Ancient Mysteries and Christianity
GA 87
28 December 1901, Berlin
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Ancient Mysteries and Christianity, tr. SOL
8. Der Herakles-Mythos
8. The Myth of Heracles
[Sehr verehrte Anwesende!]
[Ladies and gentlemen!]
[ 1 ] Ich habe mir gestattet, die Entwicklung des griechischen Geisteslebens in den Jahrhunderten vor Platon zu schildern — gleichsam als Vorbereitung für die eigentliche griechische Mystik, das heißt für die Zeit, in welcher das Mysterienwesen in das, was man gewöhnlich Mystik nennt, übergegangen ist.
[ 1 ] I have taken the liberty of describing the development of Greek spiritual life in the centuries before Plato—as it were, as a preparation for actual Greek mysticism, that is, for the period in which the mystery cults gave way to what is commonly called mysticism.
[ 2 ] Ich bemerke vorläufig, dass Platon, der dem fünften bis vierten Jahrhundert vor Christi Geburt angehört, erscheint wie ein großer Zusammenfluss alles dessen, was das griechische Geistesleben vor Platon hervorgebracht hat. Er ist gestorben als Achtzigjähriger im Jahre 347 vor Christi Geburt. In dieses Leben hat sich zusammengedrängt eine fortlaufende Entwicklung, die demjenigen ganz besonders aufsteigend [und] groß erscheinen muss, der die platonischen Schriften in richtiger Weise zu lesen versteht.
[ 2 ] I would like to note for the time being that Plato, who lived in the fifth to fourth centuries before the birth of Christ, appears as a great convergence of everything that Greek intellectual life produced before Plato. He died at the age of eighty in the year 347 B.C. This life was a concentrated expression of a continuous development that must appear particularly uplifting and grand to anyone who knows how to read the Platonic writings correctly.
[ 3 ] Platons Geschichte der Entwicklung in Griechenland fiel in eine Zeit, in der das Leben in Griechenland den merkwürdigsten Charakter angenommen hatte. Wir müssen uns klar sein darüber, dass, als Platon auftrat, auch eine Art Spaltung auftrat, sodass wir nur den [einen] Zweig in der platonischen Mystik zu sehen haben, der sich nach ihm ausbildete und den man das «Wahrheitsstreben» nennen kann. [Der andere Zweig, der sich aus dem einheitlichen Mysterienwesen losgelöst hat, ist die Kunst geworden], vor allen Dingen in der Gestalt, welche uns entgegentritt in der griechischen Tragödie, in der Tragödie des Aischylos und in den weniger bedeutenden Tragödien des Sophokles und Euripides.
[ 3 ] Plato’s history of development in Greece occurred at a time when life in Greece had taken on the most remarkable character. We must be clear that when Plato appeared, a kind of split also occurred, so that we must regard only the [one] branch of Platonic mysticism that developed after him and which can be called the “quest for truth.” [The other branch, which broke away from the unified mystery tradition, became art], above all in the form that confronts us in Greek tragedy, in the tragedies of Aeschylus and in the less significant tragedies of Sophocles and Euripides.
[ 4 ] Platons [Leben] fiel in diese Zeit hinein. Das Mysterienwesen verflachte sich zur bloßen Tragödie. Das Mysterienwesen vereinigte in ungetrennter Einheit dasjenige, was die Kunst und die griechische Mystik auf getrennten Wegen gesucht haben. Eine solche Spaltung zwischen Wahrheit und Schönheit, zwischen Mystik und Kunst war zur Zeit des alten griechischen Mysterienwesens noch nicht vorhanden, und bis zu einem gewissen Grade werden wir auch sehen, dass sich ein großer Teil der Mysterien geflüchtet hat in die Kunst. Das Verflüchtigste ist das Ideale.
[ 4 ] Plato’s [life] fell within this period. The mystery tradition was reduced to mere tragedy. The mystery tradition united in an indivisible unity that which art and Greek mysticism had sought along separate paths. Such a division between truth and beauty, between mysticism and art, did not yet exist at the time of the ancient Greek mystery cult, and to a certain extent we will also see that a large part of the mysteries has found refuge in art. The most ephemeral is the ideal.
[ 5 ] Man versteht überhaupt den Begriff der Kunst nicht, wenn man sie nicht auffasst als etwas, das entstanden ist als ein Destillationsprodukt des griechischen Mysterienwesens. Das aber können wir erst sehen, wenn wir durchdrungen haben die Bedeutung der alten Griechen der vorplatonischen Zeit, die unter dem Mysterienwesen den wirklich tiefen Sinn des Wortes verstanden haben. Das griechische Mysterienwesen der vorplatonischen Zeit vereinigte alles, was an inneren Strebenszielen zum Ausdruck kommen kann. Und was uns an der Oberfläche entgegentritt — auch die Heraklit’sche Philosophie —, das sind nur verdünnte Produkte derjenigen, welche da in die Tiefen des Mysterienwesens eingedrungen sind, die diese in die anderen hineinwarfen, weil sie nicht eindringen konnten, damit sie wenigstens ahnen, wenn auch nicht sehen konnten.
[ 5 ] One does not understand the concept of art at all unless one conceives of it as something that arose as a distillation of the Greek mystery tradition. But we can only see this once we have grasped the significance of the ancient Greeks of the pre-Platonic era, who understood the truly profound meaning of the word through the mystery tradition. The Greek mystery tradition of the pre-Platonic era united everything that can be expressed in terms of inner aspirations. And what meets us on the surface—including Heraclitus’ philosophy—are merely diluted products of those who had penetrated the depths of the mystery tradition, who cast these into the minds of others because they could not penetrate them themselves, so that they might at least sense, if not see.
[ 6 ] Dasjenige, was die Griechen suchten, ist etwas, dessen Platon auch allmählich teilhaftig geworden ist. Es ist dasjenige, was sich uns darstellt in den Schriften, die man gewöhnlich als die Schriften der ersten acht Jahre der Schriftstellerzeit des Platon bezeichnet.
[ 6 ] What the Greeks sought is something of which Plato also gradually became a part. It is what is presented to us in the writings commonly referred to as those from the first eight years of Plato’s literary career.
[ 7 ] Wenn man diese Schriften der ersten Schriftstellerzeit nimmt, dann wird man sehen, dass man es zu tun hat mit rein philosophischen Schriften, mit ethischen Schriften, mit Moralschriften. Und das ist der Charakter der sogenannten ‹sokratischen Philosophie›. Sokrates rühmt sich geradezu, niemals in die Mysterien eingeweiht gewesen zu sein. Nach dem Tode des Sokrates beginnt für Platon eine äußerst wichtige Entwicklung, die dann ihren Gipfelpunkt erreicht in Platons bedeutendster Schrift, in dem «Timaios».
[ 7 ] If one takes these writings from his early period, one will see that one is dealing with purely philosophical writings, with ethical writings, with moral writings. And that is the character of so-called “Socratic philosophy.” Socrates even boasts of never having been initiated into the mysteries. After Socrates’ death, an extremely important development begins for Plato, which then reaches its climax in Plato’s most significant work, the “Timaeus.”
