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The Rudolf Steiner Archive

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Antike Mysterien und Christentum
GA 87

8 March 1902, Berlin

18. Das Matthäus-Evangelium und seine Beziehung zum Ägyptischen und Modernen Geistesleben

Sehr verehrte Anwesende!

[ 1 ] Das letzte Mal schloss ich mit der Hindeutung auf den Beginn des Matthäus-Evangeliums. Ich möchte heute anknüpfen an diese Bemerkung, dass das Matthäus-Evangelium mit der Zurückführung der Geburt Christi auf einen zweiundvierziggliedrigen Stammbaum beginnt. Tatsächlich zeigt uns dieser Anfang des Matthäus-Evangeliums, wie die Wesenheit Jesu Christi aufgefasst worden ist von denen, welchen Matthäus seine Anschauung über diese Wesenheit eigentlich entnommen hat. Die zweiundvierziggliedrige Vorfahrenreihe kann nur verstanden werden, wenn wir es dahin bringen einzusehen, dass wir es mit der ägyptischen Anschauung von den 42 Totenrichtern zu tun haben, vor welchen der zu erscheinen hat, welcher aufsteigen will zur Göttlichkeit, welcher also «Osiris» werden will. Dies ist auch ein Faktor in der Essäer-Lehre. [Die Essäer] kennen diese Reihe, welche durchgemacht werden muss. Auch nach der Anschauung der Essäer ist jeder Mensch, der auf dem Pfade der Gottwerdung ist, im Begriffe, diese 42 Stufen zu durchlaufen. Sie symbolisieren die 42 Durchgangspunkte. Wenn er dann bei der dreiundvierzigsten Stufe angelangt ist, ist er bereits in den höheren Sphären, wo das Gottwerden schon beginnt, oder - wenn ich mich in ägyptischer Sprechweise ausdrücke - wo er «Osiris wird. Dass es auch da noch Gliederungen gibt, das kann uns vorerst wenig interessieren.

[ 2 ] Vor allem handelt es sich darum, dass der Mensch nun auf einer Stufe erscheint, in der er «Osiris, göttliches Wesen ist. Ich habe gesagt, dass es sich da um Anschauungen handelt, die Matthäus einfach übernommen hat. Das geht daraus hervor, dass Matthäus von 3 mal 14 Vorfahren = 42 Vorfahren spricht. Da er aber zuletzt nur dreizehn wirklich aufführt, so darf man annehmen, dass er sich wohl bewusst ist, dass die Zahl 42 eine große Rolle spielt, dass er aber auf unbewusste Weise die letzte Stufe ausgelassen hat. Wir haben also weniger darauf zu sehen, wie die Sache im Einzelnen sich ausdrückt.

[ 3 ] Wir haben es also bei Matthäus mit der Anschauung zu tun, dass der Mensch auf seinem Pfade 42 Stationen zu Vorfahren hat und dass er, wenn er [diese Stufen] durchgemacht hat, eintritt in die Göttlichkeit. Auf viele Leben können diese Stationen, diese Vorfahren verteilt sein. Aber erst derjenige, welcher zweiundvierzig Stationen passiert hat, kann eintreten in die Welt als Buddha» oder «Christus. Es ist ganz dasselbe. Auch Buddha hat dieselbe Vorfahren-Reihe durchzumachen gehabt. Bei Buddha haben wir ebenfalls 6 mal 7 = 42 Stufen oder Verkörperungen. Es ist also so, dass wir nicht bloß eine tiefe Ähnlichkeit zwischen Jesus und Buddha zu verzeichnen haben, sondern dass wir auch in der transzendenten Jesus-Natur dasselbe vor uns haben, was in der Buddha-Natur ist. Wir haben es zu tun mit einem Menschen auf höherer Entwicklungsstufe, welcher alle diejenigen Stadien durchgemacht hat, die man durchgemacht hat, wenn man das Leben mit allen seinen Prüfungen überstanden hat und wenn man selbst eingetreten ist in das Stadium, wo man selbst Totenrichter sein kann. Er wird wieder zurückkehren, nachdem er heruntergekommen ist, um zu richten die Lebendigen und die Toten, er wird in das Reich der Totenrichter eingehen, er, der Jesus, der die zweiundvierziggliedrige Kette der Totenrichter durchlaufen hat. Es ist geradeso, wie es in der buddhistischen Legende steht, wo der Buddha zweiundvierzig Stadien durchlaufen hat. Er ist dann eingetreten in das Stadium, wo er selbst Gott geworden ist; der Gott gewordene Mensch ist nun nicht mehr darauf angewiesen, durch die ewige Notwendigkeit der Glieder durchzugehen. Er erscheint auf einen göttlichen Ratschluss. Daher wird uns bei Jesus und Buddha gesagt, dass sie durch göttlichen Ratschluss und [...] durch den Willen des Vaters gesandt sind. Die einzelnen Glieder der Kette der Vorfahren sind nach einer Weltordnung vor sich gegangen.

