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Ancient Mysteries and Christianity
GA 87

2 November 1901, Berlin

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Ancient Mysteries and Christianity, tr. SOL
  1. Antike Mysterien und Christentum, 1st ed.

3. Heraklit und Pythagoras

3. Heraclitus and Pythagoras

[Sehr verehrte Anwesende!]

[Dear attendees!]

[ 1 ] Ich habe mir in den zwei letzten Vorträgen erlaubt, Heraklit als Repräsentanten der tiefsten Erkenntnis, der tiefsten Weisheit, wie sie im alten Griechenland zu Hause war bis zum fünften, sechsten Jahrhundert, darzustellen. Und ich versuchte darzustellen, was uns von ihm überliefert ist, jene Weisheit, von der Aristoteles sagt, dass sie keine solche ist, die man verstandesmäßig in sich aufnehmen soll, und dass man innerhalb des Kreises, in dem man diese Weisheiten pflegte, sich hat einweihen lassen, dass man dieses Erlebnis mit eigener persönlicher Anteilnahme mitgemacht hat. Der Zweck dieser Heraklit-Betrachtung war, zu zeigen, wie weit eine einzelne Persönlichkeit, wie Heraklit es war, kommen kann, und wie auf der anderen Seite die Lehren einer solchen Persönlichkeit hineinführen in das tiefste Geistesleben, auf dessen Hintergrund auch Heraklit seine Anschauungen gehabt hat.

[ 1 ] In the last two lectures, I took the liberty of presenting Heraclitus as a representative of the deepest insight, the deepest wisdom, as it was known in ancient Greece until the fifth or sixth century. And I tried to present what has been handed down to us from him, that wisdom which Aristotle says is not something to be absorbed intellectually, but rather something to be initiated into within the circle in which this wisdom was cultivated, something to be experienced with one's own personal involvement. The purpose of this Heraclitus reflection was to show how far a single personality such as Heraclitus could go, and how, on the other hand, the teachings of such a personality lead into the deepest spiritual life, against the background of which Heraclitus also had his views.

[ 2 ] Nun möchte ich, gleichsam zur Ergänzung und zur Bekräftigung dessen, was ich gesagt habe, noch hinzufügen einige Aussprüche, einige Lehrsätze des Heraklit, die uns so recht zeigen, wie unmittelbar aus diesen Anschauungen — wie ich es das letzte Mal zu entwickeln mir erlaubte — von den Verhältnissen der Außenwelt zu dem menschlichen Bewusstsein selbst das ganze Wesen der Heraklit’schen Weltanschauung geflossen ist.

[ 2 ] Now, as a supplement and reinforcement of what I have said, I would like to add a few sayings, some of Heraclitus's teachings, which show us so clearly how, directly from these views — as I took the liberty of developing last time — the whole essence of Heraclitus's worldview flowed from the conditions of the outer world to human consciousness itself.

[ 3 ] Ich habe gezeigt, dass das Wesen der Mysterien zunächst darin bestand, dass alle die Anschauungen, welche die große Masse hatte über die Entstehung und das Wesen der äußeren Welt, untertauchen in jene Anschauung des Menschen, die der Mensch des Alltagslebens ergreift von seinem Ich; dass alles in einem höheren Licht erscheint, dass der Mensch das Licht nicht mehr draußen im Raume sucht,sondern in seinem Inneren, dass also höchste Erkenntnis nicht mehr ist äußere Welterkenntnis, sondern eigene Selbsterkenntnis, dass dieses «Erkenne dich selbst», welches durch die griechische Weisheit hindurchgeht, nicht etwas Nebensächliches ist, sondern der Grundstein der ganzen griechischen Weisheit. In der Selbsterkenntnis ist Gotteserkenntnis zu finden: Das ist schließlich das Wesen der Mysterienlehren. Wenn wir zuletzt zurückgeführt werden auf das eigene Selbst, auf die Seele als dasjenige, was wir finden, wenn wir in uns hineinblicken; wenn es wahr ist, dass wir — wie beim Bilde zu Sais nichts finden als das menschliche Selbst, dann ist dieses menschliche Selbst, das [der Mensch] eingeschlossen glaubt in sein leibliches Leben zwischen Geburt und Tod, nicht ein endliches Selbst, sondern dieses scheinbar endliche Selbst, dieses eingeschlossene Selbst erweitert sich zu dem ganzen Universum, sodass dieses schließlich nichts anderes wird als das Selbst.

[ 3 ] I have shown that the essence of the mysteries consisted, first of all, in the fact that all the views that the great masses had about the origin and nature of the external world submerged into that view of man which man in everyday life grasps from his ego; that everything appears in a higher light, that man no longer seeks the light outside in space, but within himself, that the highest knowledge is no longer knowledge of the external world, but knowledge of oneself, that this “know thyself,” which runs through Greek wisdom, is not something incidental, but the cornerstone of all Greek wisdom. In self-knowledge, knowledge of God is to be found: that is, after all, the essence of the mystery teachings. If we are ultimately led back to our own self, to the soul as that which we find when we look within ourselves; if it is true that, as in the image at Sais, we find nothing but the human self, then this human self, which [human beings] believe to be enclosed in their physical life between birth and death, is not a finite self, but this seemingly finite self, this enclosed self, expands to the whole universe, so that it ultimately becomes nothing other than the self.

[ 4 ] Das ist der tiefere Sinn, der den Mysterien zugrunde liegt. Die Kosmologien, die Weltentstehungslehren, sie stellen nichts anderes dar als den Menschen, der sich bis zu den höchsten Sprossen des Bewusstseins zu entwickeln vermag. Wenn das Selbst wirklich das letzte Wesen der Welt ist, so muss man sagen: Dieses Selbst ist tatsächlich bei dem, was man Weltentstehung, Weltentwicklung nennt, dabei gewesen. Das, was den Menschen ausmacht, ist nicht bloß ein Spiegelbild des Wirklichen, wie es in der Erkenntnislehre angenommen wird. Man nimmt an, dass das Weltwesen abgeschlossen sei, und dass der Mensch nichts anderes sei als ein bloßes Spiegelbild. Dieses [Spiegelbildliche] hört sofort auf, wenn dieses Selbst nicht mehr als Einzelwesen, sondern als Urwesen erscheint, das bei dem ganzen Prozesse immer dabei gewesen ist. Es [ist] also das, was der Mensch selber ist.

[ 4 ] This is the deeper meaning underlying the mysteries. The cosmologies, the doctrines of the origin of the world, represent nothing other than the human being who is capable of developing to the highest levels of consciousness. If the self is truly the ultimate being in the world, then one must say: this self has indeed been present in what is called the creation and development of the world. What constitutes the human being is not merely a reflection of reality, as is assumed in epistemology. It is assumed that the world entity is complete and that man is nothing more than a mere reflection. This [reflection] ceases immediately when this Self appears no longer as an individual being, but as a primordial being that has always been present throughout the entire process. It [is] therefore what man himself is.

