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Antike Mysterien und Christentum
GA 87

19 Oktober 1901, Berlin

1. Über Heraklit

Verehrte Anwesende!

[ 1 ] Da ich die Freude habe, die Vorträge, die ich im vorigen Jahre beginnen durfte, in diesem Winter fortzusetzen, so habe ich mir zur Aufgabe gestellt, die Zeit, welche derjenigen vorangeht, die ich im vorigen Jahre betrachtet habe, zum Gegenstand unserer Betrachtung zu machen, sie insofern zu betrachten, als in dieser Zeit die Keime zu allem liegen, was die spätere mittelalterliche Mystik erst hervorgebracht hat.

[ 2 ] [Das Büchelchen der vorjährigen Vorträge, welches jetzt herausgegeben wird, behandelt die deutsche Mystik von Meister Eckhart bis Angelus Silesius.] Die Mystik ist durch die ungeheuer hochstehenden Geister der Persönlichkeiten, welche dieser Mystik angehören, aus sich selbst zu verstehen. Man kann, wenn man überhaupt in die Eigentümlichkeiten der mystischen Lehren sich vertieft, wenn man den Charakter dieser Lehren kennenlernt, die deutschen Mystiker und das, was die Zeitgenossen der deutschen Mystiker sind, man kann diese persönlich und ihre Lehren aus sich selbst verstehen. Es wird aber doch ein ganz anderes Licht auf diese spätere Mystik und ihre im Grunde durch und durch esoterischen Lehren geworfen, wenn man die Vorbedingungen in Betracht zieht, welche den griechischen Mysterien und den Mysterien der ersten christlichen Jahrhunderte zugrunde liegen.

[ 3 ] Vor allem knüpft die deutsche Mystik an die Mysterienlehren an, nicht nur an das, was der heilige Augustinus lehrt, sondern auch an die Lehren des Scotus Eriugena, welcher im Grunde genommen, mehr oder weniger unbewusst, der große Lehrmeister dieser Mystiker war - des Nikolaus Cusanus, Angelus Silesius, Meister Eckhart. Ich meine also, man bekommt ein ganz anderes Bild, wenn man von den griechischen Mysterien aus die Sache betrachtet. Die griechische Mystik ist eine alte Urlehre, deren Ursprung sich in Griechenland selbst bis ins achte Jahrhundert vor Christi Geburt verliert.

[ 4 ] Diese Mysterienlehren haben aber wichtige Einflüsse [erhalten] von allen Mysterienlehren: von den ägyptischen, persischen und auch indischen Mysterienlehren.

[ 5 ] Die griechischen Mysterienlehren sind sehr kompliziert. Um einen Einblick zu gewinnen, [gebe ich zuerst] eine geschichtliche Betrachtung, weil man nur durch die sicheren geschichtlichen Tatsachen in die eigentliche Grundweisheit dieser Lehren eindringen kann. Ich möchte deshalb mehr von außen nach innen vordringen: zuerst das geschichtlich Feststehende, um dann immer mehr in das eigentliche geheime Wissen dieser griechischen Mysterien einzudringen.

[ 6 ] Betrachten wir die Sache geschichtlich, so boten sich da bis vor wenigen Jahrzehnten ungeheure Schwierigkeiten, weil wir zwar wussten, welcher ungeheure Eindruck auf diejenigen ausgeübt worden ist, welche von [den Mysterien] berührt worden waren, aber kein Zeugnis hatten von denen, die eingeweiht waren. Ein Zeugnis, das alle befriedigen muss, wäre, dass Menschen der griechischen und lateinischen Zeitgenossen ihre Weisheit gesehen haben. Worin aber die Grundlage dieser Urweisheit bestanden haben mag, das haben wir bis vor kurzer Zeit nicht recht verstehen können.

[ 7 ] Es ist uns deshalb leichter möglich [dies zu verstehen], weil wir einen dieser Geister, der tief eingeweiht war, im richtigen Lichte zu sehen wissen, der früher, wenigstens von unseren abendländischen Anschauungen aus, für einen philosophischen Denker genommen worden ist, was er aber nach unseren jetzigen Kenntnissen durchaus nicht bloß war.

[ 8 ] Ich meine Heraklit, der um das Jahr 500 vor unserer Zeitrechnung lebte und der tief einführt in die griechische Mysterienlehre, weil er zu den Eingeweihten in Ephesus gehörte. Wir haben heute eine ganz andere Vorstellung davon, warum dieser Heraklit bis in unsere Zeit hinein der «Dunkle» genannt wurde. Es ist das schwer zu verstehen. Schwer, nicht weil er in einer schwer verständlichen Sprache geschrieben hat. Denn nicht seine Sprache ist schwierig, sondern der eigentliche innere Sinn dessen, was er mitzuteilen hat. Er ist nicht in der Hinsicht schwierig, dass man nichts verstehen könnte, was er dem Wortlaut nach sagt, sondern dadurch, dass man wissen muss, aus welcher Urweisheit heraus er gewachsen ist. Man muss wissen, aus welcher Urweisheit heraus seine Lehren geboren worden sind, wenn man seine Lehren verstehen will.

