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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

29 June 1924

Breslau-Koberwitzer Tagung, Waldorfschule, Jugendsehnsucht

[ 1 ] Die Erzählung von unserer Breslauer und Koberwitzer Tagung konnte ich in der letzten Nummer nur bis zu ihrem vorletzten Tage führen. Der letzte brachte noch die Schlussversammlung der Teilnehmer am landwirtschaftlichen Kurse, die letzte Sprachkursstunde von Marie Steiner und das gesellige Zusammensein der Kursteilnehmer am Abend des 16. Juni.

[ 2 ] In dem letzten Vortrage ergänzte ich das über Landwirtschaft Gesagte durch einige Auseinandersetzungen über Obstbau, Tierernährung, Waldkultur, über die Schädlinge des Feldbaues und über sogenannte Pflanzenkrankheiten. Graf Keyserlingk betonte nochmals in eindringlicher Art, dass der Inhalt der Vorträge über Landwirtschaft zunächst als Arbeitsmaterial der eben entstandenen Gemeinschaft der Landwirte innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft dienen soll. Mitteilungen darüber sollen in keiner Art gemacht werden, bevor die Mitglieder dieser Gemeinschaft durch die Ergebnisse ihrer Versuchsarbeiten werden sprechen wollen. Diejenigen Teilnehmer am Kurse, denen als für die Landwirtschaft interessierte Nicht-Landwirte das Zuhören ermöglicht worden ist, wurden daher gebeten, das Gehörte nur als Anregung für sich selbst zu betrachten und nirgends darüber zu berichten. Wenn es sich um Dinge handelt, die von vorneherein dazu bestimmt sind, in der Lebenspraxis ihre Auswirkung zu finden, so ist eine solche Maßnahme voll berechtigt. Was die Anthroposophie zunächst über Landwirtschaft zu sagen hat, wird im Kreise der landwirtschaftlichen Fachleute zunächst seine bestmögliche Pflege finden; und man muss es ihnen überlassen, damit im Verein mit der naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum so zu verfahren, wie sie es für gut finden.

[ 3 ] In der geselligen Zusammenkunft am Abend sprach zunächst liebe Schlussworte eine Persönlichkeit, die nach einer langen und wirksamen Tätigkeit in der Landwirtschaft dazu übergegangen ist, priesterlicher Mitarbeiter in der Bewegung für christliche Erneuerung zu werden, als der er jetzt wirkt, Herr v. Koschützky. Dann dankte Rektor Bartsch Frau Marie Steiner für ihre Mitwirkung an der Tagung. Graf Keyserlingk übernahm es schon am Vorabend, auf die finanziell schwierige Lage der Waldorfschule hinzuweisen und zu einer Sammlung unter den Kursteilnehmern anzuregen. Am letzten Abend wiederholte er dieses. Er hat damit auf etwas hingewiesen, das mit möglichster Stärke im Bewusstsein der Mitglieder leben sollte. Und seinem Beispiele sollten andere nachfolgen. Denn mit der Waldorfschule ist es doch so, dass sie in ganz sichtbarer Art in immer weiteren Kreisen an Anerkennung gewinnt. Wir haben eine Schülerzahl von ungefähr achthundert. Der größte Teil der Jahrgänge arbeitet in zwei Parallelklassen; für den fünften und sechsten Jahrgang mussten wir sogar je drei Parallelklassen errichten. Die Zahl der Lehrkräfte, die an dieser Institution arbeitet, muss fortdauernd vergrößert werden. Wir können nicht mehr alle Bewerber, die in die Waldorfschule kommen wollen, annehmen. Und bei dieser so tief befriedigenden Sachlage ist in finanzieller Beziehung die Schule der Gegenstand allerschwerster Sorge. Wir stehen schon in den nächsten Monaten vor der Tatsache, dass wir nicht wissen, wie wir die Schule erhalten sollen, wenn nicht die Freunde derselben durch finanzielle Hilfe uns noch mehr unterstützen als bisher. Zunächst hat sich ein stets opferbereites Mitglied unserer Gesellschaft gefunden, das uns für einen Teil der fehlenden Mittel Hilfe gebracht hat. Allein auch damit ist die Höhe des Fehlbetrages, den wir in den nächsten Monaten haben werden, noch nicht gedeckt. Freunde können Hilfe bringen entweder durch Beiträge, oder durch Werbung von Mitgliedern für den WaldorfSchulverein, oder durch Übernahme von Patenschaften für solche Kinder, deren Angehörige das Schulgeld nicht bezahlen können. Man wird sich an das Sekretariat des Waldorf-Schulvereins wenden können, um das Genauere zu erfahren über die Art, in der man helfen kann. - Die Sammlung, zu der Graf Keyserlingk bei der Tagung in Breslau Anregung gegeben hat, war von dem größten Erfolg, den eine einmalige Sammlung haben kann. Aber wir sind darauf angewiesen, dass das hier gegebene Beispiel bei jeder Gelegenheit im Umkreise der Anthroposophischen Gesellschaft Nachfolge findet. Denn nur dadurch wird es möglich sein, die Waldorfschule, deren Arbeit mit so großen Hoffnungen begonnen wurde, die so vielversprechend sich weiterentwickelt, fortzuführen.

