Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Soul Immortality, Forces of Destiny
and the Course of Human Life
GA 71a

16 June 1917, Bremen

Translate the original German text into any language:

Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und Menschlicher Lebenslauf. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse und Deren Betrachtung im Hinblick auf Unsere Schicksaltragende Zeit

Immortality of the Soul, Forces of Destiny, and the Human Life Course. Findings of Spiritual Science and their Consideration in Relation to our Fateful Times

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! In der gegenwärtigen Zeit über Rätsel des Lebens und der Welt zu sprechen, wie sie den Betrachtungen des heutigen Abends hier zugrunde liegen, ist einigermaßen schwierig, wenn der Anspruch gemacht werden soll, wie das hier der Fall ist, auf volle Wissenschaftlichkeit; auf solche Wissenschaftlichkeit, wie sie der Menschheit zur Gewohnheit geworden ist im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts und bis heute, durch die großen, gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft. Allein gerade dem Ansturme dieser bewunderungswürdigen Fortschritte der Naturwissenschaft gegenüber, und demjenigen gegenüber, was daraus der Zeitgeist der letzten Zeit in Bezug auf die Erforschung des geistigen Lebens gemacht hat, ist es außerordentlich schwierig, über Fragen wie die nach der Seelenunsterblichkeit oder gar über Schicksalsfragen so zu sprechen, dass man nicht fände Widerstand über Widerstand mit seinen Auseinandersetzungen, Gegnerschaft über Gegnerschaft.

[ 1 ] Dear attendees! In the present time, it is somewhat difficult to speak about the mysteries of life and the world, as they form the basis of this evening's reflections here, is somewhat difficult if, as is the case here, one claims to be fully scientific; scientific in the way that has become customary for humanity over the last few centuries, especially since the nineteenth century and up to the present day, through the great and tremendous advances in natural science. But precisely in the face of these admirable advances in natural science, and in the face of what the spirit of the times has made of it in recent times with regard to the exploration of spiritual life, it is extremely difficult to speak about questions such as the immortality of the soul or even questions of fate in such a way that one does not encounter resistance upon resistance with one's arguments, opposition upon opposition.

[ 2 ] Wenn man versucht, Umschau zu halten in den verschiedenen Werken der Literatur über wissenschaftliche Seelenkunde in der letzten Zeit, so wird man finden, dass über die Fragen der Seelenunsterblichkeit und die Frage nach dem Schicksal zu sprechen etwa seit den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts ganz und gar aus diesen Literaturwerken verschwunden ist, dass es in einer gewissen Beziehung heute nicht mehr für wissenschaftlich gilt in der Seelenkunde, über diese Frage zu sprechen. Und dennoch, bedeutendste, gerade wissenschaftliche Vertreter der Seelenkunde, sie sehnten sich auch im neunzehnten Jahrhundert, ihre Seelenkunde so vertiefen zu können, dass sie nicht nur behandelten, wie das eben in der heute gebräuchlichen Psychologie der Fall ist, die Art, wie Vorstellung mit Vorstellung zusammenkommen in unserer Seele, wie die Willensimpulse durch die Vorstellung hindurchzucken und unsere Handlungen bewirken, sondern sie so zu vertiefen, dass dasjenige, was wissenschaftliches Ergebnis der Seelenkunde ist, auch hingeführt werden kann zu der Beantwortung all derjenigen großen Fragen, die sich in der Frage der Seelenunsterblichkeit zusammenfügen. Um nur ein Beispiel zu nennen, sei hingewiesen auf den vor Kurzem verstorbenen sehr bedeutenden Seelenforscher des neunzehnten Jahrhunderts, Franz Brentano, der 1874 im Frühling den ersten Band seiner Seelenwissenschaft oder Psychologie erscheinen ließ. In diesem erste Band, zu dem er für den Herbst den zweiten Band versprochen hat — also 1874, und vier oder fünf Bände sollte das ganze Werk umfassen —, in diesem ersten Bande sagt Franz Brentano:

[ 2 ] If one attempts to survey the various works of literature on scientific psychology in recent times, one will find that discussion of the questions of the immortality of the soul and the question of fate has completely disappeared from these works of literature since about the 1860s, that in a certain sense it is no longer considered scientific in psychology today to discuss these questions. And yet, even in the nineteenth century, the most important scientific representatives of psychology longed to deepen their knowledge of the soul in such a way that they would not only deal with how ideas come together in our soul, how impulses of will flash through ideas and cause our actions, as is the case in psychology today, but would deepen their knowledge to such an extent that they would be able to understand how the soul is structured. mental images come together in our soul, how the impulses of the will flash through the mental images and cause our actions, but to deepen it in such a way that the scientific results of psychology can also lead to answers to all those great questions that come together in the question of the immortality of the soul. To give just one example, consider the recently deceased, highly significant nineteenth-century psychologist Franz Brentano, who published the first volume of his Seelenwissenschaft oder Psychologie (Psychology) in the spring of 1874. In this first volume, to which he promised a second volume in the fall — that is, in 1874, and the entire work was to comprise four or five volumes — in this first volume, Franz Brentano says:

Ach, es wäre ein sehr großer, ein unersetzlicher Verlust für die Seelenkunde, wenn sie deshalb, weil sie naturwissenschaftlich sein will, nur behandeln könnte solche Fragen wie die Vergesellschaftung der Vorstellungen in unserer Seele, das Auftauchen von Lust und Leid, die Lenkung der Aufmerksamkeit und so weiter, und wenn sie verzichten müsste deshalb, die großen Hoffnungen der alten griechischen Denker Plato und Aristoteles zu erfüllen, die darin bestanden, dem Menschen Vorstellungen darüber zu überliefern, wie Teile seines Wesens übrig bleiben, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet und seinen Leib den Elementen der Erde übergibt.

Ah, it would be a very great, an irreplaceable loss for psychology if, because it wants to be scientific, it could only deal with questions such as the socialization of mental images in our soul, the emergence of pleasure and pain, the direction of attention, and so on, and if it had to renounce fulfilling the great hopes of the ancient Greek thinkers Plato and Aristotle, which consisted in handing down to mankind mental images about how parts of his being remain when man passes through the gate of death and surrenders his body to the elements of the earth.

[ 3 ] Nun ist das Eigentümliche eingetreten und ich erwähne dies absolut nicht wegen seiner bloß geschichtlichen, sondern wegen seiner prinzipiellen Bedeutung — es ist das Eigentümliche eingetreten, dass von diesem Werke von Franz Brentano, das wirklich sinnig und tiefgründig angelegt war, sodass derjenige, der sich gründlich damit befasst, sieht: Brentano möchte alles gipfeln lassen im letzten Bande über die Seelenunsterblichkeit, dass von diesem Werke nicht einmal der zweite Band, der für den Herbst versprochen war, und dass überhaupt nichts mehr erschienen ist bis in diese Tage, in denen Franz Brentano gestorben ist.

[ 3 ] Now the peculiar thing has happened, and I mention this not because of its historical significance, but because of its fundamental importance — the peculiar thing has happened that this work by Franz Brentano, which was truly meaningful and profound, so that anyone who studies it thoroughly can see: Brentano wants everything to culminate in the last volume on the immortality of the soul, that not even the second volume of this work, which was promised for the fall, has been published, and that nothing at all has been published until these days, when Franz Brentano died.

[ 4 ] Derjenige, der sich gründlich gerade mit den philosophischen Anschauungen Franz Brentanos beschäftigt, der wird sehen, dass in der ganzen Art und Weise, wie sich Brentano in die Seelenkunde hinein begab, die Unmöglichkeit vorlag, wenn er ehrlich bleiben wollte, hinzukommen zu irgendeiner Anschauung über die Frage der Seelenunsterblichkeit. Ehrlich wollte er bleiben, so musste es denn beim Versprechen des Werkes bleiben. Er konnte nicht durch durch die Widerstände, die sich boten bis zu den Zielen, die ihm damals, 1874, noch vor Augen schwebten. Nun ist gerade er es gewesen, welcher so recht den Beweis liefert, dass ein Großes, ein wahrhaft Großes der neueren Zeit auf der anderen Seite gerade verhindert hat, zu einem Bedeutsamen zu gelangen auf dem Gebiete des Seelisch-Geistigen. Brentano hat unter dem Einflusse dieses Großen, namentlich unter dem Einflusse der schon erwähnten bewunderungswürdigen Ergebnisse und Fortschritte der Naturwissenschaft, schon 1866, als er als Privatdozent in Würzburg sein Lehramt antrat, mit aller Entschiedenheit gefordert:

[ 4 ] Anyone who thoroughly studies Franz Brentano's philosophical views will see that, given the way Brentano approached psychology, it was impossible for him, if he wanted to remain honest, to arrive at any view on the question of the immortality of the soul. If he wanted to remain honest, he had to stick to the promise of the work. He could not overcome the obstacles that stood in the way of the goals he had in mind at that time, in 1874. Now it was precisely he who provided the proof that something great, something truly great of modern times, had prevented achieving anything significant in the field of the spiritual and intellectual. Under the influence of this great man, and in particular under the influence of the admirable results and advances in natural science already mentioned, Brentano had already demanded with all decisiveness in 1866, when he took up his teaching post as a private lecturer in Würzburg:

[ 5 ] Soll es eine Seelenkunde geben, die dem neueren Menschentum und seinen wissenschaftlichen Anforderungen wahrhaft würdig ist, so müsse sie eine solche sein, welche in ihrem Forschen und ihrer Methode genau so vorgeht wie die Naturwissenschaft, die auf ihre Weise es so weit gebracht hat. Er sprach dazumal den Satz aus, der unter denjenigen, die sich mit solchen Dingen beschäftigen, vielfach diskutiert wurde. [Lücke] Die wahre Forschungsweise der Geisteswissenschaft oder Philosophie kann keine andere sein als diejenige der Naturwissenschaft.

[ 5 ] If there is to be a science of the soul that is truly worthy of modern humanity and its scientific demands, it must be one that proceeds in its research and methodology in exactly the same way as natural science, which has achieved so much in its own way. At that time, he uttered a sentence that was much discussed among those who deal with such matters. [Gap] The true method of research in the Spiritual Science or philosophy can be none other than that of the natural sciences.

[ 6 ] Nun kann man sagen, war eine solche Forderung im neunzehnten Jahrhundert ebenso natürlich und berechtigt, wie sie auf der anderen Seite aufgehalten hat, zu irgendeiner Anschauung, zu irgendeiner Vorstellung über die Fragen zu kommen, die den Gegenstand der heutigen Abendberrachtung bilden soll, von dem Gesichtspunkte jener Geisteswissenschaft aus, von dem ich nun schon seit Jahren auch hier in Bremen über die verschiedensten Gegenstände Vorträge habe halten dürfen.

[ 6 ] Now, one could say that such a demand was just as natural and justified in the nineteenth century as it was, on the other hand, an obstacle to arriving at any view, any mental image of the questions that are to be the subject of this evening's discussion, from the point of view of Spiritual Science on which I have been privileged to give lectures here in Bremen for many years now on a wide variety of subjects .

[ 7 ] Die Naturwissenschaft mit ihren Methoden hat ihre Betrachtungsweise auch ausgedehnt auf das Geistesleben, das Scelenleben des Menschen. Was konnte die Naturwissenschaft in Bezug auf dieses Seelenleben des Menschen eigentlich finden? Sie hat in ihrer Art Bedeutsames gefunden.

[ 7 ] Natural science, with its methods, has also extended its approach to the spiritual life, the soul life of human beings. What could natural science actually find in relation to this soul life of human beings? It has found something significant in its own way.

[ 8 ] Unser Seelenleben, es flutet auf und ab; wir sind es im Grunde genommen selbst. Es flutet auf und ab in Vorstellungen, in Gefühlen, in Willensimpulsen, die sich in der mannigfaltigsten Weise geltend machen den ganzen Tag hindurch vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Naturwissenschaftler fragt: Wie stehen diese auf- und abflutenden Vorstellungen, Gefühle und Willensimpulse, wie stehen sie im Verhältnis zu demjenigen, was unser Nervensystem, die Vorgänge unseres Nervensystems genannt wird, was überhaupt unsere Leibesorganisation ist? Der Naturwissenschaftler betrachtet das Verhältnis desjenigen, was wir erfahrungsgemäß als unser Seelenleben kennen, das Verhältnis dieses Seelenlebens zu dem Vergänglichen der Menschennatur, zu demjenigen, was mit dem Tode übergeben wird den Elementen der Erde, und er, der Naturwissenschaftler, hat es auf diesem Gebiete wirklich zu sehr Bedeutsamem gebracht. Obwohl man sagen muss, und insbesondere was mir — wenn ich das hier erwähnen darf — Forschungen, die ich gerade in der Lage war, in diesem Winter zum Abschluss zu bringen, zeigen, dass die Naturforschung noch sehr einseitig ist. Allein dasjenige, was schon geleistet ist in Bezug auf die Durchforschung des Verhältnisses vom Geistig-Seelischen zu Gehirn und Nervensystem, es ist ein so bedeutsamer Anfang, dass er verspricht für die nächste Zukunft schon so viel, dass man da wirklich sagen muss: Es gilt nicht gerade mit Bezug auf die Ergebnisse allein, sondern mit Bezug auf die Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit des Forschens, die überhaupt auf dem Gebiete der Naturwissenschaft etwas ungeheuer Vorbildliches für alle Wissenschaft geworden ist, gegen das man, wenn Geisteswissenschaft den Anspruch machen will auf Wissenschaftlichkeit, nicht sündigen darf.

[ 8 ] Our soul life ebbs and flows; it is, in essence, what we are. It ebbs and flows in mental images, feelings, and impulses of will, which assert themselves in the most diverse ways throughout the day, from waking up to falling asleep. The natural scientist asks: How do these ebbing and flowing mental images, feelings, and impulses of will relate to what is called our nervous system, the processes of our nervous system, what is our physical organization in general? The natural scientist considers the relationship between what we know from experience as our soul life the relationship of this soul life to the transience of human nature, to that which is handed over to the elements of the earth at death, and he, the natural scientist, has indeed achieved something very significant in this field. Although it must be said, and in particular what I — if I may mention it here — research that I was just able to complete this winter show that natural science is still very one-sided. But what has already been achieved in terms of researching the relationship between the spiritual spiritual and the brain and nervous system is such a significant beginning that it promises so much for the near future that one really has to say: it is not just in terms of the results alone, but in terms of the conscientiousness and honesty of the research, which has become something tremendously exemplary for all science in the field of natural science, that one must not sin if Spiritual Science wants to claim scientificity, must not sin against.

[ 9 ] Nun hat aber diese Naturforschung — auf Einzelheiten will ich jetzt nicht eingehen — nur untersucht das Verhältnis des Seelenlebens zum Vergänglichen des Leibes. Und sie hat dazu geführt, in einer viel intensiveren Weise, als das früher der Fall war, zu erkennen die Abhängigkeit desjenigen, was wir unser Vorstellen, Fühlen und Wollen nennen, von dem Vergänglichen des Leibes. Dadurch sind auch die Anforderungen an Geisteswissenschaft gröRer geworden, als sie in irgendeinem verflossenen Zeitalter waren. In irgendeinem verflossenen Zeitalter konnte man nicht mit einer solchen Entschiedenheit auf einzelne Ergebnisse der Naturwissenschaft hinweisen, wenn man behaupten wollte: Vorstellen, wie es abläuft im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod, Fühlen und Wollen, sie sind gebunden an das Leibesleben. Indem sie daran gebunden sind, müssen sie in der Form, die sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft haben, auch mit diesem Leibesleben sich auflösen, wenn es den Elementen der Erde übergeben wird. In dieser strengen, entschiedenen Form konnte man von der Abhängigkeit des Seelischen vom Leiblichen in früheren Zeitaltern der Forschung nicht sprechen. Heute können es die Vertreter der naturwissenschaftlichen Seelenkunde mit einem gewissen Rechte.

[ 9 ] Now, however, this natural science research — I will not go into details here — has only investigated the relationship between the life of the soul and the transience of the body. And it has led to a much more intense recognition than was previously the case of the dependence of what we call our mental images, feelings, and will on the transience of the body. As a result, the demands placed on Spiritual Science have also become greater than they were in any past age. In any past age, it was not possible to point to individual results of natural science with such decisiveness point to individual findings of natural science with such certainty if one wanted to claim that a mental image, as it occurs in ordinary life between birth and death, feeling, and willing are bound to physical life. Because they are bound to it, they must, in the form they have in ordinary life and in ordinary science, also dissolve with this physical life when it is surrendered to the elements of the earth. In earlier ages of research, it was not possible to speak in such a strict and decisive form about the dependence of the soul on the body. Today, the representatives of natural science psychology can do so with a certain degree of justification.

[ 10 ] Daher steigert sich auch die Anforderung, die nun gestellt werden konnte an wirkliche Geisteswissenschaft, die sich neben die Naturwissenschaft hinstellen will, und die in gewisser Beziehung die entgegengesetzte Aufgabe haben muss. Untersucht Naturwissenschaft das Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen, so muss Geisteswissenschaft das Verhältnis des Seelischen untersuchen zu dem, was das wirklich Geistige im Menschen ist. Denn von diesem wirklich Geistigen allein ist zu hoffen, dass es uns, wenn ein solches vorhanden ist, zeigt dasjenige Wesen im Menschen, das unbehindert vom Ableben des Leibes und desjenigen, was vom Leiblichen wiederum seinerseits abhängig ist, durch die Pforte des Todes schreitet, und aufgenommen wird in eine Welt, in der es sich entfalten kann, auch wenn es nicht umhüllt ist von der äußeren, leiblichen Wirklichkeit.

[ 10 ] This also increases the demands that can now be made on true Spiritual Science, which wants to stand alongside natural science and which, in a certain sense, must have the opposite task. If natural science investigates the relationship between the soul and the body, Spiritual Science must investigate the relationship between the soul and what is truly spiritual in human beings. For it is only from this truly spiritual element, if it exists, that we can hope to see the essence of the human being, which, unhindered from the passing of the body and that which is dependent on the physical, passes through the gate of death and is received into a world where it can unfold, even if it is not enveloped by external, physical reality.

