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Antike Mysterien und Christentum
GA 87

19 April 1902, Berlin

23. Augustinus

[ 1 ] Es war meine Aufgabe zu zeigen, dass in den ersten Jahrhunderten das Christentum eine Entwicklung durchgemacht hat, und ich habe betont, dass der Abschluss dieser Entwicklung eigentlich im Grunde genommen doch verhältnismäßig spät, jedenfalls viel später eingetreten ist, als die «orthodoxen» Kirchen sich diesen Abschluss vorstellen.

[ 2 ] Diese Entwicklung ist auch durch eine mystische Epoche durchgegangen. Der Hauptgedanke war der, dass überall im Mittelmeerraum, in Europa und weit hinein in Afrika es eine Vertiefung der religiösen Weltanschauung gegeben hat vor unserer Zeitrechnung, vor dem ersten Jahrhundert der christlichen Ära, und dass diese Vertiefung des religiösen Lebens genau in derselben Richtung sich bewegte und geradezu dem Christentum entgegengewachsen ist, ja für viele Strömungen im Christentum direkt die Grundlage gebildet hat.

[ 3 ] Wenn wir christliche Schriftsteller vom ersten Jahrhundert durchmustern, können wir nicht sagen, was von diesen oder jenen herrührt. Die Apokalypse war nichts anderes als eine Popularisierung alter Mysterien-Ideen. In die Mysterien Eingeweihte sind oft später zum Christentum übergetreten. Sie drückten sich dann in derselben Weise aus wie die heidnischen Schriftsteller. Besonders wurde uns dies klar bei dem Pseudo-Dionysios, Dionysios Areopagita, der noch vom Apostel Paulus bekehrt worden sein soll. Die Schriften von diesem Dionysios rühren wahrscheinlich aus früherer Zeit her. Sie sind durchdrungen von mystischen Ideen; auch theosophische Ideen sind darin. Wir haben es da mit einem alten ägyptischen Priester zu tun, der eingeweiht war in die ägyptischen oder in die Eleusinischen Mysterien, der dann die Wahrheiten auf diese Weise zum Ausdruck bringt. Oder wir können auch annehmen, dass in Alexandrien die Mystik bei Dionysios wieder zum Ausdruck kommt. Wir haben es im ersten Jahrhundert zu tun mit einer Lehre, die in Entwicklung begriffen ist. Tatsächlich können wir sagen, dass erst im vierten Jahrhundert die ganz bestimmte im Abendlande als Christentum bekannte Lehre Platz gegriffen hat.

[ 4 ] Der erste Schriftsteller, der die erste nur christliche Mystik bezeugt, war Augustinus, der uns heute beschäftigt. In ihm haben wir die erste christliche Mystik vor uns. So wird uns das Rätsel, dass dem Ur-Christentum die Mysterien der Alten zugrunde liegen, am klarsten erscheinen. Die Gnostiker waren christliche Mystiker des ersten Jahrhunderts. Ich sagte, dass diese Gnostiker die alten theosophischen Lehren vom Logos, von dem in die Materie verkörperten Logos gelehrt haben, und dass sie das, was sie aus den alten Mysterien gewonnen haben, weiterverbreitet haben. Ich sagte, dass sie ausgegangen sind davon, dass der Mensch nur durch die verschiedenen Grade der Erkenntnis aufwärts steigen kann zu einem wirklichen Schauen — sie haben einen vergeistigten Christus als den ihrigen anerkannt -, dass sie sich aller Mittel der christlichen Gesinnung bedienen, um so viele Lehren vom Jesus von Nazareth wie möglich herüberzunehmen in jene Lehren, welche Sie aufgrund der Evangelien heute noch erraten können. Verschiedene Sekten gab es auch bei den Gnostikern. Jene Lehren stellen im Wesentlichen nichts anderes dar als eine ins Populäre übersetzte alte Mystik. Wenn wir diesen Geist [der alten Lehre uns in neue Formen] gegossen denken, dann haben wir das, was die Gnostiker vertraten. Sie waren es auch, welche sagten, dass das Beste nicht der Schrift anvertraut werden kann, sondern dass die höchsten Stufen nur von Persönlichkeit zu Persönlichkeit übertragen werden können.