[ 5 ] Für die Sinne erscheint irgendeine äußere Tatsache in ganz bestimmter Weise. An Sinnenerkenntnis haftet des Menschen Glaube. Diese [spaltet sich auf in einzelne Ereignisse, in die einzelnen Wesen] im Raum und in der Zeit. Nun nimmt der Mensch dieses ganze Ereignis heraus aus der Zeit und taucht es unter in das Feuer seines Bewusstseins. Da wird es nun erst dasjenige, was es seinerUrwesenheit nach ist, sodass der Erkenntnisprozess nicht bloß etwas ist, was neben dem Weltprozess nebenherläuft, sondern etwas ist, was darinnen ist, was vor ihm da ist. Das Erkennen ist also nicht eine Wiederholung des Weltprozesses, sondern ein Zurückvertiefen in das Urwesen der Welt, in das, was der Welt tatsächlich zugrunde liegt. Wer also überzeugt ist, dass er nicht bloß aufnimmt, sondern seine eigene Wesenheit hinausgießt, mit der Wesenheit draußen verbindet, der erkennt in der Welt [...] sich selbst. Das kann der Mensch aber nur erreichen, wenn er die verschiedenen Sprossen [der geistigen Entwicklung] hinaufsteigt. Dass Heraklit in der Erkenntnis nichts anderes sah als die höchste Blüte, die die Welt hervorbringen kann, dass er sie nicht als etwas ansah, das auch wegbleiben könnte, geht aus dem hervor, was uns von ihm überliefert ist. Die Erkenntnis erscheint uns [normalerweise] wie eine zufällig zum ganzen Weltprozess hinzugekommene Sache. So erscheint Heraklit das nicht. Der erkennende Mensch war für ihn der wahrhaft existierende Mensch; und wenn wir das begreifen, so wird uns die Weltanschauung von Heraklit vollständig deutlich werden.

[ 5 ] To the senses, any external fact appears in a very specific way. Human belief is attached to sensory knowledge. This [splits into individual events, into individual beings] in space and time. Now man takes this whole event out of time and immerses it in the fire of his consciousness. There it becomes what it is in its primordial being, so that the process of cognition is not merely something that runs parallel to the world process, but something that is within it, that is there before it. Cognition is therefore not a repetition of the world process, but a deepening back into the primordial essence of the world, into what actually underlies the world. So anyone who is convinced that they are not merely absorbing, but pouring out their own essence, connecting with the essence outside, recognises themselves in the world [...]. But human beings can only achieve this if they climb the various rungs [of spiritual development]. That Heraclitus saw nothing else in knowledge but the highest blossom that the world can produce, that he did not regard it as something that could also be absent, is evident from what has been handed down to us from him. Knowledge [normally] appears to us as something that has accidentally been added to the whole world process. This is not how it appears to Heraclitus. For him, the cognizant human being was the truly existing human being; and when we understand this, Heraclitus' worldview becomes completely clear to us.

[ 6 ] Bis auf Pfleiderer wurde seine Weltanschauung nicht klar erkannt, weil der Mensch selber in fortwährendem Flusse sich befindet. Pfleiderer konnte gar nicht anders darüber denken, als dass Heraklit in einem Widerspruch befangen wäre. Als ewigen Fluss der Dinge betrachtete er das Auf- und Niedersteigen, das Kommen und Gehen, welches sich Heraklit unter dem Bilde des Feuers vorstellt. Eingesponnen in den kosmischen Weltprozess ist das menschliche Ich, die menschliche Seele. Und doch, sagt Pfleiderer, ist es so, wie wenn Heraklit eine ewige Seele annähme. Auf der einen Seite haben wir das höchste Weltprinzip, das Urwesen, das die einzelne Individualität völlig ausschließt, und auf der anderen Seite haben wir den Menschen, der doch wieder eine gewisse Unsterblichkeit hat. Auf der einen Seite haben wir den großen Weltprozess in dem fortgesetzten Kommen und Gehen, und auf der anderen Seite das einzelne Selbst, das eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, aber sich zum Göttlichen erweitern kann. Der Mystiker, der Eingeweihte unterschied sich ja gerade dadurch von dem gewöhnlichen Menschen, dass dieBetrachtung der Welt und die Betrachtung des eigenen Selbst für den Letzteren ein Widerspruch war und für ihn nicht. Das Wesen der Mysterien bestand gerade darin, dass durch das Leben innerhalb der Mysterienwelt dieser Widerspruch aufhörte, ein Widerspruch zu sein. Die Menschen sollten eben etwas erleben, wodurch die tiefe Disharmonie der Welt verschwindet. Das Einweihenlassen, das Teilnehmen an den Mysterien, war ja eben der Weg zum Verschwindenlassen des Widerspruchs, der an den gewöhnlichen Anschauungen der Dinge haftet. So war für die Mysten, für die, welche sich einweihen ließen, das Endziel dieses: das, was für die gewöhnlichen Menschen die größte Furcht bringt, weil es scheinbar die physische Sinnenwelt, die auf- und abwogende Welt, die ewig kommenden Ereignisse und Taten wie in einem Nichts verschwinden lässt, dieses Phänomen des Todes, nicht mehr in der Weise anzusehen. Das war das Ziel des Mysten. Der Myste sollte bis dahin gebracht werden, dieses furchtbarste Ereignis auffassen zu lernen nicht als jenes furchtbare Ereignis, sondern als ein Symbol für die tiefste Erkenntnis. Das also, was für den gewöhnlichen Menschen das Furchtbarste, das Schrecklichste war, das sollte er ansehen als eine Erfahrung. Daher war der Gott des Todes, Hades, auch der Gott des Lebens, Dionysos. Der Tod als ein Symbol, nicht als eine Tatsache, soll den Mysten vor Augen gestellt werden. Das ist es, was über den ganzen HeraklitAussprüchen schwebt, und sie können nur von diesem Standpunkte aus verstanden werden.

[ 6 ] Except for Pfleiderer, his worldview was not clearly recognized because human beings themselves are in a state of constant flux. Pfleiderer could not help but think that Heraclitus was caught in a contradiction. He regarded the rising and falling, the coming and going, which Heraclitus has in his mental image of fire, as the eternal flow of things. The human ego, the human soul, is entangled in the cosmic world process. And yet, says Pfleiderer, it is as if Heraclitus assumed an eternal soul. On the one hand, we have the highest world principle, the primordial being, which completely excludes individuality, and on the other hand, we have the human being, who nevertheless has a certain immortality. On the one hand, we have the great world process in its continuous coming and going, and on the other hand, we have the individual self, which is enclosed between birth and death but can expand toward the divine. The mystic, the initiate, differed from the ordinary person precisely in that the observation of the world and the observation of one's own self was a contradiction for the latter but not for the former. The essence of the mysteries was precisely that, through life within the mystery world, this contradiction ceased to be a contradiction. People were to experience something that would make the deep disharmony of the world disappear. Initiation, participation in the mysteries, was precisely the way to make the contradiction inherent in the ordinary view of things disappear. Thus, for the mystics, for those who were initiated, the ultimate goal was this: to no longer view what causes ordinary people the greatest fear, because it seemingly makes the physical sensory world, the world of ups and downs, the eternal coming events and deeds disappear into nothingness, this phenomenon of death. That was the goal of the mystics. The mystic was to be brought to the point of learning to perceive this most terrible event not as a terrible event, but as a symbol of the deepest insight. Thus, what was most terrible and frightening for ordinary people was to be seen as an experience. Therefore, the god of death, Hades, was also the god of life, Dionysus. Death as a symbol, not as a fact, should be presented to the mystics. This is what hovers over all of Heraclitus' sayings, and they can only be understood from this point of view.