[ 11 ] Nun entsteht da zunächst die Notwendigkeit, die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele in der richtigen Art zu stellen. Bei wahrer Wissenschaft, meine sehr verehrten Anwesenden, handelt es sich sehr häufig vor allen Dingen darum, dass die Fragen richtig gestellt werden. Von einer verfehlten Fragenstellung hängt manchmal alles Verfehlte auch der Antwort ab. Was ist denn das, müssen wir vielleicht richtig fragen, was eigentlich die Seele verlangt, wenn sie nach dieser Unsterblichkeit frägt? Kann diese Seele verlangen, zu wissen, ob irgendetwas, gleichgültig was, von unserem menschlichen Wesen durch die Pforte des Todes schreitet? Kann zum Beispiel diese Seele verlangen zu wissen, dass ein Unbewusstes, wie Eduard von Hartmann meint, der im Übrigen ein großer, ein bedeutender Mensch war, dass ein Unbewusstes durch die Pforte des Todes schreitet? Das müsste der Seele des Menschen im Grunde genommen gegenüber dieser Grundfrage eigentlich gleichgültig sein, ob ein Unbewusstes durch die Pforte des Todes schreitet. Darauf muss es der Seele ankommen, wenn sie die Unsterblichkeitsfrage stellt, etwas darüber zu erfahren, wie Bewusstsein durch die Pforte des Todes schreitet; ob dasjenige, was vom Menschenwesen durch den Tod geht, nach dem Tode Bewusstsein entfalten kann. So ist also die Frage nach der Seelenunsterblichkeit insbesondere eine Bewusstseinsfrage.

[ 11 ] Now, the first thing that arises is the need to ask the question about the immortality of the soul in the right way. In true science, ladies and gentlemen, it is very often a matter of asking the questions in the right way. If the question is wrong, sometimes everything in the answer will also be wrong. So what is it perhaps we need to ask correctly what the soul actually demands when it asks for this immortality? Can this soul demand to know whether anything, no matter what, of our human nature passes through the gate of death? Can this soul, for example, demand to know that an unconscious, as Eduard von Hartmann believes, who was, incidentally, a great and important man, that an unconscious passes through the gate of death? The soul of man should, in principle, be indifferent to this fundamental question of whether an unconscious passes through the gate of . When the soul asks the question of immortality, it must be concerned with learning something about how consciousness passes through the gate of death; whether that which passes through death from the human being can develop consciousness after death. Thus, the question of the immortality of the soul is, in particular, a question of consciousness.

[ 12 ] Daher habe ich in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» im letzten Kapitel, aufbauend auf dasjenige, was im Laufe des Geisteslebens geleistet worden ist für die Seelenkunde, versucht, scharf zu betonen die Frage nach Übersinnlichem, die Frage namentlich nach der Seelenunsterblichkeit als eine Bewusstseinsfrage. Und ich habe aufmerksam gemacht, dass fortgebildet werden kann, in einem besonderen Sinne fortgebildet werden kann dasjenige, was Goethe einstmals in bedeutungsvoller Weise in einem kleinen Aufsatz wie erahnend, möchte man sagen, ein ungeheures Wissensgebiet der folgenden Zeiten, was er in dem Aufsatze «Anschauende Urteilskraft» eben «anschauende Urteilskraft» genannt hat. Wie so vieles, was sich gerade auf wahre Geisteswissenschaft bezicht, ist auch dieser kleine Aufsatz Goethes weniger bekannt geworden. Wer sich, wie ich, mehr als drei Jahrzehnte sehr intensiv mit den Fragen des Goethe’schen Forschens beschäftigt hat, der darf wohl behaupten, dass in diesem kleinen Aufsatz eine der bedeutsamsten, eindringendsten Goethe’schen Ideen vorliegt.

[ 12 ] Therefore, in the last chapter of my last book, “The Riddle of Man,” building on what has been achieved in the course of spiritual life for the study of the soul, I have attempted to emphasize sharply the question of the supersensible, namely the question of the immortality of the soul as a question of consciousness. And I pointed out that what Goethe once described in a meaningful way in a short essay, as if he had a premonition, one might say, of an enormous field of knowledge in the times to come, what he called “Anschauende Urteilskraft” (Perceptive Judgment). Like so much else that claims to be true Spiritual Science, this little essay by Goethe has also become less well known. Anyone who, like me, has spent more than three decades intensively engaged with the questions of Goethe's research can safely say that this short essay contains one of Goethe's most significant and compelling ideas.

[ 13 ] Goethe stellte sich dazumal die Frage: Wie ist es denn eigentlich mit dem Kantianismus? Ich habe selbst gesehen — wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf — dasjenige Exemplar, das Goethe gelesen hat von Kants «Kritik der Urteilskraft» [und der] «Kritik der reinen Vernunft». Ich habe es gesehen mit den Bleistiftstrichen am Rande, die Goethe gemacht hat. Ich habe mir die Vorstellung bilden können, welche Stellen Goethe besonders aufgefallen sind, und mir daraus wiederum eine Idee bilden können, warum Goethe gerade an dem Grundbegriff des Kantianismus Anstoß genommen hat. Kant hat ja bekanntlich — lassen Sie uns diese philosophische Betrachtung kurz anführen, wir wollen nicht wiederum nachher auf rein Philosophisches zurückkommen —, Kant hat feststellen wollen gewisse Grenzen des menschlichen Erkennens. Aber zu gleicher Zeit hat er, indem er behauptete, das menschliche Wissen käme an Grenzen, die unübersteiglich, er hat gleichzeitig behauptet, das Bewusstsein der Freiheit läge im Menschen etwa wie eine praktische Forderung; sodass der Mensch über Freiheit und Unsterblichkeit nichts wissen könne, aber sie als praktische Forderung annehmen müsse.

[ 13 ] Goethe asked himself at the time: What is Kantianism actually about? I myself have seen — if I may make this personal remark — the copy of Kant's Critique of Judgment [and] Critique of Pure Reason that Goethe read. I saw it with the pencil marks in the margins that Goethe had made. I was able to form a mental image of which passages particularly caught Goethe's attention, and from this I was able to form an idea of why Goethe took offense at the basic concept of Kantianism. As is well known, Kant — let us briefly mention this philosophical consideration, we do not want to return to purely philosophical matters later — Kant wanted to establish certain limits of human knowledge. But at the same time, by claiming that human knowledge reaches limits that cannot be overcome, he also claimed that the consciousness of freedom lies within humans as a kind of practical requirement; so that humans cannot know anything about freedom and immortality, but must accept them as practical requirements.

[ 14 ] Goethe wandte sich gerade gegen diese Seite des Kantianismus. Kant nannte so einen Menschen, der versuchen wollte, wirklich das schaffende Bild, das Geistig-Wesenhafte, das Übersinnliche in der Welt der Erscheinungen zu suchen, Kant nannte einen solchen Menschen als «verfallen dem Abenteuer der Vernunft». Goethe wendete dagegen ein: «Wenn man nun wirklich auf sittlich-moralisch-praktischem Gebiet zu der Forderung von Freiheit und Unsterblichkeit kommen wollte, warum sollte die menschliche Seele nicht fähig sein, auch in der Anschauung einzudringen in das Übersinnlich-Geistige und, wie er sagte, das Abenteuer der Vernunft, das der Alte vom Königsberge verbieten will, mutig zu bestehen.»

[ 14 ] Goethe opposed precisely this aspect of Kantianism. Kant called a person who wanted to try to really seek the creative image, the spiritual essence, the supersensible in the world of appearances, Kant called such a person “addicted to the adventure of reason.” Goethe objected: “If one really wanted to arrive at the demand for freedom and immortality in the moral and practical realm, why should the human soul not be capable of penetrating the supernatural and spiritual in its perception and, as he said, courageously enduring the adventure of reason that the old man from Königsberg wants to forbid?”

[ 15 ] Und Goethe schrieb — er hatte noch nicht Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, aber ahnend stand der Weg zu dieser Geisteswissenschaft vor seiner Seele —, er schrieb dem Menschen eine Fähigkeit zu, eine «anschauende Urteilskraft» zu haben, und durch diese anschauende Urteilskraft wirklich eindringen zu können in die Welt der geistigen Wesenheiten und Vorgänge. Fortbildend dasjenige, was Goethe dazumal geahnt hat, kommt man zu demjenigen, was hier heute als Geisteswissenschaft bezeichnet wird; kommt man zu dem, was man nennen muss «schauendes Bewusstsein».

[ 15 ] And Goethe wrote — he did not yet have Spiritual Science as it is meant here, but he sensed the path to this Spiritual Science before his soul — he attributed to human beings the ability to have “intuitive judgment” and, through this intuitive judgment, to truly penetrate the world of spiritual beings and processes. Developing what Goethe sensed at that time, we arrive at what is referred to here today as Spiritual Science; we arrive at what must be called “contemplative consciousness.”

[ 16 ] Schauendes Bewusstsein, meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte es zunächst auf diese Weise verständlich machen. Wir leben ja im gewöhnlichen Leben auch schon nicht bloß in einem, sondern in zwei deutlich voneinander unterschiedenen Bewusstseinszuständen. Wir leben in einem dumpfen, bis in das Unbewusste gehenden Bewusstseinszustand des Schlafes, aus dem aber heraufdämmert chaotisch dasjenige, was wir die Traumeswelt nennen. Eigentlich haben wir es mit dem Schlafzustand zu tun, und die Traumeswelt steigt auf aus dem ganz dumpfen Leben des Schlafes, dessen wir uns nur ganz dumpf bewusst sind; daher glauben die meisten, wir sind gar nicht bewusst. Aus diesem dumpfen Leben tauchen die Träume herauf, fluten auf und ab in Bildern. Diesen Bewusstseinszustand gibt es also. Aus diesem Bewusstseinszustand wachen wir auf in den Zustand des wachen Tagesbewusstseins, den wir durchleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Nun zeigt der Geistesforscher, dass ebenso wie es möglich ist, aufzuwachen aus dem Schlaf- oder Traumesbewusstsein zum gewöhnlichen alltäglichen Bewusstsein, das auch das Bewusstsein der gewöhnlichen Wissenschaft ist, es auch möglich ist, aus diesem Tagesbewusstsein aufzuwachen zu dem schauenden Bewusstsein, sodass, wie sich das Schlaf- oder Traumbewusstsein zum wachen Tagesbewusstsein verhält, sich verhält das wache Tagesbewusstsein zum schauenden Bewusstsein. Und in diesem schauenden Bewusstsein haben wir vor uns eine ganz andere Welt, als im gewöhnlichen, wachen Tagesbewusstsein. Wie wir, wenn wir träumen, auf- und absteigende Bilder vor uns haben, und diese Bilder als Wirklichkeiten ansehen während wir träumen, wie wir aber beim Aufwachen wissen, dass diese Bilder auf- und absteigen aus demjenigen, was unserem Organismus erhalten hat aus den Erfahrungen des äußeren Lebens, was also aus dem Organismus selber auf- und absteigt, wie wir aber wissen, dass wir es da mit dem Gewebe einer Bilderwelt zu tun haben, wissen wie wir beim Aufwachen aus dem Schlaf- oder Traumbewausstsein, dass wir verbinden unser ganzes menschliches Leben mit einer sinnlich-physischen Außenwelt.

[ 16 ] Contemplative consciousness, ladies and gentlemen, I would like to begin by explaining it in this way. In our everyday lives, we already live not in just one, but in two clearly distinct states of consciousness. We live in a dull, state of consciousness that extends into the unconscious, from which, however, what we call the dream world emerges chaotically. Actually, we are dealing with the state of sleep, and the dream world rises from the very dull life of sleep, of which we are only vaguely aware; that is why most people believe that we are not conscious at all. From this dull life, dreams emerge, flooding up and down in images. So this state of consciousness exists. From this state of consciousness, we wake up into the state of waking daytime consciousness, which we experience from waking up to falling asleep. Now the spiritual researcher shows that just as it is possible to to wake up from sleep or dream consciousness to ordinary everyday consciousness, which is also the consciousness of ordinary science, it is also possible to wake up from this daytime consciousness to seeing consciousness, so that, just as sleep or dream consciousness relates to waking daytime consciousness, waking daytime consciousness relates to seeing consciousness. And in this seeing consciousness, we have before us a completely different world than in ordinary, waking daytime consciousness. Just as when we dream, we have ascending and descending images before us, and regard these images as realities while we dream, but when we wake up we know that these images rise and fall from what our organism has received from the experiences of outer life, that is, what rises and falls from the organism itself, but we know that we are dealing with the fabric of a world of images, just as we know when we wake up from sleep or dream consciousness that we connect our entire human life with a sensory-physical external world.

[ 17 ] Und jetzt bleiben wir nicht bei den Bildern stehen, wie im Traume, sondern wir übertragen die Bilder gewissermaßen auf die Oberfläche der Dinge der Außenwelt. Wir verbinden dasjenige, was im Traume bloß wogende Bilder sind, bei denen wir stehen bleiben im Traume mit dem, womit wir uns wirklich verbinden mit der Außenwelt. So zeigt der Geistesforscher, dass wir auch von dem, was wir im Alltagsbewusstsein als die Vorstellungen, die Gefühls- und Willensimpulse haben, die wir mit den äußeren physischen Dingen verbinden, dass wir von dem aufsteigen können, sodass wir jetzt nicht nur uns verbunden fühlen mit den äußeren physischen Dingen, sondern uns verbunden fühlen mit einer Welt, die eben hinter diesen physisch-sinnlichen Dingen liegt, wie die physisch-sinnlichen Dinge, die uns umgeben, hinter der Traumeswelt liegen. Wir wissen nichts von ihnen in dem Traumesbewusstsein, trotzdem ist diese physisch-sinnliche Welt dahinter. Wenn wir im wachen Tagesbewusstsein sind, wissen wir nichts von der geistigen Welt, die aber ebenso dahinterliegt wie die physisch-sinnliche Welt hinter der Traumeswelt.

[ 17 ] And now we do not remain with the images, as in a dream, but we transfer the images, as it were, to the surface of the things of the outer world. We connect what in dreams are merely surging images, with which we remain in the dream, with what we really connect with in the outer world. Thus, the spiritual researcher shows that we can also rise above what we have in everyday consciousness as the mental images, the impulses of feeling and will that we connect with external physical things, so that we now feel connected not only with external physical things, but also with a world that lies behind these physical-sensory things, just as the physical-sensory things that surround us, lie behind the dream world. We know nothing of them in dream consciousness, yet this physical-sensory world lies behind it. When we are in waking daytime consciousness, we know nothing of the spiritual world, but it lies behind us just as the physical-sensory world lies behind the dream world.

[ 18 ] Es wird nun meine Aufgabe sein, zu zeigen, wie dieses Aufwachen geschieht, wie der Mensch aus dem gewöhnlichen Wachbewusstsein zum schauenden Bewusstsein, durch das er in die Geisteswelt hineinversetzt ist, kommt. Die Frage, ich darf sie vielleicht so beantworten, dass ich anknüpfe an etwas, was wie eine persönliche Bemerkung scheinen könnte, was aber in Wirklichkeit durchaus sachlich mit dem zusammenhängt, was ich auseinanderzusetzen habe. Diejenigen der Zuhörer, die schon öfter hier waren, wissen, wie wenig ich geneigt bin, Persönliches einzufügen. Aber in diesem Falle handelt es sich wirklich um Persönlich-Unpersönliches. Und so darf ich sagen: Als ich vor 36 Jahren etwa die ersten Bausteine legte zu demjenigen, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, wovon ich ein Kapitel vorzutragen habe, da fiel dazumal in meinen Gesichtskreis hinein eine interessante Abhandlung des berühmten großen Ästhetikers und philosophischen Forschers Friedrich Theodor Vischer, den man den «V-Vischer» nennt. Vischer schrieb dazumal sehr schön und tiefgründig über eine Abhandlung des jetzigen Leipziger Universitätsprofessors Volkelt, der geschrieben hat über «Die Traum-Phantasie». Wir wollen uns jetzt nicht auf Einzelheiten einlassen; ich möchte nur einen Satz erwähnen. Wie gesagt, als ich dazumal die ersten Bausteine dessen, was ich jetzt vorzutragen habe, zusammentrug, schlug wie ein Blitz in meinen Gesichtskreis hinein, was Friedrich Theodor Vischer dazumal in einer Abhandlung sagte, besonders aber ein Satz: «Das einheitliche Seelische des Menschen kann nicht im Leibe sein, es kann aber auch nicht anders wo existieren als im Leibe.»

[ 18 ] It will now be my task to show how this awakening takes place, how human beings move from ordinary waking consciousness to a seeing consciousness through which they are transported into the spiritual world. I may perhaps answer the question by that I am referring to something that might seem like a personal remark, but which in reality is quite objectively related to what I have to deal with. Those of you who have been here often know how little I am inclined to insert personal remarks. But in this case, it is really a matter of the personal-impersonal. And so I may say: When, about 36 years ago, I laid the first building blocks for what is meant here as Spiritual Science, of which I have a chapter to present, an interesting treatise by the famous great aesthetician and philosophical researcher Friedrich Theodor Vischer, who is called “V-Vischer.” Vischer wrote very beautifully and profoundly at that time about a treatise by the current Leipzig University professor Volkelt, who wrote about “Die Traum-Phantasie” (The Dream Fantasy). We will not go into details here; I would just like to mention one sentence. As I said, when I was gathering the first building blocks of what I am about to present, it struck me like a bolt of lightning what Friedrich Theodor Vischer said in a treatise at that time, but especially one sentence: “The unified soul of man cannot be in the body, but it cannot exist anywhere else but in the body.”

[ 19 ] Denken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, [was] das für ein merkwürdiger Satz ist, zu dem ein tiefgründiger, wirklich aus dem Ernste der Menschennatur nach dem Wesen der Seele forschender Mensch kommt! Was das für ein eigentümlicher Satz ist! Obwohl es kein vollständiger Widerspruch ist, ist es doch nahezu ein vollständiger Widerspruch. Das fiel aber zusammen dazumal damit, dass andere Forscher, zum Beispiel der dann so berühmt gewordene du Bois-Reymond, davon sprachen, dass es Rätsel des Forschens gibt, über die man nicht hinauskommen kann. Du Bois-Reymond sagte dazumal in einer berühmten Versammlung in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts: «Über die Rätsel der Materie und des Bewusstseins kommt keine Menschenscele hinaus.» Und dann setzte er in einer Schrift «Sieben Welträtsel» fest, bei denen man stehen bleiben müsse.