[ 5 ] So waren die Gnostiker die Träger eines vergeistigten Christentums. Auch in Alexandrien haben wir solche Bekenntnisse. Wir könnten eine ganze Reihe der christlichen Bekenntnisse anführen; wir können aber nicht mehr sagen, was die verschiedenen kirchlichen Schriftsteller gelehrt haben, die als Irrlehrer von den Kirchenvätern bezeichnet worden sind.

[ 6 ] Wenn wir diese verschiedenen Meinungen durchgehen würden, dann würden wir schen, dass wir es allerdings in den ersten Jahren der christlichen Entwicklung mit einer vielfältigen, nicht mit einer einheitlichen Lehre zu tun haben, mit einer Lehre, welche von allen Seiten Zuflüsse gewonnen hat. Es ist also so, dass wir es nicht mit einer in sich abgeschlossenen Lehre im ersten Jahrhundert zu tun haben. Das heutige Christentum ist eine Schöpfung der beiden Konzile von Nicäa und Konstantinopel.

[ 7 ] Die wichtigste Persönlichkeit, welche innerhalb der christlichmystischen Entwicklung steht, müssen wir in Augustinus sehen, weil sie in sich selbst eine Vertiefung gesucht hat, welche von keiner späteren in solcher Weise erreicht worden ist, auch nicht überholt werden konnte, weil die spätere Zeit [zwar] christlicher, aber nicht mystischer war. Augustinus stellt uns den Anfang dessen - im vierten bis fünften Jahrhundert - dar, was uns den Grundunterschied zeigen kann von dem, was noch vorhanden gewesen sein muss im [früheren] Christentum, und dem, was dann später an die Stelle dieses ursprünglichen Christentums getreten ist.

[ 8 ] Ich möchte gleich vorausschicken, dass derjenige, welcher selbst an das Studium des Augustinus herantritt - an das tiefe Gemütsleben -, die größte Befriedigung finden wird. Ich möchte sagen, dass ich keine Persönlichkeit an Größe und Scharfsinn des Denkens vergleichen möchte mit Augustinus. Aber auch von den modernen Philosophen dürfte es nur wenige und nur weniges geben, was ich dem Augustinus an die Seite stellen möchte. Wer Cartesius nimmt und studiert, wer ihn vergleicht mit ihm, wird finden, dass Cartesius nur eine einseitige Ausbildung ist. Augustinus aber gehört zu den tiefsten Denkern aller Zeiten.

[ 9 ] Was uns über die Gnostiker bekannt ist, weist uns darauf hin, dass die Gnostiker in ihren Grundanschauungen außer dem, was in aller Welt von alten Religionssystemen vorhanden war, auch das hatten, was als Mysterien sich noch verbreitete, dass in der Gnostik in der Tat alles das vertreten war, was wir heute in der Theosophie an Lehren aufzuerwecken suchen. Der, welcher versucht, in Gnostik einzudringen, der wird sich nichts anderes sagen können, als dass es zweifellos ist, dass diese gnostische Grundanschauung noch durchdrungen ist von den Empfindungen und Vorstellungen, welche das Wesentliche, den tiefsten Kern der alten Religionssysteme ausgemacht haben, dass uns nur die Dokumente nicht klar und deutlich genug sprechen.

[ 10 ] Wenn wir die Lehre von der Wiederverkörperung, der Reinkarnation nehmen, sie ist es, welche einzig und allein einer ewigen Weltordnung entspricht, die in sich streng geschlossen ist, die einzig und allein uns zeigt, wie Welt und Gott identisch sein können, weil nur unter der Voraussetzung dieser Lehre ein völliger Ausgleich, eine Harmonie zwischen Wahrem und Falschem, kurz eine völlige Harmonie zwischen allen scheinbar auseinandergehenden Ideen möglich sein kann. Ich meine, dass der Mensch sich nicht nur einig fühlt mit irgendeinem göttlichen Wesen, sondern mit dem ewigen Geist, welcher die ganze Welt durchzieht, und diesen Geist nicht nur als die einige Gottheit, sondern auch als die Individualität, die durch jedes Einzelleben hindurchgeht, fühlt; ich meine also die Wiederverkörperung des Geistes, die uns auch in der buddhistischen Lehre entgegentritt, welche nicht einen, sondern viele Buddhas hat. Diese Lehre [von der Wiederverkörperung] war zweifellos etwas, was als Grundton in der alten Lehre der Gnostiker enthalten war. Wir begreifen jetzt, warum tiefer Eingeweihte, Schüler des Dionysios, sich mit diesem Apostelnamen immer und immer wieder belegten. Wie die Pythagoreer waren sie der Meinung, dass der Geist des Gründers noch in ihnen fortlebte. Sie erkannten ihn in sich, wie die Pythagoreer ihren Urvater in sich erkannten. Erst in späterer Zeit sind dann die Lehren [des Dionysios] aufgezeichnet worden. Der, welcher sie aufgezeichnet hat, hat sich als eine Persönlichkeit betrachtet, die im Geist hinaufreicht bis in die Zeit der Gründung des Ordens.