[ 4 ] Wir haben es also bei den Essäern mit einem Christus, bei den Buddhisten mit einem Buddha, mit einer Wesenheit zu tun, welche, nachdem sie alle Prüfungen, die durchzumachen sind, durchgemacht hat, innerhalb der Menschen als ein Gott gewordener Mensch erscheint. Es ist uns also damit nichts anderes gesagt als die Anschauungsweise der Ägypter und auch die der Buddhisten. Wir haben es also hier zu tun mit einem wirklichen Buddha und mit einem wirklichen Christus.

[ 5 ] Das ist nur aus dieser Anschauungsweise zu begreifen. Man wird [sonst] nie verstehen, wie Matthäus dazu gekommen ist, nebeneinander zu stellen die Vorfahren-Kette und [die übernatürliche Abstammung] von Jesus. Er sagt im 1. Kapitel, Vers 17: «Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die babylonische Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.» [Bis Vers 17] haben Sie den natürlichen Stammbaum des Jesus gegeben und unmittelbar hinterher haben Sie erzählt, wie Joseph vom Engel verkündigt wird, dass da eine übernatürliche Geburt zugrunde liege und dass es sich darum handelt, dass Jesus durch den heiligen Geist zur Welt kommt. Dies ist grobsinnlich ein vollständiger Widerspruch. Es ist jedoch eine Lehre, welche so dastehen muss, eine Lehre, die wir überall finden, wo es sich darum handelt, die Wiederverkörperung einer Persönlichkeit anzudeuten, die schon ins «Osiris-Stadium vorgedrungen ist. Eine solche Persönlichkeit erlebt eine zweifache Geburt.

[ 6 ] Es ist ungeheuer schwierig, darüber zu sprechen. Für die Theosophie und für einen wirklichen Theosophen ist das ungeheuer elementar. Für diejenigen, welche schon etwas tiefer in die theosophischen Lehren eingedrungen sind, erscheint es begreiflich, wenn es heißt, auf der zweiundvierzigsten Stufe angelangt zu sein. Für andere aber ist das ganz unverständlich. Vielleicht darf ich mich dadurch verständlich machen, dass ich einen Weg andeute, den jedenfalls fast jeder moderne, denkende Mensch wird gehen müssen, wenn er aus den modernsten Anschauungen in die Theosophie hineinkommen will. Dieser Weg wirft ein gewichtiges Licht auf alle diese Dinge. Wir müssen tatsächlich sagen, dass es für das Abendland, wenigstens für unsere europäische Bildung keinen einleuchtenderen Weg gibt, zu denjenigen Dingen zu kommen, die wir hier in so schwer verständlicher Weise ausgesprochen finden, als den aus der Naturwissenschaft heraus. Das ist auch derselbe Weg, der zu dem führt, was zugrunde liegt dem, woraus Matthäus geschöpft hat. Ich bin überzeugt, dass — mehr, als alle abendländischen Religionen imstande sind — dieser Weg zum Ziele führen wird, wenn die naturwissenschaftlichen Lehren in die Theosophie einmünden sollen.

[ 7 ] Nur mit ein paar Schlaglichtern möchte ich den Weg beleuchten, welchen die Naturwissenschaft nehmen wird, um aus sich selbst heraus dort anzulangen, wo die Theosophie steht, wenn sie aus alten Weisheitslehren schöpft. Wir dürfen nicht ganz pessimistisch in unsere abendländische Entwicklung des Geisteslebens hineinblicken, wenn wir auch sehen, wie missachtet von manchen die Religionsbekenntnisse sind. Das ist deshalb so, weil sie keine Ahnung haben davon, was esoterisch in diesen Schriften steht. Wenn wir auch sehen, wie dilettantisch die neuesten Erscheinungen sind.

[ 8 ] Erst vor einem Jahr erschien eine ausführliche Besprechung des Messias-Bewusstseins von Wrede, nicht August Wrede. Vorher konnte man ja pessimistisch sein. Aber die Wissenschaft kann nicht mehr anders als dort einmünden, wohin die Theosophie die abendländische Menschheit zu bringen sucht. Es ist dies nicht gar zu schwer zu sagen. Aber um den Gedanken völlig durchzufühlen, um sich ganz zu durchdringen, um die ganze Tragweite zu verstehen, da wo er hineinleuchtet in das ganze Geistesleben, wo er uns nicht mehr loskommen lässt, wenn wir ihn einmal gefasst haben, [dazu ist nötig, gelitten zu haben an den naturwissenschaftlichen Vorstellungen und sie selbst als Bekenner mit sich herumgetragen zu haben; dazu ist für denjenigen, der mit Gemüt durch die Naturwissenschaft unserer Tage hindurchgeht, die Umsetzung, die Metamorphose jenes Prozesses notwendig, ohne sich völlig in diesem Materialismus zu verfangen.]

[ 9 ] Wer dem Materialismus gegenübergestanden hat und - wie Goethe - sieht, mit geistigen Augen zu schen wusste, und wer diese Mysterien in ihrer vollen Tragweite zu sehen und zu verstehen vermag, der wird doch, auch wenn er namentlich die Naturwissenschaften des letzten Jahrzehntes betrachtet, keine pessimistischen Anschauungen hegen können.