[ 9 ] Er hat also [im Übergang vom sechsten zum fünften Jahrhundert] vor Christi Geburt gelebt. Was man von ihm erzählen hört, ist, dass er gelehrt hat, das Feuer sei das Urprinzip, so wie Thales als Urprinzip das Wasser aufgestellt hat. Er habe ferner gelehrt, alles «sei in ewigem Fluss, es gebe kein «Sein, sondern ein ewiges «Werden. Das wird illustriert dadurch, dass er sagt, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Und so ist es mit allen Geschehnissen der Welt, mit allen Tatsachen.

[ 10 ] Auch der Mensch ist in «ewigem Werdem begriffen. Er ist in diesem Augenblick ein anderer wie vor einer Viertelstunde. Alles ist in ewigem Lauf, in ‘ewigem Flus’. Das ist es, was gewöhnlich von Heraklit vorgebracht wird.

[ 11 ] Wir haben nun zwei Bücher, welche noch [einen Anfang bedeuten], aber auch schon ein tieferes Verständnis bekunden. Das ist das deutsche Buch von Lassalle und dann das Buch von [Bywater]. Beide muss man zu Hilfe nehmen, wenn man Heraklit verstehen will. Das aber, was die Grundlage zu Heraklits Verständnis bildet, hat Pfleiderer geschrieben. Er konnte dies schreiben, weil er noch aus der Hegel’schen Schule kam und daher noch Verständnis dafür gehabt hat. Pfleiderer hat in wirklich energischer Weise darauf hingewiesen, dass Heraklit nicht ein solcher Philosoph sei wie Anaxagoras oder Parmenides und andere. Das waren Denker, die wir mit anderen Schuldenkern vergleichen können. Heraklit darf eben nicht in diese Reihe hineingestellt werden, sondern muss verstanden werden aus dem ganzen griechischen Geist heraus. Er gehörte selbst dem Geschlecht der [Kodriden] an, er war Vorstand einer Filiale der Eleusinischen Mysterien, in welcher reinster und vornehmster Kultus in jenem Jahrhundert gepflegt worden ist. Diese Mysterien, die wir nach und nach kennenlernen werden, wurden von den Zeitgenossen, die etwas von ihnen wussten, als Stätten angesehen, in denen man die größtmögliche Befriedigung aller geistigen Bedürfnisse der Menschen finden könne.

[ 12 ] Wir haben eine [umfängliche] Beschreibung der Eindrücke von Zeitgenossen von dem, was man aus den Mysterien gewinnen konnte. Vor allem aber wichtig scheint mir ein Zeugnis Plutarchs zu sein, welcher darauf aufmerksam macht und sagt, dass man eigentlich diese Mysterien nur zu einer gewissen Menschlichkeit herabgezogen habe. [Platon sagt]: Wer in die Mysterien eingeweiht ist, ist teilhaftig eines ewigen Lebens, während die anderen, wenn sie den Tod erleiden, einfach in den [Schlamm] versinken müssen.

[ 13 ] Wie sie die Stellung der Mysterien zu den wissenschaftlichen Lehren auffassen, davon bekommen wir einen Begriff aus einigen Stellen bei Aristoteles. Er sagt: Die Teilnehmer bei den Mysterien waren weniger gehalten, eine bestimmte Erkenntnis aufzunehmen, weniger gehalten, bestimmte inhaltliche Wahrheiten aufzunehmen. Diese konnte man sich auch auf andere Weise aneignen. Sie waren mehr gehalten, innerhalb eines gewissen Lebenskreises zu leben und diese Sachen aufzunehmen. — Daher wusste er, dass es sich nicht darum handelte, Wahrheit zu lehren, sondern Wahrheit zu erleben. Es handelt sich also nicht darum, dass man Wahrheiten übergeben erhalten hat, sondern dass man sie auch so und so lange gelebt und unter solchen Umständen mit der Wahrheit gelebt hat. Das Leben ist es, was innerhalb der Mysterien gepflegt worden ist. Das ist es, was Aristoteles erzählt.