[ 7 ] Wenn Heraklit sagt: Leichname sind anzusehen wie gewöhnliche Dinge, nichts ist auf den Leichnam zu geben — so werden Sie dadurch noch viel tiefer in die Heraklit’sche Anschauung hineingeführt. Im Griechischen besteht eine gewisse Verführung dazu, den menschlichen Leib mit dem Grabhügel zu vergleichen, weil durch ein leichtes Wortspiel ein solcher Vergleich herbeigeführt werden kann. Som» heißt «Leib» und «Sema heißt «Grabhügeb. Dieses Wortspiel wurde aber nicht nur von Heraklit, sondern von allen, welche mit der griechischen Weisheit zu tun hatten, gebraucht. Dieses Wort führt uns viel tiefer in die Sache hinein. Heraklit ist durchaus von der Auffassung, die durch die ganze griechische Mystik hindurchgeht, durchdrungen, dass das, was der Weise «Seel nennt, ruht im Leibe wie der Leib im Grabhügel. Mit einem geradezu erhabenen Wort sagt er, dass die Götter dasjenige leben, was für das gewöhnliche Wesen der Tod ist. Die Unsterblichen leben den Tod der Sterblichen.

[ 7 ] When Heraclitus says: Corpses are to be regarded as ordinary things, nothing is to be given to the corpse — this leads you even deeper into Heraclitus' view. In Greek, there is a certain temptation to compare the human body with a burial mound, because such a comparison can be made through a slight play on words. Som means “body” and sema means “burial mound.” However, this play on words was used not only by Heraclitus, but by all those who were involved with Greek wisdom. This word takes us much deeper into the matter. Heraclitus is thoroughly imbued with the view that runs through all Greek mysticism, that what the wise man calls “soul” rests in the body as the body rests in the grave mound. With an almost sublime word, he says that the gods live what is death for ordinary beings. The immortals live the death of mortals.

[ 8 ] Hier haben wir in einem Heraklit’schen Ausspruch eine andere Form der gewöhnlichen Auffassung, der gewöhnlichen griechischen Weisheit, die darin besteht, den Tod anzusehen als ein Symbol, nicht als eine Tatsache, weil alle die einzelnen Dinge der Außenwelt die Bedeutung verlieren, die sie für den Alltagsmenschen haben, untertauchen in die geistige Welt und da etwas ganz anderes werden. Die Dinge in ihrer gewöhnlichen Bedeutung werden ertötet, sterben unter der Hand dem erkennenden Menschen. Sie erscheinen in ihrer unendlichen, ewigen Bedeutung. Dasjenige, was der gewöhnliche Mensch Leben nennt, also das, was für ihn das Fruchtbarste, das Wirkliche ist, hört auf, das Wirkliche zu sein. So kann das, was der gewöhnliche Mensch Leben nennt, was der Mensch sinnenfällige Wirklichkeit nennt, nichts anderes sein als das, was erst Leben gewinnt und das Sinnenfällige erst absterben macht. Deshalb wird der Tod ein Symbol für diese höhere Anschauung. Nun verbindet sich da für Heraklit eine andere Anschauung, mit der er, ich möchte sagen, zu gleicher Zeit das auch bei sich aufweist, was Grundüberzeugung aller Mystik ist, nämlich die von der Unendlichkeit der Erkenntnis. Der an der gewöhnlichen Tagesweisheit Haftende kommt gewöhnlich zu der Erkenntnis, als ob wir nicht über das Sinnliche hinauskommen könnten. Wir können doch nicht in das Grundwesen, in das «Ding an sich» eindringen, sagt [Kant]. Nur ein einziger wirklicher Blick in Heraklits Grundanschauung kann uns zeigen, dass Heraklit in diesem Punkte viel weiter war als die Anhänger der Kant’schen Philosophie um das Jahr 1900 herum. Heraklit ist der Überzeugung, dass der, welcher den Weg wirklich zu gehen vermag, dann erreicht als Ergebnis ein tiefes inneres Erlebnis, das wir auch wiederfinden bei den deutschen Mystikern und namentlich bei Tauler, dass, wenn wir in das eigentliche Wesen der Seele eindringen, wenn wir uns in sie ganz vertiefen, wir an keine Grenzen kommen werden. Es gibt keine Grenzen der Erkenntnis. Die äußeren Dinge sind abgeschlossen.Wir können nur nach Maßgabe unserer Sinne in sie eindringen. Bei einer gewissen Tiefe unserer Selbsterkenntnis können wir aber hinausschreiten zu noch weiteren Tiefen. Es gibt keine Grenzen der Erkenntnis, weil die Selbsterkenntnis nicht stehen bleiben kann. Ein Gott, der alles erkannte, der alles wüsste, würde für den Mystiker ein Hindernis sein. Daher kann es einen allwissenden und allweisen Gott nicht geben. Es muss für die Mystiker ein Unvollendetes da sein, es muss die Möglichkeit da sein, noch göttlicher und immer noch göttlicher zu werden, zu immer höherer Vollendungsstufe aufzusteigen, sich immer mehr zu vertiefen.

[ 8 ] Here, in a Heraclitean saying, we have another form of the common view, the common Greek wisdom, which consists in seeing death as a symbol, not as a fact, because all the individual things of the outer world lose the meaning they have for everyday people, submerge into the spiritual world, and become something completely different there. Things in their ordinary meaning are killed, die under the hand of the discerning person. They appear in their infinite, eternal meaning. What the ordinary person calls life, that is, what is most fruitful and real for them, ceases to be real. Thus, what ordinary people call life, what people call sensory reality, can be nothing other than that which first gains life and causes the sensory to die. That is why death becomes a symbol for this higher view. Now, for Heraclitus, this is connected with another view, with which he, I would say, at the same time demonstrates what is the fundamental conviction of all mysticism, namely, the infinity of knowledge. Those who cling to ordinary everyday wisdom usually come to the conclusion that we cannot go beyond the sensory. We cannot penetrate the fundamental nature, the “thing in itself,” says [Kant]. Just a single glance at Heraclitus' fundamental view can show us that Heraclitus was much further ahead on this point than the followers of Kant's philosophy around the year 1900. Heraclitus is convinced that those who are truly able to follow this path will achieve a profound inner experience, which we also find in the German mystics, particularly in Tauler, namely that when we penetrate the true essence of the soul, when we immerse ourselves completely in it, we will encounter no limits. There are no limits to knowledge. External things are finite. We can only penetrate them to the extent of our senses. But with a certain depth of self-knowledge, we can go beyond to even greater depths. There are no limits to knowledge because self-knowledge cannot stand still. A God who knew everything, who knew everything, would be an obstacle for the mystic. Therefore, there cannot be an omniscient and all-wise God. For mystics, there must be something unfinished, there must be the possibility of becoming even more divine and ever more divine, of ascending to ever higher levels of perfection, of deepening oneself more and more.