[ 10 ] Mit der Naturwissenschaft habe ich persönlich die besten Erfahrungen gemacht. Ich habe im Jahre 1889 einen Aufsatz geschrieben, in dem ich ausgesprochen habe, dass nach unseren naturwissenschaftlichen Ergebnissen die Begriffe von Stoff, Materie und Kraft in jener nüchternen, geistlosen Auffassung von Kraft und Stoff, wie sie bei Büchner, Strauß vorliegt, nicht einmal naturwissenschaftlich klar sind. Wer die Tatsachen der Natur wissenschaftlich durchdringt, der kommt zu dem Ergebnis, unmittelbar als Erlebnis, dass die Naturwissenschaft uns den Beweis liefert, dass es keinen Stoff gibt, sondern dass alles, was wir Stoff nennen, nichts anderes ist als eine andere Form des Geistes. Der Stoff ist nur eine scheinbare, in einer gewissen Art und Weise sich ausprägende Form des Geistes. Die Welt ist Geist. Das wird unser Bekenntnis werden müssen.

[ 11 ] Zu dieser Erkenntnis kommt derjenige, der mit Augen des Geistes die Naturwissenschaft zu betrachten versteht. Dazumal habe ich ausgesprochen, dass das, was die Naturforscher als Stoff sich vorgestellt haben, nicht existiert, dass Stoff nichts anderes ist als die niederste Manifestation, die niederste Form des Geistes, und dass die Naturwissenschaft selbst zu dieser Erkenntnis kommen wird. Bald danach ist, bei der reichen zersplitterten Literatur der Naturwissenschaft, ein Naturforscher mit einer Arbeit hervorgetreten, in welcher er fast mit denselben Worten genau dieselbe Sache ausgesprochen hat wie ich.

[ 12 ] Wer sich darüber klar ist, dass die [Natur-]Wissenschaft nur ein Faktor im Geistesleben, nur ein Teil des Geisteslebens sein kann, der muss erfreut sein, wenn ein Chemiker kommt, der erklärt, dass das, was man als Stoff angesehen hat, naturwissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist, solange der Stoff als Träger der Naturwissenschaft gilt.

[ 13 ] Ernst Haeckel konnte sich leider nicht durchwinden, um das aufzunehmen, was aus unserer Naturwissenschaft ersprießt. Es ist zweifellos, dass wir es nicht mehr zu tun haben mit der alten Stofflehre. Nur wird [heute] der Chemiker - und auch der Physiker — sagen, er habe es mit Energien zu tun, weil der nur mit Kraftäußerungen zu tun hat. Der andere aber sieht darin Geist. Die Naturwissenschaft wird ihren Weg gehen, um zuletzt sich zu der Anschauung zu erheben, dass auch das, was einem scheinbar stofflichen Vorgang zugrunde liegt, nichts anderes ist als das, was den indischen Weisheitslehren zugrunde liegt, dass es nichts anderes ist als das, was den Logos materialisiert. Pessimismus haftet uns heute nicht mehr an.

[ 14 ] Die Naturwissenschaft hat uns ein großes Gut einverleibt, nämlich die Idee der Entwicklung. Die Naturwissenschaft hat diese Idee für sich wiederentdeckt auf dem Gebiete der Biologie. Sie hat da ein spezielles Kapitel in der Weise behandelt, in der die Theosophen aller Zeiten die Geistwesen betrachtet haben. Sie haben die Lebewesen aus dem Gesichtspunkte der Entwicklung betrachtet. Und worin besteht diese Entwicklung? Sie brauchen nur zusammenzustellen die Anschauungen eines Naturforschers des achtzehnten Jahrhunderts und die eines des neunzehnten Jahrhunderts. Linn& sagt, es sind so viele Pflanzen- und Tierarten auf der Erde, als ursprünglich durch soundso viele Schöpfungsakte geschaffen worden sind. Die Naturwissenschaften des neunzehnten Jahrhunderts haben die nebeneinanderstehenden Formen nacheinander, hintereinander entstehen lassen. Was später entstanden ist, ist aus dem Früheren entstanden. Die Naturwissenschaft hat auf diese Weise das Wunder aus der Welt geschafft. Früher hatte man nur nebeneinanderstehende Wunder. Die Theosophie stand von jeher auf [dem Standpunkte der Entwicklung]. Sie verwandelte alles Nebeneinander in ein Nacheinander. Wenn ein höheres Lebewesen zurückführt auf ein früheres Lebensprodukt, so sieht der, welcher es vom geistigen Standpunkt aus betrachtet, Entwicklungsstadien.