[ 14 ] Wenn [Pfleiderer] auch davon spricht, dass [Heraklit] das Vorstandsamt in der Filiale der Eleusinischen Mysterien an seinen Bruder abgegeben hat, so dürfen wir doch annehmen, dass er als führende Persönlichkeit zu betrachten und eine solche auch gewesen ist. Und eines weist darauf hin, dass er zu den Eingeweihten gehört hat. Besonders ein Werk, das heißt nur einzelne Stücke dieses Werkes weisen darauf hin. Das Werk hat wahrscheinlich den Titel gehabt «Über die Natur». Wir können uns danach eine Vorstellung machen, was er gesagt hat. Dieses Werk hat er im Tempel der Artemis zu [Ephesus] niedergelegt, weil er überzeugt war, dass er nur im Kreise derer, die um ihn waren, wirklich Verständnis finden kann. Ferner auch ist zu bedenken, dass Heraklit nicht eine Natur war, die sich mit Anschauungen des Marktes, mit Anschauungen, die unter der großen Menge herrschen, einlassen wollte. Er meinte nicht etwa nur die ganz banalen Wahrheiten des Alltagsverstandes, wovon er nichts wissen wollte und was er für eine nichtige Sache hielt, sondern er verstand darunter etwas, was weit absteht von der Wahrheit eines Eingeweihten. Er verstand darunter auch alles, was Homer sagt und die ganzen griechischen Götterlehren, die er weit von sich wies. Er meinte, dass es am besten sei, sich um Homer gar nicht zu kümmern. Heraklit ist so aufzufassen, als ob er den «großen Pöbeb verabscheut und ein abgezogenes Dasein geführt hätte.

[ 15 ] Wir erhalten ein besseres Verständnis, wenn wir auf einzelne Sätze dieses Werkes eingehen und diese einzelnen Sätze prüfen. Da haben wir einen, welcher uns gleich blitzartig die ganze Geistesart von Heraklit beleuchten kann: Die Sinne, Augen und Ohren, sind eigentlich Lügner, und diejenigen, welche nur durch Augen und Ohren erfahren wollen, werden niemals etwas erfahren, weil sie Barbaren der Seele sind!

[ 16 ] Wir dürfen nicht denken, dass Heraklit glaubt, die Sinne belügen uns. Nein, er betont ausdrücklich, dass es die Augen und Ohren sind, durch die wir alles bekommen. Überall finden wir Mysterien, wohin wir auch unseren Schritt lenken. Er nahm das «Alltägliche. Das war ihm mysteriös genug, sodass er weniger die Seltenheiten, die Seltsamkeiten und Einsamkeiten des Lebens aufsuchen wollte. Er glaubte, dass derjenige, welcher wie ein Blinder, wie ein Traumwandler nur mit Augen und Ohren sieht und hört, ein Barbar der Seele ist, dem es unmöglich ist, die Seele zu einem höheren Dasein zu erwecken. Heraklit war überzeugt, dass alle die Anschauungen der großen Menge nichts anderes sind als solche, die durch die äußeren Sinne gewonnen worden sind.

[ 17 ] Wir müssen uns klar darüber sein, dass auch die religiösen Anschauungen des Homer, des Hesiod und anderer griechischer Dichter zurückgehen auf tiefere Weisheitslehren, die sich innerhalb der Mysterien fanden und die man da aufbewahrt hatte. Aber wir müssen auch daran erinnern, dass sie eine andere Gestalt angenommen hatten. Gerade dem Hesiod machte Heraklit den Vorwurf, dass er und auch andere griechische Dichter zu äußeren Formen, zu reinen Sinneswahrheiten Zuflucht genommen hätten und nicht zu jenen Weisheitslehren standen, welche ihnen die Mysterien hätten überliefern können. Heraklit war eingeweiht in die Urform von Weisheitslehren, von denen die griechische Mythologie abstammt. Heraklit, als Vorstand, war eingeweiht in die alten Kulte, in denen man die tiefsten Grundlagen der griechischen Mythologie in ganz anderer Form kennenlernte.

[ 18 ] Wir haben schon eine Idee davon, was eigentlich der Grundton dessen war, in was man eingeweiht wurde, wenn es auch Leute gab, die noch nicht viel davon wussten; wir kommen zu dieser Idee, wenn wir eingehen auf das, was unter den griechischen Mysterien zu verstehen ist. Wir erfahren da [durch Cicero], dass es sich nicht um göttliche Wahrheiten handelt, sondern um «natürliche. Wir dürfen das nicht falsch verstehen. Wenn gesagt wird, dass es sich nicht um göttliche Wahrheiten handelt, so müssen wir uns klarmachen, dass es sich da nur um griechische Götter handeln konnte. Es sollte sich aber um tiefere Naturgewalten handeln, um das größte, was der Mensch erleben kann in einer symbolischen Gestalt, nämlich in derjenigen, in der das eigentliche Drama des Menschen in den griechischen Mysterien erlebt worden ist. Das, was sich enthüllen sollte, das war der Mensch, die Selbsterkenntnis.