[ 9 ] So erweitert sich die Welt bei Heraklit nach der Richtung der Selbsterkenntnis zu einer unendlichen Tiefe. Das bewahrt Heraklit vor jedem Vorwurf, der den Ausspruch getan hat: «Ich weiß alles.» — Denn er war auch überzeugt von der Unmöglichkeit, jemals an eine Grenze zu kommen. Das zeigt, dass Heraklit auch die wahre, groRe, echte Bescheidenheit hatte, die die Folge einer wahren, echten Selbsterkenntnis ist, die niemals etwas Vollkommenes und Abgeschlossenes sein kann. So sehen wir, dass [es] auf dem Wege, welcher die Grundwesenheit aller mystischen Anschauung ausmacht, niemals das Verzweifeln an der Erkenntnis [gibt], sondern die wahre, echte Zuversicht, dass durch die fortwährende Vertiefung immer neue, immer tiefere Erkenntnis erreicht werden kann. Das ist dasjenige, was der Heraklit’schen Weltanschauung zugrunde liegt. Und diese Überzeugung, die den Menschen überkommt, wenn er sich darüber klar wird durch die fortwährende Vertiefung ins Innere, die bezeichnet Heraklit dadurch, dass er sagt, dass die Seele immer mehr und mehr bestrebt ist, aus dem Nassen ins Trockene zu kommen. Je weiser eine Seele ist, je mehr sie sich vom Nassen entfernt, desto trockener ist sie. Die Weisheit fährt wie ein Blitz durch sie.

[ 9 ] Thus, in Heraclitus' view, the world expands in the direction of self-knowledge to an infinite depth. This protects Heraclitus from any accusation of having said, “I know everything.” — For he was also convinced of the impossibility of ever reaching a limit. This shows that Heraclitus also possessed true, great, genuine humility, which is the result of true, genuine self-knowledge, which can never be perfect and complete. Thus, we see that on the path that constitutes the fundamental essence of all mystical perception, there is never despair in knowledge, but rather true, genuine confidence that through continuous deepening, ever new, ever deeper knowledge can be attained. This is what underlies Heraclitus' worldview. And Heraclitus describes this conviction, which comes over people when they become aware of it through continuous deepening within, by saying that the soul strives more and more to come out of the wet into the dry. The wiser a soul is, the more it moves away from the wet, the drier it is. Wisdom flashes through it like lightning.

[ 10 ] Das zeigt, dass Heraklit da angekommen war, wo alle äußeren Anschauungen der Welt umgeschmolzen werden im Feuer der Erkenntnis, wo sie ein höheres Leben beginnen. Nun löst sich das, was uns zunächst als Widerspruch erscheint, in einer höheren Harmonie auf. Der Widerspruch, der besteht [einerseits] zwischen der kosmologischen Weltanschauung, die die Welt vor sich sieht in

[ 10 ] This shows that Heraclitus had arrived at the point where all external views of the world are melted down in the fire of knowledge, where they begin a higher life. Now what initially appears to us as a contradiction dissolves into a higher harmony. The contradiction that exists [on the one hand] between the cosmological worldview, which sees the world before it in

[ 11 ] stetem Kommen und Gehen, in einer großen Weltharmonie, und [andererseits] dem [einzelnen] Menschenwesen, das eingespannt ist zwischen Geburt und Tod, und die dann bildet einen Übergriff in die Welt des Menschen, löst sich dadurch, dass das [einzelne] Wesen nur für die unteren Stufen der Erkenntnis eine Wahrheit ist und dass dies aufhört für die höhere [Erkenntnis]. [Es hört auch schon auf] innerhalb des zeitlichen Lebens zwischen Geburt und Tod, [dann wenn] das Licht des Ewigen in das zeitliche Leben [hineinleuchtet], sodass es mit dem Zeitlichen als ein und dasselbe erscheint. Wenn [auf diese Weise] das individuelle menschliche Leben als gleichwertig, als gleichbedeutend erscheint [mit dem Ewigen], dann hört der Widerspruch auf. Das geschieht dadurch, dass Heraklit auf der einen Seite eine große Harmonie hat und auf der anderen Seite die einzelnen Wesenheiten wie in eine unsterbliche Wesenheit, wie in eine ewige Wesenheit auflöst. Erkennen heißt leben, und leben heißt überwinden eines Widerspruches, der von Anfang an vorhanden ist. Wer glaubt, dass er einen Widerspruch durch das Spintisieren des Verstandes lösen kann, der wird über den Widerspruch nicht hinauskommen, der kann nicht das Wesen der mystischen Anschauungen ergreifen. Der Myste weiß, dass zunächst ein Widerspruch da sein muss und dass das Leben darin besteht, den Widerspruch im eigenen Leben zu überwinden. Das ist es, was Heraklit mit seinen verschiedenen zerstreuten Aussprüchen sagen wollte. Aber wir können, wenn wir den Mysterienhintergrund haben, diese Aussprüche verbinden und bekommen dann eine geschlossene Weltanschauung, die uns zeigt, wie diese Persönlichkeit weit hereinleuchtet bis in die moderne Zeit, und dass wir sehr viel gewinnen können, wenn wir uns in die Philosophie dieser wunderbaren Persönlichkeit vertiefen, uns an ihr aufrichten.

[ 11 ] constant coming and going, in a great world harmony, and [on the other hand] the [individual] human being, who is caught between birth and death, and which then forms an encroachment into the world of man, is resolved by the fact that the [individual] being is only a truth for the lower levels of knowledge and that this ceases for the higher [knowledge]. [It also ceases] within the temporal life between birth and death, [when] the light of the eternal shines into temporal life, so that it appears to be one and the same with the temporal. When [in this way] individual human life appears to be equal, synonymous [with the eternal], then the contradiction ceases. This happens because Heraclitus has great harmony on the one hand and, on the other hand, dissolves the individual entities into an immortal entity, into an eternal entity. To know means to live, and to live means to overcome a contradiction that has been present from the beginning. Those who believe that they can resolve a contradiction by speculating with their minds will not be able to overcome the contradiction; they cannot grasp the essence of mystical views. The mystic knows that a contradiction must first exist and that life consists of overcoming the contradiction in one's own life. This is what Heraclitus wanted to say with his various scattered sayings. But if we have the background of the mysteries, we can connect these sayings and then obtain a coherent worldview that shows us how this personality shines far into modern times, and that we can gain a great deal by delving into the philosophy of this wonderful personality and drawing inspiration from it.