[ 19 ] Think, ladies and gentlemen, what a strange statement this is, coming from a profound man who truly explores the nature of the soul from the seriousness of human nature! What a peculiar statement! Although it is not a complete contradiction, it is almost a complete contradiction. At that time, however, this coincided with other researchers, such as the then famous du Bois-Reymond, who spoke of the mysteries of research that cannot be overcome. Du Bois-Reymond said at a famous gathering in the 1870s: “No human mind can overcome the mysteries of matter and consciousness.” And then he stated in a paper “Seven World Mysteries” that one must stop at.

[ 20 ] Ja, mir erschien dazumal zwar das ganz richtig, dass diese Forscher an ganz bestimmte Punkte kommen, über die sie sozusagen das gewöhnliche Denken nicht hinausführen wollten. Aber die ganze Art und Weise, wie sich die Forscher einfach aus dem naturwissenschaftlichen Bewusstsein heraus stellten zu dieser Tatsache, dass sie an solche Punkte kamen, diese ganze Art und Weise, die würde es für mich ganz unmöglich [machen] mitzumachen.

[ 20 ] Yes, at the time it seemed quite right to me that these researchers had reached certain points beyond which they did not want to go, so to speak, with ordinary thinking. But the whole way in which the researchers simply stood outside of scientific consciousness in relation to the fact that they had reached such points, this whole way of doing things, would make it completely impossible for me to go along with them.

[ 21 ] Ich schrieb dazumal eine längere Abhandlung über die du Bois-Reymond’schen «Welträtsel», die ja selbstverständlich in allen Journalen zurückgewiesen worden ist.

[ 21 ] At that time, I wrote a lengthy treatise on du Bois-Reymond's “world riddle,” which was, of course, rejected by all journals.

[ 22 ] Ich schrieb auch eine kürzere Abhandlung, die ich schickte an Friedrich Theodor Vischer, der tatsächlich mit ungeheuerer Liebe einging auf die Sache, und zugab, dass durch diese Art und Weise — und es war diese Art und Weise nichts anderes als dasjenige, was zu dem führte, was ich heute Geisteswissenschaft nenne, dass in dieser Art und Weise etwas liege, wodurch man hinauskäme über dasjenige, was man so in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Denken «Grenzen des Erkennens» nenne.

[ 22 ] I also wrote a shorter treatise, which I sent to Friedrich Theodor Vischer, who actually responded to the matter with tremendous love and admitted that this way of thinking — and this approach was nothing other than what led to what I now call Spiritual Science — that this approach contained something that would enable us to go beyond what is commonly referred to in science and everyday thinking as the “limits of knowledge.”

[ 23 ] Vischer starb sehr bald darauf. Und so blieb derjenige, der die Geisteswissenschaft wirklich in dem hier genannten Sinne weiterpflegen wollte, durchaus allein. Und man kann sagen, dass sie auch heute noch Gegnerschaft über Gegnerschaft findet, oft von ganz merkwürdiger Art.

[ 23 ] Vischer died very soon afterwards. And so the one who really wanted to continue cultivating Spiritual Science in the sense mentioned here remained completely alone. And one can say that even today it still encounters opposition upon opposition, often of a very strange kind.

[ 24 ] Dasjenige, wovon ausgegangen werden muss — wenn diese Geisteswissenschaft nicht in wilde Phantastik, in all das verkehrt-mystische Zeug hineinverfallen soll, das man heute so oft mit Geisteswissenschaft verwechselt —, sie muss ausgehen gerade von solchen Grenzfragen. Es sind nicht sieben Welträtsel, wie du Bois-Reymond meint, es sind, man kann schon sagen Hunderte. Wenn man ernst nimmt dasjenige, was die menschliche Seele auf dem Erkenntniswege verfolgen kann, kommt man an solche Grenzen. Und gerade das Streben nach solchen Grenzen, das bewusste Hinführen des Denkvorstellens an solche Grenzen, das ist es, worauf es ankommt, wenn man in der Geisteswissenschaft weiterkommen will.

[ 24 ] What must be assumed — if this Spiritual Science is not to degenerate into wild fantasy, into all the perverse mystical stuff that is so often confused with Spiritual Science today — is that it must start precisely from such borderline questions. There are not seven world riddles, as Bois-Reymond believes, there are, one might say, hundreds. If one takes seriously what the human soul can pursue on the path of knowledge, one comes to such boundaries. And it is precisely the striving for such boundaries, the conscious leading of thought to such boundaries, that is what matters if one wants to make progress in Spiritual Science.

[ 25 ] Das gewöhnliche Denken, auch die gewöhnliche Wissenschaft, sie sagt: Nun, hier sind eben Grenzen des menschlichen Erkennens, da muss man sich dabei beruhigen; weiter kommt eben der Mensch mit seinem Erkenntnisvermögen nicht. Solches Theoretisieren, solches, man könnte schon sagen logisches Stehenbleiben bei dem, was sich so als scheinbare Grenze des Erkennens ergibt, bei dem kann die Geisteswissenschaft sich nicht beruhigen. Man theoretisiert da nicht, sondern man tritt an solche Grenzen heran mit dem ganzen Leben der Seele. Und gerade wenn man sich mit diesen Grenzen des Erkenntnisvermögens abrackert — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf —, indem man sich abmüht in seiner ganzen Lebendigkeit an diesen Grenzen, gerade dann kommt man über diese Grenzen hinaus in einer ganz eigentümlichen Weise, die ich durch einen Vergleich klarmachen möchte.

[ 25 ] Ordinary thinking, including ordinary science, says: Well, these are the limits of human knowledge, and we must be content with that; human beings cannot go any further with their cognitive abilities. Spiritual Science cannot be satisfied with such theorizing, such, one might say, logical stagnation at what appears to be the limits of knowledge. One does not theorize here, but approaches such limits with the whole life of the soul. And it is precisely when one struggles with these limits of cognitive ability — if I may use this expression — when one struggles with all one's vitality at these limits, that one transcends them in a very peculiar way, which I would like to clarify by means of a comparison.

[ 26 ] Der Mensch merkt, namentlich wenn er Geistesforscher in der hier gekennzeichneten Weise wird, dass dieses Denken, indem er es so abquält an solchen Grenzen, an Lebendigkeit nicht verliert, sondern gewinnt. Er merkt, dass das Denken in diesem Augenblick etwas wird, wie ein innerer Tastsinn. Wenn wir unseren Tast-, unseren Gefühlssinn, unser Gefühls-Sinnesvermögen zunächst gebrauchen, sagen wir im dunklen Zimmer, indem wir einfach an den Wänden mit den Organen des Tastsinnes anstoßen, so bleibt der Tastsinn etwas, was uns im Grunde genommen nur unser eigenes Wesen, unser eigenes Erleben vermittelt. Wenn wir aber mit dem Tastsinn weitergehen, wenn wir Flächen abtasten, Formen abtasten, dann entwickelt sich der Tastsinn weiter. Dann gibt uns der Tastsinn nicht bloß das Gefühl: du bist gestoßen worden; sondern er gibt uns die Formen der äußeren physisch-sinnlichen Gegenstände.

[ 26 ] People notice, especially when they become spiritual researchers in the manner described here, that by tormenting their thinking in this way at such boundaries, it does not lose vitality, but gains it. They notice that at this moment, thinking becomes something like an inner sense of touch. When we first use our sense of touch , our sense of feeling, our capacity for feeling, say in a dark room, by simply bumping into the walls with the organs of our sense of touch, then the sense of touch remains something that basically only conveys our own being, our own experience. But if we continue with the sense of touch, if we feel surfaces, feel shapes, then the sense of touch develops further. Then the sense of touch gives us not only the feeling that we have been bumped, but also the shapes of the external physical objects.

[ 27 ] Ebenso ist es nun, wenn wir das Denken in der Lebendigkeit entwickeln, die ich gemeint habe, an den Punkten, die ich angeführt habe, wo das gewöhnliche Denken an die sogenannten Grenzen kommt. Da ist es für dieses lebendige Denken, wie wenn es mit einem geistigen Fühlen in einer geistigen Finsternis an Grenzen kommen würde. Und so wie der Gefühlssinn sich herausarbeiten muss aus dem unbestimmten Nur-sich-selbst-Erleben, so arbeitet sich das Denken an solchen Grenzen hinaus, indem es das Geistige, das dahintersteckt — wie im Tasten die äußeren physischen Dinge hinter dem Tastsinn stecken —, indem es das Geistige gewahr wird. Gerade hinter diesen Grenzen eröffnet sich die geistige Welt, wie sich für den Tastsinn die wirkliche physische Welt eröffnet, wenn der Tastsinn in ein Verhältnis eingeht mit dem, was dann auch die physische Grenze ist.

[ 27 ] The same is true when we develop thinking in the liveliness I have referred to at the points I have mentioned, where ordinary thinking reaches what are called limits. For this living thinking, it is as if it were reaching limits with a spiritual feeling in spiritual darkness. And just as the sense of feeling must work its way out of the indeterminate experience of only itself, so thinking works its way out of such limits by becoming aware of the spiritual that lies behind it — just as in touching, the external physical things lie behind the sense of touch — by becoming aware of the spiritual. It is precisely beyond these limits that the spiritual world opens up, just as the real physical world opens up to the sense of touch when the sense of touch enters into a relationship with what is then also the physical boundary.

[ 28 ] Goethe hat einmal sehr schön gesagt: «Die Augen und Ohren des Menschen, was sind sie denn anderes als höherentwickelte Tastorgane!» Aus unbestimmten Organen [hat] sich nach und nach herausdifferenziert das, was die komplizierten Augen und die komplizierten Ohren sind. Und die neuere Naturwissenschaft steht ja durchaus auf diesem Boden, den Goethe, wie so vieles andere, vorgeahnt hat. Im Geistigen können wir sagen: Das erste des schauenden Bewusstseins geht einem auf, wenn wir vom Tasten an den sogenannten Erkenntnisgrenzen zu der Formung aufschreiten, und dann dazu kommen, das zu entwickeln, was man, [um] mit Goethes Worten zu sprechen, «Geistesaugen und Geistesohren» nennen kann, wo sich geistige Organe entwickeln, die nun ebenso rein geistig sind, die nichts zu tun haben mit leiblichen Organen. Wie eben die Augen und Ohren fortentwickelte, höherentwickelte Organe sind gegenüber dem Tastsinn, so ist alles das, was wir im schauenden Bewusstsein weiterentwickeln, und wovon wir gleich sprechen werden, eine Auswirkung desjenigen, was das Denken, das lebendig wird, an dem, was ihm zunächst als Grenze des Erkennens entgegentritt, verrichten kann. Dieses Denken und Vorstellen, das muss überhaupt aus dem Zustand, in dem es zunächst im gewöhnlichen Leben ist, übergehen in einen ganz anderen Zustand innerlicher Lebendigkeit. Es muss überhaupt etwas ganz anderes werden.

[ 28 ] Goethe once said very beautifully: “The eyes and ears of human beings, what are they but highly developed organs of touch!” From indeterminate organs, what we now know as the complex eyes and ears gradually differentiated themselves. And modern science stands firmly on this ground, which Goethe, like so many other things. In the spiritual realm, we can say that the first stage of visual consciousness dawns on us when we progress from touching the so-called limits of knowledge to formation, and then come to develop what, to use Goethe's words, “spiritual eyes and spiritual ears,” where spiritual organs develop that are now just as purely spiritual and have nothing to do with physical organs. Just as the eyes and ears are more highly developed organs compared to the sense of touch, so everything that we further develop in our visual consciousness, and which we will discuss in a moment, is an effect of what thinking, which comes to life, can do with what initially presents itself as the limits of knowledge. This thinking and mental image must transition from the state in which it initially exists in ordinary life to a completely different state of inner vitality. It must become something completely different.

[ 29 ] Es ist heute noch außerordentlich schwierig, über diese Dinge zu sprechen, einfach aus dem Grunde, weil Geisteswissenschaft erst im Anfang ihrer Entwicklung ist. Die Worte unserer Sprache sind aber für dasjenige gewählt, was da ist. So ist es schwierig, vollgültige Worte zu finden in der Sprache für das, was in der Geisteswissenschaft ausgedrückt werden soll. Gestatten Sie daher, dass ich Worte nehme, die manchmal nur annähernd ausdrücken dasjenige, was gemeint ist. Trotzdem muss eben das, was gemeint ist, zur Anschaulichkeit gebracht werden.

[ 29 ] It is still extremely difficult to talk about these things today, simply because Spiritual Science is only at the beginning of its development. However, the words of our language are chosen for what is there. So it is difficult to find fully valid words in language for what is to be expressed in Spiritual Science. Therefore, allow me to use words that sometimes only approximately express what is meant. Nevertheless, what is meant must be made clear.

[ 30 ] Nun möchte ich sagen, das Denken, das aus dem Zustand des gewöhnlichen Lebens heraustritt, es muss gelenkiger werden, beweglicher werden. Auch da ist schon durch Goethe ein großartiger Anfang gemacht worden. Man braucht nur zu lesen, mit wirklich innerem Verständnis zu lesen dasjenige, was Goethe so schön geschrieben hat über die Metamorphose der Pflanzen, wo er Begriffe zuerst entwickelt, allerdings noch elementar, aber Begriffe, die ganz anderer Art sind als diejenigen Begriffe, die man sonst im Leben und in der Wissenschaft hat. Er entwickelt einen Begriff, der eigentlich ein ganz beweglicher Begriff ist, der Begriff des Blattes, der zugleich der Begriff der Blüte, des Pflanzenorganismus ist; ein Begriff, der selbst innerlich lebt, der nicht still ist, nicht steif geworden ist. Diese innerliche Gelenkigkeit, dieses innere Leben des Begriffes muss erreicht werden. Goethe kam dann zum Begriff der «Urpflanze». Was ist die Urpflanze? Sie ist alle Pflanzen; nicht diese, nicht jene Pflanze. Goethe war besonders erfreut und entzückt, als er diesen Begriff hatte. Und er sagte: «Wenn man diesen Begriff besitzt, kann man mit ihm ausbilden die Bilder aller Pflanzen, mit der Möglichkeit des Lebens.» So hatte er einen Begriff, der sich gleichsam durchschlängelte durch alle Pflanzen.

[ 30 ] Now I would like to say that thinking that emerges from the state of ordinary life must become more flexible, more mobile. Goethe has already made a great start in this regard. One only needs to read, with true inner understanding, what what Goethe wrote so beautifully about the metamorphosis of plants, where he first develops concepts, albeit still elementary ones, but concepts that are of a completely different kind than those concepts that one otherwise has in life and in science. He develops a concept that is actually a very flexible concept, the concept of the leaf, which is at the same time the concept of the flower, of the plant organism; a concept that itself lives inwardly, that is not static, that has not become rigid. This inner flexibility, this inner life of the concept must be achieved. Goethe then arrived at the concept of the “primordial plant.” What is the primordial plant? It is all plants; not this plant, not that plant. Goethe was particularly pleased and delighted when he came up with this concept. And he said: “If one possesses this concept, one can use it to form the images of all plants, with the possibility of life.” Thus he had a concept that, as it were, wound its way through all plants.

[ 31 ] Sie merken wohl, worauf es ankommt! Das ist ein Anfang, aber ein richtiger Anfang. Es kommt darauf an, eine ganz andere Stellung zu dem Begriff zu gewinnen, als die Stellung, die man im gewöhnlichen Leben zu Begriff und Vorstellung hat. Im gewöhnlichen Leben schwören die Menschen auf die Begriffe, auf die Vorstellungen. Die sollen ihnen ausdrücken, was da draußen im Leben für Vorgänge, für Gegenstände sind. An den gewöhnlichsten Dingen kann man das veranschaulichen, wie die Menschen scharf umrissene Begriffe wollen, und darauf schwören wollen. Da bildet sich einer ein, und mit Recht, aus dem Begriff: für gewisse Krankheiten ist es gut, sich Bewegung zu machen; er schwört auf diesen Begriff. Es begegnet ihm ein Mensch, der klagt über seinen Zustand. Was er hört als Klage, das stimmt ungefähr mit dem überein, wofür er sich den Begriff gebildet hat: Man muss sich Bewegung machen. Und er sagt zu dem, der da klagt: Ja, da müssen Sie sich viel Bewegung machen. Er bekommt die Antwort: Ja, Sie vergessen aber wohl, dass ich Briefträger bin. Sehen Sie, das ist nur ein Beispiel, ein vulgäres Beispiel, aber ein solches, bei dem man die Sache ein wenig bemerkt. Man könnte sie in der Wissenschaft in Hülle und Fülle aufweisen. Es ist das Verliebtsein der Menschen in ihre fest umrissenen Begriffe und Vorstellungen.

[ 31 ] You can see what is important! This is a beginning, but a correct beginning. It is important to gain a completely different position on the concept than the position one has in ordinary life on concepts and mental images. In ordinary life, people swear by concepts and mental images. They want them to express what processes and objects exist out there in life. The most ordinary things illustrate how people want sharply defined concepts and want to swear by them. Someone imagines, and rightly so, from the concept: it is good to exercise for certain illnesses; he swears by this concept. He meets a person who complains about his condition. What he hears as a complaint roughly corresponds to what he has formed the concept for: one must exercise. And he says to the one who complains: Yes, you must exercise a lot. He gets the answer: Yes, but you're forgetting that I'm a mail carrier. You see, this is just one example, a vulgar example, but one that makes you notice the issue a little. There are plenty of examples of this in science. It is people's infatuation with their clearly defined concepts and mental images.

[ 32 ] Für die Geisteswissenschaft wird die Vorstellung zu etwas ganz anderem. Sie muss werden wie eine Fotografie, die von verschiedenen Seiten einen Baum oder ein Haus aufnimmt. Wenn ein Baum von vier verschiedenen Seiten fotografiert wird, kann jedes Bild vom anderen verschieden sein; der Baum ist aber auf allen vier Bildern durchaus richtig wiedergegeben. Um sich eine Vorstellung von dem Baume zu machen, muss man aber alle vier Bilder haben.

[ 32 ] For Spiritual Science, the mental image becomes something completely different. It must become like a photograph that captures a tree or a house from different angles. If a tree is photographed from four different angles, each picture may be different from the others, but the tree is accurately reproduced in all four pictures. However, in order to form a mental image of the tree, one must have all four pictures.