[ 11 ] Das ist das Grundphänomen der Christenheit, dass diese Lehre von der allgemeinen Geistigkeit der Welt, dass diese esoterische Anschauung allmählich überwunden, vergessen wird und verschwindet. Es tritt uns daher ein Christentum ohne diese Weltauffassung, ohne diese Grundstimmung zuerst klar und deutlich bei Augustinus entgegen. Er vertritt eine Anschauung, die frei ist von der Seelenwandelung und frei ist von der Verwandlung des Geistes. In Augustinus tritt uns daher der erste Mystiker entgegen, der es nur mit dem einen persönlichen Menschenleben zu tun hat. Was zwischen den einzelnen Persönlichkeiten liegt, was die alten Religionen eingeschoben haben zwischen der einzelnen Persönlichkeit und der All-Einheit, das ist bei Augustinus weggefallen.

[ 12 ] Es ist das Große und Bedeutungsvolle, dass trotzdem in der Kirche eine Persönlichkeit auftrat, die eine unermessliche Tiefe erreichte, trotzdem sie keine Zwischenglieder gekannt hat zwischen Persönlichkeit und All-Einheit. Das eröffnet uns erst das Verständnis der augustinischen Lehren. Sie enthalten eine Mystik ohne die Grundlage einer alten mystischen Anschauung, eine Mystik, in welcher alles das, was die Alten zwischen beide gelegt haben, in die Gottheit hineingelegt wird. Was zwischen den Menschen und der Gottheit ist, wird in die Gottheit hineinverlegt. Daher schreibt Augustinus auch: Das, was die Menschen früher als ihre Welt empfunden haben, das habe ich in die Gottheit hineinverlegt. Wenn der Mensch früher die ganze Welt betrachtete und dann seine persönlichen Eigenschaften, hat er sich gesagt: Diese Welt ist keine Grenze. Sie schließt in sich Persönlichkeiten vorher und nachher ein; und den Ausgleich, den ich nicht in mir finden kann, den finde ich in der ganzen Welt. Was mir an einem einzelnen Ort zu einem Zeitpunkt fehlt, das kann mir an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit wieder ersetzt werden. Für den Menschen ist deshalb alles nur scheinbar begrenzt, vereinzelt, denn es gleicht sich früher oder später wieder aus. Diese ganze Frage: Wie kommt es, dass eine einzelne Persönlichkeit mit diesen oder jenen Eigenschaften auftritt, so auftritt, dass eine Besonderheit, die andere zerstört, bei diesem zum Guten sich hinwendet? — Diese Frage stand als große Rätselfrage vor Augustinus. Er hat sie in einer Weise gelöst, wie sie nur gelöst werden kann. Dieser weisheitsvolle Mann wird scheinbar inhuman, scheinbar von ärgstem Fanatismus hingerissen, wenn er über diese Frage spricht, weil er nicht die Möglichkeit hat, im Sinne der Theosophie der Alten zu antworten. Darum musste er es einem Gotte aufbürden, daher musste er sagen: Nicht die Persönlichkeit ist es, welche ihr eigenes Dasein bestimmt im ewigen Werdegang des Geistes; diese einzelne Persönlichkeit, so musste er sich sagen, steht ganz allein für sich da; und was ihr gegenübersteht, ist die unendliche Machtvollkommenheit [Gottes]. Er musste sich sagen als logischer Denker: Also rühren alle Eigenschaften des Menschen, gleichgültig, ob er als Sünder oder als ein guter Mensch, als Genie oder schwachsinnig zur Welt kommt, von der Gottheit her. Das kann durch nichts anderes in der Welt erklärt werden. Das kann einzig und allein, wenn alle Zwischenglieder weggeräumt werden, nur in der Gottheit liegen. Daher die harte Lehre des Augustinus: Entweder ist der Mensch vorherbestimmt zur ewigen Seligkeit oder zur ewigen Verdammnis.