[ 8 ] Dasjenige, [was in den Zeiten der Blüte des Geisteslebens in Griechenland, bevor das Christentum umgestaltend eingewirkt hat auf das griechische Geistesleben], vorhanden war und Platon durchgemacht hat, diesen ganzen Entwicklungsgang bezeichnete man im griechischen Geistesleben als «Initiation». Sie ist dasjenige, was derjenige angestrebt hat, der sich in die Mysterien hat einweihen lassen wollen. Die Initiation erhalten und Eingeweihter werden, war für die Griechen ein und dasselbe.
[ 8 ] That which existed [during the heyday of spiritual life in Greece, before Christianity had a transformative effect on Greek spiritual life] and which Plato underwent—this entire course of development was referred to in Greek spiritual life as “initiation.” It is what was sought by those who wished to be initiated into the mysteries. To receive initiation and to become an initiate were one and the same thing for the Greeks.
[ 9 ] Und nun, wenn ich die platonische Mystik vor Ihnen entwickeln will in der Form, in der sie uns erscheinen wird als ein Prozess fortlaufender Initiationen, so muss ich noch etwas vorausschicken. Ich muss vorausschicken, dass das, was die Griechen hatten über das Wesen der Initiation, in einem merkwürdigen Mythos ausgedrückt war, der nicht verstanden werden kann, wenn er nicht als symbolische Darstellung der Initiation betrachtet wird. Er bildet eine Parallele zu dem Dionysos-Mythos, ein Seitenstück dazu; er ist indessen ganz anders.
[ 9 ] And now, if I am to unfold Platonic mysticism before you in the form in which it will appear to us as a process of continuous initiations, I must preface this with a few remarks. I must preface this by noting that the Greeks’ conception of the nature of initiation was expressed in a remarkable myth that cannot be understood unless it is regarded as a symbolic representation of initiation. It forms a parallel to the Dionysus myth, a counterpart to it; yet it is entirely different.
[ 10 ] Wir wissen: Dionysos ist der Sohn einer Sterblichen, der Semele. Semele ist zugrunde gegangen. Sie hatte von Zeus verlangt, dass er ihr in seiner Himmelspracht und Herrlichkeit erscheinen solle. Als er ihr dies zugestanden hatte, musste er so erscheinen, und sie wurde von seinem Blitzstrahl getroffen und verbrannt. Der Dionysos musste zum zweiten Male geboren werden, [nachdem ihn Zeus gerettet hatte, indem er das noch unreife Kind im eigenen Oberschenkel bis zur Reife gebracht hatte,] sodass Dionysos, der als Mensch geboren, dann verbrannt wurde und dann als gottgeboren erscheint.
[ 10 ] We know: Dionysus is the son of a mortal, Semele. Semele perished. She had demanded of Zeus that he appear to her in his heavenly splendor and glory. When he had granted her this, he had to appear thus, and she was struck by his lightning bolt and burned. Dionysus had to be born a second time, [after Zeus had saved him by bringing the still-immature child to maturity within his own thigh,] so that Dionysus, who was born as a human, was then burned and then appears as one born of a god.
[ 11 ] Dieser Dionysos-Mythos stellt uns den Weltprozess, den Weltenwerdegang dar als den Prozess des inkarnierten Gottes, als den Prozess, den der Gott durchmacht, den der durchmacht, der Gott geworden ist. Diese Mythen waren Mysterien, welche sich auf den Weltprozess bezogen, ohne dass Rücksicht genommen wird auf dasjenige, was der Mensch innerhalb der Welt für eine Rolle spielt.
[ 11 ] This myth of Dionysus presents the world process, the course of the world’s development, as the process of the incarnated god, as the process that the god undergoes, that which is undergone by the one who has become a god. These myths were mysteries that referred to the world process without taking into account the role that the human being plays within the world.
[ 12 ] Diesem Dionysos-Mythos steht ein anderer Mythos zur Seite, wie ein Seitenstück. Das ist der Herakles-Mythos. Er stellt sich uns dar wie ein vermenschlichter Dionysos-Mythos. Auch Herakles war der Sohn einer Sterblichen: Er wird wirklich von Alkmene geboren. Nun stellt sich heraus, dass diese Geburt durch die Eifersucht der Hera verspätet wird, dass er zu spät geboren wird. Vorher wurde Eurystheus geboren, welchem er das Erstgeburtsrecht abtrat. Herakles musste, weil er in zweiter Linie geboren, im Dienste des Eurystheus seine bekannten zwölf Arbeiten verrichten. Wir sehen also den DionysosMythos in vermenschlichter Gestalt uns hier wieder entgegentreten. Beide also waren Feuer. Es werden dann von Herakles seine menschlichen Arbeiten vollführt, und erst nach Vollführung derselben wird er in den Olymp entrückt. Dann geht er im Feuer auf.
[ 12 ] This Dionysus myth is accompanied by another myth, like a counterpart. This is the Heracles myth. It presents itself to us as a humanized version of the Dionysus myth. Heracles, too, was the son of a mortal: he was indeed born of Alcmene. It turns out, however, that this birth was delayed by Hera’s jealousy, so that he was born too late. Eurystheus had been born first, and Heracles ceded the birthright to him. Because he was born second, Heracles had to perform his famous twelve labors in the service of Eurystheus. We thus see the Dionysus myth reappearing before us here in a humanized form. Both, then, were fire. Heracles then performs his human labors, and only after completing them is he taken up to Olympus. Then he is consumed by fire.
[ 13 ] So erscheint uns Herakles wie der vermenschlichte Dionysos. Er erscheint uns als einer, welcher alle Leiden auf sich genommen hat, im Gegensatz zu Dionysos, welchem diese Leiden erspart worden sind. Diese zwölf Arbeiten sind nichts anderes als menschliche Prüfungen, die der Mensch zu bestehen hat, um allmählich aufzusteigen bis zur höchsten Stufe, die er erreichen kann. Dieser ganze Mythos ist nur zu verstehen als eine symbolische Darstellung des Initiationsprozesses, und die zwölf Arbeiten stellen zwölf aufeinanderfolgende Seelenzustände des Menschen dar. Durch diese gelangt der Mensch allmählich zu einem erhöhten Bewusstsein, zum Eingang, zur Erlangung des eigentlichen göttlichen Bewusstseins.
[ 13 ] Thus Heracles appears to us as the humanized Dionysus. He appears to us as one who has taken all suffering upon himself, in contrast to Dionysus, who was spared these sufferings. These twelve labors are nothing other than human trials that a person must pass in order to gradually ascend to the highest level they can attain. This entire myth can only be understood as a symbolic representation of the initiation process, and the twelve labors represent twelve successive states of the human soul. Through these, the human being gradually attains an elevated consciousness, the entrance to, and the attainment of, true divine consciousness.
