Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a
21 May 1917, Munich
Seelenrätsel und Weltenrätsel. Forschung und Anschauung im Deutschen Geistesleben
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wie ich mir erlaubte, im vorigen Vortrag zu sagen, wird heute mein Bestreben sein, die damals berührten Fragen über das menschliche Seelenleben und seinen Zusammenhang mit Welträtseln weiter auszuführen; doch werde ich trachten, es dahin zu bringen, dass auch der heutige Vortrag gewissermaßen aus sich selbst verständlich sein kann.
[ 2 ] Nach einer andern Richtung aber, sehr verehrte Anwesende, werde ich Sie heute gerade um Entschuldigung zu bitten haben, denn das, was ich vorzutragen gedenke, ist eine Zusammenfassung mehr von Ergebnissen als von einzelnen Entwicklungen, von Ergebnissen eines langen geistigen Forschungsweges; und ich werde zu verweisen haben auf die einzelnen Etappen zu diesem Forschungsweg und zu diesen Ergebnissen, die in meinen verschiedenen Schriften verzeichnet sind. Doch aber, trotzdem — verzeihen Sie auch heute diesen persönlichen Ausgangspunkt —, trotzdem die allerersten Keime von mir gelegt worden sind zu diesem Forschungsweg, wie er mir erscheint, vor jetzt reichlich Jahren, war durch diese ganze jahrzehntelange Zeit mein Bestreben auf der einen Seite durch das, was ich hier oftmals als Geistesforschung bezeichnet habe, immer wieder und wiederum auf die entsprechenden Fragen und Rätsel zurückzukommen, sie nach allen Seiten zu durchdringen, so, wie auf geistesforscherischem Wege dies eben geschehen kann. Wenn ich also von Ergebnissen sprechen werde, so sind diese gefunden [worden] auf dem hier oftmals durch Jahre hindurch besprochenen geistesforscherischem Weg.
[ 3 ] Nach der anderen Seite aber war etwas anderes fortdauernd durch diese Jahrzehnte hindurch mein Bestreben, das ist, die verschiedenen Fäden, die Gedankenfäden, die Vorstellungsfäden zu ziehen nach der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung, nach dem, was ich oftmals hier genannt habe aus ehrlicher Überzeugung heraus, die bewunderungswürdigen Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung der neueren Zeit. Und gerade mit Bezug darauf werde ich mir heute gestatten, einige Bemerkungen zu machen; denn gerade mit Bezug darauf hat sich mir ein Eigentümliches ergeben. Auf der einen Seite schien mir nichts selbstverständlicher, als dass die Ergebnisse, zu denen die von mir gemeinte Geistesforschung in Bezug auf Seelen- und Weltfragen des Menschen kommt, überall belegt, bestätigt werden durch das, was heute naturwissenschaftliche Errungenschaften sind. Überall, nicht nur in der Naturwissenschaft der Gegenwart, auf den verschiedensten Gebieten findet sich nicht nur kein Widerspruch — das würde noch nicht einmal viel besagen —, sondern überall Bestätigung, Belege der geisteswissenschaftlichen Forschung durch das, was heute uns naturwissenschaftlich vorliegt.
[ 4 ] Und doch wiederum überall, sehr verehrte Anwesende, vonseiten derer, die da glauben, fest auf dem Boden dieser neueren Naturwissenschaft zu stehen, überall Widerspruch über Widerspruch, Ablehnung über Ablehnung, indem man die geisteswissenschaftliche Forschung, wie ich sie hier meine, als eine Summe von Phantastereien, von willkürlich aufgestellten Gedankengespinsten oder Phantasiegebilden hinstellen möchte. Nun für denjenigen, der in der Sache völlige drinnensteht, ist das, was ich gesagt habe, allerdings nicht verwunderlich, wohl aber muss zunächst gerade das eben Angedeutete verwunderlich sein für unsere heutigen Zeitgenossen.
[ 5 ] Mir selbst, sehr verehrte Anwesende, erscheint aber oftmals gerade an denjenigen Stellen, wo die Naturwissenschaft sich am allermeisten wehrt gegen das, was hier geisteswissenschaftlich vorgebracht werden soll, der beste Beweis von dieser naturwissenschaftlichen Richtung herzukommen. Nur einleitungsweise möchte ich gerade von diesem Gedanken heute ausgehen. Auch auf dem Gebiete, welches feststellen will die Beziehungen des seelischen Lebens zur leiblichen Organisation des Menschen und zu dem leiblichen Erleben, hat, wie ich schon angedeutet habe, die Naturwissenschaft bedeutungsvolle, gewissenhafte Ergebnisse zutage gefördert. Die Art, wie diese Ergebnisse gedacht, für die Erkenntnisse verwertet werden, das ist gerade dabei das Bezeichnende, das Eigentümliche, dass /Lücke] auf einen anderen Forschungsweg bringen müsste, als der oft so gewöhnliche heute ist.
[ 6 ] Ich werde gerade bei diesem Ausgangspunkt heute Dinge vorzubringen haben, die, obzwar sie gerade recht aufgebaut sind auf naturwissenschaftlicher Forschung der Gegenwart, allem zu widersprechen scheinen, was von gewisser, scheinbar naturwissenschaftlich denkender Seite her behauptet wird; und auch da werde ich um Entschuldigung bitten müssen, weil durch diese Tatsachen eine große Anzahl von Gedanken paradox, höchst sonderbar werden erscheinen müssen. Ausgehen aber will ich davon, dass wir ja eine schon hervorragende Literatur haben, die gerade von naturwissenschaftlich Denkenden herrührt und sich damit beschäftigt, das menschliche Seelenleben in Beziehung zu bringen zum menschlichen Leibesleben. Ich könnte Dutzende und Dutzende Erzeugnisse aus dieser Literatur anführen, ich will eines herausgreifen, das wirklich gediegen ist, bedeutsam ist, aber das auch charakteristisch ist, ich will herausgreifen die physiologische Psychologie, die naturwissenschaftliche Seelenlehre Theodor Ziehens, ein ausgezeichnetes auch von seinem Standpunkt aus.
[ 7 ] Um zu sagen, was ich da sagen möchte, muss ich voraussetzen, dass ja erfahrungsgemäß dem gewöhnlichen Seelenerfahren nach wir uns vorstellen müssen, dass unser auf- und abflutendes Seelenleben, wie wir es alltäglich in Bewegung bringen zwischen Aufwachen und Einschlafen, wie wir mit ihm unsere Tage verbringen. Aber auch unsere gewöhnliche Wissenschaft begründet, dass dieses ganze auf- und abflutende Seelenleben rein erfahrungsgemäß zerfällt in das Vorstellungsleben, das mit dem Wahrnehmungsleben zusammenhängt, in das Gefühlsleben und das Willensleben. Jeder, der nur ein wenig Selbsterkenntnis zu üben in der Lage ist, wird nicht ableugnen die Bedeutung dieser Gliederung des Seelenlebens in Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben.
[ 8 ] Nun ist das Eigentümliche, dass ganz in dem Sinn, wie es überhaupt ein zum naturwissenschaftlichen Denken heute angelegter Mann macht, Theodor Ziehen sich fragt: Wie steht das Seelenleben, dieses Auf- und Abfluten, in Beziehung zu dem Leibesleben? Und da ist es geradezu Gebrauch geworden, ein Gebrauch, der auf verantwortungsvolle Methodik aufgebaut ist, nur zu suchen die Beziehung des menschlichen Seelenlebens zum Sinnesleben und dessen Fortsetzung nach innen, zum Nervensystem. Und in dieser Beziehung wird Wunderbares geleistet und eine schöne Probe ist in diesem Buch zu finden, aber auch das, was gerade für diese Leistungen charakteristisch ist.
[ 9 ] Man fragt also: Was geschieht eigentlich in diesem wunderbaren Bau des menschlichen Gehirns, in den Sinnesorganen; was im übrigen Nervenleben, wenn seelische Erscheinungen abfließen? Man sondert gewissermaßen aus der Gesamtorganisation das Nervenleben heraus, wenn man will die Beziehung finden zwischen dem Seelenleben und der menschlichen Leibesorganisation. Nun tritt das Eigentümliche ein, dass Theodor Ziehen mit großem Scharfsinn in schöner Weise die Beziehung findet zwischen dem Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben und dem Nervenleben des Menschen, das er verfolgt gewissermaßen. Was geschieht da in diesem menschlichen Organismus, während der Mensch wahrnimmt, die Wahrnehmungen zu Vorstellungen verarbeitet, während sich Vorstellung an Vorstellung gliedert, während eine Idee aufsteigt, eine hinabgetauchte Vorstellung als Erinnerung heraufkommt? Für all dieses sucht Theodor Ziehen körperliche Vorgänge und man muss schon durchaus dilettantisch sein, wenn man die Bedeutung eines solchen Forschers etwa als materialistisch verketzern wollte; denn dieser Zweig der Forschung hat eine tiefe Berechtigung, und das zeigt uns gerade in wunderbarer Weise, wie menschliche Leibesorganisation Bedingung ist für das gewöhnliche Vorstellungsleben.