[ 13 ] Es wäre unmöglich, dass eine Persönlichkeit, welche so gelitten hat wie er, eine so harte Lehre gelehrt hätte, wenn er nicht innerhalb dieser Anschauung zu gleicher Zeit logisch konsequent gesucht hätte, sich ein Weltsystem aufzubauen. Wir werden im letzten Vortrag, also heute über acht Tage, schen, wie diese Lehre gleich nach Augustinus durch eine höchst bedeutungsvolle Inkonsequenz in eine ganz andere Lehre verkehrt worden ist, bei einem ebenfalls recht tiefen Denker, bei Scotus Eriugena.

[ 14 ] Das ist das, was uns den heiligen Augustinus verständlich macht, das ist es, was uns erklärt, dass diese Persönlichkeit so starr daran festhält: Der Mensch ist zum Guten oder zum Schlechten vorherbestimmt. Jenes Zwischenglied [- die Wiederverkörperung -], das die Gnostiker noch gehabt haben, ist ihm verloren gegangen. Nun beginnt jene christliche Entwicklung, welche die Seelenwanderungslehre, die Palingenesis, ausgestrichen hat.

[ 15 ] Augustinus gilt als der größte maßgebende und bedeutendste Kirchenlehrer. Wir wollen diese große Persönlichkeit des heiligen Augustinus nun selbst betrachten. Es wird kaum eine zweite Persönlichkeit in der christlichen Kirche gegeben haben, welche alle drei Eigenschaften in so harmonischer Weise vereinigt hat. Sehen wir ab davon, was die christliche Kirche dazumal verloren hatte, und betrachten wir Augustinus als christlichen Mystiker. Klares, auf Vernunft scharf aufgebautes Denken, Gemütstiefe und zu gleicher Zeit edelstes Wollen und edelsten Charakter. Dies waren die Eigenschaften, welche in seltener Harmonie bei diesem Manne vorhanden waren. Wir schen deshalb auch, dass sein Leben ein fortwährender Selbsteinweihungsprozess ist, welcher von den meisten Mysten gesucht wird. Wir schen, wie er religiös erzogen wird von seiner Mutter Monika, wie er aber nicht befriedigt ist von den gewöhnlichen kirchlichen Lehren; wir schen, wie er in Zweifel verfällt, wie er sich, nachdem er in den Lehren, die ihm von seiner Mutter überbracht werden konnten, keine Befriedigung fand, sich den Manichäern, einer Sekte, angeschlossen hat.

[ 16 ] Diese Sekte zeigt uns, dass die persische Weltanschauung in die christliche Lehre eingedrungen war, in welcher zwei entgegengesetzte Kräfte eine Rolle spielen: Gut und Böse. Christus, als Logos, betrachten sie als Helfer, welcher den in die Bande des Bösen verstrickten Menschen zum Guten zurückführt. Die Manichäer sind [dazu bestimmt], das Böse zu erklären. Das Böse ist für sie eine ursprüngliche Macht und soll nur überwunden werden.

[ 17 ] Das Böse entsteht nach theosophischer Auffassung bloß durch ein Opfer, das die Gottheit selber darbringt dadurch, dass die Gottheit in äußerer Weise ins Dasein tritt, dass sie sich verkörperlicht. Dadurch entsteht der Schein des Bösen, des Unwahren, des Irrtums. Es entsteht der Irrtum dadurch, dass uns nicht der völlige Zusammenhang innerhalb der Welt zur Klarheit gebracht werden kann. Er wird verdeckt durch die verschiedenen materiellen Zwischengründe zwischen Individualität und Allheit.

[ 18 ] Diese Lehre der Manichäer hat Augustinus eine Zeit lang befriedigt, weil er das Schlechte, das Herabziehende, die bösen Leidenschaften, Begierden und Triebe in seiner Jugend empfunden hat. Das konnte er sich nicht anders erklären, als dass diese Kräfte in der Welt vorhanden sind. Gegen diese Anschauungsweise sträubt sich dann aber etwas in dem heiligen Augustinus. So kam es, dass innerhalb dieser Lehre der Widerspruch auftritt, ihm entgegentritt. Er konnte sich nicht erklären, wie zwei Ursprungselemente vorhanden sein konnten: ein gutes All-Eines und ein böses All-Eines. Er konnte dem Irrtum nicht dasselbe Recht [wie der Wahrheit] zugestehen bei seinem fortschreitenden Denken.

