Antike Mysterien und Christentum
GA 87
28 December 1901, Berlin
8. Der Herakles-Mythos
[Sehr verehrte Anwesende!]
[ 1 ] Ich habe mir gestattet, die Entwicklung des griechischen Geisteslebens in den Jahrhunderten vor Platon zu schildern — gleichsam als Vorbereitung für die eigentliche griechische Mystik, das heißt für die Zeit, in welcher das Mysterienwesen in das, was man gewöhnlich Mystik nennt, übergegangen ist.
[ 2 ] Ich bemerke vorläufig, dass Platon, der dem fünften bis vierten Jahrhundert vor Christi Geburt angehört, erscheint wie ein großer Zusammenfluss alles dessen, was das griechische Geistesleben vor Platon hervorgebracht hat. Er ist gestorben als Achtzigjähriger im Jahre 347 vor Christi Geburt. In dieses Leben hat sich zusammengedrängt eine fortlaufende Entwicklung, die demjenigen ganz besonders aufsteigend [und] groß erscheinen muss, der die platonischen Schriften in richtiger Weise zu lesen versteht.
[ 3 ] Platons Geschichte der Entwicklung in Griechenland fiel in eine Zeit, in der das Leben in Griechenland den merkwürdigsten Charakter angenommen hatte. Wir müssen uns klar sein darüber, dass, als Platon auftrat, auch eine Art Spaltung auftrat, sodass wir nur den [einen] Zweig in der platonischen Mystik zu sehen haben, der sich nach ihm ausbildete und den man das «Wahrheitsstreben» nennen kann. [Der andere Zweig, der sich aus dem einheitlichen Mysterienwesen losgelöst hat, ist die Kunst geworden], vor allen Dingen in der Gestalt, welche uns entgegentritt in der griechischen Tragödie, in der Tragödie des Aischylos und in den weniger bedeutenden Tragödien des Sophokles und Euripides.
[ 4 ] Platons [Leben] fiel in diese Zeit hinein. Das Mysterienwesen verflachte sich zur bloßen Tragödie. Das Mysterienwesen vereinigte in ungetrennter Einheit dasjenige, was die Kunst und die griechische Mystik auf getrennten Wegen gesucht haben. Eine solche Spaltung zwischen Wahrheit und Schönheit, zwischen Mystik und Kunst war zur Zeit des alten griechischen Mysterienwesens noch nicht vorhanden, und bis zu einem gewissen Grade werden wir auch sehen, dass sich ein großer Teil der Mysterien geflüchtet hat in die Kunst. Das Verflüchtigste ist das Ideale.
[ 5 ] Man versteht überhaupt den Begriff der Kunst nicht, wenn man sie nicht auffasst als etwas, das entstanden ist als ein Destillationsprodukt des griechischen Mysterienwesens. Das aber können wir erst sehen, wenn wir durchdrungen haben die Bedeutung der alten Griechen der vorplatonischen Zeit, die unter dem Mysterienwesen den wirklich tiefen Sinn des Wortes verstanden haben. Das griechische Mysterienwesen der vorplatonischen Zeit vereinigte alles, was an inneren Strebenszielen zum Ausdruck kommen kann. Und was uns an der Oberfläche entgegentritt — auch die Heraklit’sche Philosophie —, das sind nur verdünnte Produkte derjenigen, welche da in die Tiefen des Mysterienwesens eingedrungen sind, die diese in die anderen hineinwarfen, weil sie nicht eindringen konnten, damit sie wenigstens ahnen, wenn auch nicht sehen konnten.
[ 6 ] Dasjenige, was die Griechen suchten, ist etwas, dessen Platon auch allmählich teilhaftig geworden ist. Es ist dasjenige, was sich uns darstellt in den Schriften, die man gewöhnlich als die Schriften der ersten acht Jahre der Schriftstellerzeit des Platon bezeichnet.
[ 7 ] Wenn man diese Schriften der ersten Schriftstellerzeit nimmt, dann wird man sehen, dass man es zu tun hat mit rein philosophischen Schriften, mit ethischen Schriften, mit Moralschriften. Und das ist der Charakter der sogenannten ‹sokratischen Philosophie›. Sokrates rühmt sich geradezu, niemals in die Mysterien eingeweiht gewesen zu sein. Nach dem Tode des Sokrates beginnt für Platon eine äußerst wichtige Entwicklung, die dann ihren Gipfelpunkt erreicht in Platons bedeutendster Schrift, in dem «Timaios».
