Antike Mysterien und Christentum
GA 87
26 April 1902, Berlin
24. Über Scotus Eriugena
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende!
[ 2 ] Es kann natürlich nur eine Art künstlich herbeigeführter, vorläufiger Abschluss sein, dadurch herbeigeführt, dass ich noch die theosophisch-mystische Anschauungsweise von Scotus Eriugena zu behandeln habe.
[ 3 ] Ich habe mir vorgenommen, diese Persönlichkeit noch vorzunehmen, weil diese Persönlichkeit einen Abschluss des vor ihr liegenden christlichen Forschens auf der einen Seite bildet und auf der anderen Seite wiederum den Ausgangspunkt dessen, was man das eigentlich christliche Mittelalter nennt.
[ 4 ] Scotus Eriugena zeigt uns klar und deutlich, dass das, was man christliche Anschauung nennt, bis ins neunte Jahrhundert hinein keineswegs so feststand, wie es später angesehen worden ist. Es stand nicht so fest, was man unter echtem, wahrem Christentum zu verstehen hatte, dass es einem solchen Geist nicht möglich gewesen wäre, über die christlichen Lehren der Kirche abweichende Anschauungen zu haben von der Mehrzahl der anderen.
[ 5 ] Allerdings handelt es sich schon um den großen Kampf, den die zentralisierte katholische Kirche gegen solche Anschauungen führt. Die christliche Lehre ist [noch] nach allen Seiten hin flüssig. Es finden noch Debatten statt, wie die verschiedenen Dogmen aufzufassen sind. Bei Scotus Eriugena sieht man deutlich, dass man damals noch eine freie Auslegung der Bibel haben konnte. Er ist ein vollständig theosophischer Interpret der Bibel. Er führt die Sätze des Alten und Neuen Testamentes als Symbol an für geistige Vorgänge neben der geschichtlichen Seite. Er wählt diejenigen Symbole und Deutungen aus, welche besser seinen eigenen Anschauungen entsprechen. Diese freie Sitte schwand [im Laufe der Zeit] in der katholischen Kirche, schwand immer mehr. Der verwaltungsmäßig festgelegte Glaube macht sich immer mehr und mehr geltend. Als eine Tradition war es indessen bewahrt worden, dass nur derjenige berufen war, die Bibel und die Lehren der Kirche zu interpretieren, der eine gewisse hohe Stufe des Lebens erreicht hatte. Ich glaube nicht, dass es leicht sein würde nachzuweisen, dass sich geradezu laienhafte Interpretationen der Schrift hätten geltend machen können; ich glaube nicht, dass jemand gewagt hätte, das Dogma zu kritisieren, der es nicht schon durch sein Weisheitsstreben versucht hatte. Der Glaube an die Autorität galt als etwas Selbstverständliches. Das, was zum Beispiel der heilige Augustinus geschrieben und gesagt hatte, wurde nicht als die Meinung eines einzelnen Menschen angesehen, sondern als eine Lehre, die uns gegeben war durch die Innewohnung der Weisheitskraft in einem solchen Menschen. Diese Anschauungen müssen der Intention nach begriffen werden.
[ 6 ] Diejenigen, welche später verdammt worden sind, welche verketzert worden sind, die sind herausgewachsen aus dem Stoff, den die Kirche bewahrte und der zuerst denjenigen durchdringen musste, der überhaupt sich auf so etwas einließ, der glaubte, berufen zu sein, an eine Interpretation der Kirche und der kirchlichen Lehren heranzutreten.
