The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53
3 November 1904, Berlin
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Theosophy and Tolstoy, tr. Osmond
5. Theosophie und Tolstoi
Theosophy and Tolstoy
[ 1 ] Die beiden Vorstellungen, die uns durch das Labyrinth der Welterscheinungen hindurchführen müssen, sind Leben und Form. In tausend und aber tausend Formen wechselt fortwährend das Leben. Dieses Leben drückt sich aus in seinen mannigfaltigsten Gestaltungen. Es wäre ohne alle Offenbarung nach außen, ohne die Möglichkeit, sich in der Welt darzustellen, wenn es nicht in immer neuen und neuen Formen auftreten würde. Die Form ist die Offenbarung des Lebens. Aber alles würde in der Starrheit der Form verschwinden, alles Leben müßte sich verlieren, wenn die Form nicht fortdauernd in dem Leben sich erneuerte, wenn es nicht immer wieder und wiederum zum Keim würde, um aus den alten Formen neue zu gestalten. Der Keim der Pflanze wird zur ausgestalteten Form der Pflanze, und diese Pflanze muß wiederum zum Keim werden und einer neuen Form das Dasein geben. So ist es in der Natur überall, und so gerade ist es in dem Geistesleben des Menschen. Auch im Geistesleben des Menschen und der Menschheit wechseln die Formen, und das Leben erhält sich durch die mannigfaltigsten Formen hindurch. Das Leben aber würde erstarren, wenn die Formen sich nicht fortwährend erneuerten, wenn nicht neues Leben keimhaft herausquellte aus alten Formen.
[ 1 ] Life and Form are the two principles that must guide us through the labyrinth of the manifested world, in multitudinous forms, life is forever changing, coming to expression in manifold variety. Life could not manifest outwardly or present itself in the world if it were not to appear in constantly new forms. The form is the revelation of the life. But all life would vanish, would be lost in the rigidity of form, were it not ever and again to become seed for the building of new forms out of the old. The seed of the plant grows into the developed form of the plant and this plant must again become seed and give a new form existence. So it is in nature everywhere and so it is in the spiritual life of man. In the spiritual life of man and of mankind the forms also change; life maintains itself through forms of infinite variety. But life would lose all power were the forms not perpetually renewed, were not new life to spring forth as seed from old forms.
[ 2 ] Wie die Zeitalter wechseln im Laufe der Menschheitsgeschichte, so sehen wir in diesen Zeitaltern das Leben in den mannigfaltigsten Formen auch in der großen Geschichte wechseln. Wir haben in dem Vortrage über «Theosophie und Darwin» gesehen, in welch mannigfaltigen Formen sich die Menschheitskulturen und das, was wir Geschichte nennen, seitdem ausgedrückt hat. Wir haben einige der Formen gesehen in der alten Vedenkultur Indiens. Wir haben diesen Formenwechsel gesehen durch die urpersische, dann durch die chaldäisch-babylonisch-assyrisch-ägyptische, dann die griechisch-römische Kultur und endlich durch die christliche Kultur herauf bis in unsere Zeit. Das ist aber gerade das Bedeutsame an der Geistesentwickelung unserer Zeit, daß sich ein gemeinsames Leben immer mehr und mehr in Formen nach außen ergießt, und unser Zeitalter darf geradezu genannt werden das Zeitalter der Formen, das Zeitalter, in dem der Mensch nach allen Seiten hin gelehrt wird, sich in der Form auszuleben.
[ 2 ] Just as the epochs change in the course of human history, so also do we see life changing in infinitely diverse forms during these epochs. In the lecture on Theosophy and Darwin1Berlin, 27th Oct., 1904. German text in Nachrichtenblatt, Vol. 23 (1946) Nos. 10 – 12, also in Gegenwart, Vol. XVIII, No. 1 (April, 1956) we heard of the diverse forms In which the civilisations of mankind have come to expression. We heard something of the forms that existed in the ancient Vedic civilisation of India, changing perpetually through the ancient Persian, the Chaldean-Babylonian-Assyrian-Egyptian, the Greco-Roman and finally through the Christian civilisation until our own time. But the significant point about spiritual development in our own time is that a common life flows more and more into external forms, for this reason it may be called the epoch of forms, the epoch when on every hand man is taught to devote his life to form.
[ 3 ] Wohin wir blicken, überall sehen wir die Herrschaft der Form. Wir haben an Darwin das glänzendste Beispiel. Was hatte Darwin untersucht und in seiner Lehre der Menschheit überliefert? Die Entstehung und Verwandlung der tierischen und pflanzlichen Arten im Kampf ums Dasein. Das ist ein Beweis dafür, das diese unsere Wissenschaft auf die äußere Form gerichtet ist. Und wozu hat sich gerade Darwin erklären müssen und unverhohlen erklärt? Ich habe Ihnen gezeigt, wie er gerade betont hat, daß in den mannigfaltigsten Formen die Pflanzen und Tiere sich ausleben, daß aber nach seiner Überzeugung es ursprüngliche Formen gegeben hat, denen das Leben von einem weltgestaltenden Schöpfer eingehaucht worden sei. Das ist Darwins eigener Ausspruch. Darwins Blick ist auf die Entwickelung der Formen, auf die Entwickelung der äußeren Gestalt gerichtet, und er fühlt selbst die Unmöglichkeit, einzudringen in dasjenige, was diese Formen belebt. Dieses Leben nimmt er als gegeben an, dieses Leben will er nicht erklären. Er blickt gar nicht darauf hin, vielmehr besteht für ihn lediglich die Frage, wie sich das Leben ausgestaltet.
[ 3 ] Wherever we look we see the predominance of form. Darwin is the most brilliant illustration of this. What was it that Darwin investigated and bequeathed to humanity in his theory? The origin and change of the forms of animals and plants in the struggle for existence. This confirms that the attention of science is directed to the outer form, And what did Darwin openly declare? He asserted that the plants and animals live out their lives in the most manifold forms but that originally, according to his conviction, there were forms into which life was breathed by a Creator of worlds. This is what Darwin himself says. His eyes are directed to the evolution of forms, of the outer form, and he himself feels that it is impossible to penetrate into what imbues these forms with life. He takes this life for granted and does not attempt to explain it. He pays no heed to it, the question for him being merely the shape and form which life assumes.
[ 4 ] Betrachten wir das Leben auf einem anderen Gebiete, auf dem Gebiete der Kunst. Ich will nur von einer charakteristischen Erscheinung unseres künstlerischen Lebens sprechen, möchte es aber in seiner radikalsten Erscheinung gerade in dieser Beziehung beleuchten. Was hat nicht gerade in den siebziger und achtziger Jahren das Schlagwort Naturalismus — nicht im bösen Sinne gemeint — für Staub aufgewirbelt! Und dieses Schlagwort Naturalismus entspricht ganz dem Charakter unserer Zeit. Dieser Naturalismus kam am radikalsten heraus bei dem Franzosen Zola. Wie gewaltig schildert er das Menschenleben! Aber sein Blick ist nicht direkt auf das menschliche Leben gerichtet, sondern auf die Formen, in denen sich dieses Menschenleben ausdrückt. Wie es sich ausdrückt in Bergwerken, in Fabriken, in Stadtvierteln, wo der Mensch in Unmoralität zugrunde geht und so weiter — alle diese verschiedenen Ausgestaltungen des Lebens schildert Zola, und dasselbe schildern im Grunde alle Naturalisten. Sie richten den Blick nicht auf das Leben, sondern nur auf die Formen, in denen das Leben Ausdruck bekommt. — Betrachten Sie unsere Soziologen, welche die Daten liefern sollen, wie das Leben sich gestaltet hat und wie es sich in der Zukunft gestalten soll. Das Schlagwort von der materialistischen Geschichtsauffassung und vom historischen Materialismus hat viel von sich reden gemacht. Wie betrachten die Soziologen aber die Sache? Sie sehen nicht auf die Menschenseele, nicht auf das Innere des Menschengeistes; sie betrachten das äußere Leben, wie es sich darstellt in unserem Wirtschaftsleben, wie in dieser oder jener Gegend Handel und Industrie blühen, und wie der Mensch leben muß infolge dieser äußeren Gestaltung des Lebens. Das ist die Art, wie die Soziologen das Leben betrachten. Sie sagen: Was kümmert uns das Ethische und die Idee der Sittlichkeit! Schafft für die Menschen bessere äußere Formen, bessere äußere Lebensbedingungen, dann wird Sittlichkeit und Lebenshaltung von selbst eine höhere. — Ja, in der Form des Marxismus hat die moderne Soziologie die Behauptung aufgestellt, daß nicht die ideellen Kräfte im Menschenleben das Hauptsächlichste sind, sondern die äußeren Formen des Wirtschaftslebens.
