The Key Points of the Social Question
GA 23
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I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus dem Leben der modernen Menschheit
[ 1 ] Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen glaubte?
[ 2 ] Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur sind.
[ 3 ] Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen. Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja, die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.
[ 4 ] Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwickelung der Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen, die von den Tatsachen gestellt werden.
[ 5 ] Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben, werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. - Man kann absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird doch nicht anders können, als sich gestehen: Es wandeln unter uns Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwickelung der Tatsachen zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen, welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind. Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das rechte Urteil.
[ 6 ] Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen, was will die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in dem, was über die «soziale Frage» von vielen gedacht wird, die wahre Gestalt dieser «Frage»? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig? An diese Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung, welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.
[ 7 ] Man hat viel gesprochen über die Entwickelung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwickelung das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: Die äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen Forderungen eigentlich als rein menschliche Impulse lebt. Und solange man in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der wahren Gestalt der «sozialen Frage» nicht beikommen.
[ 8 ] Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: Der moderne Proletarier ist «klassenbewußt» geworden. Er folgt den Impulsen der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv, unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der wird durch das Wort «klassenbewußt» in dem Zusammenhang, in dem es der moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine Tatsache berührt, über welche viele, die nur über das Proletariat denken können, nicht mit demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung, dem «ungebildeten» Proletarier sei durch den Marxismus und seine Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren wissenschaftlichen Entwickelung heraus genommen haben. In diesem Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die Ë‚Wissenschaft und die Arbeiter» gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem unwesentlich erscheinen, der sich für einen «praktischen Menschen» hält. Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung gewinnen will, der muß seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-Wissenschaft, von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der Maschine arbeitende Mensch von «Wissenschaft» noch so weit entfernt sein; er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser «Wissenschaft» empfangen haben.
[ 9 ] Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus der andern Tatsache, daß ganz bestimmte Gedanken sich innerhalb seines Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Demgegenüber muß gesagt werden: Um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier denkt. Denn die proletarische Bewegung - von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in ihre verheerendsten Auswüchse hinein - wird nicht von «außermenschlichen Kräften», von «Wirtschaftsimpulsen» gemacht, sondern von Menschen; von deren Vorstellungen und Willensimpulsen.
[ 10 ] Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie dieser Handwerker sich menschlich mit dem Berufe verbunden fühlte, lag etwas, das ih'n das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben konnte, was er als «Mensch» sein wollte. An der Maschine und innerhalb der kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als «Mensch» ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren. Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird, wenn man unbefangen die geschichtliche Entwickelung betrachtet, zugeben müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen inmitten der Gebiete, denen er entfremdetworden war. Mit der modernen Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig - in dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig nennen kann - die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen. Mochten sie noch so sehr mit der «wissenschaftlichen Vorstellungsart» sich durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten, belehrt, daß sie alle den gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier gestellt, wenn er nach einem Seelen-inhalt suchte, der ihn empfinden lassen sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr seine Folgerungen für das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahitien dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die wissenschaftliche Denkungsart.
[ 11 ] Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen, wenn auf die «Wissenschaftlichkeit» der proletarischen Vorstellungsart verwiesen wird. Wer bei «Wissenschaftlichkeit» nur an dasjenige zu denken vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in «Bildungsanstalten» sich erwirbt, und der dann diese «Wissenschaftlichkeit» in Gegensatz bringt zu dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der «nichts gelernt» hat, der mag lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher hoch-gelehrte Mensch unwissenschaftlich lebt, während der ungelehrte Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so aufzufassen, wie es der Gesinnung dieser Wissenschaft entspricht. Was die andern Klassen «Wissenschaftlichkeit» nennen, mag ihm ferne liegen; die Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die «Wissenschaft», wenn auch oft in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige der «führenden» Klassen fühlt sich «aufgeklärt», «freireligiös». Gewiß, in seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines überlieferten Lebensglaubens.