[ 7 ] Es wäre falsch, wenn man die Philosophie des Scotus Eriugena vergleichen wollte mit einer anderen. Sie ist nur im Christentum und innerhalb desselben zu begreifen. Sie muss auch so betrachtet werden und nicht etwa so, wie es bei Giordano Bruno der Fall sein kann. Ich habe bereits eine Person angeführt, welche im ersten Jahrhundert gelebt hat und Schriften hinterlassen hat. [Ich meine die Werke des «falschen» Dionysios, deren Urheber mit dem Apostel Paulus in Athen gelebt haben soll.] Wir wissen, dass diese Schriften eine mystische Vertiefung darstellen. Am Ende des fünften Jahrhunderts tritt dann das Bewusstsein auf, dass man es mit uralten Lehren zu tun hat. Als solche wird man sie auch auffassen müssen. Die Lehren sind zurückzuführen auf die Zeit, wo das Johannes-Evangelium und die Apokalypse entstanden sind. Wahrscheinlich hat der, welcher die [Athener] Schule gegründet hat, sie [gegeben].
[ 8 ] Zuletzt kommen wir an den Punkt, wo die Weisheit aufhört, Weisheit zu sein, wo sie ins Leben übergehen muss. Das ist eine Anschauung, welche der Gnosis zugrunde liegt. Sie ist bestrebt, die Weisheit zu unmittelbarem Leben zu machen. In dem Herunterführen des Geistes in das Materielle ruht die praktische Bedeutung der Gnosis. Diese Anschauung hat wiederum zum Äquivalent die Anschauung, dass durch das bloße Weisheitsstreben die Weisheit nicht erreicht werden kann, sondern nur die Aussicht darauf.
[ 9 ] Man unterscheidet da zwei Auffassungen: die «positive Theologie und die «negative Theologie. Die Urquelle der Ersteren ist die Sinneswahrnehmung. Man sieht, hört, fühlt dieses Wesen, dieses Ding; diese Sache hat diese und jene Eigenschaften. Die negative Theologie aber sagt: Hinter dem, was wir schen, hören und so weiter, liegt der Urquell des Daseins. Nichts kann uns dazu führen, ihn völlig zu durchdringen; nur das [innere] Leben ist es, das uns auf den Weg führt, jenes Ur-Dasein zu durchdringen.
[ 10 ] Das ist der Pfad zu den Höhen der mystischen Erkenntnis im Gegensatz zur äußeren wissenschaftlichen Erkenntnis. Die positive Theologie, die also wirklich etwas aussagt für den Menschen, ist nur eine Abschlagszahlung. Negative Theologie wird diese Erkenntnis nur, weil der Mensch gezwungen ist, sich zu sagen, es ist etwas Verborgenes in den Urgründen des Daseins. Also da, wo vor allen Dingen die Erkenntnis von der Unzulänglichkeit hervorgeht, wo die Berechtigung zum Zweifel erwacht, wo das Gefühl erwacht, dass Erkenntnis nur eine Stütze ist, im Bestreben zur Göttlichkeit vorzudringen — dadurch entsteht die negative Theologie.
[ 11 ] Ihr erreicht nicht durch Begriffe, nicht durch den Verstand die Gösttlichkeit. Stellt ihr euch die Göttlichkeit als Persönlichkeit vor, so seht ihr die Göttlichkeit in der Überpersönlichkeit, als Wesen im Überwesentlichen, als Vollkommenheit im Übervollkommenen! Es ist höchst merkwürdig, dass das Abendland überrascht werden konnte durch das Wort «Übermensch», das uns heute so oft entgegentritt. Bei dem Dionysios schen wir ein Wort auftreten, das viel höher uns hinaufführt, indem er nicht bloß vom Übermenschen, sondern vom «Übergotv spricht. Das ist im Gegensatz zu dem Gott, der menschenähnlich ist, im Gegensatz zu dem, was man dann die «positive Theologie genannt hat, die lebenskräftige Theologie, die hinter der negativen war. Nikolaus Cusanus sagte - nachdem er alle Kenntnis sich angeeignet hatte, die ihm die Wissenschaft geben konnte, nachdem ihm bei einer Reise über das große Meer die Erkenntnis aufgegangen war, wie das geistige Auge sich mit einem Blick klarwerden muss -, dass dies nicht Ausdrücke sind für etwas, was besteht, sondern nur für Symbole, welche in uns eine Perspektive erwecken können.