[ 4 ] Let us consider life in another domain, in the domain of art. I will mention one characteristic phenomenon only, in its most radical form. What a storm of dust was raised in the seventies and eighties of last century by the catchword Naturalism! I do not mean this in any derogatory sense, for this catchword is entirely in keeping with the character of our time. Naturalism emerged again in its extreme form in Zola, the Frenchman. His descriptions of human life are powerful and magnificent. Yet for all that his gaze is not focused upon human life itself but upon the forms in which it manifests. How life comes to expression in mines, in factories, in city districts where immorality is the undoing of men, and so forth. Zola describes all these various manifestations of life, and fundamentally speaking, all naturalists do the same. Their attention is focused, not upon life itself, but upon the forms in which life takes expression.—And now think of our sociologists who are concerned with giving details about the forms which life has assumed and ought to assume in the future. Catch-phrases about the materialistic conception of history and about materialism are much in evidence. But what is the approach of the sociologists? They do not concern themselves with the soul of man, with his inmost spirit. They study external life as it presents itself in the field of economics, how trade and industry prosper in one district or another, and how the human being is obliged to exist as a result of these configurations of life. That is how the sociologists study life. They say: Ethics and the idea of morality are no business of ours! Create better outer conditions for human beings and the standard of living will automatically improve.—in terns of Marxism, modern sociology has declared that the external forms of the economic life, not the forces of ideas, are of paramount importance in human life.
[ 5 ] Das alles zeigt Ihnen, daß wir in einer Phase der Entwikkelung angekommen sind, in welcher der Blick der Menschen vorzugsweise auf die Form des äußeren Daseins gerichtet ist. Wenn Sie den größten Dichter unserer Gegenwart nehmen, Ibsen, dann werden Sie gerade bei ihm sehen, wie sein Blick auf diese Form des Daseins gerichtet ist und er sozusagen, weil er gleichzeitig von dem wärmsten Gefühl für das Leben der Seele, für ein freies Leben erfüllt ist, durch die Art und Weise, wie sich die Formen ausgestaltet haben, geradezu zur Verzweiflung gekommen ist. Das ist der Fall bei Henrik Ibsen. Er ist es, der uns das Leben in den verschiedensten Formen vorführt, der uns zeigt, wie das Leben in der Form immer Widersprüche wachruft, wie die Seelen zugrunde gehen und verkümmern unter dem Drucke der Lebensformen. Symbolisch ist es geradezu für das Vergessen des Seelisch-Geistigen, wie er abgeschlossen hat die Dichtung: «Wenn wir Toten erwachen.» Es ist, als ob er hätte sagen wollen: Wir modernen Menschen der Gegenwartskultur sind so ganz eingeschlossen in die äußere Lebensform, die wir so oft gemeistert haben . .. und wenn wir erwachen, wie stellt sich uns dann der Anblick von dem Seelenleben dar in den festgefügten Gesellschafts- und Anschauungsformen des Westens? — Das ist die Grundtendenz in den Ibsenschen Dramen, die auch in seinem dramatischen Testament zum Ausdruck kommt.
[ 5 ] All this indicates that we have reached a phase of evolution when attention is focused primarily on the forms of outer existence. If you think of the greatest writer at the present time you will perceive how his gaze is riveted on the forms of outer existence because, since he is also filled with the warmest feeling for the life of the soul, for a free inner life, he has been reduced to despair by these outer forms of existence. I refer to Henrik Ibsen.2 See also Karmic Relationships: Esoteric Studies. Vol. II, lecture XVI. He is one who depicts life in most diverse forms, who shows us how life in form always evokes obstacles, how souls go to pieces and are destroyed by the forms which life assumes. The way in which he concludes the poem When We Dead Awaken, is symbolic of the prevailing forgetfulness of the soul find spirit. It is as though Ibsen wished to say: We men, of modern civilisation are completely caught up in the external form of life we so often censure ... and when we awaken, how does the life of soul present itself to us in the tightly knit forms of society and thought in the West?—That is the fundamental trend in Ibsen's dramatic works.
[ 6 ] Damit haben wir einige Streiflichter geworfen auf die Formenkultur des Westens. Bei der Betrachtung des Darwinismus haben wir gesehen, wie die Formenkultur gerichtet ist auf das äußere mechanische Leben der Natur, und wie unsere Seele eingespannt wird in vollständig abgezirkelte Lebens- und Gesellschaftstformen. Wir haben gesehen, wie das langsam und allmählich erreicht worden ist, wie unsere fünfte, arische Rasse von dem Geiste der alten Vedenkultur aus, die sich infolge unmittelbarer Anschauung das Leben beseelt vorgestellt hat, durchgegangen ist durch die persische, die chaldäisch-babylonisch-ägyptische Kultur, dann durch die griechisch-römische Kultur mit ihrer Anschauung, daß die ganze Natur beseelt ist. Bei den Griechen denken selbst die Philosophen die ganze Natur beseelt. Dann kam im 16. Jahrhundert Giordano Bruno, der in der ganzen Natur, im ganzen Universum, in der ganzen großen Sternenwelt noch das Leben findet. Dann: in noch späterer Zeit, ist das Leben stufenweise zum völligen Verstricktsein mit der äußeren Form herabgestiegen. Das ist der tiefste Stand. Nicht in abfälliger Weise sage ich das, denn jeder Standpunkt ist notwendig. Was die Pflanze schön macht, das ist die äußere Form, das ist dasjenige, was aus jeder Anlage des Keimes herauskommt. Unser Kulturleben ist in der vielgestaltigen Weise veräußerlicht, hat die mannigfaltigste veräußerlichte Gestalt erlangt. Das muß so sein. Dies muß die Theosophie als eine unbedingte Notwendigkeit verstehen. Am wenigsten käme es den Theosophen zu, zu tadeln. Ebenso wie einst die geist- und lebenserfüllte Kultur notwendig war, so ist für unser Zeitalter die Formkultur notwendig. Es war entstanden eine Formkultur in der Wissenschaft, im Darwinismus, eine Formkultur in dem Naturalismus, eine Formkultur in der Soziologie.
[ 6 ] Certain flashlights have now been thrown on the form-culture of the West. In considering Darwinism we saw how this culture is bound up with the outer, mechanical life of nature and how the soul is yoked to rigidly circumscribed forms of life and of society. We saw how this state of things has been reached by slow degrees, how our Fifth Race (the Aryan Race), starting from the spirituality of the ancient Vedic culture which recognised by direct Vision that life is filled with soul, has passed through the Persian, the Chaldean-Babylonian-Egyptian culture-epochs and then through Greco-Roman culture with its view—shared even by the Greek philosophers—that the whole of nature is ensouled. In the 16th century Giordano Bruno still recognised the life that fills the whole of nature, the whole universe and the great world of stars. But in later times, life has become wholly entangled with external form. This is the lowest standpoint. Again I do not say this in a derogatory sense, for every standpoint is necessary. What makes the plant beautiful is the external form, that which comes forth from the seed. Our cultural life has become externalised in every possible way. It is inevitably so, and least of all would it be fitting for theosophists to censure. Just as a culture imbued with spirit and with life was once necessary, so is a form-culture necessary for our age. In science we have the Darwinian view, in art the naturalistic, and in sociology a culture of form.
[ 7 ] Mitten in dieser Betrachtung müssen wir stillhalten und uns fragen: Was muß geschehen in unserem geisteswissenschaftlichen Sinn — wir werden die notwendige Umkehr des Menschengeistes in den «Grundbegriffen der Theosophie» nochmals wiederholt betrachten —, was muß also geschehen, wenn die Form zum Ausdruck gekommen ist? — Sie muß sich erneuern, neues, keimhaftes Leben muß wieder in die Form hineinkommen!
[ 7 ] At this point we must pause and ask ourselves: According to the principles of spiritual science, what must happen when a form is actually present? It must be renewed, must again be imbued with new germinating life!