[ 14 ] Dass die zwölf Arbeiten des Herakles nichts anderes sind als Prüfungen, die der Mensch durchzumachen hat im Verlaufe des Initiationsprozesses, das beweist uns die Natur dieser Arbeiten. Es könnte uns ja scheinen, dass diese Arbeiten von der Dichtung nebeneinandergestellt worden sind als die Überwindung von zwölf Ungetümen. ‘Wenn man aber vergleicht, so wird man finden, dass es sich nicht um Kraftproben eines starken Menschen handelt, sondern um sinnvolle symbolische Dinge.
[ 14 ] The nature of these labors proves to us that the twelve labors of Heracles are nothing other than trials that humans must undergo in the course of the initiation process. It might seem to us that these labors have been juxtaposed in poetry as the overcoming of twelve monsters. ‘But if one compares them, one will find that they are not tests of strength by a strong man, but meaningful symbolic events.
[ 15 ] Es handelt sich um Ungetüme, welche hervorgebracht worden sind von dem Geschwisterpaar Phorkis und Keto, aus denen dann das eigentliche Irdische hervorgegangen ist. In Verbindung mit dem Pontus sind es die Gottheiten, welche das Flüssige hervorbringen — zwischen dem Feuer und dem Irdischen stehend. Phorkis’ und Ketos Nachkommen sind die Ungeheuer, welche Herakles zu überwinden hat. Sie müssen überwunden werden, diese Wesenheiten, sie müssen abgestreift werden. Sehen wir uns diese Ungetüme einmal an, gegen welche Herakles kämpft:
[ 15 ] These are monsters that were brought forth by the siblings Phorkis and Keto, from whom the actual earthly realm then emerged. In connection with Pontus, they are the deities who bring forth the fluid—standing between fire and the earthly. Phorkis’ and Keto’s offspring are the monsters that Heracles must overcome. These beings must be overcome; they must be cast off. Let us take a look at these monsters against whom Heracles fights:
[ 16 ] [Erstens:] Der ‹Nemeische Löwe›: Er stellt sich uns als ein Nachkomme jenes Geschwisterpaares Phorkis — Keto dar. Die Verwandtschaft anzuführen würde zu nichts weiter führen, aber die genealogische Gliederung stimmt vollständig. Das Wichtige dabei ist, dass der Löwe ein undurchdringliches Fell hat. Herakles kann ihn nur erwürgen. Das tut er und bringt ihn seinem Herrn. Sein Herr bekommt aber nun vor ihm Angst, sodass Herakles auf dessen Befehl außerhalb der Stadt bleiben muss. Die undurchdringliche Naturgewalt wird durch das undurchdringliche Fell voll dargestellt. Man kann den Schleier nicht durchdringen, ihn nicht mit Pfeilen durchbohren; man kann ihn nur bestehen lassen, man kann ihm nur seine gewaltigen Willenskräfte lähmen. Man muss ihn aber doch als Wesenheit neben sich bestehen lassen. Er kann nicht völlig getötet werden.
[ 16 ] [First:] The “Nemean Lion”: It presents itself to us as a descendant of that brother-sister pair, Phorkis and Keto. Citing the kinship would lead to nothing more, but the genealogical structure is entirely accurate. The important thing here is that the lion has an impenetrable hide. Heracles can only strangle it. He does so and brings it to his master. His master, however, becomes afraid of it, so that Heracles must remain outside the city on his orders. The impenetrable force of nature is fully represented by the impenetrable hide. One cannot penetrate the veil, cannot pierce it with arrows; one can only let it remain, one can only paralyze its mighty willpower. Yet one must allow it to exist as an entity alongside oneself. It cannot be completely killed.
[ 17 ] Wir können in diesem Kampfe nur teilweise Sieger bleiben. Wir können nur den Anfang, nur einen Teil erreichen. Das ist das Wichtige bei dieser Arbeit. In dem ganzen Kampfe erscheinen uns die Naturmächte als sprachlose Gewalten, deren Stimme wir nicht erkennen können auf den unteren Stufen der Entwicklung. Die Natur steht als stumme Göttin vor uns. Wir müssen sie bestehen lassen, wir können sie nur teilweise erobern. Das symbolisiert sich uns in dieser ersten Arbeit.
[ 17 ] In this struggle, we can only emerge as partial victors. We can only achieve the beginning, only a part. That is the crucial point of this work. Throughout the entire struggle, the forces of nature appear to us as speechless powers whose voice we cannot discern at the lower stages of development. Nature stands before us as a silent goddess. We must let her be, we can only partially conquer her. This is symbolized for us in this first labor.
[ 18 ] [Zweitens:] Die zweite Arbeit, welche Herakles unternimmt, ist der Kampf, gegen die ‹Lernäische Schlange›. Sie hat neun Köpfe, von denen der mittlere unsterblich ist. Diese haben die Eigenschaft, dass sie sich immer wieder erneuern, wenn sie abgeschlagen werden. Es ist der Kampf daher ein sehr schwieriger. Herakles kann diese Erneuerung nur durch Feuerbrände überwinden. Da enthüllt sich uns etwas Bedeutsames: Er hantiert mit dem Feuer.
[ 18 ] [Second:] The second labor that Heracles undertakes is the battle against the “Lernaean Hydra.” It has nine heads, of which the middle one is immortal. These heads have the property of regenerating themselves whenever they are cut off. The battle is therefore a very difficult one. Heracles can overcome this regeneration only through fire. Here something significant is revealed to us: he wields fire.
[ 19 ] Wir werden aber sehen, dass es mit dieser zweiten Arbeit eine besondere Bewandtnis hat. Sie stellt sich uns dar als ein Verbindungsglied zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen. Der mittlere, unsterbliche Kopf ist dennoch ein Hindernis zur eigentlichen Einkehr ins Ewige. Das kann nur durch Geistigkeit überwunden werden. Nun ist Herakles aber nicht auf der Stufe, auf der er diese Arbeit vollbringen kann. Wir müssen einsehen, dass es ist wie ein Spiel mit dem Feuer von einem, der nicht recht damit zu hantieren versteht. Diese zweite Arbeit scheint also etwas zu sein, was nicht recht von Bedeutung für den Herakles sein kann. Es ist merkwürdig, dass das Verbindungsglied zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen so früh auftritt.
[ 19 ] We shall see, however, that there is a special significance to this second labor. It presents itself to us as a link between the temporal and the eternal. The middle, immortal head is nevertheless an obstacle to the actual entry into the eternal. This can only be overcome through spirituality. But Heracles is not yet at the stage where he can accomplish this labor. We must realize that it is like playing with fire by someone who does not quite know how to handle it. This second labor therefore seems to be something that cannot really be of significance to Heracles. It is strange that the link between the temporal and the eternal appears so early.
[ 20 ] [Drittens:] Die dritte Arbeit ist die Überwindung der «‹Kerynitischen Hirschkuh›, welche der Artemis, der jungfräulichen Göttin der Jagd, geheiligt ist. In der Hindeutung auf die jungfräuliche Artemis, auf die Künste des Friedens, sehen wir, dass es ein aufsteigender Prozess ist. Diese Hirschkuh hat [Herakles] lebendig gefangen. Er durfte sie nur lebendig fangen und lebendig nach seiner Heimat bringen. Dies war eine Arbeit, welche er im rein Irdischen vollbringt. Er lässt ab von dem Kampfe um das Unsterbliche. Er bemüht sich, festzustehen und sich umzutun.