[ 12 ] Diese Schriften des Dionysios Areopagita sind durch die griechischen Besitzer Ludwig dem Frommen geschenkt worden und befinden sich seit dieser Zeit in Paris. Als Scotus Eriugena von Karl dem Kahlen wohlgefällig aufgenommen worden war, bekam er den Auftrag — er war einer der Wenigen, die Griechisch konnten -, diese Schriften zu übersetzen. So vertiefte er sich in den Geist der ersten christlichen Jahrhunderte, und so sehen wir eine christlich gefärbte Theosophie in seinen Werken hervortreten. Die Schriften des Augustinus haben ihn dabei unterstützt. Sie wurden für Mönche und Priester, überhaupt für die Kirche eine große Hilfe.
[ 13 ] Bei [Augustinus] fehlt vollständig, was bei den Gnostikern der ersten Jahrhunderte wahrscheinlich noch vorhanden war, und was die christliche Kirche nicht bewahrt hat: das Bewusstsein von einer durchgreifenden Individualität und jede Bemerkung von einer Seelenwanderung. Zwischen der Persönlichkeit und der Gottheit ist nichts eingeschoben. Augustinus musste jede menschliche Eigentümlichkeit sozusagen auf den Willen der Gottheit zurückführen. Er konnte nichts [anderes] sagen, da er nichts von einer durchgreifenden Individualität wusste. Das, was in mir als eigene Persönlichkeit auftritt, ist das Ergebnis dessen, was nach rückwärts und nach vorwärts ausgreift. Das muss [Augustinus] aber auf den Willen der Gottheit zurückführen. So schen wir eine Grenze zwischen der Gottheit und dem Willen des Einzelnen. Und so entsteht der [sogenannte Prädestinations-]Streit. Wir haben da auf der einen Seite diejenigen, welche selig werden, und auf der anderen Seite diejenigen, welchen das Eindringen in die Göttlichkeit nicht ermöglicht wird: trotz der ungeheuren Liebe auch die Durchführung des Furchtbaren. Also Dualismus.
[ 14 ] Mit einer solchen Lehre war es innerhalb der Kirche ungeheuer schwierig zu wirken. Man darf sich nur vorstellen, dass diese Lehre nur einem großzügigen Denken gegenüber vertreten werden kann; sie vor den Gemeinden zu vertreten ging nicht. Trotzdem es für die Kirche feststeht, dass die Weisheit des Augustinus tonangebend war. Diese [einschneidende] Lehre von der Prädestination konnte nicht beibehalten werden, sodass man suchte, diese harte, grausame Lehre zu verbergen, abzuschwächen. Man sagte: Es ist ganz zweifellos, dass ganz von Anfang an die Sünder zu ewiger Verdammnis, die Gerechten zur Glückseligkeit vorherbestimmt waren; man schob dann aber die Möglichkeit ein, dass ein Herüberziehen [zur anderen Seite] stattfinden kann. Kurz, man suchte herauszukommen aus dem Dilemma. Den einzigen Ausweg, der in der Seelenwanderung gegeben ist, suchte man jetzt durch die Halbheit der augustinischen Lehre zu überbrücken. Gegen diese Halbheit der augustinischen Lehre trat nun in Frankreich am Hofe Karls des Kahlen, [Gottschalk], ein französischer Mönch auf. Wenn er auch den Augustinus nicht genannt hat, so vertrat er ihn doch ganz und gar und er lehrte wieder die ganze augustinische Lehre [von der absoluten Prädestination].