[ 10 ] Nun aber fragt sich Theodor Ziehen: Ja, da redet man ja auch noch — sagt er — vom Gefühlsleben. Dieses Gefühlsleben, das lässt sich gerade, weil er ein chrlicher Forscher ist, weil er auf strenger Methode fußt, für ihn nicht unterbringen in den Vorgängen, die er in der Nerven-Leibes-Organisation aufzeigt. Das Gefühlsleben, das kann nicht in derselben Weise wie das Vorstellungsleben ein Gegenstück finden im Nervenleben, ein körperliches Gegenstück. Was tut daher Theodor Ziehen? Theodor Ziehen schaltet gewissermaßen vom menschlichen Seelenleben das Gefühlsleben als selbstständiges Element ganz aus. Nun, trotzdem ein Mensch mit gesundem Seelenleben sich sagen muss: Ebenso bedeutsam wie das Vorstellungsleben ist, ist das, was uns als Gefühlserlebnisse durch die Seele flutet, und selbstständig ist dieses Leben in den Gefühlserfahrungen. Trotzdem, Theodor Ziehen sieht sich genötigt — weil er nicht in derselben Weise ein Gegenstück finden kann für das Gefühlsleben im Nervenleben wie [das] Vorstellungsleben —, zu sagen: Gefühle sind eigentlich nichts Selbstständiges im menschlichen Seelenleben. Was man Gefühle nennt, ist eigentlich nur eine gewisse Betonung des Vorstellungslebens. Eine Vorstellung ist so, die andere so gefühlsmäßig betont; der einen haftet die Betonung an des Sympathischen, der anderen des Antipathischen und so weiter.
[ 11 ] Daher spricht Theodor Ziehen nicht von Gefühlen, sondern von dem Gefühlston der Vorstellungen. Dadurch gelangt er dazu, ein solches körperliches Gegenstück zum Gefühlsleben nicht zu brauchen, wie er das für das Vorstellungsleben mit Recht findet. In den Vorstellungen, die in der Seele ablaufen, vollzichen sich Nervenprozesse; aber je nachdem diese Vorstellungen betont sind, vollziehen sich diese Nervenprozesse so oder so und wir haben kein selbstständiges Gefühlsleben, sondern lediglich — im Sinne von Theodor Ziehen — die Gefühle als Betonungen des Vorstellungslebens. Da haben wir beim Gefühlsleben die eigentümliche Erscheinung, dass gerade der strenge Forscher halb die Gefühle ausscheidet, sie zu einem bloß Eigenschaftlichen des Vorstellungslebens machen muss, weil er nach seiner gerade strengen Methode nichts finden kann, was körperlich in demselben Sinne entsprechen würde dem Gefühlsleben wie die Nerven den Vorstellungsleben. Noch charakteristischer wird die Sache bei Theodor Ziehen in Bezug auf das Willensleben. Für das Gefühlsleben findet er wenigstens noch, die Gefühle seien Betonungen des Vorstellungslebens; für die Willensimpulse findet er nun gar nichts mehr, sie sind nicht unterzubringen, gerade der strengen Forschung gegenüber. Der Wille ist also nicht unterzubringen in der Leibesorganisation nach dieser naturwissenschaftlichen Methode.
[ 12 ] Wohlwollend sagt man dann oftmals: Nun ja, da es ein naturwissenschaftliches Korrelat nicht gibt für das Willensleben, so überlässt man die Spekulation über den Willen den Metaphysikern und Philosophen, indes man dabei andeutet: Das sind so Herren, so Persönlichkeiten, welche geneigt sind, alles Mögliche in die Welt hineinzuträumen, was eine ernste Naturforschung eigentlich nichts angeht. Gerade wenn man anerkennt, voller Anerkennung ist über diese naturwissenschaftliche Methode, dann drängt einen diese Methode selber zu etwas ganz, ganz anderem, und gerade aus der Geistesforschung heraus erschien mir notwendig, dahinterzukommen, worauf eigentlich das beruht, dass im Verfolgen der menschlichen Seelenrätsel der strenge Naturforscher halb die Gefühle und ganz den Willen wegeskamotieren muss.
[ 13 ] Das, was ich jetzt sagen werde, ist wirklich nicht leichtsinnig hingesprochen, sondern mit geisteswissenschaftlichen Methoden gefunden. Und es ist geprüft wirklich im Laufe der Jahrzehnte und erst in diesem Winter von mir zu einem gewissen vorläufigen Abschluss gebracht. Es nimmt sich heute noch überraschend aus, aber wenn es mir gegönnt sein sollte, ein ausführliches Buch darüber zu schreiben, so wird man sehen, dass — was auf der einen Seite gefunden ist von Naturwissenschaft durch Verfolgen von Physik, Biologie, Physiologie und so weiter aufgrund der allereingehendsten naturwissenschaftlichen Ergebnisse belegt —, bewiesen werden kann; und dass die Naturwissenschaft nicht Grund hat sich gegen diese Sache zu wenden, sondern dass sie es ist, die sich zu diesen Dingen hinwenden muss, wenn sie sich richtig versteht. Es stellte sich mir heraus, dass gerade auf diesen Gebiet eine richtige Stellung der Fragen, eine richtige Formulierung des Rätsels, ungeheuer weit schon führt, und so sagte ich mir zunächst: Woher rührt denn diese offenbare Einseitigkeit bei so jemandem wie Theodor Ziehen? Ich könnte auch anderes anführen.
[ 14 ] Da stellte sich denn heraus, sehr verehrte Anwesende, dass die hier angeführte Forschung der heutigen Naturwissenschaft im Wesentlichen nach einer bestimmten Richtung hin sich selber zur Einseitigkeit verurteilt dadurch, dass sie das menschliche Seelenleben in Beziehung einzig und allein bringt zu einem Teil, zu einem Glied des menschlichen Lebens, nämlich zum Sinnes- und Nervenleben. Dann liegt aber, wenn man nur die richtige Vorstellung bei solcher Fragestellung hat, schon das darinnen, dass man auf einen anderen Weg geführt wird. Man fragt sich nämlich dann: Sollte denn nicht dieses menschliche Seelenleben nicht bloß einseitige Beziehungen haben zum Nervenleben, sondern sollte es nicht vielleicht Beziehungen haben als ganze Seele zum ganzen menschlichen Leibeswesen? Muss man nicht vielleicht die Seele nicht nur in Beziehung bringen zum Nervenleben, sondern die ganze Seele nach Vorstellen, Fühlen und Wollen in Beziehung bringen zum ganzen Leibesleben?
[ 15 ] Da stellte sich mir denn — und das sind wirklich nicht Einfälle, nicht leicht geschürzte Gedanken —, da stellte sich mir nach eingehender Berücksichtigung aller naturwissenschaftlichen Ergebnisse, die infrage kommen, heraus, dass das, was allerdings nicht auf naturwissenschaftlichem Wege von mir gefunden ist, sondern auf geistesforscherischem Wege, dass das nach allen Seiten hin bewiesen werden kann. Das Vorstellungsleben, das Wahrnehmungsleben hat allerdings eine solche Beziehung zu dem Nervenleben des Menschen und zum Sinnesleben, wie es von der Naturwissenschaft ausgebaut wird. Und auf diesem Gebiet des Vorstellungslebens ist schon viel getan worden. Und wenn verständig, vorurteilsfrei die entsprechende Bahn verfolgt wird, so wird auf diesem Wege Bedeutsamstes noch geleistet werden; und manches Seelenrätsel, das heute noch Naturforschern dunkel sein muss, das wird sich aufhellen, sodass es übereinstimmt mit den Ergebnissen der Geistesforschung. Für das Vorstellungleben also haben wir einen sehr schönen Unterbau in der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Richtung; für das Gefühlsleben so wenig, dass ein ernster Forscher das Gefühlsleben halb ableugnen muss.
[ 16 ] Nun findet man, wenn man so vorgeht, dass dieses Gefühlsleben des Menschen ebenso einen direkten Bezug hat zu all dem, was wir in Menschen bezeichnen können als Atmungsleben, als Atmungsrhythmus, wie das Vorstellungsleben so [zu] den Sinnesorganen und zum Nervensystem. Dieselben Wege, die man einschlägt vom Vorstellungsleben zum Nervenleben direkt, wird man einzuschlagen haben vom Gefühlsleben zum Rhythmus des Atmungsprozesses. Alles das, was Gefühlsleben ist, findet sein leibliches Gegenstück ganz genau so unmittelbar in Atmungsleben wie alles Vorstellungsmäßige sein körperliches Gegenstück im Nervenleben findet. Wenn einmal diese Wahrheit — nicht will ich sagen — anerkannt wird, das wird sie schon, sondern wenn sie so wird angenommen sein, dass man sie ernstlich verfolgt, so wird das für die Wissenschaft ganz unabsehbare Folgen haben.