[ 8 ] Wer aufmerksam und unbefangen Zolas Zeitgenossen Tolstoi betrachtet — zunächst den Künstler — von dem Gesichtspunkte aus, den ich soeben dargelegt habe, der wird schon finden, daß bei dem Künstler, dem Beschauer der verschiedenen Typen des russischen Volkes, etwa der Soldatentypen, dem Typus des kriegerischen Menschen, den er in «Krieg und Frieden» und später in «Anna Karenina» geschildert hat, ein ganz anderer Grundton herrscht als im Naturalismus des Westens. Überall sucht Tolstoi etwas anderes. Er kann schildern den Soldaten, den Beamten, den Menschen irgendeiner Gesellschaftsklasse, den Menschen innerhalb eines Geschlechtes oder einer Rasse — überall sucht er die Seele, die lebendige Seele, die in allen, wenn auch nicht in gleicher Weise, sich ausdrückt. Die einfachen, geraden Linien der Seele legt er — aber auf den verschiedensten Stufen und in den verschiedensten Formen des Lebens — dar. Was ist das Leben in seinen verschiedenen Formen, in seiner tausendfältigen Mannigfaltigkeit, was ist das eine Leben? — das geht wie eine Grundfrage durch Tolstois Dichtungen. Und von hier aus findet er dann die Möglichkeit, das Leben auch da zu verstehen, wo es scheinbar sich selbst aufhebt, wo dieses Leben in den Tod übergeht. Der Tod bleibt ja der große Stein des Anstoßes für die materialistische Weltauffassung. Der, welcher nur die äußere materielle Welt gelten läßt, wie sollte er den Tod begreifen, wie sollte er endlich mit dem Leben fertig werden, da der Tod wie ein Torschluß am Ende dieses Lebens steht, ihn mit Bangen und Schrecken erfüllend? Auch als Künstler ist Tolstoi bereits hinausgeschritten über diesen Standpunkt des Materialismus. Schon in der Novelle «Der Tod des Iwan Iljitsch» können Sie sehen, wie künstlerisch das Allermateriellste überwunden wird, wie da in dieser Gestalt des Iwan ein vollständiger Einklang hergestellt wird in seinem innersten Leben. Einen kranken Menschen haben wir vor uns, nicht einen Kranken am Körper, sondern einen Kranken an der Seele. Wir hören es und sehen es an all den Worten, die uns Tolstoi sagt, daß er nicht der Meinung ist, daß in dem Körper eine Seele wohnt, die mit dem Körper nichts zu tun hat; sondern wir vernehmen aus seinen Worten, daß er im körperlichen Ausdruck den Ausdruck des Seelischen findet, daß die Seele den Körper krank macht, wenn sie krank ist, daß die Seele es ist, die sich durch die Adern des Körpers ergießt. Wir sehen aus dieser Form künstlerischer Darstellung, wie das Leben sich selbst findet. Und eine eigentümliche Auffassung des Todes tritt uns da entgegen, nicht als Theorie, nicht als Dogma, sondern in der Empfindung. Diese Idee gewährt die Möglichkeit, den Tod zu begreifen nicht als ein Ende, sondern als ein Ausgießen der Persönlichkeit in das Universum, als ein Verlieren im Unendlichen und als ein Wiederfinden im großen Urgeist der Welt. Dabei ist künstlerisch das Problem des Todes in wunderbarer Weise gelöst. Der Tod ist zu einem Glück im Leben geworden. Der Sterbende fühlt die Metamorphose von einer Lebensform zur anderen.
[ 8 ] Those who from this point of view study Zola's contemporary, Tolstoy, attentively and without bias, find in Tolstoy the artist, the observer of the various types among the Russian people—the type of the Russian soldier, the martial type described in War and Peace, and later in Anna Karinina—a keynote quite different from that prevailing in the naturalism of the West. Tolstoy looks everywhere for something else. He describes the soldier, the official, the human being belonging to some class of society, family or race ... but everywhere he is looking for the soul, for the living soul that comes to expression in one and all, although not in the same way. He portrays the simple, straightforward workings of the soul—but at different stages and in different forms. What is life in its diverse forms, in its thousand-fold variety?—this is the basic question running through Tolstoy's works. And then he is able to understand life even when it seems to annihilate itself in death. Death is still the great stumbling-block for the materialistic view of the world. How can a man who regards the outer material world alone as real, grasp the meaning of death, how can he get the mastery over life when death stands at its end like a barrier, filling it with anxiety and terror? Even as an artist Tolstoy has surmounted this standpoint of materialism. In the novel The Death of Ivan Ilyich you can see with what artistry materialism in its roost extreme form is transcended, how in this figure of Ivan Ilyitsch there is complete inner concordance. We have a sick man before us, not one who is sick in body, but in soul. In everything Tolstoy says, one thing is clear: he is not of the opinion that there dwells within the body a soul that has nothing to do with the body; it is obvious from his words that he regards the constitution of the body as the expression of the life of soul; the soul, when it is itself sick, causes sickness in the body; it is the soul that pours through the veins of the body. This is a portrayal of how life comes to its own. And here we find a remarkable understanding of death, not as theory or dogma but in the life of feeling. This conception of the soul makes it possible to think of death not as an end but as an outpouring of the personality into the universe, a merging into infinitude, and the rediscovery of the self in the great primal Spirit of the world. The problem of death is here solved by the artist in a wonderful way. Death has become a blessing in life. a dying man feels the metamorphosis from the one form of life to the other.
[ 9 ] Das war Leo Tolstoi als künstlerischer Zeitgenosse der Naturalisten: der Sucher des Lebens, der Frager nach dem Rätsel des Lebens in seinen verschiedenen Formen. Da konnte es nicht anders sein, als daß für ihn dieses Rätsel des Lebens auch in den Mittelpunkt seiner Seele, seines Denkens und Fühlens tritt in wissenschaftlicher und in religiöser Beziehung. So hat er dieses Rätsel des Lebens zu erforschen gesucht, so hat er außer der Form auch das Leben gesucht, überall, wo es ihm begegnete. Daher ist er der Prophet einer neuen Zeitepoche geworden, welche die unsrige überwinden muß, einer Zeitepoche, welche im Gegensatz zu der Ausgestaltung der Naturwissenschaft wieder das Leben fühlen und erkennen wird. In der ganzen Kritik Tolstois über die westliche Kultur sehen wir nichts anderes als den Ausdruck des Geistes, der ein junges, frisches, kindhaftes Leben vertritt, der es eingießen will der sich fortentwickelnden Menschheit, der sich nicht befriedigen kann mit einer zwar reifen, ja sogar überreifen, in der äußeren Form zum Ausdruck gekommenen Kultur. Das ist der Gegensatz, in dem Tolstoi zur Kultur des Westens steht. Von diesem Gesichtspunkte aus kritisiert er die Gesellschaftsformen und die Lebensformen des Westens — überhaupt alles. Das ist der Standpunkt seiner Kritik.
[ 9 ] As a contemporary of the naturalists in the domain of art, Leo Tolstoy was one who sought for life, who enquired into the riddle of life in its different forms. This riddle of life—in its scientific as well as in its religious aspect—lay at the very centre of his soul, at the very core of his thinking and feeling. He strove to fathom this riddle, seeking for life wherever it encountered him. Hence he has become the prophet of a new era that must supersede our own, an era that in contrast to the trend of natural science will again experience and know the reality of life. In Tolstoy's whole judgment of Western culture we see the expression of a spirit who represents fresh, childlike life, a spirit who strives to imbue this life into evolving humanity, a spirit who cannot rest content with a mature, nay an over-mature culture manifesting in external forms. This indicates the nature of Tolstoy's antagonism to Western culture. It is from this point of view that he criticises the forms of society and of life—indeed everything else—current in the West; this is the point of view on which his judgment is based.
