Antike Mysterien und Christentum
GA 87
5 April 1902, Berlin
22. Paulinisches Christentum und Johanneisches Christentum
[ 1 ] [Sehr verehrte Anwesendet]
[ 2 ] Nachdem wir durch unsere bisherigen Betrachtungen haben sehen können, wie bei der Bildung des Christentums die damals herrschenden Mysterien-Anschauungen verwendet worden sind, wollen wir heute an zwei Hauptvertretern des Urchristentums sehen, wie sich diese in das ganze Werden, in den Entstehungsprozess hineingestellt haben.
[ 3 ] Zweifellos hat Paulus in dem Christus den Vermittler zwischen Gott und Mensch gesehen, eine Persönlichkeit auf solch hoher Stufe der Entwicklung des Daseins, dass dieser Mensch zweifellos nach der Anschauung des Paulus den Tod überwunden hat und ihm in der Stunde seiner Bekehrung wirklich in vergeistigtem Leibe erschienen ist. Das ist der Glaube des Paulus. Das ist auch das, was ihm die Zuversicht zum Lehren gegeben hat. Überzeugt vom Mittler zwischen Gott und Mensch, vom auferstandenen Jesus Christus, zog er hinaus und hat das Evangelium verkündigt.
[ 4 ] Wo kamen denn die Bestandteile [dieser Lehren] her, welche eine ganz bestimmte philosophische Auffassung voraussetzen, und besonders solche, welche sich uns als Umdeutung der [alten Einweihungs-] Rituale ergaben? Wo ist der Ursprung des Jesus-Lebens zu suchen? Wir dürfen durchaus sagen: innerhalb der Predigten im ersten Jahrhundert, die der großen Christengemeinde gehalten worden sind. Innerhalb dieser hat Paulus wahrscheinlich die Auffassung, die uns im Johannes-Evangelium entgegentritt, wo der Christus Jesus die Mensch gewordene zweite Gestalt Gottes ist, nicht vertreten. Diese streng metaphysische, theosophische Auffassung hat Paulus nie vertreten. Das [tat] aber Johannes. Da die Apokalypse zweifellos von Johannes ist, so haben wir es in der Schule des Johannes, welche Christus auffasst als den Mensch gewordenen Gott - nicht bloß als den Mittler zwischen Mensch und Gott, nicht bloß als eine vorbildliche Persönlichkeit -, sondern wir haben es zu tun in der Persönlichkeit, welche sich auf Johannes aufbaut, mit einer vergeistigten Persönlichkeit. Wir sehen da eine vergeistigte Persönlichkeit Platz greifen.
[ 5 ] Wir wissen, dass Johannes in Ephesus sich aufgehalten hat, dass er seine wichtigsten Schriften dort abgefasst und dann in Beziehung zu dem Presbyter Johannes gestanden hat. Ob die Lehren vom Logos der ägyptisch-griechischen Philosophie entnommen sind, das ist für uns mehr oder weniger gleichgültig. Aber das ist festzustellen, dass von Johannes die metaphysisch-theosophische Auffassung ausgegangen ist.