[ 17 ] Nun habe ich, als ich das letzte Mal hier sprach, betont, dass gerade der Geistesforscher darauf sehen muss, nicht nur das, was für seine Behauptungen spricht, redlich zu erwägen und dann so, wie man es gewohnt ist, geltend zu machen, sondern dass der Geistesforscher gar nicht anders kann, um das, was ich Gelenksamkeit des Denkens genannt habe, auszubilden, als sich immer alle möglichen Einwände klarzumachen, sich wirklich vor die Seele zu führen. Der Geistesforscher ist durchaus der Ansicht, dass nur der die Tragkraft eines Gedankens versteht, der ihn positiv denken kann. Niemand versteht den Materialismus, der ihn nur widerlegen kann, sondern nur derjenige, der ihn auch verteidigen kann, der weiß seine Grenzen, der weiß, um was es sich handelt, wenn materialistisch gedacht wird. So möchte ich — obwohl ich Ihnen Hunderte von Einwänden herzählen könnte, die beim leicht geschürzten Denken jemandem erquellen könnten aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis —, möchte ich ihnen einen charakteristischen erwähnen.
[ 18 ] Man kann nämlich gleich einwenden: Du redest den puresten Dilettantismus, ja sogar einen unbesonnenen, denn bedenke doch einmal das Musikverständnis, das Musikanhören. Du weißt doch, wenn der Mensch ein Tongefüge anhört, so wirkt das auf das Ohr, von da auf das Vorstellungsleben und, da aber die Musik vorzugsweise Gefühlserlebnis ist, so siehst du doch, dass da sich unmittelbar anknüpft an das Vorstellungsleben das musikalische Verständnis und musikalische Fühlen. So obenhin angeschen, scheint das ein unwiderleglicher Einwand zu sein. Was soll man dagegen sagen? Aber ich meine nicht die oberflächliche Betrachtung des Atmungsprozesses allein, sondern wenn ich von diesem Prozess rede, rede ich von der Atmung in allen ihren feinen Verzweigungen. Während des Atmens wird fortwährend der Rhythmus fortgesetzt — das könnte man beschreiben in den Einzelheiten — fortgesetzt bis ins Gehirn herauf. Der Atmungsrhythmus schlägt an die Sinnesorgane an, verästelt sich im menschlichen Organismus so fein wie der Nervenorganismus. Das Atmen geht überall hin. Und nun stellen Sie sich vor, ein Musikalisches wirkt auf das Ohr, es setzt sich fort ins Nervenleben. Dadurch wird es allein zu einem musikalischen Gefühlsleben, dass der Atmungsrhythmus von unten heraufkommt, dem Vorstellungsleben begegnet, und erst in der Art, wie der Atmungsrhythmus das vom Ohr Aufgenommene in seinen Atmungsrhythmus aufnimmt, erst das macht das musikalische Vorstellen. Dieses selbst lebt durchaus im Atmungsrhythmus, im fein verästelten Atmungsrhythmus.
[ 19 ] Und so kann man Hunderte und Hunderte von Widerlegungen finden aus der Naturwissenschaft heraus für das, was ich gesagt habe, wenn man oberflächlich vorgeht. Geht man gründlich vor, vor gründlicher Kritik hat Geisteswissenschaft nichts zu fürchten. Ja, nun könnte die Frage entstehen: Ja, was aber spielt denn dann eigentlich das Nervensystem für eine Rolle, wenn es sich um Gefühlsleben handelt? Es spielt das Nervensystem keine andere Rolle gegenüber dem Atmen wie es spielt gegenüber dem Sinnesorgan beim Wahrnehmen. Ob ich einen Ton, eine Farbe wahrnehme, der Nerv spielt dieselbe Rolle, die er spielt, wenn er sich nach innen verästelt und [Gefühle] wahrnimmt. Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Bewusstwerden der Wahrnehmung beim Atmen ist der, dass der Nerv einmal, beim Sinnesorgan, nach außen gerichtet ist, das andere Mal, beim Atmen, nach innen.
[ 20 ] Der Nerv hat nicht die Aufgabe, irgendwie am Gefühl mehr zu bewirken als am äußeren Ton oder an der Farbe. Es geht ihn das Gefühl ebenso wenig an wie der äußere Ton oder die äußere Farbe. Er macht es zum bewussten Leben. Er streckt sich als Wahrnehmungsnerv auch dort hinein wo die Atmung spielt. Das Gefühlsleben spielt unmittelbar ins Atmungsleben hinein, ohne Vermittlung des Nervenlebens, wie unmittelbar die Farbe, der Ton anfasst das Nervensystem durch die Sinnesorgane. Nun, wenn man den menschlichen Leib studiert, so bekommt man im Wesentlichen drei Glieder dieses menschlichen Leibes, drei Systeme gewissermaßen.
[ 21 ] Das eine ist das Sinneswahrnehmungssystem — da hat die Naturwissenschaft eine gute Basis geschaffen —; das Zweite ist das Atmungsleben — dieses ist körperlich das Gegenstück des Gefühlslebens —; ein drittes Glied im menschlichen Organismus, und zwar so, dass, wenn wir die drei Glieder zusammen haben, wenn wir den ganzen Menschen leiblich vor uns haben — ist das Stoffwechselleben. Und zwar bitte ich dieses wieder in allen seinen Verästelungen zu betrachten wie das Nervenleben und Atmungsleben. Ich bemerke ausdrücklich — damit nicht irgendwelche Persönlichkeiten, die da meinen, dass man eben leicht geschürzte Widerlegungen bilden kann aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen heraus, auf allerlei solche Widerlegungen kommen —, ich bemerke, die Sache wird sehr kompliziert in der wirklichen Betrachtung. Ich muss sie hier nur auseinanderlegen.
[ 22 ] Die Sache ist sehr kompliziert, weil diese drei Systeme ineinandergreifen, ja, nicht nebeneinander liegen. Der Nerv wird fortwährend ernährt, ist dem Stoffwechsel unterworfen; auch der Atmungsprozess und der Sinnesprozess ergreifen ihn. Auch das, was die Atmung vermittelt, unterliegt dem Stoffwechsel. Nur den Stoffwechsel kann man gewissermaßen als drittes Glied für sich betrachten. Und dann, dann kommt man dazu, sich zu sagen, das, was nun Theodor Ziehen ganz wegschaffen musste, um überhaupt mit seiner strengen Methode zurechtzukommen, was er gutmütig den Philosophen überlässt, das Willensleben, das steht in so unmittelbarer Beziehung zum Stoffwechsel wie das Sinneswahrnehmungsleben zu den Sinnesorganen und den Nerven, wie das Gefühlsleben zum Atmungssystem. Unmittelbar, direkt wiederum, unmittelbar wirkt, greift der Wille — das ist das Ergebnis der Geistesforschung — in den Stoffwechsel ein. Natürlich auch, wenn die Aufmerksamkeit entfaltet wird, in den Stoffwechsel des Nervensystems. Aber wenn Wille dabei ist, da ist das, was den Willen anbelangt nicht von dem abhängig im Nerven, durch das der Nerv Wahrnehmungsorgan ist, sondern von Stoffwechsel.
[ 23 ] Dadurch kompliziert sich natürlich die Sache. Aber das Wichtige, Wesentliche ist, dass eine so unmittelbare Beziehung lebt zwischen dem Willen und dem Stoffwechsel eben wie zwischen der Wahrnehmung und dem Nervensystem und dem Gefühl und dem Atmungssystem. Nun kommt man, wenn man diese Sache ganz durchforschen will, zu einem Resultat, durch das man heute allerdings in der wildesten Weise üblen Anstoß erregen wird. Aber Sie dürfen mir glauben, ich habe alles nach allen Seiten gerade naturwissenschaftlich durchprüft und trotzdem ich in Privatvorträgen schon seit vielen Jahren darüber vorgetragen habe, habe ich mir bis zum vorläufigen Abschluss in diesem Winter aufgespart und beginne erst jetzt dieses Resultat auch der Öffentlichkeit mitzuteilen.
