Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
9 June 1904
Dritter Vortrag
[ 1 ] Vor acht Tagen versuchte ich, die dem Abendlande so fremde Denkweise zu erläutern, durch die der Theosoph zu seinen Einsichten und Erkenntnissen in den Kosmos kommt. Der skizzenhafte Charakter, den diese Vorträge haben müssen, hindert mich, in aller Ausführlichkeit die theosophische Kosmologie auseinanderzusetzen. Indessen werde ich versuchen, Ihnen heute wenigstens in erzählender Form ein Bild von der Weltentstehung zu geben, wie es der Theosophie zugrundeliegt. Ich bitte diejenigen, die wissenschaftliche Anforderungen stellen, zu bedenken, daß es mir natürlich nicht möglich ist, in der Kürze von drei Vorträgen irgendwelche wissenschaftlich ausschauende Begründung dessen zu geben, was ich heute sagen werde. Wer eine solche wissenschaftliche Begründung haben will, wird sie in einem späteren Zyklus finden, wo ich ausführlicher über diesen Gegenstand sprechen werde. Und auch ein zweiter Band meiner «Theosophie», der bald erscheinen wird, soll von der Kosmologie handeln.
[ 2 ] Vor allem lassen Sie mich eine wichtige Vorstellung voraussetzen, die im Grunde genommen sehr einfach ist, die aber derjenige sich vergegenwärtigen muß, der die Entwicklung im theosophischen Sinne verstehen will. Wenn wir von der Entwicklung im Großen sprechen, dann meinen wir damit nicht nur das Hervorgehen des tierischen oder pflanzlichen Lebens aus einem anderen, sondern wir meinen die großen Umwandlungen innerhalb dieses Weltenalls, und wir zählen dazu auch die Entstehung der Materie, der Materie im eigentlichen Sinne, die wir heute durch unsere physischen Sinne wahrnehmen können.
[ 3 ] Wir haben das letzte Mal davon gesprochen, daß wir in der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten sieben aufeinanderfolgende Stufen zu unterscheiden haben, und ich habe Ihnen diese auch beschrieben, wenigstens andeutungsweise. Sie müssen sich also denken, daß unser irdischer Planet gleichsam in rhythmischer Folge sieben Stufen, die wir Runden nennen, durchmacht. Alles, was heute auf unserer Erde ist und lebt, war auch vorhanden, bevor unsere heutige Erde entstanden ist; es war aber vorhanden in einer Art von Keimzustand, so wie ja auch die ganze Pflanze im Keime schon vorhanden ist, gleichsam im Keime schläft, bevor sie sich in der äußeren Welt gestaltet. Einen solchen Schlummerzustand aller menschlichen Wesen bezeichnen wir in der Theosophie als ein «Pralaya». Dagegen nennt man den Zustand, in dem alles zum Leben erwacht, nach und nach herauskommt und von Anfängen bis zur Vervollkommnung, bis zu einem Höhepunkt fortschreitet, ein «Manvantara». Wenn der Zustand der Vollkommenheit eingetreten ist, dann folgt neuerdings wieder ein Pralaya, ein Schlafzustand, und auf diesen folgt wiederum ein Zustand des Wachens und Wachsens. So geht der Planet siebenmal durch diese Folge von Zuständen hindurch, siebenmal wieder erwachend zu einem neuen Rundenleben. Die Zeit zwischen einem Manvantara und dem anderen verfließt also in einem solchen Zustand, in dem alles, was lebt und webt auf unserer Erde, gleichsam schläft. Aber es ist das kein Schlaf, der sich vergleichen läßt mit dem gewöhnlichen menschlichen Schlaf. Beim gewöhnlichen menschlichen Schlaf ist nur die Verstandestätigkeit und die Sinnestätigkeit des Menschen unterbrochen, aber Sie sehen sein physisches Leben. Den Schlafzustand der Erde müssen Sie sich ganz anders vorstellen. Es ist so, daß von keinem Wesen auf unserer Erde irgend etwas während dieses Schlafzustandes zu sehen ist. Nur für das geöffnete Auge des höchstentwickelten Sehers, des sogenannten Dangma, wäre dieser Zustand der Erde wahrnehmbar. Unbeschreibbar mit unseren Worten ist dieser Zustand, denn unsere Worte sind nicht geprägt für diese Art des Seins. Ich finde in