The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53
20 October 1904, Berlin
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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
3. Reinkarnation und Karma
3. Reincarnation and Karma
[ 1 ] Vor acht Tagen sprach ich über die Zusammensetzung des Menschen und über die verschiedenen Teile seiner Wesenheit. Wenn Sie absehen von der feineren Einteilung, die wir damals besprochen haben, so können wir sagen, daß die menschliche Wesenheit zerfällt in die drei Glieder: Leib, Seele und Geist. Nun führt eine Betrachtung dieser drei Glieder der menschlichen Wesenheit zu den großen Gesetzen des menschlichen Lebens, zu ebensolchen Gesetzen der Seele und des Geistes, wie uns die Betrachtung der Außenwelt zu den Gesetzen des physischen Lebens führt. Unsere gebräuchliche Wissenschaft kennt ja nur die Gesetze des physischen Lebens. Sie weiß nichts zu sagen über die Gesetze des seelischen und geistigen Lebens auf den höheren Gebieten. Aber es gibt auf diesen höheren Gebieten ebensolche Gesetze, und diese Gesetze des seelischen und geistigen Lebens sind unzweifelhaft für den Menschen noch wichtiger und bedeutungsvoller als das, was äußerlich im physischen Raume geschieht. Aber die hohe Bestimmung des Menschen, das Begreifen unseres Schicksals, das Begreifen, warum wir in diesem Leibe sind, welchen Sinn dieses Leben hat — die Beantwortung dieser Fragen kann einzig und allein auf den höheren Gebieten des geistigen Lebens gefunden werden.
[ 1 ] Eight days ago, I spoke about the composition of the human being and the various parts of the human being. If we set aside the finer distinctions we discussed at that time, we can say that the human being is divided into three aspects: body, soul, and spirit. Now, a consideration of these three aspects of the human being leads to the great laws of human life—to the very same laws of the soul and spirit—just as a consideration of the external world leads us to the laws of physical life. Our conventional science, of course, knows only the laws of physical life. It has nothing to say about the laws of soul and spiritual life in the higher realms. But there are indeed such laws in these higher realms, and these laws of soul and spiritual life are undoubtedly even more important and significant for human beings than what happens externally in physical space. But humanity’s higher purpose—understanding our destiny, understanding why we are in this body, and what the meaning of this life is—the answers to these questions can be found solely in the higher realms of spiritual life.
[ 2 ] Nun zeigt uns eine Betrachtung des seelischen Lebens das große Grundgesetz des seelischen Lebens, das Gesetz der Entwickelung auf dem seelischen Gebiet, das Gesetz der Wiederverkörperung. Und eine Betrachtung des geistigen Lebens zeigt uns das Gesetz von Ursache und Wirkung im geistigen Leben, das Gesetz, das wir im Physischen genau kennen, daß jegliche Tatsache ihre Ursache hat. Jede Tat des Geisteslebens hat ihre Ursache und muß ihre Ursache haben, und dieses Gesetz im geistigen Leben heißt das Gesetz von Karma. Das Gesetz der Reinkarnation oder Wiederverkörperung besteht darin, daß der Mensch nicht nur einmal lebt, sondern daß das Leben des Menschen in einer ganzen Anzahl von Wiederholungen verläuft, die allerdings einmal einen Anfang genommen haben und einmal ein Ende finden werden. Von anderen Zuständen des Lebens ausgehend ist der Mensch, wie wir in späteren Stunden noch sehen werden, in dieses Gesetz der Reinkarnation eingetreten, und er wird dieses Gesetz später wieder überwinden, um zu anderen Phasen seiner Entwickelung überzugehen. Das Gesetz von Karma sagt, daß unser Schicksal, dasjenige, was wir im Leben erfahren, nicht ohne Ursache ist, sondern daß unsere Taten, unsere Erfahrungen, unsere Leiden und Freuden in einem Leben abhängen von den vorhergehenden Leben, daß wir uns in den verflossenen Lebensläufen unser Schicksal selbst gezimmert haben. Und so wie wir jetzt leben, schaffen wir uns die Ursachen für das Schicksal, das, wenn wir wiederverkörpert werden, uns treffen wird; das wird die Ursache sein, die uns in der Zukunft das Schicksal unseres Lebens bildet.
[ 2 ] Now, a consideration of spiritual life reveals to us the great fundamental law of spiritual life: the law of development in the spiritual realm, the law of reincarnation. And a consideration of spiritual life reveals to us the law of cause and effect in spiritual life—the law we know so well in the physical realm, that every event has its cause. Every act of spiritual life has its cause and must have its cause, and this law in spiritual life is called the law of karma. The law of reincarnation or rebirth consists in the fact that human beings do not live just once, but that human life unfolds in a whole series of repetitions, which, however, once had a beginning and will one day come to an end. Proceeding from other states of life, the human being, as we shall see in later sessions, has entered into this law of reincarnation, and will later overcome this law again in order to pass into other phases of his development. The law of karma states that our destiny—that which we experience in life—is not without cause, but that our deeds, our experiences, our sufferings, and our joys in one life depend on previous lives; that we have fashioned our own destiny in our past lives. And just as we live now, we create the causes for the destiny that will befall us when we are reincarnated; this will be the cause that shapes the destiny of our lives in the future.
[ 3 ] Nun wollen wir uns etwas genauer auf diese Vorstellungen der seelischen Entwickelung und der geistigen Verursachung einlassen. Das Gesetz von der Reinkarnation oder Wiederverkörperung handelt davon, daß die menschliche Seele nicht einmal, sondern viele Male auf dieser Erde erscheint und lebt. Dieses Gesetz in seiner unmittelbaren Tatsächlichkeit kann natürlich nur derjenige vollständig einsehen, der durch die mystischen, theosophischen Methoden sich so weit bringt, daß er imstande ist, auf den seelischen Gebieten des Daseins ebenso zu beobachten wie der gewöhnliche Mensch auf den äußeren Gebieten des sinnlichen Lebens und der sinnlichen Tatsachen. Erst wenn die höheren Tatsachen sich vor seinen seelischen Augen abspielen, wie für den sinnlichen Menschen die Tatsachen der physischen Welt vor den physischen Sinnen sich abspielen, dann ist für ihn die Reinkarnation eine Tatsache. Auch gibt es noch vieles, was der Mensch heute seiner eigentlichen Wesenheit nach noch nicht einsieht, aber er kann es in seinen Wirkungen sehen und deshalb glaubt er daran. Die Wiederverkörperung ist etwas, was die meisten Menschen nicht als Tatsache sehen können, was sie sich auch nicht gewöhnt haben als eine äußere Wirkung zu betrachten, und deshalb glauben sie nicht daran. Auch die Erscheinungen der Elektrizität sind derart, daß jeder Physiker sagen wird, die eigentliche Wesenheit der Elektrizität sei uns unbekannt; aber die Menschen zweifeln nicht daran, daß so etwas wie eine Wesenheit der Elektrizität existiert. Sie sehen die Wirkungen der Elektrizität, das Licht und die Bewegung. Könnten die Menschen die äußere Wirkung dessen, was Erinnerung ist, vor ihren physischen Augen sich abspielen sehen, dann könnten sie nicht zweifeln, daß es eine Wiederverkörperung gibt. Die Erinnerung kann man noch erkennen. Dennoch muß man sich zuerst bekannt machen mit dem, was äußerlich sich ausdrückt von der Wiederverkörperung, um dadurch sich allmählich an den Gedanken zu gewöhnen, um dahin zu kommen, in der richtigen Weise das zu sehen, was die Theosophie Wiederverkörperung nennt.
[ 3 ] Let us now examine these concepts of soul development and spiritual causation in greater detail. The law of reincarnation, or rebirth, holds that the human soul appears and lives on this Earth not just once, but many times. Of course, this law in its immediate reality can only be fully understood by those who, through mystical and theosophical methods, have advanced to the point where they are able to observe the spiritual realms of existence just as the ordinary person observes the external realms of sensory life and sensory facts. Only when the higher realities unfold before his spiritual eyes, just as the realities of the physical world unfold before the physical senses of the sensory human being, does reincarnation become a fact for him. There is also much that human beings today do not yet perceive in terms of their true nature, but they can see it in its effects and therefore believe in it. Reincarnation is something that most people cannot see as a fact, nor have they become accustomed to regarding it as an external effect, and therefore they do not believe in it. The phenomena of electricity are such that any physicist will say that the actual essence of electricity is unknown to us; yet people do not doubt that something like an essence of electricity exists. They see the effects of electricity—the light and the movement. If people could see the external effects of what memory is playing out before their physical eyes, then they could not doubt that reincarnation exists. Memory can still be recognized. Nevertheless, one must first become acquainted with what is outwardly expressed of reincarnation, in order thereby to gradually accustom oneself to the idea, so as to arrive at seeing in the right way what Theosophy calls reincarnation.
[ 4 ] Ich möchte daher zunächst rein äußerlich diejenigen Tatsachen betrachten, die jedem zugänglich sind, die jeder beobachten kann, die er nur nicht gewohnt ist, in die richtigen Gesichtspunkte hineinzurücken. Wenn er sich aber gewöhnte, diese äußeren Tatsachen in die richtigen Gesichtspunkte hineinzurücken, so würde er sich sagen: Ich kenne die Reinkarnation noch nicht als Tatsache, aber ich kann, wie bei der Elektrizität, voraussetzen, daß es so etwas gibt. — Wer die äußeren physischen Tatsachen im richtigen Lichte sehen will, muß das Gesetz der Entwickelung, das wir seit der naturwissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts in der Außenwelt überall wahrnehmen, aufmerksam verfolgen. Er muß sich fragen: Was geschieht vor unseren Augen in der Lebewelt? — Ich bemerke von vornherein, daß ich nur im allgemeinen diese Tatsache streifen will, weil ich in den nächsten Vorträgen über Darwinismus und Theosophie sprechen werde. Alle diejenigen Fragen, die sich an diesen Teil des heutigen Vortrages knüpfen können, knüpfen an an Zweifel und Gedanken darüber, ob die Theosophie durch den modernen Darwinismus zu widerlegen wäre. Diese Fragen werden Sie in dem Vortrage, den ich über acht Tagen halten werde, beantwortet erhalten.
[ 4 ] I would therefore like to begin by considering, from a purely external perspective, those facts that are accessible to everyone, that anyone can observe, but which people are simply not accustomed to viewing from the right perspective. However, if they were to get into the habit of viewing these external facts from the right perspective, they would say to themselves: I do not yet know reincarnation as a fact, but I can, as with electricity, assume that such a thing exists. — Anyone who wishes to see the external physical facts in the right light must closely follow the law of evolution, which we have observed everywhere in the external world since the scientific research of the 19th century. They must ask themselves: What is happening before our eyes in the living world? — I note from the outset that I wish only to touch upon this fact in general terms, because in the next lectures I will speak about Darwinism and Theosophy. All the questions that may arise in connection with this part of today’s lecture relate to doubts and reflections on whether theosophy could be refuted by modern Darwinism. You will find answers to these questions in the lecture I will give in eight days’ time.
