Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
2 June 1904
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Nach den einleitenden Bemerkungen vom letzten Donnerstag möchte ich nun damit beginnen, Ihnen eine Skizze der Weltentwicklung zu geben, so wie wir sie nach unseren theosophischen Erkenntnissen geben können. Ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß ich, weil wir nur ein paar Stunden zur Verfügung haben, nur eine kurze Skizze geben kann, in der manches nur angedeutet werden kann. Es wird sich vielleicht eine Gelegenheit ergeben, dies später weiter auszuführen.
[ 2 ] Bevor wir im theosophischen Sinne die Entwicklungsgeschichte des Weltalls und vor allen Dingen die Bildung unseres irdischen Planeten verfolgen, müssen wir uns einige Begriffe aneignen, welche der abendländische Mensch dadurch, daß er so lange Zeit hindurch sich ausschließlich mit physischen Erscheinungen befaßt hat, gar nicht mehr hat. In jedem Buche, das von Kosmologie handelt, wird ja immer wieder darauf hingewiesen, daß wir nur einen Blick in den Weltenraum zu senden brauchen, um zu sehen, wie Tausende und Abertausende von Welten vor unseren Blicken sich ausbreiten, die so wie unser eigenes Sonnensystem sind, und daß unsere Erde, der Planet, auf dem unser Leben seit Millionen von Jahren sich abspielte, sich wie ein kleines Staubkörnchen innerhalb dieser vielen Welten ausnehme; und wie ein winziges Lebewesen auf diesem Staubkörnchen im Weltenall nehme sich der Mensch dabei aus. Das alles hätte die Naturwissenschaft seit dem Heraufkommen der kopernikanischen Theorie erkannt. Es wird uns gesagt von der Wissenschaft, wie falsch es gewesen sei, daß der Mensch in alten Zeiten die Erde als Mittelpunkt der Welt angesehen und geglaubt habe, das, was kosmisch geschehen sei, sei nur eine Vorbereitung für das eigene menschliche Dasein. Es wurde uns eingeschärft von der Wissenschaft, wie klein der Mensch ist gegenüber dem Weltenall. Es sei eine Überheblichkeit des Menschen zu glauben, daß die Welt um seinetwillen so gestaltet sei, wie sie gestaltet ist. Schon Schiller hat ja gegen diese Anschauung und Empfindungsweise die schönen Worte «An die Astronomen» gerichtet:
Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!
Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt?
Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume;
Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.
[ 3 ] Und Goethe, von dem Sie ja aus anderen Vorträgen wissen, daß er okkultes Wissen hatte, drückt seine Gedanken über diesen Punkt etwa so aus: Wozu wäre doch endlich die ganze Welt mit ihren Sonnensystemen und Sternen, wenn sie nicht auf den Menschen hinzielt, daß er sich an alldem erbauen und erfreuen könnte? — Sie sehen, Menschen mit einer wahren geistigen Weltanschauung wie diese beiden, konnten sich nicht begnügen mit der Idee von der Winzigkeit des Menschen und der Staubkörnchenhaftigkeit der Welt.