[ 12 ] Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser «Geistesinhalt» in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung aus dem Geiste.
[ 13 ] Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nicht-proletarier und auch Proletarier berühren werden, die mit dem Leben «praktisch» vertraut zu sein glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine lebens-fremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Außere dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich so lange «praktisch» an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: Was haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch mit dem sozialen Denken gehen?
[ 14 ] Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte, das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu bewegen sucht, die ihm von den «herrschenden» Klassen als Erbgut über-macht ist. Er lebt proletarisch; aber er denkt bürgerlich. Die neue Zeit macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch in neue Gedanken. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum leben-tragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.
[ 15 ] Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der wahren Gestalt eines der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: Ich strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist Ideologie, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: Was weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht, das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm nur für «unwissend» gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus «Revolution machen».
[ 16 ] Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu richten vermag, was in den Menschengemütern wirklich vorgeht. Der Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers hin und vernimmt: Nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: Aber der Proletarier will doch einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: Ich verlange von den andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie enthüllt nichts von der wahren Gestalt dieser Frage. Denn ein solches Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage ist.
[ 17 ] Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.
[ 18 ] Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art wie die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen, wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der sozialen Frage. Sie belächeln das als Ideologie˃ als eine graue Theorie. Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie, werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem auf, wie der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen, gerade proletarischen Bewegung nicht in dem liegt, wovon der heutige Proletarier spricht, sondern liegt in Gedanken.
[ 19 ] Die moderne proletarische Bewegung ist, wie vielleicht noch keine ähnliche Bewegung der Welt - wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im eminentesten Sinne -, eine Bewegung aus Gedanken entsprungen. Dies sage ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen, so sei es diese: Ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt. Ich glaube dabei kennengelernt zu haben, was in der Seele des modernen proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend habe ich auch zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen zu haben.
[ 20 ] Wer - was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall ist - wer die moderne Arbeiterbewegung da kennengelernt hat, wo sie von Arbeitern getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung dieses ist, daß eine gewisse Gedanken-Richtung die Seelen einer großen Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist. Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch unverbrauchten Intelligenz des Proletariats Eingang finden konnte eine solche - mag man nun zum Inhalt stehen wie man will -, eine solche an menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie es diejenige Karl Marxens ist.
[ 21 ] Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden Gründen wie das andre; es konnte revidiert werden von denen, die das soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint mir, daß die Tatsache vorliegt: Innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als mächtigster Impuls ein Gedankensystem. Man kann geradezu die Sache in der folgenden Art aussprechen: Eine praktische Bewegung, eine reine Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch niemals so fast ganz allein auf einer rein gedanklichen Grundlage wie diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden. Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung durchaus nicht als das Wichtige.
[ 22 ] Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für den ganzen Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die Gedankengrundlage der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man diese Tatsache in ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung durchschaut.
[ 23 ] Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissen-schaft selbst, sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: Ursprünglich steigen sie als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht sie können von sich aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur innerhalb der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum Ziele geleitet.
[ 24 ] Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische der Gegenwart entwickelt. Diese Entwickelung hat das Proletariat in eine ihm unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwickelung werde weitergehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des Proletariats erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig echt sozialistisch denken will, nicht beifallen wird, zu sagen: Wenn irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen Bewegung den rechten Antrieb gibt.
[ 25 ] Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des modernen Proletariats die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft. Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung, welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen Wege verschlossen worden. Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu öffnen.
[ 26 ] Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung, ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung entsprechendes Denken entwickeln kann.
[ 27 ] Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu treffen, wenn er von seinem Klassenbewußtsein redet. Doch die Wahrheit ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen kann, das ihm das Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt; und daß ihm das als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln kann. Er hat nach diesem Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene Klassenbewußtsein ersetzt.
[ 28 ] Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen, ein Anstoß liegen könne zu dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung. Er glaubt allein, daß durch die Entwickelung des ungeistigen, unseelischen Wirtschaftslebens der Zustand herbeigeführt werden könne, den er als den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in gemeinschaftlichen Betrieb oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn nur hingerichtet hat auf den rein ökonomischen Prozeß.