[ 8 ] Dasjenige, [was in den Zeiten der Blüte des Geisteslebens in Griechenland, bevor das Christentum umgestaltend eingewirkt hat auf das griechische Geistesleben], vorhanden war und Platon durchgemacht hat, diesen ganzen Entwicklungsgang bezeichnete man im griechischen Geistesleben als «Initiation». Sie ist dasjenige, was derjenige angestrebt hat, der sich in die Mysterien hat einweihen lassen wollen. Die Initiation erhalten und Eingeweihter werden, war für die Griechen ein und dasselbe.
[ 9 ] Und nun, wenn ich die platonische Mystik vor Ihnen entwickeln will in der Form, in der sie uns erscheinen wird als ein Prozess fortlaufender Initiationen, so muss ich noch etwas vorausschicken. Ich muss vorausschicken, dass das, was die Griechen hatten über das Wesen der Initiation, in einem merkwürdigen Mythos ausgedrückt war, der nicht verstanden werden kann, wenn er nicht als symbolische Darstellung der Initiation betrachtet wird. Er bildet eine Parallele zu dem Dionysos-Mythos, ein Seitenstück dazu; er ist indessen ganz anders.
[ 10 ] Wir wissen: Dionysos ist der Sohn einer Sterblichen, der Semele. Semele ist zugrunde gegangen. Sie hatte von Zeus verlangt, dass er ihr in seiner Himmelspracht und Herrlichkeit erscheinen solle. Als er ihr dies zugestanden hatte, musste er so erscheinen, und sie wurde von seinem Blitzstrahl getroffen und verbrannt. Der Dionysos musste zum zweiten Male geboren werden, [nachdem ihn Zeus gerettet hatte, indem er das noch unreife Kind im eigenen Oberschenkel bis zur Reife gebracht hatte,] sodass Dionysos, der als Mensch geboren, dann verbrannt wurde und dann als gottgeboren erscheint.
[ 11 ] Dieser Dionysos-Mythos stellt uns den Weltprozess, den Weltenwerdegang dar als den Prozess des inkarnierten Gottes, als den Prozess, den der Gott durchmacht, den der durchmacht, der Gott geworden ist. Diese Mythen waren Mysterien, welche sich auf den Weltprozess bezogen, ohne dass Rücksicht genommen wird auf dasjenige, was der Mensch innerhalb der Welt für eine Rolle spielt.
[ 12 ] Diesem Dionysos-Mythos steht ein anderer Mythos zur Seite, wie ein Seitenstück. Das ist der Herakles-Mythos. Er stellt sich uns dar wie ein vermenschlichter Dionysos-Mythos. Auch Herakles war der Sohn einer Sterblichen: Er wird wirklich von Alkmene geboren. Nun stellt sich heraus, dass diese Geburt durch die Eifersucht der Hera verspätet wird, dass er zu spät geboren wird. Vorher wurde Eurystheus geboren, welchem er das Erstgeburtsrecht abtrat. Herakles musste, weil er in zweiter Linie geboren, im Dienste des Eurystheus seine bekannten zwölf Arbeiten verrichten. Wir sehen also den DionysosMythos in vermenschlichter Gestalt uns hier wieder entgegentreten. Beide also waren Feuer. Es werden dann von Herakles seine menschlichen Arbeiten vollführt, und erst nach Vollführung derselben wird er in den Olymp entrückt. Dann geht er im Feuer auf.
[ 13 ] So erscheint uns Herakles wie der vermenschlichte Dionysos. Er erscheint uns als einer, welcher alle Leiden auf sich genommen hat, im Gegensatz zu Dionysos, welchem diese Leiden erspart worden sind. Diese zwölf Arbeiten sind nichts anderes als menschliche Prüfungen, die der Mensch zu bestehen hat, um allmählich aufzusteigen bis zur höchsten Stufe, die er erreichen kann. Dieser ganze Mythos ist nur zu verstehen als eine symbolische Darstellung des Initiationsprozesses, und die zwölf Arbeiten stellen zwölf aufeinanderfolgende Seelenzustände des Menschen dar. Durch diese gelangt der Mensch allmählich zu einem erhöhten Bewusstsein, zum Eingang, zur Erlangung des eigentlichen göttlichen Bewusstseins.