[ 6 ] In Ephesus und Kleinasien war eine ganze Reihe von Christengemeinden. Es waren jedenfalls viel mehr als sieben. Die Apokalypse richtet sich streng genommen nur an sieben Gemeinden, denen die Lehre geoffenbart werden soll. Als Johannes nach Ephesus kommt, spielt er eine ganz besondere Rolle. Er ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten. In der Verwaltung der Kirche hat er eigentlich gar keinen besonderen Einfluss. Die Verwalter sind ganz andere. Wenn ein solcher Kirchenvorsteher stirbt, wird einfach ein anderer gewählt, ohne dass man daran denkt, Johannes an die Spitze zu stellen. Alle Ausführungen, die wir aus dieser Zeit kennen, deuten darauf hin, dass da ein gewisser Gegensatz war [zu Paulus] - nicht aber Widerstreit -, dass die Richtung des Johannes und das paulinische Christentum nebeneinander hergegangen sein müssen. Das ist eine sehr wichtige Tatsache. Sie ist nur zu erklären dadurch, dass wir im Hinblick auf die ganz anders geartete Jesus-Gestalt im JohannesEvangelium und im Hinblick auf noch etwas, was ich noch sagen werde, in der Johannes-Schule eine besondere Schule sehen, [in der gelehrt wurde,] was der großen Masse aber nicht gepredigt wurde. Wir wissen sogar, dass die Lehren des Johannes für die große Masse zuerst für gefährlich gehalten worden sind. In der Johannes-Schule haben wir es wahrscheinlich mit einer Art Geheimschule zu tun, mit einer mystischen Gemeinde, aus der das Johannes-Evangelium hervorgegangen ist und auch die synoptischen Evangelien beeinflusst wurden. Es war früher nicht in der Form der Geschichte aufgeschrieben, sondern es waren nur die Lehren aufgeschrieben. Die Sprache wurde das Weltall. Die Geschichte wurde aber frühestens Ende des ersten Jahrhunderts aufgeschrieben.
[ 7 ] Das weist darauf hin, dass wir es zu tun haben mit der großen
[ 8 ] Christengemeinde in Ephesus und Umgebung - und mit einer mystischen Theosophie-Schule des Johannes. Aus dieser Johannes-Schule geht alles hervor, was wir an geschichtlich-allegorischen Momenten im Christentum haben, während im paulinischen Christentum wir nichts anderes haben als: der Christus, der gestorben ist für die Menschheit, und das, was er gelehrt hat, auch dass er die Abendmahlsgemeinschaft eingeführt hat. Das war das gemeinsame Band, an dem sich die Christen der damaligen Zeit erkannt haben.
[ 9 ] Dass wir es mit einer mystischen Gemeinde zu tun haben, ist zu ersehen daraus, dass wir es [in der Apokalypse] mit sieben Gemeinden zu tun haben. Gleich am Anfang der Apokalypse haben wir es mit einer allegorischen Schule zu tun, während im JohannesEvangelium wir es mit einer mystisch-theosophischen Schule zu tun haben. Die Johannes-Schule war nicht die Einzige. Wir werden vielleicht noch eine andere heute kennenlernen, wenn die Zeit noch dafür vorhanden ist.
[ 10 ] Was ist also durch die Johannes-Schule in das Christentum hineingekommen? Solche Dinge, die ich schon genannt habe. Die Auferweckung des Lazarus, was nichts anderes ist als die Darstellung eines Initiationsvorganges. Diese [Dinge] rühren her von solchen Schulen, welche mit den Mysterien-Riten ganz genau bekannt waren. Diese Auferweckung des Lazarus ist zweifellos ein Bestandteil einer Geheimschule, und [sie war nicht in den synoptischen Evangelien enthalten]. Dafür sprechen die Tatsachen.
[ 11 ] Was wir jetzt noch betrachten müssen, ist: Innerhalb der Geheimschule muss entstanden sein das, was man Apostolisches Glaubensbekenntnis nennt. Dieses ist nichts anderes als ein Ergebnis der Mysterienkulte[, derjenigen Mysterienkulte, welche nachzulesen sind in der Darstellung, welche ich den Mitgliedern gegeben habe. DJerjenige, welcher sich auf den Weg der Initiation begeben hat, hat ein Glaubensbekenntnis abzulegen gehabt, in dessen Sinn er eingeweiht worden ist. Ich will Ihnen ein solches Glaubensbekenntnis einmal skizzieren. Man kann das nicht willkürlich sich zurechtlegen, sondern es ergibt sich durchaus aus dem, was uns überliefert worden ist:
[ 12 ] 1. Zu glauben hat [der zu Initiierende] zunächst an eine höchste Gottheit, weil die Gottheit tief verborgen ist, auf die sich aber eine Perspektive für denjenigen eröffnet, der den höchsten Pfad zu den [Geheimnissen] gehen will. [Gott] ist der Vater aller Dinge. Das war der erste Artikel.
