Anthroposophische Leitsätze
GA 26
5 October 1924
Worte, die ich anlässlich des im September am Goetheanum abgehaltenen Kurses über die Apokalypse aussprechen möchte
[ 1 ] In die Kurse [eingebettet], die zwischen dem 4. und 23. September hier am Goetheanum gehalten worden sind, war ein solcher für die Priester der Christengemeinschaft. Er war im strengsten Sinne nur auf diesen Kreis beschränkt. Nur die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum waren die einzigen Teilnehmer außerhalb dieses Kreises.
[ 2 ] Die Priesterschaft hatte schon vor längerer Zeit den Wunsch ausgedrückt, für den Inhalt dieses Kurses die Apokalypse zugrunde zu legen.
[ 3 ] Es existiert ein vormals für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gedruckter, von mir in Nürnberg vor den Mitgliedern der damals Theosophischen Gesellschaft 1908 gehaltener Vortragszyklus «Theosophie an der Hand der Apokalypse».
[ 4 ] Mit dem damals Gesagten konnte sich das diesmal Vorgebrachte nicht decken. Damals waren unsere lieben Freunde aus der Mitgliedschaft von der Erwartung erfüllt, vor allem die Erkenntnisse kennenzulernen, die der Mensch über die Entwicklung der Menschheit auf Erden und der Erde innerhalb des Sternensystems durch die Anschauung der übersinnlichen Welt haben kann. Mit einem solchen Thema kann man an den Inhalt der Apokalypse anknüpfen. Denn dieser Inhalt ist eigentlich ein Rätsel für alle diejenigen Persönlichkeiten, die die Bibel lesen. Er steht ja am Ende dieses Buches. Und er enthält in einem prophetischen Charakter Angaben über die Erd- und Menschheitsentwicklung. Indem ich in dem Nürnberger Vortragszyklus zeigen konnte, wie man in der Bildsprache des Apokalyptikers dasjenige vielfach wiederfinden könne, was von den ins Geistige weitergeführten, aber im Sinne neuerer wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit gehaltenen Forschungen der Anthroposophie über die Entwicklung der Menschheit und der Erde innerhalb des Sonnensystems gesagt werden kann, war es möglich, das Verhältnis auch der esoterischen Wahrheiten des Christentums zur Anthroposophie in das rechte Licht zu stellen. Ich konnte gewissermaßen damals die Einsicht vor die Zuhörer stellen davon, dass man ewige, die Menschenseele tief berührende Wahrheiten von zwei Seiten hören könne: von der Seite des im esoterischen Christentum erworbenen Schauens und von der des geisteswissenschaftlichen Erkennens; und man hört ein Gleiches, wenn man richtig hört.
[ 5 ] Diesmal hatte ich eine andere Aufgabe. Und obwohl ich nicht über das berichten werde, was seiner Wesenheit nach eben nur für den Priesterkreis bestimmt sein kann, fühle ich mich doch verpflichtet, hier das zu sagen, was Anthroposophen über einen Vorgang wissen sollen, der sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft abspielt.
[ 6 ] Was als geistige Substanz durch die Priesterschaft der Christengemeinschaft strömt, ist ihr vor zwei Jahren innerhalb des seither abgebrannten Goetheanums aus der geistigen Welt durch meine Vermittlung gereicht worden. Dieses Darreichen war ein solches, dass die Christengemeinschaft gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft völlig selbstständig dasteht. Es konnte bei der Begründung gar nichts anderes als eine solche Selbstständigkeit angestrebt werden. Denn diese Bewegung für christliche Erneuerung ist nicht aus der Anthroposophie herausgewachsen. Sie hat ihren Ursprung bei Persönlichkeiten genommen, die vom Erleben im Christentum heraus, nicht vom Erleben in der Anthroposophie heraus einen neuen religiösen Weg suchten. Sie empfanden den Drang, in einem lebendigen Ergreifen des übersinnlichen Gehaltes des Christentums die Verbindung der Menschenseele mit ihrer ewigen Wesenswelt zu finden. Sie glaubten fest daran, dass es ein solches lebendiges Ergreifen geben müsse. Aber sie empfanden, dass die Wege, die sich ihnen gegenwärtig für die Erlangung des Priesteramtes öffnen, sie zu diesem Ergreifen nicht führen können. So kamen denn diese Zöglinge eines ehrlich und geistgemäß gemeinten Priestertums vertrauensvoll zu mir. Sie hatten Anthroposophie kennengelernt. Sie waren überzeugt, dass ihnen Anthroposophie vermitteln könne, was sie suchten. Aber sie suchten nicht den anthroposophischen Weg, sie suchten einen spezifisch religiösen.