[ 19 ] Dieses Erfühlen des ganzen Menschen war Bedürfnis: «Erkenne dich selbst». Das war es, was die Mysterien sich zur Aufgabe gestellt hatten. Nun stand Heraklit innerhalb dieser Mysterienkulte, und ich führe Heraklit deshalb an, um allmählich in die Mysterienkulte einzudringen. Ich betrachte Heraklit als eine auserlesene Persölichkeit, welche besonders tief eingeweiht war in die Geheimnisse der Mysterien. Und auf der anderen Seite hatte er eine besondere Fähigkeit, die Geheimnisse in einer klaren und klassischen Weise zum Ausdruck zu bringen.

[ 20 ] Nun kann man Heraklit aber nur verstehen, wenn man ihn aufgrund dessen, was die Mysterien ihm geboten hatten, betrachtet. Die Mysterien waren nur auserlesenen Geistern zugänglich. [Diejenigen Mysterien allerdings], von denen uns erzählt wird, sind populäre Kulte gewesen. Die Eleusinischen, die Orphischen und so weiter, das waren populäre Gestaltungen. Daher hat es auch zu dem Irrtum führen können, dass Heraklit von all diesem Mysterienwesen nichts wissen will. Es gibt Stellen, wo er sich ebenso scharf über die Mysterien ausspricht, wie er sich gegen Homer, Hesiod und andere ausgesprochen hat. Auf der einen Seite legt er sein Werk im Tempel der Artemis nieder, auf der anderen Seite lehnt er diese Mysterienkulte ab.

[ 21 ] Wenn wir nun auf seine Worte hinsehen: Da feiern die Griechen den Dionysos und stellen ihn in obszönen Szenen dar - sodass derjenige, der nicht tiefer sah, eigentlich nur etwas Schamloses darin sehen konnte. Heraklit betont aber ausdrücklich, dass diese schamlosen Szenen nur schamlos dann erscheinen, wenn man sie in der populären Gestalt betrachtet, dass dem aber etwas Wichtiges zugrunde liegt. — Es ist ihnen zu verzeihen, weil dieser Dionysos nichts anderes ist als der Hades.

[ 22 ] Dionysos ist auf der einen Seite der Gott des fortwährenden Wachsens, der Gott des Lebens, der Lustbarkeit, der Gott des ausschweifenden Geschlechtslebens. Auf der anderen Seite nennt er ihn zugleich den Gott der Unterwelt, den Gott des Hades. Er betrachtet diese beiden als ein und dasselbe. Dass Heraklit den Gott des sprossenden Lebens und den Gott des Todes als ein und dieselbe Wesenheit betrachtet, das ist etwas, was er innerhalb der Mysterienkulte erlebt hat. Die Mysterienkulte gingen dahin, eine Vorstellung davon hervorzurufen, dass die landläufige Vorstellung, dass das Leben in einem fortwährenden Oszillieren ist, überwunden werden muss. Das Leben kommt und wird vom Tode abgelöst.

[ 23 ] Diese Vorstellung, die sich der Mensch zunächst nach den Eindrücken seiner Sinne macht, ist eine erste Stufe. Diese Stufe sollte da überwunden werden. Die Sache wird uns noch deutlicher werden, wenn wir ein späteres Wort, das ich im vorigen Jahr schon bei Jakob Böhme angeführt habe, in Betracht ziehen. Es zeigte sich da, dass dieses Wort nichts anderes ist als eine Interpretation der indischen Mysterien: «Und so ist der Tod die Wurzel alles Lebens.»

[ 24 ] Heraklit sah, dass der Tod dasselbe ist wie das Leben, und er sah daher auch in dem Gott des Lebens den Gott des Todes. Er sah, dass es diesen Unterschied des Lebens und des Todes nicht gibt, sah, dass der Tod nur eine andere Form des Lebens ist. Das ist etwas, was in den Mysterien lebt und was auch bei Heraklit lebt. Deshalb sagt Heraklit: Indem wir leben [und indem wir sterben], haben wir Leben und Sterben in uns. - Leben ist im Sterben und Sterben ist im Leben.

[ 25 ] Heraklit sagt wie die Eingeweihten: «Nicht einmal werden wir und vergehen, sondern wir befinden uns in einem ewigen Sich-Verwandeln, in einem ewigen Auf- und Abwogen aller Dinge.» Auch wie die Sinne es uns vermitteln. Aber er bleibt nicht dabei stehen, sondern er sagt, er sieht, wie etwas Neues entsteht. Er sieht, wie der Tod nur der große Kunstgriff ist, im Kosmos fort und fort Leben zu erwecken.