[ 29 ] Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse, was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf, was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit heraus etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem allein entspringen konnte, das vielmehr in der geraden Fortentwickelungslinie liegt, die über das alte Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen von Grund und Boden und so weiter sich gestaltet haben, innerhalb dieses modernen Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das aber der eigentliche Grundimpuis seines sozialen Wollens ist. Es ist dieses: Die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer Ware, von dem heute der Proletarier empfindet: es darf nicht Ware sein.
[ 30 ] Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitgeber ebenso verkaufen muß, wie man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird, dann wir man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht.
[ 31 ] Im Altertum gab es Sklaven. Der ganze Mensch wurde wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt worden sei. Im Gegenteil, sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt, daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraufgezogen ist. Man sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden muß. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß in ihm die menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: Wie bringt man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen? Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb, weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt. Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht, daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden soll.
[ 32 ] Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen soll.
[ 33 ] Man sieht schon hieraus, daß die «soziale Frage» sich in drei besondere Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.
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Basic Issues of the Social Question 2001, tr. Frank Thomas Smith
IV. International Relations Between Social Organisms
[ 1 ] The internal formation of the healthy social organism being triformed. Each of the three sectors will have an independent relation to the corresponding sector of another social organism. Economic relations between countries will exist without being directly influenced by the relations between their respective rights-states.1To object that rights and economic relations really constitute a whole and cannot be separated is to misunderstand what is meant here concerning social formation. In the overall commercial process both kinds of relation of course act as a whole. There is, however, a difference if rights are established according to economic requirements, or if they are established according to the elementary sense of human rights and then are applied to economic affairs. Conversely, the relations between rights-states will develop, within certain limits, completely independent of economic relations. Through this independence of development, the relations will act upon each other in a conciliatory way in cases of conflict. The resulting complex of mutual interests among the individual social organisms will make national frontiers seem inconsequential for human coexistence.
The spiritual/cultural organizations of the various countries will be able to enter into mutual relations which derive exclusively from the common spiritual life of mankind. The self-sustaining spiritual sector, independent of the state, will develop conditions which are impossible to attain when recognition of spiritual activities is dependent on the rights-state instead of the spiritual organism's administration. In this respect there is no difference between scientific activities, which are obviously international, and other spiritual activities. A people's own language and everything related to it also constitute a spiritual area. National awareness itself belongs to this area. The people of one language region do not come into unnatural conflict with the people of another if political organizations and economic power are not used to assert their cultures. Should one people's culture have a greater capability for expansion and spiritual productivity than another, then its expansion will be justified and will come about peacefully if its only means of doing so are the institutions which depend on the spiritual organism.
[ 2 ] At the present time, the strongest opposition to a threefold social organism will come from the communities which have developed from common language and culture. This opposition must give way before the goal which the times have set and of which mankind as a whole must become increasingly aware. Mankind will perceive that each of its parts can achieve a dignified existence only if all the parts are vigorously allied amongst themselves. Ethnic affinities, together with other natural impulses, are the historic cause of the formation of political and economic communities.
However, the forces by means of which the various peoples grow must develop with a reciprocity which is not hampered by relations between political states and economic cooperatives. This will be achieved when the ethnic communities have implemented their social triformation to the extent that each of the sectors can cultivate independent relations with other social organisms.
[ 3 ] Diversified relations are therewith established between peoples, states and economic bodies which ally all the parts of mankind so that each, in its own interest, is sensitive to the life of the others. A league of nations arises from impulses corresponding to reality.t7Page 129 ‘A League of Nations’—Reference is to the organization of this name established by the victorious allies on 28 July 1919, mostly at the initiative of President Wilson. It had no sooner been created than it suffered an almost mortal blow when the United States Congress rejected it. It will not need to be ‘installed’ because of one-sided political considerations.2To see ‘utopias’ in these ideas is to ignore the fact that the realities of life are striving toward just such arrangements, and that harm results because such arrangements are lacking.