[ 33 ] So ist es, wenn das schauende Bewusstsein vom gewöhnlichen Denken aufsteigt zu einem entwickelten Denken. Da kommt es darauf an, dass man von einem Dinge die volle Wirklichkeit hat, nicht einen einzigen Begriff; sondern dass man möglichst vielseitig von allen möglichen Gesichtspunkten aus an die Wirklichkeit herankommt, und dass man mit dem vollen Bewusstsein an die Wirklichkeit herangeht: Du kannst ja ohnedies mit keiner Vorstellung die Wirklichkeit umfassen; du bleibst immer mit den Vorstellungen außer der Wirklichkeit. Derjenige, der vorgibt, abgeschlossene, fest umrissene Begriffe von der geistigen Welt zu haben, der kommt überhaupt nie an die geistige Welt heran. Heute wollen die Leute nicht nur fest umrissene Begriffe haben für die geistige Welt, sondern sie wollen sogar etwas haben, was den äußeren Dingen sehr ähnlich ist. Aber der erste Schritt ins schauende Bewusstsein, das ist, dass man sich frei macht von dem Gebundensein im Vorstellen, dass man zu einem solchen Vorstellungsleben fortschreitet, welches möglichst vielseitig wird. Von diesem Punkte ausgehend können wir zu unserer Charakteristik des schauenden Bewusstseins noch einmal zurückkommen.

[ 33 ] This is what happens when the observing consciousness rises from ordinary thinking to developed thinking. What matters is that one has the full reality of a thing, not a single concept; but that one approaches reality as multifaceted as possible from all possible points of view, and that one approaches reality with full consciousness: You cannot comprehend reality with any mental image anyway; you always remain outside of reality with your mental images. Those who claim to have complete, clearly defined concepts of the spiritual world never come close to the spiritual world at all. Today, people not only want to have clearly defined concepts for the spiritual world, but they even want to have something that is very similar to external things. But the first step into intuitive consciousness is to free oneself from being bound by mental images, to progress toward a life of mental images that is as versatile as possible. Starting from this point, we can return once more to our characterization of seeing consciousness.

[ 34 ] Im Traumleben, das eigentlich das Schlafesleben ist, nur dass der Traum aus dem Schlafesleben aufsteigt, im Traumleben wallen Bilder auf und ab. Wir nehmen diese Bilder selbst als Wirklichkeit; wir leben in diesen Bildern. Jetzt wachen wir auf. Da nehmen wir die Bilder nicht mehr als Wirklichkeit. Die Vorstellungen nehmen wir nur als Wirklichkeit insofern, als sie uns etwas sagen über äußere Dinge und Gegenstände. Sofern betrachten wir sie als Wirklichkeit. Im äußeren Wachbewusstsein nehmen wir unsere Vorstellungen als wahre Bilder der Dinge. Im schauenden Bewusstsein nehmen wir sie auch nicht mehr als Abbilder, sondern als etwas, was uns auf den Weg bringt, um im Geiste zu schauen; was uns möglich macht, das Geistige von verschiedenen Seiten her abzubilden. Daher ist die erste Stufe des schauenden Bewusstseins seit Jahren von mir genannt worden die Stufe der «imaginativen Erkenntnis»; und zwar nicht deshalb, weil man sich dabei etwas einbildet, sondern weil man aufsteigt zu Bildern. Von dem gewöhnlichen abstrakten Denken, welches berechtigt ist für das gewöhnliche Leben, steigt man auf zum lebendigen Denken, das weiß: Es kennt nur um die geistige Wirklichkeit herumschreiten, um die geistige Wirklichkeit zu charakterisieren. BilderBewusstsein aber, geistiges Bilder-Bewusstsein, das ist es, was als erste Stufe entwickelt werden muss.

[ 34 ] In dream life, which is actually sleep life, except that dreams arise from sleep life, images surge up and down in dream life. We take these images themselves as reality; we live in these images. Now we wake up. We no longer take the images as reality. We only take the mental images as reality insofar as they tell us something about external things and objects. To that extent, we regard them as reality. In our external waking consciousness, we take our mental images as true images of things. In our seeing consciousness, we no longer take them as images either, but as something that sets us on the path to see in the spirit; which enables us to depict the spiritual from different sides. That is why I have for years called the first stage of contemplative consciousness the stage of “imaginative knowledge” ; not because one imagines something, but because one ascends to images. From ordinary abstract thinking, which is justified for ordinary life, one ascends to living thinking, which knows: It knows only to walk around spiritual reality in order to characterize spiritual reality. But image consciousness, spiritual image consciousness, is what must be developed as the first stage.

[ 35 ] Man könnte auch noch in der folgenden Weise diese drei Stufen des Bewusstseins charakterisieren: Im Schlaf- oder Traumbewusstsein leben wir in Bildern. Wir leben ganz in den Bildern im Traume. Das ist im Schlafe auch der Fall, dass man in etwas lebt, was den Bildern ähnlich ist, nur so dumpf, dass man glaubt, es sei vollständig unbewusst. Aber von was wissen sie nichts im gewöhnlichen Traume? Vom Leibe. Indem sie zugleich mit den äußeren Sinnesempfindungen sich verbinden, werden sie sich bewusst des physischen Leibes. Dieses Bewusstsein des physischen Leibes, sie können es nicht haben im Schlafbewusstsein, obwohl alles aus diesem Leibe im Schlafbewusstsein doch auch aufsteigt. Dasjenige, was der Mensch als sein geistiges Wesen in sich trägt, das verhält sich zum gewöhnlichen Bewusstsein so, wie der physische Leib sich zum Traumbewusstsein verhält. Den physischen Leib können sie nicht im Traumbewusstsein kennen. Jetzt, im wachen Tagesbewusstsein lernen sie den Leib kennen. Im schauenden Bewusstsein lernen sie aber nicht nur den physischen Leib kennen, sondern auch dasjenige, was Sie als geistiges Wesen an sich tragen. Sie steigen zum schauenden Bewusstsein auf, lernen jetzt als Geistwesen sich kennen, wie Sie sich im Wachbewusstsein als physisches Wesen kennenlernen.

[ 35 ] One could also characterize these three stages of consciousness in the following way: In sleep or dream consciousness, we live in images. We live entirely in the images of dreams. This is also the case in sleep, where we live in something similar to images, only so dimly that we believe it is completely unconscious. But what do you know nothing about in ordinary dreams? About the body. By connecting with the external sensory perceptions at the same time, you become aware of the physical body. You cannot have this awareness of the physical body in sleep consciousness, even though everything from this body also rises up in sleep consciousness. What human beings carry within themselves as their spiritual being relates to ordinary consciousness in the same way that the physical body relates to dream consciousness. They cannot know the physical body in dream consciousness. Now, in waking daytime consciousness, they get to know the body. In clairvoyant consciousness, however, they learn not only about the physical body, but also about what they carry within themselves as spiritual beings. They ascend to clairvoyant consciousness and now learn to know themselves as spiritual beings, just as they learn to know themselves as physical beings in waking consciousness.

[ 36 ] Ich darf noch etwas negativ charakterisieren dasjenige, was ich als erste Stufe des schauenden Bewusstseins bezeichnet habe, und was ich seit Jahren nenne: die Stufe der imaginativen Erkenntnis, namentlich aus dem Grunde, weil so oft die Gegnerschaft dieses schauende Bewusstsein so leicht verwechselt mit dem, was das völlige Gegenteil ist. Man sagt so leicht: Nun ja, der Geistesforscher spricht also auch von allerlei Bildern, zu denen er kommt, er spricht von einem besonderen Bewusstsein. Da haben wir es ja! Das ist gerade so, wie wenn einer sich einbildet, der in Halluzinationen, in Illusionen lebt oder unter Suggestion lebt, das seien Wirklichkeiten.

[ 36 ] I would like to characterize somewhat negatively what I have described as the first stage of contemplative consciousness, and what I have been calling for years: the stage of imaginative knowledge, namely for the reason that so often the opposition to this contemplative consciousness is so easily confused with what is the complete opposite. It is so easy to say: Well, the spiritual researcher also speaks of all kinds of images that he comes to, he speaks of a special consciousness. There we have it! It is just as if someone imagines that hallucinations, illusions, or suggestions are realities.

[ 37 ] Nun, gerade wenn Sie hinnehmen dasjenige, was ich als Charakteristik gegeben habe desjenigen, was schauendes Bewusstsein hier genannt wird, werden Sie schen, dass dieses schauende Bewusstsein das genaue Gegenteil von dem allem ist, was ich jetzt genannt habe. Nehmen Sie die Suggestion; sie besteht in einem Einengen des Bewusstseins; besteht darin, dass Ihnen die Möglichkeit genommen wird, über das, was Sie vor sich haben, sich aufzuklären. Während der Geistesforscher gerade verlangt, dass das Bewusstsein erweitert wird; dass alles herbeigeschafft wird, was von den verschiedensten Seiten her beleuchten kann dasjenige, was er vor sich hat. Wenn jemand unter der Suggestion steht, und es wird ihm eine Kartoffel gereicht mit der Angabe, es sei eine Birne, so wird er hineinbeißen und finden, es sei eine Birne. Was ist geschehen? Es ist das geschehen, dass sein Bewusstsein eingeengt war, dass er kein Vermögen der Kritik mehr hat. Die Vorstellung, die ihm klarmacht, dass es keine Birne ist, ist ihm weggenommen. Er hat nicht mehr die Möglichkeit der Entfaltung seines Bewusstseins.

[ 37 ] Now, if you accept what I have given as the characteristics of what is called seeing consciousness here, you will see that this seeing consciousness is the exact opposite of everything I have just mentioned. Take suggestion, for example; it consists of a narrowing of consciousness; it consists of you being deprived of the opportunity to enlighten yourself about what you have before you. Whereas the spiritual researcher demands that consciousness be expanded; that everything be brought in that can illuminate what he has before him from the most diverse angles. If someone is under suggestion and is handed a potato with the statement that it is a pear, he will bite into it and find that it is a pear. What has happened? What has happened is that their consciousness has been narrowed, that they no longer have the capacity for criticism. The mental image that makes it clear to them that it is not a pear has been taken away from them. They no longer have the possibility of developing their consciousness.

[ 38 ] Gerade das Umgekehrte ist bei der Geistesforschung der Fall. Da wird das Bewusstsein erweitert; da kann man gerade alle Kritik anwenden. Da ist es so, dass man nicht nur von der Seite, die man im gewöhnlichen Bewusstsein sieht, sondern dass man von allen Seiten her das Ding oder den Vorgang anschaut in der richtigen Weise. Oder nehmen Sie die Halluzination oder Illusion, worin besteht sie? Sie besteht darin, dass der Mensch weniger frei wird vom Organismus als im wachen Tagesbewusstsein. Wenn Sie im wachen Tagesbewusstsein sehen und hören, und das, was Sie sehen und hören mit dem Verstand zusammenfassen, sind Sie in einem gewissen Sinne unabhängig vom übrigen Organismus. Er dient Ihnen, um die Erfahrungen der Sinne zusammenzufassen zu dem Ich-Erlebnis. Aber Sie sind unabhängig; Sie sind unabhängiger, als wenn Sie einer Illusion oder Halluzination unterliegen. Da funktionieren die Sinne nicht richtig; da funktioniert das, was im Körper liegt; Sie machen sich abhängiger vom Körperlichen als im gewöhnlichen Sinnesbewusstsein. Und so ist es bei allem Träumerischen, und so auch bei dem, was oftmals wie eine Karikatur erscheint der wirklichen Mystik. Gerade auf diese Dinge muss die Geisteswissenschaft hinweisen, weil eine gehässige Gegnerschaft sie eben mit diesen Dingen oft böswillig verwechselt. Selbst wenn man nun außerordentlich schöne Erzeugnisse desjenigen, was man Mystik nennt — Ja, ich sage es sogar ganz ohne Vorbehalt —, wenn man die wunderschönen mystischen Erzeugnisse einer Mechthildis von Magdeburg nimmt, selbst diese Mystik besteht darin, dass eine solche Mystikerin sich freimacht von dem, was äußerlicher Verstand ist, aber dafür in ein tieferes Erleben des Leibes zurückgeht. Sie gibt das, was sie im Leibe erlebt, poetisch, schwungvoll, schön, großartig wieder, aber sie macht sich abhängiger vom Leibe.

[ 38 ] The opposite is true in spiritual research. There, consciousness is expanded; there, one can apply all criticism. There, one looks at the thing or process in the right way, not only from the side that one sees in ordinary consciousness, but from all sides. Or take hallucination or illusion, what do they consist of? They consist of the fact that the human being is less free from the organism than in waking daytime consciousness. When you see and hear in waking daytime consciousness, and summarize what you see and hear with your mind, you are in a certain sense independent of the rest of the organism. It serves you to summarize the experiences of the senses into the experience of the I. But you are independent; you are more independent than when you are subject to an illusion or hallucination. Then the senses do not function properly; then what lies in the body functions; you make yourself more dependent on the physical than in ordinary sensory consciousness. And so it is with everything dreamlike, and so it is with what often appears to be a caricature of real mysticism. Spiritual Science must point out precisely these things, because a spiteful opposition often maliciously confuses them with these things. Even if one takes the extraordinarily beautiful products of what is called mysticism — yes, I say this without reservation — if one takes the beautiful mystical works of Mechthild of Magdeburg, even this mysticism consists in such a mystic freeing herself from what is external understanding, but in return going back to a deeper experience of the body. She renders what she experiences in the body poetically, vividly, beautifully, magnificently, but she makes herself more dependent on the body.

[ 39 ] Das schauende Bewusstsein entwickelt den Menschen nach der entgegengesetzten Seite; das ist dasjenige, was nicht den Menschen abhängig macht vom Leibe. Während der Träumende abhängig ist vom Leibe, das Sinnenbewusstsein abhängig ist von den Sinnen, ist das schauende Bewusstsein so, dass nur die geistige Wesenheit und nichts Leibliches mehr daran beteiligt ist. Daher ist die Entwicklung zum schauenden Bewusstsein gerade dasjenige, was am meisten vertreibt alle Suggestibilität, allen Hypnotismus, alle Illusionsfähigkeit, alles Illusionäre und so weiter, und es gehört schon viel Böswilligkeit dazu, wenn diejenigen, die diese Dinge durchschauen, trotzdem die wahre Geisteswissenschaft mit diesem Illusorischen und mit falscher Mystik verwechseln.

[ 39 ] Contemplative consciousness develops the human being in the opposite direction; it is that which does not make the human being dependent on the body. While the dreamer is dependent on the body and sensory consciousness is dependent on the senses, contemplative consciousness is such that only the spiritual entity and nothing physical is involved. Therefore, the development of contemplative consciousness is precisely what most effectively dispels all suggestibility, all hypnotism, all illusory capacity, everything illusory, and so on, and it takes a great deal of malice for those who see through these things to nevertheless confuse true Spiritual Science with this illusory and false mysticism.

[ 40 ] Dann aber, wenn der Mensch es gebracht hat zu dieser Stufe des imaginativen Erkennens, dann erlebt er etwas um sich — ich möchte da einen Vergleich gebrauchen: Nehmen wir an, es könnte Leute geben, die lernen müssen, da ist der Tisch; dann lernen sie, da ist Luft; solche Leute gibt es heute nicht mehr viele, aber es hat schon solche Leute gegeben, die von Luft nichts wissen und nur sehen: Da ist nichts —, wenn der Mensch es zu dieser Stufe gebracht hat, so lernt er gegenüber dem imaginativen Bewusstsein, dass in unserer Umgebung Geistiges ist, und dass wir ebenso im geistigen Menschenwesen Teile dieses Übersinnlichen sind, wie wir mit Blut und Muskeln Teile des Physisch-Sinnlichen sind, das rings um uns herum ist.

[ 40 ] But then, when a person has reached this stage of imaginative knowledge, they experience something around them — I would like to use a comparison: let us assume that there are people who have to learn that there is a table; then they learn that there is air; there are not many such people today, but there have been such people, who know nothing about air and only see: there is nothing there — when a person has reached this stage, they learn, through imaginative consciousness, that there is something spiritual in our environment, and that we, as spiritual human beings, are just as much a part of this supersensible world as we are, with our blood and muscles, a part of the physical-sensible world that surrounds us.

[ 41 ] Nun, hier haben wir einen merkwürdigen Punkt, meine sehr verehrten Anwesenden, wo man sagen kann: Geisteswissenschaft tritt heute schon wunderbar zusammen mit der wirklichen Wissenschaft. Dasjenige, was oftmals in populären Weltanschauungs-Vorträgen unter dem Namen Monismus vorgebracht wird, es ist oftmals eine Naturwissenschaft von vor zwanzig, dreißig Jahren; es ist oftmals der reinste naturwissenschaftliche Dilettantismus. Wer wirklich auf dem Boden der Naturwissenschaft der Gegenwart steht, der darf vergleichen die Arbeit der Geisteswissenschaft und die Arbeit der Naturwissenschaft damit! Wenn Arbeiter, die einen Tunnel graben wollen, von zwei Richtungen in einen Berg hereingraben; wenn die Anordnungen richtig sind, treffen die Arbeitenden in der Mitte zusammen. So arbeiten Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zusammen. Und wir können heute schon viele Punkte nachweisen, wo Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft wirklich zusammentreffen. Und hier ist ein Punkt: der erste Punkt des imaginativen Erkennens.

[ 41 ] Now, here we have a curious point, my dear audience, where one can say: Spiritual Science today already coexists wonderfully with real science. What is often presented in popular lectures on worldviews under the name of monism is often a natural science of twenty or thirty years ago; it is often pure scientific dilettantism. Anyone who really stands on the ground of contemporary natural science can compare the work of Spiritual Science and the work of natural science with it! When workers who want to dig a tunnel dig into a mountain from two directions, if the arrangements are correct, the workers will meet in the middle. This is how Spiritual Science and natural science work together. And we can already point to many areas today where Spiritual Science and natural science really do converge. And here is one point: the first point of imaginative cognition.