[ 24 ] Denn es stellte sich heraus das Merkwürdige, dass die Naturwissenschaftler bis jetzt strenge zweierlei Nerven unterscheiden. Die einen bezeichnen sie als sensitive Nerven, von außen nach innen, die anderen als motorische Nerven, als diejenigen, die von Gehirn und Rückenmark ausgehen und gleichsam die Strömungen nach außen tragen. Das Sinnesorgan wird zuerst beeindruckt, dann setzt sich das in den Nerven fort, führt die Wahrnehmung zu einem Wollen. Dann wird von irgendwoher die Seele — wenn man sie so annimmt — eingeschaltet in die beiden Nervengattungen, und [es] wird von irgendwoher durch einen Vorgang das Vorgestellte auf den motorischen Nerv übertragen. Der leitet es nach der Peripherie des Leibes, man bewegt die Hand, den Fuß und so weiter. Das ist die Zweigliederung des menschlichen Nervensystems. Sie wird vor der Naturwissenschaft der Zukunft ganz fallen müssen. Man spricht ein solches Resultat nicht leichtsinnig aus. Die Zweiteilung wird vor der Wissenschaft der Zukunft ganz fallen müssen. Man nennt die Nerven sensitiv oder motorisch, das ist mir einerlei; darauf kommt es mir an, dass es nur einerlei Nerven gibt und dass prinzipiell dasjenige, was man sensitiv und was man motorische Nerven nennt, ganz genau dieselbe Aufgabe hat. Ich weiß, dass man jetzt aus der Physiologie heraus leicht geschürzte Einwendungen machen kann, man braucht nur an die Erscheinungen bei Tabes-Kranken zu denken, an die Versuche mit dem Durchschneiden der Nerven.
[ 25 ] Ich wollte, ich hätte Zeit, ich würde Ihnen zeigen können, dass alle diese Versuche, alle die Erscheinungen insbesondere bei Tabes-Kranken gerade das belegen, was ich eben hier vertreten habe: die Einerleiheit der Nerven, und das widerlegen, wenn man nur genau genug vorgeht, was heute als Theorie von der Zweiheit der Nerven besteht. Aber dazu ist nicht Zeit. Aber auf eines will ich hinweisen. Man kann so leicht darauf hinweisen: Ja, ahnst du nicht, wie der motorische Nerv sich allmählich einschleicht?
[ 26 ] Jemand lernt Klavierspielen, lernt die feinen Bewegungen, welche die Finger ausüben, oder bei irgendeiner anderen Fertigkeit oder Tätigkeit, er lernt das — man hat die Anschauung —, deshalb, weil er anfangs nicht den Strom, den Impuls, durch den motorischen Nerv leiten kann, sondern wenn er die Bewegung oft und oft ausführt, dann kann er ihn leiten. Es schleicht sich der Nervenweg ein. Aber so ist es nicht in Wirklichkeit. Das, was als Wille in den sich bewegenden Fingern betätigt wird, greift unmittelbar in den Stoffwechsel ein und alles, was Nerv ist, hat nur die Aufgabe, die feine Bewegung innerlich wahrzunehmen, wie der Nerv von den Sinnen den Ton wahrnimmt.
[ 27 ] Auch der motorische Nerv ist zu nichts anderem da, als dass die Bewegung nicht unbewusst ausgeführt wird, dass wir das innerlich mit dem Nervenapparat wahrnehmen. Überall ist der Nerv mit derselben Funktion begabt, nur unterscheidet er sich das eine Mal von anderen dadurch, dass er zum Sinnesorgan hingeht und den Eindruck von außen wahrnimmt, und das andere Mal den unmittelbar bewirkten Stoffwechsel innerlich wahrnimmt. Der motorische Nerv ist ganz gleichartig mit dem sensitiven. Ich glaube überhaupt, dass vielleicht die ersten Menschen, die sich diesen feineren Resultaten, welche mithilfe der Geisteswissenschaft gewonnen sind, die sich diesen feineren Resultaten — zuerst die Menschen, die künstlerisch sind —, geneigt zeigen werden. Ich glaube, dass viel eher als bei den Physiologen Anhängerschaft für diese Ideen zum Beispiel bei den verständigen Klavierspielern zu finden seien. Die werden nämlich bald merken, dass darauf die Fertigkeit beruht, dass sie immer mehr und mehr lernen, die Bewegungen in ihren Feinheiten zu verfolgen, dass man die eigenen Fingerbewegungen bis in die feinsten Details hinein verfolgen lernen kann, dass man die feinen, unmittelbar ausgeführten Bewegungen bis in ihre Nuancen hinein wahrzunehmen vermag; und lernen wird man, wenn man verständig wird, beobachten, wie das Lallen des Kindes übergeht in das Sprechen, wie das ein Prozess ist, darauf beruhend, dass der Stoffwechsel beherrschen gelernt wird durch den Willen und dann fein wahrgenommen wird, indem das bewusst gemacht wird [Lücke].
[ 28 ] Da haben Sie kurz angedeutet die Beziehung des ganzen Seelenlebens zum ganzen menschlichen Leibesleben; denn andere Prozesse gibt es nicht. Allen Bewegungsprozessen liegen Stoffwechselprozesse zugrunde. Andere gibt es nicht, als Stoffwechsel-, Atmungs-, Wahrnehmungsund Nervenprozesse. Da haben Sie Wollen, Fühlen, Denken, Vorstellen und Wahrnehmen zusammen in Beziehung gesetzt zum dreigliedrigen Menschen, dem Nerven-, Atmungs- und Stoffwechsel-Menschen. Vor dieser Erkenntnis schließt sich heute noch gerade da, wo Strenge des Forschens vorliegt, die Naturwissenschaft selbst das Tor zu. Es würde und wird immer interessant sein, nun in allen Einzelheiten — denn das kann geschehenen zu belegen dasjenige, was eben ausgeführt worden ist.
[ 29 ] Allein gefunden ist das alles von mir nicht worden etwa durch Rückschlüsse von den Erscheinungen der verschiedenen Leibesvorgänge auf die Seelenvorgänge, sondern auf jenem Wege der Geistesforschung, den ich oftmals hier angedeutet habe. Denn ebenso wie man nach der einen Seite hin dreigliedrig findet das menschliche Leibesleben, so findet man nach der anderen Seite, wenn man zum schauenden Bewusstsein kommt, die Beziehung des Seelenlebens zum Geistesmenschen. Geradeso wie nach der einen Seite der Leib der dreigliedrige Wahrnehmungs-, Atmungs-, Stoffwechselleib das Gegenstück ist zum Seelenleben, so ist auf der anderen dreigliedrig der Geist, das Gegenstück zur menschlichen Seele. Nur handelt es sich darum, dass man auch nur zu suchen hat ebenso den Weg vom Vorstellungsleben zum Geiste hin wie vom Vorstellungsleben zum Leibe hin, indem man beim Nervensystem anlangt.
[ 30 ] Diesen Weg des Vorstellungslebens zum Geiste hin kann man nur finden, wenn man das, was sonst menschliches Vorstellen und Denken ist, durch die zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» angeführten Methoden so ausbildet, dass man wirklich das Denken, das zunächst nur anwendbar ist auf das äußere Sinnesleben, so weit bringt, dass es sich wirklich losreißen kann vom Leibe, dass es innerhalb der Denkbewegung selber selbstständig wird. Es ist der entgegengesetzte Weg einzuschlagen, der bei aller Verengerung des Bewusstseins einzuschlagen ist.
[ 31 ] Auf der einen Seite liegt das krankhaft hypnotische Leben; das Gegenteil bringt die Geistesforschung zur Entwicklung in allem, auch in dem, was man oftmals mystisches Erleben nennt, geschieht ja die Sache so, dass man während verhältnismäßig der Mensch im gewöhnlichen, gesunden Leben in seinem Denken, Fühlen, Wollen eine Selbstständigkeit hat gegenüber dem Leibesleben, wird in alledem, was Hypnose, Illusion, Halluzination, was ungesunde Mystik ist, die manchmal in wunderbar poetischen Bildern sich ausleben kann, die Seele hinabgedrängt. Jede Vision besteht ja darin, dass das Vorstellungsleben seiner Selbstständigkeit entkleidet wird — statt in sich zu leben —, tiefer hinuntergedrängt wird, sodass der Leib zu stark engagiert ist. Geisteswissenschaft hat mit alldem nichts zu tun, sondern muss gerade dieses ganze visionäre Leben, auch das falsche mystische Leben, überwinden. Und derjenige, der mir in meinen Büchern wo geredet wird von Seelen- oder Welträtseln —, ein einziges Ergebnis nachweisen kann, das bloß auf dem Wege einer an das Körperliche gebundenen Mystik gewonnen wäre — was allerdings von Freunden und Gegnern so gedeutet wird, weil man es so gerne hat: man möchte Visionen sehen —, wer mir das nachweisen kann, der möge das tun. Er wird keines finden.