[ 4 ] Of special significance is the fact that the social goals described here, although valid for humanity in general, can be realized by each individual social organism regardless of other countries' initial attitudes. Should a social organism form itself according to the three natural sectors, the representatives of each sector could enter into international relations with others, even if these others have not yet adopted the same forms. Those who lead the way to these forms are working for a common goal of humanity. What must be accomplished is far more likely to come about on the strength of human impulses which have their roots in life, than through decisions and agreements made at congresses and the like. The thoughts which underlie these goals are based on reality; they are to be pursued in all human communities.
[ 5 ] Whoever has followed the political events of the last decades from the point of view represented here, will have perceived how the various states, with their merged spiritual, rights and economic sectors, were approaching catastrophe in international relations. At the same time however, he could also see that forces of a contrary nature were arising as unconscious human impulses and pointing the way toward the triformation. This will be the remedy for the shock caused by fanaticism for uniform statism. But the ‘competent leaders of humanity’ were not able to see what had long since been in preparation. In the spring and early summer of 1914 one could still hear ‘statesmen’ saying that peace in Europe, as far as could be humanly foreseen, was secure thanks to the efforts of governments. These ‘statesmen’ had no idea that their words and deeds no longer had any relation whatsoever to the real course of events. But they were the ‘experts’. Those who had been developing contrary views during the last decades, such as those expressed by the author months before the outbreak of war and, finally, to a small audience in Vienna (a larger audience would only have been derisive) were considered to be ‘eccentric’.
Words to the following effect concerning the immediate dangers were spoken: ‘Today's prevalent tendencies will continue to gather momentum until they finally destroy themselves. Whoever observes society with spiritual insight sees a terrible disposition to social cancerous growths everywhere. This is cause for great concern. It is so terrible and distressing that even if a person could otherwise suppress all enthusiasm for the knowledge of life's events obtainable through a science which recognizes the spirit, he would still feel obliged to speak, to cry out to the world about the remedy. If the social organism continues to develop as it has until now, injuries to culture will occur which are to this organism what cancer is to the human physical organism.’ But the views of the ruling circles, based on just such undercurrents which they refused to recognize, led them to take measures better left undone and to take none which could have instilled mutual trust among the members of the various human communities.
Whoever believes that social exigencies played no direct role as a cause of the present world catastrophe, should consider what would have become of the political impulses of those states heading for war had their ‘statesmen’ taken these exigencies seriously and acted upon them. They would then not have created the inflammable conditions which eventually led to an explosion. If, during the past decades, one had observed the cancer which has grown into the relations between states as the result of the ruling circles' social conduct, one could understand how, as early as 1888, a personage of general human spiritual interests was obliged to state the following in view of how social will was being expressed in these ruling circles: ‘The goal is to turn the whole of humanity into an empire of brothers who, following only the noblest of motives, stride forward in unison. Whoever follows history on the map of Europe, however, can easily believe that what the immediate future holds in store is a general mass slaughter’; and only the thought that a ‘way to the true goodness of human life’ must be found can maintain a sense of human dignity. This thought is one ‘which does not seem to coincide with our and our neighbours' enormous war-like preparations; it is one in which I, nevertheless, believe, and which must enlighten us, unless we prefer to simply do away with human life by common consent and designate an official suicide day.’ (Herman Grimm, 1888, on page 46 of his book: Fifteen Essays—The Last Five Years). What were these ‘war-like preparations’ but measures enacted by people who wanted to maintain the uniform state structure in spite of the fact that this form has become contradictory to the fundamentals of healthy cooperation between peoples? Such healthy cooperation could, however, be accomplished by that social organism which is based on the necessities of the times.