[ 5 ] Also, diese Entwickelung müssen wir in der richtigen Weise erfassen. Im 18. Jahrhundert hat noch der große Naturforscher Linné gesagt, daß so viele Pflanzen- und Tierarten nebeneinander existieren, als ursprünglich geschaffen worden sind. Diese Idee wird von keinem Naturforscher mehr geteilt. Die vollkommeneren Lebewesen — so wird angenommen — haben sich aus unvollkommeneren Organismen entwickelt. So hat die Naturwissenschaft das, was man früher nur nebeneinander betrachten konnte, in ein Nacheinander in der Zeit verwandelt. Wenn wir uns nun fragen: Wodurch ist es möglich, daß die Entwickelung geschieht, wodurch ist es möglich, daß im Laufe der Aufeinanderfolge der verschiedenen Arten und Gattungen im Tier- und Pflanzenreiche ein Zusammenhang existiert? — dann kommen wir auf ein Gesetz, welches allerdings für unsere Naturwissenschaft etwas dunkel ist, aber doch zusammenhängt mit dem Gesetz der physischen Entwickelung. Und das ist die Tatsache, die sich in der sogenannten Vererbung ausdrückt. Nicht verschieden ist bekanntlich der Nachkomme eines Organismus von seinem Vorfahren. Die Ähnlichkeit tritt uns also entgegen zwischen Vorfahren und Nachkommen. Und dadurch, daß zu dieser Ähnlichkeit im Laufe der Zeit eine Verschiedenheit hinzutritt, entsteht die Mannigfaltigkeit. Sie ist sozusagen ein Ergebnis zweier Faktoren: dessen, worin die Nachkommen ihren Vorfahren gleichen, und dessen, worin sie sich verschieden zeigen. Dadurch entsteht auch die Mannigfaltigkeit der Tier- und Pflanzengestalt von der unvollkommensten bis zur vollkommensten. Niemals wäre einzusehen, warum die Verschiedenheit vorhanden ist, wenn nicht das Gesetz der Vererbung da wäre. Und es könnte auch nicht eingesehen werden, warum der Nachkomme verschieden ist, so daß sich diese Verschiedenheit zu der Ähnlichkeit hinzugesellt. Diese Verbindung zwischen Ähnlichkeit und Verschiedenheit gibt den Begriff der physischen Entwickelung. Sie finden ihn im Pflanzen-, Tier- und Menschenleben. Wenn Sie aber fragen: Was entwickelt sich im Physischen, was im Pflanzenleben, was im Tier- und was im Menschenleben? — dann bekommen wir einen durchgreifenden Unterschied heraus zwischen dem Menschenleben und dem Tierleben.
[ 5 ] So, we must understand this development correctly. In the 18th century, the great naturalist Linnaeus still maintained that as many plant and animal species exist side by side as were originally created. No naturalist shares this view anymore. It is assumed that the more perfect living beings have evolved from less perfect organisms. Thus, natural science has transformed what could previously only be viewed as existing side by side into a sequence in time. If we now ask ourselves: What makes evolution possible? What makes it possible for a connection to exist in the succession of different species and genera in the animal and plant kingdoms?—then we arrive at a law that is admittedly somewhat obscure to our natural science, yet is connected to the law of physical development. And that is the fact expressed in what is called heredity. As is well known, the offspring of an organism is not different from its ancestor. We thus observe a similarity between ancestors and descendants. And because a difference is added to this similarity over time, diversity arises. It is, so to speak, the result of two factors: that in which the descendants resemble their ancestors, and that in which they differ. This also gives rise to the diversity of animal and plant forms, from the most imperfect to the most perfect. It would be impossible to understand why this difference exists if the law of heredity were not present. Nor could one understand why the descendant is different, so that this difference is added to the similarity. This connection between similarity and difference gives rise to the concept of physical development. You find it in plant, animal, and human life. But if you ask: What develops in the physical realm, what in plant life, what in animal life, and what in human life? — then we arrive at a fundamental difference between human life and animal life.
[ 6 ] Diesen Unterschied muß man sich klargemacht haben, vollständig durchdacht haben, dann wird man nicht stehenbleiben dort, wo der physische Forscher stehenbleibt. Man wird sich gezwungen fühlen, weiterzuschreiten, man wird den Gedanken der Entwickelung wesentlich erweitern müssen. Nur das Hängen an alten Denkgewohnheiten macht es, daß die Menschen nicht zu höheren Entwickelungsstufen kommen können. Diesen Unterschied möchte ich nun bei der Menschheit und bei der Tierheit klarmachen. Er drückt sich in einer Tatsache aus, die unbestreitbar ist, aber nur nicht genügend berücksichtigt wird. Wenn man sie aber gefaßt hat, dann ist sie lichtbringend und durchaus aufklärend. Diese Tatsache kann man mit dem Schlagworte ausdrücken: Der Mensch hat eine Biographie, das Tier hat keine Biographie. — Natürlich wird jeder Hunde-, Pferde-, Affenbesitzer einwenden, daß ein Tier eigentümliche, individuelle Neigungen und in gewisser Beziehung ein individuelles Dasein hat, und daß man daher auch die Biographie eines Hundes, eines Pferdes oder eines Affen schreiben kann. Das soll nicht bezweifelt werden. Aber in demselben Sinne kann man auch die Biographie einer Schreibfeder schreiben. Niemand wird aber bestreiten, daß es nicht dasselbe ist, wenn wir von einer menschlichen Biographie sprechen. Überall sind nur Übergänge, Gradunterschiede, und daher gilt das, was für den Menschen vorzugsweise gilt, im übertragenen Sinne auch für untergeordnete Wesen, ja es kann sogar auf äußerliche Dinge angewendet werden. Warum sollten wir nicht die Eigenschaften eines Tintenfasses beschreiben können? Aber Sie werden doch finden, daß ein radikaler Unterschied besteht zwischen der Biographie eines Menschen und der Biographie eines Tieres. Wenn wir sprechen wollen von dem, was uns beim Tiere in gleichem Maße interessiert wie beim einzelnen Menschen die Biographie, dann müssen wir die Beschreibung der Gattung liefern. Wenn wir einen Hund, einen Löwen beschreiben, dann hat das, was wir beschreiben, Gültigkeit für alle Hunde oder für alle Löwen. Wir brauchen dabei nicht an Biographien hervorragender Menschen zu denken. Wir können die Biographie eines Herrn Lehmann oder eines Herrn Schulze schreiben. Sie unterscheidet sich doch wesentlich von jeder Tierbiographie, und sie ist für den Menschen von gleichem Interesse wie die Beschreibung der Gattung für das Tierleben ist.
[ 6 ] One must have made this distinction clear to oneself and thought it through thoroughly; only then will one not stop where the physical researcher stops. One will feel compelled to move forward; one will have to significantly expand the concept of evolution. It is only clinging to old ways of thinking that prevents people from reaching higher stages of development. I would now like to clarify this distinction with regard to humanity and the animal kingdom. It is expressed in a fact that is indisputable but is simply not given sufficient consideration. But once grasped, it is illuminating and thoroughly enlightening. This fact can be expressed with the following statement: Man has a biography; the animal has no biography. — Of course, every dog, horse, or monkey owner will object that an animal has peculiar, individual inclinations and, in a certain sense, an individual existence, and that one can therefore also write the biography of a dog, a horse, or a monkey. That is not to be doubted. But in the same sense, one can also write the biography of a quill pen. No one will dispute, however, that it is not the same when we speak of a human biography. Everywhere there are only transitions, degrees of difference, and therefore what applies primarily to humans also applies, in a figurative sense, to subordinate beings; indeed, it can even be applied to external objects. Why should we not be able to describe the characteristics of an inkwell? But you will surely find that there is a radical difference between the biography of a human being and the biography of an animal. If we wish to speak of what interests us in animals to the same extent as the biography of an individual human being, then we must provide a description of the species. When we describe a dog or a lion, what we describe applies to all dogs or to all lions. We need not think of the biographies of outstanding people. We can write the biography of a Mr. Lehmann or a Mr. Schulze. Yet it differs significantly from any animal biography, and it is of equal interest to humans as the description of the species is to animal life.
[ 7 ] Damit ist gesagt für jeden, der in dieser Weise ganz und gar präzis denkt: Die Biographie bedeutet für den Menschen das, was die Gattungsbeschreibung für das Tier bedeutet. Im Tierreich spricht man daher von einer Entwickelung der Gattung und der Arten; beim Menschen muß man beim Individuum einsetzen. Der Mensch ist eine Gattung für sich, nicht im physischen Sinne, insofern der Mensch auf der höchsten Stufe der Tierheit ist, denn in bezug auf das Gattungsmäßige ist es beim Menschen ebenso wie bei den Tieren: Wenn wir den Menschen als Gattung beschreiben, beschreiben wir ihn so, wie wir die Löwengattung oder die Tigerart, die Katzenart beschreiben. Wesentlich anders ist die Beschreibung des Individuellen des Menschen. Das Individuelle des Menschen ist eine Gattung für sich. Dieser Satz, durch und durch begriffen, ist das, was uns zu einer höheren Fassung des Beschreibens der Evolution innerhalb des Menschenreiches führt. Wenn Sie über das Gattungsmäßige des Menschen sich unterrichten wollen, wenn Sie sich unterrichten wollen über dasjenige, was äußerliche Gestalt ist — denn das ist das Gattungsmäßige am Menschen —, dann werden Sie ganz wie in der tierischen Entwickelung zum Begriffe der Vererbung Ihre Zuflucht nehmen, dann werden Sie wissen, warum Schiller eine bestimmte Gestalt der Nase, eine bestimmte Physiognomie trug; dann werden Sie die Gestalt Schillers mit mehr oder weniger Glück von seinen Ahnen herleiten. Darüber hinaus geht das, was die Biographie des Menschen ist. Da handelt es sich erst um dasjenige, wodurch sich der eine Mensch von allen anderen radikal unterscheidet. Von diesen zwei Gebieten ist das Gattungsmäßige für den Begriff der Reinkarnation oder Wiederverkörperung nicht wichtig. Das, worauf es ankommt, ist das andere Gebiet, das wir als das eigentliche Seelische, als das Innenleben des Menschen von dem Gattungsmäßigen unterscheiden, dasjenige, was den einen Menschen unterscheidet von jedem anderen.