[ 20 ] [Thirdly: ] The third labor is the subjugation of the “Ceryneian hind,” which is sacred to Artemis, the virgin goddess of the hunt. In the allusion to the virgin Artemis, to the arts of peace, we see that it is an ascending process. [Heracles] captured this hind alive. He was only allowed to capture her alive and bring her alive to his homeland. This was a labor he accomplished in the purely earthly realm. He refrains from the struggle for the immortal. He strives to stand firm and look around.
[ 21 ] [Viertens:] Nachdem er auf diese Weise Kraft gewonnen hat, geht er an eine andere Arbeit, [nämlich den ‹Erymanthischen Eber› lebendig zu fangen]. Den bringt er gebunden nach Mykene. Das ist eine kriegerische Arbeit. Das will uns sagen, dass, nachdem er die kriegerische Sehnsucht überwunden hat, er wieder herabsteigen muss und jetzt an eine bedeutungsvollere Arbeit gehen kann. Wir sehen, dass er jetzt — wie zufällig — noch etwas anderes vollbringt: Er verwundet den Kentauren Chiron, der die wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, für Prometheus einzutreten. Wir sehen, wie sich hier die Prometheus-Sage verknüpft mit der Herakles-Sage. Wir sehen, wie hier das Willenselement in Verbindung tritt mit dem eigentlichen Entwicklungsgang des Herakles. Wir sehen, wie Herakles dasjenige Wesen schafft, bestellt, welches den Prometheus von seinen Qualen erlösen soll. So sehen wir, wie Herakles auf dieser Stufe, nachdem er sich selbst überwunden hat und abgelassen hat von dem Kampfe, nachdem er durch den neuerlichen Streit hindurchgegangen war, jetzt berufen ist, etwas zu tun für die strebende Menschheit. Dieser Sinn liegt der Verbindung der Herakles-Sage mit der Prometheus-Sage zugrunde.
[ 21 ] [Fourth:] After gaining strength in this way, he undertakes another task, [namely, to capture the ‘Erymanthean Boar’ alive]. He brings it bound to Mycenae. This is a warlike task. This tells us that, having overcome his warlike longing, he must descend again and can now undertake a more meaningful task. We see that he now—as if by chance—accomplishes something else: He wounds the centaur Chiron, who has the important task of interceding for Prometheus. We see how the Prometheus legend is linked here with the Heracles legend. We see how the element of will connects here with the actual course of Heracles’ development. We see how Heracles creates and appoints the being who is to deliver Prometheus from his torments. Thus we see how Heracles, at this stage, after having overcome himself and withdrawn from the struggle, after having gone through the recent conflict, is now called upon to do something for striving humanity. This meaning underlies the connection between the Heracles legend and the Prometheus legend.
[ 22 ] [Fünftens:] Die Reinigungsarbeit des Stalles des Augias. Diejenigen, welche die Aufnahme in die Mysterien suchten, mussten eine Art von Reinigung, eine Taufe an sich vornehmen lassen. Diese fünfte Arbeit kann erreichen derjenige, welcher die ersten vollbracht hat. Sie ist keine eigentliche Arbeit, sie fällt dem Menschen von selbst zu. Sie ist keine eigentliche Herakles-Arbeit. Die zweite und die fünfte Arbeit können eigentlich nicht als Herakles-Arbeiten gelten. Die zweite führt zu früh an das Ewige, und die fünfte ist etwas, was ihm von selber zugefallen ist. Es sind also eine Art Zwischenstationen.
[ 22 ] [Fifth:] The task of cleaning the Augean stables. Those who sought admission into the Mysteries had to undergo a kind of purification, a baptism of sorts. This fifth labor can be accomplished by the one who has completed the first ones. It is not a labor in the strict sense; it falls to the person of its own accord. It is not a true labor of Heracles. The second and fifth labors cannot strictly be considered labors of Heracles. The second leads too early to the eternal, and the fifth is something that has come to him of its own accord. They are thus a kind of intermediate stage.
[ 23 ] [Sechstens:] Eine besondere Arbeit des Herakles ist nun diejenige, die er mit den ‹Stymphalischen Vögeln› vollbringt. Das sind Vögel, mit denen er ebenfalls den Kampf aufzunehmen hat. Es kommt ihm bei dieser Arbeit bereits die Pallas-Athene zu Hilfe. Wir haben ja gesehen, was sie ist. Sie hat ja bei der Odysseus-Sage eine große Bedeutung. Sie ist die Gottheit der Weisheit, der himmlischen Weisheit. Jetzt nach der Reinigung steht Pallas-Athene an seiner Seite. Pallas-Athene ist — im Gegensatz zum Wissen — die richtige Weisheit.
[ 23 ] [Sixth:] A special labor of Heracles is now the one he performs with the “Stymphalian Birds.” These are birds with which he must also do battle. Pallas Athena already comes to his aid in this labor. We have seen, after all, what she is. She plays a major role in the Odyssey. She is the goddess of wisdom, of heavenly wisdom. Now, after the purification, Pallas Athena stands at his side. Pallas Athena represents—in contrast to mere knowledge—true wisdom.
[ 24 ] [Siebtens:] Die Vögel zu überwinden, war nur eine Stufe der Entwicklung. Aber nur mit Hilfe der Athene ist er imstande, den «Kretischen Stier lebendig nach Mykene zu bringen.
[ 24 ] [Seventh:] Overcoming the birds was only one stage of development. But only with Athena’s help is he able to bring the “Cretan Bull alive to Mycenae.”
[ 25 ] Der Stier ist ein Symbol in allem Mysterienwesen, welches dazumal in der alten Welt verbreitet war, ein Symbol, welches überging von Persien durch Kleinasien, Ägypten und dann von da durch Griechenland verbreitet wurde. Es ist ein Symbol für die fruchtbringende lebendige Natur. Daher sehen wir in den Mithras-Mysterien den Stier mit einem merkwürdigen Symbol gepaart, mit einem Symbol der lebendigen Natur. Der Schwanz des Stieres läuft aus in einen Strauß von Weizenähren. Das ist unbedingt die symbolische Darstellung für die fruchtbringende und lebendige Natur. Und die MithrasSymbolik stellt nichts anderes dar als diese Arbeit des Herakles. Diese erscheint als eine höhere Arbeit des Herakles: Der ‹Nemeijische Löwe› ist die niedrigere, der Stier die höhere. Der Stier ist die Natur, aus welcher Leben sprießt, während der Löwe die Natur ist, welche blind, dumpf ist.
[ 25 ] The bull is a symbol in all the mystery cults that were widespread in the ancient world at that time, a symbol that spread from Persia through Asia Minor, Egypt, and then from there through Greece. It is a symbol of fruitful, living nature. Therefore, in the Mithras mysteries, we see the bull paired with a remarkable symbol, a symbol of living nature. The bull’s tail ends in a sheaf of wheat ears. This is undoubtedly the symbolic representation of fruitful and living nature. And the Mithras symbolism represents nothing other than this labor of Heracles. This appears as a higher labor of Heracles: the “Nemean Lion” is the lower one, the bull the higher. The bull is nature from which life springs forth, while the lion is nature that is blind and dull.