[ 42 ] Sie wissen, die Physik spricht vielfach von Äther. Äther können wir auch dasjenige nennen, was wir zuerst als ein Übersinnliches wahrnehmen, was in unserer ganzen Umgebung ist, was auch in uns selber lebt. Wir bestehen nicht nur aus Knochen und Muskeln und Blut, sondern auch aus Äther. Wir tragen unseren Ätherleib in uns. In der vorletzten Nummer der Zeitschrift «Das Reich» habe ich, damit nicht Missverständnisse entstehen, diesen Ätherleib des Menschen den Bildekräfteleib genannt. Aber die Physik spricht von Äther. Ich kann Ihnen jetzt nicht alle die Theorien anführen, die von Physikern seit längerer Zeit aufgestellt worden sind, da müsste ich lange reden; das ist auch nicht nötig. Das Interessante ist aber, wozu die Physiker in Bezug auf den Äther heute gekommen sind. Sie brauchen nur so etwas zu nehmen, wie es schon ausgesprochen hat der Physiker Planck, Professor an der Berliner Universität. Er sagt in einem Vortrage, der auch gedruckt ist: «Ja, man hat vieles geredet über den Äther, man hat ihm alle möglichen Eigenschaften beigelegt; heute muss man bekennen: Man darf ihm jedenfalls keine materiellen Eigenschaften beilegen.»

[ 42 ] You know that physics often speaks of ether. We can also call ether that which we first perceive as supersensible, which is in our entire environment, which also lives within ourselves. We consist not only of bones and muscles and blood, but also of ether. We carry our etheric body within us. In the penultimate issue of the magazine “Das Reich,” I called this etheric body of the human being the image-forming body, so as to avoid misunderstandings. But physics speaks of ether. I cannot now cite all the theories that physicists have been putting forward for a long time, as that would take a long time; nor is it necessary. What is interesting, however, is what physicists have come to today with regard to ether. You only need to take something like what the physicist Planck, professor at the University of Berlin, has already said. In a lecture, which has also been printed, he says: "Yes, much has been said about ether, all kinds of properties have been attributed to it; today we must admit: it cannot be attributed with any material properties."

[ 43 ] Denken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, der Physiker ist heute so weit, zu sagen: Unter keinen Umständen darf der Äther anders als etwas Nichtmaterielles angesehen werden. Die Wissenschaft zwingt also heute schon, den Äther als etwas Übersinnliches anzusehen. Damit kommt sie an das, woran auch die Geisteswissenschaft kommt, wo auch die Geisteswissenschaft steht, die auf der ersten Stufe des schauenden Bewusstseins, die bei der imaginativen Erkenntnis angelangt ist.

[ 43 ] Consider, my dear audience, that physicists have now reached the point where they can say: under no circumstances can ether be regarded as anything other than something non-material. Science therefore already compels us to regard ether as something supernatural. In doing so, it arrives at the same conclusion as Spiritual Science, which has reached the first stage of intuitive consciousness, which has arrived at imaginative .

[ 44 ] Sie weiß, dass wir nicht nur um uns haben physische Gegenstände und physische Vorgänge, sondern ätherische Gegenstände und ätherische Vorgänge. Aber sie sieht in Wirklichkeit etwas Wesenhaftes. Es handelt sich nicht um einen verschwommenen Pantheismus: Überall ist Geist, Geist, Geist. Das würde dasselbe sein wie ein Botaniker, der über eine Wiese geht und sagt: Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen. Der Pantheist schreibt dem Geiste keine konkreten Einzelheiten zu. Wie der Botaniker lächerlich wäre, der immer nur von Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen spricht, so ist der Mensch lächerlich, der sagt als Pantheist: Überall ist Geist, Geist.

[ 44 ] It knows that we are surrounded not only by physical objects and physical processes, but also by etheric objects and etheric processes. But it actually sees something essential. This is not a vague pantheism: spirit, spirit, spirit is everywhere. That would be like a botanist walking across a meadow and saying: plants, plants, plants. The pantheist does not attribute any concrete details to the spirit. Just as the botanist would be ridiculous if he only ever talked about plants, plants, plants, so too is the person who, as a pantheist, says: Spirit, spirit is everywhere.

[ 45 ] Zunächst führt uns das schauende Bewusstsein in die wirkliche Welt der Bildekräfte ein. Da lernen wir kennen, indem wir Stück für Stück aufsteigen, und mit dem schauenden Bewusstsein in imaginativer Erkenntnis zunächst uns selber prüfen, da lernen wir wirklich dasjenige in uns kennen, was nun zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod unser zusammenhängendes Menschenwesen ist, aber übersinnliches Menschenwesen ist. Die sinnlichen Stoffe, die wir aufnehmen, wir wissen ja heute nach Jahren sind sie vollständig ausgetauscht. Nach ungefähr sieben Jahren tragen wir nichts mehr von den Stoffen an uns, die wir heute an uns tragen. Dasjenige aber, was da wirkt, wirkt eigentlich von Stunde zu Stunde, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zwischen Geburt und Tod, das ist der lebendig wogende Ätherleib oder Bildekräfteleib, das Übersinnliche in uns, das zunächst unserem Sinnlichen zugrunde liegt, das ist das erste Übersinnliche, was wir in imaginativer Erkenntnis erfassen.

[ 45 ] First, the seeing consciousness introduces us to the real world of formative forces. There we learn, by ascending step by step, and by examining ourselves first with contemplative consciousness in imaginative knowledge, we truly learn about that which is our coherent human being between birth or conception and death, but which is a supersensible human being. We know today that the sensory substances we absorb are completely replaced after a few years. After about seven years, we no longer carry any of the substances that we carry with us today. But what actually works from hour to hour, from week to week, from year to year, from decade to decade between birth and death, is the living, undulating etheric body or formative force body, the supersensible within us, which initially underlies our sensory world; this is the first supersensible thing we grasp in imaginative knowledge.

[ 46 ] Und nur wenn wir dieses erfassen, können wir uns klar werden über manche Begriffe, über die die gewöhnliche Seelenkunde niemals klar werden kann, so zum Beispiel über alles das, was Gedächtnis ist. Niemals wird die gewöhnliche Wissenschaft, die nur an den physischen Leib gebundene Wissenschaft, eine Antwort finden auf die Frage, was das Gedächtnis ist. Denn das Gedächtnis ist gebunden an diesen Ätherleib oder Bildkräfteleib. Von seinen Gesetzen ist es abhängig. Und nur eine Art Widerlage für diesen Ätherleib bildet der physische Leib in Bezug auf das Gedächtnis. Wie ist das? Nun, wenn wir gehen, müssen wir auf dem Boden gehen. Ohne dass ein Boden unter unseren Füßen ist, können wir nicht gehen. Wir drücken auch, wenn der Boden weich ist, Eindrücke in den Boden. Wenn jetzt jemand kommen würde und sagen würde: Da sind Fußstapfen in dem Boden, vielleicht gibt es Kräfte da unten in der Erde, die haben diese Fußstapfen bewirkt. Es könnte jemand, der kurzsichtig genug wäre, alles ablehnen zu wollen, was er nicht vor sich sieht, so sagen. So aber ist derjenige, der reiner Materialist ist, in Bezug auf das Seelenwirken, das Gedächtnis. Gewiss, man findet alles das, was der Materialist in der Leibesorganisation annehmen kann; aber es ist das alles nur so notwendig, wie der Boden zum Gehen notwendig ist. Und das, was sich bildet, das bildet sich aus dem Geistig-Seelischen, zunächst aus dem Ätherischen, wie sich die Fußstapfen aus den Formen unserer Füße herausbilden. Wir können dann nicht aus dem, was leiblich in uns ist, ableiten dasjenige, was da ist im Nervensystem, sondern wir müssen es ableiten aus dem Ätherleib, so wie die Fußstapfen abgeleitet werden müssen aus dem, der über den Boden gegangen ist.

[ 46 ] And only when we grasp this can we become clear about certain concepts that ordinary psychology can never clarify, such as everything that is memory. Ordinary science, which is bound only to the physical body, will never find an answer to the question of what memory is. For memory is bound to this etheric body or image-power body. It is dependent on its laws. And only the physical body forms a kind of counterbalance to this etheric body in relation to memory. How is that? Well, when we walk, we have to walk on the ground. Without ground beneath our feet, we cannot walk. Even when the ground is soft, we leave impressions in it. If someone were to come along and say: There are footprints in the ground, perhaps there are forces down there in the earth that have caused these footprints. Someone who is short-sighted enough to reject everything they cannot see in front of them might say this. But that is how someone who is a pure materialist is in relation to the workings of the soul, the memory. Certainly, one finds everything that the materialist can accept in the physical organization; but all of that is only as necessary as the ground is necessary for walking. And what is formed is formed from the spiritual-soul, first of all from the etheric, just as footprints are formed from the shapes of our feet. We cannot then deduce from what is physically in us what is there in the nervous system, but we must deduce it from the etheric body, just as footprints must be derived from the one who has walked on the ground.

[ 47 ] Haben wir auf diese Weise durch die imaginative Erkenntnis dasjenige Übersinnliche gewonnen, welches zugrunde liegt unserem Menschsein zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod, dann können wir, indem wir weiterschreiten, auch zu einem höheren Element in diesem Menschenwesen kommen, zu demjenigen, was nun über Geburt und Tod hinausliegt. Da aber müssen wir noch weitergehen mit Bezug auf die Entwicklung des Vorstellungslebens. Wir müssen auf dem Wege, durch den wir uns Vielseitigkeit angeeignet haben, weiterschreiten. Wir dürfen nicht mehr die Vorstellungen als Abbilder nehmen, sondern nur als den Weg nehmen, um zur Wirklichkeit hinzukommen. Das muss uns zur inneren Natur werden.

[ 47 ] Once we have gained, through imaginative knowledge, the supersensible that underlies our human existence between birth or conception and death, we can then, as we proceed further, also arrive at a higher element in this human being, that which now lies beyond birth and death. But here we must go even further with regard to the development of the life of imagination. We must continue along the path through which we have acquired versatility. We must no longer take mental images as images, but only as the way to arrive at reality. This must become our inner nature.

[ 48 ] Derjenige, der gewöhnt ist, auf geisteswissenschaftlichen Wegen zu gehen, der versucht wirklich jedes Ding von den verschiedensten Seiten her zu charakterisieren. Gestatten Sie mir, dass ich hier eine persönliche Bemerkung mache. Diejenigen, die öfter meine Vorträge gehört haben, wissen, dass ich versuche, nicht nur etwas für die Sache vorzubringen, sondern auch das vorzubringen, was gegen die Sache spricht. Denn nur, wenn man eine Sache von den verschiedensten Seiten her beleuchtet, kann man das Richtige treffen. Am Materialismus ist nicht falsch, dass man überhaupt materialistische Anschauungen hat, sondern er wird erst dann falsch, wenn man seine Anschauungen als die einzigen annimmt. Der Materialismus ist eben eine Seite. Bei der Geisteswissenschaft kommt es nicht darauf an, immerfort vom Geist, Geist, Geist zu sprechen, so wie es beim Christen nicht darauf ankommt, immer Herr, Herr, Herr zu sagen. Es kommt nicht darauf an, dass man von Geist spricht, sondern dass Geist wallt und webt in der Betrachtungsweise; dass man auch das, was man als materielle Erscheinungen charakterisiert, geistdurchdrungen charakterisiert. Da wird es demjenigen, der versucht, im Geiste zu leben, so natürlich, auch die Dinge von den entgegengensetzten Gesichtspunkten aus zu charakterisieren. Das weiß auch die Gegnerschaft.

[ 48 ] Those who are accustomed to following paths of Spiritual Science really try to characterize everything from the most diverse angles. Allow me to make a personal remark here. Those who have heard my lectures more often know that I try not only to present arguments in favor of a cause, but also to present arguments against it. For only by examining a matter from a wide variety of angles can one arrive at the correct conclusion. What is wrong with materialism is not that one has materialistic views at all, but that one accepts one's views as the only ones. Materialism is just one side of the coin. In Spiritual Science, it is not important to talk constantly about spirit, spirit, spirit, just as it is not important for Christians to always say Lord, Lord, Lord. It is not important to talk about spirit, but that spirit flows and weaves through one's way of looking at things; that one also characterizes what one characterizes as material phenomena as being imbued with spirit. Then it becomes so natural for those who try to live in the spirit to characterize things from the opposite point of view. The opposition knows this too.

[ 49 ] Jetzt, wo Geisteswissenschaft bekannt wird, mehren sich auch die Gegner, und sie haben besonders eine merkwürdige Gewohnheit: Die Leute schreiben nämlich einfach dasjenige, was ich immer auch gegen die Dinge sage, die ich vorzubringen habe, ab, und was ich für die Dinge sage, das lassen sie weg. Da können sie die schönsten Gegenschriften zusammenstellen. Das wird heute schon auf den verschiedensten Gebieten versucht. Die Gegner brauchen nicht nachzudenken, sie können in meinen eigenen Schriften alles finden, denn der Geistesforscher muss eben zu gleicher Zeit auch alles vorbringen, was gegen die Dinge spricht. Dann kann er aufsteigen weiter so, dass man sagen kann: Er hat das Denken zu einem innerlich lebendigen gemacht. Aber dafür muss er auch innerliche Lebendigkeit in sich aufnehmen. Ich möchte das in folgender Weise klarmachen.

[ 49 ] Now that Spiritual Science is becoming known, the number of opponents is also increasing, and they have a particularly strange habit: namely, people simply write down what I always say against the things I have to say, and they leave out what I say for the things. In this way, they can compile the most beautiful counter-writings. This is already being attempted today in a wide variety of fields. Opponents do not need to think; they can find everything in my own writings, because the spiritual researcher must at the same time also present everything that speaks against the things. Then he can ascend further, so that one can say: He has made thinking an inner living thing. But to do this, they must also take in inner vitality. I would like to clarify this in the following way.

[ 50 ] Im Denkleben sind wir oftmals zufrieden damit, dass wir eine Vorstellung richtig, eine andere als falsch erkennen, eine als logisch richtig, andere als logisch falsch erkennen. Damit sind wir zufrieden. Für das Leben genügt das nicht. Da können wir nicht zufrieden sein, wenn wir sagen: eine Handlung ist gut, eine andere ist böse. Könnte ein Mensch ernst genommen werden, wenn er wüsste, was gut und was schlecht im sozialen Leben ist, was pflichtgemäß und was unrichtig ist im sozialen Leben, wenn er gar nichts täte, wenn er das eine wie das andere nur als Logisches erlebte? Nein. Im äußeren Leben kommt es darauf an, dass wir das Gute tun, dass wir das Schlechte unterlassen. Dieses aber, was wir im äußeren Leben brauchen, das müssen wir nun, um weiterzukommen in der Erkenntnis, in der Belebung des schauenden Bewusstseins, im Denken selber entwickeln. Wir müssen in die Lage kommen, dem Gedanken, der Vorstellung, dem Gefühl, der Empfindung gegenüber so zu erleben. Sie ist brauchbar in einer gewissen Richtung, wir müssen ihr nachgehen; anderen Vorstellungen und Empfindungen gehen wir nicht nach. Selbstverständlich handelt es sich dabei immer darum, solange wir geistig forschen und in dieser Beziehung muss der Geistesforscher streng sein mit dem, wie er einen Begriff, eine Vorstellung, eine Idee zu brauchen hat, wie er sich mit ihr in einer Richtung zu bewegen hat, wie eine andere zu unterdrücken ist —, er muss genau wissen: Jetzt kommst du in Regionen hinein, da muss du diese Vorstellung lassen, ein innerliches Vermoralisieren muss eintreten.

[ 50 ] In our thinking, we are often satisfied with recognizing one mental image as right and another as wrong, one as logically correct and another as logically incorrect. We are satisfied with that. But that is not enough for life. We cannot be satisfied when we say: one action is good, another is evil. Could a person be taken seriously if he knew what was good and what was bad in social life, what was dutiful and what was wrong in social life, if he did nothing at all, if he experienced both as merely logical? No. In our external life, it is important that we do what is good and refrain from doing what is bad. But what we need in our external life, we must now develop in our thinking itself in order to advance in our knowledge, in the enlivening of our contemplative consciousness. We must be able to experience thoughts, mental images, feelings, perception. It is useful in a certain direction, we must pursue it; we do not pursue other mental images and perceptions. Of course, as long as we are engaged in spiritual research, the spiritual researcher must be strict about how he needs to use a concept, a mental image, how he needs to move with it in one direction, how another must be suppressed — he must know exactly: Now you are entering regions where you must abandon this mental image; an inner moralization must take place.

[ 51 ] Sehen Sie, der Professor Dewar hat vor Kurzem einen Vortrag gehalten, der eben so ist, wie Vorträge auf diesem Gebiete überhaupt gehalten werden; er hat gesprochen darüber, wie auf der Erde es nach vielen Jahrtausenden aussehen wird. Man kann Vorstellungen von riesig richtiger Logik entwickeln. Da hat er gesagt: Dasjenige, was heute Wasser ist, wird dann längst gefroren sein; die heutige Luft wird Wasser geworden sein; Erdenlicht wird immer in wunderbarer Weise erglänzen; gewisse Flüssigkeiten, die heute eben flüssig sind, werden fest sein; so zum Beispiel wird die Milch fest sein und bläulich erglänzen; Eiweiß wird so leuchten, dass wenn man damit ein Zimmer anstreicht, man bei seinem Lichte Zeitung lesen kann und so weiter. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich will gar nicht darüber sprechen, dass dem Geistesforscher es schon wehe tut, ganz von Anfang an, solche Vorstellungen zu denken. Sie heben sich nämlich selber auf. Eine Milch, die fest ist, damit sie dann im blauen Lichte erglänzt, wie soll sie denn gemolken werden? Wie soll sie zustande kommen in der Kuh? Da versagt jede Möglichkeit. Ebenso ist es mit dem Zeitungen-Lesen unter dem Lichte des Eiweiß-Anstriches und so weiter. Darüber wollen wir jetzt nicht weitersprechen, aber über etwas anderes wollen wir sprechen: Davon, dass auf solcher Denkweise überhaupt heute ein großer Teil desjenigen beruht, was man Erd-Entwicklungslehre nennt.