[ 4 ] Lassen Sie uns jetzt im Sinne der Theosophie die Kosmologie und den Menschen in seinem Verhältnis zur ganzen Entwicklungsgeschichte betrachten. Einige Vorstellungen muß ich da vorausschicken. Sehen wir uns einmal an, welche Stellung der gegenwärtige Mensch vom kosmologischen Standpunkt aus in der Welt einnimmt. Alles das, was der Mensch mit den Sinnen erfassen kann — seien es die groben Sinne des Alltags oder die feineren, die die Naturwissenschaft mit ihren Mikroskopen und Zergliederungsmethoden uns bieten kann -, alles das, was uns da am Menschen entgegentritt, ist schließlich nur der äußere, physische Mensch. Diejenigen, die schon häufiger theosophische Vorträge gehört haben, wissen, daß dieser äußere Mensch nur die Hülle, die äußere Offenbarung des eigentlichen, inneren Menschen ist. Was ist nun der physische Mensch? Wenn Sie anatomisch den physischen Menschen studieren, dann werden Sie finden, daß er aus verschiedenen Systemen besteht: aus dem Knochen- und dem Muskelsystem, aus dem Nervensystem, das sich zu einem Gehirn geformt hat, und so weiter. Sie wissen auch, daß das Gehirn das Organ des Denkens ist. Als Theosophen wissen Sie auch, daß nicht das Gehirn es ist, das denkt, sondern daß das Gehirn nur Werkzeug ist, also daß das eigentliche Wesen des Menschen sich des Gehirns nur als eines Denkwerkzeuges bedient. Dieses Wesen, das im Menschen denkt, kann man nicht mit physischen Sinneswerkzeugen wahrnehmen; das kann sogar derjenige noch nicht sehen, dessen astrale Sinne erschlossen sind. Es gehört schon ein sehr ausgebildeter Hellsehersinn dazu, um wirklich wahrnehmen zu können, was da eigentlich im Menschen denkt. Im theosophischen Sinne bezeichnen wir das, was im Menschen denkt, als das wahre Selbst des Menschen. Dieser innere Wesenskern, dieses wahre Selbst des Menschen, ist geistiger Natur. Es ist nicht etwas, das sich im Raume ausdehnt und nicht etwas, das in der Zeit dahinfließt. Es ist zeitlos und raumlos, es besteht über Zeit und Raum hinaus, es ist ewig. Sie haben von diesem Selbst eine Beschreibung in meinen Vorträgen über das Devachan erhalten, und Sie werden eine genaue Beschreibung finden können in meinem in den nächsten Tagen herauskommenden Buche über «Theosophie».
[ 5 ] Um in dieser gegenwärtigen Entwicklungsepoche der Menschheit leben und denken zu können, braucht das geistige Selbst ein physisches Gehirn. Wir könnten mit diesem geistigen Selbst in der astralen Welt und in der devachanischen oder mentalen Welt wahrnehmen ohne physisches Gehirn, aber in dieser äußeren, physischen Welt können wir nur mit dem physischen Gehirn wahrnehmen. Wenn wir den gegenwärtigen Menschen richtig verstehen wollen, so müssen wir sagen: Der gegenwärtige Mensch ist ein Geistesselbst, verkörpert in einem physischen Gehirn. Dieses physische Gehirn mußte aber erst entstehen, es mußte sich erst entwikkeln, es ist nicht ewig wie das geistige Selbst. Das Geistesselbst können wir zurückverfolgen bis in unendlich ferne Zeiten der Vergangenheit und auch verfolgen bis in unendlich ferne Zeiten der Zukunft. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hat sich dieses Geistesselbst umkleidet mit dem Gehirn, es hat sich das Gehirn anerschaffen, es hat, seiner eigenen Wesenheit entsprechend, dieses Gehirn gebildet. Man kann ein solches Organ in der physischen Natur nicht so ohne weiteres bilden. Das wäre ganz unmöglich, daß durch irgendeinen Prozeß der Welt jetzt jemand ein lebensfähiges Gehirn in den Raum hinein erschaffen würde. Es würde ein künstliches Ding sein, aber kein lebensfähiges Gehirn, dessen sich ein Geist als Werkzeug bedienen könnte. Dazu, daß ein solches Gehirn entstehen konnte, mußten sich zuvor andere Organe entwickeln. Ein Gehirn kann nur in einem solchen physischen Leib, wie der Menschenleib es ist, sich entwickeln. Deshalb war es notwendig, daß der Entwicklung unseres Gehirnwerkzeuges die Entwicklung des übrigen Menschenleibes vorausging. Wenn wir zurückblicken auf die Entwicklungsstadien, die unseren jetzigen vorangegangen sind, so sehen wir, wie langsam und allmählich sich das erst herausgebildet hat, was heute der Mensch als sein Werkzeug besitzt, durch das er sich mit seiner Umwelt verständigt. Das, verehrte Anwesende, daß der Mensch mit seinem geistigen Selbst solche Organe bekam, die ihn in dieser Art zum Verständnis der Welt führen konnten, das ist Ziel und Zweck unserer gegenwärtigen irdischen Entwicklung. Alles, was auf dieser Erde seit Jahrmillionen geschehen ist, ist zu dem Ziele geschehen, daß die Entwicklung den Punkt erreichen kann, in dem ein Geistesselbst sich eines Gehirns bedienen kann.