[ 7 ] This makes it clear to anyone who thinks in this entirely precise manner: Biography means to humans what the description of a genus means to animals. In the animal kingdom, therefore, one speaks of the evolution of genera and species; with humans, one must begin with the individual. Human beings are a genus unto themselves, not in the physical sense—insofar as humans are at the highest level of animality—for in terms of generic characteristics, the situation with humans is the same as with animals: when we describe humans as a genus, we describe them in the same way we describe the lion genus or the tiger species, the cat species. The description of the individual human being is fundamentally different. The individual human being is a genus unto itself. This statement, thoroughly understood, is what leads us to a higher conception of describing evolution within the human realm. If you wish to learn about the generic nature of human beings, if you wish to learn about what constitutes external form—for that is the generic nature of human beings—then, just as in the development of animals, you will turn to the concept of heredity; then you will know why Schiller had a certain shape of nose, a certain physiognomy; then you will, with more or less success, trace Schiller’s features back to his ancestors. Beyond that lies what constitutes a person’s biography. It is here that we find what radically distinguishes one human being from all others. Of these two realms, the generic aspect is not relevant to the concept of reincarnation or re-embodiment. What matters is the other realm, which we distinguish from the generic as the actual soul, as the inner life of the human being—that which distinguishes one human being from every other.
[ 8 ] Sie alle wissen, daß ein jeder von uns ein ganz besonderes Seelenleben hat und daß es sich ausdrückt in dem, was wir unsere eigentlichen Sympathien und Antipathien nennen, was wir unseren Charakter nennen, was wir als die eigentümliche Art erkennen, wie wir uns seelisch darleben können. So wie dasjenige, wodurch die Löwen etwas leisten, den spezifischen Stempel der Löwen, der Löwenart trägt, so trägt die spezifische Leistung eines Herrn Müller oder Lehmann die spezifische Prägung dieser einzelnen Seelen. Sympathie, Antipathie, Neigungen, Gewohnheiten, kurz, alles was wir das Temperament eines Menschen und was wir seinen Charakter nennen - seine Begierden, Triebe, Leidenschaften, die Art und Weise, ob er stark oder schwach, so oder so geartet zu sein wünscht —, das können wir nur im Menschen als Individuelles ansprechen. Wir finden allerdings schon im Tierreich überall dasselbe, was wir jetzt lebenden Menschen als das Eigentümliche der Seele betrachtet haben. Wir finden da auch Sympathien und Antipathien, Neigungen, Triebe, ja einen bestimmten Charakter. Wir nennen im allgemeinen, wiederum von feineren Unterschieden abgesehen, die Summe dessen, was wir beim Tier als seine Gewohnheiten beobachten, die Äußerung der tierischen Instinkte. Nun hat die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts versucht, auch diesen Instinkt, dieses Seelische im Tier, zu erklären wie die äußere Gestalt, nämlich durch Vererbung. Man hat gesagt, die Tiere verrichten gewisse Tätigkeiten, und dadurch, daß sie viele Tätigkeiten oft und oft verrichtet haben, prägen sich diese Tätigkeiten in ihre Natur ein, so daß sie gewohnheitsmäßig werden; dann erscheinen sie bei den Nachkommen vererbt als bestimmte Instinkte, etwa wenn man bestimmte Hunde anhält, schnell zu laufen, indem man sie zur Jagd verwendet. Durch diese Übung des Schnellaufens werden die Nachkommen dieser Hunde dann schon mit dem Instinkt des Schnellaufens als so veranlagte Jagdhunde geboren. Das ist die Art und Weise, wie Lamarck die Instinkte der Tiere zu erklären sucht; sie sollen vererbte Übungen sein.
[ 8 ] You all know that each of us has a very special inner life, and that this is expressed in what we call our true sympathies and antipathies, what we call our character, and what we recognize as the unique way in which we can express ourselves emotionally. Just as that which enables lions to accomplish something bears the specific stamp of lions, of the lion species, so too does the specific achievement of a Mr. Müller or Mr. Lehmann bear the specific imprint of these individual souls. Sympathy, antipathy, inclinations, habits—in short, everything we call a person’s temperament and what we call their character—their desires, drives, passions, the way in which they wish to be strong or weak, of one disposition or another—we can address these only in human beings as individual entities. We do, however, find everywhere in the animal kingdom the very same things that we have just regarded as the distinctive features of the soul in living human beings. We find there too sympathies and antipathies, inclinations, drives, indeed a certain character. We generally call, again apart from finer distinctions, the sum of what we observe in the animal as its habits, the expression of animal instincts. Now, nineteenth-century natural science attempted to explain this instinct, this psychological aspect in animals, in the same way as external form—namely, through heredity. It was said that animals perform certain activities, and because they have performed many activities over and over again, these activities become imprinted in their nature, so that they become habitual; then they appear in the offspring as inherited specific instincts, for example, when certain dogs are trained to run fast by using them for hunting. Through this practice of running fast, the offspring of these dogs are then born with the instinct to run fast as hunting dogs predisposed to do so. This is the way in which Lamarck seeks to explain the instincts of animals; they are supposed to be inherited practices.
[ 9 ] Eine wirkliche Überlegung zeigt aber sehr bald, daß gerade die komplizierten Instinkte unmöglich vererbt sein können und unmöglich zusammenhängen können mit irgendeiner vererbten Übung. Gerade diejenigen Instinkte, die am kompliziertesten sind, zeigen ihrer bloßen Natur nach den Beobachtern, daß man unmöglich davon sprechen kann, daß sie von der Vererbung herrühren. Nehmen Sie eine Fliege, welche davonfliegt, wenn man in ihre Nähe kommt. Das ist eine instinktive Äußerung. Wodurch soll die Fliege diesen Instinkt erworben haben? Die Vorfahren müßten diesen Instinkt nicht gehabt haben. Sie müßten die bewußte oder unbewußte Erfahrung gemacht haben, daß ihnen das Sitzenbleiben unter gewissen Umständen schädlich ist, und dadurch müßten sie sich angewöhnt haben, wegzufliegen, um den Schaden zu vermeiden. Wer den Zusammenhang wirklich übersieht, wird kaum in der Lage sein, zu sagen, daß so und so viele Insekten, weil sie gefunden haben, daß sie getötet werden, sich angewöhnt haben fortzufliegen, um nicht getötet zu werden. Um diese Erfahrungen an ihre Nachkommen weiterzugeben, hätten sie ja am Leben bleiben müssen. Also, Sie sehen, es ist unmöglich, so von Vererbung zu sprechen, ohne sich in die schlimmsten Widersprüche zu verwickeln. Wir könnten von hundert und tausend Fällen sprechen, wo Tiere nur ein einziges Mal etwas tun. Nehmen Sie die Einpuppung: Das wird nur einmal im Leben gemacht, und daraus geht schlagend hervor, daß es nicht möglich ist, von einer Vererbung wie im physischen Leben auch auf dem Gebiete des seelischen Lebens zu sprechen. Daher verläßt der Naturforscher den Satz vollständig, daß die Instinkte vererbte Übungen seien. Hier haben wir es nicht zu tun mit einer Übertragung dessen, was im physischen Leben unmittelbar erfahren ist, sondern mit einer Wirkung der Tierseelenwelt. Wir werden in den nächsten Vorträgen etwas genauer über diese Tierseelenwelt sprechen. Wir können uns heute begnügen mit der Feststellung der Unmöglichkeit, von der Übertragung seelischer Eigenschaften von Vorfahren auf Nachkommen in demselben Sinne zu sprechen, wie man im physischen spricht von Vererbung. Dennoch aber muß der Mensch, wenn er überhaupt Sinn und Verstand in der Welt sehen will, einen Zusammenhang in die Welt hineinbringen; er muß in der Lage sein, eine jegliche Wirkung auf ihre Ursache zurückzuführen. Es muß also dasjenige, was im individuellen Seelenleben auftritt, was auftritt beim einzelnen menschlichen Individuum an Sympathien und Antipathien, an Äußerungen des Temperamentes und des Charakters, auf Ursachen zurückgeführt werden können.
[ 9 ] However, a moment’s reflection quickly reveals that it is precisely the complex instincts that cannot possibly be inherited and cannot possibly be linked to any inherited practice. Precisely those instincts that are the most complex reveal to observers, by their very nature, that one cannot possibly claim they derive from heredity. Take a fly that flies away when one approaches it. This is an instinctive response. How is the fly supposed to have acquired this instinct? Its ancestors would not have had this instinct. They would have had to have made the conscious or unconscious experience that remaining in one place is harmful to them under certain circumstances, and through this they would have had to have acquired the habit of flying away to avoid the harm. Anyone who truly overlooks the context will hardly be able to say that so many insects, because they found that they were being killed, got into the habit of flying away to avoid being killed. To pass these experiences on to their offspring, they would have had to stay alive. So, you see, it is impossible to speak of heredity in this way without entangling oneself in the worst contradictions. We could speak of hundreds and thousands of cases where animals do something only once. Take pupation: This is done only once in a lifetime, and from this it is strikingly evident that it is not possible to speak of heredity in the realm of the soul life in the same way as in physical life. Therefore, the natural scientist completely abandons the notion that instincts are inherited habits. Here we are not dealing with a transmission of what is directly experienced in physical life, but with an effect of the animal soul world. We will speak in more detail about this animal soul world in the coming lectures. Today we can content ourselves with the observation that it is impossible to speak of the transmission of soul qualities from ancestors to descendants in the same sense as one speaks of heredity in the physical realm. Nevertheless, if a person wishes to perceive any meaning or order in the world at all, they must introduce a connection into the world; he must be able to trace every effect back to its cause. Thus, whatever occurs in the individual soul life—whatever arises in the individual human being in terms of sympathies and antipathies, expressions of temperament and character—must be traceable to causes.