keiner Sprache Worte für diesen Zustand. Daher sagt der entwickelte Seher, um eine Vorstellung von diesem Zustande hervorzurufen, etwas ganz anderes. Er sagt: Stellt euch eine Pflanze vor. Diese Pflanze seht ihr. Nun stellt euch von dieser Pflanze eine Art Gipsabdruck vor, aber so, daß alles, was die Pflanze ist, hohl ist, leerer Raum, und ringsherum die Gipsmasse. Nehmen Sie nun an, alles dasjenige, was Gips ist, wäre geistig und nur für bestimmte Sinneswahrnehmungen bemerkbar. Derjenige welcher die Pflanze sehen kann, kann dann nicht zugleich den Gipsabdruck sehen, also das Negativ der Pflanze. So etwa würde sich dasjenige verhalten, was der entwickelte Seher von der Erde im Pralayaschlafe wahrzunehmen vermag. Die Erde ist nicht da. Sie ist die Aushöhlung, die Hohlform, sie ist wie in einem nach allen Seiten verschwimmenden, allmählich aufhörenden, großen, gewaltigen Meer höchster geistiger Wesenheiten, aus dem gleichsam herausfließt das Dasein der Erde selbst.
[ 4 ] Nun beginnt innerhalb dieses Hohlraumes etwas zu entstehen, aber was da entsteht, ist immer noch nicht wahrnehmbar für sinnliche Augen, es ist nur wahrnehmbar für einen hochentwickelten Seher, der sich auf dem Gebiete des Devachanplanes bewußt bewegen kann. Derjenige, der dieses Sehen hat, würde im Beginne des irdischen Daseins im Raume eine Kugel sehen, eine rein geistige Kugel, auf der alles nur geistig vorhanden ist und die nur für das devachanische Seherauge wahrnehmbar wäre. Jedesmal bevor eine neue Runde beginnt, ist unsere Erde in einem solchen geistigen Zustande. Wenn sie erwacht aus dem Pralayaschlafe, so erwacht sie zu einer solchen Kugel. In einem wunderbaren rötlichen Schimmer sieht sie der das Devachanische Schauende. Selbst für den astralen Seher ist die Kugel nicht sichtbar. Aber dennoch enthält die Kugel schon alles, was später Erde wird. Auch die dichtesten Körper sind schon in dieser Kugel enthalten.
[ 5 ] Wie haben wir uns. das nun vorzustellen? Wir können uns das durch einen einfachen Vorgang klarmachen. Stellen Sie sich ein Gefäß mit Wasser vor. Das Wasser ist flüssig. Wenn Sie die Temperatur abkühlen, wird das Wasser zu Eis erstarren. Sie haben dasselbe vor sich wie vorher - Eis ist nichts anderes als Wasser, nur in einer anderen Form. Erhöhen Sie die Temperatur, so geht das Eis wieder in Wasser über, bei noch weiterer Erhitzung sogar in Dampf. So können Sie sich auch vorstellen, daß alle Materialität durch Verdichtung aus dem Geistigen hervorgeht. Die geistige Kugel - nur für das entwickelte Seherauge zu sehen - verdichtet sich immer mehr und mehr, nachdem sie durch ein kleines Pralaya durchgegangen ist. Sie ist dann auch zu sehen für ein minder entwickeltes Seherauge. Dann kommt wieder eine Art von kurzem Schlafzustand, und dann tritt die ganze Kugel uns wiederum in einem verdichteteren Zustand entgegen, und jetzt ist diese Kugel sichtbar für das astrale Auge, also für denjenigen, dessen Sinne auf dem astralen Plan geöffnet sind. Es kommt wieder ein Pralayazustand, und wieder taucht die Kugel auf, jetzt als ganz dicht gewordene physische Materie. Jetzt erst können physische Augen sie sehen, physische Ohren hören, physische Hände greifen. Das ist der vierte Zustand. Danach kommt wiederum ein kurzes Pralaya. Der Zustand löst sich wieder auf und neuerdings tritt eine astrale Kugel uns entgegen, aber mit viel höher entwickelten Wesen. Ein analoger Zustand tritt auf in der sechsten Runde, der wiederum nur für den devachanischen Seher sichtbar ist. Danach wieder ein Pralaya und dann ein nur für das höchste Seherauge sichtbarer Zustand. Dann folgt das Hinschwinden selbst für den Dangma. Nun folgt ein großes Pralaya und dann beginnt der ganze Prozeß sich zu wiederholen. Dies geschieht siebenmal. So verwandelt sich die Erde vom Niedersten zum Höchsten.