[ 15 ] Scotus Eriugena wurde dann die Frage [nach der Richtigkeit dieser Lehre] vorgelegt, zuerst von der Kirche und dann von seinem Herrn, Karl dem Kahlen. Gottschalk war öffentlich ausgepeitscht worden. Ausgepeitscht wurde er in [Mainz auf der Synode 848 n. Chr. und in Quierzy auf der Synode von 849 n. Chr.]. Eine Schrift war gegen ihn verfasst worden über die Vorherbestimmung. Es wurde darin gesagt, man hätte Gottschalk verbrennen müssen, man hätte ihm mit Feuer und Schwert zu Leibe gehen müssen - die Ketzergerichte fingen viel später an. Es war also nur möglich die Verdammung oder die öffentliche Auspeitschung.
[ 16 ] Scotus Eriugena hat sich in Gegensatz gestellt zu Gottschalk. Trotzdem hat er betont, dass die Lehre, welche in der Kirche herrsche, auch nicht die richtige sei. Er selbst hat sich dann auch dahin ausgesprochen, dass tatsächlich in groß angelegten Naturen immer und immer wieder das theosophisch-mystische Element zum Durchbruch komme. Er hat gesagt, nur bei einer Anschauung, welche die Göttlichkeit jenseits der Welt legt und wo das Göttliche [nicht] die ganze Welt durchzieht, also nur bei einer solchen Lehre könne Augustinus missverstanden werden. Aus einer solchen Vertiefung sehen wir die bedeutungsvolle Schrift des Scotus Eriugena «Über die Einteilung der Natur» hervorgehen. Der Strom des Göttlichen durchzieht die Welt. Das Göttliche muss aber in der Welt gesucht werden in verschiedenen Stufen. Er vertritt da eine Art von Pantheismus, von dem Böhme sagen würde, er vermischt nicht die Welt mit dem Göttlichen, sondern er wertet es dadurch, dass er sagt: Die Weltdinge sind zwar das Göttliche, aber nicht so, dass man es in den einzelnen Dingen finden kann. Diese führen nur dahin, sie sind die Führer [zum Göttlichen]. So sehen wir auch bei Scotus Eriugena gegen die Lehre des Augustinus das Bedenken, dass er sagt: Wäre tatsächlich der eine Teil der Welt als schlecht, als Abfall gegen das Ur-Gute und Ur-Schöne zu betrachten, wäre sie ein Dualismus zwischen Gut und Böse, dann wäre es unmöglich, dass das Göttliche die Welt durchdringt, denn im Schlechten müsste das Göttliche dann ebenfalls vorhanden sein. Dann wäre aber das Schlechte eine Manifestation des Göttlichen - oder man müsste von einer Ohnmacht des Göttlichen sprechen.
[ 17 ] Wer einen Einblick in die Tiefen des Weltganzen gewonnen hat, der kann unmöglich in solcher Weise zwei Weltmächte anerkennen oder die Welt sich so konstruiert denken. Er muss sich die Welt in einer einheitlichen Weise konstruiert denken, sodass das, was wir als Irrtum ansehen, in einer [einheitlichen] Weise begründet sein muss. Er kann nicht annehmen, dass das Göttliche einen Teil zur Unschönheit bestimmt hat, er kann nur annehmen, dass das Göttliche Ziel und Zweck der Welt bestimmt hat; er kann nur annehmen, dass das Schöne und das Hässliche nur erscheint, dass die Welt nicht die Göttlichkeit selbst ist, nicht die in unergründlicher Göttlichkeit bestehende Wesenheit ist, sondern dass das Göttliche sich ergossen hat in der Welt. Durch die Vielfalt, durch die Mannigfaltigkeit entsteht das Böse. Es hat nur ein Dasein, wenn wir es irdisch aussprechen, es erscheint uns nur dadurch als Böses, [wenn wir die Welt nicht als Maya, nicht als Illusion durchschauen]