[ 10 ] Nun treten uns die Menschen verschieden in bezug auf ihre Eigenschaften entgegen. Wir müssen daher die Verschiedenheit der menschlichen Individuen erklären. Wir können sie nicht anders erklären, als daß wir auf seelischem Gebiete denselben Begriff der Entwickelung einführen, wie wir ihn im Physischen haben. So unsinnig es wäre, wenn man glauben wollte, daß ein vollkommener Löwe als Gattung plötzlich aus der Erde herausgewachsen sei oder daß ein unvollkommenes Tier sich plötzlich entwickelt habe, ebenso unmöglich ist es, daß das Individuelle des Menschen sich aus dem Unbestimmten heraus entwickelt hat. Wir müssen das Individuelle ebenso ableiten, wie wir die vollkommene Gattung von einer unentwickelten Gattung ableiten. Niemand wird, wenn er wirklich nachdenkt, die seelischen Eigenschaften eines Menschen ebenso wie die körperlichen Eigenschaften in ehrlicher Weise durch Vererbung erklären wollen. Was mit dem Körper zusammenhängt, was dadurch bedingt ist, daß ich schwächere Hände habe als der andere, das ist physische Vererbung. Dadurch, daß ich eine schwache Körpergestalt habe, wird auch die Schwäche der Hand eine größere sein als bei einem anderen, der eine stärkere Körpergestalt hat. Alles was mit dem physischen Leib zusammenhängt, kann seiner Entwickelung nach mit dem Worte Vererbung getroffen werden, nicht aber das, was dem inneren Seelenleben angehört. Wer wollte Schillers charakteristische Eigenart, seine Begabung, sein Temperament und so weiter, oder das Talent eines Newton auf die Vorfahren zurückführen? Wer die Augen verschließt, wird das tun können. Aber es ist unmöglich, zu einer solchen Betrachtung zu kommen für den, der sich nicht so verschließt. Wenn der Mensch als seelisches Wesen seine eigene Gattung ist, so müssen die komplizierten seelischen Eigenschaften, die uns bei diesem oder jenem Wesen entgegentreten, nicht auf seine physischen Vorfahren zurückgeführt werden, sondern sie müssen zurückgeführt werden auf andere Ursachen in der Vorzeit, die anderswo gestanden haben als bei den Vorfahren. Und da die Ursachen nur dem einzelnen Menschen zukommen, so haben sie auch nur mit dem einzelnen Menschen zu tun. Und wie wir beim Tier den Löwen nicht verfolgen können in der Bärengattung, so kann auch die Individualität nicht von einem anderen Menschen abgeleitet werden, sondern nur von dem Menschen selbst, weil der Mensch das Individuum der eigenen Gattung ist. Deshalb kann er nur von ihm selber abgeleitet werden. Weil der Mensch gewisse Eigenschaften mitbringt, die ihn ebenso bestimmen wie den Löwen die Gattung bestimmt, so müssen sie auch von dem Individuum selber abgeleitet werden. Wir kommen so zu der Kette der verschiedenen Verkörperungen, die der einzelne Mensch ebenso wie die Löwengattung, die ganze Gattung, bereits durchgemacht haben muß. Das ist die äußere Betrachtungsweise. Wenn wir im physischen Leben uns umsehen, so erscheint es uns nur verständlich, wenn wir imstande sind, über die bloße Vererbung hinauszugehen und ein Gesetz der Wiederverkörperung zu denken, das das Naturgesetz auf der seelischen Stufe ist.
[ 10 ] People now present themselves to us with different characteristics. We must therefore explain the diversity of human individuals. We cannot explain it otherwise than by introducing the same concept of development in the spiritual realm as we have in the physical. Just as it would be absurd to believe that a perfect lion, as a species, suddenly sprang from the earth or that an imperfect animal suddenly developed, so too is it impossible that the individuality of human beings developed out of the indeterminate. We must derive the individual just as we derive the perfect species from an undeveloped species. No one, if they really think about it, would honestly want to explain a person’s spiritual characteristics—just as they would their physical characteristics—through heredity. What is connected to the body, what is determined by the fact that I have weaker hands than another person, that is physical heredity. Because I have a weak physical constitution, the weakness of my hands will also be greater than that of another person who has a stronger physical constitution. Everything connected with the physical body can, in terms of its development, be described by the word “heredity,” but not that which belongs to the inner life of the soul. Who would attribute Schiller’s characteristic traits, his gifts, his temperament, and so on, or Newton’s talent, to his ancestors? Only those who close their eyes will be able to do so. But it is impossible to arrive at such a view for those who do not close their eyes in this way. If the human being, as a spiritual being, is a species unto itself, then the complex spiritual qualities we encounter in this or that individual must not be attributed to their physical ancestors, but must be attributed to other causes in the past that lay elsewhere than with the ancestors. And since the causes pertain only to the individual human being, they also have to do only with the individual human being. And just as we cannot trace the lion back to the bear species in the animal kingdom, so too can individuality not be derived from another human being, but only from the human being himself, because the human being is the individual of his own species. Therefore, it can only be derived from the individual himself. Because the human being possesses certain characteristics that define him just as the species defines the lion, these must also be derived from the individual himself. We thus arrive at the chain of various incarnations that the individual human being, just like the lion species—the entire species—must already have undergone. This is the external perspective. When we look around us in physical life, it seems only understandable to us if we are able to go beyond mere heredity and conceive of a law of reincarnation that is the natural law on the spiritual level.
[ 11 ] Für denjenigen, der überhaupt seelisch beobachten kann, liegt hier nicht eine Hypothese, sondern eine Schlußfolgerung vor. Was ich gesagt habe, ist doch nur eine Schlußfolgerung. Die Tatsache der Wiederverkörperung selbst liegt für denjenigen vor, der sich durch die Methoden der Mystik und Theosophie erheben kann zu dem direkten Beobachten. In der letzten Stunde wollten wir gleichsam theosophisch mikroskopieren lernen. Heute wollen wir konstatieren, daß Theosophen so weit sind, daß das, was wir Sympathien und Antipathien, Leidenschaften und Wünsche, kurz, Charakter nennen, vor ihrem seelischen Auge als eine Tatsache daliegt wie vor dem Auge des physischen Beobachters die äußere physische Gestalt. Wenn das der Fall ist, dann ist der Seelenbeobachter in derselben Lage wie der äußere Forscher, dann hat der Seelenbeobachter dieselben Tatsachen vorliegen, dann betrachtet er das komplizierte Gebilde, jene Lichtgestalt, die in der äußeren Gestalt eingebettet ist, ebenso als äußere Wirklichkeit, wie die äußere Gestalt für den physischen Beobachter Wirklichkeit ist. Dieses aurische Gebilde drückt für ihn in dem einen Falle die Tatsache aus, daß er es zu tun hat mit einem hohen, vollkommenen seelischen Lebewesen, mit einer differenzierten, organisierten, mit vielen Organen ausgestatteten Aura, wie wir es beim Löwen zu tun haben mit einem Wesen, das viele Organe hat.
[ 11 ] For anyone capable of spiritual observation, this is not a hypothesis but a conclusion. What I have said is, after all, merely a conclusion. The fact of reincarnation itself is evident to anyone who, through the methods of mysticism and theosophy, can rise to the level of direct observation. In the last session, we sought, as it were, to learn theosophical microscopy. Today we wish to state that theosophists have reached the point where what we call sympathies and antipathies, passions and desires—in short, character—lies before their spiritual eye as a fact, just as the outer physical form lies before the eye of the physical observer. If this is the case, then the soul-observer is in the same position as the external researcher; then the soul-observer has the same facts before him; then he regards the complex structure—that luminous form embedded in the external form—as an external reality just as the external form is reality for the physical observer. This auric structure expresses to him, in this case, the fact that he is dealing with a high, perfect spiritual being, with a differentiated, organized aura equipped with many organs, just as we are dealing with a being that has many organs in the case of the lion.
[ 12 ] Und wenn wir die Seele, die Aura betrachten bei unvollkommenen Wilden, dann erscheint sie relativ einfach; sie erscheint in einfachen Farben, erscheint so, daß wir diese einfache Aura, diese undifferenzierte, farbenarme Aura des Wilden in bezug auf ihre Vollkommenheit zu der komplizierten Aura eines europäischen Kulturmenschen in denselben Gegensatz bringen können wie eine unvollkommene Schnecke oder Amöbe zu dem vollkommenen Löwen. Und dann verfolgen wir auf dem seelischen Gebiete die Entwikkelung geradeso wie die Aura. Dann sehen wir, daß eine vollkommene Aura nur entstehen kann auf dem Wege der Entwickelung, indem wir nämlich sehen, daß die Aura, wenn wir nach rückwärts gehen, eine unvollkommenere war. Das liefert für denjenigen, der auf diesem Gebiete beobachten kann, eine unmittelbare Beobachtung des seelischen Lebens selbst.
[ 12 ] And when we consider the soul, the aura, of imperfect savages, it appears relatively simple; it appears in simple colors, appearing in such a way that we can contrast this simple aura—this undifferentiated, colorless aura of the savage—with the complex aura of a cultured European in terms of its perfection, just as we might contrast an imperfect snail or amoeba with the perfect lion. And then we trace the development in the spiritual realm just as we do with the aura. Then we see that a perfect aura can only arise through the process of development, namely by observing that the aura, when we look back, was a more imperfect one. This provides, for those who can observe in this realm, a direct observation of spiritual life itself.
[ 13 ] Wenn wir nun zum Geistesleben aufsteigen, dann tritt uns das physische Gesetz von Ursache und Wirkung im höheren Leben entgegen, das Gesetz von Karma. Dieses Gesetz von Karma besagt für den Geist genau dasselbe, was das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gesetz der Kausalität, für die äußeren, physischen Erscheinungen besagt. Wenn Sie irgendeine Tatsache in der äußeren physischen Welt sehen, wenn Sie sehen, daß ein Stein zur Erde fällt, dann fragen Sie: Warum fällt der Stein? - Und Sie ruhen so lange nicht, bis Sie die Ursache festgestellt haben. Wenn Sie geistige Erscheinungen haben, müssen Sie ebenso nach den geistigen Ursachen fragen. Und wie nahe liegen uns die geistigen Tatsachen! Der eine ist ein Mensch, den wir einen glücklichen nennen, ein anderer ist sein ganzes Leben hindurch zum Unglück verurteilt. Was wir Menschenschicksal nennen, schließt sich in die Frage ein: Warum ist dieses und jenes? Vor diesem Warum steht die ganze äußere Wissenschaft vollständig ratlos da, weil sie ihr Gesetz von Ursache und Wirkung nicht anzuwenden weiß auf die geistigen Erscheinungen. Wenn Sie eine Metallkugel haben und Sie werfen diese Metallkugel ins Wasser, so wird eine ganz bestimmte Tatsache geschehen. Die Tatsache wird aber eine ganz andere, wenn Sie die Metallkugel zuerst glühend gemacht haben. Die verschiedenen Erscheinungen werden Sie sich nach Ursache und Wirkung klarzumachen suchen. Und ebenso müssen Sie im geistigen Leben fragen: Warum glückt etwas dem einen Menschen, dem anderen nicht? Warum glückt mir dieses, warum ein anderes nicht? — Dies führt dazu, zu erkennen, woran es liegt, daß eine bestimmte Tatsache eine ganz bestimmte Charaktereigenschaft in der Wirklichkeit aufweist. Dadurch, daß ich die Metallkugel erst erhitzt habe, entsteht jenes Sieden im Wasser. Nicht vom Wasser hängt es ab, sondern die Veränderung, die vorher mit der Metallkugel vorgegangen ist, bewirkt das Schicksal, welches die Metallkugel im Wasser erfährt. So hängt das Schicksal der Metallkugel davon ab, welche Zustände sie vorher durchgemacht hat; davon hängt ab, was für Erscheinungen bei einem nachfolgenden Erlebnis dieser Kugel an sie herantreten — um bei dem Beispiel zu bleiben.