[ 6 ] Lassen Sie uns jetzt die erste Runde verfolgen. Diese können wir am besten dadurch studieren, daß wir uns klarmachen, was auf unserer Erde vorhanden ist, da, wo sie am dichtesten ist. In der ersten Runde sind noch keine mineralischen Formen vorhanden, auch keine physischen Naturkräfte und keine chemischen Kräfte. Die Erde hat die bisherige Entwicklungsarbeit nur verrichtet, um die Grundlage für das physische Dasein zu schaffen; sie hat diese Grundlagen geschaffen, um ein physisches Dasein in der vierten Runde vorzubereiten. Wie eine feurige Masse erscheint hier unsere Erde, von so gewaltig hoher Temperatur, daß darin keiner unserer gegenwärtigen Stoffe die Form haben könnte, die er jetzt hat. Alle Stoffe sind in diesem Feuer-Urbrei - lassen Sie mich dieses triviale Wort gebrauchen -, in einer einheitlichen, undifferenzierten Materie durcheinandergeflutet. Die Theosophie sagt: Die Erde ist im Zustande des Feuers. - Damit ist aber nicht ein gewöhnliches Feuer gemeint, sondern ein Feuer höherer, geistiger Art. Da finden sich noch keine chemischen Elemente. Aber das, was im Innern dieser Materie ist, ist doch schon tätig. Zweierlei Arten von geistigen Wesenheiten sind darin tätig: diejenigen, die wir als «Dhyani Chohans» bezeichnen und solche Wesenheiten, die noch nicht zur physischen Materialität heruntergestiegen sind, die zum Teil nur einen Geistkörper haben, zum Teil eingehüllt sind in astrale Materie, und die mit ungeheurer Schnelligkeit die Feuermaterie durchfluten. Wir sehen da ein fortwährendes Entstehen und Vergehen von regellosen Formen, auch von solchen Formen, die schon erinnern an das, was später auf der Erde vorhanden ist. Wie eine Art Schablonen erscheint das, was fortwährend entsteht und vergeht. Es sprudelt etwas auf, was uns an die Gestalten von späteren Kristallen und von späteren Pflanzen erinnert; ja sogar etwas, das schon menschliche Formen annimmt und dann wieder zerstiebt. Die Menschen, die später inkarniert sein werden, sie lebten in diesem Feuer, die Körper ausmodellierend, sie vorbereitend. So erscheint uns dieser Zustand der ersten Runde der Erde. Dann folgt der Übergang dieser feurigfließenden Erde in den Schlafzustand.