[ 32 ] Alles das, was sich wirklich geisteswissenschaftlich gefunden habe, wird gesucht, indem das vom Leibesleben freie Denken noch freier gemacht wird, noch mehr verstärkt wird in seiner Eigenart. Dazu gehört allerdings mehr, als oftmals zugehört, [um] zu irgendeiner vertrackten Vision zu kommen. Dazu gehört, dass zum Beispiel das Denken als gesundes Denken zum Ausgangspunkt genommen wird, und dann innerhalb dieses Denkens das gesucht wird, was sich nur im Denken selbst ergibt; ich möchte sagen, noch freier, selbstständiger als das Denken an sich schon ist; sodass die Fragen richtig gestellt werden, und dann die im Denken entwickelten Antworten erteilt werden aus dem, was immer um uns herum ist, die Antworten aus der geistigen Welt heraus gegeben werden. Das Denken, richtig ausgebildet, befreit von seinem Leibesleben. Das Denken wird frei gemacht, sodass wir dringen in das, was hinter der Sinneswelt ist.
[ 33 ] Dieses Denken habe ich mir erlaubt zu nennen: imaginatives Vorstellen, nicht, weil Eingebildetes zugrunde liegt, sondern weil ein Energischeres, es in seiner Freiheit zur Bildlichkeit bringendes Vorstellen zugrunde liegt. Aber das Bild wird nicht hervorgerufen durch ein Herabquetschen des Denkens und des Sinnesorgans in das Gehirn, was Visionäre glauben können, sondern gerade durch die Absonderung des Denkens vom Leibesleben. Dadurch wird es erreicht, dass das Denken selbstständig gemacht wird gegenüber dem Leibesleben. Daher hat alles, was Imagination genannt wird, absolut gar keine Berührung mit dem Leibesleben. Der Leib geht mit seinem Erleben nebenher.
[ 34 ] Das ist ja der auch schon hier öfters erwähnte Unterschied zwischen dem Visionären und dem wirklich in seinem Denken frei gewordenen Geistesforscher, dass letzterer immer in der Lage ist, neben dem, was ihm gegeben ist im imaginativen Vorstellen, das gewöhnliche, gesunde Sinnesleben nebenher zu haben, und das geht parallel nebeneinander. Die Sache ist schon krankhaft, wenn das eine durch das andere ersetzt wird, wenn man nicht ein ganz vernünftiger Mensch sein kann, seine täglichen Aufgaben verrichten kann, seine Kinder ordentlich erziehen kann und so weiter und daneben das, was mit dem Leibesleben nichts zu tun hat, entwickeln kann, das Hineindringen des Geistig-Seelischen in uns in das Geistig-Seelische um uns herum. Dann möchte ich einmal wissen, ob mir jemand sagen wird, dass derjenige, der auch ein bloßer Visionär ist, oder gar, der eine krankhafte Vorstellung hat, nebenher auch das Gesunde hat. Dann wäre es ja nicht krankhaft, wenn er wüsste, dass die andere Vorstellung krankhaft ist. Aber man denkt über diese Dinge viel zu sehr oberflächlich, beurteilt sie von außen her.
[ 35 ] Dann, wenn wir eindringen durch echte, wahre Forschung in vertieftem Denken in dasjenige, was um uns herum geistig ist, dann haben wir ein erstes Element der geistigen Welt, dann haben wir das, wovon die Physik heute nur träumt, wir haben das Ätherleben. Und so, wie wir durch das Sinnesleben wissen, dass die Stoffe, die draußen sind im physischen Leben, in unserem Fleisch und Blut leben, so wissen wir durch das imaginative Vorstellen, dass das Übersinnlich-Ätherische als Bildekräfte alles durchdringt und in uns als Bildekräfte leibt, unseren Organismus durchdringt als ein zweiter übersinnlicher Organismus, den wir so in uns tragen, der wissenschaftlich durchforscht werden kann wie der physische. Wie dieser physische Leib ein Stück ist aus der physischen Welt, so ist unser eigener ätherischer Organismus ein Stück der umliegenden ätherischen Welt, die übersinnlich ist, und die übersinnliche Gesetzmäßigkeit spielt in unseren, ätherischen Leib herein wie die physischen Gesetze in den physischen Leib.
[ 36 ] Was hat dieser Bildekräfteleib für eine Aufgabe? Er hat die Aufgabe, hinüberzutragen dasjenige, was augenblicklich ist, von Augenblick zu Augenblick, von Stunde zu Stunde; er hat das Leben in der Zeit zu unterhalten zwischen Geburt und Tod des Menschen. Ohne diesen Bildekräfteleib würden wir niemals das zusammenhängende menschliche Leben haben. Unsere Stoffe wechseln wir, tauschen wir aus, der Bildekräfteleib trägt die neuen Stoffe in derselben Weise sie metamorphosierend in das zukünftige Leben. Dieser Bildekräfteleib ist ein streng wissenschaftliches Ergebnis ebenso wie der physische Organismus. Dieser Bildekräfte-Organismus steht nun in demselben Verhältnis vom Geiste heraus zum Vorstellungsleben wie vom Leibe heraus der Nervenleib. Wie das Nervensinnesleben das leibliche Gegenstück ist vom Vorstellungsleben, so ist das geistige Gegenstück der Bildekräfteleib. Wie das Nervensystem ein Wunderbau ist, so ist geistig dasjenige, was erkennbar ist als Bildekräfteleib, ein Wunderbau im Geiste, der nur seine Aufgabe hat nicht im einzelnen Augenblicke des menschlichen Erlebens, sondern im Zeitenlauf zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem Tod.
[ 37 ] Damit ist man noch nicht angelangt bei dem, was nun über Geburt und Tod hinausgeht; denn da muss die Erkenntnis, die innerliche Belebung des Bewusstseins zu einer anderen Erkenntnis noch aufsteigen. Stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck — er ist vor vielen Jahren wohlbedacht gewählt und heute wird man erst einsehen, warum gerade dieser Ausdruck erneuert wurde von mir —, wir steigen auf zur «inspirierten Erkenntnis». Man steigt zu ihr auf, indem man gewissermaßen dasjenige, was zur imaginativen Erkenntnis führt, weiter ausbildet. Da ist es notwendig, dass man noch etwas ganz anderes hineinbringt in sein schon frei gewordenes Denken und Vorstellungsleben. Man muss sich aneignen etwas ganz Neues. Auch darüber habe ich schon gesprochen im vorvorigen Heft des «Reiches».
[ 38 ] Ich kann das nur durch einen Vergleich klarmachen. Im gewöhnlichen Leben, denken wir logisch. Wir sind zufrieden damit. Allerdings, man muss, um Geistesforscher zu werden, nicht bloß lernen, über anderes zu denken, sondern auch anders zu denken. Dahinein finden sich die Menschen außerordentlich schwer, denn heute denkt man abstrakt. Man denkt, man habe schon etwas mit engen Begriffen, wenn man einsieht: Diese Vorstellung ist richtig. Eine Vorstellung kann sehr richtig sein, aber es kommt auf den Wirklichkeitswert der Vorstellung an. Heute hat man eine gewisse Wollust nur auf die logische, wissenschaftliche Richtigkeit des Vorstellens zu sehen, aber damit ist der Wirklichkeitswert der Vorstellung noch nicht erschöpft. Auf ihn kommt man erst, wenn man weiß, dass unsere Vorstellungen, so wie wir sie haben, zunächst nur Instrumente sind für die Wirklichkeit, nicht etwas, woran wir absolut festhalten müssen. Ich möchte ein triviales Beispiel gebrauchen, nur zur Veranschaulichung. Es ist gewiss eine sehr schöne Vorstellung, wenn man sagt: ein guter Schlaf ist sehr gesund. Man kann sich in diese Vorstellung sehr verlieben. Gesunder Schlaf ist sehr gesund. Es kommt jemand, der diese Vorstellung hegt, zu jemand zu Besuch. Man führt ihm eine Dame vor, von der sagt man ihm: ach, der Dame fehlt dieses oder jenes. Sie selber klagt. Er bleibt bei der als richtig erkannten Vorstellung, für die er fanatisch eingenommen ist, und sagt: Ach, gnädige Frau, Sie müssen nur recht viel schlafen; denn ein gesunder Schlaf ist gerade für Ihren Zustand gut. Dann führt er sie zur Tür. Ja, was sagen Sie dazu, die schläft ja so den ganzen Tag! Oder es kann jemand fanatisch sein für die Vorstellung, dass das Spazierengehen sehr gesund sei. Ein solcher Mensch rät jemandem, der ihm allerlei Zustände schildert: Ja, Sie müssen sich Bewegung machen. Der aber antwortet ihm: Ja, Sie vergessen, dass ich Briefträger bin.