[ 19 ] Nun kam etwas, was über jeden Menschen kommen muss, der zu dieser Stufe vorgeschritten ist. Es tritt die Periode auf, wo tatsächlich das Böse und das Gute, das Hässliche und das Schöne ihm wie zwei gleichberechtigte Kräfte entgegentreten. An den Buddha tritt Mara, an den Christus der Satan heran. Nur das Leben, die Vertiefung kann den Sieg herbeiführen. Keine Erkenntnis, die uns vorher gegeben wird, ist dazu imstande. Wir selbst müssen den Sieg herbeiführen durch die eigene Arbeit an uns. Zwei Wege gibt es. Wir können durch eine mystische Führung vielleicht vordringen zu dieser Besiegung des Bösen, oder wenn dies nicht zu Gebote steht, wie für Augustinus, der keine äußerliche mystische Führung haben konnte, dann ist nur die Möglichkeit gegeben, aus dem eigenen Innern heraus jenen Sieg zu erkämpfen, jene Stufe zu erklimmen.

[ 20 ] Augustin fand diese Führung im Christentum, das er so tief auffasste, als es nur möglich war, [...]. Diesen Weg fand er nicht sofort. Er fand zunächst keine Menschen, die ihm helfen konnten. Die eigene Stärke war nicht so weit entwickelt. Er fand keinen Menschen, welcher ihn aus der christlichen Tradition selbst schon hätte lehren können, was er später «den Geist gegenüber dem Buchstaben» nennt. Daher war es notwendig, dass er nun die furchtbarsten Zweifel durchmachte, in die er nun fiel. Er wurde selbst Zweifler, Skeptiker und hat die bittersten Zweifel der Erkenntnis durchgemacht, bevor er in dem Sinne Christ wurde, [den] man «soterisch> nennt.

[ 21 ] Der Bischof von Mailand war es, Ambrosius, der ihn in den Geist einführte gegenüber dem Buchstaben. Was er da an Zweifeln durchgemacht hat, das sehen wir in seinen «Bekenntnissen» noch Seite für Seite. Dieses Werk sollte sich jeder vornehmen, der Protestant sowohl wie auch der Katholik. Sie werden das Buch mit höchster Befriedigung durchlesen. Und auch jeder andere wird das tun, der sich nicht zu diesen Bekenntnissen zuzählt.

[ 22 ] Luther selbst war Augustiner-Mönch, war Katholik und betrachtete [Augustinus] als den ersten Heiligen. Wer in den theosophischen Vorstellungen aufgewachsen ist, der wird bei Augustinus eine Mystik finden, die tatsächlich so weit ging, als man nur kommen kann ohne die fehlenden Lehren, die ich angeführt habe. Der Zweifel tritt überall hervor zwischen den Zeilen in den «Bekenntnissen». Er zeigt uns, wie er gekämpft hat sein ganzes Leben hindurch. Und er wurde ein Sieger über das Zweifeln.

[ 23 ] Welcher Art waren nun diese Zweifel? Wir haben auch in unserer Zeit Zweifler, denen wir gegenübertreten müssen. Man muss aber den Augustinus-Zweifel studieren, und dann muss man sehen und sagen: Es gibt die Berechtigung zu zweifeln, wenn man diese Stufe des Augustinus erreicht hat. Die Zweifel, welche von Leuten herstammen, welche sie nicht besiegen wollen, oder von Leuten stammen, die sie aus der Philosophie entnommen haben, erscheinen uns gegenüber dem Augustinus-Zweifel wie eine Erkenntnis-Frivolität. Aber der Zweifel des Augustinus, der auf der Frage beruht, wie Gutes und Böses in Harmonie stehen können, wird trotz allem überwunden. Augustinus ringt sich unter der Führung des Ambrosius, Bischof von Mailand, durch. Diese Entwicklung schildert er uns in seinem Geistesweg. Wir sehen, dass Augustinus alles erreicht hat, was in der Geistesströmung, in die er versetzt war, erreicht werden konnte. Wir sehen sogar bei ihm einen Anklang an indische Lehren auftreten. In siebengliedriger Weise tritt uns sein Erkenntnispfad entgegen. Innerhalb der sieben Glieder aber fehlt alles, was fehlen muss, nachdem das Urelement fehlt.