[ 7 ] Die zweite Runde beginnt in derselben geistigen Weise. Betrachten wir wieder die Erde da, wo sie am dichtesten ist. Jetzt hat dieser Zustand eine. ganz andere Form als früher. Jetzt hat er eine Form, welche die heutige Physik schon kennt; der heutige Physiker nennt sie «Äther». Äther ist feiner als unsere heutigen Gase, aber dichter als die Erde in der früheren Runde war. In dieser ganz feinen Materie bildet sich dasjenige aus, was wir chemische Elemente nennen. Diese zweite Stufe können Sie in allen Religionsbüchern in wunderbar schöner Weise angedeutet finden, indem gesagt wird, daß die göttlichen Wesenheiten alles nach Maß, Zahl und Gewicht ordneten. Was früher regellos war, ordnete sich jetzt in chemische Elemente, und diese ordneten sich durch die Zahl. Der Chemiker wird mich verstehen, denn er kennt das regelmäßige periodische System der Elemente. So ist die Materie in bestimmte Maß- und Zahlenverhältnisse zueinander gekommen, nachdem sie als Materie eine gewisse Dichtigkeit, eine ätherische Form angenommen hat. Die einzelnen Stoffe haben auf dieser Stufe noch nichts miteinander zu tun. Sie stehen sich fremd gegenüber. Erst jetzt, wo sich die Materie differenziert, sehen wir die wunderbarsten Formen sich bilden, die uns an die späteren erinnern, sie sind nur noch nicht festbestehend: sternförmige Formen, eckige Formen, Tetraeder, Polyeder, runde Formen und so weiter. Da sind die Formen angedeutet, welche später im Naturreich auftreten. Wie in der ersten Runde die Kristallformen vorgebildet wurden, so bildet sich jetzt in der zweiten Runde das Pflanzenreich vor. Dann flutet das Ganze wieder ab; das Astralische und das Devachanische gehen wieder durch einen Pralaya-Zustand hindurch und erscheinen dann wieder in der dritten Runde.
[ 8 ] Wenn wir den physischen Zustand in der dritten Runde betrachten, so finden wir da die Materie schon in einem wesentlich anderen Zustand. Sie ist noch nicht geordnet nach Luft und Wasser, sondern sie hat eine Art von Nebelform, von Dampfform. Nicht mehr in Ätherform, sondern wie eine Art von Wasserdampf, von Nebel oder wie Wolkengebilde heute sind, so würden wir uns die Erde auf dieser dritten Stufe vorzustellen haben. Und innerhalb dieser Nebelgebilde, die wir in alten Sagen erhalten finden - die Sagen von Nebelheim, Niflheim, zeigen uns diesen Zustand -, zeigt sich uns die Materie in anderer Form, nicht mehr nach der Zahl geordnet, sondern mit Kräften ausgestattet. Der okkulte Forscher spricht hier von dem Gesetz der Wahlverwandtschaften. Die chemischen Stoffe regeln sich nach dem Gesetz der Wahlverwandtschaft. Jetzt aber, in der dritten Runde, tritt Kraft auf, die bewirkt, daß das Kleine größer werden kann, sich ausdehnen kann. Die Stoffe können sich von innen heraus durchorganisieren, durchkraften. Nicht nur die Anfänge des Pflanzentums, die wir in der zweiten Runde kennengelernt haben, treten auf, sondern Wachstum ist jetzt möglich. Die ersten tierischen Bildungen treten auf, die uns heute höchst grotesk anmuten würden. Riesig große, kolossale Formen bildeten sich selbst aus dieser Nebelmasse. Es hat für den Okkultisten etwas von Wahrheit an sich, wenn er in die Wolken hinaufschaut und sieht, daß die eine Wolke wie ein Kamel, die andere wie ein Pferd ausschaut. In dieser dritten Runde sind die Wesen nebelhafte Gestalten, die sich dadurch fortpflanzen, daß eines in das andere sich verwandelt, eines aus dem anderen hervorgeht, so wie niedere Zellorganismen, die eine Erinnerung daran sind. Diese tierischen Körper, die aus dem Nebel entstanden sind, können jetzt die erste Grundlage abgeben, damit diejenigen Individualitäten, die von früheren Welten herübergekommen sind, einen Körper finden. Jetzt kann der Mensch sich verkörpern, er findet ein Gehäuse vor, das ihm gestattet, sich zum Ausdruck zu bringen, zuerst allerdings in unvollkommener, in primitiver, täppischer Weise. Auch mißglückte Inkarnationen sind möglich. Man kann davon sprechen, daß während der dritten Runde sich Wesen auf der Erde befunden haben, Zwischenwesen zwischen Mensch und Tier, in denen sich der Mensch zwar nicht ganz wohl fühlte, sich aber doch inkarnieren konnte.