[ 13 ] When we now ascend to the spiritual life, we encounter the physical law of cause and effect in the higher realm: the law of karma. This law of karma applies to the spirit in exactly the same way as the law of cause and effect—the law of causality—applies to external, physical phenomena. When you observe any fact in the outer physical world, when you see a stone falling to the ground, you ask: Why is the stone falling?—and you do not rest until you have determined the cause. When you encounter spiritual phenomena, you must likewise inquire into the spiritual causes. And how close at hand are spiritual facts! One person is someone we call happy, another is condemned to misfortune throughout his entire life. What we call human destiny is encompassed in the question: Why is this and that? In the face of this “why,” all external science stands completely at a loss, because it does not know how to apply its law of cause and effect to spiritual phenomena. If you have a metal ball and you throw this metal ball into the water, a very specific fact will occur. But the fact will be quite different if you have first made the metal ball red-hot. You will seek to understand the various phenomena in terms of cause and effect. And in the same way, you must ask in spiritual life: Why does something succeed for one person but not for another? Why does this succeed for me, why not for another? — This leads to recognizing why a certain fact exhibits a very specific character trait in reality. It is because I first heated the metal ball that the boiling occurs in the water. It does not depend on the water, but rather the change that previously took place with the metal ball determines the fate that the metal ball experiences in the water. Thus, the fate of the metal ball depends on the conditions it has previously undergone; this determines what phenomena will approach it in a subsequent experience—to stick with the example.
[ 14 ] Wir müssen also sagen: Jede Handlung, die ich begehe, trägt ebenso zu meinem geistigen Menschen bei, verändert meinen geistigen Menschen, wie die Erhitzung die physische Metallkugel verändert hat. Hier ist ein noch feineres Denken notwendig als auf dem seelischen Gebiet. Hier muß man mit Geduld und Ruhe sich klarmachen, daß durch eine Handlung der geistige Mensch verändert wird. Wenn heute jemand etwas stiehlt, so ist das eine Handlung, die den geistigen Menschen mit einer niedrigeren Eigenschaft stempelt, als wenn ich einem Menschen wohltue. Es ist nicht dasselbe, ob ich eine moralische Handlung begehe oder eine physische. Was die erhitzte Metallkugel für das Wasser ist, das ist der moralische Stempel für den Menschen. Ebensowenig wie etwas Physisches ohne Wirkung bleiben wird für die Zukunft, ebensowenig wird der moralische Stempel für die Zukunft ohne Wirkung bleiben. Auch im Geistigen gibt es keine Ursachen ohne entsprechende Wirkung. Daraus folgt das große Gesetz, daß jede Handlung notwendigerweise eine Wirkung hervorbringen muß, eine Wirkung für das betreffende Geistwesen. An dem Geistwesen selbst, an dem Schicksal des Geistwesens, muß sich der moralische Stempel zum Ausdruck bringen.
[ 14 ] We must therefore say: Every action I perform contributes to my spiritual being and changes it, just as the heating process changed the physical metal ball. Here, an even more subtle way of thinking is required than in the realm of the soul. Here one must calmly and patiently realize that an action changes the spiritual human being. If someone steals something today, that is an action that stamps the spiritual human being with a lower quality than if I do a good deed for another person. It is not the same whether I perform a moral action or a physical one. What the heated metal ball is to the water, that is the moral stamp to the human being. Just as a physical act will not remain without effect for the future, so too will the moral stamp not remain without effect for the future. In the spiritual realm, too, there are no causes without corresponding effects. From this follows the great law that every action must necessarily produce an effect—an effect for the spiritual being in question. The moral imprint must find expression in the spiritual being itself, in the destiny of the spiritual being.
[ 15 ] Dieses Gesetz, durch das der moralische Stempel einer Handlung unter allen Umständen zur Wirkung kommen muß, ist das Gesetz von Karma. So haben wir die Begriffe von Reinkarnation und Karma kennengelernt. Mancherlei wird eingewendet gegen diese Begriffe; gegen deren allgemeinen Charakter kann aber durch den wirklichen Denker nichts eingewendet werden. Das menschliche Leben zeigt uns in allen Erscheinungen, und die äußeren Tatsachen beweisen es, daß Entwickelung auch in dem geistigen Leben da ist, daß Ursache und Wirkung auch im geistigen Leben vorhanden sind. Auch diejenigen, welche nicht auf dem Standpunkte der Theosophie stehen, haben versucht, Ursache und Wirkung auch auf dem geistigen Gebiete zu suchen, so zum Beispiel ein Philosoph der neueren Zeit, Paul Ree, der Freund Friedrich Nietzsches. Er hat eine geistige Erscheinung auf äußerliche Weise durch die Entwickelung zu erklären versucht. Er frägt: Ist das Gewissen immer da gewesen in der Entwickelung? - Und er zeigt dann, daß es Menschen gibt, die das nicht haben, was wir in unserer Entwickelung Gewissen nennen. Er sagt, es hat Zeiten gegeben, in denen so etwas in der menschlichen Seele noch nicht entwickelt war, was wir Gewissen nennen. Dazumal haben die Menschen, verschieden von uns, bestimmte Erfahrungen gemacht. Die Menschen haben gefunden, daß, wenn sie gewisse Taten vollziehen, ihnen diese Taten Bestrafung einbringen, daß die Gesellschaft sich rächt an denjenigen, die der Gesellschaft schaden. Dadurch hat sich innerhalb der menschlichen Seele ein Gefühl für dasjenige, was sein soll, und für dasjenige, was nicht sein soll, entwickelt. Das ist im Laufe der Zeit in eine Art Vererbung übergegangen, und heute werden die Menschen mit dem Gefühl, das sich eben im Gewissen ausdrückt — etwas soll sein oder etwas soll nicht sein —, schon geboren. So hat sich im allgemeinen, so meint Ree, bei der ganzen Menschheit das Gewissen entwikkelt. Ree hat hier in schöner Weise gezeigt, daß wir auch den Begriff der Entwickelung auf die seelischen Eigenschaften, auf das Gewissen also, anwenden können. Hätte er noch einen Schritt weiter gemacht, so wäre er in das Gebiet der Theosophie hineingekommen.
[ 15 ] This law, by which the moral imprint of an action must take effect under all circumstances, is the law of karma. Thus we have become acquainted with the concepts of reincarnation and karma. Many objections are raised against these concepts; however, no true thinker can raise any objection to their fundamental nature. Human life shows us in all its manifestations, and external facts prove it, that evolution is also present in spiritual life, that cause and effect are also present in spiritual life. Even those who do not stand on the standpoint of theosophy have attempted to seek cause and effect in the spiritual realm as well; for example, a philosopher of recent times, Paul Ree, a friend of Friedrich Nietzsche. He attempted to explain a spiritual phenomenon in an external way through evolution. He asks: Has conscience always been present in evolution?—And he then shows that there are people who do not possess what we call conscience in our evolution. He says there have been times when what we call conscience was not yet developed in the human soul. Back then, people had certain experiences that were different from ours. People discovered that when they committed certain acts, these acts brought them punishment, that society took revenge on those who harmed society. Through this, a sense of what ought to be and what ought not to be developed within the human soul. Over time, this has become a kind of inheritance, and today people are born with the feeling that is expressed precisely in the conscience—that something ought to be or ought not to be. This, Ree believes, is how conscience has generally developed throughout humanity. Ree has beautifully demonstrated here that we can also apply the concept of development to the qualities of the soul, that is, to the conscience. Had he taken one more step, he would have entered the realm of theosophy.
[ 16 ] Nur noch eine Erscheinung möchte ich erzählen, das ist die Erscheinung, daß wir in der europäischen Kulturgeschichte geradezu den Punkt genau angeben können, wo überhaupt zuerst vom Gewissen gesprochen wird. Wenn Sie die ganze alte griechische Welt durchgehen und die Beschreibungen und Schilderungen verfolgen, so finden Sie nirgends, nicht einmal in der alten griechischen Sprache, ein Wort für dasjenige, was wir Gewissen nennen. Man hatte kein Wort dafür. Besonders auffallend dürfte sein das, was wir bei Plato über Sokrates erzählen hören. In allen sokratischen Gesprächen ist noch nicht das Wort enthalten, das später — erst im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt - in Griechenland aufgetreten ist. Einige meinen, daß das Dämonium das Gewissen sei. Das kann aber leicht widerlegt werden, und es kann daher nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden. Das Gewissen finden wir nur in der christlichen Welt. Es gibt eine Dramentrilogie, die Orestie von Äschylos. Wenn Sie diese drei Dramen verfolgen, so sehen Sie, daß Orest unter dem unmittelbaren Eindruck des Muttermordes steht. Er hat die Mutter gemordet, weil sie den Vater getötet hat. Nun wird uns vorgeführt, wie Orestes verfolgt wird von den Erinnyen, und es wird uns gezeigt, wie er sich dem Gerichte stellt und das Gericht ihn freispricht. Nichts tritt auf als der Begriff der äußerlich sich rächenden Götter. Es drückt sich der Vorgang aus in der Furcht vor äußeren Gewalten. Nichts ist darin von dem, was den Begriff des Gewissens einschließt.
[ 16 ] I would like to mention just one more point: namely, that in European cultural history we can pinpoint the exact moment when the concept of conscience first appeared. If you go through the entire ancient Greek world and follow the descriptions and accounts, you will find nowhere, not even in the ancient Greek language, a word for what we call conscience. There was no word for it. Particularly striking is what we hear Plato say about Socrates. In all of Socrates’ dialogues, the word that later—only in the last century before the birth of Christ—appeared in Greece is not yet present. Some believe that the daimon is the conscience. But this can easily be refuted, and therefore cannot be seriously considered. We find conscience only in the Christian world. There is a trilogy of plays, the Oresteia by Aeschylus. If you follow these three plays, you will see that Orestes is under the immediate impact of matricide. He murdered his mother because she had killed his father. Now we are shown how Orestes is pursued by the Furies, and we are shown how he faces trial and the court acquits him. Nothing appears but the concept of gods taking vengeance from the outside. The process is expressed in the fear of external powers. There is nothing in it of what the concept of conscience entails.
[ 17 ] Dann folgt Sophokles und dann Euripides. Bei ihnen tritt uns Orest ganz anders entgegen. Warum er sich schuldig fühlt — das tritt uns hier in einer ganz anderen Weise entgegen. Bei diesen Dichtern fühlt Orest sich schuldig, weil er jetzt ein Wissen davon besitzt, ein Unrecht getan zu haben. Und daraus bildet sich im Griechischen und ebenso im Lateinischen das Wort Gewissen. Ein Wissen von seiner eigenen Tat haben, sich beobachten können, bei seiner eigenen Tat sein — das muß sich also erst entwickelt haben. Wenn nun Paul Ree recht hätte, daß das Gewissen eine Folge allgemeiner menschlicher Entwickelung wäre, daß es sich herausentwickelt aus dem, was der Mensch beobachtet, indem er Strafe erhält für dasjenige, was den Mitmenschen schadet, und daß es somit ihm selbst schadet, wenn er etwas tut, was nicht im Sinne einer vernünftigen Weltordnung ist, wenn das die Ursache wäre, dann hätte zweifellos dieses Gewissen auch generell auftreten müssen. Weil die äußere Veranlassung im gleichen Sinne verläuft, so müßte es bei größeren Menschenmassen auftreten; es müßte in einem Stamme zu gleicher Zeit auftreten, artgemäß sich entwikkeln. Hier müßte man die griechische Geschichte als Seelengeschichte studieren. Damals nämlich, als in Griechenland bei einzelnen sich der Begriff entwickelt hat, den wir im älteren Griechenland noch nicht finden, da war eine Zeit, in welcher geradezu die öffentliche Gewissenlosigkeit an der Tagesordnung war. Lesen Sie die Schilderungen der Zeit der Kriege zwischen Athen und Sparta! Wir können also in bezug auf das Gewissen nicht von etwas Artgemäßem sprechen wie beim Tier.