[ 6 ] Versetzen Sie sich einmal einen Augenblick mit mir zurück an den Anfangspunkt unserer irdischen Entwicklung. Derjenige, dessen mentales Schauen ausgebildet ist, wird folgende Wahrnehmung vor sich haben: Am Beginn unserer planetarischen Entwicklung hatte unser Geistesselbst eine bestimmte Stufe seines Daseins erreicht. Jeder von uns war damals, als die Erde in ihrem Keimzustand war, auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung. Sie können sich alle die geistigen Selbste, die auf unserer Erde heute verkörpert sind, waren oder sein werden, zurückversetzt denken in den Zeitpunkt, wo unsere irdische Entwicklung begonnen hat. Sie alle waren damals schon vorhanden, allerdings nicht so, wie Sie heute sind, sondern in einem ganz anderen Zustande. In der irdischen Entwicklung haben wir eine ganz bestimmte Aufgabe; der Mensch muß durch diese irdische Entwicklung etwas werden. Lassen Sie mich in erzählender Form mit wenigen Worten andeuten, was das Geistesselbst war, als es eintrat in die irdische Entwicklung. Als es vor den Toren unseres irdischen Daseins stand, da hatte unser Geistesselbst ein ganz anderes Bewußtsein, als wir es heute haben. Wir können uns das begreiflich machen, wenn wir uns in die Lage eines dumpf Träumenden versetzen, der nicht imstande ist, über die Bilder, welche vor seinem Bewußtsein vorbeihuschen, in Begriffen nachzudenken, sondern sie einfach vor sich hingestellt hat und sie wie ein Panorama vor sich abspielen sieht. Jedes einzelne Geistesselbst hatte dieses Traumbewußtsein, und das mußte durch die irdische Entwicklung hindurchgehen und muß auch durch fernere Entwicklungen hindurchgehen, um sich aus dem dumpfen Bewußtsein des bildhaften Anschauens zu entwickeln zum hellen, klaren, begrifflichen Tagesbewußtsein. Der traumartige. Bewußtseinszustand, in dem das geistige Selbst am Anfang der irdischen Entwicklung war, ist vergleichbar dem des Tieres, aber die Bewußtseinshöhe ist nicht dieselbe. Das ist die Aufgabe, die unser geistiges Selbst während des Ganges dieser planetarischen Periode zu leisten hat, daß das Bewußtsein immer heller und heller wird; und wenn wir in ferner Zukunft herausgehen werden aus dieser irdischen Entwicklung, werden wir dieses helle, klare Bewußtsein bis zum höchsten Gipfel gebracht haben.
[ 7 ] Die Wesenheiten, die damals in die irdische Entwicklung eingetreten sind, nennen wir «Pitris», das heißt «Väter». Solche Pitris waren wir damals; diese Natur haben wir uns angeeignet gehabt in dem früheren Zustande der Entwicklung. Bevor wir in die irdische Entwicklung eingetreten sind, haben wir schon Vorstufen durchgemacht, und wir haben uns heraufgearbeitet bis zum traumhaften Zustande des Pitri. Nun wissen wir also, wo wir selbst gestanden haben, als die irdische Entwicklung begann. Die Pitris mußten sich stufenweise mit all denjenigen Organen umgeben, die sie brauchten, um mittels eines physischen Gehirns innerhalb derjenigen physischen Körperlichkeit, die wir heute kennen, sich mit der Umwelt, die auch eine physische ist, verständigen zu können. Das letzte, was der Mensch erreichen mußte — das geht aus den vorhergehenden Betrachtungen hervor -, war: er mußte, damit sein Selbst im Physischen denken kann, selbst ein physisches Denkwesen werden.
