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Essays on the Threefold Social Order
GA 24

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7. Sozialistische Seelenblindheit

7. What Socialists Do Not See

[ 1 ] Es scheint, daß viele Menschen deshalb sich in die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus nicht hineinfinden können, weil sie fürchten, diese Idee wolle in der Organisation des gesellschaftlichen Lebens auseinanderreißen, was in der Wirklichkeit in ungetrennter Einheit zusammenwirken muß. Nun ist richtig, daß der im wirtschaftlichen Leben tätige Mensch durch sein Wirtschaften in rechtliche Verhältnisse zu seinem Mitmenschen kommt, und daß sein geistiges Leben von diesen Rechtsverhältnissen abhängig ist und auch bedingt ist von seiner wirtschaftlichen Lage. Im Menschen sind diese drei Lebensbetätigungen vereinigt; indem er sein Leben führt, ist er in alle drei verstrickt.

[ 1 ] It appears that many people are kept from the idea of a threefold social order by the fear that it entails sundering things that in reality must work together as an undivided unity within society. Now it is true that a person engaged in economic activity is brought thereby into relationships with his fellow men that involve laws. It is also true that one's spiritual life is dependent on these legal relationships, and is also conditioned by one's economic position. In the human being, these three functions are united; in the course of life, one becomes involved in all three.

[ 2 ] Gibt dies aber audi einen Grund ab, daß diese drei Lebensbetätigungen von einem Mittelpunkte her verwaltet werden? Und bedingt es, daß alle drei nach denselben Prinzipien verwaltet werden? Im Menschen und seiner Tätigkeit fließt doch vieles zusammen, was aus den verschiedensten Quellen stammt. Er ist abhängig von den Eigenschaften, die ihm von seinen Vorfahren vererbt sind. Er denkt und handelt aber auch im Sinne dessen, was die Erziehung anderer Menschen, die nicht mit ihm verwandt sind, aus ihm gemacht hat. Wie sonderbar wäre es, wenn jemand behaupten wollte, der Mensch als Einheit würde zerrissen, weil von verschiedenen Seiten her Vererbung und Erziehung auf ihn wirken? Muß nicht vielmehr gesagt werden, daß der Mensch unvollkommen bliebe, wenn die Vererbung und die Erziehung aus einem Quell heraus an der Gestaltung seines Lebens arbeiteten?

[ 2 ] Is this, however, a reason why these three life-functions should be governed from a single center? Does it necessitate all three being governed according to the same principles? In the human being and in his activities, many currents run together that have flowed from a great variety of sources. We are dependent on the qualities inherited from our fore-fathers. We think and act according to what our education has made of us, education we received from persons to whom we are not related. How strange it would be if anyone tried to assert that our unity were destroyed because we are influenced from different quarters by heredity and education. Should it not be said, rather, that we remain incomplete if heredity and education work from a single source to shape our lives?