[ 24 ] Der Mensch entwickelt sich aus dem materiellen Dasein heraus. Da ist er auf derselben Stufe, auf der Pflanze und Tier auch sind. Das ist die erste Stufe. Sie werden diese Stufen etwas verschieden finden von dem, was in der Theosophie darüber bekannt ist. Der Mensch entwickelt sich dann von dieser materiellen Stufe zur organischen Stufe, er entwickelt seine Organe, seine organische Tätigkeit, seine Sinnentätigkeit, seine Gedächtnistätigkeit. Er lebt nun auch in der Außenwelt. Da ist er auf der zweiten Stufe. Er arbeitet da erkennend im Empfindungselement. Dann kommt er auf die dritte Stufe. Er führt den Geist in die Außenwelt ein. Der Geist nimmt Besitz von der Außenwelt, von den einfachen technischen Tätigkeiten bis herauf zu dem, was uns als unsere Ausgestaltung des Geistes in der Welt erscheint, bis zu dem, wodurch der Geist seine Kraft für ein praktisches Wirken erhält. Und dann, wenn der Mensch sich wieder zurückzieht, wenn er ein willenskräftiges Wesen geworden ist, wenn er den Geist des Guten und Wahren empfindet, dann ist er auf der vierten Stufe. Er kommt zur fünften Stufe, wenn er ahnt, dass das Göttliche im Wahren wohnt und einen «Prospekt auf die göttlichen Gedanken erhält. Er steht auf der sechsten Stufe, wenn er das Göttliche nicht nur in sich fühlt, sondern es in seinem ewigen Dasein spürend durchdringt. Er steht auf der siebenten Stufe, wenn er wie die Gottheit willenskräftig wirksam auftritt.

[ 25 ] Die Buddha-Lehre zeigt uns, wie der Mensch gewisse Stufen durchzumachen hat. Wenn er dann eine gewisse Stufe erreicht hat, sieht er das kosmische Ein- und Ausatmen; er sieht, wie der Mensch gleichsam aus einem Hause heraus und dann später in ein anderes Haus eintritt. So sieht der geistig Entwickelte, wie der Mensch aus der geistigen Welt in den Vorgang der Wiederverkörperung eintritt und dann wieder in die geistige Welt zurückgeht. Das ist das, dem man bei der Buddha-Lehre unterscheidend entgegentreten musste. Bei der Lehre des Augustinus, die uns ähnlich wie die buddhistische Lehre sonst erscheint, fehlt uns dieses ergreifende Element, das in dem Christentum vergessen worden war. Bei dem siebengliedrigen Pfad des Augustinus fehlt uns die ergreifende Schilderung, die uns fünfhundert Jahre vor Christi Geburt über «Die sichtbaren Früchte des Asketenlebens» gegeben wird. Es ist das eine Schrift, die niemand lesen wird, ohne die größten Eindrücke von der Bedeutung dessen zu erhalten, was in der Buddha-Gemeinde vorhanden war.

[ 26 ] [Sind es nicht Worte tiefster Erkenntnis über Augustinus, welche uns in den Weisheiten der Biografie des Augustinus entgegentreten?] Was uns früher als Zankapfel entgegengetreten ist, erscheint uns [bei Augustinus] in verklärter Weise. So die Dreieinigkeit, die zu unzähligen Sektenbildungen geführt hat. Wenn uns diese bei Augustinus entgegentritt, so verweist er uns auf unsere Selbsterkenntnis. Er sagt: Ich vertiefe mich in meine eigene Persönlichkeit, und diese tritt mir als ein Dreifaches entgegen. Ich fühle mich zuerst als mein «Sein, dann als der «Erkennend® und dann als der «Wollende. Diese drei bin ich in einer Person. Und so, wie ich diese drei in einer Person bin, so ist es auch in dem, wovon die Persönlichkeit nur ein Abbild ist. — Das Göttliche lebt im Menschen. Der Mensch kann daher nur durch das Eindringen in sein Inneres das Göttliche finden, in der inneren Wahrheit, die wir durch unsere Selbsterkenntnis finden können.