[ 8 ] Und nun komme ich zu der zweiten Vorstellung, die ich vorausschicken muß. Wenn Sie das Gehirn prüfen, wenn Sie es in wissenschaftlicher Weise nach allen Seiten untersuchen, dann werden Sie finden, daß dieses menschliche Gehirn, wenn es bloß mit den Sinnen untersucht wird, aus denselben Stoffen besteht und durch dieselben Kräfte gelenkt wird wie die übrigen physischen Wesen auf der Erde. Wenn Sie einen Bergkristall, ein Stück Kalkspat, ein Stück Steinsalz, eine Pflanze, ein Tier ansehen und sie chemisch und physikalisch untersuchen, so werden Sie finden, daß die ganze physische Natur, insofern sie mit Augen gesehen, mit Händen gegriffen werden kann, in gleichartiger Weise aus denselben chemischen und physikalischen Kräften besteht, die eben im Mineralreich, im Pflanzen- und im Tierreich wirken. Deshalb sagen wir in der Theosophie: Damit der Mensch seine gegenwärtige Stufe der Entwicklung erreichen konnte, mußte er sein spirituelles Selbst umkleiden mit einem mineralischen Körper. Das geistige Selbst hat sich einen mineralischen Körper anerschaffen. Das brauchte eine lange Zeit, und dieser Prozeß ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Der Mensch wird in der Zukunft noch weiter in dieser mineralischen Hülle sich entwickeln. Es gibt noch keimhafte Organe in unserem Körper, die sich erst ausbilden müssen, neue Sinne, die heute erst andeutungsweise vorhanden sind. Sie sehen, eine lange Zeit brauchte der Mensch - sein geistiges Selbst -, um sich zu umkleiden mit dem physischen Körper, den er heute hat.
[ 9 ] Versetzen Sie sich nun in den Zeitpunkt, wo das geistige Selbst des Menschen begonnen hat mit der Arbeit, sich diesen mineralischen Körper zu bilden, der gehen und stehen kann, der alle Wachstums- und Fortpflanzungsverrichtungen hat, wie sie für den Menschen eine Notwendigkeit sind, der ein Nervensystem hat und ein Gehirn, wie der Mensch es braucht. Versetzen Sie sich zurück in die Zeit, wo das alles in einem ersten Keimzustand war, und dann versetzen Sie sich in eine Zeit, wo der Mensch den höchsten Punkt seiner Entwicklung erreicht haben wird, wo in der Mitte seines Kopfes ein Organ sich entwickelt haben wird, durch das er andere Wahrnehmungen wird machen können, als wir es heute können. In dem Zeitabschnitt zwischen diesen beiden Punkten verläuft die ganze mineralische Entwicklung des gegenwärtigen Menschen. Einen solchen Zeitabschnitt nennen wir in der theosophischen Ausdrucksweise eine «Runde». Die Runde, die ich Ihnen jetzt beschrieben habe, diesen Entwicklungsabschnitt, nennen wir die «mineralische Runde». Bevor der Mensch aber diesen Körper so ausbildete, um sich das Werkzeug des Gehirns zu schaffen, mußte er erst andere Teile seines Wesens vorbereiten. Das geistige Selbst, dieses rein spirituelle Wesen, hätte nicht einfach einen solchen mineralischen Körper dirigieren können. Denken Sie sich das geistige Selbst meinetwillen als einen Punkt, und denken Sie sich den Punkt im Innern eines Mechanismus, wie es unser Körper ist; dieser Punkt würde nimmermehr den Mechanismus bewegen können, er würde nimmermehr imstande sein, durch ein physisches Gehirn zu denken.
[ 10 ] Somit haben wir zweierlei: Wir wissen, daß unser geistiges Selbst im Anfang ein traumhaftes Bewußtsein hatte, niemals aber hätte es den mineralischen Körper dirigieren können. Es mußte sich einen Vermittler schaffen, um den Körper bewegen zu können. Wodurch bewege ich meine Hand? Ich fasse zuerst den Gedanken: Ich will die Hand bewegen. - Hätte ich bloß den Gedanken, so würde der Gedanke zwar in mir leben, aber er würde nie eine physische Hand in die Höhe bewegen können, geradesowenig, wie der bloße Gedanke zum Beispiel eine Flasche in die Höhe heben könnte. Wollen Sie die Flasche bewegen, so müßte zu dem Gedanken noch eine Kraft hinzukommen, die der Vermittler ist zwischen dem Gedanken und meinem physischen Körper. Und diese Kraft nennen wir eine astralische Kraft. Das ist eine Kraft, wie es sie in der astralen Welt gibt. Ich würde meinen Arm nicht bewegen können, wenn nicht zwischen meinem Gedanken und meinem physischen Körper, zu dem mein Arm gehört, in mir eine astrale Kraft wäre, die den Vermittler bildet zwischen meinem Gedanken und meinem physischen Körper, meinem physischen Arm. Es muß zwischen meinem geistigen Selbst und meinem physischen Körper ein Vermittler da sein, und dieser Vermittler ist von astralischer Wesenheit. Ob ich mein Bein, meine Hand bewege, ob ich mein Gehirn in Bewegung bringe, um Gedanken auszuhecken — mein physischer Körper muß durch den astralischen Organismus verbunden sein mit meinem Gedanken.
