Die unbewußten Seelenkräfte - der Fährmann - stellen den Menschen, der im Übersinnlichen seinen Ursprung hat, in das Sinnliche hinein. Er findet sich da zunächst in einem Bereich, in dem Vorstellungs- und Erinnerungskraft Verhältnisse geschaffen haben, mit denen er leben muß. Aber sie trennen ihn von dem Übersinnlichen; er befindet sich ihnen gegenüber in der Lage eines Schuldners, wenn er an die Kraft heranzutreten genötigt ist (den Fährmann), die ihn auf ihm unbewußte Art aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gebracht hat. Er kann die Gewalt, welche die Verhältnisse auf ihn ausüben und die in einer Hinwegnahme seiner Freiheit sich offenbart, nur brechen, wenn er mit «Früchten der Erde», das ist mit selbstgeschaffener Lebensweisheit, von der ihm durch die Verhältnisse auferlegten Schuld, dem Zwang, sich befreit. Kann er das nicht, so nehmen ihm diese Verhältnisse - das Wasser des Flusses - die Eigenwesenheit. Er schwindet in seinem Seelen-Selbst dahin.

[ 15 ] The Old Man sees in the woman the person who, with her body, clings to the river for what she owes him. This woman embodies both human perception and imagination as well as humanity’s historical memory of its past. She is the Old Man’s companion. With her help, he possesses the light that can illuminate what is already bright through external reality. But the powers of imagination and memory are not united in a living unity with the concrete, real forces that are active in the development of the individual and in the historical life of humanity. The powers of imagination and memory cling to the past; they preserve the past, so that it becomes a demand upon what is emerging and becoming. The conditions in which human beings and humanity live—as that which is held fast by memory—contain the imprint of this soul power. In the third of his Aesthetic Letters, Schiller writes about this imprint: “The compulsion of necessity cast him (man) into it before he could choose this state in his freedom; necessity established it according to mere natural laws before he could do so according to the laws of reason.” The river separates the two realms: that of freedom in the supersensible, and that of necessity in the sensible. The unconscious soul forces—the ferryman—place the human being, who has his origin in the supersensible, into the sensible world. There he initially finds himself in a realm where the powers of imagination and memory have created conditions with which he must live. But they separate him from the supersensible; he finds himself in a position of debt to them when he is compelled to approach the power (the ferryman) that has brought him, in a way unconscious to him, from the supersensible into the sensible. He can break the power that these circumstances exert upon him—a power that manifests itself in the deprivation of his freedom—only if he frees himself from the debt and compulsion imposed upon him by these circumstances through the “fruits of the earth,” that is, through self-created wisdom of life. If he cannot do this, these circumstances—the water of the river—will take away his selfhood. He will fade away in his soul-self.

[ 16 ] Auf dem Flusse wird der Tempel errichtet, in dem sich die Vermählung des Jünglings mit der Lilie vollzieht. In der Menschenseele, in welcher die Kräfte sich in eine gegenüber dem gewöhnlichen Zustande umgewandelte Ordnung gebracht haben, ist die Vermählung mit dem Übersinnlichen, die Verwirklichung der freien Persönlichkeit möglich. Was die Seele als Lebenserfahrung vorher gewonnen hat, ist so weit gereift, daß die Kraft, die auf diese Lebenserfahrung gerichtet ist, sich nicht mehr in der bloßen Einordnung des Menschen in die Sinneswelt erschöpft, sondern sich zum Inhalte desjenigen macht, was aus dem Bereich des Übersinnlichen in das Menschen-Innere strömen kann, so daß das Wirken im Sinnlichen der Vollzieher von übersinnlichen Antrieben wird. - In dieser Seelenverfassung gewinnen auch diejenigen menschlichen Geisteskräfte, die vorher in irren oder einseitigen Bahnen liefen, ihre im Gesamtgemüt neue, einem erhöhten Bewußtseinszustand angemessene Bedeutung. Die von der Sinneswelt sich loslösende, in Aberglauben oder tumultuarisches Denken verirrte Weisheit der Irrlichter zum Beispiel dient dazu, das Tor aufzuschließen jenes Schlosses, das den Seelenzustand verbildlicht, in dem Wollen, Fühlen und Erkennen noch durch ihre chaotische Mischung den Menschen in einem unfreien, vom Übersinnlichen getrennten Innenleben erhalten.

