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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

27 April 1924

Eine pädagogische Veranstaltung in Bern

[ 1 ] Mit großer Befriedigung sehe ich zurück auf die Veranstaltung, die auf Wunsch von Berner Lehrern und Lehrerinnen in der Zeit vom 13. bis 17. April in Bern stattgefunden hat. Im Verein mit einigen Lehrkräften der Stuttgarter Waldorfschule durfte ich im Sinne der aus anthroposophischer Menschen-Erkenntnis hervorgehenden pädagogischen Kunst wirken. Mein Thema war: «Anthroposophische Pädagogik und ihre Voraussetzungen». - Fräulein Emma Ramser eröffnete am Sonntag, dem 13. April abends, die Veranstaltungen, die im Großratssaale stattfanden, mit herzlichen Worten, die in schöner Art auf die Aufgaben hinwiesen, welche aus dem Gesichtspunkte der Anthroposophie heraus der Erziehungskunst erwachsen. Die Wärme, die von diesen Worten ausging, bedeutete für die Arbeit der folgenden Tage einen schönen Anfang.

[ 2 ] Mir war es ein lieber Gedanke, an der Stätte, von der aus ich durch eine lange Reihe von Jahren oft über Anthroposophie sprechen durfte, nun auch die Grundlagen unserer pädagogischen Bestrebungen auseinandersetzen zu dürfen. Und die Vorstände der Anthroposophischen Gesellschaft sowie der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz dürfen befriedigt sein über das Gelingen des von ihnen mit dieser Veranstaltung Beabsichtigten. Den großen Bemühungen unserer Berner Freunde verdanken wir dieses.

[ 3 ] Es war mein Bestreben, in den Vorträgen, die ich halten durfte, zu zeigen, wie das kindliche Menschenwesen selbst in den drei ersten Epochen seiner Entwicklung der Erziehung und dem Unterrichte ihre Aufgaben stellt. Immer wieder muss man bei solchen Gelegenheiten betonen, dass es durchaus den Vertretern der anthroposophischen Sache ferne liegt, in die Schule Anthroposophie als ein Bekenntnis hineinzutragen. Es kann sich nur darum handeln, die Menschen-Erkenntnis, die durch Anthroposophie zu gewinnen ist, zur Voraussetzung des Methodischen und Didaktischen zu machen. Alles sektiererische Wirken wird dabei ganz ausgeschlossen. Das Allgemein-Menschliche kommt allein in Betracht. In welchem Zusammenhange eine Schule auch steht, in der Art, wie das Erziehen und Unterrichten gestaltet wird, kann die Grundlage, auf der wir aufbauen, zur Geltung kommen. Es wird eben einfach gefragt: Wie entfaltet sich der Mensch in seinen ersten Lebensepochen; und was kann man für die Gestaltung des Erziehens und Unterrichtens von dem Wesen dieser Entfaltung selbst ablesen? In diesem von anthroposophischem Geiste getragenen Ablesen entwickelt sich eine Pädagogik, die in dem Lehrenden und Erziehenden nicht bloß eine intellektuelle Richtschnur seines Handelns, sondern das seelische Lebensblut seines ganzen Menschen werden kann, sodass dieser ganze Mensch sich im erzieherischen Wirken darzuleben in der Lage ist. Das in klarem Anschauen der Menschennatur entwickelte pädagogische Erkennen wird kindliebende Hingabe des Erziehergemütes, wird sachgemäße Lenkung des erzieherischen Wollens. In der Art, wie anthroposophische Pädagogik den Erzieher-Enthusiasmus in der Seele des Erziehenden aufleben lässt, sodass in ganz selbstverständlicher Weise das Wissen vom Erziehen zum Können wird, das von der Liebe im Wirken getragen ist: Darinnen liegt, was gesucht wird. Und eine pädagogische Kunst, die in dieser Richtung zu wirken beabsichtigt, darf den Mut haben, ihre Grundlagen zu vertreten in einem Lande, in dem Pestalozzi so Segensreiches für die Erziehung des Menschenwesens getan hat. Die schöne Teilnahme der Zuhörerschaft ist ein Beweis dafür, dass dem Gewollten, wenn auch noch von einem kleinen Kreis, so doch von diesem echtes Verständnis entgegengebracht wird. Dass auch NichtLehrer bei der Veranstaltung erschienen sind, zeigt, wie die Sache als etwas empfunden wird, das in der Richtung eines allgemeinen menschlichen Bedürfnisses liegt. Und die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die in so erfreulicher Weise anwesend waren, haben gezeigt, was aus den Bestrebungen, die aus Anthroposophie hervorgehen, werden kann, wenn sie von der hingebungsvollen Liebe unserer Mitgliederschaft getragen werden.