[ 18 ] Jakob Böhme hat eine Vorstellung, welche viel Ähnlichkeit damit hat. Er vergleicht die Welt mit einem Organismus. Jedes einzelne Glied lebt. Die Hand ist ebenso notwendig zum Ganzen des Organismus wie der Fuß oder ein anderer Teil desselben. Sie ist das, was sie ist, nur im Zusammenhang des Organismus. Die Hand, wenn sie vom Organismus getrennt wird, stirbt, ist nicht mehr Hand; sie muss als Hand vom Organischen durchströmt werden. So ist das Mannigfaltige nur dadurch gut, dass es zusammenhängt mit dem Urquell. Kann dadurch verhindert werden, dass die eine Hand die andere verletzt? Dadurch, dass der Organismus aus Teilen besteht, ist es möglich, dass Teile miteinander in Konflikt kommen. So ist die Disharmonie nicht [im Organismus] begründet. Wohl aber wird sie entstehen können, wenn der Organismus uns als ein Mannigfaltiges erscheint. Wenn die Teile des Mannigfaltigen in die Einheit zurückgekehrt sind, dann kann keine Disharmonie mehr zustande kommen, dann können die Kräfte nicht mehr gegeneinander gekehrt werden. Solange die Welt ein Mannigfaltiges ist, so lange wird es auch sein, dass Teile derselben sich gegeneinander kehren. Trotzdem das Ganze gut und in Harmonie ist, trotzdem ist Disharmonie möglich. Wenn wir mit einem Blick die Zeiten und Räume durchschauen könnten, dann würde sich uns jedes Einzelne, was uns böse erscheint, als gut erweisen, jede Disharmonie sich aufheben in der Harmonie des Ganzen. Wir schen nur einen Teil dadurch, dass wir selbst ein Glied der Mannigfaltigkeit sind. So also löst sich für Scotus Eriugena dieser Zweifel auf dadurch, dass er nicht Herrschaft Gottes, sondern Einordnung Gottes in die Welt annimmt. So muss auch das Böse nur ein Scheinwesen haben, und zwar notwendig dadurch, dass Gott Materie annahm.
[ 19 ] In vier Teile, in vier Existenzformen legt Scotus Eriugena die Natur auseinander, indem er die Lehre des Augustinus behandelt:
[ 20 ] Erstens in die, welche nicht erreicht werden kann, die nicht geschaffene, schaffende Natur, die wir nur dann in Wahrheit haben, wenn wir uns sagen: Alle Begriffe reichen nicht aus, um das, was allem zugrunde liegt, zu erreichen.
[ 21 ] Das Zweite ist die Herausentwicklung aus dem [Un-]Geschaffenen: die geschaffene und schaffende Natur. Das waren ihm die urewigen geistigen Kräfte. Schaffend und geschaffen sind sie. Das, was Platon die Ideenwelt nennt; das, was uns versinnbildlicht die Einheit, das ist auseinandergetreten in die Mannigfaltigkeit. Dieser Weltengeist, diese All-Seele, diese Welten durchdringende Geistigkeit, welche mannigfaltig ist, welche auseinandergelegt ist in Intelligenz und Unintelligenz - aber auf geistige Weise -, kurz diese ganze platonische Ideenwelt, welche als Geistwelt unserer Welt zugrunde liegt, diese Urgründe des Daseins, jene Gedanken, welche in der Gottheit lebten als Musterbilder, die ewigen Urgedanken der Gottheit - wir bilden uns die Ideen, aber sie haben sich in der Gottheit vorgelebt —, sie sind das «Worb. Nach den Musterbildern dieses Wortes sind die Dinge der Natur geschaffen. Sie setzt er gleich dem ewigen Sohn der Gottheit. Die unendliche Weisheit, der weisheitsvolle Geist: Das ist ihm der Sohn, die zweite Wesenheit, welche, wie er sich ausdrückt, ist zur ersten Wesenheit wie im Verhältnis des Sohnes zum Vater. Dieses Verhältnis hat dann eine geschichtliche Persönlichkeit — Jesus - erreicht: Jesus Christus. Dieser Christus ist ein begierdefreies Dasein, ein Dasein jenseits der Begierden- und Sinnenwelt, er kann ohne Wille Weisheit sein und ist einmal in die Welt gekommen, sagt sich Scotus Eriugena.