[ 7 ] Ich verwies sie darauf, dass der Kultus und die ihm zugrunde liegende Lehre allerdings durch die Anthroposophie dargereicht werden können, trotzdem die anthroposophische Bewegung die Pflege des geistigen Lebens von anderen Seiten aus als ihre Aufgabe betrachten müsse.
[ 8 ] Es gelang dann, an Dr. Rittelmeyer mit den Bestrebungen dieser Zöglinge eines geistig orientierten christlichen Priestertums heranzutreten. In ihm war eine Persönlichkeit vorhanden, die christlicher Priester „rd Anthroposoph im wahrsten Sinne des Wortes war. Er hatte, zwar ohne den Kultus, aber in weitem Sinne dem Geiste nach, die christliche Erneuerung in dem Wirken seiner Person dargelebt. Aus der Anthroposophischen Gesellschaft heraus für die christliche Erneuerung etwas darreichen, forderte wie selbstverständlich die praktische Frage heraus: Wie wird Rittelmeyer das Dargereichte aufnehmen? Wie wird er sich zu der Verwirklichung des Gewollten stellen? Denn die anthroposophische Bewegung musste in Rittelmeyer das Vorbild einer Persönlichkeit sehen, die Christentum und Anthroposophie in der inneren Harmonie des Herzens und in der äußeren Harmonie des Wirkens vereint hatte.
[ 9 ] Und Rittelmeyer sagte aus vollem Herzen heraus «Ja». Damit war für die selbstständige Bewegung für christliche Erneuerung ein fester Ausgangspunkt gewonnen. Und es konnte, was geschehen sollte, hier im Goetheanum vor zwei Jahren inauguriert werden.
[ 10 ] Seither ist die Priestergemeinschaft der christlichen Erneuerung ihren Weg in der energischsten Weise gegangen. Sie entfaltet eine segensreiche und heilsame Tätigkeit.
[ 11 ] Nach zwei Jahren - der Jahrestag der eigentlichen Begründung fiel in die Kurszeit - empfanden nun diese Priester das Bedürfnis, in ein näheres Verhältnis zur Apokalypse zu treten.
[ 12 ] Ich glaubte für ein solches näheres Verhältnis etwas tun zu können. Meine Geisteswege hatten mir ermöglicht, den Spuren des Apokalyptikers nachzugehen.
[ 13 ] Und so meinte ich, dass ich in diesem Kurse eine Darstellung ermöglichen werde, die dieses «Priesterbuch» im wahren Sinne dem «Priester» als geistigen Führer übermitteln kann. Die Menschen-Weihehandlung steht in der Mitte des Priesterwirkens; von ihr strahlt aus, was durch Kultusart von der Geistwelt in die Menschenwelt dringt. Die Apokalypse kann in der Mitte der Priesterseele stehen; von ihr kann in alles Priesterdenken und Priesterempfinden einstrahlen, was die opfernde Menschenseele aus der Geistwelt gnadevoll empfangen soll. —
[ 14 ] So dachte ich über die Aufgaben dieses Kurses für Priester, als an mich der Wunsch herangetreten ist, ihn zu halten. In diesem Sinne habe ich ihn nun gehalten.
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgegeben werden.
[ 15 ] 100. Die Gedanken haben ihren eigentlichen Sitz im ätherischen Leib des Menschen. Aber da sind sie lebendigwesenhafte Kräfte. Sie prägen sich dem physischen Leibe ein. Und als solche «eingeprägte Gedanken» haben sie die schattenhafte Art, in der sie das gewöhnliche Bewusstsein kennt.
[ 16 ] 101. Was in den Gedanken als Fühlen lebt, das kommt vom astralischen Leib, was als Wollen, vom «Ich» her. Im Schlafen erstrahlt der Ätherleib des Menschen durchaus in dessen Gedankenwelt; nur der Mensch nimmt nicht daran teil, weil er das Fühlen der Gedanken mit dem Astralleib, das Wollen derselben mit dem «Ich» aus dem ätherischen und physischen Leib herausgezogen hat.
[ 17 ] 102. In dem Augenblicke, in dem während des Schlafes der astralische Leib und das Ich das Verhältnis zu den Gedanken des Ätherleibes lösen, gehen sie ein solches zu dem «Karma», zur Anschauung der Geschehnisse durch die wiederholten Erdenleben hindurch ein. Diese Anschauung ist dem gewöhnlichen Bewusstsein versagt; ein übersinnliches Bewusstsein tritt in sie ein.
(Fortsetzung in nächster Nummer.)