[ 12 ] Nun noch ein paar Worte in Bezug auf die griechische Mysterienlehre, nachdem wir Heraklit durchgenommen haben, da ich die orphische Lehre behandeln muss mit der pythagoreischen Schule zusammen, die sich ungefähr zur selben Zeit ausbreitete, als die orphische Lehre auf ihrer Höhe angelangt war. Diese orphische Lehre hat auch eine Mystik ausgebildet, und diese erscheint uns neben derMystik der Pythagoreer wie ein Licht neben einem anderen Licht. [Die Orphiker] haben wir auf der einen Seite, die Pythagoreer auf der anderen Seite. Den Zusammenfluss dieser beiden Strömungen lernen wir kennen ungefähr zweihundert Jahre später in den platonischen Weltanschauungen. In dieser fließen die beiden Strömungen zusammen.

[ 12 ] Now a few words about the Greek mystery teachings, after we have gone through Heraclitus, since I must deal with the Orphic teachings together with the Pythagorean school, which spread at about the same time that the Orphic teachings reached their peak. These Orphic teachings also developed a mysticism, and this appears to us, alongside the mysticism of the Pythagoreans, like one light beside another. We have [the Orphics] on one side and the Pythagoreans on the other. We learn about the confluence of these two currents about two hundred years later in the Platonic worldviews. In these, the two currents flow together.

[ 13 ] Da erscheint uns auf einmal ein höherer Ausgleich zwischen der pythagoreischen und der orphischen Mystik. Die griechische Mystik hatte das Ziel, das furchtbarste Ereignis, den Tod als Tatsache [zu verwandeln in ein] Symbol für die fort und fort sich vertiefende Erkenntnis. Das war nur möglich, wenn die Mysten stufenweise eingeführt wurden, auf den höheren Stufen der Erkenntnis. Ganz langsam geführt wurde da. Auch bei den Pythagoreern war ein langsames Führen gang und gäbe. Das musste so sein, weil es nicht auf logisches Durchdringen ankam, sondern auf ein lebensvolles Durchlaufen der einzelnen Erkenntnisstufen.

[ 13 ] Suddenly, a higher balance between Pythagorean and Orphic mysticism appears to us. Greek mysticism had the goal of transforming the most terrible event, death as a fact, into a symbol of ever-deepening knowledge. This was only possible if the mystics were gradually introduced to the higher levels of knowledge. They were guided very slowly. Slow guidance was also common practice among the Pythagoreans. This had to be the case because it was not a matter of logical penetration, but of a lively passage through the individual stages of knowledge.

[ 14 ] Die Orphiker erscheinen uns, wenn wir uns den Inhalt [ihrer] Weltanschauung vorhalten, auf einer höheren Stufe wissenschaftlicher Ausprägung als das, was im griechischen Götterglauben enthalten ist. Wenn wir die Kosmogonie der Orphiker uns vor Augen halten, so erscheint sie uns als eine Schilderung von äußeren Vorgängen zunächst. Sie erscheint uns als nichts anderes als in wissenschaftliche Sprache umgesetzte Mythologie.

[ 14 ] When we consider the content of [their] worldview, the Orphics appear to us to be on a higher level of scientific development than that contained in the Greek belief in gods. When we consider the cosmogony of the Orphics, it appears to us at first glance to be a description of external processes. It appears to us to be nothing more than mythology translated into scientific language.

[ 15 ] So haben wir in der tiefsinnigen orphischen Weltanschauung gegeben eine Weltanschauung, welche zunächst die Zeit als dasjenige betrachtet, was im Anfange dagewesen ist. Also die Zeit war es, von der alles seinen Ursprung hat. Aus der Zeit sind entsprungen der Äther und das Chaos. Der Äther ist dasselbe etwa, was wir bei Heraklit als Feuer kennen. Das Chaos ist die ganze Fülle und Mannigfaltigkeit der materiellen Welt.

[ 15 ] Thus, in the profound Orphic worldview, we have a worldview that initially regards time as that which existed in the beginning. So it was time from which everything originated. From time sprang ether and chaos. The ether is roughly the same as what we know as fire in Heraclitus. Chaos is the whole fullness and diversity of the material world.

[ 16 ] Aus der Verbindung des Chaos mit dem Äther, also des Unbegrenztesten und [des] Festesten, entsteht das Werden also mit dem Chaos. Das Werden unter einem Bilde vorgestellt ist unmittelbarer Ausfluss des Starrsten. Es stellt sich das als Gebärendes, als Hervorbringendes vor. Es entsteht aus dem Flüssigen. Das Werden aus demBegrenzten und Unbegrenzten. Aus dem Ei gebar zunächst Chaos ein mann-weibliches Wesen. Das brachte aus sich selbst ein bloß Weibliches hervor. Und aus diesen beiden ging das Erste hervor, was uns in der griechischen Mythologie als Uranos und Gäa begegnet. Uranos und Gäa werden von [Kronos] verschlungen, sodass Zeus die gesamten früheren Weltwesenheiten, die ich eben genannt habe, seinerseits in sich aufnimmt, [...] und durch sich wieder belebt.

[ 16 ] From the connection of chaos with the ether, that is, the most unlimited and [the] most solid, becoming arises with chaos. Becoming, presented in a mental image, is the direct result of the most rigid. It presents itself as giving birth, as producing. It arises from the fluid. Becoming from the limited and the unlimited. From the egg, Chaos first gave birth to a male-female being. This produced from itself a purely female being. And from these two came forth the first beings we encounter in Greek mythology as Uranus and Gaia. Uranus and Gaia are devoured by [Cronus], so that Zeus absorbs all the earlier world beings I have just mentioned, [...] and revives them through himself.

[ 17 ] Diesen Weltentstehungsprozess dürfen wir uns nur übersetzen in innere Bewusstseinsvorgänge. So haben wir mit dieser Schilderung äußerer Tatsachen das, was dem Mysten zunächst vorgehalten werden sollte. Wir müssen uns klarmachen, dass für den Mystiker die Zeit, Kronos, [...] ein anschauliches Erlebnis geworden ist als eine vorhandene Leere, als dasjenige, was noch nicht ist, aber alles aus sich hervorbringen kann.

[ 17 ] We can only translate this process of the creation of the world into inner processes of consciousness. With this description of external facts, we have what should first be presented to the mystic. We must realize that for the mystic, time, Kronos, [...] has become a vivid experience as an existing void, as that which is not yet, but can bring forth everything from itself.