[ 26 ] Dieser Stier ist dem Poseidon geheiligt. Wir wissen auch, dass dieser Stier dargestellt wird für diejenigen, welche zu den Kämpfen des Mithras zugelassen wurden, als ein Stier, auf welchem ein Jüngling sitzt, der dem Stier sein Schwert in die Seite stößt. Ein Hund springt hinzu. Unterhalb ist eine Schlange, der Länge nach. Vor und hinter dem Stier sind zwei Begleiter. Der Jüngling stellt uns nichts anderes dar als den auf dem Wege der Initiation Begriffenen. Auf der einen Seite hat er einen Begleiter mit einer erhöhten Fackel, auf der anderen Seite einen Begleiter mit einer gesenkten Fackel. Das stellt dar einen Prozess zwischen Leben und Sterben, welches der Prozess der Initiation ist. Die obere Partie stellt uns den dahinfahrenden Sonnengott dar, den aufsteigenden und wieder herabfahrenden. Dieses stellt uns mit Recht als geistig dar, was unten vor sich geht. Das ist der entsprechende Prozess im Reiche des Dionysos, während der untere derjenige ist, in dem Herakles sich befindet. In dem Bilde ist uns nichts anderes enthalten als die siebente Arbeit des Herakles. In allen Mysterien-Darstellungen der ganzen alten Welt ist diese enthalten.
[ 26 ] This bull is sacred to Poseidon. We also know that this bull is depicted for those admitted to the rites of Mithras as a bull upon which a youth sits, thrusting his sword into the bull’s side. A dog leaps toward it. Below is a snake, lying lengthwise. In front of and behind the bull are two companions. The youth represents nothing other than the one embarking on the path of initiation. On one side he has a companion holding a raised torch, on the other side a companion holding a lowered torch. This depicts a process between life and death, which is the process of initiation. The upper part depicts the departing Sun God, the one who rises and descends again. This rightly represents to us, in a spiritual sense, what is taking place below. This is the corresponding process in the realm of Dionysus, while the lower one is that in which Heracles finds himself. This image contains nothing other than the seventh labor of Heracles. It is present in all mystery depictions throughout the ancient world.
[ 27 ] [Achtens:] Nun kann Herakles eine ganz wichtige Arbeit vollbringen. Er kann die den Menschen feindliche Welt auf seiner höchsten Stufe überwinden. Die Prüfungen erneuern sich immer wieder von Neuem, und dasjenige, was jetzt zu überwinden ist, das stellt sich uns in der achten Arbeit, der Überwindung der «Feuerspeienden Rosse des Aressohnes Diomedes dar. Diese ‹feuerschnaubenden Rosse› werden uns sofort klar, wenn wir hören, dass sie mit Menschenfleisch gefüttert werden müssen. Die menschenfeindliche Gewalt auf der höheren Stufe ist das, was dem Menschen noch eine Prüfung auferlegen kann, wenn er auch schon eine hohe Stufe in der geistigen Überwindung errungen hat. Er überwindet hier dadurch, dass er die Rosse selber vorführt und sie dann in den Olymp führt, wo sie von wilden Tieren zerrissen werden. Nun ist er fähig, die weiteren Prüfungen zu vollziehen. Wir sehen, wie sich ihm allmählich das, was der Mensch auf seinem Entwicklungsgang erreichen kann, zu einem abgerundeten Ganzen bildet.
[ 27 ] [Eighth:] Now Heracles can accomplish a very important task. He can overcome the world hostile to humanity at its highest level. The trials are constantly renewed, and what must now be overcome presents itself to us in the eighth labor: the overcoming of the “fire-breathing horses of Diomedes, son of Ares.” These “fire-breathing horses” become immediately clear to us when we hear that they must be fed human flesh. The violence hostile to humanity at the higher level is what can still impose a trial upon a person, even if they have already attained a high level of spiritual mastery. Here he overcomes it by leading the horses himself and then taking them to Olympus, where they are torn apart by wild beasts. Now he is capable of undergoing the further trials. We see how, little by little, what a human being can achieve on his path of development forms a well-rounded whole.
[ 28 ] [Neuntens:] Den «Gürtel der Amazonenkönigin» hat er darauf erobert. Dieses stellt das Sich-Bemächtigen desjenigen dar, was uns gleichsam hindert, als etwas, womit wir verbunden sind, die höheren Stufen des Bewusstseins zu erlangen. Wir haben es hier mit einem weiblichen Elemente zu tun. Er muss sich des «Gürtels der Amazonenkönigin» bemächtigen.
[ 28 ] [Ninth:] He has thereby conquered the “Belt of the Amazon Queen.” This represents the taking possession of that which, as it were, hinders us—as something with which we are connected—from attaining the higher levels of consciousness. We are dealing here with a feminine element. He must take possession of the “Belt of the Amazon Queen.”
[ 29 ] [Zehntens:] Dann kommt die ‹Tötung des dreiköpfigen Geryon und die Hinwegführung seiner Rinder› [welche von dem Hund Orthos und dem Hirten Eurytion bewacht wurden]. Es ist dies auf einer noch höheren Stufe dasselbe wie mit dem Löwen und dem Stier. Es stellt eine Überwindung der vergeistigten Naturkraft dar.
[ 29 ] [Tenth:] Then comes the “slaying of the three-headed Geryon and the leading away of his cattle” [which were guarded by the dog Orthos and the shepherd Eurytion]. At an even higher level, this is the same as with the lion and the bull. It represents an overcoming of the spiritualized force of nature.
[ 30 ] [Elftens:] Es ist aber von Bedeutung für uns, weil er auf der einen und der anderen Seite der Welt die Säulen des Herakles errichtet. Der Prüfungsgang schließt sich nun ab für ihn mit der Errichtung der zwei Grenzsäulen.
[ 30 ] [Eleventh:] But it is significant for us because he erects the columns of Heracles on one side of the world and the other. The series of trials now concludes for him with the erection of the two boundary columns.
[ 31 ] Herakles könnte uns so als eine Art Eingeweihter erscheinen. Die zweite und fünfte Arbeit haben aber etwas Bedenkliches an sich. In den Arbeiten der «Reinigung des Augiasstalles und der ‘Lernäischen Schlang’ drückt sich aber aus, dass er seine vollständige Initiation nicht erreicht hat. Die beiden Arbeiten wurden nicht angenommen.
[ 31 ] Heracles might thus appear to us as a kind of initiate. However, there is something questionable about the second and fifth labors. The labors of “cleaning the Augean stables” and the “Lernaean Hydra” indicate, however, that he did not achieve his complete initiation. The two labors were not accepted.