[ 22 ] Dann kommt die dritte Stufe der Existenzformen der Natur: die geschaffene, aber nicht schaffende Natur. Der Mensch, der Materie angenommen hat, ist nicht geschaffen und nicht schaffend, sondern daseiend.
[ 23 ] Die vierte Stufe ist die weder geschaffene noch schaffende Natur. Die göttliche Natur ist ihr Ziel, zu welchem alle Wesen zurückkehren in ihrer ewigen Seligkeit, in sich ruhend. Eine Rückkehr der Gottheit zu sich selber ist ihm der Weltprozess im eminentesten Sinne des Wortes. Durchströmt werden [alle Wesen] von der Gottheit, wo sie in Seligkeit in sich ruhen. Das sollen sie als ihr Ziel ansehen.
[ 24 ] So steht uns allerdings Scotus Eriugena als theosophischer Interpret des Christentums im Abendlande da. Es erscheint uns auch theosophisch, dass er in einem siebengliedrigen Aufstieg den Menschen den Pfad vorzeichnet, den sie zur Vereinigung mit der Gottheit anstreben sollen.
[ 25 ] Vier Naturpotenzen unterscheidet er also. Unter der ersten versteht er Gott als Schöpfungsgrund, unter der zweiten die platonische Ideenwelt, unter der dritten die Körperwelt, unter der vierten Gott als Endzweck der Schöpfung. Deshalb nennt er den Prozess Rückkehr, «reversio>, «deificatio. Der ganze Prozess ist ihm Rückkehr der Einheit zur Einheit, die sich nur von einer schaffenden zu einer nichtschaffenden umwandelt.
[ 26 ] Die Wesenheiten, welche den Entwicklungsprozess durchmachen, machen ihn in siebenteiligen Stufen durch. Die Menschen, welche theosophisches Streben haben und sich mit theosophischen Studien befassen, kommen immer zu sieben Stufen.
[ 27 ] Die erste Stufe ist der Leib. Die zweite Stufe ist das, was den Leib belebt, ist die ihn durchströmende Lebenskraft. Auf der dritten Stufe wird der Sinn belebt. Daraus entsprießt die Tierseele. Innerhalb des Sinnes erwacht dann viertens der Geist. Die höheren Stufen, welche nicht mehr an die Elemente, nicht mehr an die Sinne gebunden sind, sind darin enthalten, so fünftens: die Empfänglichkeit für das über den Sinnen schwebende Geistige. Dann entwickelt sich sechstens die Seligkeit, die Geistigkeit. Der Geist ist [...] den Sinnen zugekehrt, also noch durchdrungen vom Begierdenleib, was ihn an das materielle Dasein kettet, auf der siebenten Stufe hört das auf, da tritt der Geist vor sich selbst hin in seinem reinen Dasein. [Damit ist die Möglichkeit gegeben], den Pfad zur Rückkehr zu Gott, zum Göttlichen anzutreten. Das Göttliche wäre dann die [höchste] Stufe.
[ 28 ] Sodann sehen wir auch bei Scotus Eriugena eine Auffassung, die sich nicht in seine anderen Lehren eingliedern lässt. Er kann sich logisch nicht erklären den Gegensatz zwischen den Auserwählten und denjenigen, welche die Seligkeit nicht erreichen. Diesen Gegensatz kann er nicht überbrücken. Diesen Gegensatz gibt es aber im Christentum überhaupt nicht: Es ist nur denjenigen Geistern im Abendlande möglich gewesen, die unbewusst im Christentum schlummernden Ideen und Wahrheiten zu finden, [welche Klarheit über die Idee hatten], dass das Wesen [des Menschen] in der Ewigkeit wurzelt. Wenn wir das Christentum in und nach seinen Tiefen erforschen, werden wir finden, dass diese Ideen im Christentum schlummern.