[ 9 ] Nun kommt wieder ein Pralaya und dann die vierte Runde. Das ist die Runde, der wir selbst heute angehören. Die Erde machte also erst den devachanischen Zustand durch, ging dann herunter durch den astralen und den ätherischen Zustand und kommt endlich in den physischen Zustand, den wir jetzt erreicht haben. Während der ersten Runde hat sich die Grundlage für das Mineralreich gebildet, während der zweiten Runde bildete sich die Grundlage für das Pflanzenreich, während der dritten Runde entstand die Möglichkeit, daß tierische Bildungen auftreten konnten. Und jetzt, während der vierten Runde, bekommt der Mensch die Fähigkeit, die Gestalt anzunehmen, die er heute hat.
[ 10 ] Betrachten wir den Zustand unserer physischen Erde, unserer jetzigen Runde etwas genauer. Der Zustand der Erde auf dieser vierten Stufe muß als sehr viel dichter bezeichnet werden als die Zustände in den früheren Runden. Zuerst war ein feuriger Zustand, dann ein nebliger, dann ein solcher zwischen Luft und Wasser. Jetzt aber, im Anfang der vierten Runde, haben wir eine Art quellende Materie, ähnlich dem Eiweiß. In diesem Zustand befand sich die ganze Erde im Anfang der vierten Runde. Allmählich hat sich aber alles verdichtet, und was wir heute auf der Erde als Materie kennen, ist nichts anderes als die verdichtete, ursprünglich quellende Materie — genauso, wie das Eis verdichtete Wassermaterie ist. Im Anfang dieser vierten Runde waren alle Wesenheiten so beschaffen, daß sie in dieser quellenden Materie leben konnten. Der Mensch hatte eine Gestalt, die schon ähnlich war der heutigen, aber er war noch in einem völlig dumpfen Bewußtseinszustand, der zu vergleichen ist mit dem Zustand eines träumenden Menschen. Er träumte sein Dasein dahin in einer Art von Schlafbewußtsein; es fehlte ihm noch der Geist. Betrachten wir diesen Zustand etwas genauer. Der Mensch war also in dieser quellenden Materie schon möglich. Traum-Menschen nennen wir den Menschen dieser ersten Rasse. Es ist schwer, eine Beschreibung des Menschen der ersten Rasse zu geben. Diesem Zustand folgte ein anderer, in dem die Materie sich weiter verdichtete und sich getrennt hat in eine mehr geistige und eine mehr physische Materialität, gleichsam in Nordpol und Südpol. Nur bitte ich Sie, dabei zu berücksichtigen den Unterschied zwischen der okkulten Auffassung und der landläufigen Auffassung des Darwinismus. Wir haben also in diesem angedeuteten Zustand der Erde ursprünglich den Menschen vorhanden, und wir haben das Pflanzenreich; auch das Tierreich war vorhanden, aber in denjenigen Formen, wo noch keine geschlechtliche Fortpflanzung da ist und kein warmes Blut. Diese Wesen waren noch nicht fähig, Töne aus dem Inneren hervorzubringen. Der Mensch selbst ist noch stumm. Und er kann noch nicht denken, nicht einmal dumpfe Vorstellungen kann er sich bilden. Der Geist ist noch nicht in den Körper eingezogen. In der folgenden, der zweiten Rasse, sondert sich die Materie in zwei Pole. Der Mensch zieht sich gleichsam diejenige Materie heraus, die für ihn brauchbar ist und sondert das minder Brauchbare aus, woraus sich als eine Art Seitenzweige die höheren Tiere heranbilden. Die unteren Tierarten sind schon ähnlich den Formen der heutigen Mollusken, sogar fischähnliche Formen entwickeln sich schon.