[ 11 ] Sie wissen aus früheren Vorträgen, daß der Mensch einen solchen Astralkörper hat, den der Hellseher in einer astralen Wolke sieht, die wir seine Aura nennen, in der seine Wünsche, sein Wollen und seine Begierden leben. Fasse ich einen Gedanken, so ist der Gedanke allein ohnmächtig, etwas zu tun. Tritt dazu der Wunsch, der Wille, so ist dies eine Kraft, eine Strahlung, die für den Hellseher erkennbar ist. Der Mensch mußte, bevor er einen physisch-mineralischen Körper aufbaute, wie er ihn heute hat, erst einen Astralkörper sich schaffen, einen Wunschkörper, welcher der Vermittler sein kann zwischen seinem Gedanken und seinem physisch-mineralischen Wesen. Es mußte der Entwicklungsepoche, welche ich die «mineralische Runde» genannt habe, eine andere Entwicklungsepoche vorangegangen sein, die den Astralkörper zur Entwicklung gebracht hat. Sie müssen sich also zurückversetzen in eine Epoche, die den menschlichen Astralleib vorbereitet hat. Dann erst konnte dem Astralleib der mineralisch-physische Leib eingebettet werden. Diese Epoche, die wiederum einen Anfangs- und einen Endpunkt hat und die der mineralischen Runde vorausging, nennen wir die «astralische Runde».
[ 12 ] Sie sehen, wir haben zwei «Zeiten». Die eine ist diejenige, in welcher wir jetzt leben: die mineralische Runde. Dieser ist eine andere vorangegangen, das ist die astralische Runde. Aber der menschliche Astralkörper brauchte selbst wieder eine Vorbereitung. Es ist nur in einer ganz bestimmten Art und Weise möglich, diesen innerhalb der menschlichen Natur einzubauen. Der Astralkörper war ja nicht da, bevor wir geboren wurden, und er wird nicht mehr da sein einige Zeit nach unserem Tode. Er entsteht und vergeht, er ist bestimmten Gesetzen des Entstehens und Vergehens unterworfen. Sehen Sie sich ein Kind an. Beim Kind ist der Astralkörper entsprechend klein; er wächst mit dem körperlichen Wachstum des Kindes. Der mineralisch-physischen und der ätherischen Wesenheit des Menschen liegen Wachstum und Fortpflanzung zugrunde. Es sind die Gesetze des Wachstums und der Fortpflanzung, nach denen der Mensch sich innerhalb des irdischen Lebens entwickeln muß. Daß wir entstehen und wachsen, daß wir überhaupt lebendige Wesen sind, das liegt nicht in unserem Astralkörper begründet. Im Astralkörper liegen nur Wünsche und Wollen und Begierden. Wir sind astrale Wesenheiten, wie auch die Tiere astrale Wesenheiten sind, und wir haben mit den Pflanzen und den Tieren diejenige Wesenheit gemeinsam, die imstande ist, aus dem Organismus heraus ihresgleichen hervorzubringen, diese vom Kleinen zum Großen wachsen zu machen. Wenn Sie dafür einen Ausdruck haben wollen, so können Sie sagen: Das, was ich beschrieben habe, ist das Gestaltgebende, das die Gestalt Formende. Unser physischer und unser ätherischer Körper müssen eine ganz bestimmte Gestalt bei ihrer Entstehung haben, und diese muß wachsen und sich vergrößern können. Sie können sich davon einen Begriff machen, wenn Sie ein Samenkorn nehmen ... [Lücke in der Nachschrift].
[ 13 ] Die Gestaltungskraft gehört nicht zum Astralen. Das Astrale kann sich innerhalb des Gestalteten ausleben, aber es muß erst selbst gestaltet werden. Der Astralkörper des Menschen hätte nicht entstehen können, wenn ihm nicht vorangegangen wäre eine andere Entwicklungsepoche, diejenige Epoche, wo die Gestalt des Menschen vorbereitet worden ist. Diese Epoche lassen Sie mich die gestaltende Epoche nennen, theosophisch die «Rupa-Runde». Es ist diejenige Epoche, in der die Gestalt des Menschen vorbereitet worden ist, so daß seine jetzige Form sich hat bilden können.