[ 10 ] Wir haben im Darwinismus gesehen, daß die Wissenschaft des Westens dazu gekommen ist, die Formen des Lebens zu begreifen, daß aber Darwin erklärt hat, nicht imstande zu sein, etwas von dem Leben selbst zu begreifen, welches er als Tatsache voraussetzt. Die ganze Kultur des Westens ist aufgebaut auf der Betrachtung der Form: Die äußere Form betrachten wir in der Stein-, in der Pflanzen-, in der Tier-, in der Menschenentwickelung. — Wo Sie auch irgendeines der Bücher der westlichen Wissenschaft aufschlagen, überall ist es die Form, die im Vordergrunde steht. Erinnern wir uns nochmals an das, woran wir schon gedacht haben: wie gerade die Forscher des Westens eingestehen, daß sie vor dem Rätsel des Lebens stehen und nicht einzudringen vermögen. Die Worte «Ignoramus, ignorabimus», sie tönen uns immer wieder entgegen, wenn die Wissenschaft Auskunft geben soll über das Leben selbst. Wie sich das Leben in Formen gestaltet, darüber weiß diese Wissenschaft etwas auszusagen. Wie aber dieses Leben selbst sich verhält, darüber weiß sie nichts. Sie verzweifelt an der Aufgabe, dieses Rätsel zu lösen, und spricht nur: Ignorabimus. — Da hat Tolstoi das richtige Wort gefunden, das richtige Prinzip für die Betrachtung des Lebens selbst. Ich möchte Ihnen eine entscheidende Stelle vorlesen, aus der Sie sehen werden, wie er den Standpunkt des Lebens gegenüber aller Wissenschaft der Formen des Lebens vertritt:
[ 10 ] In Darwinism, as we heard, Western science succeeded in grasping the forms of life. But Darwin himself declared that he was not able to understand anything of the life he postulates as a given reality. The whole of Western culture is founded on the observation of form—external form in the evolution of mineral, plant, animal, man.—Open any book on Western science and you will find that it is form which is everywhere brought into prominence. Western researchers have themselves declared that they are confronted by the riddle of life and are unable to fathom it. Ever and again, when information about life is expected from scientists, we hear the words: Ignoramus, ignorabimus (we do not know, we shall never know). Science is able to say something about how life is expressed in forms, but knows nothing about the operations of life itself. It despairs of being able to solve this riddle and merely says: Ignorabimus we shall never know. Tolstoy discovered the true principle for contemplation of life. I will read an important passage from his essay On Life,3All the quotations are from Tolstoy's work On Life and essays on religion. Translated by Aylmer Maude. O.U.P. 1934. which will show you how he emphasises the principle of life as contrasted with all science of the forms of life.—
[ 11 ] «Das falsche Wissen unserer Zeit» (des Westens) «nimmt an, daß wir das wissen, was wir nicht wissen können, und daß wir nicht wissen können, was wir wirklich wissen. Dem Menschen mit falschem Wissen scheint es, daß er alles weiß, was ihm in Raum und Zeit erscheint, und daß er das nicht weiß, was ihm durch sein vernünftiges Bewußtsein bekannt ist,
[ 11 ] “The false science of our day” (i.e. in the West) “assumes that we know what we cannot know, and that we cannot know the one thing we really do know. A man with this false knowledge assumes that he knows all that presents itself to him in space and time, and that he does not know what his reasonable consciousness tells him.
[ 12 ] Einem solchen Menschen scheint es, daß das Wohl im allgemeinen und sein Wohl der für ihn unerforschbarste Gegenstand sei. Fast ebenso unerforschbar erscheint ihm seine Vernunft, sein vernünftiges Bewußtsein; etwas erforschbarer erscheint er sich selbst als Tier; noch erforschbarer erscheinen ihm die Tiere und Pflanzen, und als am meisten erforschbar die tote, unendlich verbreitete Materie.
[ 12 ] Such a roan imagines that good in general, and his own good in particular, are the most unknowable of all things for him; his reasonable consciousness seems to him almost equally unknowable, he himself as an animal seems rather more knowable, animals and plants more knowable still, and inanimate and infinitely diffused matter seems to him the most knowable of all.
[ 13 ] Etwas Ähnliches geht mit dem Gesichte des Menschen vor. Der Mensch richtet seinen Blick immer unbewußt auf die entferntesten und ihm deshalb nach Farbe und Konturen am einfachsten erscheinenden Gegenstände: auf den Himmel, den Horizont, ferne Felder und Wälder. Diese Gegenstände erscheinen ihm desto bestimmter und einfacher, je ferner sie sind, und im Gegenteil, je näher der Gegenstand ist, desto mannigfaltiger sind seine Konturen und Farben.» — «Geht nicht dasselbe mit dem falschen Wissen des Menschen vor? Das, was ihm zweifellos bekannt ist — sein vernünftiges Bewußtsein —, erscheint ihm unerforschbar, weil es nicht einfach ist, doch das, was ihm unerreichlich ist — die grenzenlose, ewige Materie —, erscheint ihm leicht erforschbar, weil sie in der Entfernung einfach erscheint.
[ 13 ] Something similar happens with regard to man's sight. A man always unconsciously directs his look first to objects that are farthest away and which therefore seem simplest in colour and outline: the sky, the horizon, the distant fields and woods. The farther those things are away the more definitely and simply do they present themselves, while the nearer an object is the more complex are its outlines and colour.” ... “Is it not the same with man's false knowledge? What is indubitably known to him, his reasonable consciousness, appears to him unknowable because it is not simple, while what la certainly incomprehensible to him—illimitable and eternal matter—seems to him to be the most knowable of all things because its very remoteness from him makes it appear simple*
[ 14 ] Und doch ist das eben das Gegenteil.»
[ 14 ] In reality it is just the reverse.”
[ 15 ] Der Wissenschafter des Westens sieht als erstes, Stabiles, die leblose Materie an. Dann sieht er, wie aus dieser sich die Pflanzen, Tiere und Menschen als Wirkung der chemischen und physikalischen Kräfte aufbauen; sieht, wie sich die leblose Materie bewegt, zusammenballt und schließlich die Bewegung des Gehirns hervorbringt. Nur kann er nicht begreifen, wie das Leben zustandekommt: denn das, was er untersucht, ist nichts als die Form des Lebens. Tolstoi sagt: Das Leben ist uns das nächste, in dem stecken wir ja, das Leben sind wir ja; freilich, wenn wir das Leben dadurch begreifen wollen, daß wir es in der Form betrachten und untersuchen, dann werden wir es nie begreifen. Wir brauchen es nur in uns selbst zu erblicken, wir brauchen es nur zu leben, dann haben wir das Leben. Die, welche glauben, es nicht begreifen zu können, verstehen das Leben überhaupt nicht. - Hier setzt Tolstoi mit seiner Lebensbetrachtung ein und untersucht, was der Mensch als sein Leben erfassen kann, wenn auch die raffinierte, überreife Denkweise es in den großen Linien des einfachen Denkens nicht begreifen kann: Willst du die Form recht verstehen, dann mußt du in das Innere sehen. Willst du nur die formalen Naturgesetze erforschen, wie willst du dann unterscheiden, wie sich sinnvolles Leben von nicht sinnvollem Leben unterscheidet? Nach denselben höheren Gesetzen sind die Organismen gesund und werden die Organismen krank; ganz genau nach denselben Naturgesetzen wird der Mensch krank, wie er gesund ist. — Wieder in bezeichnender Weise spricht sich Tolstoi in der Abhandlung «Über das Leben» aus:
[ 15 ] The Western scientist looks first and foremost at immobile, lifeless matter. Then he perceives how plants, animals and human beings are built out of this as the result of the working of chemical and physical forces, be perceives how lifeless matter is stirred into movement, conglomerates and finally gives rise to the movements of the brain. Only he cannot grasp how life itself comes into being, for what he is investigating is nothing but the form in which life is manifesting. Tolstoy says in effect: Life is our immediate concern, we are within life, nay we are life; if we think that we shall understand life by investigating and observing it in form, we shall never do so. We need only contemplate life in ourselves, we need only experience life—and then we have grasped it. Those who believe that it is impossible to grasp the reality of life itself do not understand it at all.—Tolstoy investigates what the human being is able to apprehend as his life, although the overcomplicated mode of thinking cannot grasp it in the broad outlines of simple thought.—If you would truly understand form, you must look into its innermost essence. If you are willing only to investigate the laws of nature in their outer expression, how can you hope to discover how life that is subjected to reason differs from life that is not? Organisms are healthy and become sick in accordance with identical laws; the sickness and the health of a human being are governed by exactly the same laws.—Again Tolstoy speaks significant words in his essay On Life:
[ 16 ] «Wie stark und rasch die Bewegungen des Menschen im Fieberdelirium, im Wahnsinn oder in der Agonie, in der Trunkenheit, selbst im Ausbruch der Leidenschaft sein mögen, wir erkennen den Menschen nicht als lebend an, behandeln ihn nicht als einen lebenden Menschen und erkennen ihm bloß die Möglichkeit des Lebens zu. Aber wie schwach und unbeweglich auch ein Mensch sein mag - wenn wir sehen, daß seine tierische Persönlichkeit sich der Vernunft unterworfen hat, erkennen wir ihn als lebend an und behandeln ihn derart.»