[ 17 ] Then comes Sophocles, followed by Euripides. In their works, Orestes appears to us in a completely different light. The reason he feels guilty—this is presented to us here in a very different way. In these poets, Orestes feels guilty because he now possesses the knowledge that he has committed a wrong. And from this, the word “conscience” is derived in both Greek and Latin. To have knowledge of one’s own deed, to be able to observe oneself, to be present at one’s own deed—this must therefore have developed first. If Paul Ree were right, then—that conscience is a consequence of general human development, that it develops from what a person observes when they receive punishment for actions that harm their fellow human beings, and that it thus harms them personally when they do something that is not in accordance with a rational world order—if that were the cause, then this conscience would undoubtedly have had to arise generally as well. Since the external stimulus operates in the same way, it would have to occur among larger groups of people; it would have to arise simultaneously within a tribe and develop in a manner appropriate to the species. Here one would have to study Greek history as a history of the soul. For at the time when the concept developed in Greece among individuals—a concept we do not yet find in ancient Greece—there was a period in which public lack of conscience was virtually the order of the day. Read the accounts of the period of the wars between Athens and Sparta! We cannot, therefore, speak of anything natural with regard to conscience, as we do in the case of animals.
[ 18 ] Ein weiterer Einwand wird gemacht. Wenn der Mensch wiederholt lebt, so müßte er sich doch an die früheren Leben erinnern. Das ist allerdings nicht so von vornherein einzusehen, warum das zumeist nicht der Fall ist. Man muß sich klarmachen, was Erinnerung heißt und wodurch Erinnerung zustande kommt. Ich habe das letzte Mal bereits ausgeführt, daß der Mensch heute im gegenwärtigen Entwickelungsstadium zwar lebt im seelisch-astralischen und im geistig-mentalen Bereich, daß er sich aber nicht bewußt ist dieser zwei Welten, daß er sich bewußt nur ist der physischen Welt und erst in der Zukunft und auf höheren Stufen das erreichen wird, was heute schon einzelne erreicht haben. Daß er sich bewußt wird im Seelischen und Geistigen, das wird der Durchschnittsmensch erst später erreichen. Der Durchschnittsmensch ist in der physischen Welt bewußt und lebt in der seelischen und geistigen Welt. Das rührt davon her, daß seine eigentliche denkende Kraft, das Gehirn, die physische Welt braucht, um tätig sein zu können. Physisch tätig sein heißt, im physischen Leben sich bewußt werden. Im Schlafe ist der Mensch sich seiner selbst nicht bewußt. Wer sich mit mystischen Methoden entwickelt, entwickelt auch das Bewußtsein während des Schlafes und in den höheren Zuständen. Es macht die Erinnerung möglich an das, was der Mensch im Verlaufe des Lebens erlebt. Weil sein Gehirn existiert in der physischen Welt, erinnert er sich an das, was ihm physisch begegnet. Der Mensch, der nicht nur mit dem physischen Gehirn arbeitet, sondern des Seelenmaterials sich bedienen kann, um innerhalb der Seele ebenso bewußt zu sein, wie der gewöhnliche Mensch innerhalb des physischen Körpers bewußt ist, bei dem reicht nun auch die Erinnerung weiter. Geradeso wie das unvollkommene Tier noch nicht die Fähigkeit des entwickelten Löwen hat, aber diese Eigenschaft einst haben wird, so wird auch der Mensch, der noch nicht die Fähigkeit hat, sich an die früheren Leben zu erinnern, diese später erringen.
[ 18 ] Another objection is raised. If human beings live repeatedly, they ought to remember their past lives. It is not immediately obvious, however, why this is usually not the case. One must understand what memory means and how it comes about. I have already explained last time that, although human beings today, at the present stage of development, live in the soul-astral and spiritual-mental realms, they are not conscious of these two worlds; they are conscious only of the physical world and will only achieve in the future and on higher levels what some individuals have already attained today. The average person will only later become conscious in the soul and spirit realms. The average person is conscious in the physical world and lives in the soul and spirit worlds. This stems from the fact that their actual thinking power, the brain, requires the physical world in order to function. To be physically active means to become conscious in physical life. In sleep, a person is not conscious of themselves. Those who develop through mystical methods also develop consciousness during sleep and in higher states. This makes it possible to remember what a person experiences in the course of life. Because their brain exists in the physical world, they remember what they encounter physically. The person who works not only with the physical brain but can also make use of the soul’s material to be just as conscious within the soul as the ordinary person is within the physical body—for such a person, memory now extends further. Just as the imperfect animal does not yet possess the ability of the developed lion, but will one day possess this quality, so too will the human being who does not yet have the ability to remember past lives eventually attain it.
[ 19 ] Auf den noch höheren Gebieten ist es schwierig, zur Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung auf geistige Weise zu kommen. Das ist nur in der mentalen Welt möglich, wenn der Mensch nicht nur im physischen und astralen Körper zu denken vermag, sondern im rein geistigen Leben. Dann ist er auch imstande, bei jeder Begebenheit zu sagen, warum sie eingetreten ist. Dieses Gebiet ist so hoch, daß viel Geduld dazu gehört, um diejenigen Eigenschaften sich anzueignen, die es ermöglichen, Ursache und Wirkung im geistigen Leben zu durchschauen. Wer im Physischen bewußt ist und im Seelischen und Geistigen nur lebt, der hat nur die Erinnerung an das, was ihm passiert ist seit der Geburt bis zum Tode. Der im Seelischen Bewußte hat die Erinnerung der Geburt bis zu einem gewissen Grade. Wer aber auf geistigem Gebiet bewußt ist, der sieht das Gesetz von Ursache und Wirkung in seinem wirklichen Zusammenhang.
[ 19 ] In the even higher realms, it is difficult to gain spiritual insight into the relationship between cause and effect. This is possible in the mental world only when a person is capable of thinking not only in the physical and astral bodies, but also in the purely spiritual life. Then they are also able to explain, for every event, why it occurred. This realm is so high that it requires great patience to acquire the qualities that make it possible to perceive cause and effect in spiritual life. Those who are conscious in the physical realm and live only in the soul and spirit have only the memory of what has happened to them from birth until death. Those conscious in the soul have a memory of birth up to a certain degree. But those who are conscious in the spiritual realm see the law of cause and effect in its true context.
[ 20 ] Ein weiterer Einwand, der gemacht wird, liegt in der Frage: Kommen wir da nicht in den Fatalismus hinein? Wenn alles verursacht ist, dann steht der Mensch ja unter dem Fatum, indem er sich immer wieder sagen wird: Das ist mein Karma, und wir können das Schicksal nicht ändern. — Das kann man ebensowenig sagen wie man sagen kann: Ich kann meinem Mitmenschen nicht helfen, und es macht mich so trostlos, wenn ich ihm nicht helfen kann; ich muß daran verzweifeln, ihn besser zu machen, denn es liegt ja in seinem Karma. — Wer nur einigermaßen das Gesetz des Lebens mit den Naturgesetzen vergleicht und weiß, was Gesetz ist, der wird zu einer solchen irrtümlichen Auffassung des Karmagesetzes niemals kommen können. Wie sich Schwefel, Wasser- und Sauerstoff zu Schwefelsäure verbinden, das unterliegt einem unabänderlichen Naturgesetz. Wenn ich gegen das Gesetz handle, das in den Eigenschaften der drei Stoffe liegt, so werde ich niemals Schwefelsäure zustande bringen. Es gehört meine persönliche Verrichtung dazu. Es liegt in meiner Freiheit, die Stoffe zusammenzuführen. Trotzdem das Gesetz ein absolutes ist, kann es durch meine freie Handlung in Wirksamkeit gesetzt werden. So ist es beim Karmagesetz auch. Unabänderlich zieht eine Handlung, die ich in den verflossenen Leben begangen habe, in diesem Leben ihre Wirkung nach sich. Aber es steht mir frei, der Wirkung entgegenzuarbeiten, eine andere Handlung zu schaffen, die in gesetzmäßiger Weise erwa schädliche Folgen der früheren Handlung aufhebt. Wie nach unabänderlichem Gesetze eine glühende Kugel, auf den Tisch gelegt, den Tisch verbrennen wird, geradeso kann ich die Kugel abkühlen und sie dann auf den Tisch legen. Sie wird den Tisch nicht mehr verbrennen. In dem einen und in dem anderen Fall habe ich nach dem Gesetze gehandelt. Eine Handlung in der Vergangenheit bestimmt mich zu einer Handlung; die Wirkung meiner Handlung im vergangenen Leben kann nicht beseitigt werden, aber ich kann eine andere Handlung vornehmen und ebenso gesetzmäßig die schädliche Wirkung in eine nützliche Wirkung abändern, nur daß das alles nach den Gesetzen der geistigen Ursachen und Wirkungen verläuft. Das Gesetz von Karma läßt sich vergleichen mit dem, was ich in einem Kontobuch habe. Links und rechts haben wir bestimmte Zahlen. Wenn wir links und rechts addieren und dann voneinander abziehen, bekommen wir den Stand der Kasse. Das ist ein unabänderliches Gesetz. Je nachdem meine vorhergehenden Geschäfte verlaufen sind, wird der Stand der Kasse gut oder schlecht sein. Aber so bestimmt dieses Gesetz auch wirkt: ich kann doch neue Geschäfte hinzufügen, und der ganze Stand ändert sich ebenso gesetzmäßig, wie er sich früher geändert hat. Ich bin in ganz bestimmter Art verursacht durch Karma, aber in jedem Augenblick kann das Kontobuch meines Lebens durch neue Eintragungen verändert werden. Wenn ich einen neuen Posten hinzufügen will, muß ich erst die beiden Seiten addiert haben, um zu sehen, ob ich einen Kassenbestand oder Schulden habe. So ist es auch mit den Erfahrungen im Kontobuche des Lebens. Sie fügen sich dem Leben ein. Wer sehen kann, wie sein Leben verursacht ist, der kann sich auch sagen: mein Konto schließt aktiv oder passiv ab, und ich muß diese oder jene Handlung hinzufügen, um das Schlechte im Leben aufzuheben, um allmählich befreit zu werden von dem, was ich als mein Karma angesammelt habe. Das ist es, was wir als das große Ziel des menschlichen Lebens sehen: von dem Karma, das einmal verursacht worden ist, wieder befreit zu werden. Zielpunkte zu finden für das Kontobuch des Lebens, das liegt in der Hand eines jeden einzelnen Menschen.