[ 13 ] 2. Dann hat er zu glauben an den zweiten Logos. Der erste Logos war der Vater selbst, der dann einzog in die Dinge. Dadurch ist es gekommen, dass er die Form des zweiten Logos angenommen hat.
[ 14 ] Der zweite Logos ist also eine Art Ebenbild Gottes, ein geistiges Spiegelbild Gottes. Das steigt herunter und nimmt materielle Form an. Man nennt das «das Aufgehen Gottes in einem materiellen Dasein. Er verdichtet sich, nimmt materielle Form an. Die Welt im Großen ist nichts anderes als der materialisierte zweite Logos, der sich heraufentwickelt bis zur menschlichen Seele, um von da die Rückkehr zu Gott wiederzufinden.
[ 15 ] Wenn der Mensch die Materie durchforscht, so findet er in der Materie den Geist. Dieser ist aber nichts anderes als der Geist, der früher in die Materie eingezogen ist. Dieses Herabsteigen stellt sich uns mystisch dar in den Gestalten des Dionysos, in den verschiedenen mystischen Gestalten wie Osiris, Isis und so weiter. In den mythologischen Vorgängen haben wir die verschiedene Umgestaltung dieses Vorganges. Also kurz: Ich glaube an den materiell gewordenen Logos.
[ 16 ] [B-] Wozu hat Gott nun dieses Opfer der Vermaterialisierung gebracht? Wozu ist er herabgestiegen? Es bedeutet den ganzen Entwicklungsprozess selbst. Die Welt wäre nicht da. Dazu bekennt sich der zu Initiierende. Der Logos ist herabgestiegen in die Materie und ist nun wieder in seinem Aufstieg.
[ 17 ] Diese allgemeine Anschauung wurde gleichsam mikrokosmisch in jedem einzelnen Menschen wiederholt. Es bestand die Anschauung, dass im Menschen sich dieselbe Prozedur vollzieht, wie sie sich mit Gott vollzogen hat.
[ 18 ] Um nun dieses dem zu Initiierenden besonders anschaulich zu machen, dazu waren die Initiationskulte da. In der Regel wurden solche Mysterienkulte in der Nähe von Seen abgehalten. Und auch in Athen waren sie in der Nähe von Teichen. Der See, das Wasser — das wissen wir aus dem ägyptischen Initiationsritual -, sie galten als Symbol des materiellen Daseins. Das Herabsteigen in das materielle Dasein, das sollte der, welcher die Initiation suchte, abspiegeln [durch das Hinabsteigen in das Wasser]. Wasser galt als Symbol des materiellen Daseins. Deshalb wurde dieser Kult in der Nähe von Seen abgehalten.
[ 19 ] Etwas höchst Merkwürdiges ist da eingetreten. Das können Sie finden, wenn Sie das Apostolische Glaubensbekenntnis verfolgen, das die verschiedenen Konzilien festgestellt haben: Die ganzen Vorgänge, die da geschildert werden im Bekenntnis, sind nichts anderes weiter als dieselben Punkte, dieselben Prozesse, welche im Initiationsprozess auch zu finden sind. Das Apostolische Glaubensbekenntnis zeigt noch klar den Initiationsprozess. Lassen Sie [vorläufig] nur aus die Worte «gelitten unter Pontius Pilatus», so werden Sie sehen, dass es sich um einen Initiationsvorgang handelt. Es wird ein Bekenntnis abgelegt von Gott, dann von dem vermaterialisierten Gott, dem zweiten Logos, dann von dem Aufstieg [des Sich-Initiierenden]. Drei Tage im Schlaf, das Hinabsteigen zur Hölle, um am dritten Tage wieder aufgeweckt zu werden und dann als Eingeweihter wieder aus dem Prozess hervorzugehen.
[ 20 ] Da besteht aber nun die Schwierigkeit, dass wir auf der einen Seite den zweiten Logos, den Christus Jesus haben — das JohannesEvangelium identifiziert Jesus geradezu mit dem zweiten Logos —, und auf der anderen Seite die Persönlichkeit Jesu, sodass wir annehmen können, dass wir es [im Glaubensbekenntnis] zu tun haben mit einer Umdeutung des zweiten Logos in die Persönlichkeit Jesu. Man hat [den zweiten Logos] also christianisiert.