[ 18 ] Als das kongruenteste Bild des Werdens erscheint die unerfüllte Zeit. Diese ist für das Bewusstsein in einen Bewusstseinszustand übersetzt mit nichts anderem zu übersetzen als mit Gedächtnis, sodass wir also unter Kronos nichts anderes vorzustellen haben als das ewige Weltgedächtnis. Wenn wir uns nun die einzelnen Wesenheiten übersetzen, nicht den Bewusstseinszustand der einzelnen Wesen, sondern wenn wir das menschlich überwundene Wesen uns vorstellen, dann erlangen wir einen Bewusstseinszustand, der nur in Erinnerung besteht, dass die Dinge hinter- und nebeneinander sind und im [Kommen] und Gehen innerhalb der Zeit nur festgehalten werden können dadurch, dass wir das Einzelne mit dem andern Einzelnen verbinden zu dem ewigen Weltgedächtnis.

[ 18 ] The most congruent image of becoming appears to be unfulfilled time. For consciousness, this is translated into a state of consciousness that can be translated into nothing other than memory, so that we have nothing else to create as a mental image under Kronos than the eternal memory of the world. If we now translate the individual entities, not the state of consciousness of the individual beings, but if we create a mental image of the humanly transcended being, then we attain a state of consciousness that consists only in the memory that things are behind and beside each other and can only be recorded in [coming] and going within time can only be recorded by connecting the individual with the other individual to the eternal world memory.

[ 19 ] Aus diesem ewigen Weltgedächtnis entsteht eine ewige Sonderung ] in das Festeste und in das Starrste.

[ 19 ] From this eternal world memory arises an eternal separation ] into the most solid and the most rigid.

[ 20 ] Innerhalb des Gedächtnisses kann nicht unterschieden werden zwischen dem Äther und dem Chaos. Erst dann geschieht das, wenn die Möglichkeit auftaucht, zu unterscheiden zwischen dem Materiellen und dem Geistigen aus dem Ewigen. Diese beiden stehen einander gegenüber so, dass der Geist sich selbst seinen Dualismus schafft. Es handelt sich darum, das Bewusstsein für sich auseinandertreten zu lassen. Dadurch entstehen das Materielle und das Geistige, und dadurch gewinnt der Mensch erst die Möglichkeit, von der Welt etwas von der alleruntersten Stufe zu erkennen. Die Welt ist in einem ewigen Werden, und das ist nichts anderes als das ewige Übergehen vom Entstehen ins Vergehen, vom Sein ins Nichtsein. Dieses ewige Hervorgehen dessen, was nicht für die Sinne wahrnehmbar ist, zu einem sinnenfälligen Dasein ist das Wechselspiel zwischen Geist und Materie.

[ 20 ] Within memory, no distinction can be made between ether and chaos. This only happens when the possibility arises to distinguish between the material and the spiritual from the eternal. These two stand opposite each other in such a way that the spirit creates its own dualism. It is a matter of allowing consciousness to separate itself. This gives rise to the material and the spiritual, and only then does man gain the possibility of recognizing something of the lowest level of the world. The world is in a state of eternal becoming, and this is nothing other than the eternal transition from emergence to decay, from being to non-being. This eternal emergence of that which is not perceptible to the senses into a sensory existence is the interplay between spirit and matter.

[ 21 ] Die höchsten Geister haben dieses Wechselspiel zu einem Bestandteil der Grundlehren gemacht. Wir wollen hier einen Augenblick bei Goethe haltmachen. Er hat bekanntlich auch etwas über die Metamorphose der Pflanzen und Tiere geschrieben. Er war der Anschauung, dass die Wesen des Tier- und Pflanzenreiches entstehen dadurch, dass alles in ewiger Verwandlung begriffen ist. Goethe ist dazu gekommen dadurch, dass er glaubte, dass ein fortwährendes Wechselspiel zwischen Geist und Materie stattfindet.

[ 21 ] The highest minds have made this interplay a part of their fundamental teachings. Let us pause here for a moment with Goethe. As is well known, he also wrote about the metamorphosis of plants and animals. He believed that the beings of the animal and plant kingdoms arise from the fact that everything is in a state of eternal transformation. Goethe came to this conclusion because he believed that there is a constant interplay between spirit and matter.

[ 22 ] Goethe betrachtet ein Samenkorn, ein kleines materielles Korn, wie es scheint, ein Stückchen formlose Materie, welche nichts weiter ist als Stoff, eingeschlossen zwischen gewissen Grenzen. Aber ist das die Wahrheit? Dasselbe, was wir heute vor uns haben als kleines materielles Teilchen, wird in kürzester Zeit vor uns stehen als voll entwickelte Pflanze, mit Blättern und Blüten. Die voll entwickelte Pflanze und das kleine Samenkorn sind in Wirklichkeit dasselbe, in zwei verschiedenen Zeitpunkten ein und dasselbe. Dem Stoffe nach sind sie verschieden, aber doch ein und dasselbe.

[ 22 ] Goethe considers a seed, a small material grain, as it seems, a piece of formless matter, which is nothing more than substance enclosed within certain boundaries. But is that the truth? The same thing that we see before us today as a small material particle will soon stand before us as a fully developed plant, with leaves and flowers. The fully developed plant and the small seed are in reality the same thing, one and the same at two different points in time. In terms of substance, they are different, but they are still one and the same.

[ 23 ] Was ist ein und dasselbe? In dem kleinen Samenkorn ist dasselbe wie in der großen Pflanze. Die ganze Pflanze ist in geistiger Form in dem Samen enthalten. Der Geist hat sich in die Verborgenheit zurückgezogen. Dieser selbe Geist, der sich versinnlicht in der Pflanze, ist schon vorhanden gewesen. Der Geist offenbart sich im sinnlichen Dasein, ist später in der Pflanze vorhanden.

[ 23 ] What is one and the same? The small seed contains the same as the large plant. The whole plant is contained in the seed in spiritual form. The spirit has withdrawn into concealment. This same spirit, which is sensually manifested in the plant, has already been present. The spirit reveals itself in sensual existence and is later present in the plant.

[ 24 ] In unserer Welt der Sinne ist eine fortwährende Mannigfaltigkeit des Geistes, der sich verbirgt, sich zurückzieht in einen Punkt der Materie und dann sich wieder ausbreitet und sichtbar wird, sodass er das, was er früher unsichtbar gehalten, sichtbar vor uns hinstellt. Nur dadurch aber, dass wir unterscheiden die beiden Wesenheiten Geistund Materie, sind wir imstande, dieses Wechselspiel zu durchdringen. Samenkorn und Pflanze würden auseinanderfallen. Wir würden nie sagen können, das ist ein und dasselbe. Wir würden das nicht begreifen. Der, welcher nicht seelisch wahrnehmen kann, wird sagen: Sie haben nichts miteinander zu tun. Der andere wird sagen: Die ganze Pflanze liegt schon im Samenkorn darinnen als der sich vermannigfaltigende Geist, der einmal im sinnlichen Dasein ist und dann sich wieder zurückzieht. Nur dadurch, dass wir die ganze Wirklichkeit auseinanderschälen in Geist und Materie und das Wechselspiel verfolgen können, sind wir imstande, das Wechselspiel zu begreifen.