[ 14 ] Alles, was wir in diesen drei «Runden» verfolgen können, sind die Umkleidungen, die Hüllen für das geistige Selbst des Menschen. In der mineralischen Runde hat sich das Menschenwesen mit der mineralischen Hülle umkleidet. In der vorangehenden Epoche, der astralischen Runde, hat sich das Menschenwesen seine astrale Hülle zubereitet, und in der noch weiter vorhergegangenen Epoche, der Rupa-Runde, hat das Menschenwesen die Fähigkeit erlangt, sich die Gestalt zu geben, die es braucht, um als Mensch wahrnehmen, denken und handeln zu können.
[ 15 ] Als Theosophen können wir sagen: Als wir noch Pitris waren, als wir noch in diesem traumhaften Bewußtsein lebten, am Anfang unserer irdischen Entwicklung, damals waren wir, wenn ich so sagen darf Ergebnis, Frucht. Wir sind damals nicht aus dem Nichts heraus entstanden, sondern wir hatten uns bis zu diesem Zustande auch schon entwickelt; wir waren ein Resultat früherer Epochen, die wir noch beschreiben werden. In ähnlicher Weise wie aus dem Samenkorn, wenn es im Frühling in neues Erdreich kommt, eine Pflanze emporschießt, so mußten auch wir uns für den Schauplatz der Erde erst vorbereitet haben, um uns dort entwickeln zu können. Wir waren das Ergebnis einer anderen Welt, und nun mußten wir der Anfang werden für eine ganz neue Welt, aber in diese mußten wir uns selbst erst hineinfinden. Ebenso, wie Sie ein Samenkorn, das sie im Herbst bekommen, überwintern lassen und im Frühling in neuen Boden hineinversenken, so verhält sich gleichsam die Pitri-Natur. Sie muß erst hineingesenkt werden in eine neue Umgebung, in die Stoffe der irdischen Welt, die in der früheren planetarischen Epoche nicht vorhanden waren. Wollten Sie sich eine Vorstellung davon machen, was für Kräfte und Stoffe auf der früheren planetarischen Stufe vorhanden waren, auf der wir uns zum Pitri entwickelt haben, dann würden Sie dort ganz andere Kräfte und Stoffe finden. Daher mußte dieser Entwicklungepoche wiederum eine andere vorangegangen sein, in der zunächst sich einmal das Geistesselbst des Menschen, das sich herübergebracht hat aus einer früheren Epoche, an das neue Milieu, an die neue Umgebung gewöhnen mußte. Wir kommen hier schon. zu einer weit zurückliegenden Entwicklungsepoche.
[ 16 ] Je mehr wir uns von der Gegenwart entfernen, desto schwieriger wird es, sich Vorstellungen zu bilden. Der Theosoph hat nicht den Glauben, daß er bis an den Anfang der Welt mit seinen Fragen zurückgehen kann. Wenn Menschen zum ersten Male etwas von Theosophie hören, so wird oft gefragt: Wie ist eigentlich die Welt entstanden? — Ein gut Teil solcher Fragen können wir als Theosophen nicht mehr stellen, denn wir kommen nicht an einen Anfang. Sie haben den Zeitpunkt gesehen, an dem wir herübergekommen sind von der Pitri-Natur. Der Hellseher kann diesen Zeitpunkt verfolgen durch bestimmte Methoden. Aber der Mensch ist nicht erst damals entstanden, er war damals schon auf einer gewissen Höhe der Entwicklung. Der Theosoph gibt sich nicht Spekulationen hin, er denkt nicht in abstrakten Begriffen über diese Dinge nach. Er verfolgt seine Erfahrungen, seine Intuitionen, seine Erlebnisse auf dem übersinnlichen Gebiete, und soweit er Erfahrungen und Erlebnisse hat, soweit erzählt er diese. Ebensowenig, wie ein Forschungsreisender auf irdischem Gebiete etwas anderes tun würde, als die Gegenden zu beschreiben, die er gesehen hat, sagen wir von Afrika, und nicht etwas anderes beschreibt, was er nicht gesehen hat, ebensowenig wird der Theosoph etwas über den Weltenanfang sagen, der weit, weit zurückliegt. Der Theosoph kann nur ein Stück unserer Entwicklung verfolgen, und dieses Stück verfolgen wir durch Erfahrungen und nicht durch Spekulation.