[ 6 ] The Austro-Hungarian state structure had been in need of a reorganization for more than half a century.t8Page 132 ‘The Austro-Hungarian state ... in need of a reorganization.’ An American journalist-historian has since seen it this way. ‘The Danube monarchy was dying of indigestion. For centuries a minority of German-Austrians had ruled over the polyglot empire of a dozen nationalities and stamped their language and culture on it. But since 1848 their hold had been weakening. The minorities could not be digested. Austria was not a melting pot. In the 1860s the Italians had broken away and in 1867 the Hungarians had won equality with the Germans under the so-called Dual Monarchy. Now, as the twentieth century began, the various Slav peoples—the Czechs, the Slovaks, the Serbs, the Croats and the others—were demanding equality and at least national autonomy. Austrian politics had become dominated by the bitter quarrel of the nationalities. But this was not all. There was social revolt too and this often transcended the racial struggle ...’ William L. Shirer, The Rise and Fall of the Third Reich, Simon & Schuster, New York, 1960. Its spiritual life, with roots in a multiplicity of ethnic communities, required the development of a form for which the obsolete uniform state was a hindrance. The Serbo-Austrian conflict, which was the starting-point of the world-war catastrophe, is the most valid proof that, as of a certain time, the political borders of this uniform state should not have constituted the borders for its ethnic life as well.t9Page 132 ‘The Serbo-Austrian conflict’—The Austrian Grand Duke Franz Ferdinand and his wife were assassinated on 28 June 1914 in Sarajevo by members of a Serbian secret society. The assassination was the outward event which triggered the war. Had the possibility existed for a self-sustaining spiritual life, independent of the political state and its borders, to develop beyond these borders in harmony with the goals of the ethnic groups, then the conflict, which had its roots in the spiritual sector, would not have exploded in a political catastrophe. Development in this direction seemed completely impossible, if not outright nonsensical, to those in Austro-Hungary who imagined that their thinking was ‘statesman-like’. Their thought-habits could not conceive of any other possibility but that the state borders must coincide with national communities. An understanding of the fact that spiritual organizations, including schools and other branches of spiritual life, could be established without regard to state borders was contrary to their thought-habits. Nevertheless, this ‘unthinkable’ arrangement constitutes the requirement of modern times for international relations. The practical thinker should not let himself be restrained by the seemingly impossible, and believe that arrangements which satisfy this requirement would meet with insurmountable difficulties; he should rather direct his efforts toward overcoming these difficulties. Instead of bringing the ‘statesmanlike’ thinking into agreement with the requirements of the times, efforts were made to sustain the uniform state in opposition to these requirements. This state therefore took on an increasingly impossible structure. By the second decade of the twentieth century, it was unable to preserve itself in the old form and had the choice of awaiting dissolution or outwardly maintaining the inwardly impossible by means of the force which manifested itself in the war. The Austro-Hungarian ‘statesmen’ had only two choices in 1914: either to direct their efforts toward achieving the conditions necessary for a healthy social organism, and inform the world of their purpose, thereby awakening new confidence, or they had to unleash a war in order to maintain the old structure. Only by considering the events of 1914 with this background in mind can one judge the question of guilt fairly. Through the participation of many ethnic groups in its state structure, Austro-Hungary's historical mission may well have been above all to develop a healthy social organism. This mission was not recognized. It was this sin against the spirit of historical evolution that drove Austro-Hungary to war.