[ 16 ] “However strong or rapid a man's movements may be in his death struggle, in madness, in delirium, in drunkenness or even in a paroxysm of passion, we do not recognise life in him, we do not treat him as a living man, we only admit the possibility of life in him. But however weak and motionless a man may be, if we see that his animal personality is in subjection to reason, we recognise life in him and treat him accordingly.” (p. 62)
[ 17 ] Tolstoi meint, daß die äußere Form erst Sinn für uns gewinnt, wenn wir sie nicht bloß äußerlich studieren, sondern wenn wir das, was nicht Form ist, was nur Geist ist, das Innere, das Wesentliche, unmittelbar erfassen. Niemals können wir, wenn wir bloß die Form zu erfassen suchen, zum wahren Leben dringen; aber die Formen werden wir verstehen, wenn wir vom Leben aus auf die Form übergehen.
[ 17 ] Tolstoy means that the outer form has significance only when we do not merely study it from outside but grasp that which is not form, which is only spirit—the inmost essence. If we try merely to understand the form we can never penetrate to the actual life; but we shall understand the forms if, starting from life, we then pass to the form.
[ 18 ] Doch nicht allein in dieser wissenschaftlichen Weise faßt Tolstoi sein Problem; er faßte es auch von der sittlichen Seite auf. Wie kommen wir in unserer menschlichen Form zu diesem eigentlichen Leben, bis zu dem, was gesetzlich ist bis in die äußere Form hinein? Das machte sich Tolstoi klar, indem er sich fragt: Wie befriedige ich — wie befriedigen die Mitmenschen das Bedürfnis ihres eigenen Wohlseins? Wie komme ich zur Befriedigung meines unmittelbaren persönlichen Lebens? Ausgehend von der Ausgestaltung des tierischen Lebens, hat der Mensch keine andere Frage als: Wie befriedige ich die Bedürfnisse der äußeren Lebensform? — Das ist eine tiefstehende Anschauung. Eine etwas höherstehende haben diejenigen, die sagen: Nicht der einzelne Mensch hat seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern er hat sich dem Gemeinwohl einzufügen, einer Gemeinschaft einzugliedern, und nicht nur für dasjenige zu sorgen, was sein eigenes äußeres Leben in seiner Form befriedigt, sondern er hat darauf zu sehen, daß diese Form des Lebens bei allen lebenden Wesen zur Befriedigung kommt. Wir sollen uns in die Gemeinschaft eingliedern und unterordnen den Bedürfnissen der Gesellschaft. Das ist dasjenige, was zahlreiche Persönlichkeiten, zahlreiche Ethiker und Soziologen in der Kulturentwickelung des Westens als das Ideal ansehen: Unterordnung der Bedürfnisse des einzelnen unter die Bedürfnisse der Gemeinsamkeit. Das ist aber nicht das Höchste — sagt Tolstoi —, denn was habe ich anderes im Auge als die äußere Form? Wie man in der Gemeinschaft lebt, wie man sich eingliedert in dieselbe, das bezieht sich doch nur auf die äußere Form. Und diese äußeren Formen ändern sich fortwährend. Und wenn mein einzelnes persönliches Leben nicht unmittelbar Zweck sein soll, warum sollte dann das Leben der vielen Zweck sein? Ist das persönliche Wohl der einzelnen menschlichen Lebensform nicht ein Ideal, so kann durch Summierung vieler einzelner nicht ein Ideal des Gemeinwohles entstehen. Nicht die Wohlfahrt des einzelnen, nicht die Wohlfahrt aller kann das Ideal sein: das geht nur auf die Formen, in denen das Leben erst lebt. Wo erkennen wir das Leben? Wem sollen wir uns unterordnen, wenn nicht den von unserer niederen Natur diktierten Bedürfnissen, wenn nicht dem, was ein Gemeinwohl oder Humanität vorschreibt?
[ 18 ] But Tolstoy did not approach his problem from the scientific side alone; he approached it from the moral and ethical side as well. How, as human beings, do we reach this true life with its law that extends into the outer form? Tolstoy asks himself: How do I, how do other men satisfy the needs of our own well-being? How can I achieve the satisfaction of my own personal life? If his starting-point is that of animal life, a man has no other question than: How do I gratify the needs of the external form of life?—This is an inferior viewpoint. A somewhat higher one is held by those who say: It is not a matter of the gratification of the needs of an individual; the individual has to lend himself to the common weal, to be a member of society—moreover to care not only for what satisfies the form of his own external life but to see to it that the needs of this form of life among all living beings are satisfied. We must be members of a community, we must make our needs subordinate to its needs. Subordination of the needs of the individual to those of the community—this is regarded as the ideal by many moralists and sociologists in Western culture. But—says Tolstoy—this is not the highest viewpoint, for what have I still in mind except the external form? How one lives in the community, how one participates in it—this, after all, is a matter only of the external form. And these external forms are perpetually changing. If my own personal life is not to be the aim, why should the life of the many be the aim? If the welfare of the single individual's form of life is not an ideal, no ideal of common welfare can be produced by an accumulation of individuals. The ideal cannot be the welfare of an individual, nor can it be the welfare of all, for this is a matter only of the forms in which life is contained. Where is life to be recognised? To what are we to put ourselves in subjection, if not to the needs dictated by our lower nature? If not to what common welfare or humanity prescribes?
[ 19 ] Dasjenige, was im einzelnen und in der Gemeinschaft nach Wohlfahrt und Glückseligkeit begehrt, das ist in den mannigfaltigsten Formen das Leben selbst. Erfassen wir deshalb unser sittliches, unser innerstes Ideal nicht nach äußeren Formen, sondern nach dem, was der Seele selbst sich ergibt, was der Seele in ihrem Inneren, durch den Gott, der in ihr lebt, als Ideal sich darbietet. Das ist der Grund, warum Tolstoi wiederum auf eine Art höher ausgestaltetes Christentum zurückgreift, das er als das wahre Christentum betrachtet: Das Reich Gottes suchet nicht in äußeren Gebärden, in den Formen, sondern inwendig. Dann wird euch aufgehen, was eure Pflicht ist, wenn ihr das Leben der Seele erfaßt, wenn ihr euch inspirieren laßt von dem Gott in euch, wenn ihr hinhorcht auf das, was eure Seele zu euch spricht. Geht nicht in den Formen auf, so groß und gewaltig sie auch sein mögen! Geht zurück auf das ursprüngliche einige Leben, auf das göttliche Leben in euch selbst. Wenn der Mensch nicht von außen die ethischen Ideale, die Kulturideale in sich aufnimmt, sondern aus seiner Seele herausquillen läßt, was in seinem Herzen aufgeht, was Gott in seine Seele gesenkt hat, dann hat er aufgehört, bloß in der Form zu leben, dann hat er tatsächlich einen sittlichen Charakter. Das ist innere Sittlichkeit und Inspiration.
[ 19 ] That which in the individual and in the community alike craves for well-being and happiness is the life itself in the most manifold forms. It therefore behoves us not to shape our ethical, our innermost, ideal according to external forms, but according to what is vouchsafed as the ideal to the inmost essence of the soul itself by the indwelling God. That is why Tolstoy reaches out again for a higher kind of Christianity which he regards as the true Christianity.—Seek not the kingdom of God in outer manifestations—in the forms—but within you. What your duty is will become clear to you when you knowingly experience the life of the soul, when you allow yourself to be inspired by the God within you, when you give ear to the utterances of your soul. Let not the forms engross you, great and impressive though they may be! Go bade to the original, undivided life, to the divine life within you yourself. When a man does not take the ethical ideals, the cultural ideals, into himself from outside, but lets that which arises in his heart, that which the Godhead has imbued into his soul, stream forth from his soul, then he has ceased to live only in form; then he is moral in the true sense. This is inner morality, and inspiration.