[ 27 ] Die Tatsache des Denkens ist die tiefste Tatsache, die es für ihn gibt. Da findet er die ergreifendsten Worte, die das für ihn bezeichnen, die für ihn auch die Gewissheit des göttlichen [Ur-Einen] gegeben haben. «Ich sche in die Welt hinaus und sche die verschiedensten Naturdinge. Ich konnte finden, dass sie göttlich sind, ich konnte aber nicht finden, dass sie Gott sind. Ich sehe die Menschen und sehe schließlich in mich hinein. Ich sche, dass ich göttlich sein muss, aber ich sehe auch, dass ich nicht «Gott bin. Ich musste da erst zur völligen Gewissheit in mir kommen, ich musste selbst besser werden. Dann entdeckte ich das «Gute in mir.» - Selbstvertiefung muss vorausgehen: Das ist dann wahre Mystik. Wenn du das, was in dir ist, nicht erst entdeckt hast, wird dir alle vorhergehende Selbsterkenntnis nichts fruchten. Erst erwecke in dir dieses Ur-Eine, dann wirst du das Tiefste auch finden können. - Er wollte zweifeln, dass er lebt, zweifeln, dass er denkt; das kann er aber nicht bezweifeln. Und was ist dieses Ur-Eine? «Ich fragte die Erde, das Meer, ich fragte die Winde» - siehe die «Bekenntnisse» -, «sie antworten: Wir sind nicht Gott.» Er hat das Geistige [da] nicht erkennen können. Er sah es nur unter Symbolen. Er glaubte [zunächst], das sei es. Das war aber sein Irrtum. Er empfindet es als das höchste Gut, das Geistige auch geistig zu schauen. - Ich sche jetzt die ewigen Ziele, die ewigen Ideen, wie sie die Pythagoreer gesehen haben. Ich sehe nicht bloß gezählte begriffene Dinge, sondern ich sche so, dass ich in die Zahlen, in die Dinge hineinsehe, dass ich das rein Geistige selbst sehe.

[ 28 ] Wir werden in Scotus Eriugena noch eine Persönlichkeit kennenlernen von unendlicher, mystischer Tiefe. Aber wir müssen uns doch sagen, dass wir in Augustinus eine so tonangebende Persönlichkeit für das Christentum gefunden haben, dass es uns an der Lehre und an der Persönlichkeit des Augustinus klar wird, was das Christentum verloren hat an alten mystischen Anschauungen. Es wird uns klar, bis zu welcher Tiefe es trotz des Verlorenen hat kommen können. Alles, was ihm möglich war, hat Augustinus erfahren, denn er war eine Persönlichkeit, welche alles durchlebt hat, welche das Gesetz. der Wahrheit als Ur-Gesetz des Lebens gefunden hat. Das ist die Lehre des heiligen Augustinus, an der man nicht vorübergehen kann, wenn man von abendländischer Mystik spricht.

Fragenbeantwortung:

[ 29 ] Frage: Es ist doch eigentümlich, dass Augustinus trotz seines inneren Schauens, trotz seiner mystischen Vertiefung nicht die Lehre der Wiederverkörperung gefunden hat.

[ 30 ] Antwort: Die, welche der Augustinus-Lehre folgen, erreichen eine Harmonie zwischen Erkennen, Fühlen und sittlicher Liebe. Dies gibt ihnen die Perspektive des Göttlichen, das sie als das innerste Menschliche erkennen. Dies ist eine Stufe des Schauens, in der aber das Göttliche nicht Gestalt annimmt. Es ist dies aber dann möglich, wenn das Schauen dahin gelangt ist, wo das Geistige sich uns auf den verschiedensten Stufen darstellt. Seine sieben Stufen erscheinen uns deshalb auch als das Wichtigste nicht enthaltend.

[ 31 ] Durch das Schauen kann er in die Mystik vordringen, und die Mystik bedeutet ihm das Leben im Göttlichen.

[ 32 ] Buddhas Persönlichkeit ist höher als die Persönlichkeit des Augustinus.

[ 33 ] Das tatsächlich Mystische ist niemals verloren gegangen. Das Esoterische hat das Exoterische durchdrungen sowohl bei Buddha als auch in den ersten christlichen Jahrhunderten.