[ 24 ] In our world of the senses, there is a constant diversity of spirit, which hides itself, withdraws into a point of matter, and then spreads out again and becomes visible, so that it places before us what it previously kept invisible. But only by distinguishing between the two entities of spirit and matter are we able to penetrate this interplay. The seed and the plant would fall apart. We would never be able to say that they are one and the same. We would not understand that. Those who cannot perceive spiritually will say: They have nothing to do with each other. The other will say: The whole plant is already present in the seed as the multiplying spirit that is once in sensory existence and then withdraws again. Only by peeling away the whole reality into spirit and matter and following the interplay are we able to understand the interplay.

[ 25 ] Dann sind wir angelangt bei dem Zustande, der sich den Mystikern als ein Zustand des Werdens und Gebärens darstellt. Der ist nichts anderes als das Mysterium des Vorhandenseins des Geistes in der wirklichen Welt. Wir können uns das vorstellen unter dem Symbol des Eies, des Dinges, das ein anderes ihm — zwar geistig völlig Gleiches, aber — sinnlich Verschiedenes hervorbringen kann. So stellt sich die ganze mannigfaltige Welt jetzt nicht mehr so dar, wie sie dem sinnlichen Vorstellen, sondern so, wie sie dem geistigen Auge vor die Seele tritt.

[ 25 ] Then we arrive at the state that mystics describe as a state of becoming and giving birth. This is nothing other than the mystery of the presence of the spirit in the real world. We can create a mental image of this under the symbol of the egg, the thing that can produce another thing that is spiritually completely identical to it, but sensually different. Thus, the whole manifold world no longer presents itself as it does in the mental image, but as it appears to the spiritual eye before the soul.

[ 26 ] Nun haben wir gesehen, dass das, was aufwärts dringt, in dem Samenkorn ist, dann heraufsteigt, Pflanze wird und damit sinnliches Dasein angenommen hat. Wenn wir eine Pflanze vor uns haben, dann ist die Pflanze immer noch etwas, was den Geist verbirgt, was mehr Geist hat, als es zeigt. Ein höheres Wesen, ein Tier zeigt noch mehr Geist; und gar beim Menschen kommt eine große Mannigfaltigkeit von Geist zu einem unmittelbar sinnlichen Dasein. Aber die ganze Wesenheit des Geistes kann nur durch geistige Arbeit in der Selbsterkenntnis wahrgenommen werden, sodass das, was im Samenkorn ruht, zuletzt in seiner wahren unverhüllten Gestalt als eigene geistige Wesenheit vor der Selbsterkenntnis steht, und das Bewusstsein, das sich selbst beschaut, die Seele, die sich selbst gegenübersteht, erkennt nichts anderes als auf offenbare Weise das, was im Allgemeinen verborgen ist. Der Geist, der im Samen ist, ist derselbe Geist, der selbstbewusst dem anderen Wesen gegenübersteht, das männlich-weibliche Wesen, das in der Mannigfaltigkeit der Welt auftaucht.Dieses Wesen zu begreifen ist ein Zielpunkt der mystischen Weltanschauung. Es ist so zu begreifen, dass das ganze Bewusstsein des vor sie hintretenden Menschen sich durchgeistigt, dass es Geist, Wille wird, dass es nicht bloß in den Menschen eintritt, sondern erhellt in der Außenwelt sich uns darstellt. Das ist es, was dem Mystiker sich darstellt, der nun wieder von sich aus die ganze Welt gebiert. Es ist also so wie bei Zeus, der den höchsten Bewusstseinszustand darstellt, der alles und sich selbst verschlungen hat.

[ 26 ] Now we have seen that what rises upward is in the seed, then ascends, becomes a plant, and thus has taken on sensory existence. When we have a plant before us, the plant is still something that conceals the spirit, that has more spirit than it shows. A higher being, an animal, shows even more spirit; and in humans, a great diversity of spirit comes into immediate sensory existence. But the whole essence of the spirit can only be perceived through spiritual work in self-knowledge, so that what lies dormant in the seed ultimately stands before self-knowledge in its true, unveiled form as its own spiritual entity, and the consciousness that contemplates itself, the soul that faces itself, recognizes nothing other than what is generally hidden in an obvious way. The spirit that is in the seed is the same spirit that self-consciously faces the other being, the male-female being that appears in the diversity of the world. Comprehending this being is a goal of the mystical worldview. It is to be understood in such a way that the entire consciousness of the human being who stands before it becomes spiritualized, that it becomes spirit, will, that it does not merely enter into the human being, but illuminates the outside world and presents itself to us. This is what presents itself to the mystic, who now gives birth to the whole world again from within himself. It is therefore like Zeus, who represents the highest state of consciousness, who has devoured everything and himself.

[ 27 ] So war also die ganze Kosmogonie nichts anderes für den Mysten als ein Stützpunkt für das Begreifen der Fortschritte und Vertiefungen des Menschen. Ja, da ist aber der Begriff doch nichts als seine eigene Erkenntnis. Ja, es war eben da die Überzeugung, dass die Erkenntnis nichts ist, was zur Welt hinzukommt, sondern dass es gerade das Wesen selbst ist. Die mystischen Erfahrungen sollten auf eine höhere Stufe gebracht werden, denn der Myste sagt, dass der Geist vorhanden ist, aber noch nicht sinnlich vorhanden ist, so wie das Geistige im Samen, das aber noch nicht in der Pflanze sich ausgebreitet hat, aber schon als solche vorhanden gewesen ist. Daher sagen die ganzen griechischen Mystiker, dass das Urwesen nicht in der Vergangenheit gesucht [werden soll].

[ 27 ] Thus, for the mystic, the entire cosmogony was nothing more than a basis for understanding human progress and deepening. Yes, but the concept is nothing more than his own insight. Yes, there was the conviction that insight is not something that is added to the world, but that it is the essence itself. The mystical experiences should be raised to a higher level, for the mystic says that the spirit is present, but not yet sensually present, just as the spiritual is present in the seed, but has not yet spread in the plant, yet is already present as such. Therefore, all the Greek mystics say that the primordial being should not be sought in the past.

[ 28 ] Die Kosmogonie ist nicht so aufgebaut, dass das Urwesen als Schöpfer dasteht, sondern erscheint als etwas in der griechischen Mystik, was zuletzt als Stufe der Erkenntnis erklommen wird, sodass der Erkenntnisprozess innerhalb der griechischen Mystik nicht eine Art Kommunion, nicht eine Verbindung des Menschen mit dem ewigen Weltwesen ist, sondern ein tatsächliches Hervorbringen. Ich betone: ein tatsächliches Hervorbringen, sodass für den griechischen Mystiker in der Tat das Vollkommenste als eine sinnliche Schöpfung der Welt erscheint. Sinnliche Schöpfung und geistige Vollkommenheit konnten für den Mystiker in eins zusammenfallen.