[ 15 ] Der Mensch, der auf einer höheren Stufe angelangt ist, der einen höheren Vollkommenheitsgrad erlangt hat, hat dies nicht durch eine vom Himmel gefallene Genialität. Das Genie, von dem diejenigen am meisten sprechen, die nicht wissen, was es ist, ist nichts anderes als das auf die Naturwissenschaft übertragene Wunder. Die Naturwissenschaft hat diesen Begriff, der heute noch immer - namentlich bei den sogenannten Ästhetikern - im Gebrauch ist, auf ihrem Gebiete längst beiseitegesetzt, längst zu den Alten geworfen. Die Theosophie hat das Genie nie als Wunder angesehen, sondern als eine höhere Entwicklungsstufe [der Persönlichkeit]. Sie hat darin nichts anderes geschen als eine Persönlichkeit, die genau dasselbe durchgemacht hat wie jede andere Individualität, nur hat sie das, was eine andere Individualität in diesem Zeitraum durchmacht, in einer früheren Entwicklungsstufe durchgemacht. Das, was heute für mich Erfahrung ist, was heute in mir sich aufspeichert, das erscheint in mir [später] als etwas Selbstverständliches, als das reife Produkt, scheinbar wie ein Wunder. Es ist aber nur das, was ich mir erworben habe. Ich habe lange üben müssen, bis ich mir, sagen wir, einen Handgriff aneignete, den ich dann unbewusst vollziehe. Ich habe ebenso jahrelang lernen müssen, um Mathematik zu erfassen. Wenn ich den Begriff aber einmal habe, dann ist er mir bald auch Gewohnheit geworden.

[ 16 ] Das ist Theosophie. Übertragen Sie das auf das große Weltenganze, auf das große Weltgeschehen. Was Sie als Erfahrung aufgenommen haben, erscheint als das, was wieder erscheint auf einer höheren Stufe. So können wir die mannigfaltigsten Erfahrungen des Lebens und der Naturwissenschaft durch geistige Einsicht und Vertiefung erklären und für die Theosophie fruchtbar machen. Durch die Gegenüberstellung von zwei Persönlichkeiten werden Sie schen, dass es für eine große Anzahl von Dingen und Erscheinungen des gewöhnlichen Lebens eine geistgemäße Erklärung gibt, und dass wir es dabei im Grunde genommen nicht mit etwas anderem als mit Aufmerksamkeit und einem geistigen Erfassen zu tun haben. Sie können so in naturwissenschaftlichen Büchern die Ansätze zur Theosophie schen.

[ 17 ] [Nehmen Sie vielleicht ein Elementarbuch der Naturwissenschaft wie zum Beispiel die «Anthropologie» von Topinard zur Hand, in dem klargelegt ist, wie die einzelnen Organismen sich entwickelt haben. Da wird uns erzählt, wie zuerst die untersten Stufen der Organisation sich entwickelt haben, dann kommt man zum Tier, zum Affen und zum Menschen. Topinard wiederholt, wie Ernst Haeckel über diese Dinge geschrieben hat und sagt, Haeckel habe aber etwas dabei vergessen; er habe vergessen, «den dreiundzwanzigsten Grad aufzuzählen, in dem ein Lamarck und Newton glänzen». Sie können diese Anthropologie für den Geist weiterschreiben, Sie können überhaupt das, was der Naturforscher unternimmt, auf das Geistige übertragen. Es gibt ja unzählige Grade im geistigen Leben. Wenn man dies betrachtet, wird einem klar, um was es sich handelt.]

[ 18 ] Goethe und Schiller sind die zwei Persönlichkeiten, die ich meine. Sie besuchten eine Versammlung von Naturforschern in Jena. Batsch hatte eine Vorlesung gehalten, die aber Schiller und Goethe wenig befriedigte. Im Grunde genommen fehlte Schiller und Goethe das geistige Band, der große Überblick. Das hat Schiller verspürt. Und als er mit Goethe herausging aus der Versammlung, da sagte er: «Es ist trostlos, so Pflanze an Pflanze nebeneinandergereiht zu bekommen, ohne einen Überblick über das Ganze zu sehen. Es muss doch in allen Pflanzen etwas Gemeinsames sein.» Goethe antwortete ihm darauf, indem er sprach von der Urpflanze, von der alle anderen nur besondere Gestaltungen sind. Dann sagte er: «Das kann man aber noch anders deutlich machen», nahm seinen Bleistift und zeichnete die Urpflanze mit ein paar Strichen auf, indem er bemerkte, es gibt diese nicht, aber in jeder Pflanze kann man diese Urpflanze erkennen. Ja, sagte darauf Schiller: «Das ist aber keine Erfahrung, das ist eine Idee.» Das kann man aber nur erreichen, wenn man alle Pflanzen durchgeht und untersucht, was sie gemeinschaftlich haben. Dann bekommt man die allgemeine Idee heraus. «Wenn das eine Idee ist», erwiderte darauf Goethe, «dann sehe ich meine Ideen mit Augen.» Goethe brauchte in der Tat nicht alle Pflanzen zu kennen. Er brauchte nur das Wesentliche in den einzelnen Pflanzen zu sehen. Er sah den Geist, das Wahre der Pflanze. Schiller hat ganz recht von seinem Standpunkte aus, wenn er sagt, dass [dies eine] Idee war. Und Goethe hat auch recht, wenn er sagt, dass er diese Idee sieht, die Sache mit einem Blick überschaut. Er steht auf einer höheren Stufe. Das ist auch das, was Schiller neidlos anerkannt hat. Aus den Briefen Schillers ist das zu entnehmen, wo er Goethes Natur in großartiger Weise beschrieben hat. Wir können daran sehen, dass ein solcher Geist auch diese Arbeit durchmachen musste. Sie können das am ganzen Goethe’schen Leben studieren. Es war seine ganze Auffassung so geartet, den Geist in der Natur zu sehen. Ein sieben-jähriger Knabe macht sonst nicht das, was Goethe gemacht hat in diesem Alter. Die Verkörperung Goethes ist eine weitere, höhere Entwicklungsstufe, die Schiller noch am Leben Goethes durchmachen musste. Der siebenjährige Goethe nahm die Steine aus der Mineraliensammlung [seines Vaters] und baute sich damit auf dem Musikpult einen Altar, nimmt ein Räucherkerzchen und bringt es durch ein Brennglas beim Scheine der Sonne zur Entzündung, weil er so seinen Gottesdienst darbringen wollte.