[ 26 ] Das nimmt sich in der gewöhnlichen Vorstellungswelt sehr einfach aus. Aber die große Empfindungstiefe, wurde dadurch erweckt, dass die Menschen Veranstaltungen sahen, durch die ihnen beigebracht wurde, wie aus dem Sterben Neues entsteht. Es haftet viel besser, wenn man solche Vorgänge mit den Sinnen wahrgenommen, mit den Augen gesehen hat. Es waren also sinnliche Veranstaltungen gemacht worden, in denen man das große Geheimnis von der Gleichheit des Todes und des Lebens erkennen konnte.

[ 27 ] Dieses ewige Sein, dieses durch Leben und Tod hindurchgehende ewige Leben wird da dargestellt. Und wenn Heraklit davon spricht und sagt, dass alles in einem ewigen Flusse sich befindet, dann erscheint uns das als ein tiefer Grundstrom seines Lebens. Wir sehen auch, dass diese «dunkle Wahrheit herausgeboren ist aus der tieferen griechischen Mysterienweisheit. Diese Mysterienweisheit ging darauf aus, zu zeigen, dass die Anschauungsweise der Sinne zunächst überwunden werden muss, wenn der Mysteriencharakter der Wahrheit herauskommen soll. Das ist der Satz: Leben bedeutet nichts anderes, als dass wir mit Augen und Ohren wahrnehmen, was wir wahrnehmen können. Wir können das aber auch wahrnehmen, wenn wir Beleber der Seele sind.

[ 28 ] Es beginnt nun für denjenigen, welcher tiefere Weisheit sucht, eine Zeit, in welcher dasjenige, was [durch die Sinne mittelbar überliefert wird,] in den Sagen und Mythen unmittelbar überliefert wird, innerlich lebendig wird. Es beginnt nicht die Natur für ihn aufzuhören, die Natur beginnt nicht farblos zu werden, wie so viele, welche nicht aufsteigen können, denken, weil sie die Natur nur mit toten, leeren Begriffen erfüllen wollen. Aber Heraklit sagt: Man erhält dann eine Natur aus dem zweiten Grad, aus zweiter Hand. - Diese ist nichts anderes, als was wir in späterer Zeit als die aus dem Geiste wiedergeborene Natur wieder finden, wie sie uns aus dem Geiste der deutschen Mystiker entgegentritt. Zuerst wird sie von außen gewonnen, dann ist der Geist in sie hineingesenkt und wieder aus ihr herausgetreten.

[ 29 ] Diese wiedergeborene Natur ist dasjenige, was als Leben, als neue Natur vor Heraklit steht. Aber es ist kein Leben darin, welches Tod und Leben in sich hat, sondern das, was Tod und Leben überwunden hat. Das ist dasjenige Lebendige, in dem er als Einheit sehen kann seinen Gott Dionysos und seinen Gott Hades. Deshalb kann er auch sagen, dass diese Götter nur schwer verständlich sind, weil sie der Ausdruck tiefer, tiefer Wahrheiten sind. Aber diese tieferen Wahrheiten sind nur denjenigen zugänglich, die tiefer wahrnehmen. Denjenigen, welche nur mit den Sinnen wahrnehmen, werden sie ein Geheimnis bleiben, wie es ihnen auch ein Geheimnis bleiben wird, dass das Werk [Heraklits] im Tempel der Artemis niedergelegt werden musste.

[ 30 ] Pfleiderer hat in dem, was er darüber in seinen Schriften niedergelegt hat, gesagt, dass Heraklit solche Anschauungen aus den griechischen Mysterien gewonnen habe. Und ich kann sagen, dass wir diese Anschauungen bei Platon, dann auch bei Pythagoras und anderen wiederfinden. Diese sind dann übergegangen in die späteren Anschauungen.

[ 31 ] Nun tritt etwas anderes ein. Wir hören Heraklit von Pythagoras reden, wie er früher von Hesiod geredet hat. Er sagt: Vielwissen belehrt den Geist nicht, sonst hätte es den Hesiod und den Pythagoras belehrt - und belebt. Heraklit war also überzeugt davon, dass Pythagoras nicht zu denen gehört hat, welche in die griechischen Mysterien eingeweiht waren. Pythagoras ging [unter allen Menschen] am mieisten’ auf Erkündigung aus, wie ein Gelehrter. Er suchte sich da seine eigene Weisheit daraus zu sammeln: Vielwisserei ist es, eine schlechte Kunst.