[ 11 ] Der Mensch entwickelt sich immer höher und auf der dritten Stufe der Rassenbildung sondert er wiederum Materie aus, die er nicht zum Träger eines höheren Bewußtseins machen kann. Er gibt sie wieder ab als Material für die Tiere, die nun aussehen etwa wie Amphibien, die riesige Formen haben. Sie werden uns in den Fabeln und Mythen der Völker beschrieben als fliegende Drachen und so weiter. Auch jetzt hat noch kein Wesen, das sich entwickelt hat, eine geschlechtliche Fortpflanzung. Erst ist der Mitte der dritten Rasse, in der Mitte der lemurischen Zeit, treten die Anfänge davon auf. Der Schauplatz dieser Ereignisse befand sich in Lemurien, in der Gegend von Hinterindien im Indischen Ozean.
[ 12 ] In der Mitte der lemurischen Zeit geschah das große Ereignis, das den Menschen zum Menschen gemacht hat. Unter den menschlichen Wesen, die herübergekommen sind von früheren planetarischen Zuständen befanden sich nicht alle auf der gleichen Entwicklungsstufe. Diejenigen, die schon während des früheren Zyklus auf der Nebelerde eine normale Entwicklung erreicht hatten, konnten sich während der dritten Rasse verkörpern. Unter diesen aber war eine Anzahl, die schon eine höhere Stufe erlangt hatte; diese konnten sich während der dritten Runde überhaupt nicht verkörpern. In jeder Runde entwickeln sich Menschen zu einer normalen Stufe und andere zu einem solchen Stadium, das darüber hinausgeht. Meister sind diejenigen, welche über das normale Maß hinausgeschritten sind. Sie sind höherentwickelte Individualitäten. Diese höherentwickelten Individualitäten, die über das normale Maß schon hinausgeschritten sind, nennt man in der Theosophie Solarpitris oder Sonnenpitris. Sie haben schon eine höhere Geistigkeit erlangt, aber sie konnten sich in den Körper des damaligen Menschen ebensowenig verkörpern, wie der heutige Mensch im Pflanzenbau sich verkörpern könnte. Sie warteten die weitere Entwicklung ab, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war und in der vierten Rasse ihre erste wirkliche Verkörperung stattfinden konnte. Jetzt erst konnten diese höher entwickelten Individualitäten, die Solarpitris, von den vorhandenen Formen Besitz ergreifen. Es entstand eine geistig hochentwickelte Menschheit. Die Sagen und Mythen berichten davon, daß es seinerzeit Persönlichkeiten gegeben hat, welche weit über ihre Mitmenschen hinausragten. Individualitäten wie Prometheus, die Rishis der Inder, Feuer-Rishis, die dann zu den eigentlichen Führern der Menschheit wurden, zu den Manus, die den späteren Menschen:die Gesetze gaben. Nur diese Solarpitris konnten sich zu Adepten verkörpern.
[ 13 ] Ich habe Ihnen erzählt, daß im Beginn der vierten Runde noch keine Geschlechtlichkeit vorhanden war. Erst in der lemurischen Zeit trat die Trennung der Geschlechter auf. Dadurch wurde auch erst die Inkarnation möglich, das Inbesitznehmen eines Körpers, das es vorher nicht gab. Früher ging ein Wesen aus dem anderen hervor. Mit der Trennung der Geschlechter in der Mitte der lemurischen Zeit trat Geburt und Tod ein und damit war auch die Möglichkeit der Wirkung von Karma gegeben. Der Mensch konnte eine Schuld auf sich laden. Alles, was wir als «menschlich» kennen, entstand damals.