[ 20 ] Another objection that is raised is this: Doesn’t this lead us into fatalism? If everything is caused, then human beings are subject to fate, constantly telling themselves: “This is my karma, and we cannot change our destiny.” — One cannot say that any more than one can say: I cannot help my fellow human being, and it makes me so despondent when I cannot help him; I must despair of making him better, for it is, after all, his karma. — Anyone who compares the law of life even somewhat with the laws of nature and knows what a law is will never be able to arrive at such a mistaken view of the law of karma. Just as sulfur, water, and oxygen combine to form sulfuric acid, this is subject to an immutable law of nature. If I act against the law inherent in the properties of the three substances, I will never produce sulfuric acid. My personal action is part of the process. It is within my freedom to bring the substances together. Although the law is absolute, it can be brought into effect through my free action. So it is with the law of karma as well. An action I have committed in past lives inevitably brings about its effect in this life. But I am free to counteract the effect, to create another action that, in accordance with the law, nullifies the harmful consequences of the earlier action. Just as, according to an immutable law, a glowing ball placed on a table will burn the table, so too can I cool the ball and then place it on the table. It will no longer burn the table. In both cases, I have acted in accordance with the law. An action in the past determines me to an action; the effect of my action in a past life cannot be eliminated, but I can perform another action and, just as lawfully, transform the harmful effect into a beneficial one, only that all this proceeds according to the laws of spiritual causes and effects. The law of karma can be compared to what I have in an account book. On the left and right we have certain numbers. If we add the left and right and then subtract them from each other, we get the balance. That is an immutable law. Depending on how my previous transactions went, the balance will be good or bad. But however certain this law may be: I can still add new transactions, and the entire balance changes just as lawfully as it changed before. I am caused in a very specific way by karma, but at every moment the ledger of my life can be altered by new entries. If I want to add a new entry, I must first have added up both sides to see whether I have a cash balance or debts. So it is with the experiences in the ledger of life. They fit into life. Whoever can see how their life is caused can also say to themselves: my account closes with a credit or a debit, and I must add this or that action to counteract the bad in life, to gradually be freed from what I have accumulated as my karma. This is what we see as the great goal of human life: to be freed once again from the karma that has been created. Finding the balance points for the ledger of life lies in the hands of each and every individual.
[ 21 ] Dadurch haben wir die zwei großen Gesetze, das Gesetz des Seelenlebens und das Gesetz des Geisteslebens. Es entsteht heute schon die Frage: Was entsteht zwischen den zwei Leben, wie wirkt der Geist zwischen dem Tod und der nächsten Geburt? — Wir müssen das menschliche Schicksal betrachten in der Zeit während zweier Leben und wollen die Stationen durchgehen zwischen dem Tod und einem neuen Leben. Wir werden dann sehen, was an Glauben und Wissen und Religiosität in das abendländische Wissen hineindringen kann. Nicht nur zu den Sinnen sprechen die großen Gesetze, sondern auch zu dem Geistigen und zu dem Seelischen, so daß der Mensch nicht nur von Ursache und Wirkung im Physischen, sondern auch im geistigen Leben zu sprechen versteht; denn das, was die großen Geister gesagt haben, wird sich erfüllen; es wird sich zeigen, daß wir die Welt nur zum Teil verstehen, wenn wir nur das nehmen, was wir hören, sehen und tasten. Wir müssen, um die Welt ganz zu begreifen, hinaufsteigen und die Gesetze, die das ganze Sinnen des Menschen ausmachen, erforschen, um zu lernen, woher der Mensch kommt und in welche Zukunft er geht. Diese Gesetze müssen auf dem geistigen Gebiet gesucht werden, und dann werden wir den Ausspruch Goethes, der ein Repräsentant der Theosophie war, verstehen, und erkennen, was er damit sagen wollte:
[ 21 ] This gives us the two great laws: the law of soul life and the law of spiritual life. The question already arises today: What happens between the two lives; how does the spirit act between death and the next birth? — We must consider human destiny in the period between two lives and examine the stages between death and a new life. We will then see what elements of faith, knowledge, and religiosity can enter into Western knowledge. The great laws speak not only to the senses, but also to the spiritual and the soul, so that human beings can speak not only of cause and effect in the physical realm, but also in spiritual life; for what the great spirits have said will come to pass; it will become clear that we understand the world only in part if we take only what we hear, see, and touch. To fully comprehend the world, we must ascend and explore the laws that constitute the entirety of human perception, in order to learn where humanity comes from and toward what future it is heading. These laws must be sought in the spiritual realm, and then we will understand the words of Goethe, who was a representative of theosophy, and recognize what he meant by them:
Geheimnisvoll am lichten Tag,
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Mysterious in broad daylight,
Nature cannot be stripped of its veil,
And what it chooses not to reveal to your mind,
You cannot force from it with levers and screws.
[ 22 ] Erst wenn der Mensch hinausschreitet über das bloß Persönliche, wenn er sich des Übergewichtes der Individualität, des höheren Persönlichen über das Persönliche bewußt ist, wenn er versteht, unpersönlich zu werden, unpersönlich zu leben, das Unpersönliche in sich walten zu lassen, dann lebt er sich aus der in der äußeren Form verstrickten Kultur heraus in eine lebensvolle Kultur der Zukunft hinein. Ist es auch nicht das, was die Theosophie als ihr höchstes Ideal erkennt, ist es auch nicht die letzte ethische Konsequenz, die wir aus der Theosophie ziehen, so ist es ein Schritt dem Ideale entgegen, das der Mensch nur dann zu leben lernt, wenn er nicht auf das Persönliche sieht, sondern auf das Ewige und Unvergängliche. Dieses Ewige und Unvergängliche, die Buddhi, der Weisheitskeim, der in der Seele ruht, ist dasjenige, was die bloße Verstandeskultur ablösen muß. Daß die Theosophie mit dieser Anschauung von der Zukunft der Menschheitsentwickelung recht hat, dafür gibt es viele Beweise. Der wichtigste aber ist derjenige, daß sich Kräfte im Leben selbst geltend machen, die es gilt, wirklich zu erfassen und zu verstehen, um uns dann selbst mit deren Ideal zu erfüllen. Das ist das Große bei Tolstoi, daß er den Menschen aus dem engen Kreise seiner Gedanken herausheben und spirituell vertiefen will, daß er ihm nicht die Ideale unserer materiellen Welt zeigen will, nicht unseres irgendwie gestalteten soziaJen Lebens, sondern die Ideale, die nur in der Seele erquellen können. Wenn wir richtige Theosophen sind, dann werden wir die Kräfte, die in der Weltevolution wirken, erkennen, dann werden wir nicht blind und taub bleiben gegenüber dem, was uns an theosophischem Sinn in unserer Gegenwart entgegenleuchtet, sondern wir werden diese Kräfte, von denen gewöhnlich in der Theosophie prophetischerweise gesprochen wird, erkennen. Das muß gerade das Charakteristische eines Theosophen sein, daß er die Finsternis und den Irrtum überwindet, daß er das Leben und die Welt in der richtigen Weise einzuschätzen und zu erkennen lernt. Ein Theosoph, welcher sich zurückziehen, kalt und fremd dem Leben gegenüberstehen würde, wäre ein schlechter Theosoph, auch wenn er noch so viel von theosophischen Dogmen zu predigen hätte.
[ 22 ] Only when a person steps beyond the merely personal, when they are aware of the primacy of individuality—of the higher personal over the personal—when they understand how to become impersonal, to live impersonally, and to allow the impersonal to reign within them, only then do they move out of a culture entangled in external form and into a vibrant culture of the future. Even if this is not what Theosophy recognizes as its highest ideal, even if it is not the ultimate ethical consequence we draw from Theosophy, it is a step toward the ideal that human beings can only learn to live when they look not to the personal, but to the eternal and imperishable. This eternal and imperishable, the Buddhi, the seed of wisdom that rests in the soul, is that which must replace the culture of mere intellect. There is ample evidence that Theosophy is correct in this view of the future of human development. The most important, however, is that forces are at work in life itself that we must truly grasp and understand in order to then fill ourselves with their ideal. This is the greatness of Tolstoy: that he seeks to lift people out of the narrow circle of their thoughts and deepen them spiritually; that he does not wish to show them the ideals of our material world, nor of our socially structured life in any form, but rather the ideals that can spring only from the soul. If we are true Theosophists, then we will recognize the forces at work in world evolution; then we will not remain blind and deaf to what shines out at us in our present time as theosophical meaning, but we will recognize these forces, of which Theosophy usually speaks in prophetic terms. This must be the very hallmark of a Theosophist: that he overcomes darkness and error, that he learns to assess and recognize life and the world in the right way. A Theosophist who were to withdraw, standing cold and aloof from life, would be a poor Theosophist, no matter how much he might have to preach about Theosophical dogmas.
[ 23 ] Solche Theosophen, welche uns von der sinnlichen Welt hinaufführen in die höheren Welten, welche selbst hineinblicken in die übersinnlichen Welten, sie sollen uns auch auf der anderen Seite lehren, wie wir auf unserem physischen Plan das Übersinnliche beobachten und uns nicht verlieren im Sinnlichen. Wir erforschen die Ursachen, die aus dem Geistigen kommen, um das Sinnliche, das die Wirkung des Geistigen ist, vollkommen zu verstehen. Das Sinnliche verstehen wir nicht, wenn wir innerhalb des Sinnlichen stehenbleiben, denn die Ursachen zum sinnlichen Leben kommen aus dem Geistigen. Hellsehend im Sinnlichen will uns die Theosophie machen. Deshalb redet sie von der «uralten Weisheit». Aufgeschlossen will sie uns machen für das Geistige. Sie will den Menschen umgestalten, damit er hellsichtig hineinschauen kann in die höheren, übersinnlichen Geheimnisse des Daseins. Aber das soll nicht erkauft werden mit dem Unverstand für dasjenige, was unmittelbar um uns herum vorhanden ist. Der wäre ein schlechter Hellseher, der blind und taub wäre für dasjenige, was in der sinnlichen Welt sich abspielt, für das, was seine Zeitgenossen in der unmittelbaren Umgebung zu vollbringen in der Lage sind. Und außerdem wäre er ein schlechter Hellseher, wenn er nicht imstande wäre, das von einer Persönlichkeit zu erkennen, wodurch in unserer Zeit die Menschen in das Übersinnliche hineingeführt werden. Was nützte es uns, wenn wir hellsehend würden und nicht imstande wären, das zu erkennen, was als unsere nächste Aufgabe unmittelbar vor uns liegt!