[ 14 ] Dass die zwölf Arbeiten des Herakles nichts anderes sind als Prüfungen, die der Mensch durchzumachen hat im Verlaufe des Initiationsprozesses, das beweist uns die Natur dieser Arbeiten. Es könnte uns ja scheinen, dass diese Arbeiten von der Dichtung nebeneinandergestellt worden sind als die Überwindung von zwölf Ungetümen. ‘Wenn man aber vergleicht, so wird man finden, dass es sich nicht um Kraftproben eines starken Menschen handelt, sondern um sinnvolle symbolische Dinge.
[ 15 ] Es handelt sich um Ungetüme, welche hervorgebracht worden sind von dem Geschwisterpaar Phorkis und Keto, aus denen dann das eigentliche Irdische hervorgegangen ist. In Verbindung mit dem Pontus sind es die Gottheiten, welche das Flüssige hervorbringen — zwischen dem Feuer und dem Irdischen stehend. Phorkis’ und Ketos Nachkommen sind die Ungeheuer, welche Herakles zu überwinden hat. Sie müssen überwunden werden, diese Wesenheiten, sie müssen abgestreift werden. Sehen wir uns diese Ungetüme einmal an, gegen welche Herakles kämpft:
[ 16 ] [Erstens:] Der ‹Nemeische Löwe›: Er stellt sich uns als ein Nachkomme jenes Geschwisterpaares Phorkis — Keto dar. Die Verwandtschaft anzuführen würde zu nichts weiter führen, aber die genealogische Gliederung stimmt vollständig. Das Wichtige dabei ist, dass der Löwe ein undurchdringliches Fell hat. Herakles kann ihn nur erwürgen. Das tut er und bringt ihn seinem Herrn. Sein Herr bekommt aber nun vor ihm Angst, sodass Herakles auf dessen Befehl außerhalb der Stadt bleiben muss. Die undurchdringliche Naturgewalt wird durch das undurchdringliche Fell voll dargestellt. Man kann den Schleier nicht durchdringen, ihn nicht mit Pfeilen durchbohren; man kann ihn nur bestehen lassen, man kann ihm nur seine gewaltigen Willenskräfte lähmen. Man muss ihn aber doch als Wesenheit neben sich bestehen lassen. Er kann nicht völlig getötet werden.
[ 17 ] Wir können in diesem Kampfe nur teilweise Sieger bleiben. Wir können nur den Anfang, nur einen Teil erreichen. Das ist das Wichtige bei dieser Arbeit. In dem ganzen Kampfe erscheinen uns die Naturmächte als sprachlose Gewalten, deren Stimme wir nicht erkennen können auf den unteren Stufen der Entwicklung. Die Natur steht als stumme Göttin vor uns. Wir müssen sie bestehen lassen, wir können sie nur teilweise erobern. Das symbolisiert sich uns in dieser ersten Arbeit.
[ 18 ] [Zweitens:] Die zweite Arbeit, welche Herakles unternimmt, ist der Kampf, gegen die ‹Lernäische Schlange›. Sie hat neun Köpfe, von denen der mittlere unsterblich ist. Diese haben die Eigenschaft, dass sie sich immer wieder erneuern, wenn sie abgeschlagen werden. Es ist der Kampf daher ein sehr schwieriger. Herakles kann diese Erneuerung nur durch Feuerbrände überwinden. Da enthüllt sich uns etwas Bedeutsames: Er hantiert mit dem Feuer.
[ 19 ] Wir werden aber sehen, dass es mit dieser zweiten Arbeit eine besondere Bewandtnis hat. Sie stellt sich uns dar als ein Verbindungsglied zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen. Der mittlere, unsterbliche Kopf ist dennoch ein Hindernis zur eigentlichen Einkehr ins Ewige. Das kann nur durch Geistigkeit überwunden werden. Nun ist Herakles aber nicht auf der Stufe, auf der er diese Arbeit vollbringen kann. Wir müssen einsehen, dass es ist wie ein Spiel mit dem Feuer von einem, der nicht recht damit zu hantieren versteht. Diese zweite Arbeit scheint also etwas zu sein, was nicht recht von Bedeutung für den Herakles sein kann. Es ist merkwürdig, dass das Verbindungsglied zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen so früh auftritt.