[ 19 ] Warum sieht Goethe die Idee der Urpflanze und Schiller nicht? Entweder sehen wir das Geistige nicht in derselben Weise oder aber wir müssen unbedingt unsere Naturanschauung auch ausdehnen auf das Geistige. Dann kommen wir zu jener geistigen Entwicklung, die ein Inhalt aller Zeiten ist.

[ 20 ] Denjenigen, die die theosophische Literatur kennen, brauche ich nicht zu sagen, dass die theosophischen Autoren in genau derselben Weise uns Wunder darstellen würden wie die Naturwissenschaft des achtzehnten Jahrhunderts, die uns die einzelnen Pflanzen und Tiere und ihre Gattungen als Wunder dargestellt hat. Durch die Fähigkeit aber, das Geistige ebenso zu beurteilen wie das Physische, sind die Anschauungen der fortentwickelten Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts auf den theosophischen Standpunkt übergegangen. Es handelt sich hier darum, das Geistige in derselben Weise beurteilen zu können wie das Physische.

[ 21 ] Es ist zweifellos, dass bei einem konsequenten Denken und wenn die Naturwissenschaften durch jüngere Kräfte ergänzt werden, so wird aus der Naturwissenschaft heraus, wie das auf dem Gebiete der Chemie bereits geschehen ist, sich eine geistige Wissenschaft anbahnen. Wer naturwissenschaftlich denkt und den inneren Mut hat, diese naturwissenschaftliche Denkweise auf die geistige Welt auszudehnen und nach Erweckung der geistigen Sinnesorgane sie zu beobachten, der muss von der Naturwissenschaft zur Theosophie und ihren Anschauungen hinübergeführt werden.

[ 22 ] Wenden wir uns nun wieder zu den Anschauungen des Matthäus über die Persönlichkeit, die Wesenheit des Jesus. Wir haben es da zu tun mit der Anschauung, welche Jesus als eine Persönlichkeit ansieht, die hervorgegangen ist nach Erlangung der größtmöglichen Zahl von Wiederverkörperungen. Es ist eine auf der höchsten Stufe der Entwicklungsmöglichkeit angelangte Persönlichkeit, welche alles dasjenige, wozu andere Persönlichkeiten erst auf dem Wege sind, als eine fertige Anlage mit zur Welt bringt. Aus dem wird das schon herausgeboren, was andere sich erst erkämpfen müssen. Dasjenige, was als Geistiges auftritt, wenn der Übergang von der zweiundvierzigsten Stufe auf die dreiundvierzigste Stufe stattfindet, das ist das Angelangen und das Übergehen des Menschlichen in das Göttliche. Wie das rein Physische und das Chemische in dem Organismus eine höhere Beschaffenheit und Anschauung hat, so hat auch das Physische auf der Stufe der Göttlichkeit eine höhere Beschaffenheit und Anschauung. Der physische Körper, die physische Organisation ist nicht mehr das, was sie war oder was sie ist. Sie verschwindet gegenüber dem geistigen Vorgang. Es ist tatsächlich so, dass sie eine metaphysische, transzendentale Vergangenheit in sich hat. Sie ist ebenso, wie sie aus dem Fleisch geboren, aus dem Göttlichen heraus geboren. Wir müssen uns klar sein darüber, dass eine neue höhere Entwicklungsstufe der Materialität erreicht ist und dass das Materielle selbst sich vergeistigt hat zu einer höheren Stufe, sodass wir es nicht mit einer Geburt aus dem Physischen heraus, sondern mit einem Aufnehmen der physischen Geburt durch höhere göttliche Mächte zu tun haben. Wir haben es also so zu tun mit einem unmittelbaren Hervorgehen aus der Urmaterie, die erst weltlich wird in dem Momente, wo die Geburt eintritt. Da geht diese Urmaterie, die noch nicht verkörpert war, die noch im reinen Geistigen beschlossen war, erst über in das Materielle. Wir haben es also im dreiundvierzigsten Grad, auf der dreiundvierzigsten Stufe zu tun mit einem Herausgeborenwerden der Urmaterie, die noch nicht die Verbindung eingegangen ist mit der physischen Materie. Dies bezeichnet die alte Lehre. Bei den Ägyptern wird gesagt von der Geburt des Horus, dass das Auge des Osiris über der Isis leuchtete, dass also eine rein geistige Geburt sich vollzieht. In der Geburt des Horus haben Sie die Geburt des Gottes aus der noch jungfräulichen Materie heraus.