[ 7 ] And the German Empire? t10Page 134 ‘And the German Empire?’ The ‘second’ German Empire was founded on 18 January 1871 through the efforts of its chancellor, Otto von Bismarck. On that date, King Wilhelm I of Prussia was proclaimed Emperor of Germany in the Hall of Mirrors at Versailles. It was founded at a time when the modern requirements for a healthy social organism were striving for recognition. This recognition could have given the Empire's existence its historical justification. Social impulses were concentrated in this central European Empire as though historically predestined to live themselves out within its borders. Social thinking arose in many places, but in the German Empire it took a special form which indicated where it was heading. This should have supplied the Empire with a purpose. This should have shown its administrators where its mission lay. The justification for this Empire could have been contained in a modern compatibility of nations, had the newly-created Empire been given a purpose which coincided with the forces of history. Instead of rising to the greatness of this mission, those responsible remained at the level of ‘social reforms’ corresponding to the needs of the moment, and were happy when these reforms were admired abroad.t11Page 135 ‘social reforms’—During the period 1883 to 1889 Bismarck had enacted various such reforms, which went far beyond anything known at that time in other countries. They included compulsory insurance for old-age sickness, accidents and incapacity and they were operated by the state, but financed by employees and employers. Such reforms had the effect of dampening the workers' enthusiasm for extreme socialism but, at the same time, increased their faith in the state as protector. At the same time they were moving toward an external power structure based on forms deriving from the most antiquated concepts about the power and splendour of states. An empire was built which, like the Austro-Hungarian state structure, contradicted the forces present in the various ethnic communities at that historic moment. The administrators of this empire saw nothing of these forces. The state structure which they had in mind could only be based on military power. The requirements of modern history would have been satisfied by the implementation of the impulse for a healthy social organism. If this had been done, relations between nations would have been different in 1914. Because of their lack of understanding of modern requirements in ethnic relations, German policy had reached the zero-point in 1914 as far as possibilities for further action were concerned. During the preceding decades they had understood nothing of what should have been done, and German policy had been occupied with every possibility that had no relation to modern evolutionary forces, and therefore had to collapse like a house of cards due to its lack of content.
[ 8 ] A true picture of the historic events surrounding the German Empire's tragic destiny would emerge if an examination were made of the decisive events in Berlin at the end of July and August 1, 1914, and the facts presented truthfully to the world.t12Page 135 ‘the decisive events in Berlin’. The memoirs of General Helmuth von Moltke, Chief of the German General Staff at the outbreak of the war, were ready for publication in May 1919. Von Moltke describes the German Government's attitude at that time, especially on 31 July and 1 August 1914: ‘The atmosphere grew steadily more tense and I was completely alone.’ Then he was told by the Kaiser, ‘So now you can do whatever you want.’ Rudolf Steiner wrote in a commentary: ‘So there it was: the Chief of the General Staff stood completely alone. Due to the fact that German policy had reached the zero-point, Europe's destiny on 31 July and 1 August rested in the hands of a man who was obliged to do his military duty.’ (Vorbemerkungen zu Die Schuld am Krieg, Betrachtungen und Erinnerungen des Generalstabschefs H. von Moltke.) Aufsätze über die Dreigliederung des Sozialen Organismus. This ‘military duty’ involved implementing the German army's predetermined war-plan, prepared by von Moltke's predecessor General Schlieffen, which provided for the domination of France before invading Russia. France was to be attacked through Belgium and Holland. Von Moltke modified the plan to the extent that Holland was omitted. His memoirs were suppressed in 1919, but Rudolf Steiner, who was personally acquainted with him, was familiar with their contents. In an interview which appeared in the French newspaper Le Matin in October 1921, Steiner said that the memoirs should have been published in 1919, but they were suppressed because of fear on the part of the authorities. ‘Why this fear? These memoirs are in no way an accusation against the imperial government. Something else is involved, which is perhaps even worse: that this imperial government found itself in a state of complete confusion and under an incredibly frivolous and ignorant leadership.’ Jules Sauerman's interview with Dr. Rudolf Steiner on the unpublished memoirs of the late Chief of the German General Staff von Moltke. ibid. Little is known of these events, either in Germany or abroad. Whoever is familiar with them knows that German policy at that time was comparable to a house of cards, and because of its arrival at a zero-point of activity, the decision as to whether and how the war was to begin had to be left to the military. The responsible military authorities at that time could not, from the military view-point, have acted in any other way than they did, because from this viewpoint the situation could only be seen as they saw it—for outside the military sector things had come to the point where action was no longer possible. All this would emerge as historical fact if someone were to occupy himself with bringing to light the events which took place in Berlin at the end of July and the beginning of August, namely, everything which occurred on August 1, and July 31. The illusion persists that an insight into these events would not be particularly enlightening if one is familiar with the events which led up to this time. It is not possible, however, to discuss the ‘guilt question’ without this insight. Certainly one may have knowledge through other means of the causes which were long present; but the insight shows how these causes acted on events.