[ 32 ] Nun müssen wir uns aber doch darüber klar sein, dass in dem, was wir als pythagoreische Anschauungen und als Mysterienkulte kennen, auch Weisheiten vorhanden sind wie auch bei Heraklit. Das Rätsel, das hier verborgen liegt, konnte Pfleiderer nicht lösen, weil Pfleiderer nicht klar darüber war, in welchem Verhältnis Heraklit und Pythagoras zu den Mysterien im Altertum standen. Heraklit war eingeweiht in die griechischen Urmysterien, in jene Kulte, welche sich bis ins achte Jahrhundert vor Christi Geburt verfolgen lassen und sich dann verlieren, welche aber nur in Griechenland selbst gelebt haben. Heraklit lernt Pythagoras kennen, als Pythagoras nichts anderes war als ein Gelehrter, Pythagoras hat [später] die Weisheit im Orient kennengelernt und ist davon befruchtet worden. Pythagoras ist dann mit dieser orientalischen Weisheit zurückgekommen nach Griechenland und hat dann erkennen können, was Heraklit meint. Ebenso Platon.

[ 33 ] Wir haben also bei den Griechen eine umfangreichere Lehre der Mysterien vor uns, während wir bei Heraklit die ältesten, die ursprünglichsten vor uns haben.

[ 34 ] Heraklit soll das Feuer als Ursprung aller Dinge angesehen haben - auf der einen Seite; das ewige Werden und Wogen, der ewige Fluss, das Grundkennzeichen der Welt - auf der anderen Seite.

[ 35 ] Das war schwer verständlich. Das ging so weit, dass noch Lassalle sich nicht erklären konnte, dass Heraklit das Feuer als Symbol für etwas anderes verstanden hat als für das Werden der Welt. Das äuRere Auf- und Abwogen soll damit symbolisiert werden. Nur meint er, dass das Feuer nichts anderes sein sollte als ein äußeres Symbol. Wie man mit einem Löwen [als] Symbol [die] Tapferkeit ausdrückt, so hätte Heraklit mit dem Feuer die innere Unruhe, das eigentliche Geistige der Dinge gemeint. Über diese Vorstellung ist man niemals so recht hinweggekommen, weil man die ganze Tragweite davon, dass Heraklit auf der Grundlage der Mysterienweisheit gestanden hat, nicht ausgeschöpft hat. Wenn man dies aber versucht, dann begreift man, wie er dazu kam, nicht den scheinbar äußeren Stoff zum Urgrund der Welt zu machen. Es wird uns nur verständlich, warum Heraklit auf das Feuer kommt, wenn wir in die Mysterien eindringen. Wir brauchen nur in die äußeren Orphischen Mysterien zu gehen. Wir finden dann, dass darin seit dem achten Jahrhundert vor Christi Geburt die Anschauung herrschte, dass aus der Ewigkeit, aus der im Geiste angeschauten Ewigkeit das Feuer entsprungen ist. Dieses Feuer wird nicht nur angesehen als äußerer Stoff, sondern zu gleicher Zeit als der die ganze Welt durchdringende Geist. Liebe einerseits, Geist andererseits. «Feuer heißt innerhalb der griechischen Mysterien auch «Liebe und «Geist. Es bestand nichts anderes als diese Vorstellung und dass das äußere Gerede [über ein] solches unruhiges Element wie Feuer überwunden wird, wenn man nicht mehr bloß mit den Sinnen sieht, sondern wenn man auch mit dem Geiste sieht und das Geistige auffasst. So verwandelte sich für die Suchenden in den Mysterien [alles] in ein übersinnliches, geistiges Element. Wenn sie dann sprechen von Feuer, so sprachen sie nicht mehr von etwas, was sie mit Augen sehen und mit Ohren hören, sondern sie sprachen damit die die ganze Welt durchdringende Liebe an; [dahinein hätte es] sich verflüchtigt. Daher muss es uns klar sein, wenn Heraklit vom Feuer spricht, so meint er damit nicht das gewöhnliche Feuer. Thales spricht, wenn er vom Wasser spricht, von wirklichem Wasser. Wenn Heraklit aber vom Feuer spricht, so dürfen wir nicht einen solchen Stoff darunter verstehen wie Thales beim Wasser. Wir müssen die Bedeutung davon aufsuchen, um zu wissen, was er damit meint. Er spricht von nichts anderem als von dieser im Geiste wiedergeborenen Natur. Er drückt dies nur mit dem altgewohnten Wort «Feuer aus, und dessen Bedeutung kann derjenige wissen, der die griechischen Mysterien kennt. Nur wenn man die Sache so versteht, hat man eine richtige Vorstellung davon.

[ 36 ] So haben deutsche Gelehrte lange nachdenken können, wie Schleiermacher, Pfleiderer, Teichmüller und andere. Sie haben darüber eine befriedigende Aufklärung nicht finden können, wie diese innere vergeistigte Lehre damit zusammenhängt, wonach Heraklit alles vom Feuer herleitet. Wenn man aber [der] Welt [das] Feuer zugrunde legt, so bietet es keine Schwierigkeit mehr.