[ 23 ] Wenn wir zurückgehen auf den ägyptischen Mythos, so haben wir es zu tun mit drei ewigen großen Symbolen für dasjenige, was wir bezeichnen mit dem Vater, der Mutter und dem Kinde. Dieses Nebeneinanderstehen von Osiris, Isis und Horus ist das ursprüngliche Symbol. Am christlichen Kreuz ist das Kind geblieben. Das Materielle auf der einen Seite ist zum bloß Bösen geworden, das Vaterprinzip auf der anderen Seite zum bloß Guten. Auf Golgatha sehen wir das dann in den drei Kreuzen symbolisiert. Links haben wir das Böse, rechts das Gute und in der Mitte das Kind. Dieses Symbol hat sich umgestaltet, ist zu etwas anderem geworden.

[ 24 ] Nun komme ich zu einer ganz wichtigen Sache. Das Auffällige, das uns da entgegentritt, ist das Folgende: Wir können im christlichen Mythos der ersten Zeiten noch die Herkunft des christlichen Symbols aus dem ägyptischen Symbol nachweisen. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass in der ganzen zeitgenössischen übrigen Literatur - außer in den Evangelien selbst -, obgleich dieser Mythos in der verschiedensten Weise besprochen wird, auch bei jüdischen Mystikern besprochen wird, dass wir eines nicht finden, was wir tatsächlich nur bei Matthäus und Lukas finden, nämlich den Heiligen Geist. Dies ist etwas, was tatsächlich nicht vorhanden ist. Das kommt hinzu. Dieser Heilige Geist ist nichts anderes als die verwandelte Isis. Dadurch ist es gekommen, dass eigentlich die jungfräuliche Geburt, die im Osiris-Mythos noch vermittelt ist, durch die wirkliche, natürliche Geburt ersetzt wurde. Gottvater hat durch seinen magischen Einfluss diese jungfräuliche Geburt bewirkt, sodass diese Geburt vermittelt ist auf der einen Seite durch den Vater, auf der anderen Seite durch den Heiligen Geist, der jetzt der Stellvertreter des Vaters ist.

[ 25 ] Diesen Heiligen Geist treffen wir in der ersten Zeit des Christentums [...], wo die christliche Anschauungsweise [von der jungfräulichen Geburt] entsteht. Wir können daher sagen, weil der Heilige Geist im Christentum erst auftritt, so haben wir eine Spaltung des ursprünglich weiblichen Prinzips des Welt-Symbolum darin zu sehen. Wir haben einen Geist, der dem Kinde den Ursprung gibt. [Der Ursprung aus dem göttlichen Baum entstand innerhalb der Essäer-Gemeinde, wo man tatsächlich auf dem Standpunkte der Askese gestanden hat, wo man in dem Geschlechtlichen schon etwas Böses an sich gesehen hat. Da war es unmöglich, das Weibliche in der Weise aufzunehmen wie im alten Ägyptertum, wie es beim Osiris-Dienst der Ägypter der Fall war, da wird umgestaltet das Überstrahlen des Osiris durch die Isis in die Überschattung durch den Heiligen Geist.] Dies ist ein Aushilfsmittel, durch welches sich die alte ägyptische Lehre umgestaltet hat in die christliche. Wir konnten somit sehen, dass wir es tatsächlich zu tun haben mit derselben Anschauungsweise. Die christliche Anschauung sieht in der Christus-Persönlichkeit einen vergöttlichten Menschen in genau derselben Weise, wie der Mysterienkult immer wieder diese [vergöttlichten] Menschen gesehen hat.

[ 26 ] Was für Lehren mögen dieser ganzen Anschauungsweise zugrunde gelegen haben? Wer die Evangelien wirklich zu lesen vermag, der sieht geradezu in den Evangelien nichts anderes als einen, ich möchte sagen, ausführlicheren Bericht des Rituals, welches dazu bestimmt war, die Mysten in die Mysterien einzuweihen. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, worum es sich bei der Einweihung handelt, wenn wir uns klar werden wollen, was ein solcher Myste erreichen wollte, erreichen sollte, warum er, der Einzuweihende, der Myste auf ein Kreuz gelegt worden ist, warum er in einen todähnlichen Zustand versetzt worden ist, so müssen wir uns sagen, uns erinnern, dass es sich um die Erweckung einer höheren Lebenskraft handelt, dass es sich darum handelt, ihn am dritten Tage wieder zum Auferstehen zu bringen. Und wenn wir uns fragen, wodurch die Einweihung für die Mysten vollzogen worden ist, so müssen wir uns sagen, es handelt sich darum, dass die mystische Anschauung sich klar darüber war, dass der einzelne Mensch durchzumachen hat den ganzen Schöpfungsprozess in seinem eigenen Leibe. Das wurde dargestellt als eine Rückkehr zur Gottheit, als eine fortwährende Vergottung der Welt.