[ 23 ] Such theosophists, who lead us from the sensory world up into the higher worlds, who themselves look into the supersensory worlds, should also teach us on the other side how to observe the supersensory on our physical plane and not lose ourselves in the sensory. We explore the causes that arise from the spiritual realm in order to fully understand the physical, which is the effect of the spiritual. We cannot understand the physical if we remain within the physical realm, for the causes of physical life come from the spiritual. Theosophy seeks to make us clairvoyant within the physical realm. That is why it speaks of “ancient wisdom.” It seeks to open us up to the spiritual. It seeks to transform human beings so that they may look clearly into the higher, supersensory mysteries of existence. But this should not be achieved at the expense of a lack of understanding for what is immediately around us. A clairvoyant who is blind and deaf to what is happening in the sensory world—to what his contemporaries are capable of accomplishing in their immediate surroundings—would be a poor one. Moreover, he would be a poor clairvoyant if he were unable to recognize in a personality that which, in our time, leads people into the supersensible. What good would it do us if we became clairvoyant yet were unable to recognize what lies immediately before us as our next task!
Fragenbeantwortung
FAQ
Frage: In welchem Verhältnis stehen die Tiere als Einzel- und als Gattungswesen zum Menschen?
Question: How do animals, both as individuals and as a species, relate to humans?
[ 24 ] Das Tier als Gattungswesen ist das, was der Mensch ist. Das Tier als Gattung unterliegt der Reinkarnation nicht, ebensowenig das einzelne Tier. Die Löwengattung zum Beispiel wird allmählich individualisiert und in Verbindung mit höheren Wesenheiten in der Zukunft Entwickelungsphasen durchmachen, die wir ahnen, aber nicht menschenähnlich nennen können, weil sie nicht dem ähnlich sein werden, was heute der Mensch ist und am wenigsten dem ähnlich sein werden, was dann der Mensch sein wird. Lesen Sie bei Haeckel in den «Lebenswundern» nach über den Zeitpunkt, wo das Leben zuerst entstanden ist auf der Erde. Tiere können also nicht Menschen werden. Das einzelne Tier kann jedenfalls niemals Mensch werden.
[ 24 ] The animal, as a species, is what man is. The animal as a species is not subject to reincarnation, nor is the individual animal. The lion species, for example, will gradually become individualized and, in connection with higher beings, will undergo phases of development in the future that we can foresee but cannot call human-like, because they will not resemble what humans are today and will least of all resemble what humans will then be. Read Haeckel’s *The Wonders of Life* to learn about the time when life first arose on Earth. Animals cannot, therefore, become human. In any case, an individual animal can never become human.
Frage: Hat das Gebet nach der theosophischen Anschauung eine Berechtigung?
Question: Does prayer have a place in theosophical thought?
[ 25 ] Das Gebet war zu allen Zeiten der Entwickelung vorhanden. Es bedeutete für die ersten Christen nicht allein das Mittel der Vereinigung des Menschen mit seinem Gott. Ganz die Stimmung, welche Tolstoi als Stimmung in der Seele des Menschen schildert und fühlt, daß er davon durchdrungen ist, soll hervorgerufen werden beim Christen durch das Gebet. Je höher die Dinge sind, um die der Mensch bittet, um so besser ist es. Beten um äußerliche Dinge ist nicht im Sinne des Urchristentums. «Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Was ist der Wille des Vaters im urchristlichen Sinne? Derjenige Wille, welcher das Urgesetz aller Weltentwickelung darstellt. Ich will, daß meine Erfolge und Wünsche so vollkommen seien, daß sie dem Sinne des Willens des Vaters, das heißt, dem geistigen Weltgesetz entsprechend seien, daß sie nicht abweichen von dem großen geistigen Weltengesetz. Wenn ich irgendein Gebet habe, durch das ich eine willkürliche Bitte anstrebe, die aus meiner alltäglichen Natur entspringt, aus meinem Belieben, dann ist das Gebet nicht gehalten in dem Stile: «Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.» Ein Gebet in diesem Stile aber ist vorhanden, wenn nicht das zu Erflehende heruntergezogen werden soll zu uns, wenn nicht unser Wille durchgehen soll, sondern wenn wir mit unserem Willen hinaufgehoben werden, wenn die Vergöttlichung damit angestrebt wird, die Auferstehung der Seele im Göttlichen, im Christlichen. Da die Theosophie nur das Verstehen aller Religionsbekenntnisse will, so ist sie damit einverstanden. Nur dadurch kann er in Zwiespalt mit der Theosophie kommen, daß er seine eigene Religion nicht versteht. Wer das Christentum in seinen Methoden kennt — und das Gebet gehört zu den Methoden des Christentums, denn es ist ein Mittel zur Vereinigung mit der göttlichen Allseele, der weiß, daß es nicht in Widerspruch zur Theosophie steht.
[ 25 ] Prayer has existed throughout all stages of human development. For the early Christians, it was not merely a means of uniting man with his God. The very mood that Tolstoy describes as existing in the human soul—and which he feels permeates him—is what prayer is meant to evoke in the Christian. The higher the things for which a person prays, the better. Praying for external things is not in the spirit of early Christianity. “Father, not my will, but yours be done.” What is the Father’s will in the early Christian sense? It is the will that represents the primordial law of all world development. I want my successes and desires to be so perfect that they correspond to the meaning of the Father’s will—that is, to the spiritual law of the world—so that they do not deviate from the great spiritual law of the world. If I have any prayer through which I seek an arbitrary request arising from my everyday nature, from my own whim, then that prayer is not in the style of: ‘Not my will, but thine be done.’ A prayer in this style, however, exists when what is to be implored is not to be drawn down to us, when our will is not to prevail, but when we are lifted up with our will, when deification is thereby sought, the resurrection of the soul in the Divine, in the Christian. Since Theosophy seeks only the understanding of all religious creeds, it agrees with this. One can come into conflict with Theosophy only by failing to understand one’s own religion. Anyone who knows Christianity in its methods—and prayer is one of the methods of Christianity, for it is a means of union with the divine universal soul—knows that it does not contradict Theosophy.
Frage: Was hält der Theosoph von der christlichen Taufe?
Question: What is the Theosophist’s view of Christian baptism?
[ 26 ] Wenn wir die Taufe richtig verstehen wollen, so müssen wir auf deren ursprüngliche Bedeutung zurückgehen. Die Taufe bedeutete ursprünglich eine der ersten Stufen, durch die der Mensch allmählich zu den höheren Erkenntnissen hinaufkam. Sie war als sogenannte Wasserprobe in den alten Mysterien vorhanden. Sie gehörte zu den zeremoniellen Handlungen, welche verknüpft waren damit, daß die Menschen stufenweise zu den höchsten Weisheiten hinaufgeführt wurden. Diese alten Mysterien waren nichts anderes als Kultstätten und Weisheitsschulen. Die Taufe war die erste Probe für die Einweihung. Sie war nicht bloß eine äußere Form, sondern verknüpft mit bestimmten Erkenntnisgraden. Der Täufling mußte gewisse Tugenden in sich ausgebildet haben; dann wurde ihm die Taufe erteilt. Vor allen Dingen wurde von den Täuflingen der alten Mysterienreligionen verlangt, daß sie das im Leben sich erworben haben, was man festes Selbstvertrauen nennt, die Möglichkeit, sich immer auf sich selbst zu verlassen. Diese Charaktereigenschaft hing damit zusammen, daß man in den tieferen Mysterienreligionen das Reich Gottes inwendig im Menschen gesucht hat, und daß man nur denjenigen zugestanden hat, daß sie der höheren Gemeinschaft angehören, welche in sich selbst Richtung und Ziel gefunden haben, welche also sich selbst vertrauen durften. Für diese war dann die innere Umwandlung der Schlußstein eines Lehrplanes.
[ 26 ] If we wish to understand baptism correctly, we must go back to its original meaning. Baptism originally represented one of the first stages through which human beings gradually ascended to higher knowledge. It existed in the ancient mysteries as what was known as the “water trial.” It was one of the ceremonial acts associated with the gradual ascent of human beings to the highest wisdom. These ancient mysteries were nothing other than places of worship and schools of wisdom. Baptism was the first test for initiation. It was not merely an external form, but was linked to specific levels of knowledge. The person to be baptized had to have developed certain virtues within themselves; only then was baptism conferred upon them. Above all, those to be baptized in the ancient mystery religions were required to have acquired in life what is called firm self-confidence—the ability to always rely on oneself. This character trait was connected to the fact that in the deeper mystery religions, the Kingdom of God was sought within the human being, and that only those who had found direction and purpose within themselves—who could thus trust themselves—were admitted to the higher community. For them, the inner transformation was the keystone of a curriculum.
[ 27 ] Das war in den Mysterien der Fall. Dann kam das Christentum und stellte das, was in den Mysterien gelehrt worden war, als eine Wahrheit für die ganze Menschheit hin. Das ist eine ganz bedeutsame mystische Tatsache, daß jetzt nicht nur diejenigen selig werden können, welche in die Mysterien eingeweiht werden, sondern auch diejenigen, welche nur glauben. Damit wurde die Taufe zu einem sogenannten Sakramente der Kirche. Diese Taufe ist die Fortsetzung eines uralten zeremoniellen Gebrauches, der Wasserprobe in den Mysterien. Hier ist ein Punkt, wo wir an spirituelles Wissen glauben müssen oder nicht weiterkommen. Die Handlungen, die vollzogen werden bei der Eingliederung in die Gemeinschaft, sind so, daß damit etwas Spirituelles verknüpft ist, das nicht bloß äußere Formalität ist, sondern etwas ist, was mit dem ganzen spirituellen Leben der Gemeinschaft zusammenhängt, so daß tatsächlich — vom spirituellen Gesichtspunkte aus — mit dem Täufling etwas geschieht. Für denjenigen, der Materialist ist, ist dies eine ganz phantastische Sache. Aber für den, der etwas von den höheren Planen des Daseins weiß, ist es auch eine Tatsache. Viel innere Spiritualität ist auch unter der äußeren Form untergegangen. Wir dürfen aber nicht vergessen, wenn wir eine solche Handlung erfassen wollen, daß wir sie nicht herunterziehen dürfen in unsere gegenwärtige materialistische Weltanschauung.
[ 27 ] That was the case in the Mysteries. Then Christianity came along and presented what had been taught in the Mysteries as a truth for all humanity. This is a very significant mystical fact: that now not only those who are initiated into the Mysteries can attain salvation, but also those who simply believe. Thus, baptism became a so-called sacrament of the Church. This baptism is the continuation of an ancient ceremonial practice, the water trial in the Mysteries. Here is a point where we must believe in spiritual knowledge or we will not make any progress. The acts performed during initiation into the community are such that something spiritual is connected with them—not merely an external formality, but something related to the entire spiritual life of the community—so that, from a spiritual point of view, something actually happens to the person being baptized. For the materialist, this is a completely fantastical notion. But for those who know something of the higher planes of existence, it is also a fact. Much inner spirituality has also been lost beneath the outer form. However, we must not forget, if we wish to comprehend such an act, that we must not reduce it to our present materialistic worldview.