[ 51 ] You see, Professor Dewar recently gave a lecture that is typical of lectures given in this field; he spoke about what the Earth will look like after many millennia. One can develop mental images of enormous logical correctness. He said: What is water today will then have long since frozen; today's air will have become water; Earth light will always shine in a wonderful way; certain liquids that are liquid today will be solid; for example, milk will be solid and shine bluish; egg white will shine so brightly that if you paint a room with it, you can read the newspaper by its light, and so on. Yes, my dear audience, I do not even want to talk about the fact that it pains the spiritual researcher to think such mental images from the very beginning. For they cancel themselves out. How can milk that is solid so that it glows in blue light be milked? How can it come into being in the cow? Every possibility fails. The same applies to reading newspapers by the light of the egg white paint, and so on. We will not discuss this further now, but we want to talk about something else: the fact that a large part of what is called the science of earth development is based on this way of thinking today.

[ 52 ] Da wird vieles berechnet. Die Berechnungen sind absolut richtig, es ist nichts dagegen einzuwenden. Die Geologen rechnen die Zukunft und die Vergangenheit der Erde aus, und sie kommen zu verschiedenen Resultaten. Der eine sagt, dass das Leben zuerst war; der andere, dass das Unlebendige zuerst war und so weiter. Diese Dinge sind logisch richtig, sie sind aber alle eigentlich unmöglich. Nehmen Sie an, ich untersuche einen menschlichen Magen von acht zu acht Tagen; da kann ich untersuchen, wie er sich ändert. Genau dieselben Methoden wendet die Geologie an, wenn sie solche Dinge macht, wie Dewar oder wie Geologen machen, wenn sie die Erde zurückrechnen. Ich rechne also aus: Der Magen ändert sich in acht Tagen so und so; also wird er sich in zweihundert Jahren so oder so geformt haben. Oder bei einem Kinde sehe ich, wie sich ein Knochen ändert. Jetzt rechne ich zurück: Da habe ich die Form, wie der Mensch vor zweihundert Jahren in seinem Knochen gewesen ist. Da ist ganz dieselbe Methode, wie die Geologen errechnen, wie die Erde nach oder vor zwei Millionen Jahren aussehen soll. Die Sachen sind geistreich, sie sind logisch, aber sie sind ganz unreal gedacht. Gewiss, der Magen kann so aussehen, aber der Mensch wird tot sein. So wird die Erde, wenn alles das sich entwickelt, was man mit den heutigen physikalischen Vorstellungen ausrechnet, so wird die Erde sein; aber sie wird längst nicht mehr da sein als Erde; sie wird längst in einen geistigen Zustand übergegangen sein. Gewiss kann man ausrechnen: So war die Erde früher. Aber es war nicht die heutige Erde, da war die Erde in einem geistigen Zustand.

[ 52 ] Many calculations are made. The calculations are absolutely correct; there is nothing to object to. Geologists calculate the future and the past of the earth, and they come to different conclusions. One says that life came first; another says that non-living matter came first, and so on. These things are logically correct, but they are all actually impossible. Suppose I examine a human stomach for eight days; I can examine how it changes. Geology uses exactly the same methods when it does things like Dewar or geologists do when they calculate the Earth's history. So I calculate: the stomach changes in eight days in such and such a way; therefore, in two hundred years, it will have formed in such and such a way. Or in a child, I see how a bone changes. Now I calculate backwards: I have the shape of how the human being was in his bones two hundred years ago. It is exactly the same method that geologists use to calculate what the earth should have looked like two million years ago or two million years from now. These things are ingenious, they are logical, but they are completely unrealistic. Certainly, the stomach may look like that, but the person will be dead. That is how the earth will be when everything that is calculated using today's physical concepts has developed; but it will no longer be there as earth; it will have long since passed into a spiritual state. Certainly, one can calculate: that is how the earth used to be. But it was not the Earth of today; the Earth was in a spiritual state.

[ 53 ] Wenn sie diese Beispiele sich vor Augen führen, da kommen sie zu dem, was ich nennen möchte innere Wirklichkeit des Denkens; wie sich der Gedanke verbindet mit der Realität. Und dadurch kommt das Denken allmählich in die Möglichkeit, in einem noch höheren Sinne noch Geistiges zu erfassen als durch das bloße imaginative Bewusstsein. Es kommt in die Möglichkeit, nunmehr auch jenes Geistige zu erfassen, das nicht nur uns begleitet von der Geburt bis zum Tode, sondern das mit uns verbunden war vor der Geburt oder Empfängnis in der geistigen Welt, das durch die Vererbungssubstanz hindurch sich bekleidete mit einem physischen Leibe.

[ 53 ] When you consider these examples, you arrive at what I would call the inner reality of thinking; how thought connects with reality. And through this, thinking gradually gains the ability to grasp the spiritual in an even higher sense than through mere imaginative consciousness. It now becomes possible to grasp that which is spiritual, which not only accompanies us from birth to death, but which was connected with us before birth or conception in the spiritual world, which clothed itself in a physical body through the substance of heredity.

[ 54 ] Das schauende Bewusstsein also verbindet sich mit demjenigen im Menschen, was wirklich über Geburt und Tod hinausgeht. Daraus ersehen Sie, dass diese Forschung gerade Wert darauf legt, zu zeigen, dass ein Bewusstsein möglich ist, welches uns zum Seelischen hinführt. Führt es uns zum Seelischen hin — es ist unabhängig vom Leibe —, dann haben wir die Seele erfasst, und wir haben sie als unsterblich erfasst. Wenn einem jemand beweisen will, dass die Rose rot ist, so werden wir das lächerlich finden. Ebenso ist jeder sogenannte Beweis in hohem Sinne lächerlich, wenn jemand beweisen will, dass die Seele unsterblich ist. Findet man die Seele auf die richtige Weise durch die zweite Stufe des schauenden Bewusstseins, die ich aus guten Gründen die «inspirierte Erkenntnis» genannt habe, dann ist diese Seele als unsterblich erkannt; als solche erkannt, die durch Geburten und Tode geht.

[ 54 ] The seeing consciousness thus connects with that in the human being which truly transcends birth and death. From this you can see that this research attaches particular importance to showing that a consciousness is possible which leads us to the soul. If it leads us to the soul — which is independent of the body — then we have grasped the soul, and we have grasped it as immortal. If someone wants to prove to us that a rose is red, we will find that ridiculous. Similarly, any so-called proof is ridiculous in the highest sense if someone wants to prove that the soul is immortal. If we find the soul in the right way through the second stage of contemplative consciousness, which I have called “inspired knowledge” for good reasons, then this soul is recognized as immortal; recognized as such, passing through births and deaths.

[ 55 ] In Bezug auf diese unsterbliche Seele wäre nun vieles zu erörtern, das Gegenstand der inspirierten Erkenntnis wird. Ich möchte nur eines herausheben als Musterbeispiel, wie man das Unsterblichkeitsrätsel in der Geisteswissenschaft behandelt. Das ist zunächst die Frage nach dem inneren Schicksal. Das innere Schicksal, wie läuft es denn eigentlich unserem Menschenwesen gegenüber ab? Nun, so läuft es ab, dass, indem wir diese oder jene Fähigkeit haben, dieses oder jenes Talent haben, wir dieses oder jenes treiben werden. Wir werden zu diesem oder jenem getrieben. Davon hängt es aber ab, ob wir ein glückerfülltes oder ein schmerzerfülltes Leben verbringen können; davon hängt ab unsere innere Veranlagung zu diesem oder jenem Schicksal. Der Geistesforscher muss diese Veranlagung anders behandeln als der Naturforscher. Es ist ja ganz richtig, dass auch auf diesem Gebiete die Naturforschung Großartiges geleistet hat; und es könnte leicht der Naturwissenschaftler kommen und sagen: Geistesforscher, du bist doch furchtbar dilettantisch. Denn die Naturforschung hat uns nun endlich gezeigt, wie der Mensch dadurch, dass seine Eltern oder Voreltern diese oder jene Eigenschaften haben, auch diese Eigenschaften annimmt. Da kommt nun der Geistesforscher und will diese Dinge widerlegen. Er will sie gar nicht widerlegen. Dasjenige, was Naturwissenschaft leistet, erkennt er schon an, aber er muss es erweitern, er muss wesentlich anderes noch hinzufügen.

[ 55 ] There is much to discuss in relation to this immortal soul, which is the subject of inspired knowledge. I would like to highlight just one thing as a prime example of how the mystery of immortality is treated in Spiritual Science. This is, first of all, the question of inner destiny. Inner destiny, how does it actually unfold in relation to our human being? Well, it unfolds in such a way that, because we have this or that ability, this or that talent, we will do this or that. We are driven to do this or that. But whether we can live a life filled with happiness or pain depends on this; our inner predisposition to this or that destiny depends on it. The spiritual researcher must treat this predisposition differently than the natural scientist. It is quite true that natural science has also achieved great things in this field; and the natural scientist could easily come along and say: Spiritual researcher, you are terribly amateurish. For natural science has finally shown us how human beings acquire certain characteristics because their parents or ancestors have these characteristics. Now the spiritual researcher comes along and wants to refute these things. He does not want to refute them at all. He already recognizes what natural science has achieved, but he must expand on it; he must add something essentially different.

[ 56 ] Insbesondere, wenn wir zum Beispiel die genialen Leistungen Mendels und ähnliche andere betrachten, kann man sagen: Geisteswissenschaft ist durchaus kein Gegner dieser Forschungen. Aber man steht heute zum Beispiel auf dem Boden, dass man sagt: Ein Nachkomme ererbt die Eigenschaften seiner Vorfahren. Zum Beispiel ist über Goethe und seine Vorfahren ein schönes Buch geschrieben worden, worin gezeigt wird, dass die Eigenschaften, die Goethe gehabt hat, gewissermaßen eine Summierung waren von Eigenschaften, die sich bei all seinen Vorfahren gefunden haben. Man hat das sehr schön ausgesprochen, indem man sagte: Das Genie ist die Zusammenfassung der Eigenschaften der Vorfahren. Gewiss, man kann auf diesem Gebiete sehr Schönes leisten. Logisch mögen die Dinge sein, wirklich gedacht sind sie nicht. Denn es ist doch nicht wunderbar, dass man die Eigenschaften hat derjenigen Menschen, von denen man abstammt; das ist gerade so wenig wunderbar wie dass jemand nass ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Man geht eben durch, durch den Strom der vererbten Eigenschaften. Wollte man beweisen der Wirklichkeit gemäß, dass die Eigenschaften, die man trägt, auf die Nachkommen übergehen, dann müsste man ein Genie nehmen und zeigen: Die Eigenschaften des Genies gehen auf die Nachkommen über. Das wird man aber nicht nur bei Goethe, sondern auch bei anderen bleiben lassen, die genialen Eigenschaften bei den Nachkommen zu suchen.

[ 56 ] In particular, when we consider, for example, the brilliant achievements of Mendel and others like him, we can say that Spiritual Science is by no means opposed to this research. But today, for example, the prevailing view is that a descendant inherits the characteristics of his ancestors. For example, a beautiful book has been written about Goethe and his ancestors, showing that Goethe's characteristics were, in a sense, a summation of characteristics found in all his ancestors. This has been expressed very nicely by saying: genius is the sum of the characteristics of one's ancestors. Certainly, one can achieve great things in this field. These things may be logical, but they are not really thought out. For it is not surprising that one has the characteristics of one's ancestors; that is just as little surprising as someone being wet when they have fallen into water. One simply passes through the stream of inherited characteristics. If one wanted to prove, in accordance with reality, that the characteristics one possesses are passed on to one's descendants, one would have to take a genius and show that the characteristics of genius are passed on to the descendants. But one will refrain from looking for genius characteristics in the descendants, not only in Goethe, but also in others.

[ 57 ] Da zeigt das inspirierte Bewusstsein das Folgende: Was wir erleben, indem wir die eigene Seele erleben, ist ebenso wenig vererbt, wie zum Beispiel vererbt sein kann eine Erinnerungsvorstellung an etwas, was wir etwa im zehnten Jahr erlebt haben. Wenn ich genau weiß, das ist von der Außenwelt hereingekommen, kann [ich] nicht sagen — wenn ich heute infolgedessen, was ich erlebt habe im zehnten Jahr, das und das erlebe —, ich kann nicht sagen, dass das ererbt ist. So erkennt die inspirierte Erkenntnis, dass das, was als unser Wesenskern aus der geistigen Welt herauskommt, sich umkleidet mit dem Körperlichen, das von Vater und Mutter kommt. So lernt man unterscheiden, wie auseinanderfällt dasjenige, was physische Vererbung ist, und das, was Geistig-Seelisches ist.

[ 57 ] Here, inspired consciousness shows the following: what we experience by experiencing our own soul is just as little inherited as, for example, a memory of something we experienced in our tenth year can be inherited. If I know for sure that this has come from the outside world, I cannot say — if today, as a result of what I experienced at the age of ten, I experience this and that — I cannot say that this is inherited. Thus, inspired insight recognizes that what comes out of the spiritual world as the core of our being is clothed in the physical, which comes from our father and mother. In this way, we learn to distinguish between what is physical inheritance and what is spiritual and soul-related.

[ 58 ] Geisteswissenschaft zeigt nun allerdings: Das Geistige ist überall, nicht in einem Wolkenkuckucksheim. Überall, wo Physisches ist, liegt Geistiges zugrunde, konkretes Geistiges. Gehen wir durch die Pforte des Todes oder durch die Pforte der Empfängnis, gehen wir aus der Geisteswelt oder in die Geisteswelt; auch diejenige Geisteswelt, in der wir leben Jahrhunderte vor der Empfängnis, auch diese geistige Welt gehört zu der Welt, die hier physisch verläuft, wie mein Geistig-Seelisches dazugehört, wenn ich die Hand bewege. Was im Physischen geschieht, geschieht aus der geistigen Welt heraus; wir sind aber selbst drinnen in dieser geistigen Welt. Wir sind als individuelle Seele in dieser geistigen Welt.

[ 58 ] Spiritual Science now shows, however, that the spiritual is everywhere, not in some cloud cuckoo land. Wherever there is the physical, there is also the spiritual, the concrete spiritual. Whether we pass through the gate of death or the gate of conception, whether we leave the spiritual world or enter it, even the spiritual world in which we live centuries before conception, also belongs to the world that exists here physically, just as my spiritual and soul life belongs to it when I move my hand. What happens in the physical world happens out of the spiritual world; but we ourselves are inside this spiritual world. We are in this spiritual world as individual souls.

[ 59 ] Nun denken Sie sich, wir werden geboren von unserm Elternpaar. Diese haben wieder Eltern; und diese haben wieder Eltern. Man gelangt hinauf in weite Generationen. Da kommen immer Vater und Mutter zusammen, deren Kinder treffen sich mit anderen, es ergibt sich in den Generationen immer weiter eine bestimmte Eigenschaften-habende-Generation, die auf die andere folgt, währenddem geht in der geistigen Welt das vor, dass wir oben sind, und in den Kräften, die herunterwirken in die Generationsreihe, wirken wir mit. Denken Sie sich den zehnten Vorfahren, da sind wir in der geistigen Welt, aber wir wissen, dass da zwei Leute sind, zwei Menschen sind. Wenn sich zwischen diesen zwei Menschen Liebe entfaltet, da stecken wir schon drinnen, wenn diese Kinder haben, da stecken wir drinnen. In dieser ganzen Strömung der Vererbungslinie stecken wir drinnen. Da tragen wir die geistigen Impulse hinein. Wie ich meine Hand bewege durch mein Geistig-Seelisches, so wirkte mein Geistig-Seelisches vor Generationen in die Art, was vererbt wird, bis zu der Generation, die mein Vater und meine Mutter ist, die die Eigenschaften auf mich vererben, der ich ihr Kind [bin], die sich selbst aus dieser geistigen Welt heraus hineingetragen haben. Wir also wirken aus der geistigen Welt heraus im Strome der Vererbung mit. Wir bestimmen selber aus der geistigen Welt heraus, was zuletzt vererbt wird.

[ 59 ] Now imagine that we are born of our parents. They in turn have parents, and those parents have parents. One goes back through many generations. Fathers and mothers come together, their children meet others, and over the generations a certain generation with certain characteristics follows another. while in the spiritual world we are above, and we participate in the forces that work down into the line of generations. Think of the tenth ancestor, we are in the spiritual world, but we know that there are two people, two human beings. When love develops between these two people, we are already involved, and when they have children, we are involved. We are involved in this whole stream of the line of inheritance. We carry the spiritual impulses into it. Just as I move my hand through my spiritual-soul, so my spiritual-soul worked generations ago in the way that is inherited, up to the generation that is my father and mother, who pass on their characteristics to me, who am their child, who carried themselves into it from this spiritual world. So we participate in the stream of heredity from the spiritual world. We ourselves determine from the spiritual world what will ultimately be inherited.

[ 60 ] Wichtig ist, was die Naturwissenschaft sagt, aber es muss geistig ergänzt werden. Da sehen wir, wie unser Schicksal aus dem ureigensten Element, aus dem eigenen Wollen heraus geschaffen ist.

[ 60 ] What science says is important, but it must be supplemented spiritually. There we see how our destiny is created out of our very own element, out of our own will.

[ 61 ] Nun das äußere Schicksal. Wir leben auch in äußeren Schicksalen, in dem, was als sogenannte Zufälle als das oder jenes, das uns Glück, das uns Leid bringt; wir leben in dem drinnen. Wie steht es mit diesem Schicksal? Nun, da zeigt die Geisteswissenschaft ein Merkwürdiges. Man muss erst dieses Schicksal begreifen, muss urteilsfähig werden gegenüber diesem Schicksal. Menschen, die sinnig alt geworden sind, die über das gewöhnliche Denken mit einem gewissen tieferen Ahnungsvermögen hinausgekommen sind, wie Goethes Freund Knebel, der scharfsinnige, scharf denkende Knebel, er sagte: Wenn man alt geworden ist, kommt man dazu, doch in all den Ereignissen, die unser Leben begleitet haben, die unser Schicksal bildeten, einen gewissen Zusammenhang, eine ordnende Hand zu erkennen. Wir wären ganz andere, als wir sind, wenn es anders gekommen wäre, als es gekommen ist. Manches, was in entgegengesetzter Weise zu gehen scheint, erweist sich gerade in einen Plan des Schicksals hineinfallend. Und Schopenhauer, der einzige neuere Philosoph, der sich leise an das Schicksal heranwagt, er gibt ihm recht. Diese Menschen versuchten, ahnungsvoll heranzukommen an dasjenige, was die Menschen Schicksal nennen.