[ 39 ] Unsere Vorstellungen sind nicht dazu da, dass wir sie in begrenzter Art dogmatisch als absolut richtig anerkennen. Sie sind Instrumente, die uns durch die Wirklichkeit durchführen. Dies muss man als innere Gesinnung ausbilden, wenn man zu weiteren Stufen der Geistesforschung aufsteigen will. Dass zwei Menschen in ihren Vorstellungen übereinstimmen, das scheint jedem eine sehr schöne Sache zu sein. Aber Franz I. sagt einmal: «Ich weiß nicht, was der eigentlich gegen mich hat. Wir stimmen in unserm Wollen und Vorstellen ganz überein.» Sie wollten nämlich beide Mailand erobern. Auch dies ist radikal ausgedrückt. Und wenn es feiner auftritt, dann merkt man es nur nicht, dann hält man fest daran: Wenn zwei übereinstimmend denken, dann muss das der Beweis sein, dass die Gedanken auch übertreten können in die Wirklichkeit. Kurz, hier liegt Bedeutsames vor, das wohl durchforscht werden muss, wenn man Geistesforscher werden will. Ich habe es trivial charakterisiert; es könnte auch gelehrt charakterisiert werden. Aber man muss dahin kommen, für sein Vorstellungs- und Denkleben anzufangen, in gewisser Weise zu denken, was ich eben durch folgenden Vergleich klarmachen kann.
[ 40 ] Wenn wir im äußeren Leben stehen, sind wir auch nicht zufrieden, wenn wir nur logisch hin- und herspielen mit unseren Handlungen und Impulsen. Wir machen Handlungen, vollführen sie, weil unsere Pflicht sie uns auferlegt; andere unterlassen wir oder leiten sie in andere Richtung. Die Logik würde nichts nützen in der Sinneswelt, da müssen wir mit der Wirklichkeit rechnen. Da müssen wir uns aus dem Zusammenhang eines Ganzen eine Handlung gestatten oder versagen. Dieses muss sich übertragen auch auf das Gedankenleben, wenn man weiterkommen will vom imaginativen Bewusstsein heraus. Man muss dazu kommen, nicht nur gewisse Gedanken für richtig, andere für unrichtig zu halten, sondern in der Lage sein, gegenüber bestimmten Wirklichkeiten einen Gedanken als erlaubt, einen anderen als zu versagend empfindend erleben.
[ 41 ] Eine innere Vermoralisierung, Durchmoralisierung des Denk-, des Vorstellungslebens muss eintreten. Wenn diese eintritt, dann erlangt man die Möglichkeit der inspirierten Erkenntnis, jener Erkenntnis, die auch zu überliefern vermag das zweite Geistesglied des Menschen, das nun zum Gefühlsleben so steht wie das Atmungsleben zum Gefühlsleben leiblich. Und deshalb, weil dieser Parallelismus besteht, habe ich das, was vom Geiste her dem Gefühlsleben entspricht, was dort sein Gegenstück ist, das genannt, das durch die inspirierte Erkenntnis gegeben ist, die uns zeigt, dass wir ein zweites Glied im Geiste haben, so wie wir zum Gehirn- und Nervenleben leiblich das Atmungsleben haben und wie uns das Atmungsleben mit der Umwelt in Zusammenhang bringt die Luft, die ich in mir habe ist /Lücke] draußen und drinnen. Vom Atmungssystem führen überall die Fäden hin in die Umgebung. Da gehöre ich der Welt an. So gehöre ich der geistigen Welt an in dem Geist-Organismus-Teil, der erkannt wird durch die inspirierte Erkenntnis und zwar in dem Teil, den wir in uns tragen, den wir durchlebt haben zwischen dem letzten Tod und dem Zeitpunkt, wo wir das Geistige eingesenkt haben in das Leibliche, das wir von den Ahnen ererbt haben. Das zweite Glied des Geistorganismus führt uns in die Welt hinein, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 42 ] Ein Drittes in der Erkenntnis können wir erlangen, wenn wir diese Erkenntnis noch weiter ausbilden. Und ich habe schon angedeutet ein wichtiges Ereignis, wodurch die Erkenntnis noch freier und höher gegliedert werden kann. Das ist, wenn wir das Schicksalsmäßige der Erkenntnis selber fühlen, wenn wir bei der Erkenntnis so dabei sind, dass wir das Erlangen der Erkenntnis als ein Schicksal fühlen, wenn wir uns zu sagen verstehen: Dich hat Schweres, Freudiges betroffen und du wirst nicht stumpf; du fühlst wie einer [Lücke]. Aber gegenüber alledem, was äußerlich herantreten kann, habe ich eines erkannt: das Bewusstsein, dass ich innerlich ergreifen kann den Geist durch die imaginierte, durch die inspirierte Erkenntnis. Das ist für mich ein solcher Schicksalsfall geworden wie ein anderer Schicksalsfall. Hier habe ich Schicksal miterlebt. Erlebt man so Schicksal mit und erlebt man andere Erkenntnisvorgänge mit derselben Innerlichkeit, dann rückt man auf zu dem, was intuitive Erkenntnis genannt werden kann, wo es wirklich erst der Fall ist, dass wir in das Objekt der Erkenntnis selber bewusst untertauchen. Und wenn diese Erkenntnis erlangt ist, wenn wir gewissermaßen einmal innerlich selber dabei gewesen sind bei dem Schicksal, dann merken wir, dass in unser Leben hereinspielt ein drittes Glied des menschlichen Geistesorganismus, das so steht zum Willensleben wie da steht der Stoffwechselorganismus zu dem Willensleben von der leiblichen Seite; denn dann merkt man, das, was äußerlich als Schicksalsschlag an uns herantritt, das wirkt herüber aus früheren Erdenleben und das, was wir jetzt wieder als Schicksalsschlag zuerst empfinden, das wirkt in spätere Erdenleben hinüber. Wir lernen erkennen, was in unser Willensleben hereinwirkt. Aber diese Dinge lassen sich durch Perioden in ihrem Parallelismus zum Leibesleben und Seelenleben sehr wohl zeigen.
[ 43 ] Wir leben, wir beobachten ja das Leben in seinen intimen Feinheiten nicht. Wir sind fünfzehn Jahre alt; etwas lebt in uns, was wir gar nicht wissen, wonach wir uns aber richten. Feiner als ein Instinkt lebt es in uns. Wir tun dieses oder jenes, glauben es zu tun, weil das oder jenes uns dazu drängt; aber in allem lebt etwas, was aus dem eigenen Wesen heraus uns Richtung gibt. Hat man Talent für Selbstbeobachtung, so kommt man darauf: Du hast in dir etwas, was Sehnsucht, Trieb ist — so fein muss man das auffassen —, dich gerade dorthin zu bewegen. Man würde merken, man macht eine Reise; man hat nicht bemerkt, dass ein Trieb dagewesen ist nach etwas Unbestimmtem; aber die Reise endet damit, dass man eine Bekanntschaft macht. Diese kommt einem Unbestimmten in uns entgegen. Ein geistiger Prozess vollzieht sich, der sein leibliches Gegenbild hat. Verzeihen Sie, es kann gerade deshalb, weil der Geisteswissenschaftler real in der Welt steht, kann manches sehr materialistisch im Vergleich erscheinen. Man hat einen Drang, der treibt wie Durst und Hunger — die Sättigung hilft ab —, man hat einen Drang, was ist er? Er ist das Seelenglied, das dem entspricht, was der Hunger im Stoffwechselorganismus ist. Aus dem früheren Erdenleben impulst herüber dasjenige, was treibt, und die Sättigung erfolgt durch ein Ereignis. Da haben Sie das dritte Glied, das unser Schicksal [Lücke] wie der Stoffwechsel im Leibe zum Willensleben gehört, und sei es in der gewöhnlichen Stllung von Hunger und Durst. Wie er zugrunde liegt demjenigen, was wir unmittelbar vom Leibesleben heraus tun und seelisch als Wille erleben, so tut das Schicksal in uns — das für die intuitive Erkenntnis herübertönt aus früheren Erdenleben —, das erzeugt jenen Geisteshunger und Geistesdurst, der im Schicksal nur unvermerkt für die grobe Beobachtung lebt.