[ 4 ] An dem landwirtschaftlichen Kursus haben auch eine Anzahl jüngerer Mitglieder unserer Gesellschaft teilgenommen. Diese fühlten am Ende der Tagung noch das Bedürfnis, ihren Kreis zu versammeln. Das geschah in den frühen Morgenstunden des 17. [Juni]. Aus tiefstem Herzen sprachen da jüngere Freunde über ihre Sehnsucht, im Schaffen und in der Arbeit an die Einsichten aus dem geistigen Gebiete heranzukommen, die den Menschen mit den wirksamen Kräften der Natur verbinden. Es war eine Aussprache aus dem Innersten der Seele der Jugend heraus, die über den unfruchtbaren Materialismus hinauskommen möchte, der mit der Natur nicht verbindet, sondern den Menschen von ihr trennt und seine Arbeit zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Ich durfte bei dieser Jugendversammlung auf die Wege hinweisen, auf denen diese Sehnsucht sich bewegen sollte, um zu einem Ziele zu kommen.

[ 5 ] Ich möchte diese Erzählung nicht abschließen, ohne das noch einmal kurz auszusprechen, was ich schon im Rahmen der geselligen Zusammenkunft gesagt habe. Der befriedigende Fortgang unserer Bewegung in Schlesien steht im innigen Zusammenhange mit dem langjährigen, energischen und einsichtsvollen Wirken des Rektors Bartsch. Durch viele Jahre hindurch hat er durch seine Schriften und durch sein stets eindrucksvolles Wort das für die Sache der Anthroposophie getan, was ein Mensch nur tun kann. Die Gesellschaft verdankt ihm viel. Wie wohltuend ich es stets empfunden habe, wenn meine Arbeit in seinem Wirken eine so kräftige Förderung fortdauernd gefunden hat, das auszusprechen, hatte ich bei der geselligen Zusammenkunft in Breslau das Bedürfnis.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 6 ] 56. Die Daseinsepoche zwischen Tod und neuer Geburt, in der das Karma des Menschen gestaltet wird, kann nur aufgrund der Ergebnisse geistiger Forschung dargestellt werden. Aber es ist immer im Bewusstsein zu halten, dass diese Darstellung der Vernunft einleuchtend ist. Diese braucht nur das Wesen der Sinneswirklichkeit unbefangen zu betrachten, dann wird sie gewahr, dass dieses ebenso auf ein Geistiges hinweist wie die Form eines Leichnams auf das ihm einwohnende Leben.

[ 7 ] 57. Die Ergebnisse der Geisteswissenschaft zeigen, dass der Mensch zwischen Tod und Geburt ebenso Geistesreichen angehört, wie er zwischen Geburt und Tod den drei Reichen der Natur, dem mineralischen, pflanzlichen und tierischen, angehört.

[ 8 ] 58. Das mineralische Reich ist in der augenblicklichen Gestaltung des Menschen zu erkennen, das pflanzliche ist als Ätherleib die Grundlage seines Werdens und Wachsens, das tierische als Astralleib der Impuls für Empfindungs- und Willensentfaltung. Die Krönung des bewussten Empfindungs- und Willenslebens im selbstbewussten Geistesleben macht den Zusammenhang des Menschen mit der Geisteswelt unmittelbar anschaulich.

(Fortsetzung in nächster Nummer.)