[ 61 ] Now for external destiny. We also live in external destinies, in what we call coincidences, in this or that which brings us happiness or suffering; we live within that. What about this fate? Well, Spiritual Science reveals something remarkable here. One must first understand this fate, must become capable of judging it. People who have grown old in a meaningful way, who have gone beyond ordinary thinking with a certain deeper intuitive ability, such as Goethe's friend Knebel, the astute, sharp-minded Knebel, said: When you have grown old, you come to recognize a certain connection, an ordering hand, in all the events that have accompanied our lives, that have shaped our fate. We would be very different from what we are if things had turned out differently than they did. Some things that seem to go in the opposite direction turn out to be part of a plan of fate. And Schopenhauer, the only modern philosopher who quietly ventures to approach fate, agrees with him. These people tried to approach with intuition what people call fate.

[ 62 ] Aber vollständig kommt man nur heran, wenn man zu einer dritten Stufe des schauenden Bewusstseins aufschaut; wenn das innere Vorstellen des Menschen vom Tasten durch die imaginative Erkenntnis, durch die inspirierte Erkenntnis, wirklich zum geistigen Auge, zum geistigen Ohr aufsteigt, wie das Gefühl aufsteigt in der naturgemäßen Entwicklung zu dem differenzierten Auge und Ohr. Wenn dieses tastende Denken wirklich aufgestiegen ist zum geistigen Auge und zum geistigen Ohr, dann kommt der Mensch dazu, ein merkwürdiges Erleben zu bekommen. Dieses Erlebnis kann man nicht etwa nur dann haben, wenn man Seher wird in dem Sinne, wie ich es heute geschildert habe, sondern wenn man sich nur in die Literatur einlässt, die unter dem Einfluss dieses schauenden Bewusstseins entstanden ist.

[ 62 ] But one can only approach it completely if one looks up to a third stage of contemplative consciousness; when man's inner mental image rises from groping through imaginative knowledge, through inspired knowledge, truly rises to the spiritual eye, to the spiritual ear, just as feeling rises in natural development to the differentiated eye and ear. When this groping thinking has truly risen to the spiritual eye and the spiritual ear, then the human being comes to have a remarkable experience. This experience cannot be had only by becoming a seer in the sense I have described today, but only by engaging with literature that has been created under the influence of this seeing consciousness.

[ 63 ] Sie finden alle diese Dinge, die ich heute prinzipiell geschildert habe, in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, «Geheimwissenschaft», «Theosophie», in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» und in «Rätsel der Philosophie». Wenn man sich auf diese Literatur einlässt — man liest sie vielleicht so, wie man andere Literatur liest —, sie ist aber anders zu lesen. Indem man sich auf sie einlässt, so muss man sich klar sein: Diese Bücher geben einem nicht nur Vorstellungen wie andere Bücher, sondern sie führen einen zu einem lebendigen Denken. Das ist auch der Fall, wenn man nur die Dinge in der richtigen Weise nimmt, die hier gesagt werden. Man braucht nicht selber Geistesforscher zu sein, so wenig, wie man Chemiker zu sein braucht, wenn man die Errungenschaften der Chemie aufnehmen will. Man kann, ohne selber Geistesforscher zu sein, zu dem Erlebnis kommen, das ich jetzt charakterisieren will.

[ 63 ] You will find all these things, which I have described in principle today, in my books “How to Know Higher Worlds,” “Occult Science,” , “Theosophy,” in my latest book “The Riddle of Man,” and in “The Riddle of Philosophy.” If you engage with this literature — perhaps reading it as you would read other literature — but it must be read differently. When engaging with it, one must be clear that these books do not merely provide mental images like other books, but lead one to a living way of thinking. This is also the case if one simply takes the things that are said here in the right way. One does not need to be a spiritual researcher oneself, any more than one needs to be a chemist if one wants to take in the achievements of chemistry. Without being a spiritual researcher oneself, one can come to the experience that I now want to characterize.

[ 64 ] Es ist das Erlebnis, das uns jetzt auf die dritte Erkenntnisstufe, die wirkliche intuitive Erkenntnis hinaufführt. Diese dritte Erkenntnisstufe ist eine wirklich innere Erlebensstufe. Da tritt im Leben dann der Augenblick ein, wo man weiß: Du hast dich vollständig innerlich verwandelt; du bist jetzt mit dem, was du denkst und fühlst, ein Teil der geistigen Welt; du bist jetzt in der geistigen Welt. Es ist etwas Ungeheueres, wenn man das Leben innerlich so eingerichtet hat, dass gerade dieses erlebt wird, indem man mit dem Ewigen seines Wesens lebt in der geistigen Welt drinnen, in der unsterblichen, in der ewigen Welt drinnen. Wenn das eingetreten ist, was ist denn das? Das ist eine Schicksalsfrage.

[ 64 ] It is the experience that now leads us up to the third level of knowledge, true intuitive knowledge. This third level of knowledge is a truly inner level of experience. Then the moment comes in life when you know: You have been completely transformed inwardly; you are now part of the spiritual world with what you think and feel; you are now in the spiritual world. It is something tremendous when you have arranged your life inwardly in such a way that you experience precisely this, by living with the eternal part of your being in the spiritual world, in the immortal, eternal world. When this has happened, what is it? It is a question of destiny.

[ 65 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man braucht nicht stumpf zu sein gegen das, was einem an Freud und Leid das Schicksal bringt. Man wird im Gegenteil empfindsamer gegen alles Glück und alles Leid, das den Menschen oft zerschmettern kann. Stumpf wird man nicht, braucht es nicht zu werden, man kann mit allem Menschlichen mitfühlen. Aber hat man wirklich die Erkenntnis so erfasst, wie ich eben geschildert habe, dann ist gegenüber allen äußeren Schicksalsfällen dieses, was einen überkommt mit der Erkenntnis, ein größtes, ein allergrößtes Schicksalserleben. Hat man das erlebt, dann hat man ein Schicksal erlebt, das Stück für Stück man selber herbeigeführt hat. Gleichsam hat man gedreht am Schicksalsrad, und hat geschen, wie es sich bewegt, indem man das innerlich erlebt, was sonst nur äußerlich ist.

[ 65 ] My dear friends, one need not be insensitive to the joys and sorrows that fate brings. On the contrary, one becomes more sensitive to all the happiness and suffering that can often shatter human beings. One does not become insensitive, one does not need to become insensitive, one can empathize with everything human. But if one has truly grasped the insight I have just described, then, in the face of all external events of fate, what comes over one with this insight is the greatest, the very greatest experience of fate. Once one has experienced this, one has experienced a fate that one has brought about piece by piece. It is as if you have turned the wheel of fate and seen how it moves by experiencing inwardly what is otherwise only outwardly visible.

[ 66 ] Und jetzt ist es so, es wird, wie wenn das Leben ein Traum wäre, wenn man es so erfüllt von Schicksal erlebt. Da kommt ein Schicksalsschlag, der wird als Glück empfunden, aber wir erleben ihn nur, indem wir ihn erleben. Das andere wird als Unglück erlebt. Es ist, wie wenn wir träumen: «Oh!», «Feuerio!» — und ein ganzes Bild abläuft; dann wachen wir auf, draußen fährt die Feuerwehr. Etwas anderes hat den Traum veranlasst. Wir erleben das Schicksal, aber die Ursache liegt in der geistigen Welt, so wie die Ursache des Traumes in der äußeren Welt liegt, im Vorüberfahren der Feuerwehr. So verläuft das Leben im Schicksal. Jetzt verspüren wir dasjenige, was da verläuft als der scheinbar durch Zufälligkeiten durchtränkte Schicksalsverlauf. Dieser menschliche Lebenslauf ist bestimmt aus der geistigen Welt heraus, nur wissen wir es nicht im gewöhnlichen Bewusstsein. Wir wissen es im schauenden Bewusstsein. Denn in der geistigen Welt ist wirklich alles planvoll.

[ 66 ] And now it is as if life were a dream when one experiences it so filled with fate. A stroke of fate comes along, which is perceived as good fortune, but we only experience it by experiencing it. The other is experienced as misfortune. It is as if we were dreaming: “Oh!”, “Fire!” — and a whole picture unfolds; then we wake up, and the fire department is driving by outside. Something else caused the dream. We experience fate, but the cause lies in the spiritual world, just as the cause of the dream lies in the outer world, in the passing of the fire department. This is how life unfolds in fate. Now we perceive what is happening as the course of fate, seemingly saturated with coincidences. This human life course is determined from the spiritual world, only we do not know it in our ordinary consciousness. We know it in our intuitive consciousness. For in the spiritual world, everything is truly planned.

[ 67 ] Da müssen wir aber zurückgehen nicht nur zu dem, wie unser Geistig-Seelisches in der geistigen Welt lebt, sondern da müssen wir zurückgehen zu den wiederholten Erdenleben. Denn dasjenige, was wir hier durchleben, es hängt zusammen auf eine geheimnisvolle, für das schauende Bewusstsein durchsichtig gewordene Weise mit dem früheren Erdenleben. Jedes Erdenleben ist wieder der Ausgangspunkt für das spätere Erdenleben. Das ist nicht etwa aus einer alten, indischen Lehre herübergekommen, der man nachplappert, sondern wahre Geisteswissenschaft führt dazu, anzuerkennen, dass das gesamte menschliche Leben besteht aus wiederholten Erdenleben und den dazwischenliegenden Zeiten, die in der geistigen Welt verbracht werden. Da erleben wir im Schicksal selber etwas, worin sich die geistige Welt ausspricht. Wir erleben das, was aus der geistigen Welt herauskommt, wie im Traume die äußere physische Welt hereinspielt in den Traum. Wir sehen den Zusammenhang des Schicksals gerade mit dem, wie wir am tiefsten in der geistigen Welt wurzeln.

[ 67 ] But here we must go back not only to how our spiritual soul lives in the spiritual world, but we must go back to the repeated earthly lives. For what we experience here is connected in a mysterious way, which has become transparent to clairvoyant consciousness, with our previous earthly life. Each earthly life is again the starting point for the later earthly life. This is not something that has been handed down from an ancient Indian teaching that is simply parroted, but true Spiritual Science leads us to recognize that the whole of human life consists of repeated earthly lives and the intervening periods spent in the spiritual world. There we experience in fate itself something in which the spiritual world expresses itself. We experience what what comes out of the spiritual world, just as in a dream the outer physical world plays into the dream. We see the connection of fate precisely with how deeply we are rooted in the spiritual world.

[ 68 ] Wie ist es denn mit diesem Schicksal? Ja, es erscheint oftmals so: Wir sind sechzehn Jahre alt, zwanzig Jahre alt; von allen Seiten kommen die Ereignisse an uns heran. Wir sagen, wir tun das oder jenes, weil dieses oder jenes Ereignis an uns herangekommen ist. Wir beachten dabei oftmals nicht — wir können es nicht beachten, weil wir es nicht mit dem schauenden Bewusstsein anblicken —, dass ein Drängen in uns ist, das uns zu dem hinführt, was wir erleben müssen, von dem wir betroffen werden. Würden wir genau zusehen, so würden wir sehen, wie in dem etwas liegt, was dann nur bestimmt werden kann, wenn die erste Handlung von uns getan wird. Aber das, was da in uns lebt wie geistiger Hunger und Durst, was uns schicksalsmäßig durch die Welt führt, und die Ereignisse zusammenträgt, die wir an uns heranziehen, das stammt aus früheren Erdenleben. Da geht ein großer Ausblick durch die Forschungen der Geisteswissenschaft, die durchaus wissenschaftlich sind in dem Sinne, wie nur irgendetwas Naturwissenschaftliches, die aber heute noch am Anfang stehen.

[ 68 ] What about this fate? Yes, it often appears like this: we are sixteen years old, twenty years old; events come at us from all sides. We say we do this or that because this or that event has come our way. We often do not notice — we cannot notice it because we do not look at it with our conscious awareness — that there is an urge within us that leads us to what we must experience, what affects us. If we were to look closely, we would see how there is something in it that can only be determined when we take the first action. But what lives within us like spiritual hunger and thirst, what leads us through the world as if by fate, and brings together the events that we attract to ourselves, originates from previous earthly lives. A great prospect opens up through the research of Spiritual Science, which is thoroughly scientific in the sense that anything scientific can be, but which is still in its infancy today.

[ 69 ] Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich die Dinge, die ich heute über Seelenunsterblichkeit, über Schicksalsfragen und menschlichen Lebenslauf gesagt habe, dass ich diese Dinge heute noch unvollkommen aussprechen muss; denn wir sind erst am Anfang dieser Geisteswissenschaft. Aber ich halte es in dieser Beziehung lieber mit Kepler als mit Tycho de Brahe. Geisteswissenschaft, so wie ich sie Ihnen heute wenigstens in einem gewissen Kapitel vorgetragen habe, muss eintreten in das moderne Geistesleben wie einstmals die Kepler’sche Weltanschauung. Denken Sie nur, die Menschen haben geglaubt, dass das Firmament über unsern Häuptern eine Grenze sei der Welt, die uns umgibt, in deren Mittelpunkt die Erde steht. Der Geistesforscher muss heute davon sprechen, dass, wie da draußen nicht das Firmament eine Grenze ist, so ist nicht der Anfang des Menschen bei der Geburt oder Empfängnis gelegen, sondern hinter dieser Geburt liegen geistige Unendlichkeiten; geistige Leben und auch physische Leben des Menschen. Und wiederum liegen geistige Unendlichkeiten jenseits des Todes. Tycho de Brahe ist gekommen, er kam so, wie heute viele Kritiker der Geisteswissenschaft kommen, und er hat eingewendet viel Scharfsinniges gegen Kopernikus. Er hat bewiesen, dass der Kopernikanismus nicht richtig sein kann. So können heute manche kommen, und recht scharfsinnig — allerdings heute weniger scharfsinnig als gehässig — darlegen, was Geisteswissenschaft alles noch Unvollkommenes hat. Kepler ging nicht so an den Kopernikanismus heran, indem er ihn widerlegte, sondern er machte aus den [Lücke] die Kopernikus hatte. [Lücke]

[ 69 ] I know, my dear audience, that what I have said today about the immortality of the soul, about questions of fate and the human life course, that I must still express these things imperfectly today; for we are only at the beginning of the Spiritual Science. But in this respect, I prefer to follow Kepler rather than Tycho Brahe. Spiritual Science, as I have presented it to you today, at least in a certain chapter, must enter into modern intellectual life as Kepler's worldview once did. Just think, people used to believe that the firmament above our heads was the boundary of the world that surrounds us, with the Earth at its center. Spiritual researchers today must speak of the fact that, just as the firmament is not a boundary out there, so the beginning of human life is not at birth or conception, but behind this birth lie spiritual infinities; spiritual life and also physical life of human beings. And again, spiritual infinities lie beyond death. Tycho Brahe came, he came as many critics of Spiritual Science come today, and he raised many astute objections to Copernicus. He proved that Copernicanism cannot be correct. So today, some may come and explain, quite astutely — though today less astutely than spitefully — all that is still imperfect in Spiritual Science. Kepler did not approach Copernicanism by refuting it, but by filling in the gaps that Copernicus had left.

[ 70 ] So glaube ich, dass das, was ich heute gesagt habe, in einer späteren Zeit vollkommener wird gesagt werden können. Aber dasjenige, was wir als gegenwärtigen Entwicklungspunkt der Menschheit ansehen müssen, das scheint Geisteswissenschaft mit aller Wesenskraft zu fordern. Deshalb muss sie in unser Geistesleben und in unsere Zeit — obzwar sich zu jeder Zeit der Mensch interessieren wird für die tiefsten Seelen- und Geistesrätsel —, sie muss in unsere Zeit eindringen, wo das Schicksal so furchtbar unter uns waltet. Da muss der Mensch ganz besonders seinen Blick hinwenden wollen zu dem, was diesem Leben, auch wenn es so schmerzdurchtränkt ist, so prüfungsreich ist, einen höheren Sinn gibt, was dieses Leben gleichsam hineinreißt in eine höhere Wirklichkeit, wie wir aufwachen aus dem Traume in die Welt der sinnlichen Wirklichkeit. Und indem wir von einem noch so schweren, schmerzlichen Schicksal hingerissen werden in die geistige Wirklichkeit, bei der sich uns die Unsterblichkeit enthüllt, unser Schicksal sich zeigt in seiner inneren Geordnetheit, da erhält das Menschenleben Sinn. Es wäre töricht, wenn jemand sagen wollte: Ja, nun willst du noch sagen, wir seien selber schuld an unserm Schicksal, wir haben die Schulden eines früheren Lebens abzutragen; du fügst zu dem Unglück auch noch die Schuld. So ist es nicht.

[ 70 ] So I believe that what I have said today will be said more perfectly in a later time. But what we must regard as the present point of development for humanity seems to be demanded by Spiritual Science with all its essential power. That is why it must penetrate our spiritual life and our time — even though people will always be interested in the deepest mysteries of the soul and spirit — it must penetrate our time, when fate reigns so terribly among us. People must be particularly willing to turn their gaze to what gives this life, even though it is so full of pain and trials, gives this life a higher meaning, which draws this life, as it were, into a higher reality, just as we awaken from a dream into the world of sensory reality. And when we are carried away by even the most difficult and painful fate into spiritual reality, where immortality is revealed to us and our fate is shown in its inner order, then human life takes on meaning. It would be foolish for anyone to say: Yes, now you want to say that we ourselves are to blame for our fate, that we have to pay off the debts of a previous life; you add guilt to misfortune. That is not the case.