[ 20 ] [Drittens:] Die dritte Arbeit ist die Überwindung der «‹Kerynitischen Hirschkuh›, welche der Artemis, der jungfräulichen Göttin der Jagd, geheiligt ist. In der Hindeutung auf die jungfräuliche Artemis, auf die Künste des Friedens, sehen wir, dass es ein aufsteigender Prozess ist. Diese Hirschkuh hat [Herakles] lebendig gefangen. Er durfte sie nur lebendig fangen und lebendig nach seiner Heimat bringen. Dies war eine Arbeit, welche er im rein Irdischen vollbringt. Er lässt ab von dem Kampfe um das Unsterbliche. Er bemüht sich, festzustehen und sich umzutun.
[ 21 ] [Viertens:] Nachdem er auf diese Weise Kraft gewonnen hat, geht er an eine andere Arbeit, [nämlich den ‹Erymanthischen Eber› lebendig zu fangen]. Den bringt er gebunden nach Mykene. Das ist eine kriegerische Arbeit. Das will uns sagen, dass, nachdem er die kriegerische Sehnsucht überwunden hat, er wieder herabsteigen muss und jetzt an eine bedeutungsvollere Arbeit gehen kann. Wir sehen, dass er jetzt — wie zufällig — noch etwas anderes vollbringt: Er verwundet den Kentauren Chiron, der die wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, für Prometheus einzutreten. Wir sehen, wie sich hier die Prometheus-Sage verknüpft mit der Herakles-Sage. Wir sehen, wie hier das Willenselement in Verbindung tritt mit dem eigentlichen Entwicklungsgang des Herakles. Wir sehen, wie Herakles dasjenige Wesen schafft, bestellt, welches den Prometheus von seinen Qualen erlösen soll. So sehen wir, wie Herakles auf dieser Stufe, nachdem er sich selbst überwunden hat und abgelassen hat von dem Kampfe, nachdem er durch den neuerlichen Streit hindurchgegangen war, jetzt berufen ist, etwas zu tun für die strebende Menschheit. Dieser Sinn liegt der Verbindung der Herakles-Sage mit der Prometheus-Sage zugrunde.
[ 22 ] [Fünftens:] Die Reinigungsarbeit des Stalles des Augias. Diejenigen, welche die Aufnahme in die Mysterien suchten, mussten eine Art von Reinigung, eine Taufe an sich vornehmen lassen. Diese fünfte Arbeit kann erreichen derjenige, welcher die ersten vollbracht hat. Sie ist keine eigentliche Arbeit, sie fällt dem Menschen von selbst zu. Sie ist keine eigentliche Herakles-Arbeit. Die zweite und die fünfte Arbeit können eigentlich nicht als Herakles-Arbeiten gelten. Die zweite führt zu früh an das Ewige, und die fünfte ist etwas, was ihm von selber zugefallen ist. Es sind also eine Art Zwischenstationen.
[ 23 ] [Sechstens:] Eine besondere Arbeit des Herakles ist nun diejenige, die er mit den ‹Stymphalischen Vögeln› vollbringt. Das sind Vögel, mit denen er ebenfalls den Kampf aufzunehmen hat. Es kommt ihm bei dieser Arbeit bereits die Pallas-Athene zu Hilfe. Wir haben ja gesehen, was sie ist. Sie hat ja bei der Odysseus-Sage eine große Bedeutung. Sie ist die Gottheit der Weisheit, der himmlischen Weisheit. Jetzt nach der Reinigung steht Pallas-Athene an seiner Seite. Pallas-Athene ist — im Gegensatz zum Wissen — die richtige Weisheit.
[ 24 ] [Siebtens:] Die Vögel zu überwinden, war nur eine Stufe der Entwicklung. Aber nur mit Hilfe der Athene ist er imstande, den «Kretischen Stier lebendig nach Mykene zu bringen.
[ 25 ] Der Stier ist ein Symbol in allem Mysterienwesen, welches dazumal in der alten Welt verbreitet war, ein Symbol, welches überging von Persien durch Kleinasien, Ägypten und dann von da durch Griechenland verbreitet wurde. Es ist ein Symbol für die fruchtbringende lebendige Natur. Daher sehen wir in den Mithras-Mysterien den Stier mit einem merkwürdigen Symbol gepaart, mit einem Symbol der lebendigen Natur. Der Schwanz des Stieres läuft aus in einen Strauß von Weizenähren. Das ist unbedingt die symbolische Darstellung für die fruchtbringende und lebendige Natur. Und die MithrasSymbolik stellt nichts anderes dar als diese Arbeit des Herakles. Diese erscheint als eine höhere Arbeit des Herakles: Der ‹Nemeijische Löwe› ist die niedrigere, der Stier die höhere. Der Stier ist die Natur, aus welcher Leben sprießt, während der Löwe die Natur ist, welche blind, dumpf ist.