[ 32 ] 11 b: «Der Äpfel der Hesperidens hatte er sich zu bemächtigen. Sie waren das Brautgeschenk der Hera, [welche Gaea der Hera bei ihrer Vermählung geschenkt hatte,] das Symbol der Erkenntnis selbst. Herakles muss es sich erst aus dem Garten der Hera hervorholen, [wo sie von vier Jungfrauen, den Hesperiden, und dem Drachen Ladon, einem Abkömmling des Phorkys und der Keto, bewacht wurden]. 11 c: Auf diesem Wege befreit er den Prometheus und 11 d überwindet noch den Antaios, jene Riesengestalt, welche aus der Erde immer neue Kraft saugt, die nur die Erde zu berühren brauchte, um neue Kraft, Naturkraft zu erhalten. Erst nachdem Herakles diese schier unüberwindlichen Naturproben bestanden hat, kann er die Äpfel der Hesperiden holen. Die [Überwindung der] Naturkraft ist noch nicht etwas Bleibendes. Er muss auf dieser Stufe erst recht klar sein, dass diese Erkenntnis fortwährend erneuert werden muss. Diese Prüfung muss immer von Neuem vollzogen werden. Das Einzige, was erreicht werden kann, ist das, dass der Antaios immer von Neuem bekämpft werden muss. Der wird immer bei der Berührung der Erde neue Kraft gewinnen. Es ist also ein fortwährender Kampf.
[ 32 ] 11 b: “He had to seize the apples of the Hesperides. They were Hera’s bridal gift, [which Gaia had given to Hera at her wedding,] the symbol of knowledge itself. Heracles must first retrieve them from Hera’s garden, [where they were guarded by four maidens, the Hesperides, and the dragon Ladon, a descendant of Phorcys and Ceto]. 11 c: In this way he frees Prometheus and 11 d overcomes Antaeus, that giant figure who constantly draws new strength from the earth, who need only touch the earth to receive new strength, the power of nature. Only after Heracles has passed these seemingly insurmountable tests of nature can he retrieve the apples of the Hesperides. The [overcoming of] natural power is not yet something permanent. At this stage, he must be all the more aware that this insight must be continually renewed. This trial must be undertaken anew again and again. The only thing that can be achieved is that Antaeus must be fought anew again and again. He will always gain new strength upon touching the earth. It is, therefore, a constant struggle.
[ 33 ] [Zwölftens:] Bevor Herakles die zwölfte Arbeit vollbringt, lässt er sich in die Mysterien einweihen. Das wird uns erzählt. Wir brauchen da nicht zu deuten. Bevor er seine zwölfte Arbeit macht, wird er in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht. Und was vollbringt er hier? Er steigt in die Unterwelt, befreit den Theseus und erlangt das, was man bezeichnet mit den Worten: Er kann den Cerberos aus der Unterwelt heraufholen. Ihm wird das Geheimnis der Unterwelt klar. Herakles erlangt die Heraklit’sche Weisheit von der «Überwindung des Lebens mit dem Tode». Er lernt verstehen die Heraklit’sche Formel, in der er sagt: Es wäre die Verehrung des Dionysos gleichzeitig die Verehrung des Hades. In ihr fließt zusammen die höchste Gottheit des Lebens mit dem Gott der Unterwelt, dem Hades. Die Frucht ist also die Erreichung der Unterwelt, etwas, was uns schon bei Odysseus entgegentritt. Es ist die symbolische Darstellung des Initiationsprozesses, die uns in der Herakles-Sage vorliegt. Sie bleibt nur deshalb so unverständlich, sodass man mit ihr nichts Rechtes anzufangen weiß, weil sie nicht eigentlich auf dem Boden der griechischen Philosophie erwachsen ist, sondern auf dem Boden des Mysterienwesens.
[ 33 ] [Twelfth:] Before Heracles performs the twelfth labor, he is initiated into the Mysteries. That is what we are told. We need not interpret this. Before he performs his twelfth labor, he is initiated into the Eleusinian Mysteries. And what does he accomplish here? He descends into the underworld, frees Theseus, and attains what is described with the words: He can bring Cerberus up from the underworld. The secret of the underworld becomes clear to him. Heracles attains the Heraclitean wisdom of “overcoming life with death.” He learns to understand the Heraclitean formula in which he says: The worship of Dionysus would simultaneously be the worship of Hades. In it, the highest deity of life converges with the god of the underworld, Hades. The fruit is thus the attainment of the underworld, something we already encounter in the case of Odysseus. It is the symbolic representation of the initiation process that we find in the Heracles legend. It remains so incomprehensible—to the point that one does not know what to make of it—only because it did not actually arise from Greek philosophy, but from the realm of the mysteries.
[ 34 ] Wenn wir die Sage des Herakles verstehen, so verstehen wir die entsprechenden Lehren bei allen Völkern, bei den Indern, Persern und Ägyptern. Die Mysterien des Herakles haben bestanden neben den Mysterien der anderen. Sie stellen uns alle den Initiationsprozess dar, und der Initiationsprozess ist in der ganzen alten Welt derselbe. Ich habe die Mithras-Sage nur deshalb angeführt, um zu zeigen, wie die Herakles-Sage im ganzen Altertum lebt und wie das griechische Geistesleben in der Dionysos-Sage die höhere Ausbildung der Herakles-Sage darstellt, darstellt das Obere gegenüber dem Unteren. [Das wird dargestellt durch das Parallellaufen des Dionysos-Prozesses mit demjenigen der anderen. Es stellt sich auch dar bei Angelus Silesius, dass der Initiierte nicht etwas im Weltenvorgang Gleichgültiges ist, sondern etwas Bedeutungsvolles.]
[ 34 ] If we understand the legend of Heracles, we understand the corresponding teachings among all peoples—the Indians, Persians, and Egyptians. The mysteries of Heracles existed alongside the mysteries of the others. They all represent the initiation process to us, and the initiation process is the same throughout the ancient world. I have cited the Mithras legend only to show how the Heracles legend lives throughout antiquity and how Greek spiritual life, in the Dionysus legend, represents the higher development of the Heracles legend, representing the higher in contrast to the lower. [This is illustrated by the parallel course of the Dionysus process with that of the others. It is also evident in Angelus Silesius that the initiate is not something indifferent in the course of the world, but something significant.]
[ 35 ] Für das «Oben» und «Unten» hat sich die griechische Geistwelt auch eine Entsprechung geschaffen. Was vorging im Dionysos, bezeichnete man als den «geistigen Prozes», das «Obere; was im Menschen vorging, bezeichnete man als das «Untere. Zum Zwecke der Vermittlung zwischen beiden wurde eine Vorstellung geschaffen, die Gestalt des Hermes, des Götterboten. Er besorgt die Botengänge, besorgt die Liebesbriefe und so weiter, hat aber auch seine tiefe esoterische Bedeutung. Er stellt sich dar als der Vermittler des Dionysischen und des Herakleischen. Er ist der Sohn des Zeus und einer Sterblichen, des Zeus mit einer in den arkadischen Höhlen wohnenden Tochter des Atlas, der Maja. Durch die Vermittlung, Verbindung der Maja mit Zeus entsteht die Vermittlung zwischen dem «Oberen» und «Unteren». Hermes ist das Symbol für die eigentliche menschliche Geisteskraft, welche die Vermittlung zwischen dem «Oben» und «Unten» darstellt.