[ 71 ] Wir werden eben durch das schauende Bewusstsein hineingeführt in die geistige Welt. Da erscheint dasjenige, was hier als Schuld und Sühne angesehen wird, in einem ganz anderen Lichte. Der Einwand wäre daher töricht. Stattdessen wäre es besser, am Schweren, Leidvollen zu begreifen, zu sehen, wo heute so mancher in Leid steht, wie das Leid der Ausgangspunkt ist für dasjenige, was wir in einem folgenden Erdenleben zu tun in der Lage sein werden. Denn kein Unglück wird es geben, das nicht zu menschlicher Größe Ursache wird. Das Unglückserleben, es ist schwer in der Zeit, wo wir es erleben, wir können, indem wir im Unglück stecken, dieses Unglück in seiner wahren Wirklichkeit nicht überschauen, wie wir im Traume von der wahren Wirklichkeit nichts wissen. Aber es gibt eine Möglichkeit sich darüberzustellen, den kurzsichtigen Blick zu erweitern, Sinn hineinzubringen in Glück und Unglück. Und vielleicht, wenn auch zu jeder Zeit ein Selbstverständliches für den Menschen sein muss, den Blick nach den Seelenrätseln zu wenden, vielleicht darf von unserer Zeit erwartet werden, vielleicht wird es einstmals von unserer Zeit die Geschichte verzeichnen können, dass den Menschen, die jetzt so vieles erleben in einer kurzen Zeit, was man vielleicht wachend nur durch lange Jahrzehnte erleben könnte, dass diesen Menschen ein tieferes Bedürfnis auch aufreißt in dieser schweren, schicksaltragenden Zeit gegenüber solchen Fragen, wie diejenigen, die wir am heutigen Abend berührt haben.

[ 71 ] It is precisely through contemplative consciousness that we are led into the spiritual world. There, what is regarded here as guilt and atonement appears in a completely different light. The objection would therefore be foolish. Instead, it would be better to understand the difficult and painful aspects, to see where so many people are suffering today, how suffering is the starting point for what we will be able to do in a subsequent earthly life. For there will be no misfortune that does not become a cause for human greatness. The experience of misfortune is difficult at the time when we experience it; when we are caught up in misfortune, we cannot see this misfortune in its true reality, just as we know nothing of true reality in a dream. But there is a way to rise above it, to broaden our short-sighted view, to bring meaning to happiness and misfortune. And perhaps, even if it must always be a matter of course for human beings to turn their gaze to the mysteries of the soul, perhaps we can expect from our time, perhaps history will one day record that our time, that the people who are now experiencing so much in such a short time, things that one might otherwise only experience over many long decades, that these people also have a deeper need in these difficult, fateful times to address questions such as those we have touched on this evening.

[ 72 ] Und ich darf am Schlusse nach diesen meinen Ausführungen meine besondere Überzeugung aussprechen in ein paar Worten, die beruht nicht in einem Gefühl, sondern auf etwas, was ich glaube, erkannt zu haben.

[ 72 ] And in conclusion, after these remarks, I would like to express my particular conviction in a few words, which is based not on a feeling, but on something I believe I have recognized.

[ 73 ] Ich sagte, vor mehr als 36 Jahren habe ich die ersten Bausteine gelegt zu dem, woran ich durch Jahrzehnte gearbeitet habe, um es in eine verständnismögliche Form zu bringen bis heute. Als ich damals zwanzig- oder zweiundzwanzigjährig etwa einen ersten Aufsatz schreiben und drucken lassen konnte, da war es, dass ich in diesem Aufsatz nicht nur Gefühlsüberzeugungen aussprach, sondern solche Überzeugungen, die hervorgingen aus der Betrachtung des deutschen Geisteslebens; solche Überzeugung, dass insbesondere diejenigen Geistes- und Schauenskräfte, die in den tiefsten Quellen des deutschen Lebens begründet sind, dass die insbesondere geeignet sind, die Menschheit hinzuführen zu demjenigen Schauen, das in einer wahren, echten Weise die geistige Welt erschließt. Kein Volk soll in seinen Eigenschaften herabgesetzt werden; jedes Volk muss das Seinige beitragen zur Entwicklungsmöglichkeit der Menschheit. Aber die verschiedenen Völker haben verschiedene Fähigkeiten. Und schaue ich auf die tiefsten Quellen des deutschen Wesens hin, so scheint es mir, wenn dieser tiefste Klang, die tiefste Erkenntnisschnsucht auch verschüttet ist heute, dass diese Erkenntnissehnsucht des deutschen Wesens doch wie die Vorbereitung ist zu dem, was hier Geisteswissenschaft genannt wird.

[ 73 ] I said that more than 36 years ago, I laid the first building blocks for what I have been working on for decades to bring it into a form that can be understood today. When I was about twenty or twenty-two years old and was able to write and publish my first essay, it was in this essay that I expressed not only emotional convictions, but convictions that arose from the observation of German intellectual life; the conviction that, in particular, those powers of spirit and vision that are rooted in the deepest sources of German life are especially suited to leading humanity to that vision which opens up the spiritual world in a true and genuine way. No people should be disparaged for their characteristics; every people must contribute what is theirs to the development of humanity. But different peoples have different abilities. And when I look at the deepest sources of the German character, it seems to me even if this deepest sound, this deepest thirst for knowledge, is buried today, this thirst for knowledge of the German spirit is nevertheless like a preparation for what is called Spiritual Science here.

[ 74 ] Das scheint mir in den tiefsten Quellen des deutschen Geisteslebens zu liegen. Hat doch auch der Deutsche Lessing aus anderen Quellen hervorgeholt die Lehre von den wiederholten Erdenleben aus anderen Quellen als das Morgenland, das sie hervorgebracht hat aus einem mystischen Bewusstsein, aus anderen Quellen als aus dem Egoistischen der Persönlichkeit, des Persönlichkeitsbedürfnisses. Lessing betrachtete die Entwicklung der Menschheit, die ihm eine Erziehung der Menschheit durch den göttlichen Schöpferplan ist. Und Sie finden bei Lessing, dass man denken muss, wenn man geschichtlich denkt unter einer göttlichen Erziehungsführung, dass man die Menschenleben wiederholt denken muss. Denn dasjenige, was aus vergangenen Zeiten in die Zukunft hineinlebt, es lebt nur dadurch, dass die Menschenseele selber das Vergangene in die Zukunft hineinträgt. Vor diesem Blicke Lessings verstummt alles, was von selbst noch so feinsinnigem Standpunkte aus über geschichtliche Entwicklung gesagt wird.

[ 74 ] This seems to me to lie in the deepest sources of German spiritual life. After all, the German Lessing also drew the doctrine of repeated earthly lives from sources other than the Orient, which produced it from a mystical consciousness, from sources other than the egoism of personality, of the needs of personality. Lessing regarded the development of humanity as an education of humanity through the divine plan of the Creator. And you will find in Lessing that, if you think historically under divine guidance, you must think of human life as repeated. For that which lives on from past times into the future lives on only because the human soul itself carries the past into the future. In light of Lessing's view, everything that is said about historical development, even from the most subtle point of view, falls silent.

[ 75 ] Wenn zum Beispiel gesagt wird: Nun, wenn die Seelen sich erst im zwanzigsten Jahrhundert nach Christus entwickeln sollen, wie kommen diejenigen, die im zweiten, dritten Jahrhundert gelebt haben, dazu, so viel unvollkommener gewesen zu sein? Und endlich, vom christlichen Standpunkte aus: Wie kommen diejenigen Seelen dazu, vor dem Mysterium von Golgatha nicht die Gnade gehabt zu haben, dass der Christus auf die Erde gekommen [ist], gegenüber denjenigen, die nach dem Mysterium von Golgatha gelebt haben? So spricht man im Lessing’schen Sinne von den wiederholten Erdenleben und Geisteswissenschaft sagt wissenschaftlich, was Lessing geahnt hat: Wenn der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt, dann macht das nichts. Denn dieselben Seelen durchziehen die verschiedenen Epochen und tragen selbst dasjenige, was immer wieder erscheint in die Epochen hinüber. Die gleichen Seelen haben immer wieder gelebt.

[ 75 ] When it is said, for example: Well, if souls are only to develop in the twentieth century after Christ, how is it that those who lived in the second and third centuries were so much more imperfect? And finally, from the Christian point of view: How is it that those souls did not have the grace of Christ coming to earth before the Mystery of Golgotha, compared to those who lived after the Mystery of Golgotha? Thus, in Lessing's sense, one speaks of repeated earthly lives, and Spiritual Science says scientifically what Lessing suspected: if human beings live in repeated earthly lives, it does not matter. For the same souls pass through the different epochs and carry with them what appears again and again in the epochs. The same souls have lived again and again.

[ 76 ] Das, was das indische Bewusstsein aus chaotischem Traumbewusstsein des Eigenlebens hervorgeholt hat, Lessing hat es hervorgeholt aus den Betrachtungen des göttlichen Erziehungsplanes. Das war abendländisches Geistesleben. Und es setzte sich so fort, dass im neunzehnten Jahrhundert bedeutende Geister — wenn sie auch heute vergessen sind, sie werden einstmals schon zu den berühmtesten des neunzehnten Jahrhunderts gehören — wie Troxler sagen konnten: Ja, wir betrachten den Menschen zunächst so, wie wir ihn äußerlich anschauen. Wenn wir ihn aber — er sagte statt «schauendem Bewusstsein» «übersinnlicher Geist», «übergeistiger Sinn» —, wenn wir den Menschen ansehen mit übersinnlichem Geiste und mit übergeistigem Sinn, so steigt man auf von der bloßen Anthropologie zur Anthroposophie.

[ 76 ] What Indian consciousness has brought forth from the chaotic dream consciousness of its own life, Lessing has brought forth from his contemplations of the divine plan of education. That was Western intellectual life. And it continued in such a way that in the nineteenth century, important minds — even if they are forgotten today, they will one day be among the most famous of the nineteenth century — such as Troxler could say: Yes, we initially view human beings as we see them externally. But when we — he said “supersensible spirit” and “super-spiritual sense” instead of “seeing consciousness” — when we look at human beings with a supersensible spirit and a super-spiritual sense, we rise from mere anthropology to anthroposophy.

[ 77 ] Und Fichte, der Sohn, sagte: «Wenn wir dasjenige betrachten, was übersinnlich ist» — er kommt nur als Hypothese dazu —, «aber das schauende Bewusstsein kommt als einer geistigen Wirklichkeit dazu, wenn wir dieses Übersinnliche betrachten» — sagt Fichte —, «so ist das Tot-Sein nichts anderes als ein Anderssein der Seele, die nun in einer anderen Umgebung lebt, und sich die Bedingungen ihres erneuerten Bewusstseins daraus gewinnt.» «Und so» — sagt auch wiederum wörtlich Immanuel Hermann Fichte —, «so steigt die Anthropologie zur Anthroposophie auf.»

[ 77 ] And Fichte, the son, said: “When we consider that which is supersensible” — he only comes to this as a hypothesis — “but contemplative consciousness comes as a spiritual reality when we consider this supersensible” — says Fichte —, “then being dead is nothing other than the soul being different, now living in a different environment and gaining the conditions of its renewed consciousness from it.” “And so” — says Immanuel Hermann Fichte again, verbatim —, “anthropology rises to anthroposophy.”

[ 78 ] Troxler spricht von der Anthroposophie im Jahre 1827, Immanuel Hermann Fichte im Jahre 1847. Wir sprechen heute von Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, weil wir uns bewusst sind, dass wir damit geradeheraus arbeiten aus den besten und echten Quellen des deutschen Geisteslebens; jenes deutschen Geisteslebens, von dem ich eben meinte, als ich jenen kurzen Aufsatz damals schrieb, dass wir aus ihm wiederum herausarbeiten müssen.

[ 78 ] Troxler speaks of anthroposophy in 1827, Immanuel Hermann Fichte in 1847. Today we speak of Spiritual Science or anthroposophy because we are aware that we are working directly from the best and most authentic sources of German spiritual life; that German spiritual life which I meant when I wrote that short essay at the time, that we must work from it again.

[ 79 ] Bedenken Sie, wir haben vom Westen den Darwinismus übernommen. Goethe hat seinen Inhalt viel bedeutender und größer schon gegeben. Und wenn wir hinübernehmen den Darwinismus vom Engländertum, so müssen wir ihn durchdringen in Goethe’scher, in deutscher Weise mit dem, was die deutsche Spiritualität aus ihrer Volkheit heraus erarbeiten kann. Wir müssen ablehnen dasjenige, was man so herübergenommen hat; nicht weil wir andere Völker und ihre Gaben verachten, sondern weil wir aus dem starken Quell der deutschen Volkheit selber herausarbeiten müssen. Daher hat es mich gefreut, bei Eduard von Hartmann, der so manches Bedeutsame geäußert hat, die Bemerkung zu finden, «dass selbst die moderne Physik, wenn sie sich nur bewusst wird, welche agnostischen und abstrakten Irrwege sie eingeschlagen hat, und wenn sie sich davon abwendet, dann wird selbst die Physik der Anglomanie den Rücken kehren und der deutsche Geist wird sich auf sich selbst besinnen. Dann aber wird sich auch so etwas erfüllen, was der Novalis’schen Bemerkung entspricht, der Geisteswissenschaft ahnte, und der da sagt: «Wir werden erst wirkliche Physiker werden, wenn wir einen imaginativen Stoff und Kraft dem materiellen Stoff und Kraft zugrunde legen.»

[ 79 ] Consider that we have adopted Darwinism from the West. Goethe has already given its content in a much more significant and greater way. And when we adopt Darwinism from England, we must permeate it in a Goethean, German way with what German spirituality can develop from its own people. We must reject what has been adopted in this way, not because we despise other peoples and their gifts, but because we must work from the strong source of German folk culture itself. That is why I was pleased to find in Eduard von Hartmann, who has expressed many significant things, that "even modern physics, if it only becomes aware of the agnostic and abstract wrong turns it has taken, and if it turns away from them, then even physics will turn its back on Anglomania and the German spirit will reflect on itself. But then something will also come true that corresponds to Novalis' remark, which anticipated Spiritual Science and which says: “We will only become real physicists when we base material substance and force on imaginative substance and force.”

[ 80 ] Es war etwas Großes von Novalis, damals schon davon zu sprechen. Denn in der Imagination kommen wir erst heran zu dem, was das Geistig-Ätherische ist, was allem Physischen als das Übersinnliche zugrunde liegt. Nicht will ich behaupten, dass der deutsche Geist nur durch Geisteswissenschaft etwa sich stark wissen könnte und alles durch Geisteswissenschaft tun könnte. Das, was ich hier sage, möchte nur in dem Sinne gesagt sein, wie man etwa sagt: «An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen.» Es sind Wurzeln des deutschen Geisteslebens vorhanden, aus denen als eines der Symptome, dieses echt-geistgemäße Erfassen der Wirklichkeit kommt. Aus diesen Quellen des deutschen Geisteslebens spricht heraus derjenige, der nicht aus bloßem Gefühl, sondern aus tiefster Erkenntnis heraus und aus dem vollständigen schicksalsmäßigen Verbundensein mit dem deutschen Volksgeiste nicht nur fühlt, sondern erkennt, was in den Quellen des deutschen Volkstums wurzelt. Er darf in dieser schicksaltragenden Zeit sagen:

[ 80 ] It was something great of Novalis to speak of this even then. For it is only in the imagination that we can approach what is spiritual and ethereal, what underlies all physical things as the supersensible. I do not want to claim that the German spirit could only know itself to be strong through Spiritual Science, for example, and could do everything through Spiritual Science. What I am saying here should only be understood in the sense of saying, for example, “By their fruits ye shall know them.” There are roots of German spiritual life from which, as one of the symptoms, this genuine spiritual grasp of reality arises. From these sources of German spiritual life speaks the one who, not out of mere feeling, but out of deepest insight and out of a complete fateful connection with the German national spirit, not only feels but also recognizes what is rooted in the sources of German folklore. In this fateful time, he may say:

[ 81 ] Wie auch die Feinde von allen Seiten her dräuen mögen — nicht vom äußeren Dräuen sei hier die Rede, sondern davon, wie verkannt und verleumdet und verunglimpft wird dieses deutsche Wesen in unserer heutigen Zeit —, gegenüber dem darf etwas verändert erinnert werden an dasjenige, was Johann Gottlieb Fichte sagte, als in schicksalsschwerer Zeit er zu den Deutschen sprach von ihren eigenen Kräften, von ihrem Wesensquell, als er nicht sprach in Formen, die andere Völker herabwürdigen sollten, sondern als er sprach von dem, was das deutsche Volk in eigener Weise emporheben sollte, als er zurief dem deutschen Volke: So obliegt ihr, zu vollbringen, was, wenn es nicht vollbracht wird, die ganze Welt nicht hätte, nicht bloß das deutsche Volk nicht hätte.

[ 81 ] No matter how threatening the enemies may be on all sides — we are not talking here about external threats, but about how misunderstood, slandered, and denigrated this German essence is in our time — something must be changed in response to this, reminiscent of what Johann Gottlieb Fichte said when, in a fateful time, he spoke to the Germans about their own strengths, about the source of their essence, when he did not speak in ways that were intended to disparage other peoples, but when he spoke of what should elevate the German people in their own way, when he called out to the German people: It is your responsibility to accomplish what, if it is not accomplished, the whole world would not have, not just the German people.

[ 82 ] So dürfen wir auch heute sagen: Wenn es gelingen sollte, was niemals gelingen darf, dass Schaden zufügen könnten aus ihren kurzsichtigen Anschauungen heraus, die das deutsche Volk umgebenden Feinde dem tiefsten Wesen des deutschen Volkes, dann hätte nicht das deutsche Volk allein dies zu beklagen, sondern die ganze Menschheit. Denn — und damit lassen Sie mich schließen —, indem ich aus dem Erfühlen dieser unserer schicksaltragenden Zeit empfindungsgemäß zusammenfasse dasjenige, was wie durchdrungen hat die Betrachtungsweise des heutigen Abends von dieser Seite her: Könnte sich dasjenige nicht verwirklichen, was in den tiefsten Quellen des deutschen Volkstums verborgen ist, was am schönsten sich bisher gezeigt hat in dem spirituellen Erkenntnisstrom des deutschen Volkes, dann hätte nicht nur das deutsche Volk sein Teuerstes verloren, dann hätte vieles von ihrem Teuersten die Menschheit in ihrer ganzen Entwicklung verloren, und das scheint nimmermehr sein zu dürfen.

[ 82 ] So we can also say today: If what must never succeed were to succeed, if the enemies surrounding the German people were to harm the deepest essence of the German people out of their short-sighted views, then it would not be the German people alone who would have cause to lament, but all of humanity. For — and let me conclude with this —, summarizing from my feelings about our fateful times what has permeated this evening's discussion from this perspective: If what is hidden in the deepest sources of German culture, which has so far manifested itself most beautifully in the spiritual stream of knowledge of the German people, then not only would the German people have lost what is most dear to them, but humanity as a whole would have lost much of what is most dear to it in its entire development, and that must never be allowed to happen.