[ 9 ] The concepts which at that time drove Germany's leaders to war continued their ruinous work. They became the national sentiment. They prevented those in power from developing the necessary insight through the bitter experience of these last terrible years. The author, wishing to take advantage of the receptivity which might have resulted from this experience, attempted to make known during the war—which he considered to be the most suitable time—the concepts of the healthy social organism and its consequences for German policy to personages in Germany and Austria whose influence could still have been brought to bear in furthering these impulses.t13Page 137 ‘The author ... attempted to make known ...’ Steiner wrote memoranda directed to leading government circles in Germany and Austria which contained his ideas concerning the way these countries could act in a manner which would have been beneficial to themselves and the world. Count Otto Lerchenfeld brought a memorandum to the German state secretary Kuhlman among others, and Count Ludwig Polzer-Hoditz to his brother, Austria's chief cabinet officer. The memoranda were not published during Steiner's lifetime. They are included in Aufsätze über die Dreigliederung des Sozialen Organismus. Those persons who honestly had the German people's destiny at heart participated in the attempt to gain a hearing for these ideas. But the attempt was futile. The thought-habits resisted such impulses which, to the military mentality, appeared unworkable. ‘Separation of church and school’: yes, that would be something; but they got no further. The thoughts of the ‘statesman-like’ thinkers had long been running along the same track, and more drastic measures were beyond them. Well-meaning people suggested that I make these ideas public. This was most unsuitable advice at the time. What good could it have done to have these ideas, among so many others, and coming from a private individual, disseminated in the field of ‘literature’. It is in the nature of these impulses that they could only have been influential, at that time, if they had come from the appropriate places. Had the sense of these impulses been favourably proclaimed from the right quarters, the peoples of central Europe would have realized that here is something which coincides with their more or less conscious desires. And the Russian peoples in the east would surely have been sympathetic to these impulses as an alternative to czarism. This can only be denied by someone who has no feeling for the receptivity of the East-European intellect—fresh as it still was—for healthy social ideas. Instead of a pronouncement of such ideas, however, came Brest-Litovsk.t14Page 137 ‘Brest-Litovsk’. On 15 December 1917, the peace treaty between Germany and Russia was signed at Brest-Litovsk. The conditions imposed by Germany were extremely hard (very comparable to those imposed on her by the allies a year later). As a result of this accord, Germany was free to concentrate her troops in the west. In Russia, only two months after the revolution, the new communist government led by Lenin was anxious to consolidate its power at home without having to continue the inherited war. The suspicion also exists that Lenin had secretly agreed to make peace with Germany while he was still in exile in Switzerland, in return for his famous trip from Zürich to Russia through Germany in a sealed railway carriage in order to take command of the revolution.
[ 10 ] That military thinking could not avert the catastrophe in central and eastern Europe was apparent to all but the military minds. The cause of the German people's misfortune was unwillingness to see that the catastrophe was unavoidable. Nobody wanted to believe that there was no sense of historic necessity in the places where decisions were being made. Whoever knew something of these necessities also realized that there were personages among the English-speaking peoples who understood the forces at work in the peoples of central and eastern Europe. They were convinced that a situation was brewing which must result in mighty social upheavals—but only in central and eastern Europe, for it was felt that there was not yet either a historical necessity or a possibility for such upheavals in the English-speaking world. Policy was formulated accordingly. This was not understood in central and eastern Europe, and policy was formulated in such a way that it had to ‘collapse like a house of cards’. The only effective policy would have been one based on an insight into the English-speaking world's liberal recognition of historical necessities—from an English point of view of course. But the ‘diplomats’ would have found a suggestion for such a policy highly superfluous.