[ 20 ] Von diesem Gesichtspunkt aus versucht er eine vollständige Erneuerung aller Lebens- und Weltanschauung in der Form dessen, was er sein Urchristentum nennt. Das Christentum hat sich veräußerlicht nach seiner Anschauung, hat sich angepaßt den verschiedenen Lebensformen, die aus der Kultur der verschiedenen Jahrhunderte hervorgegangen sind. Und er erwartet wieder eine Zeit, wo die Form mit neuem innerem Leben durchpulst, wo das Leben wieder in unmittelbarer Art ergriffen werden muß. Deshalb wird er nicht müde, in neuen Formen und immer wieder neuen Formen hinzuweisen darauf, daß es gilt, die Einfachheit des Seelischen zu erfassen, nicht das komplizierte Leben, das immer Neues und Neues erfahren will. Nein! Daß die Einfalt der Seele das Richtige treffen muß, daß zunächst verbunden werden muß das Verwirrende der äußeren Wissenschaft, der äußeren künstlerischen Darstellung, das Luxuriöse des modernen Lebens mit dem unmittelbar Einfachen, das in der Seele eines jeden aufquillt, gleichgültig in welcher Lebens- und Gesellschaftsform er steckt: das schreibt Tolstoi als Ideal vor. Und so wird er ein strenger Kritiker der verschiedenen Kulturformen des westlichen Europa, er wird ein strenger Kritiker der westlichen Wissenschaft. Er erklärt, daß diese Wissenschaft nach und nach in Dogmen erstarrt ist wie die Theologie, und daß die Wissenschafter des Westens einem vorkommen wie die echten, von falschem Geist erfüllten Dogmatiker. Streng geht er mit diesen Wissenschaftern ins Gericht. Vor allem mit dem, was in diesen wissenschaftlichen Formen als Ideal erstrebt wird, und mit denen, welche das «Um und Auf» alles Strebens in unserer sinnlichen Wohlfahrt suchen. Durch Jahrhunderte hindurch hat die Menschheit angestrebt, die Formen aufs Höchste zu bringen, im äußeren Besitz, im äußeren Wohlsein das Höchste zu sehen. Und nun soll — wir wissen ja, daß wir das nicht zu tadeln haben, sondern als eine Notwendigkeit zu betrachten haben —, nun soll das Wohlsein nicht bloß auf einzelne Stände und Klassen beschränkt sein, sondern allen teilhaftig werden. Gewiß, dagegen ist nichts einzuwenden, aber gegen die Form, in der das zu erreichen versucht wird durch die westliche Soziologie und den westlichen Sozialismus, wendet sich Tolstoi. Was sagt dieser Sozialismus? Er geht davon aus, die äußeren Lebensformen umzugestalten. Die Art der materiellen Kultur soll den Menschen dazu bringen, daß er zu einem höheren Lebensstand, zu einer höheren Lebenshaltung kommt. Und dann glaubt man, daß diejenigen, denen es besser gehen wird, die ein besseres äußeres Fortkommen haben, auch eine höhere Sittlichkeit haben werden. Alles sittliche Bemühen der Sozialisierung ist darauf gerichtet, die äußere Gestaltung einer Revolution zu unterwerfen.
[ 20 ] From this standpoint Tolstoy strives for a complete renewal of all conceptions of life and of the world in the form of what he calls ‘original Christianity.’ In his view, Christianity has been externalised, has adapted itself to the diverse forms of life produced by culture and civilisation in the different centuries. And he awaits an era when form will be vibrant with new, inner life, when life will again be apprehended in direct experience. Therefore he is never tired of exhorting in ever new connections that it is a matter of experiencing the simplicity of the soul's existence, not the complex existence which all the time is trying to learn something new. The ideal prescribed by Tolstoy is that the simplicity of the soul must be maintained, that the intricacies of external science, of external artistic presentation, the luxury-adjuncts of modern life. must be resolved Into the simplicity inherent in the soul of every human being, no matter in what form of life and society he is placed. And so Tolstoy is a stern critic of the various forms of Western European culture, of Western science. He declares that this science, like theology, has little by little stiffened into a body of dogmas and that Western scientists give one the impression of being outright dogmatists, filled with wrongly directed intellect. He passes stern judgment on these scientists, above all on the ideal striven for in these forms of science, and on those who regard the final goal of all endeavour to be our material welfare. For centuries past mankind has been at pains to make forms preeminent, regarding external possessions, external well-being as the highest goal. And now—we know that this should not be censured but regarded as inevitable - well-being must not be limited to particular ranks or classes, but shared by one and all.—Certainly there is no objection to be made to this, but it is against the form in which Western sociology and Western socialism endeavour to achieve it that Tolstoy directs his attacks. What does this socialism proclaim? Its aim is the transformation of the external forms of life. Material culture itself is to lead men to a higher level, to a higher standard of life. And then, so it is believed, those whose conditions improve, whose, prosperity increases, will also have a higher ethical standard. All ethical endeavour on the part of socialism is directed toward revolutionising the outer form of the conditions of existence.—
[ 21 ] Dagegen wendet sich Tolstoi. Denn das ist ja gerade das Ergebnis der Kulturentwickelung, daß sie dazu geführt hat, die mannigfaltigsten Stände- und Klassenunterschiede herauszubilden. Glaubt ihr, wenn ihr diese Formkultur aufs Höchste treibt, daß ihr wirklich zu einem höheren Kulturideal kommt? Ihr müßt den Menschen erfassen da, wo er selbst sich Form gibt. Ihr müßt seine Seele besser machen, in seine Seele göttlich-sittliche Kräfte gießen, dann wird er vom Leben aus die Form umgestalten. Das ist der Sozialismus Tolstois, und es ist seine Anschauung, daß aus aller Umgestaltung der Formkultur des Westens niemals eine Erneuerung der sittlichen Kultur erstehen kann, sondern daß diese Erneuerung von der Seele, vom Inneren heraus geschehen muß. Daher wird er nicht zum Prediger eines dogmatischen Sittenideals, sondern zum Förderer einer vollkommenen Umgestaltung der menschlichen Seele. Er sagt nicht, des Menschen Sittlichkeit erhöht sich, wenn des Menschen äußere Lebenslage sich erhöht, sondern er sagt: Gerade weil ihr von der äußeren Form ausgegangen seid, hat sich das Trübselige, das ihr lebt, über euch ergossen. Ihr werdet diese Lebensform erst wieder überwinden können, wenn ihr den Menschen von innen heraus umgestaltet. — In der Soziologie haben wir, ebenso wie in der darwinistischen wissenschaftlichen Betrachtung, die letzten Ausläufer der alten Formkultur. Bei uns aber haben wir die Ansätze zu einer neuen Lebenskultur. Wie wir dort die absteigende Linie haben, so haben wir hier die aufsteigende. Geradesowenig wie der Greis, der bereits seine Bestimmung, seine Lebensform erreicht hat, imstande ist, sich völlig zu erneuern, wie vielmehr aus dem frisch aufwachsenden Kinde die neue Lebensform durch innere Belebung hervorgeht aus dem, was noch undifferenziert ist und die Mannigfaltigkeit auseinandersprießen läßt, ebensowenig kann auch aus einem alten Kulturvolk eine neue Lebensform hervorgehen. Deshalb sieht Tolstoi gerade in dem russischen Volke ein noch nicht von den Kulturformen des Westens eingenommenes Volk, er sieht darin dasjenige Volk, innerhalb dessen dieses Leben der Zukunft aufsprießen muß. Gerade aus der Betrachtung dieses slawischen Volkes, das heute noch in stumpfer Gleichgültigkeit die europäischen Kulturideale ansieht - sowohl die europäische Wissenschaft als auch die europäische Kunst —, behauptet Tolstoi, daß in ihm ein undifferenzierter Geist lebt, der zum Träger werden muß für das künftige Kulturideal. Darin sieht er das, was zukünftig ist. Seine Kritik gründet sich auf das große Gesetz der Evolution, auf jenes Gesetz, welches uns den Wandel der Formen lehrt und das fortwährende neue keimhafte Aufgehen des Lebens.