[ 29 ] Es handelt sich also darum, die Tiefen aus der Religion zu erwecken. Das Christentum muss also nur tief genug erfasst werden, um aus ihm seinen Gehalt zu erwecken. Wir müssen also dahin gelangen, in den großen Religionssystemen dasjenige, was alle eint, herauszufinden, zu schauen, wie sich in allen ein Geist ausprägt.
[ 30 ] Es muss uns daher mit großer Befriedigung erfüllen, zu sehen, wie uns in der Theosophie der in allen Religionen liegende gemeinsame Geist entgegentritt. Wie wir durchdenken, durchdringen die alten Weisheiten des Buddhismus und sehen, welche unendliche Vertiefung das Geistesleben in diesen morgenländischen Lehren erfahren hat, so werden wir auch bemerken können, dass in unseren naturwissenschaftlichen Bestrebungen und auch im Christentum dieser Geist hervorgetreten ist. In den naturwissenschaftlichen Lehren ruht ja der Kern auch so wie in den Weltreligionen. Aber er ist nicht aus dem besten Kern desselben. Es ist im Grunde genommen gleich, ob wir das große Buch der Natur aufschlagen oder ein Religionsbuch zur Hand nehmen und nachschlagen. Beide führen zu den großen theosophischen Überzeugungen. Ich glaube, dass selbst der Flügel der Naturwissenschaft, welcher [nicht] auf der Seite des Christentums steht, in dieser Richtung kämpft: Selbst die Kämpfe, welche gegen die Kirche ins Feld geführt werden, sind christliche Kampfesweisen. Derjenige, welcher den tieferen Zusammenhang sieht, sieht gerade in der Art, wie die modernen Forscher das Christentum bekämpfen, diese Richtung. Was das Christentum und die Kirche geschmiedet haben, das wird gegen sie gebraucht.
[ 31 ] Zwischen zwei solchen Mächten kann ein direkter Ausgleich nicht gefunden werden. Dasjenige aber, was uns dazu bringen kann zu glauben, dass eine Versöhnung doch möglich sein muss, das zeigen uns Geister wie Scotus Eriugena. Sie kennen noch nicht die scharfe Scheidung zwischen den beiden Flügeln: Naturwissenschaft auf der einen und Religion auf der anderen Seite. Scotus Eriugena konnte noch ein guter Christ sein, und die ganze Welt konnte er noch in christlicher Weltanschauung als Natur bezeichnen. Dem Verstande der heutigen Menschen ist dies, wie es scheint, nicht mehr möglich. Das einzige Heil scheint mir darin zu bestehen, dass wir den Weg weiter verfolgen, der seit Jahrzehnten im Abendlande gegangen wurde. Wir müssen aus den Lichtquellen des Orients, aus den beiden Strömen, die damals noch zusammenflossen, neuen Mut schöpfen und Versöhnung schaffen.
[ 32 ] Wenn wir uns in die morgenländische Weisheit vertiefen, dann wird die Versöhnung noch möglich sein. Dafür ist es mir ein Beweis, dass in ungetrennter Einheit in mehr oder weniger unbewusster Weise jenes aus dem Orient gekommene Licht in Scotus Eriugena noch gelebt hat. Was die Menschen so lange getragen hat, das wird sie auch weiterhin tragen so, dass sie durch dieses Licht den Pfad finden müssen. Und was den Geist in Harmonie gebracht hat, das wird es auch weiterhin vermögen. Aber dazu bedürfen wir der Vertiefung in die theosophischen Lehren. Wenn wir den Weg finden, der die beiden wieder vereint, dann wird es die Versöhnung der Naturwissenschaft mit den abendländischen Religionen bedeuten, dann wird es klar werden, dass sie Gleiches auf verschiedenen Wegen suchen.