[ 11 ] Instead of such a policy, which could have been very advantageous for central and eastern Europe before the catastrophe of war overtook it, they continued in the same old diplomatic rut in spite of the liberal orientation of English policy. Furthermore, during the horrors of war they did not learn from bitter experience that the mission presented to the world in political declarations from America should be countered by one born of the vital forces of Europe. An understanding could have been reached between the mission presented by Woodrow Wilson from the American point of view, and one heard over the thunder of cannons as a European spiritual impulse. Any other talk of an understanding rang hollow in view of the historical necessities.
But a sense of mission based on modern humanity's true needs was lacking in those responsible for the German empire's administration. Therefore, what the autumn of 1918 brought was inevitable. The collapse of military power was accompanied by a spiritual capitulation. Instead of exerting European will at that time in an attempt to assert the German people's spiritual impulses, came the simple submission to Wilson's fourteen points.t15Page 139 President Wilson's ‘fourteen points’ constituted the ideological basis for the principle of ‘self-determination of peoples’, which was to underlie the political restructuring of Europe after the war. This principle presupposes that ethnic groups (peoples, nations) are perfectly separable and definable, like so many individual pieces of a jigsaw puzzle. If each governs itself through its own national state, then the cause of political morality is served. In fact, Europe was and is a quilt of nations with many overlapping ethnic ‘grey’ regions. The effect of self-determination or the ‘nationalities principle’ is the disenfranchisement of many smaller or larger minorities with the resultant bitterness and frustration. The course of history since this principle was put into effect in Europe and elsewhere would seem to support such criticism. Winston Churchill wrote the following about the carving up of the Austro-Hungarian empire: ‘The second cardinal tragedy was the complete break-up of the Austro-Hungarian Empire ... There is not one of these peoples or provinces that constituted the Empire of the Hapsburgs to whom gaining their independence has not brought the tortures which ancient poets and theologians had reserved for the damned.’ The Second World War, Vol. 1, Chap. I, The Gathering Storm. According to the idea of the ‘social triformation’, or ‘threefold society’, the nationalities (ethnic) problem can only be solved by liberating ‘national’ life from the power of the political state. In other words, the creation of a free cultural-spiritual sector. Wilson was confronted with a Germany which had nothing to say for itself. Whatever Wilson may think about his own fourteen points, he can only help Germany to fulfil what the country itself wills. Surely he must have expected a demonstration of this desire. But to the nullity of German policy at the beginning of the war was added the nullity of 1918; the terrible spiritual capitulation came, brought on by a man in whom many in the German lands had placed something like a last hope.
[ 12 ] Lack of faith in insights derived from historically active forces; unwillingness to recognize knowledge derived from spiritually related impulses: this was what produced central Europe's situation. Now a new situation has been created by the catastrophe of war. It can be characterized by the idea of humanity's social impulses as it has been interpreted in this book. These social impulses speak a language which confronts the whole civilized world with a mission. Shall thinking about what must now come about in respect of the social question reach the same zero-point as did central European policy in respect of its mission in 1914? Countries which were able to remain aloof from the events of that time may not do so as far as the social movement is concerned. In this question there should be no political opponents and no neutrals; there should only be one mankind, working together, which is able to read the signs of the times and act in accordance with them.
The intentions described in this book make it possible to understand why the appeal ‘To the German People and the Civilized World’, which is reproduced in the following chapter, was formulated by the author some time ago and communicated to the world—especially to the peoples of central Europe—by a committee which sympathized with its aims. The present situation is different from the one prevalent at the time in which it was communicated to relatively few. At that time a wider propagation would have been considered ‘literature’. Today the public must bring to it what it could not have brought a short time ago: understanding men and women who want to work for what it advocates—if it is worth being understood and being put into practice. What should come about now is only possible through the activity of such people.