[ 26 ] Dieser Stier ist dem Poseidon geheiligt. Wir wissen auch, dass dieser Stier dargestellt wird für diejenigen, welche zu den Kämpfen des Mithras zugelassen wurden, als ein Stier, auf welchem ein Jüngling sitzt, der dem Stier sein Schwert in die Seite stößt. Ein Hund springt hinzu. Unterhalb ist eine Schlange, der Länge nach. Vor und hinter dem Stier sind zwei Begleiter. Der Jüngling stellt uns nichts anderes dar als den auf dem Wege der Initiation Begriffenen. Auf der einen Seite hat er einen Begleiter mit einer erhöhten Fackel, auf der anderen Seite einen Begleiter mit einer gesenkten Fackel. Das stellt dar einen Prozess zwischen Leben und Sterben, welches der Prozess der Initiation ist. Die obere Partie stellt uns den dahinfahrenden Sonnengott dar, den aufsteigenden und wieder herabfahrenden. Dieses stellt uns mit Recht als geistig dar, was unten vor sich geht. Das ist der entsprechende Prozess im Reiche des Dionysos, während der untere derjenige ist, in dem Herakles sich befindet. In dem Bilde ist uns nichts anderes enthalten als die siebente Arbeit des Herakles. In allen Mysterien-Darstellungen der ganzen alten Welt ist diese enthalten.
[ 27 ] [Achtens:] Nun kann Herakles eine ganz wichtige Arbeit vollbringen. Er kann die den Menschen feindliche Welt auf seiner höchsten Stufe überwinden. Die Prüfungen erneuern sich immer wieder von Neuem, und dasjenige, was jetzt zu überwinden ist, das stellt sich uns in der achten Arbeit, der Überwindung der «Feuerspeienden Rosse des Aressohnes Diomedes dar. Diese ‹feuerschnaubenden Rosse› werden uns sofort klar, wenn wir hören, dass sie mit Menschenfleisch gefüttert werden müssen. Die menschenfeindliche Gewalt auf der höheren Stufe ist das, was dem Menschen noch eine Prüfung auferlegen kann, wenn er auch schon eine hohe Stufe in der geistigen Überwindung errungen hat. Er überwindet hier dadurch, dass er die Rosse selber vorführt und sie dann in den Olymp führt, wo sie von wilden Tieren zerrissen werden. Nun ist er fähig, die weiteren Prüfungen zu vollziehen. Wir sehen, wie sich ihm allmählich das, was der Mensch auf seinem Entwicklungsgang erreichen kann, zu einem abgerundeten Ganzen bildet.
[ 28 ] [Neuntens:] Den «Gürtel der Amazonenkönigin» hat er darauf erobert. Dieses stellt das Sich-Bemächtigen desjenigen dar, was uns gleichsam hindert, als etwas, womit wir verbunden sind, die höheren Stufen des Bewusstseins zu erlangen. Wir haben es hier mit einem weiblichen Elemente zu tun. Er muss sich des «Gürtels der Amazonenkönigin» bemächtigen.
[ 29 ] [Zehntens:] Dann kommt die ‹Tötung des dreiköpfigen Geryon und die Hinwegführung seiner Rinder› [welche von dem Hund Orthos und dem Hirten Eurytion bewacht wurden]. Es ist dies auf einer noch höheren Stufe dasselbe wie mit dem Löwen und dem Stier. Es stellt eine Überwindung der vergeistigten Naturkraft dar.
[ 30 ] [Elftens:] Es ist aber von Bedeutung für uns, weil er auf der einen und der anderen Seite der Welt die Säulen des Herakles errichtet. Der Prüfungsgang schließt sich nun ab für ihn mit der Errichtung der zwei Grenzsäulen.
[ 31 ] Herakles könnte uns so als eine Art Eingeweihter erscheinen. Die zweite und fünfte Arbeit haben aber etwas Bedenkliches an sich. In den Arbeiten der «Reinigung des Augiasstalles und der ‘Lernäischen Schlang’ drückt sich aber aus, dass er seine vollständige Initiation nicht erreicht hat. Die beiden Arbeiten wurden nicht angenommen.