[ 17 ] Ein Keim war es, der aus früherer Zeit herüberkam in unsere Entwicklung hinein. Ein gestaltloser Erdenkeim ist der Mensch gewesen. Diesen Zeitpunkt nennen wir die «Arupa-Runde», die formlose Runde. So haben wir vier Zeitabschnitte bis zu dem, in dem wir heute stehen. Wir nennen diese Zeitabschnitte «Runden». Die erste, zweite, dritte Runde sind verflossen; in der vierten Runde stehen wir jetzt darin, und drei weitere Runden werden folgen, von denen wir noch zu sprechen haben werden. Wir nennen den Menschen der vierten Runde den Menschen des Mineralreiches, weil er sich in den mineralischen Kräften gestaltet hat; und wir nennen einen Menschen der vorhergehenden Runde, der astralen Runde, in der er seinen Astralkörper formen konnte, einen Menschen des dritten Elementarreiches. Wir unterscheiden den Menschen des dritten, zweiten und ersten Elementarreiches. Während des ersten Elementarreiches oder der ersten Runde bewegten sich die Gedanken des Menschen in einer formlosen Gedankenmaterie. Während des zweiten Elementarreiches oder der zweiten Runde bewegten sich die menschlichen Gedanken in gestalteter Gedankenmaterie. Und im dritten Elementarreiche konnten sich die menschlichen Gedanken schon gestalten bis zum Wunsche; sie konnten jene Gestalt annehmen, die wir als astrale Strahlen verfolgen können in der astralen Welt. Erst in der vierten Runde ist der Mensch soweit, daß er das Mineralreich beherrscht. So wie in der dritten Runde aus der Astralmaterie sich gebildet hat ein menschliches Astralgehirn, so konnte der Mensch in der vierten Runde sich ein physisches Gehirn bilden, in dem er denken kann.
[ 18 ] Wir haben also drei Elementarreiche und das Mineralreich. In den drei Elementarreichen lebte der Mensch der Vergangenheit. Das folgende kann ich nur andeuten, Sie werden es aber aufgrund der Analogie begreifen können. Auf unsere jetzige Runde wird eine andere folgen, wo der Mensch eine noch höhere Entwicklungsstufe erreichen wird. Er wird dann nicht nur in seinem physischen Gehirn denken können, sondern in derjenigen Kraft, die wir die astralische Kraft nennen. Da wird der Mensch imstande sein, nicht nur die physische Materie zu beherrschen, sondern er wird auch imstande sein, die astralische Kraft zu beherrschen. Ich will Ihnen zur Verdeutlichung dafür ein Beispiel geben: Will ich heute das Glas von hier nach da stellen, so brauche ich eine physische Vermittlung - meine Hand. So weit hat es der Mensch der vierten Runde gebracht, daß er in der physischen, in der mineralischen Welt.bewußt handeln kann. Er kann aber noch nicht die astralische Kraft bewußt handhaben, er hat noch nicht ein astrales Willensorgan entwickelt. Das wird er aber in der fünften Runde können. Der Mensch der fünften Runde wird die astralische Welt ebenso beherrschen können, wie er heute die physische Welt beherrscht. In der sechsten Runde wird der Mensch noch weiter sein. Er wird dann die gestaltende Welt beherrschen können, wie er heute die physische Welt beherrscht und in der fünften Runde die astralische Welt beherrschen wird. In der fünften Runde wird der Mensch einen Wunsch nicht nur an dem Orte vollziehen können, an dem gewünscht wird. Er wird seine Wünsche nach fernen Orten senden können. In der sechsten Runde wird der Mensch selbst gestalten können. Er wird dann die Rupa-Kraft selbst beherrschen können. Nach der sechsten Runde wird unsere irdische Entwicklung ihre Vollendung erreicht haben, und erst dann wird der Mensch in sich selber alles aufgenommen haben, was er auf der Erde hat lernen können. Erst dann wird er im wahren Sinne des Wortes zu seinem wirklichen, klaren Selbstbewußtsein gekommen sein. Er braucht dann keine Vermittlung mehr; er ist unmittelbar an seinem Ziele angelangt. In der siebenten Runde hat der Mensch sein Ziel erreicht. Formlos wird er wieder sein. Aber alles, was er zu lernen hatte, wird er aufgenommen haben.