[ 21 ] Nun komme ich zu einer Hypothese - ich will es vorerst Hypothese nennen -, ich meine die Worte: «gelitten unter Pontius Pilatus». Wir haben sie von den Schriften, die der Zeit entstammen, wir wissen von den Vorgängen aber nichts. Wir wissen, dass Pilatus, wenn auch nicht in Jerusalem, so doch im assyrischen Reich existiert hat. Aber das kann uns doch nicht überzeugen, dass sich ein ganz merkwürdiger Prozess abgespielt haben muss. Wir können also nicht anders, als das Apostolische Glaubensbekenntnis aufzufassen als umgeprägten Initiationsritus. Der zweite Logos ist zur Persönlichkeit umgewandelt. Wie kommt nun «gelitten unter Pontius Pilatus» da hinein? Sie brauchen nur einen einzigen Buchstaben aus Pontius wegzulassen und statt Pontius nur Pontus zu sagen und Pontus in der Bedeutung von See zu nehmen. Es erscheint dies zwar etwas gewagt. Aber solche Einschiebungen — nennen Sie es nicht Fälschungen, denn sie sind im besten Glauben gemacht -, sie sind in den ersten Jahrhunderten alle Augenblicke vorgekommen. Dieses Bekenntnis schildert die verschiedenen Stadien der Initiation nach den Mysterien-Ritualien. Die sind aber an verschiedenen einzelnen Orten, fast immer an einem See abgehalten worden. Es ist immer auch gesagt worden, dass sich diese Dinge an irgendeinem See da oder dort zugetragen haben. Wir müssten uns daher geradezu wundern, wenn beim Umprägen eines Mysterien-Rituals der Umstand, dass der Vorgang an einem See sich abgespielt hat, nicht darin zu finden sein würde. Wir haben also Grund anzunehmen, dass wir es mit der [Anschauung eines Initiationsprozesses] zu tun haben, sodass es nichts anderes bedeuten würde als das Herabsteigen [des Logos] in die Materie oder des Durchmachens des Vorganges der Initiation.
[ 22 ] Wir haben es also zu tun mit einer Anwendung des Rituals und mit einer Verschmelzung dessen, was gelehrt wurde, und dessen, was aus verschiedenen Kulten in das Christentum eingeflossen ist. An den verschiedensten Orten sind die verschiedensten Kulte auch innerhalb des Christentums gepflegt worden.
[ 23 ] So zum Beispiel wissen wir, dass, als die ersten Christengemeinden in Rom entstanden sind, die Rituale ganz andere waren als die in Ephesus in Kleinasien. Diejenigen, welche dann nach Rom kamen, haben sich nach dem Ritus von Ephesus gesehnt. Es war also eine Amalgamierung und ein Hineinwachsen des Neuen in die von früher noch bestehenden Mysterien.
[ 24 ] Paulus ist ausgegangen von einer nach dem Judentum hinweisenden Lehre. Er hat auch Heiden aufgenommen, aber immer achtend auf das, was schon vorhanden war. Er sagt auch: «Die Juden halten mehr auf Zeichen, die Griechen mehr auf Weisheit. Ich behandle beide so, wie sie behandelt sein wollen.» Er schuf nicht etwas, was die Leute perplex machte, sondern er gestaltete das, was er vor sich hatte. In viel höherem Grade scheinen das die anderen auch gemacht zu haben. Uns vorzustellen, dass das Christentum als einheitliche Lehre von Anbeginn an gewesen wäre, das wäre eine kindliche Auffassung.
[ 25 ] Paulus und Petrus waren höchst uneinig, und in den Gemeinden waren auch Streitigkeiten. Paulus war häufig bemüht, solche Streitigkeiten zu schlichten. Es hat sich also [bei dem frühen Christentum] nicht gehandelt um eine streng einheitliche Lehre, sondern man hat aus den verschiedensten Punkten die Strahlen zusammengehen sehen. Die Zentralisierung fand viel später statt.