[ 32 ] 11 b: «Der Äpfel der Hesperidens hatte er sich zu bemächtigen. Sie waren das Brautgeschenk der Hera, [welche Gaea der Hera bei ihrer Vermählung geschenkt hatte,] das Symbol der Erkenntnis selbst. Herakles muss es sich erst aus dem Garten der Hera hervorholen, [wo sie von vier Jungfrauen, den Hesperiden, und dem Drachen Ladon, einem Abkömmling des Phorkys und der Keto, bewacht wurden]. 11 c: Auf diesem Wege befreit er den Prometheus und 11 d überwindet noch den Antaios, jene Riesengestalt, welche aus der Erde immer neue Kraft saugt, die nur die Erde zu berühren brauchte, um neue Kraft, Naturkraft zu erhalten. Erst nachdem Herakles diese schier unüberwindlichen Naturproben bestanden hat, kann er die Äpfel der Hesperiden holen. Die [Überwindung der] Naturkraft ist noch nicht etwas Bleibendes. Er muss auf dieser Stufe erst recht klar sein, dass diese Erkenntnis fortwährend erneuert werden muss. Diese Prüfung muss immer von Neuem vollzogen werden. Das Einzige, was erreicht werden kann, ist das, dass der Antaios immer von Neuem bekämpft werden muss. Der wird immer bei der Berührung der Erde neue Kraft gewinnen. Es ist also ein fortwährender Kampf.
[ 33 ] [Zwölftens:] Bevor Herakles die zwölfte Arbeit vollbringt, lässt er sich in die Mysterien einweihen. Das wird uns erzählt. Wir brauchen da nicht zu deuten. Bevor er seine zwölfte Arbeit macht, wird er in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht. Und was vollbringt er hier? Er steigt in die Unterwelt, befreit den Theseus und erlangt das, was man bezeichnet mit den Worten: Er kann den Cerberos aus der Unterwelt heraufholen. Ihm wird das Geheimnis der Unterwelt klar. Herakles erlangt die Heraklit’sche Weisheit von der «Überwindung des Lebens mit dem Tode». Er lernt verstehen die Heraklit’sche Formel, in der er sagt: Es wäre die Verehrung des Dionysos gleichzeitig die Verehrung des Hades. In ihr fließt zusammen die höchste Gottheit des Lebens mit dem Gott der Unterwelt, dem Hades. Die Frucht ist also die Erreichung der Unterwelt, etwas, was uns schon bei Odysseus entgegentritt. Es ist die symbolische Darstellung des Initiationsprozesses, die uns in der Herakles-Sage vorliegt. Sie bleibt nur deshalb so unverständlich, sodass man mit ihr nichts Rechtes anzufangen weiß, weil sie nicht eigentlich auf dem Boden der griechischen Philosophie erwachsen ist, sondern auf dem Boden des Mysterienwesens.
[ 34 ] Wenn wir die Sage des Herakles verstehen, so verstehen wir die entsprechenden Lehren bei allen Völkern, bei den Indern, Persern und Ägyptern. Die Mysterien des Herakles haben bestanden neben den Mysterien der anderen. Sie stellen uns alle den Initiationsprozess dar, und der Initiationsprozess ist in der ganzen alten Welt derselbe. Ich habe die Mithras-Sage nur deshalb angeführt, um zu zeigen, wie die Herakles-Sage im ganzen Altertum lebt und wie das griechische Geistesleben in der Dionysos-Sage die höhere Ausbildung der Herakles-Sage darstellt, darstellt das Obere gegenüber dem Unteren. [Das wird dargestellt durch das Parallellaufen des Dionysos-Prozesses mit demjenigen der anderen. Es stellt sich auch dar bei Angelus Silesius, dass der Initiierte nicht etwas im Weltenvorgang Gleichgültiges ist, sondern etwas Bedeutungsvolles.]