[ 27 ] Die Materie ist dasjenige, in was der Geist sich ausgießt, um auf dem Umweg durch die Materie hindurch wieder zur Göttlichkeit zu kommen, zurückzukommen, um als Seele das zu sein, was er ursprünglich als Geist war. Da bekommen wir den Weg. Der Myste soll in sich die Materie so weit zum Absterben bringen, dass nicht mehr die Materie in ihm das Herrschende ist. Es sollte seine Seele wiedergeboren werden, sodass auch sein materieller Leib auf eine höhere Stufe zu stehen kommt. Sie sollten an höheren Stufen vergeistigt werden. Nicht eine höhere wissenschaftliche Durchbildung war es, was für den Mysten angestrebt wurde, sondern es handelte sich darum für den Mysten, die Materie zu vergeistigen, die Materie um eine Entwicklungsstufe weiterzubringen. Alles, was der Myste durchzumachen hatte, hatte zum Ziele das [Auferstehen] mit einem geistigen Leib, mit einem wiedergeborenen Leib.

[ 28 ] Diesen Weg der [Rückkehr] der Seele zu der Gottheit musste der Myste durchmachen. Es wurde ihm auch klargemacht, dass er das, was er durchmacht, nicht für sich durchmacht, sondern als Teil des großen Weltalls, das in ihm einen Grad der Entwicklung durchmacht. Wir wissen, es wird uns der ganze Vorgang bei der Einweihung so geschildert, dass, wenn am dritten Tage die Sonne den Mysten erweckt, der Donner rollt, so wie es bei der Auferstehung des Jesu war. Diese Ereignisse werden uns erzählt als Bestandteile des mystischen Prozesses.

[ 29 ] Dem Mysten sollte klargemacht werden, dass der eigene Prozess seine Begründung hat im kosmischen Weltprozess, dass der Gott mit Hilfe des Schöpferwortes, des Logos den Weltprozess vollzogen hat, dass dieser Gott er selbst ist, und dass der Weltprozess in Realität in dem Mysten vollzogen wird, dass der Prozess, welchen der Mensch durchzumachen hat, wie der Weltprozess ist. Der Weltprozess ist gleichbedeutend mit der Beschreibung des Weges, den die mystische Individualität durchzumachen hat. Das war ein wichtiger Teil - nicht nur bei den Ägyptern - von dem, was den Mysten vorgeführt und dann in Fleisch und Blut übergegangen ist.

[ 30 ] Nehmen Sie zusammen, was einzeln mitgeteilt wird, was wir aber zusammenhalten müssen. Nehmen Sie den ganzen Parallelismus zwischen den Evangelien und dem Alten Testament [und der ägyptischen Tradition], dann werden Sie, wenn Sie die Sache so verfolgen, in der Tat sehen können, dass tatsächlich die gläubigsten Bekenner des Christentums in den späteren Jahrhunderten Spuren davon hatten, dass der menschliche Prozess der große kosmologische Weltprozess ist. An manchen Stellen der «Bekenntnisse» des heiligen Augustinus finden Sie solche Spuren und Hinweise. Sie sind vielleicht nicht ganz klar, aber er zeigt, dass in den einzelnen Vorgängen wie Geburt, Verklärung, Himmelfahrt Christi und so weiter er nichts anderes vor sich hat als eine Wiederholung des kosmischen Prozesses. So sagt er an einer Stelle: «Gott schuf auch den Christus unserer Erde. Unsere Erde war wüst und leer. Es lastete Unwissenheit über uns. Wir verließen unsere Finsternis und wandten uns dir zu. Wir waren einst Finsternis, jetzt aber sind wir Licht im Herrn.» - Er beschreibt die Auferstehung Jesu Christi mit den Worten der Genesis. Hier war also noch das Bewusstsein vorhanden von dem, was in den Mysterien selbst war. In den Mysterien gab es keinen Unterschied zwischen dem Prozess, dem sich der Myste zu unterziehen hatte, und dem kosmischen Prozess. Deshalb war auch jedes Ritual in derselben Weise abgefasst wie die Beschreibung der Weltschöpfung. Wir würden, wenn wir innerhalb der ägyptischen Lehre vergleichen könnten die Beschreibung des Pfades der ägyptischen Mysten, sehen, dass es ein und dasselbe ist wie der kosmische Entwicklungsprozess. Es ist ins Mikrokosmische übersetzt, was sich im Makrokosmischen vollzogen hat.