[ 4 ] Am Montagnachmittag fand eine «Vorführung pädagogischer Eurythmie» durch die Schülerinnen der Fortbildungsschule am Goetheanum im Schänzlitheater statt. Es war die Aufgabe dieser Vorführung, darzulegen, wie die Eurythmie als erzieherisches Mittel durch die Offenbarung einer Bewegungskunst wirken kann, die aus der ganzen menschlichen Wesenheit herausgeholt ist. Man konnte eine ungeteilte Freude an der Aufnahme haben, die dieser Vorführung zuteil geworden ist.

[ 5 ] Fräulein Dr. v. Heydebrand sprach am Dienstag über die «Erziehung jüngerer Kinder» in ihrer von gründlicher Einsicht und edler Kindesliebe getragenen Art. Diese Lehrkraft der Waldorfschule hat reiche Erfahrungen durch mehrere Jahre im Erziehen und Unterrichten älterer Kinder gesammelt; sie hat dann ihr Wirken bei diesem vertauscht mit dem bei eben in die Schule aufgenommenen. Dadurch hat sie sich den Blick für eine feinsinnige Beobachtung des dem Pädagogen Notwendigen angeeignet. Was auf diesem Wege gewonnen werden kann, sprach in eindringlicher Art aus dem, was sie darlegte.

[ 6 ] Dr. Stein von der Stuttgarter Waldorfschule sprach in seiner herzhaften Weise über die Stellung der Geschichte im Dasein des Menschen und im Kulturleben. Seine Absicht war, zu zeigen, wie der Ausblick auf die Impulse des geschichtlichen Lebens der Pädagogik ihre wirkungverheißende Kraft geben kann.

[ 7 ] Andere Verpflichtungen verhinderten mich zu meinem großen Bedauern, dem Vortrage Dr. v. Baravalles über «Belebungskräfte für den Elementarunterricht in den Naturwissenschaften» beizuwohnen.

[ 8 ] Der Beschluss der ganzen Veranstaltung wurde mit einem Vortrage Dr. Koliskos von der Waldorfschule über «Pädagogik und Medizin» gegeben. In einer umsichtigsachgemäßen Art versuchte Dr. Kolisko zu zeigen, wie die Behandlung des Kindes in physischer Beziehung geleitet werden kann, wenn Menschen-Erkenntnis auf Leib, Seele und Geist zugleich geht. Er stellte dar, wie eine solche Behandlung von medizinischen Gesichtspunkten aus sich in die pädagogische Kunst einfügen kann.

[ 9 ] Die zwischen den Vorträgen veranstalteten Diskussionen konnten ein befriedigendes Bild davon geben, dass ein recht orientiertes Verständnis der Teilnchmerschaft die geistige Atmosphäre abgab, in der diese Veranstaltung ihre Arbeit vollzogen hat.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 10 ] 29. In der entwickelten imaginativen Erkenntnis wirkt, was im Innern des Menschen seelisch-geistig lebt und in seinem Leben am physischen Leib gestaltet und auf dessen Grundlage das Menschendasein in der physischen Welt entfaltet. Dem sich im Stoffwechsel immer wieder erneuernden physischen Leib steht da die in ihrem Wesen von der Geburt (bzw. Empfängnis) bis zum Tode dauernd sich entfaltende innere Menschenwesenheit gegenüber, dem physischen Raumesleib ein Zeitenleib.

[ 11 ] 30. In der inspirierten Erkenntnis lebt im Bilde, was das Menschenwesen in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt innerhalb einer geistigen Umgebung erfährt. Da ist anschaulich, was der Mensch ohne seinen physischen und Ätherleib, durch die er das irdische Dasein durchmacht, seinem Wesen nach im Weitenzusammenhange ist.

[ 12 ] 31. In der intuitiven Erkenntnis kommt das Herüberwirken früherer Erdenleben in das gegenwärtige zum Bewußtsein. Diese früheren Erdenleben haben in ihrer Weiterentwickelung die Zusammenhänge abgestreift, in denen sie mit der physischen Welt gestanden haben. Sie sind zum rein geistigen Wesenskern des Menschen geworden und wirken als solcher im gegenwärtigen Leben. Sie sind dadurch auch Gegenstand der Erkenntnis, die als die Entfaltung der imaginierenden und inspirierten sich ergibt.