[ 35 ] Für das «Oben» und «Unten» hat sich die griechische Geistwelt auch eine Entsprechung geschaffen. Was vorging im Dionysos, bezeichnete man als den «geistigen Prozes», das «Obere; was im Menschen vorging, bezeichnete man als das «Untere. Zum Zwecke der Vermittlung zwischen beiden wurde eine Vorstellung geschaffen, die Gestalt des Hermes, des Götterboten. Er besorgt die Botengänge, besorgt die Liebesbriefe und so weiter, hat aber auch seine tiefe esoterische Bedeutung. Er stellt sich dar als der Vermittler des Dionysischen und des Herakleischen. Er ist der Sohn des Zeus und einer Sterblichen, des Zeus mit einer in den arkadischen Höhlen wohnenden Tochter des Atlas, der Maja. Durch die Vermittlung, Verbindung der Maja mit Zeus entsteht die Vermittlung zwischen dem «Oberen» und «Unteren». Hermes ist das Symbol für die eigentliche menschliche Geisteskraft, welche die Vermittlung zwischen dem «Oben» und «Unten» darstellt.
[ 36 ] Der ganze Hermes-Mythos ist der Beweis dafür, dass das menschliche Erkenntnisstreben zugleich der irdischen und der geistigen Natur zukommt. Dieses doppelgestaltige Erkenntnisstreben drückt sich in Hermes aus. Er ist der «Kluge, der ‘Listige’. Schon als Kind überfällt er die Rinderherde des Apollon und schleppt eine Anzahl von Rindern fort. Seine Schlauheit als Kind ist schon so groß, dass der Verfolger ihre Spur gar nicht verfolgen kann. Er führt sie so, dass die Rinder umgekehrt gehen. Der Verfolger wird dadurch irregeführt. Apollon [erlangt] doch mit Hilfe des Zeus die Lösung des Geheimnisses.
[ 37 ] Hermes ist es gelungen, sich aus einer Schildkrötenschale eine Lyra zu formen. Hier sieht man, wie die Geisteskraft durch den Menschen vom «Unteren» nach dem «Oberen» führt. Diese SchildkrötenschalenLyra gibt er dem Apollon für die Rinderherde.
[ 38 ] Da sehen wir, wie eine Scheidung eintritt: Auf der einen Seite haben wir das eigentliche Erkenntnisstreben. — Die Musik, die Künste sind auf den anderen Götterboten übergegangen; auch Apollon ist ein Götterbote. Hermes und Apollon sind zwei Götterboten. In Hermes haben wir den Wahrheitssinn und in Apollon den Sinn für das Schöne. Die Gabe der Phantasie haben wir hier wieder als eine Verbindung des Unteren mit dem Oberen. So erscheinen uns Hermes und Apollon als Vermittler des Unteren und Oberen. Es sind die zwei Kräfte, welche uns das Dionysische mit dem Herakleischen verbinden. Sie stellen uns dasjenige getrennt dar, was für uns auf der ursprünglichen Stufe als einheitlicher Prozess vorhanden war.
[ 39 ] So haben sich die späteren Mysterien-Lehren ausgebildet. Das sind die späteren Mythen, die erst entstehen konnten aus denen, welche ungetrennt Wahrheit, Schönheit und Güte enthalten haben. Als die Feste, welche in den Mysterien-Tempeln gefeiert wurden, alles wie in einem Stamme enthalten haben, da konnte es «Hermes und «Apollo» nicht geben. Als aber das Künstlerstreben, wie in den Tragödien des Aischylos, und das Wahrheitsstreben in Sokrates und Platon heraufkam, da traten diese zwei Äste des ursprünglichen Stammes auf. Da haben wir auf der einen Seite das Erkenntnisstreben, das von Sokrates und Platon seinen Ausgang genommen hat, und auf der anderen Seite die Kunst, welche ja merkwürdigerweise niemals — auch bis heute nicht — im Bewusstsein des größten Teiles der Menschheit zusammenhängend war mit dem Wahrheitsstreben.
[ 40 ] Erst um die Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert ist wiederum die Erkenntnis aufgedämmert, dass diese zwei Stämme zusammengehören, dass keiner von ihnen ohne den anderen bestehen kann und dass wirkliche Vertiefung nur möglich ist, wenn diese beiden Stämme sich wieder vereinigen. Diese Vereinigung kann für einen großen Teil des menschlichen Bewusstseins nicht als erreichbar bezeichnet werden. Wo uns aber in dieser Beziehung Bedeutsames entgegengetreten ist, ist es zu finden bei Goethe. Wie tief Goethe in diese Dinge hineingesehen hat, das kann sich uns aus dem Inhalte folgender Worte ergeben: «Ich habe die Vermutung, dass die Griechen nach den ewigen Gesetzen verfahren, nach denen die Natur selbst verfahren ist.»