[ 16 ] On the river, the temple is erected where the marriage of the youth to the lily takes place. In the human soul, where the forces have been reorganized into an order transformed from the ordinary state, the marriage with the supersensible—the realization of the free personality—becomes possible. What the soul has previously gained as life experience has matured to such an extent that the power directed toward this life experience is no longer exhausted in the mere integration of the human being into the sensory world, but becomes the content of that which can flow from the realm of the supersensible into the human inner being, so that activity in the sensory realm becomes the executor of supersensible impulses. - In this state of the soul, even those human mental powers that previously ran in erratic or one-sided channels gain a new significance within the totality of the soul, one appropriate to a heightened state of consciousness. The wisdom of the will-o’-the-wisps, for example—which has broken away from the sensory world and strayed into superstition or tumultuous thinking—serves to unlock the gate of that castle that symbolizes the state of the soul in which willing, feeling, and knowing, through their chaotic mixture, still keep the human being in an unfree inner life, separated from the supersensible.

[ 17 ] In den Märchenbildern der hier betrachteten Dichtung trat Goethe die Entwicklung der Menschenseele vor das Geistesauge von der Verfassung an, in der sie dem Übersinnlichen gegenüber sich fremd fühlt, bis zu derjenigen Bewußtseinshöhe, auf welcher das in der sinnlichen Welt vollbrachte Leben sich mit der übersinnlichen Geistwelt durchdringt, so daß beide eins werden. Dieser Umwandelungsprozeß stand Goethe in leichtgewobenen Phantasiegestalten vor der Seele. Die Frage nach der Beziehung der physischen Welt zu einem von dem physischen Erleben freien Erfahren eines übersinnlichen Reiches mit ihrer Folge für das menschliche Gemeinschaftsleben, welche die «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» durchleuchtet: hier in dem Märchenabschluß findet sie eine umfassende Lösung in dem Weben dichterisch gestalteter Bilder. In diesen Ausführungen ist nur gewissermaßen der Weg angedeutet, der in den Bereich führt, in dem Goethes Phantasie das «Märchen» gewoben hat. Alle übrigen Einzelheiten sind bis ins letzte von demjenigen in ihrer Lebendigkeit zu erfühlen, der das «Märchen» als ein Gemälde des menschlichen Seelenlebens in dessen Streben nach dem Übersinnlichen ansieht. Daß es ein solches Gemälde des Seelenlebens ist, hat Schiller von dem «Märchen» wohl empfunden. Er schreibt darüber [Am 29. August 1795.] «Das Märchen ist bunt und lustig genug, und ich finde die Idee, deren Sie einmal erwähnten, das gegenseitige Hilfeleisten der Kräfte und das Zurückweisen auf einander, recht artig ausgeführt.»

[ 17 ] In the fairy-tale images of the poetry under consideration here, Goethe presented the development of the human soul before the mind’s eye, from the state in which it feels alien to the supersensible, up to that height of consciousness at which life lived in the sensory world interpenetrates with the supersensible spiritual world, so that both become one. This process of transformation stood before Goethe’s soul in the form of lightly woven figures of the imagination. The question of the relationship between the physical world and an experience of a supersensible realm free from physical experience—with its implications for human community life—which the “Conversations of German Emigrants” explores: here, in the conclusion of the fairy tale, it finds a comprehensive solution in the weaving of poetically shaped images. These remarks merely hint, so to speak, at the path leading into the realm where Goethe’s imagination wove the “fairy tale.” All other details must be felt in their liveliness down to the last by those who regard the “fairy tale” as a portrait of human soul life in its striving toward the supernatural. Schiller must have sensed that it is such a portrait of the life of the soul. He writes about it [on August 29, 1795]: “The fairy tale is colorful and cheerful enough, and I find the idea you once mentioned—the mutual assistance of the forces and their reliance on one another—quite nicely executed.”

[ 18 ] Denn selbst, wenn jemand einwenden wollte: dieses gegenseitige Hilfeleisten der Kräfte beziehe sich auf Kräfte verschiedener Menschen, so gilt dagegen die Goethe durchaus geläufige Wahrheit, daß die Seelenkräfte, die einseitig auf verschiedene Menschenwesen verteilt sind, doch nichts anderes sind als die auseinandergelegte Wesenheit des menschlichen Gesamtgemütes. Und wenn im Gemeinschaftsleben verschiedene Menschennaturen zusammenwirken, so ist in dieser Wechselwirkung doch nur ein Bild der mannigfaltigen Kräfte gegeben, die in ihrer gegenseitigen Beziehung das eine individuelle menschliche Gesamtwesen ausmachen.

[ 18 ] For even if someone were to object that this mutual assistance of forces refers to forces of different human beings, the truth—with which Goethe was thoroughly familiar—applies here: that the soul forces, which are distributed unilaterally among different human beings, are nothing other than the disaggregated essence of the total human soul. And when different human natures interact in community life, this interaction is merely a reflection of the manifold forces that, in their mutual relationship, constitute the single individual human being as a whole.