[ 44 ] Da sehen Sie, wie durchaus, indem Schritt für Schritt vorgegangen wird, Geisteswissenschaft ebenso etwas Methodisches ist wie die äußere Naturwissenschaft; nur heute noch ungewohnt den Menschen. Aber es ist vieles den heutigen Menschen ungewohnt. Es war auch ungewohnt den Zeitgenossen des Kopernikus, zu glauben, dass die Sonne stillstehe und die Erde um sie herumgehe. Man hat sich daran gewöhnt und wird sich auch [an] die Geisteswissenschaft gewöhnen. Ich weiß, sie kann heute noch widerlegt werden. Auch den Kopernikanismus hat Tycho de Brahe widerlegt, aber nützlicher war, dass Kepler den Kopernikanismus ausgebaut hat. Ich weiß, dass sehr unvollkommen ist, was ich heute noch sagen kann, und ich weiß, dass alles mögliche eingewendet werden kann, aber ich halte es für nützlicher, wenn andere kommen, die die Sache so modifizieren werden, dass die Sache tragkräftiger wird. Mir erscheint nützlicher die Fortentwicklung der Wissenschaft. Derjenige, der so denkt, der steht vielleicht richtig im Geistesleben der Menschheit doch drinnen; denn er ermisst sowohl die Tragkraft der Kritik wie auch die des Ausbauens. Dann aber, wenn man richtig wird zu forschen verstehen, dann wird man einsehen, dass all das, was wir als Leib in uns tragen, das absolut unerlässliche Werkzeug ist zwischen Geburt und Tod, dass es eine Vertracktheit ist, für das Leben zwischen Geburt und Tod allerlei Mystisches zu suchen, dass wir aber aufsteigen zum Geistesleben und den dreigegliederten Geist finden, den zu imaginierenden Geist, den durch Inspiration zu erkennenden Geist finden, und damit eindringen in das Ewige, in das durch Geburt und Tod gehende Ewige, in das Unsterbliche des Menschenwesens, das man nicht durch Spekulation finden kann, sondern durch das Aufsuchen desjenigen, was als Geist in uns denkt. Dann aber entdeckt man auch, dass wir in Beziehung stehen zu einer Geisteswelt, wie durch den physischen Organismus zur physischen Welt, und dass dasjenige, was wir als physischen Leib den physischen Elementen übergeben nur dann bloß den physischen Gesetzen übergeben ist, wenn das dreigliedrige Geistige hier außen ist. Dann fühlen wir, dass wir sagen können: Unser Leib hält solange zusammen, als er vom Geiste zusammengehalten wird. Der Leib wird mit dem Tod übergeben den irdischen Elementen und der Geist geht seine Wege in die geistige Welt hinein. Im Zusammenhange mit diesen Rätseln gewinnen auch die Weltenrätsel Boden.
[ 45 ] Man denkt heute nach über Anfang und Ende der Erdenentwicklung, was vor zwanzig Millionen Jahren bestanden haben kann. Da findet man eine Erdenentwicklung, in die hineingekommen ist, ich weiß nicht woher, die Menschheitsentwicklung als Episode. Dann rechnet man aus, wie die Erde sein wird nach Milliarden von Jahren; die Vorstellung, die man anstellt, die Rechnung, soll nicht angefochten werden. Es gibt nichts Richtigeres, als wenn zum Beispiel ein Professor [Dewar] einführte in einem Vortrag in London, wo er fragte: Wie wird die Erde ausschauen nach Milliarden Jahren, wenn sie sich abgekühlt haben wird bis zu [200] Grad Celsius unter null? Nun ja, er gibt ein sehr schönes — ob es prophetisch ist, das überlasse ich Ihrem Geschmack —, ein sehr schönes Bild, wie die Erde sein wird. Die Luft, die uns umgibt, ist flüssig geworden, ist eine Art Ozean. Das Wasser von jetzt ist fest geworden. Alles hat sich verändert. Sehr schön oder auch nicht schön beschreibt [Dewar] vor seinen gläubigen Zuhörern, wie die Milch aus der Kuh fest sein wird, wie sie lumineszent sein wird, wie man wird die Wände mit Eiweiß anstreichen können, das wird so leuchtend sein, dass man wird Zeitungen lesen können — absolut richtig gerechnet, streng naturwissenschaftliche Resultate. Von welcher Strenge dieses Resultat ist, das man bekommt, wenn man den heutigen Zustand der Erde zurückrechnet, welche Geschöpfe gewesen sind vor zwanzig Millionen Jahren, das kann man berechnen, [daran] ist gar nichts widerlegbar, gar nichts.
[ 46 ] Aber wer durchdrungen ist von den Methoden der Geisteswissenschaft, der weiß, dass die Rechnung zwar richtig, streng exakt ist, aber er weiß auch noch etwas anderes: dass dieses Resultat nach derselben Methode gewonnen ist, als wenn ich betrachte den Magen eines Menschen, und ich würde betrachten können, wie sich in acht Tagen die Leber verändert, wie sie sich verändert in vierzehn Tagen, in drei Jahren, in acht Jahren. Und daraus die Rechnung anstellte, wie nun Leber und Lunge nach zweihundert Jahren sein müssten. Die Rechnung wird ganz richtig sein, absolut richtig; aber dieser menschliche Leib wird wohl nach zweihundert Jahren nicht mehr leben; er stirbt nämlich vorher. Für den Leib erscheint es Ihnen sehr plausibel; für die Erde erscheint das Gegenteil plausibel, nämlich, dass man eine solche Rechnung anstellen kann. Man könnte sich auch fragen: wie verändern sich die Organe eines siebenjährigen Kindes; man rechnet zurück, man kriegt das Vorresultat vor vierzig Jahren. So kann man auch ausrechnen, wie die Erde in zwanzig Millionen Jahren sein wird und vor zwanzig Millionen Jahren war, aber sie war vor zwanzig Millionen Jahren ebenso wenig als Erde da, wie das Kind vor vierzig Jahren und nach zwanzig Milliarden Jahren wird die Erde ebenso wenig als Erde da sein; und die Beschreibung des Professors ist zwar exakt, nur stirbt die Erde früher. Über diese Dinge, die sich der naturwissenschaftlichen Beobachtung entziehen, kann allein die Geisteswissenschaft etwas aussagen, und sie findet, dass das Leben der Erde, so wie es jetzt ist, gewisse Naturgesetze zeigt, aber sie sind — hier muss die Geisteswissenschaft allerdings den Kantianismus noch über-Kanten. Kant blieb bei einer Halbheit stehen. Die Naturgesetze gelten bloß von Anfang der Erde bis zu ihren Ende, und wenn wir ausrechnen darüber hinaus, dann gelten unsere Gesetze nicht. Denn ebenso wie der menschliche Leib, der aus den physischen Vorbedingungen herausgeboren wird, sich mit einem Geistigen verbindet, so ist es mit der Erde, die von einem gewissen Zeitpunkt an rückwärts geistig war. Sie kam aus geistigen Vorbedingungen in die Welt des Sonnensystems. Was wir Naturgesetze nennen, ist lediglich an die Bedingungen des Zusammenseins der Erde mit den Sonnenbedingungen zu knüpfen; und wie der geistige Organismus des Menschen, wenn wir den Leib verlassen, ins Geistige geht, ebenso wahr entzieht sich die Erde dem Sonnenorganismus, nur dass der Mensch seinen Leib dem Irdischen übergibt, die Erde ihr Geistiges dem Geistesleben, dem dann die Menschenseelen angehören. Zu diesen Vorstellungen aufzurücken, ist möglich. Die Weltenrätsel ergeben sich, wenn man erweitert die Seelenrätsel richtig betrachtet.
[ 47 ] Ich bin fest davon überzeugt: Mit diesem eben Angedeuteten steht man natürlich heute noch zum großen Teil allein da. Aber wenn man auch heute noch allein dasteht, so stand ja auch Kopernikus allein da und diejenigen, die etwas einzuwenden hatten gegen Kopernikus, haben das zum Teil eingewendet bis zum Jahre [1822]. Von derselben Kategorie sind die Einwendungen gegen die Geisteswissenschaft. Sie tritt heute gewiss unvollkommen in die menschliche Kultur ein; aber ich bin fest davon überzeugt, dass dasjenige, was als Geisteswissenschaft gesucht wird, gerade im richtigen deutschen Geistesleben fußt. Damit will ich nicht irgendetwas Chauvinistisches vorbringen und ich halte es nicht für irgendeinen Zufall, dass ein etwas tieferer Geist lange vor diesem Kriege selbst für die Physik glaubte, auf die ganze Bedeutung des inneren Nervs des deutschen Geisteslebens eingehen zu müssen. Eduard von Hartmann sagte einmal, in Bezug auf Physik scheint mir wichtig:
Es ist zu hoffen, dass die Irrwege bald als solche erkannt werden und der deutsche Geist der Anglomanie den Rücken kehren wird.
[ 48 ] Eduard von Hartmann ist ein Jahrzehnt vor dem Kriege gestorben. Ich freute mich, diese Worte bei ihm zu finden; denn der erste Aufsatz, den ich als junger Dachs geleistet habe, der behandelte den schädlichen Einfluss des englischen Materialismus auf das deutsche Geistesleben, und hatte die Aufgabe, das deutsche Geistesleben aufzurufen. Es gibt schon Geister in der deutschen Entwicklung, die von solchen Impulsen durchdrungen waren. Wie wunderbar tönen uns des Novalis’ Seherworte entgegen:
Wir werden erst Physiker werden, wenn wir imaginative Stoffe und Kräfte zu Maßstab der Naturstoffe und -kräfte machen.