[ 3 ] Was so von Natur aus von verschiedenen Seiten her auf den Menschen einströmen muß, um gerade durch diese Verschiedenheit den Bedürfnissen seines Wesens zu entsprechen, das versteht man, weil das Nicht-Verstehen absurd wäre. Aber man will sich nicht einlassen auf die Erkenntnis, daß Entwickelung der geistigen Fähigkeiten, Ordnung der rechtlichen Verhähnisse, Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens nur dann den Menschen recht in ihre Kreise aufnehmen können, wenn sie innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, in der er lebt, von verschiedenen Mittelpunkten her, nach verschiedenen Gesichtspunkten geregelt werden. Ein Wirtschaftsleben, das von sich aus die Rechte der wirtschaftenden Menschen ordnet und nach den in ihm waltenden Interessen die Menschen erziehen und unterrichten läßt, macht den Menschen zu einem Rade im Wirtschaftsmechanismus. Es verkümmert seinen Geist, der sich nur frei entfalten kann, wenn er sich seinen eigenen Impulsen gemäß entfaltet. Es verkümmert auch die gefühlsmäßigen Beziehungen zu seinen Mitmenschen, die nicht berührt sein wollen von der Stellung zu diesen Mitmenschen, die er durch seine wirtschaftliche Lage einnimmt; die vielmehr nach einer Regelung drängen im Sinne der Gleichheit aller Menschen in bezug auf das Reinmenschliche. - Ein Rechts- oder Staatsleben, das die Entwickelung der individuellen menschlichen Fähigkeiten verwaltet, drückt auf diese Entwickelung wie eine schwere Last; denn es wird aus den sich in ihm ergebenden Interessen heraus naturgemäß auch dann dieTendenz entwickeln, diese Fähigkeiten nach seinen Bedürfnissen, nicht nach deren eigener Natur zu entfalten, wenn anfangs der beste Wille dazu vorhanden ist, den Eigenartigkeiten der Menschen Rechnung zu tragen. Und ein solches Rechtsleben drängt den von ihm betriebenen Wirtschaftszweigen einen Charakter auf, der nicht aus den Wirtschaftsbedürfnissen selbst kommt. Der Mensch wird innerhalb eines solchen Rechtslebens geistig beengt und wirtschaftlich durch Bevormundung an der Entfaltung von Interessen behindert, die seinem Wesen angemessen sind. - Ein Geistesleben, das von sich aus Rechtsverhältnisse feststellen wollte, müßte aus der Ungleichheit der menschlichen Fähigkeiten heraus auch zu einer Ungleichheit der Rechte kommen; und es müßte seine wahre Natur verleugnen, wenn es durch die Hingabe an wirtschaftliche Interessen sich in seiner Betätigung bestimmen ließe. Der Mensch könnte in einer so gearteten Geisteskultur nicht zu einem rechten Bewußtsein davon kommen, was der Geist seinem Leben wahrhaft sein kann; denn er sähe den Geist durch Ungerechtigkeit sich entwürdigen und durch wirtschaftliche Ziele sich verfälschen.

[ 3 ] That such things from various sources must converge within us in order (through this very variety) to satisfy the many requirements of our nature—people can understand this, for to not understand it would be absurd. However, they will not see that the development of spiritual abilities, the regulation of legal affairs and the shaping of economic life afford us our proper place within the social order only when each is governed from its separate center and from its special viewpoint. An economy that governs the rights of human beings, and educates them according to its own interests, reduces the person to a mere cog in the economic machinery. It stunts the human spirit, which can develop freely only when it unfolds according to its own innate im-pulses. It stunts, too, those relations with our fellows that stem from the feelings, and refuse to be influenced by economic considerations—relations that are striving rather to be governed in accordance with the equality of all regarding what is purely human. When the political sphere or the sphere of rights controls the development of our individual abilities, it weighs on this development like a crushing burden. For the interests that arise out of these spheres must naturally produce a tendency to develop such abilities according to the government's needs and not according to their own proper nature, however good may be the original intentions to allow for individual characteristics. Such a legal or political sphere also imposes an alien character upon economic matters. Those subject to this kind of political system become through constant tutelage spiritually cramped and economically hampered in the pursuit of interests inappropriate to their own nature. A spiritual life that attempted to determine legal relations on its own terms would inevitably be led from the in-equality of human abilities to inequality in the law. It would be false to its own nature if it were to allow itself to be determined by economic interests. Under such a spiritual culture, people would never come to a true consciousness of what, in reality, the spirit may be for human life, for they would watch the spirit degrade itself through injustice and falsify itself through economic aims.