[ 37 ] Wir stehen vor Heraklit nur dann verständnisvoll, wenn wir ihn als einen in die griechische Mysterienwelt Eingeweihten betrachten, und wir bekommen umgekehrt wieder eine Vorstellung davon, was bei den Mysterienkulten gesucht worden ist, wenn wir in der richtigen Weise die Heraklit’schen Lehren auffassen.

[ 38 ] Nun wird man auch verstehen, was es heißt, wenn Heraklit vom Feuer spricht und warum er die griechischen Dichter deshalb tadelt, weil sie die Welt ganz äußerlich auffassen und beschreiben. Homer tadelt er deshalb, weil er beschreibt, dass Kampf in der Welt herrscht, während die Menschen nach Frieden streben sollten, da doch der friedliche Zustand in der Welt hergestellt werden sollte.

[ 39 ] Heraklit hatte noch eine andere Anschauung, die entsprossen ist aus den Mysterien. Außer dem ewig Einen, der «ewigen Liebe, lassen sie noch den Streiv, den «Kampf aus dem Ur-[Da]sein herausgeboren werden. Wo Gegensätze vorhanden sind, kann der Ausgleich nur in einer höheren Harmonie gefunden werden. Der Streit, sagt Heraklit, ist der Vater aller Dinge. - Aus dem Streit nur kann eine höhere Harmonie hervorgehen. Das Bild [von der Leier und dem Bogen, das Bild, in dem] Kräfte, die einander widerstreben, in einer höheren Harmonie [ihren Einklang finden], dieses Bild wird zum Bilde der Welt für ihn. So sucht Heraklit nicht in einer leeren harmonischen Einheit den Urgrund der Welt. Er sucht vielmehr möglichst große Gegensätze und sucht sie in einem höheren Einklang aufzulösen. Nun tadelt er die griechischen Dichter, dass sie Tag und Nacht beschreiben, Krieg und Frieden und so weiter. [Denn] Heraklit sagt: Gott ist Tag und Nacht, Gott ist Krieg und Friede. Hunger und Sättigung und so weiter. Er verwandelt sich aber. Es ist bei seinen Anschauungen so, wie wenn die [Glut] mit Räucherwerk gemischt wird. Der eine Anblick ist Feuer, Liebe, der andere ist Kampf und Streit genannt. - [Man hat Heraklit den «Dunklen» genannt, wahrscheinlich steht das Feuer damit in Beziehung. Der eine mag ihn so genannt haben, der andere so.]

[ 40 ] Es taucht aber bei Heraklit auch die Anschauung auf, dass über der Vielheit der Vorstellungen, die sich der Mensch über die Urgründe des Daseins machen kann, im Grunde genommen nur ein einheitliches Ur-All-Wesen steht, dass über den größten Gegensätzen des Daseins nur die größte Einheit herrscht. So, auf der einen Seite, betrachtet er den Streit als das Wesen aller Dinge. Im Streite liegen die Gegensätze miteinander im Kampf, die sich aber in der höchsten Harmonie auflösen. Diese letzte Erkenntnis sieht Heraklit nur verwirklicht in wahrhafter Selbsterkenntnis. Insofern ist Heraklit die erste große Persönlichkeit, welche erkannt hat, dass Selbsterkenntnis höchste Welterkenntnis ist. Deshalb finden wir auch bereits bei Heraklit - vorausgenommen dem Abendlande - als erster bedeutender Persönlichkeit die Anschauung, dass innerhalb des Menschen selbst die höchsten Wahrheiten gefunden werden können, [dass das wahre Selbst nicht das individuelle Selbst ist. Myste ist man geworden.] Dann sagt Heraklit, was das individuelle Selbst ist, und fährt fort: Seitdem ich Mann geworden bin, redet nicht der einzelne Mensch, sondern es redet in mir der allgemeine Geist der Welt, der Logos. Der Logos fängt an zu reden, wenn die Natur in einer höheren Natur wiedergeboren wurde. Sie tritt dann auf als Selbsterkenntnis. Aber diese liefert nicht das Selbst des Menschen, sondern das Wesen, das allem zugrunde liegt. Deshalb sagt er: Es spricht aus mir die allgemeine Weltvernunft, der Logos. - Und wer sich zu diesem Standpunkte erhoben hat, der gelte ihm für Zehntausend. Er sagt auch, er höre nur auf denjenigen, welcher ein [Trefflicher] ist.