[ 26 ] Neben dem populären Christentum des Paulus hat also auch eine esoterische Auffassung, die Schule des Johannes bestanden. Einer Reihe von Schriftwerken verdanken wir die darauf bezüglichen Mitteilungen. Sie tauchen auf im sechsten Jahrhundert nach Christus, und später bilden sie die Unterlagen der verschiedenen Kirchenschriftsteller. Später werden sie zugeschrieben dem [areopagischen Schriftsteller], dem Dionysios, der in Athen von Paulus zum Christentum bekehrt worden sein soll. Oft ist das alles für falsch gehalten worden. Aber man kann nicht verstehen, was das heißen will. Man kann es nur so vielleicht aufzufassen, dass der Dionysios die Schriften nicht selbst verfasst hat. Wenn wir aber diese Schriften verfolgen, finden wir noch eine vertieftere Auffassung des Christentums. Der Verfasser wird nicht genannt, die Bezugnahme der Kirchenschriftsteller zeigen aber jedenfalls, dass diese Schriften vorhanden waren. Alle Spuren weisen darauf hin, dass sie nicht im [frühen] lateinischen Christentum vorhanden waren, sondern dass wir sie recht spät erhalten haben. Wir haben es da also zu tun mit Schriften, welche widerspiegeln die Anschauungen der ersten Kirchenväter der griechischen Kirche. Der Verfasser stellt sie uns dar als eine Ausbildung der alten Mysterien-Verhältnisse, als der Glaube an Gott, der nur auf mystische Weise zugänglich ist.
[ 27 ] Dann wird uns dargestellt, wie von diesem Gott die unvollkommenen Wesenheiten ausgehen und auf diese Weise ein Abstieg sich vollzieht bis zu den Gestalten, zu denen der Mensch selbst gehört. Dann wird dargestellt, wie eine Rückkehr durch die verschiedenen Gestaltungen zu dem Gott stattfinden soll. Nähere Berichte finden wir bei Scotus Eriugena, der seine «Einteilung der Natur» in diesem Geiste geschrieben hat. Was wir in diesen Schriften kennenlernen, weist uns darauf hin, dass wir es vom zweiten Jahrhundert an zu tun haben mit einer solchen geheimnisvollen Schule, ganz ähnlich der Johannes-Schule in Ephesus. Auch sie hat solche mystisch-theosophischen Lehren gepflegt.
[ 28 ] Also solche Traditionen, welche darauf ausgehen zu zeigen, dass wir es mit einem «Pseudo-Dionysios zu tun haben, weisen darauf hin, dass eine solche Schule bestanden hat, welche ihre Lehren nicht aufgeschrieben, sondern mündlich fortgepflanzt hat, und dass diese Lehren zurückzuführen sind auf den vom Apostel bekehrten Dionysios. Solche Geheimschulen haben also zweifellos bestanden in der ersten Zeit des Christentums. Daher müssen wir unterscheiden zwischen der populären Anschauung und der Anschauung, welche der einzelne Eingeweihte selber vertreten hat.
[ 29 ] Wenn wir die Schriften des [Hermas] verfolgen, so können wir es fast mit Händen greifen, was hinter der Ausdrucksweise steckt. [Hermas] bricht nicht mit der [christlich-mystischen] Tradition, sondern steht auf demselben Standpunkt.
[ 30 ] Wir haben es aber zu tun mit Lehren, welche eine tiefere Auffassung vom Christentum haben, die man bestrebt ist, in Symbolik umzusetzen, im Glaubensbekenntnis, das Stück für Stück in den Konzilien aufgebaut ist und aufgebaut ist in den Kulthandlungen und Riten.