[ 4 ] Es ist die Menschheit der zivilisierten Welt in ihre gegenwärtige Lage dadurch gekommen, daß die drei Lebensgebiete in bezug auf vieles im Laufe der letzten Jahrhunderte zum Einheitsstaate zusammengewachsen sind. Und es besteht die Unruhe der gegenwärtigen Zeit darinnen, daß eine unübersehbar große Menge von Menschen unbewußt des eigentlichen Charakters ihres Strebens darnach drängt, diese drei Lebensgebiete im sozialen Organismus als besondere Glieder so auszubilden, daß das Geistesleben frei aus seinen eigenen Impulsen heraus sich gestalten kann; das Rechtsleben demokratisch auf die Auseinandersetzung - die unmittelbare oder mittelbare - einander gleichgeltender Menschen gebaut werde; das Wirtschaftsleben nur in Warenerzeugung, Warenkreislauf und Warenkonsum sich entfalte.

[ 4 ] What has brought humanity to the present state of affairs in the civilized world is that during the last few centuries these three spheres have in many respects grown together into a single, unified state. And the cause of the present unrest is that an enormous number of people are struggling (while unconscious of the real nature of their striving) toward a delimitation of these three spheres of life into separate systems of the social organism, so that the spiritual-cultural life may be free to shape itself according to its own spiritual impulses; that the sphere of rights may be built up democratically through the interaction (direct or representational) of people on equal terms; and that the economic life may extend solely to the production, circulation and consumption of commodities.

[ 5 ] Man kann von verschiedenen Ausgangspunkten her zu der Einsicht kommen, daß die Dreigliederung des sozialen Organismus notwendig sei. Einer dieser Ausgangspunkte ist die Erkenntnis der Menschennatur in der Gegenwart. Man mag es vom Gesichtspunkte einer gewissen sozialen Theorie und Parteimeinung recht unwissenschaftlich und unpraktisch finden, wenn gesagt wird, daß bei der Einrichtung des menschlichen Zusammenlebens die Psychologie gefragt werden muß, insofern diese Psychologie erkennt, was der Menschennatur angemessen ist. Es wäre aber doch ein unermeßliches Unglück, wenn alle die Menschen mundtot gemacht würden, welche dieser «sozialen Psychologie» ihr Recht bei Ausgestaltung des sozialen Lebens wahren wollen. Wie es farbenblinde Menschen gibt, welche die Welt «grau in grau» sehen, so gibt es psychologieblinde Sozialreformer und Sozialrevolutionäre, welche den sozialen Organismus alsWirtschaftsgenossenschaft ausgestalten möchten, in der die Menschen selber wie mechanisierte Wesen leben. Und diese psychologieblinden Agitatoren wissen selbst nichts von ihrer Blindheit. Sie wissen ja nur das, daß es ein Rechts- und ein Geistesleben neben dem Wirtschaftsleben immer gegeben hat; und sie glauben, wenn sie das Wirtschaftsleben nach ihrem Ermessen gestalten, dann komme alles andere «von selbst». Es wird nicht kommen; es wird ruiniert werden. Darum ist die Verständigung mit den Psychologie-Blinden recht schwierig; darum ist es leider auch notwendig, daß der Kampf mit ihnen aufgenommen werde, der nicht von den Psychologie-Sehenden, sondern von ihnen ausgeht.

[ 5 ] Starting from any number of standpoints one can come to see the necessity of a threefold organization of society. One of these standpoints is an understanding of present-day human nature. From the standpoint of some particular social theory or party dogma, it may appear very unscientific or impractical to say that when arranging institutions for communal life, one should consult psychology to learn (so far as it can tell us) what is suited to human nature. Yet it would be a great misfortune if everyone who tried to give this “social psychology” its due in the shaping of social life were to be silenced. There are colorblind people who see the world as gray on gray; so, too, there are social reformers and social revolutionaries blind to psychology who would like to mold the social organism into an economic syndicate in which people would live and move like mechanical beings. These agitators have no idea of their blindness. They know only that there has always existed a legal and a spiritual life beside the economic life; and they imagine that if they fashion the economic life after their own ideas, all the rest will come “of itself.” It will not come; it will come to ruin. Thus it is very hard to arrive at any understanding with those blind to psychology; and thus it is, unfortunately, also necessary to take up against them—a battle begun not by those who can see, but by those who are blind.