[ 41 ] Nun tritt uns auch bei Heraklit das entgegen, was uns bei allen derartigen Persönlichkeiten entgegentritt, [und was wohl klingt wie Überhebung und Unbescheidenheit], indem er den Ausspruch tut: «Ich weiß alles.» Damit will er wohl aber nichts anderes sagen als das Folgende: Als ich noch Knabe und Jüngling war, da sah ich mit sinnlichen Augen und hörte mit sinnlichen Ohren, ich nahm wahr mit den Sinnen. Als ich Mann geworden war, da sah ich die Dinge, [wie sie] in der zweiten Natur sind, [wie sie] im Logos sind. - Er war aber immer noch beschränkt. Er sagt daher: Ich habe nicht gemeint, dass ich immer von aller Weisheit ergriffen war. Ich meinte: Ich weiß, wie man das All anschauen muss. - [Er meinte nicht, dass er alles sieht, auch nicht, dass er mehr sieht, er meinte nur,] dass er das, was andere auf sinnliche Weise schen, auf eine andere, geistige Weise sieht. Das wurde möglich durch Selbstverwandlung, durch Verwandlung des individuellen Selbst in das allgemeine Selbst. Er hat aus dem All ins All hineingesehen. Das ist es, was Heraklit glaubt erreicht zu haben, als er sagte: Ich weiß in mir [nunmehr] alles. - Gleichzeitig war für ihn derjenige Punkt erstiegen, wo er aussprechen konnte, dass er jene intime Vereinigung mit dem höheren Selbst erlangt hatte, wo die Erkenntnis sich verwandelt hat, wo sie nicht mehr ein äußeres Anschauen von den Dingen ist, die einem gegenüberstehen, sondern eine andere Gestalt angenommen hat, wo die Erkenntnis die Gestalt angenommen hat, dass er sich mit den Dingen innig vereint hat. [Die niedere Erkenntnis besteht darin, dass wir als einzelne Menschen im äußeren Raum stehen. Die andere besteht darin, dass wir außer dem Raume stehen, dass wir mit den Augen des Alls sehen], sodass dieses kleine Selbst sich zum allgemeinen Weltenselbst erweitert. Wir können da das Goethe’sche Wort [anwenden, mit dem er jenes Philisterwort] «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist» usw. erwidert: [«Wir denken: Ort für Ort sind wir im Innern.» Er sagt also:] Es gibt kein Inneres und kein Äußeres; was innen ist, ist außen und kein Äußeres; was innen ist, ist außen.

[ 42 ] Diese Stufe der Erkenntnis hatte Heraklit erreicht. Er drückt dieselbe in einem Bilde aus, [indem] er sagt, dass derjenige, welcher so sieht wie er, die Welt [mit dem Blick] eines spielenden Kindes sieht. Dies Wort ist oft missverstanden worden. Dass die Welt für ihn so ist, wie das spielende Kind die Welt betrachtet, ist so aufzufassen, dass ebenso wie das spielende Kind es mit nichts als mit sich selbst zu tun hat, sodass das Spielzeug gleichsam zu ihm gehört, sodass es mit ihm nichts anderes vollbringt, als was es selbst braucht, dass es keine anderen Zwecke zu vollbringen hat, so ist auch der auf höherer Stufe angelangte Mensch nur Subjekt und Objekt, welche es miteinander zu tun haben, welche innerlich miteinander [umschlossen] sind. Das vergleicht Heraklit mit dem Bild vom spielenden Kinde. Oft wird das auch so ausgelegt, dass man sagt: Er meint, man müsse die Welt ästhetisch, als Künstler ansehen. Dies ist der Fall auch in dem Buch von Kühnemann, wo die Sache so dargestellt wird, als ob Heraklit sich nur zu ästhetischen Anschauungen bekannt hätte. Dieses Bild [vom spielenden Kinde] soll nichts anderes darstellen als den Punkt, an dem nicht mehr die Scheidewand zwischen persönlichem Selbst und All-Selbst besteht.

[ 43 ] So haben wir eine Persönlichkeit kennengelernt, welche ein ungeheures Interesse einflößt, von ungeheurem Tiefsinn und größtem Scharfsinn in jener Zeit erscheint, aber deshalb von großem Wert ist, weil das, was uns von dieser Persönlichkeit überliefert ist, uns die ersten Einblicke in die griechischen Mysterien gibt und zeigt, wie sie sich in Jahrhunderten kundgegeben haben. Es wirft ein Licht auf dieses Wahrheitssuchen der alten Griechen.

[ 44 ] Hinter den äußeren griechischen Mysterien, und auch hinter den inneren, sind noch solche Mysterien, welche heute noch bestehen.

[ 45 ] Bis Philon muss die Sache historisch betrachtet werden; erst von Philon an kann man sie auch innerlich betrachten.