[ 41 ] Da ist [ihm] aufgedämmert ein Strahl jenes [Urstrahles], aus dem das griechische Geistesleben sich herausentwickelt hat. Und das Ergebnis war manches, was uns als ein leuchtender Punkt entgegengetreten ist.
Fragenbeantwortung:
Frage: Wie verhält es sich mit der Entstehung der mystischen Philosophie des Platon einerseits und der Entstehung der Tragödie auf der anderen Seite?
[ 42 ] [Antwort:] Man hat die Entstehung der Tragödie in der Entstehung der Tragödie im Griechenleben gesucht. Im Wagner’schen Lager ist man sich klar darüber, dass man im spätesten Griechentum noch eine Ahnung davon hatte, um was es sich beim bloßen Schatten der Mysterien, in der Tragödie, gehandelt hat. Das sehen wir aus des Aristoteles’ Beschreibung der Tragödie und des Epos. Das, was er darüber schreibt, ist in unglaublicher Weise missverstanden worden. Eine Unzahl von Büchern ist entstanden mit Vermutungen darüber, was er gemeint haben könnte mit der «Reinigung durch Furcht und Mitleid». Durch die Katharsis werden wir gereinigt von Furcht und Mitleid. Man kann nicht wissen, was die Katharsis darstellt, wenn man sie nicht auf der Grundlage der Mysterienweisheit, des Mysterienwesens betrachtet. Die Leidenschaften wurden beruhigt durch eine Besänftigungsmusik. Dann erst traten die Spieler auf. Das ist die erste Stufe des Initiationsvorganges. Die Tragödie stellt uns exoterisch diesen Vorgang vor. Sie ist die abgeschattete große Katharsis innerhalb der griechischen Mysterien. Wenn man die Dichtkunst, die «Poetik» des Aristoteles mit dieser Voraussetzung liest, dann kann man auch das, was Aristoteles sagen konnte, verstehen. Ohne diesen Hintergrund ist sie ganz wertlos.
[ 43 ] So begreift man tatsächlich, dass die Kunst herausgewachsen ist aus ungeheuren Tiefen. Sie ist nicht etwas Ewiges; sie stellt sich als etwas Zeitliches neben das Wahrheitsstreben hin. Die Kunst stellt sich uns dar als etwas, demgegenüber dem menschlichen Bewusstsein die überzeugende Kraft der Wahrheit geschwunden ist. Daher wird es gar nicht gefühlt, dass die Kunst im Grunde genommen auch nach Wahrheit streben will. Dieses Bewusstsein ist verloren gegangen. Es ist [ihr] der Wahrheitskern entzogen worden.
[ 44 ] Der andere Baum erscheint uns in der platonischen Philosophie, in der philonischen Philosophie als neues Streben zur Wahrheit. In der platonischen Philosophie haben wir ein Streben vor uns, auf dem einseitigen Wege des Wahrheitsstrebens zur Erkenntnis vorzudringen. Es ist ganz natürlich, dass Platon zu der Ideenlehre kam: Der Weltprozess war für Platon auf der einen Seite die Entstehung aus dem Chaos, auf der anderen Seite die Entstehung aus den Ideen. Der Weltprozess besteht durch das fortwährende Durchdringen des Geistigen mit dem Materiellen, der Ideen mit dem Chaos.
[ 45 ] Der Demiurgos, die Weltseele, entsteht als erstes Produkt. Sie ist erste Materie, in die der Hauch des Geistes gedrungen ist. Dieses stellt Platon dar in Kreuzesform. Und mit dieser Form ist verbunden die gesamte Ideenwelt der Logoi, wie die platonische Ideenwelt genannt werden muss. So stellt sie sich dar als Streben nach der reinen Wahrheit und dann wieder im «Timaios» als Wahrheit selber. Diese Wahrheit wird uns dargestellt unter dem neuen Bilde, unter dem neuen Symbol «des auf das Weltenkreuz gespannten Logos. Wir haben da den Logos in Verbindung mit dem Weltenkreuz.
[ 46 ] Sie werden jetzt sehen, dass es im ursprünglichen platonischen Mystiker schon lag, dass sich in der Form, in welcher sich später das Christentum entwickelt hat — nachdem es durch ein griechisches Geistesbewusstsein durchgegangen ist —, [...] es sich vertiefen musste vom bloßen Mythos zur wahrhaften Mystik. Es findet sich der am Weltenkreuz gekreuzigte Logos ja im Griechischen vor.