[ 21 ] It is this attitude which Tolstoy attacks, For the obvious result of the evolution of culture has been the development of the most manifold differences of rank and class. Can you possibly believe that if you make this culture of form preeminent, you will actually produce an ideal civilisation? No, you must take hold of the human being where he himself creates form. You must enrich his soul, imbue his soul with divine-moral forces, and then, acting from the very source of life, he will change the form. That is Tolstoy's socialism and it is his view that no renewal of moral end ethical culture can ever arise from any metamorphosis of the form-culture of the West, but that this renewal must be brought about by the soul, from within outwards. Hence he is not a preacher of dogmas but the champion of a complete transformation of the human soul. He does not say: Man's ethical standard is raised when the outer conditions of his life improve ... but he says: It is just because you have based yourselves on outer forms that you have brought upon yourselves the wretchedness of your existence. Not until you transform the human being from within will you be able to surmount this form of life. In sociology, as well as in Darwinism, we have the last offshoots of the old form-culture. But then we have, too, the preliminary factors for a new culture of life. Just as in the former case we have the line of descent, here we have the line of ascent. As little as an aged man who has already attained his settled form of life is capable of complete self-renewal, as little can an old culture produce a new form of life. It is from the child with its fresh forces of growth that the new form of life springs—inwardly quickened—from what is as yet undifferentiated and able to unfold into infinite diversity. Hence in the Russian people Tolstoy sees a people not yet entangled in Western forms of culture; it is within this people that the life of the future must germinate. From his observation of the Slav people who still regard the European ideals of culture—European science as well as European art—with apathetic indifference, Tolstoy declares that in this people there lives an undifferentiated spirit which must become the bearer of the future ideal of culture. It is there that he sees the hope of the future. His judgment is based on the great law of evolution, on that law which teaches us the principle of the change of forms and the perpetually new, germinal up-welling of life,
[ 22 ] Im zehnten Kapitel seines Buches «Über das Leben» heißt es: «Und das Gesetz, welches wir in uns selbst als das Gesetz unseres Lebens kennen, ist dasselbe Gesetz, nach dem sich auch alle äußeren Erscheinungen der Welt vollziehen, nur mit dem Unterschiede, daß wir in uns dieses Gesetz als ein solches kennen, das wir selbst vollziehen müssen — in den äußeren Erscheinungen jedoch als etwas, das sich ohne unser Hinzutun nach diesen Gesetzen vollzieht.»
[ 22 ] In the tenth chapter of his essay On Life, he says: “And the law we know in ourselves as the law of our life is the same law by which all the external phenomena of the universe are ordered, only with this difference, that in ourselves we know this law as that which we must ourselves fulfill, while in external phenomena we know it as the law by which things take place without our participation.”
[ 23 ] So stellt sich Tolstoi selbst hinein in das in der Entwickelung begriffene, ewig wandelbare Leben. Wir wären recht schlechte Vertreter der Geisteswissenschaft, wenn wir eine solche Erscheinung nicht im richtigen Sinne verstehen könnten; schlechte Geisteswissenschafter wären wir, wenn wir nur uralte Wahrheit predigen wollten. Warum machen wir den Inhalt der uralten Weisheit zu dem unsrigen? Weil die uralte Weisheit uns das Leben in seinen Tiefen verstehen lehrt, weil sie uns zeigt, wie in den mannigfaltigsten Gestalten immer das eine Göttliche wieder und wieder erscheint. Ein schlechter Vertreter der Geisteswissenschaft wäre derjenige, der zum Dogmatiker würde, der nur predigen wollte, was die uralte Weisheit enthält, der sich zurückzöge und kalt und fremd dem Leben gegenüberstände, blind und taub wäre für das, was in der unmittelbaren Gegenwart geschieht. Die Weisheitslehre hat uns die uralte Weisheit nicht gelehrt, damit wir sie in Worten wiederholen, sondern damit wir sie leben und das verstehen lernen, was um uns herum ist. Die Entwickelung unserer eigenen Rasse, die in verschiedene Formen zerfallen ist seit der alten indischen Kultur bis zu der unsrigen, diese Entwickelung ist uns genau geschildert und vorgezeichnert in jener uralten Weisheit. Und gesprochen wird uns da auch von einer Zukunftsentwickelung, von einer Entwickelung in die unmittelbare Zukunft hinein. Es wird uns gesagt, daß wir am Ausgangspunkte einer neuen Zeitenära stehen. Unser Verstand, unsere Intelligenz, sie haben ihre Ausgestaltung erlangt infolge des Durchgangs durch die verschiedenen Gebiete des Daseins. Unsere physischen Verstandeskräfte haben ihre höchsten Triumphe in der Formkultur unserer Zeit erlangt. Der Verstand ist eingedrungen in die Naturgesetze der Form und hat in der Beherrschung der Naturgesetze der Form es bis zum höchsten gebracht, in den großen und gewaltigen Fortschritten der Technik, in den großen und gewaltigen Fortschritten unseres Lebens. Nun stehen wir am Ausgangspunkte derjenigen Epoche, in welcher sich in diesen Verstand etwas hineinergießen muß, etwas, das von innen heraus den Menschen ergreifen und ihn gestalten muß. Deshalb hat die theosophische Bewegung zu ihrem Leitwort gewählt und sich als Zweck gesetzt, den Kern, den Keim einer allgemeinen Menschenverbrüderung zu bilden. Nicht nach Ansichten, nicht nach Klassen, Geschlecht und Hautfarbe, nicht nach Religionsbekenntnissen soll unterschieden werden, das Leben ist in all diesen Formen zu suchen. Das, was uns vorschwebrt als unser spirituelles Ideal, ist ein Ideal der Liebe, das der Mensch, wenn er seiner Göttlichkeit bewußt wird, als das Reich Gottes, das in ihm ist, erlebt. Als Manas bezeichnet die Theosophie die Kultur der Intellektualität, die Kultur des Geistes; als Buddhi das, was von der inneren Wesenheit, von der Liebe durchdrungen ist, das, was nicht weise sein will, ohne von Liebe erfüllt zu sein. Und wie unsere Rasse es auf Grund des Verstandes zur Manaskultur gebracht hat, so wird es nun das nächste sein, daß wir es zu der von Liebe erfüllten Individualität bringen, wo der Mensch aus der höheren, inneren, göttlichen Natur heraus handelt, und weder aufgeht in dem Chaos der äußeren Natur noch in der Wissenschaft noch im sozialen Leben. Wenn wir das spirituelle Ideal in dieser Weise erfassen, dann dürfen wir sagen, wir verstehen dieses Ideal richtig, und dann dürfen wir auch eine Persönlichkeit nicht verkennen, die unter uns lebt, die neue Lebensimpulse der Menschheitsentwickelung geben will.
[ 23 ] Thus Tolstoy himself bears witness to life that is evolving, that is eternally subject to change. We should be very poor representatives of spiritual science were we unable to understand such a phenomenon aright and were only to preach ancient truth. Why do we study the ancient wisdom? Because this ancient wisdom teaches us to understand life in its depths, because it reveals to us how the Divine manifests ever and again in an infinite variety of form. Anyone who becomes a dogmatist, who speaks only about the ancient wisdom without ears or words for happenings of the immediate present, is anything but a worthy representative of spiritual science. The ancient wisdom is not taught to us in order that we shall repeat it in words but in order that we shall live it, and learn to understand what is round about us. The development of our own race, which has been separating into different forms from the time of the ancient Indian civilisation up to our own, is accurately described and portrayed in that ancient wisdom, which speaks, too, of the development to come in the future, in our own immediate future. It tells us that we are standing at the starting-point of a new world-era. Our reason, our intelligence, have developed as this result of the passage through the different domains of existence. The powers of our physical intellect have attained their greatest triumph in the form-culture of our time. Intellect has penetrated the natural laws of form and has achieved mastery of them in the stupendous advances made in applied technology, in the standards of our life. We stand now at the starting-point of an epoch when something must pour into this intellect, something that must lay hold of and mould the human being from within outwards. That is why the Theosophical Movement has chosen as its guiding principle and aim, the establishment of the kernel of universal brotherhood among men without distinction of creed, class, sex or colour: it is the life that is to be sought in all these forms. The spiritual ideal hovering before us is an ideal of Love, an ideal which the human being, when he becomes conscious of divinity, experiences as the other divine principle that is within himself. The culture of intellect, of the spirit, is called by Theosophy, Manas; Buddhi is the principle that is inwardly pervaded by love, the principle that arrives only for such wisdom as is filled with love. And just as our race has produced a culture founded on intellect the next stage will be a culture where the individual, filled with love, acts out of his inner, divine nature, without losing his bearings in the chaos of the external world, be it in the domain of science or the social life. If we have this conception of the spiritual ideal we may claim to have understood it rightly—and then we shall not fail to recognise a personality who, living among us, is striving to instill into the evolution of humanity the Impulse of a new life.