[ 31 ] Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass in der Tat nicht nur bei Augustinus solche Spuren zu finden sind. Wir finden sie auch durchaus bei anderen Kirchenlehrern [zum Beispiel bei Eusebius], wenn sie uns das Leben Jesu beschreiben. Wir müssen da allerdings zurückgehen in das vierte Jahrhundert, wo die Beschreibungen noch flüssiger waren, wir müssen sogar zurückgehen in das dritte und zweite Jahrhundert. Wenn wir da Beschreibungen lesen oder hören, welche von dem ganzen Werdegang im Leben gemacht werden, wenn wir erzählen hören von der Auferstehung und Himmelfahrt, dann hört sich das für denjenigen, der diese Dinge zu beurteilen vermag, so an wie die Übersetzung des Mysterien-Einweihungsprozesses.

[ 32 ] Es ist ja an den Evangelien, die später maßgebend wurden und in denen man die Anschauungsweise kristallisiert, festgemacht hat, nachher nichts mehr zu deuteln. Eusebius war noch Myste. Ich meine also, wenn wir die Evangelien uns vornehmen, so werden wir an dem Stil noch sehen können, dass etwas zurückgeblieben ist von diesen alten Einrichtungen der Übereinstimmung zwischen dem kosmologischen Prozess und dem Initiations- oder Einweihungsprozes:

[ 33 ] Nehmen Sie das Johannes-Evangelium. Was ist es anderes als ein Verrat des Mystischen - in Stil und Anlage nichts anderes als individualisierte Kosmogonie? «Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott» und so weiter. Dieser Anfang des Johannes-Evangeliums fängt genauso an wie die Genesis. Wir haben es da zu tun mit einer Genesis. Diese Erscheinungen zeigen uns direkt die deutlichen Spuren davon, dass wir es tatsächlich in den Evangelien mit Einweihungsschriften zu tun haben, die es aber in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung nicht gegeben hat. Es war damals nur [mündliche] Tradition vorhanden. Die Evangelien verdanken wir im Wesentlichen dem zweiten Jahrhundert.

[ 34 ] Wenn wir das alles zusammenhalten, so werden wir selbst in den Evangelien sehen, wie diese Spur noch vorhanden ist von der Übereinstimmung der kosmogonischen mit der individuellen Entwicklung. Es kann eine solche Sache, wie sie im Matthäus-Evangelium angeführt wird, gar nicht begriffen werden, wenn sie nicht theosophisch gedeutet wird, wenn darin nicht dasselbe gesehen wird, was die Buddhisten in zweiundvierzig Stufen durchgemacht haben. Wir werden von.Gott absorbiert und wieder aus ihm heraus geboren.

[ 35 ] Derjenige, welcher innerhalb des Essäertums diese Anschauungsweise entwickelt hat, der aus den ersten Lehren herausgetreten ist, bevor er herausgetreten ist, der muss tief durchdrungen gewesen sein von dieser Tatsache, ihm muss klar vor Augen gestanden haben durch eine höhere Offenbarung, was sich jeder andere Mensch erst mühsam zusammentragen muss. In einem einzigen großen Blick muss es ihm aufgegangen sein.

[ 36 ] Nun haben wir in den Evangelien - und das ist die Frage, die ich noch aufwerfen muss — die Hindeutung, dass wir es zu tun haben mit einer Persönlichkeit, welche in einem einzigen Blick umspannt hat alles dasjenige, was man als Lehren der Vergangenheit, als Ergebnis der Erfahrungen der Vergangenheit bezeichnen kann. In einer einzigen Vision haben wir den Inhalt im Evangelium, und nun müssen wir fragen: Handelt es sich in diesem Zeitabschnitt um eine reale Wiedererneuerung dieses sonst im Symbol vorliegenden Weltmysteriums, dieses Weltmysteriums, das uns vorliegt in Vater, Mutter und Kind? Gibt es einen solchen Blick? Ich glaube, dass es die ganze Persönlichkeit, die reale Persönlichkeit ist, welche dem zugrunde liegt, welche herausstrahlt wie erneuert das Vergangene. Das scheint mir die Erscheinung auf dem heiligen Berge zu sein, die Erscheinung, die Jesus hatte, als er nur seine intimsten Jünger bei sich hatte — Petrus, Jakobus und Johannes, dessen Bruder — und als Erscheinung Moses und Elias.

[ 37 ] Wenn wir diese Erscheinung uns vergegenwärtigen, wenn wir sie so auffassen und sie ausdeuten, dann wird es uns klar, um was es sich hier handelt. Nur von dieser Erscheinung aus kommt man zu einem vollen Verständnis dessen, was diese Persönlichkeit war, durch die das Christentum in die Welt gekommen ist.

[ 38 ] Wir können nun verstehen, was vorgegangen war, und haben wir das verstanden, dann kommen wir zu einer mystischen Auffassung des Christentums. Das ist der wichtigste Moment dieser Vision, wo tatsächlich der Gründer des Christentums nicht etwas Einzelnes ist, sondern etwas, in welchem beschlossen war das tiefste Mysterium des Daseins, in welchem sich konzentriert die tiefste Erfahrung des Menschen.

[ 39 ] Es ist unmöglich, da die Zeit zu weit vorgerückt ist, noch zu zeigen, was da ausgestrahlt wird in den Lehren und in dem Leben Jesu. Wenn wir diese Erscheinung verstehen, wird sich in uns das nötige Licht verbreiten.