[ 31 ] Wir können dies geradezu verfolgen bei den Kirchenschriftstellern. Wir können manchmal nicht verstehen, was in einem solchen Symbol enthalten ist, wir müssen solch ein Symbol aber gläubig hinnehmen und glauben, dass uns der Sinn nach und nach aufgehen wird. Wenn nun dieser Mann [- Hermas -] davon spricht, dass es vier Grade der Einweihung gibt, wie dies in den Schriften geschildert wird, dann können wir nur sagen, dass neben der exoterischen Lehre noch eine esoterische Lehre bestanden haben muss.
[ 32 ] Wer das Symbol bekam, [wem] zum Beispiel das Messopfer vorgeführt worden ist, der wird nicht dadurch gestört, dass ihm etwas vorgeführt wird, [was er nicht versteht,] sondern es wird ihm eben ein Symbol gegeben. Bald wird er zum geheimnisvollen Sinn des Symbols durchdringen.
[ 33 ] Bei den Kirchenschriftstellern des dritten und vierten Jahrhunderts sehen wir durchaus, dass die [Schüler der] tieferen Lehren des Christentums verschiedene Einweihungsstufen durchzumachen haben. Für die große Masse ist die esoterische Lehre im Symbol zur Anschauung gebracht worden.
[ 34 ] Nun wollen wir sehen, wie die esoterische Lehre sich ausgebildet und wie das Esoterische dem Exoterischen sich angepasst hat. Und wie dadurch die Kirche nach weltlicher Macht strebt. Wir wollen sehen, wie dieser [esoterische] Charakter nach und nach verloren gegangen ist und Spuren davon sich bis in die Scholastik hinein verflüchtigt haben. Das hängt zusammen mit wichtigsten Tatsachen, die sich in der Kirchengeschichte abgespielt haben und mit der Übertragung der Vorgänge im Christentum von dem asiatischen Ephesus auf das italienische Rom.
[ 35 ] Im ersten und im Anfang des zweiten Jahrhunderts war der wichtigste Sitz für die Ausbreitung des Christentums Ephesus. Dann ging dieser Sitz von Ephesus nach dem italienischen Rom. Man spricht auch von Ephesus als von einem asiatischen Rom, und zwar von einer Richtung, die nicht das johanneische, sondern das paulinische Christentum betraf. Wir sehen also in der Johannes-Lehre ein esoterisches Christentum, während wir in der paulinischen Richtung die populäre Form haben.
Fragenbeantwortung:
[ 36 ] Pontus = See. Pontius Pilatus war Landpfleger von Caesarea. [«Gelitten unter Pontius Pilatus» bedeutet also Leiden, hervorgerufen durch den Durchgang durch die Stadien der Materie.
[ 37 ] «Ich bin der Osiris N. Wachsend unter den Blüten des Feigenbaumes ist der Name des Osiris N.» «Ziehe Deines Weges», siehe im Totenbuch.
[ 38 ] Pontius Pilatus wird erwähnt bei den römischen oder auch anderen Schriftstellern als Landpfleger von Caesarea.]
[ 39 ] Der Heilige Geist ist nichts anderes als der dritte Logos, den wir in der Materie und in unserer Seele wiederfinden.
[ 40 ] Die Auferstehung des Fleisches weist auf die Reinkarnationslehre hin. In der johanneischen Schule nicht nachweisbar, wahrscheinlich gar nicht vorhanden gewesen. Die Kirche hat an Stelle der Initiation die Inspiration mit dem Glauben treten lassen. Die Geheimlehren wurden kanonisiert, [dogmatisiert]. Warum die Lehre von der Reinkarnation nicht populär gewesen ist, ist mir heute ganz klar. Auch heute ist es schwierig, sie populär zu machen. Man sieht politisch eine Gefahr darin. Die Reinkarnationslehre in ihrer wahren Gestalt kann man doch nicht populär machen. Die Reinkarnationslehre hat zu wüstestem Aberglauben geführt, [zu der Lehre von der] Seelenwanderung durch Tiere und so weiter.
[ 41 ] Das Christentum betrachtet die Reinkarnationslehre nicht als eine Lehre, welche man der großen Masse übergeben könnte. Der stellvertretende Sühnetod im paulinischen Christentum ist etwas, was sich mit Reinkarnation und Karma nicht vereinigen lässt.