[ 49 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sie kann erst heute gefunden werden. Wir stehen an ihrem Anfang; aber gerade die Sehnsucht darnach war gerade im deutschen Geistesleben immer da. Da muss angeknüpft werden. Deshalb ist es auch, dass wir in deutschen Geistesleben selbst da, wo die Betreffenden keine Forscher sind, ein Aufbäumen sehen gegen das, was so im Sinn des Dewars Anfang und Ende der Erdenentwicklung berechnet, die Kant-Laplace’sche Theorie als etwas gut Fundiertes hinstellt. Herman Grimm hat den schönen Ausspruch getan aus seinen Empfinden heraus. Aus seinem mit dem Geist verwandten Empfinden heraus wandte er sich gegen die Auslegung von Goethe, als ob er Anfang und Ende der Erde hätte vorstellen wollen, mit schönen Worten, die ihm heute verziehen werden, die künftige Wissenschaft rechtfertigen wird.
Und längst hatte [...] die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz. gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr bedürfe als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.
Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären, die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.
[ 50 ] Das, was Herman Grimm ahnt, wird die Geisteswissenschaft zur Wahrheit machen. Sie wird erkennen lassen, wie das, was man als exakte Forschung anerkennt, nichts anderes ist als der Ausfluss einer kranken Phantasie. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist tief im deutschen Geistesleben drinnen veranlagt.
[ 51 ] Und zum Schluss lassen Sie mich nur, ich möchte sagen eine kleine Probe davon geben, wie diese Geisteswissenschaft im deutschen Geistesleben veranlagt ist. Sehen Sie, einer derjenigen, welche sich besonders verdient gemacht haben, so wie es damals möglich war zu vertiefen das Denken, sodass der ätherische, der imaginative menschliche Geist erkannt werden kann, ist der Sohn des großen Fichte, Immanuel Hermann Fichte. Dieser vertritt das, was wir Anthroposophie nennen; denn er sagt:
Das Sinnenbewusstsein dagegen und die auf seinem Ausgangspunkte entstehende Erscheinungswelt mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die Stätte zu sein, in welcher jenes übersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewusste eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt der Ideen in die Sinneswelt einführt. [...] Diese gründliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die «Anthropologie»; in ihrem Endresultate zur «Anthroposophie».
[ 52 ] So in den Vierzigerjahren das Suchen des deutschen Geistes nach der Anthroposophie.
[ 53 ] Und ebenso spricht Troxler von dem übersinnlichen Leib oder Schema
einen feinen, hehren Seelenleib unterschieden von dem gröberen Körper [...] eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war.
[ 54 ] — so Troxler 1827 in seinen Schriften über Seelenrätsel und Menschheitsrätsel.
[ 55 ] Man steht durchaus in den schönsten Impulsen des deutschen Geisteslebens, wenn man versucht, diesen mehr oder weniger vergessenen Ton des tieferen Geisteslebens wieder zu beleben, aber so, dass er eigentlich etwas ganz Neues werden muss: aus einer Spekulation eine unmittelbare Erfahrung. Man braucht nicht zurückzuschrecken vor alle dem, was heute gegen die Geisteswissenschaft eingewendet wird. Einwendungen, die selbst von gut meinenden Menschen gemacht werden, sie gehen aus Unverstand hervor, so wie wenn vor einigen Jahren ein Mann, der glaubte, ein ernster Kritiker zu sein, meine Geisteswissenschaft damit treffen zu können, dass er sagt, er will mir eine Anzahl von Menschen zur Verfügung stellen, derer Charakter man auf geisteswissenschaftlicher Art erforschen soll. Die Veranstaltungen, die er verlangt, würden ausschalten die Methoden, die der Geistesforscher einschlagen muss. Die Dinge werden eben sehr eigentümlich beurteilt. Es wird besonders gesagt: Dasjenige, was geisteswissenschaftliches Resultat ist, von dem wird versichert, dass es eine Erfahrung ist. Dabei wird böswillig verschwiegen, dass nicht bloß das Erlebnis verlangt wird, nicht bloß das Denken verlangt wird für den Geistesforscher, welches ausreicht für die gewöhnliche Forschung, sondern dass verlangt wird ein höheres Denken. Wenn jemand von den Hypothesen spricht, muss man ihm erwidern: Man kann doch als gesunder Mensch /Lücke]. Aber nicht Herabminderung gesunder Vernunft wird verlangt, sondern Erhöhung derselben. So wird überall dasjenige, was als Geisteswissenschaft angegriffen wird leicht, nicht so angegriffen wie man heute dieses oder jenes angreift, sondern Geisteswissenschaft wird oft so angegriffen, dass man, weil man sich nicht einlassen kann auf die Angriffe, so wird von manchen anstelle des Eingehens in die wirkliche Geisteswissenschaft das gesetzt, was man dafür hält; und das ist ein Charakteristikon, dass persönliche Verunglimpfungen, Anzweifelungen der Wahrheitsliebe und so weiter an die Stelle des objektiven Kampfes gesetzt werden. Verunglimpfungen sind leichter in Umlauf zu bringen als das ernste Eingehen auf die Forschungsresultate der Geisteswissenschaft. Glauben Sie aber nicht, dass ich mit diesem heute meine, was mir unangenehm ist, ein Kampf; im Gegenteil, je mehr Widerlegungen erscheinen, aber im Stil sonstiger Widerlegungen, desto besser; je mehr solche Beurteilungen in denjenigen Grenzen sich halten, die der anständige Mensch einhält, sagen wir auf dem Gebiet der Literatur, desto besser.
[ 56 ] Und da will ich zum Schluss etwas herausheben. Mir hat einen großen Spaße gemacht, als ich einmal den «Simplicissimus» in die Hand bekam, wo von «Doktor [Schwätzer]» oder Ähnlichem die Rede war. Man konnte mit Fingern zeigen auf das, was von mir als Geisteswissenschaft getrieben wird; aber es war mit wirklichem Humor geschrieben. Ich liebe diese Erzählungen, wie ich auch die anderen Dinge nicht ungelesen lasse, sofern sie, selbst wenn sie Spott und Hohn sind, sich in den Grenzen halten, welche berechtigt sind in literarischem Verkehr — desto mehr werde ich verstehen, darauf einzugehen und desto mehr soll man darauf eingehen können, wahrhaftig, ob es ein anderer ist oder ich, wenn man lachen kann. Ich lache gerne mit und ich finde nicht, dass in solchen Dingen irgendetwas liegt, worüber man Zurückweisungen haben muss. Wie gesagt, mich hat die Sache sehr unterhalten; aber gegenüber sehr vielem anderen und namentlich gegenüber der allgemeinen Stimmung der Geisteswissenschaft gegenüber darf doch auch noch das erwähnt werden, dass es einem, insbesondere in der jetzigen schweren Zeit, als etwas Wichtiges erscheint, dass Verständnis dafür da sein könne, dass gerade aus den tiefsten Gründen des mitteleuropäischen Geisteslebens heraus Gefühl und Sinn für diese Geisteswissenschaft erwachsen müssten. Vieles von dem, was die Zukunft zu leisten haben wird, wird vielleicht in der Richtung sich beleben, dass durch Geisteswissenschaft wieder belebt wird ein verklungener Ton des deutschen Geisteslebens. Denn dieses wird gerade liegen in der richtigen vollen Ausgestaltung des Sinnes der Goethe’schen Naturanschauung, die elementar hinweist auf die Geisteswissenschaft, auf das, was in ihr veranlagt ist. Daher lassen Sie mich mit Veränderung eines Goethe-Wortes schließen, andeutend die Gesinnung der Geisteswissenschaft. «Betrachtung von Schillers Schädel». Goethe sollte sehen in der Form des Schädels den plastischen Abdruck des Geistes und in dieser Betrachtung prägt er die Worte:
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als dass sich Geist-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.
[ 57 ] Geisteswissenschaft sucht im Stofflichen das Wirken und Weben des Geistes; aber sie sucht auch den Geist in seiner Selbstständigkeit, in seiner Ewigkeit und Unsterblichkeit, als Menschenseele den Geist im Werden, den Geist als Löser der Seelen- und Weltenrätsel; Geisteswissenschaft sucht den Menschen mit der Gesinnung zu durchdringen und zur wissenschaftlichen Wahrheit zu machen das Wort:
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen
Als dass sich Geist-Natur ihm offenbare,
Wie sie zum Stoffe lässt den Geist zerrinnen,
wie sich der Geist im Stoffe selbst bewahre!