[ 35 ] The Greek spiritual world also created a correspondence for the “Above” and the “Below.” What took place in Dionysus was designated as the “spiritual process,” the “Above”; what took place in human beings was designated as the “Below.” To mediate between the two, a mental image was created: the figure of Hermes, the messenger of the gods. He delivers messages, love letters, and so on, but he also has a deep esoteric significance. He presents himself as the mediator between the Dionysian and the Heraclean. He is the son of Zeus and a mortal, the son of Zeus and maya, a daughter of Atlas who dwells in the Arcadian caves. Through the mediation and union of maya with Zeus, the mediation between the “upper” and “lower” arises. Hermes is the symbol of the actual human spiritual power, which represents the mediation between the “upper” and “lower.”
[ 36 ] Der ganze Hermes-Mythos ist der Beweis dafür, dass das menschliche Erkenntnisstreben zugleich der irdischen und der geistigen Natur zukommt. Dieses doppelgestaltige Erkenntnisstreben drückt sich in Hermes aus. Er ist der «Kluge, der ‘Listige’. Schon als Kind überfällt er die Rinderherde des Apollon und schleppt eine Anzahl von Rindern fort. Seine Schlauheit als Kind ist schon so groß, dass der Verfolger ihre Spur gar nicht verfolgen kann. Er führt sie so, dass die Rinder umgekehrt gehen. Der Verfolger wird dadurch irregeführt. Apollon [erlangt] doch mit Hilfe des Zeus die Lösung des Geheimnisses.
[ 36 ] The entire myth of Hermes is proof that the human quest for knowledge pertains to both the earthly and the spiritual nature. This dual-natured quest for knowledge is expressed in Hermes. He is the “Wise One,” the “Cunning One.” Even as a child, he raids Apollo’s herd of cattle and carries off a number of them. His cunning as a child is already so great that the pursuer cannot follow their trail at all. He leads them in such a way that the cattle walk backward. The pursuer is thus misled. Apollo [does] however, with the help of Zeus, solve the mystery.
[ 37 ] Hermes ist es gelungen, sich aus einer Schildkrötenschale eine Lyra zu formen. Hier sieht man, wie die Geisteskraft durch den Menschen vom «Unteren» nach dem «Oberen» führt. Diese SchildkrötenschalenLyra gibt er dem Apollon für die Rinderherde.
[ 37 ] Hermes succeeded in fashioning a lyre from a tortoise shell. Here we see how the power of the spirit leads man from the “lower” to the “higher.” He gives this tortoise-shell lyre to Apollo in exchange for the herd of cattle.
[ 38 ] Da sehen wir, wie eine Scheidung eintritt: Auf der einen Seite haben wir das eigentliche Erkenntnisstreben. — Die Musik, die Künste sind auf den anderen Götterboten übergegangen; auch Apollon ist ein Götterbote. Hermes und Apollon sind zwei Götterboten. In Hermes haben wir den Wahrheitssinn und in Apollon den Sinn für das Schöne. Die Gabe der Phantasie haben wir hier wieder als eine Verbindung des Unteren mit dem Oberen. So erscheinen uns Hermes und Apollon als Vermittler des Unteren und Oberen. Es sind die zwei Kräfte, welche uns das Dionysische mit dem Herakleischen verbinden. Sie stellen uns dasjenige getrennt dar, was für uns auf der ursprünglichen Stufe als einheitlicher Prozess vorhanden war.
[ 38 ] Here we see a division taking place: on the one hand, we have the actual pursuit of knowledge. — Music and the arts have passed to the other divine messengers; Apollo, too, is a divine messenger. Hermes and Apollo are two divine messengers. In Hermes we find the sense of truth, and in Apollo the sense of beauty. Here we find the gift of imagination once again as a connection between the Lower and the Upper. Thus Hermes and Apollo appear to us as mediators between the Lower and the Upper. They are the two forces that connect the Dionysian with the Heraclitean. They present to us as separate that which, at the original stage, existed for us as a unified process.
[ 39 ] So haben sich die späteren Mysterien-Lehren ausgebildet. Das sind die späteren Mythen, die erst entstehen konnten aus denen, welche ungetrennt Wahrheit, Schönheit und Güte enthalten haben. Als die Feste, welche in den Mysterien-Tempeln gefeiert wurden, alles wie in einem Stamme enthalten haben, da konnte es «Hermes und «Apollo» nicht geben. Als aber das Künstlerstreben, wie in den Tragödien des Aischylos, und das Wahrheitsstreben in Sokrates und Platon heraufkam, da traten diese zwei Äste des ursprünglichen Stammes auf. Da haben wir auf der einen Seite das Erkenntnisstreben, das von Sokrates und Platon seinen Ausgang genommen hat, und auf der anderen Seite die Kunst, welche ja merkwürdigerweise niemals — auch bis heute nicht — im Bewusstsein des größten Teiles der Menschheit zusammenhängend war mit dem Wahrheitsstreben.
[ 39 ] This is how the later mystery teachings developed. These are the later myths, which could only arise from those that contained truth, beauty, and goodness as an undivided whole. When the festivals celebrated in the mystery temples contained everything as in a single trunk, there could be no “Hermes” and no “Apollo.” But when the artistic striving, as in the tragedies of Aeschylus, and the striving for truth in Socrates and Plato arose, these two branches of the original trunk emerged. Thus, on the one hand, we have the quest for knowledge, which originated with Socrates and Plato, and on the other hand, art, which, curiously enough, has never—even to this day—been associated in the consciousness of the majority of humanity with the quest for truth.
[ 40 ] Erst um die Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert ist wiederum die Erkenntnis aufgedämmert, dass diese zwei Stämme zusammengehören, dass keiner von ihnen ohne den anderen bestehen kann und dass wirkliche Vertiefung nur möglich ist, wenn diese beiden Stämme sich wieder vereinigen. Diese Vereinigung kann für einen großen Teil des menschlichen Bewusstseins nicht als erreichbar bezeichnet werden. Wo uns aber in dieser Beziehung Bedeutsames entgegengetreten ist, ist es zu finden bei Goethe. Wie tief Goethe in diese Dinge hineingesehen hat, das kann sich uns aus dem Inhalte folgender Worte ergeben: «Ich habe die Vermutung, dass die Griechen nach den ewigen Gesetzen verfahren, nach denen die Natur selbst verfahren ist.»
[ 40 ] It was not until the turn of the eighteenth to the nineteenth century that the realization dawned once more that these two branches belong together, that neither can exist without the other, and that true deepening is only possible when these two branches reunite. For a large part of human consciousness, this union cannot be described as attainable. But where we have encountered something significant in this regard, it is to be found in Goethe. How deeply Goethe penetrated these matters can be seen from the meaning of the following words: “I have the suspicion that the Greeks proceed according to the eternal laws by which nature itself proceeds.”