[ 28 ] Cosmogony is not structured in such a way that the primordial being stands as the creator, but appears in Greek mysticism as something that is ultimately attained as a stage of knowledge, so that the process of knowledge within Greek mysticism is not a kind of communion, not a connection of man with the eternal world being, but an actual creation. I emphasize: an actual bringing forth, so that for the Greek mystic, the most perfect indeed appears as a sensual creation of the world. Sensual creation and spiritual perfection could coincide for the mystic.

[ 29 ] Die andere Seite der mystischen Weltanschauung, welche nicht zum Urwesen vorzudringen suchte, sondern sich bemühte, durch Vertiefung in unsere innere Welt die Welt zu erkennen, tritt in dem Pythagoreischen hervor. Die eine Richtung war bemüht, das Samenkorn in feuchtes Erdreich zu pflanzen. Die Pythagoreer pflanzten nicht in das Erdreich, sondern erfanden eine Methode, ohne dass sie das Samenkorn, ehe sie es zur Entwicklung brachten, in das Erdreich versenkten, in dem Samenkorn selbst die geistige Pflanze zu entdecken. Auf welche Weise? Dadurch, dass sie das Samenkorn [geistig] zur Entwicklung brachten. Auf welche Weise sie [...] schon im Samenkorn den Geist entdecken wollten, das wollen wir das nächste Mal betrachten.

[ 29 ] The other side of the mystical worldview, which did not seek to penetrate the primordial being, but endeavored to recognize the world through deepening our inner world, emerges in the Pythagorean. One direction endeavored to plant the seed in moist soil. The Pythagoreans did not plant in the soil, but invented a method of discovering the spiritual plant in the seed itself without burying the seed in the soil before bringing it to development. How? By bringing the seed to development [spiritually]. How they wanted to discover the spirit already in the seed is something we will consider next time.

Fragenbeantwortung:

Answering questions:

[ 30 ] Die Frage nach dem «Woher» ist dem Menschen eine anerzogene Frage. Wir fragen deshalb, weil wir das Werden im Entstehen sehen. Wir sehen das Ding vollkommener werden. Es wird wohl gar kein Zweifel vorhanden sein, dass die sinnliche Pflanze das Vollkommenere ist gegenüber dem Samenkorn. Das Spätere ist in dem Früheren, nur nicht in Wirklichkeit, sondern in geistiger Weise enthalten. Das Wort «Anfang» ist etwas Zukünftiges bei den Weltentstehungslehren. Ein letzter Abglanz ist im Urchristentum vorhanden von dem Herannahen eines vollkommenen Reiches. Es ist dasselbe wie das Reich des Zeus. Es kann keine Ursache ohne die entsprechende Wirkung da sein. Wenn wir fragen: Ist das eine früher da als das andere, so kommt das nur davon her, dass wir das Eine früher betrachten. Die Kraft, die gebraucht wird, um mit dem Bleistift zu schreiben, setze ich hinzu, weil ich sie fühle; und diese Kraftaufwendung wird in die Welt hinausprojiziert. Ich finde auch in der Außenwelt Kräfte. Man vermenschlicht die Außenwelt. Ich versetze mich wirklich in die Dinge, ich stecke wirklich darinnen. Der Akt, den Sie im Kopfe vollziehen, der ist die Anfangskraft der Welt. Das «Vorher und Nachher» verliert seine Bedeutung. Das Samenkorn kann auf die Pflanze zurückblicken, die es zum Dasein gebracht hat. Die eigene Ursache ist schon vorhanden als eigene Ursache, aber nicht in sinnlicher, sondern in geistiger Weise. Jedes Ding ist seine eigene Ursache und hat nicht eine Ursache. Die Wirkung bringt sich selbst hervor. Wir nennen es Kraft, weil es sinnliches, dumpfes Streben ist. Wollen wir uns die Kraft im Samenkorn vorstellen, so ist das schon die Pflanze.

[ 30 ] The question of “where from” is one that is instilled in human beings. We ask it because we see becoming in the process of coming into being. We see the thing becoming more perfect. There can be no doubt that the sensual plant is more perfect than the seed. The later is contained in the earlier, not in reality, but in a spiritual way. The word “beginning” is something future in the doctrines of the creation of the world. A final reflection of the approach of a perfect kingdom is present in early Christianity. It is the same as the kingdom of Zeus. There can be no cause without the corresponding effect. When we ask: Is one thing there earlier than the other, it is only because we consider one thing earlier. I add the force that is needed to write with a pencil because I feel it; and this exertion of force is projected out into the world. I also find forces in the outside world. One humanizes the outside world. I really put myself in things, I really stick in them. The act that you perform in your mind is the initial force of the world. The “before and after” loses its meaning. The seed can look back on the plant that brought it into existence. Its own cause already exists as its own cause, but not in a sensual way, but in a spiritual way. Every thing is its own cause and does not have a cause. The effect produces itself. We call it power because it is a sensual, dull striving. If we want to create a mental image of the power in the seed, it is already the plant.

[ 31 ] Wenn Gott sein Wirken in die Zeit auseinanderlegte, so müsste er auch nach Vollkommenheit streben. Nur wenn er über Zeit und Raum erhaben ist, dann ist alles zugleich da, dann ist er vollkommen. Alle Gegensätze haben einen Punkt, wo sie sich berühren. «Wem Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Streit»[, so Jakob Böhme]. Ewigkeit zerlegt in die einzelnen Momente ist Zeit. Zeit zusammengefasst ist Ewigkeit. Der Kreis ist begrenzt, die Gerade ist unbegrenzt, unendlich. Die Orphiker kamen nicht zu den Zahlenvorstellungen wie die Pythagoreer.

[ 31 ] If God spread his work out over time, he would also have to strive for perfection. Only when he is above time and space is everything there at once, and then he is perfect. All opposites have a point where they touch. “He for whom time is like eternity and eternity is like time is freed from all strife” [according to Jakob Böhme]. Eternity broken down into individual moments is time. Time summarized is eternity. The circle is limited, the straight line is unlimited, infinite. The Orphics did not arrive at the numerical concepts of the Pythagoreans.

[ 32 ] Warum Platon seine Anschauungen in Gesprächen gegeben hat? Er hätte nicht anders darstellen können. Wenn man den «Phaidon» des Platon nimmt und ihn richtig verfolgt, so findet man, dass es ein Gespräch ist zwischen einem sokratisch Eingeweihten und einem Pythagoreer. Die Methode der Mysterien führte zum Ausdruck durch das Gespräch.

[ 32 ] Why did Plato present his views in dialogues? He could not have presented them any other way. If one takes Plato's “Phaedo” and follows it correctly, one finds that it is a conversation between a Socratic initiate and a Pythagorean. The method of the mysteries led to expression through conversation.