[ 19 ] Sieben Runden hat der Mensch durchzumachen. Nur ungefähr konnte ich diese sieben Runden beschreiben. Nun müssen wir noch eines festhalten: Während unserer mineralischen Runde waren der Mensch und die Erde nicht immer physisch, sondern sie mußten sich erst zu diesem Zustand hinentwickeln, sie mußten diesen Zustand erst annehmen, um physisch wahrnehmbar zu werden. Von unserer mineralischen Runde blicken wir zurück auf die anderen Entwicklungsstufen. Wir können dabei verfolgen, daß wir es mit einer siebenstufigen Entwicklung unserer Erde zu tun haben und daß das Geistesselbst sieben Stufen oder Runden durchzumachen hatte. Während jeder dieser sieben Runden war das Geistesselbst in einem der Naturreiche. - Sehen wir den Menschen an. Er ist durch das erste, zweite, dritte Elementarreich hindurchgegangen und befindet sich jetzt in der vierten Runde, welche unsere gegenwärtige Welt ist.
[ 20 ] Nun werde ich das nächste Mal zeigen, daß nur der Mensch während dieser vierten Runde die mineralische Stufe erreicht. Das aber, was heute Mineral ist, was unbelebter Naturstoff ist, was Bergkristall, Kalkspat und so weiter ist, hat die Höhe seiner Entwicklung bereits während der ersten Runde erreicht. Das, was heute Pflanze ist, hat während der zweiten Runde die Höhe seiner Entwicklung erreicht, und das, was das heutige Tier ist, hat während der dritten Runde seine Entwicklungshöhe erreicht. Der Mensch hat seine physisch-mineralische Entwicklung während der vierten Runde erreicht.
[ 21 ] Wir sehen also, unserer Erde ging vor Jahrmillionen eine andere voraus. Damals entstand das mineralische Reich. Der Mensch war aber erst im ersten Elementarreiche. In der zweiten Runde trat die Pflanzennatur auf; nun waren schon vorhanden Mineralisches und Pflanzennatur; der Mensch war damals im zweiten Elementarreich. Es kommt die dritte Runde, das Tierische wird aufgenommen in die irdische Entwickelung. Der Mensch als solcher ist aber erst ein astralisches Wesen, er kann noch nicht bis zur mineralischen Verkörperung heruntersteigen. Erst in der vierten Runde, wo Mineral, Pflanze und Tier schon vorhanden sind, kann es der Mensch zur mineralischen Verkörperung bringen. Daher haben wir in den vier Runden vier nebeneinanderstehende Reiche: Das Mineralreich in der ersten Runde, das Pflanzenreich in der zweiten Runde, das Tierreich in der dritten Runde und das Menschenreich in der vierten Runde. Das Menschenreich hat die drei anderen Reiche als vorbereitende Stadien vorangeschickt. Daher hat Goethe recht, wenn er sagt: Was wäre eigentlich die ganze Natur, wenn sie nicht auf den Menschen hinzielte? Diese große kosmische Veranstaltung mußte geschehen; durch drei Runden hindurch mußte der Mensch sich entwickeln, damit er in der vierten Runde eine mineralische Form annehmen konnte. Der Mensch ist in unsichtbarer Gestalt der Schöpfer, der Mitschöpfer gewesen. Als Pitri kam er herüber von einer anderen Entwicklungsepoche. Mit unserem träumerischen Bewußtsein haben wir an den ersten Runden gearbeitet. Wir haben an der Bildung unserer Erde vorbereitend gearbeitet, damit sich ein Reich bilden konnte, das zur Grundlage für unsere Entwicklung werden konnte.
[ 22 ] Das ist der Gang der Erdenentwicklung von einem Anfange an, den ich heute vor Sie hinstellen konnte bis zu dem Zeitpunkte, in dem wir jetzt stehen. Wir werden das nächste Mal zu dem weiteres hinzufügen.