[ 41 ] Da ist [ihm] aufgedämmert ein Strahl jenes [Urstrahles], aus dem das griechische Geistesleben sich herausentwickelt hat. Und das Ergebnis war manches, was uns als ein leuchtender Punkt entgegengetreten ist.
[ 41 ] There a ray of that [primordial ray] from which Greek spiritual life developed dawned upon [him]. And the result was much that has appeared to us as a shining point.
Fragenbeantwortung:
Questions and Answers
Frage: Wie verhält es sich mit der Entstehung der mystischen Philosophie des Platon einerseits und der Entstehung der Tragödie auf der anderen Seite?
Question: What is the relationship between the emergence of Plato’s mystical philosophy on the one hand and the emergence of tragedy on the other?
[ 42 ] [Antwort:] Man hat die Entstehung der Tragödie in der Entstehung der Tragödie im Griechenleben gesucht. Im Wagner’schen Lager ist man sich klar darüber, dass man im spätesten Griechentum noch eine Ahnung davon hatte, um was es sich beim bloßen Schatten der Mysterien, in der Tragödie, gehandelt hat. Das sehen wir aus des Aristoteles’ Beschreibung der Tragödie und des Epos. Das, was er darüber schreibt, ist in unglaublicher Weise missverstanden worden. Eine Unzahl von Büchern ist entstanden mit Vermutungen darüber, was er gemeint haben könnte mit der «Reinigung durch Furcht und Mitleid». Durch die Katharsis werden wir gereinigt von Furcht und Mitleid. Man kann nicht wissen, was die Katharsis darstellt, wenn man sie nicht auf der Grundlage der Mysterienweisheit, des Mysterienwesens betrachtet. Die Leidenschaften wurden beruhigt durch eine Besänftigungsmusik. Dann erst traten die Spieler auf. Das ist die erste Stufe des Initiationsvorganges. Die Tragödie stellt uns exoterisch diesen Vorgang vor. Sie ist die abgeschattete große Katharsis innerhalb der griechischen Mysterien. Wenn man die Dichtkunst, die «Poetik» des Aristoteles mit dieser Voraussetzung liest, dann kann man auch das, was Aristoteles sagen konnte, verstehen. Ohne diesen Hintergrund ist sie ganz wertlos.
[ 42 ] [Answer:] People have sought the origins of tragedy in the development of Greek life. In the Wagnerian camp, it is clear that even in late Greek culture there was still a sense of what the mere shadow of the mysteries—in tragedy—was all about. We see this from Aristotle’s description of tragedy and the epic. What he writes about this has been misunderstood in an incredible way. Countless books have been written speculating on what he might have meant by “purification through fear and pity.” Through catharsis, we are purified of fear and pity. One cannot know what catharsis represents unless one considers it on the basis of the wisdom of the Mysteries, the essence of the Mysteries. The passions were calmed by soothing music. Only then did the actors appear. This is the first stage of the initiation process. Tragedy presents this process to us in an exoteric way. It is the shadowed great catharsis within the Greek mysteries. If one reads poetry, Aristotle’s “Poetics,” with this premise in mind, then one can also understand what Aristotle was able to say. Without this background, it is completely worthless.
[ 43 ] So begreift man tatsächlich, dass die Kunst herausgewachsen ist aus ungeheuren Tiefen. Sie ist nicht etwas Ewiges; sie stellt sich als etwas Zeitliches neben das Wahrheitsstreben hin. Die Kunst stellt sich uns dar als etwas, demgegenüber dem menschlichen Bewusstsein die überzeugende Kraft der Wahrheit geschwunden ist. Daher wird es gar nicht gefühlt, dass die Kunst im Grunde genommen auch nach Wahrheit streben will. Dieses Bewusstsein ist verloren gegangen. Es ist [ihr] der Wahrheitskern entzogen worden.
[ 43 ] Thus one truly grasps that art has grown out of immense depths. It is not something eternal; it stands alongside the quest for truth as something temporal. Art presents itself to us as something in the face of which the persuasive power of truth has faded from human consciousness. Therefore, it is not even sensed that art, at its core, also seeks truth. This awareness has been lost. The core of truth has been stripped away from it.
[ 44 ] Der andere Baum erscheint uns in der platonischen Philosophie, in der philonischen Philosophie als neues Streben zur Wahrheit. In der platonischen Philosophie haben wir ein Streben vor uns, auf dem einseitigen Wege des Wahrheitsstrebens zur Erkenntnis vorzudringen. Es ist ganz natürlich, dass Platon zu der Ideenlehre kam: Der Weltprozess war für Platon auf der einen Seite die Entstehung aus dem Chaos, auf der anderen Seite die Entstehung aus den Ideen. Der Weltprozess besteht durch das fortwährende Durchdringen des Geistigen mit dem Materiellen, der Ideen mit dem Chaos.
[ 44 ] The other tree appears to us in Platonic philosophy, in Philonic philosophy, as a new striving for truth. In Platonic philosophy, we are faced with a striving to advance toward knowledge along the one-sided path of the pursuit of truth. It is entirely natural that Plato arrived at the theory of ideas: For Plato, the world process was, on the one hand, emergence from chaos, and on the other, emergence from ideas. The world process consists of the continuous interpenetration of the spiritual with the material, of the Ideas with chaos.
[ 45 ] Der Demiurgos, die Weltseele, entsteht als erstes Produkt. Sie ist erste Materie, in die der Hauch des Geistes gedrungen ist. Dieses stellt Platon dar in Kreuzesform. Und mit dieser Form ist verbunden die gesamte Ideenwelt der Logoi, wie die platonische Ideenwelt genannt werden muss. So stellt sie sich dar als Streben nach der reinen Wahrheit und dann wieder im «Timaios» als Wahrheit selber. Diese Wahrheit wird uns dargestellt unter dem neuen Bilde, unter dem neuen Symbol «des auf das Weltenkreuz gespannten Logos. Wir haben da den Logos in Verbindung mit dem Weltenkreuz.
[ 45 ] The Demiurge, the World Soul, emerges as the first product. It is prime matter into which the breath of the spirit has penetrated. Plato depicts this in the form of a cross. And connected to this form is the entire world of Ideas of the Logoi, as the Platonic world of Ideas must be called. Thus it presents itself as a striving for pure truth and then again in the “Timaeus” as truth itself. This truth is presented to us under the new image, under the new symbol of “the Logos stretched upon the world cross.” Here we have the Logos in connection with the world cross.
[ 46 ] Sie werden jetzt sehen, dass es im ursprünglichen platonischen Mystiker schon lag, dass sich in der Form, in welcher sich später das Christentum entwickelt hat — nachdem es durch ein griechisches Geistesbewusstsein durchgegangen ist —, [...] es sich vertiefen musste vom bloßen Mythos zur wahrhaften Mystik. Es findet sich der am Weltenkreuz gekreuzigte Logos ja im Griechischen vor.
[ 46 ] You will now see that it was already inherent in the original Platonic mystic that, in the form in which Christianity later developed—after it had passed through a Greek spiritual consciousness—[...] it had to deepen from mere myth to true mysticism. The Logos crucified on the World Cross is indeed found in Greek thought.