[ 24 ] Wie schön und übereinstimmend mit unseren Lehren ist manches, was gerade Tolstoi in bezug auf die Auffassung des Menschen in seiner Unmittelbarkeit sagt. Nur eine Stelle möchte ich noch vorlesen, die besonders für sein sittliches Ideal charakteristisch ist: «Das ganze Leben dieser Menschen ist auf die eingebildete Vergrößerung ihres persönlichen Wohles gerichtet. Das Wohl der Persönlichkeit erblikken sie nur in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Bedürfnisse der Persönlichkeit nennen sie alle jene Existenzbedingungen der Persönlichkeit, auf die sie ihre Vernunft gerichtet haben. Die bewußten Bedürfnisse jedoch — jene, auf welche ihre Vernunft gerichtet ist — wachsen immer infolge dieses Bewußtseins ins Unendliche. Die Befriedigung dieser wachsenden Bedürfnisse verschließt ihnen die Forderungen ihres wahren Lebens.»
[ 24 ] Much of what Tolstoy says about the essential nature of man is in perfect accord with this. Let me read just one more passage that is particularly characteristic of his ethical and moral ideal: “The whole life of such people is directed to the supposed increase of the welfare of their personality. And the good of their personality appears to them to consist in the gratification of its needs; and these needs are all those conditions of individual existence to which their attention is directed. The needs of which they are conscious—those to which they have directed their attention—always grow to infinite proportions as a result of this attention, and the gratification of these overgrown needs hides from them the demands of their true Life.”
[ 25 ] Tolstoi sagt also: Die Persönlichkeit aber schließt das vernünftige Bewußtsein nicht in sich ein. Die Persönlichkeit ist eine Eigenschaft des Tieres und des Menschen als Tier. Das vernünftige Bewußtsein ist die Eigenschaft des Menschen allein. Erst wenn der Mensch hinausschreitet über die bloße Persönlichkeit, wenn er sich des Übergewichts der Individualität über das Persönliche bewußt wird, wenn er versteht unpersönlich zu werden, unpersönliches Leben in sich walten zu lassen, dann tritt er aus der in der äußeren Form verstrickten Kultur heraus in eine lebensvolle Kultur der Zukunft hinein.
[ 25 ] Tolstoy therefore says in effect: The reasoning consciousness is not enclosed within the confines of the personality. Personality is a quality of the animal and of man as an animal. Reasoning consciousness is an attribute of man alone. Not until man learns to become impersonal, to let the impersonal life hold sway in him, will he grow out of a culture of form into a culture of life—despite the continuing development of outer form.
[ 26 ] Ist es auch nicht dasjenige, was die Theosophie als ihr Ideal erkennt, ist es auch nicht die ethische Konsequenz, die wir aus der Theosophie ziehen, so ist es doch ein Schritt dem Ideale entgegen, da der Mensch nur dann zu leben lernt, wenn er nicht auf die Persönlichkeit sieht, sondern auf das Ewige und Unvergängliche.
[ 26 ] Man learns to live on rightly into the future when his being is steeped in the eternal, the imperishable.
[ 27 ] Dieses Ewige und Unvergängliche, die Buddhi, der Weisheitskeim, der in der Seele ruht, ist dasjenige, was die bloße Verstandeskultur ablösen muß. Daß die Theosophie mit dieser Anschauung von der Zukunft der Menschheitsentwickelung recht hat, darüber gibt es viele Beweise. Der wichtigste aber ist derjenige, daß sich ähnliche Kräfte im Leben selbst bereits geltend machen, die es nun gilt, wirklich zu erfassen und zu verstehen, um uns dann selbst mit deren Idealen zu erfüllen.
[ 27 ] The culture based on intellect must be superseded by Buddhi, the culture based on wisdom. The most important factors here are those forces which operate in life itself.4At the end of a lecture given in Berlin, 30th September, 1905, (the fifth of the so-called “Thirty-one” Lectures, Dr. Steiner says: “Buddhi-Manas must now be developed. Man must learn to do something more than mere speaking. With his speaking he must combine another force, such as is found in the works of Tolstoy. What Tolstoy actually says is of less importance than the fact that behind what he says there is an elemental force which has in it something of Buddhi-Manas. The reason why Tolstoy's writings make such a strong impression is that they contain, in contrast to Western European culture, something new and rudimental. The element of uncouthness in Tolstoy's writings will be leveled out as time goes on. Tolstoy is merely an instrument of a higher spiritual force which was also behind the Gothic Initiate Wulfila. This spiritual force uses Tolstoy as its instrument.” It behoves us to recognise and understand such a truth.
[ 28 ] Das ist das große bei Tolstoi, daß er den Menschen aus dem engen Kreis seiner Gedanken herausheben und spirituell vertiefen will, daß er ihm zeigen will, daß die Ideale nicht außen in der materiellen Welt sind, sondern nur aus der Seele hervorquellen können.
[ 28 ] The greatness of Leo Tolstoy lies in this: he has shown that the ideals are not to be found outside, in the material world, but can spring forth from the soul.
[ 29 ] Wenn wir rechte Theosophen sind, dann werden wir die Evolution erkennen, dann werden wir nicht blind und taub bleiben gegenüber dem, was uns im theosophischen Sinne in unserer Gegenwart entgegenleuchtet, sondern wir werden diese Kräfte, von denen gewöhnlich in theosophischen Schriften in poetischer Weise gesprochen wird, wirklich erkennen.
[ 29 ] Not translated
[ 30 ] Das muß gerade das Charakteristische eines Theosophen sein, daß er die Finsternis und den Irrtum überwunden hat, daß er das Leben und die Welt in der richtigen Weise einzuschätzen und erkennen lernt.
[ 30 ] Not translated
[ 31 ] Ein Theosoph, welcher sich zurückziehen, kalt und fremd dem Leben gegenüberstehen würde, wäre ein schlechter Theosoph, und wenn er noch so viel wüßte. Solche Theosophen, welche uns von der sinnlichen Welt hinaufführen in eine höhere, welche selbst hineinblicken in übersinnliche Welten, sie sollen uns auch auf der anderen Seite lehren, wie wir auf dem physischen Plane das Übersinnliche beobachten können und uns nicht verlieren im Sinnlichen.
[ 31 ] Not translated
[ 32 ] Wir erforschen die Ursachen, die aus dem Geistigen kommen, um das Sinnliche, das die Wirkung des Geistigen ist, vollkommen zu verstehen. Das Sinnliche verstehen wir nicht, wenn wir innerhalb des Sinnlichen stehenbleiben, denn die Ursachen zum sinnlichen Leben kommen aus dem geistigen.
[ 32 ] Not translated
[ 33 ] Hellsehend im Sinnlichen will uns die Theosophie machen, deshalb redet sie von der uralten Weisheit. Sie will den Menschen umgestalten, daß er hellsichtig hineinsehe in die hohen übersinnlichen Geheimnisse des Daseins, aber das soll nicht erkauft werden mit Unverständnis für dasjenige, was unmittelbar um uns vorhanden ist.
[ 33 ] Not translated
[ 34 ] Der wäre, wie gesagt, ein schlechter Hellseher, der blind und taub wäre für dasjenige, was in der Sinneswelt sich abspielt, für dasjenige, was seine Zeitgenossen in seiner unmittelbaren Umgebung zu vollbringen imstande sind, und außerdem wäre er ein schlechter Hellseher, wenn er nicht imstande wäre, das von einer Persönlichkeit zu erkennen, wodurch in unserer Zeit die Menschen in das Übersinnliche hineingeführt werden. Was nützt es uns, wenn wir hellsehend würden und nicht imstande wären, das zu erkennen, was als nächste Aufgabe unmittelbar vor uns liegt.
[ 34 ] Not translated
[ 35 ] Ein Theosoph muß sich nicht vom Leben zurückziehen, er muß die Theosophie unmittelbar auf das Leben anzuwenden wissen. Soll die Theosophie uns hinaufführen zu höheren Welten, so müssen wir die übersinnlichen Erkenntnisse auf unseren physischen Plan herabbringen. Wir müssen die Ursachen, die im Geistigen liegen, erkennen. Der Theosoph soll im Leben stehen, die Welt, in der seine Zeitgenossen leben, verstehen und die geistigen Ursachen für die verschiedenen Entwickelungsepochen erkennen.
[ 35 ] Not translated