[ 14 ] Der Kontinent Lemurien ging durch feuerähnliche Katastrophen zugrunde, und nun entstand der atlantische Kontinent auf dem Boden des heutigen Atlantischen Ozeans. In der atlantischen Zeit trat wieder ein wichtiges Ereignis ein, auf das ich Sie aufmerksam gemacht habe, als ich über das Pfingstfest sprach. Ich habe da gesagt, daß mit Ausnahme der Solarpitris alle Wesenheiten in niedrigem Geisteszustande lebten. Nur ausgewählte Körper konnten die Solarpitris aufnehmen. Die anderen Körper hätten diesen Wesen nur die Möglichkeit geboten, im Zustand eines dumpfen Bewußtseins zu leben. Gemütlose Menschen wären entstanden, wenn die damaligen Körper benutzt worden wären. Es warteten deshalb die Pitris, bis sich gewisse tierische Formen weiter ausgebildet hatten. Diese waren auf der einen Seite tiefer in das Triebleben gesunken, aber andererseits hatten sich dadurch die Vorbedingungen für die spätere Entwicklung eines Gehirns gebildet. Die Materie hatte sich differenziert in eine Nervenmaterie und eine Geschlechtsmaterie. In dieser verschlechterten Materie haben sich dann diejenigen Pitris verkörpert, die gewartet haben bis zu diesem späteren Zustand. Das ist das, was die Religion als den Sündenfall der Menschheit bezeichnet hat: das Hinabsteigen in die schlechter geartete Materie. Wäre das unterblieben, so wären sie alle in einem viel weniger bewußten Zustande geblieben. Sie wären nicht zu dem klaren Gedankenleben brauchbar gewesen, wie wir es heute haben, sondern in einem viel dumpferen Zustand geblieben. Das haben sie erkauft dadurch, daß sie den Körper auf der einen Seite sich verschlechtern ließen, um ihn auf der anderen Seite zu Gehirn-Materie zu veredeln, um ein höheres Bewußtsein erreichen zu können. Dadurch konnten sie schon damals zu einer gewissen geistigen Höhe emporsteigen. Ein besonderes Ergebnis der Entwicklung der atlantischen Rasse war die Ausbildung eines phänomenalen Gedächtnisses.
[ 15 ] Nachdem die Atlantis untergegangen war - durch Wasser -, entwickelte sich als spätere Fortsetzung unsere gegenwärtige fünfte Rasse, die als besondere Errungenschaft den kombinierenden Verstand ausgebildet hat, der sie befähigt, Kunst und Wissenschaft zu höchster Entwicklung zu bringen, was vorher nicht möglich war. In der fünften Unterrasse der vierten Runde erreicht der Mensch einen Höhepunkt: Die Beherrschung durch den Geist, der herabgestiegen ist in die Materie, damit er nun wiederum hinaufgetragen werden kann zu immer höher und höheren Stufen. Wir haben gesehen, wie sich der Kosmos in rhythmischer Stufenfolge entwickelt hat bis zu dem Punkt, wo wir heute stehen. In den früheren Runden wurden entwickelt:
1. das Mineralreich,
2. das Pflanzenreich,
3. das Tierreich, und dann
4. der Mensch.
[ 16 ] Die theosophische Kosmologie ist ein in sich geschlossenes Gebäude, das aus der Weisheit der höchstentwickelten Seher entsprungen ist. Wenn ich nur einigermaßen mehr Zeit hätte, so würde ich Ihnen zeigen können, wie gerade gewisse naturwissenschaftliche Tatsachen dazu hindrängen, dieses Weltbild aus der Wissenschaft heraus zu bezeugen. Sehen wir uns zum Beispiel die berühmten Stammbäume Haeckels an, in denen alle Entwicklung rein materiell gedeutet ist. Wenn Sie aber statt der Materie, anstelle des Kristalles, die geistigen Zustände nehmen, wie die Theosophie sie beschreibt, dann können Sie die Stammbäume machen, wie Haeckel sie gemacht hat - nur die Erklärung ist eine andere.
[ 17 ] Damit Sie das, was ich gesagt habe, nicht verwechseln mit dem, was in manchen theosophischen Büchern als die verschiedenen astralen oder physischen Zustände beschrieben wird, mache ich auf folgendes aufmerksam: Die Entwicklung wird oft so beschrieben, als ob das nebeneinanderliegende Zustände wären; Sie finden Kugeln nebeneinandergestellt, so daß es scheint, als ob das Leben von einer Kugel zur anderen ginge. In Wirklichkeit ist aber nur eine einzige Kugel vorhanden, und nur der Zustand derselben ändert sich. Es ist immer dieselbe Kugel, welche die verschiedenen Metamorphosen durchmacht: geistig, astral, physisch und so weiter.
[ 18 ] So haben wir gesehen, daß der Ausgangspunkt, den wir von den Worten Goethes genommen haben, vollberechtigt ist, die Worte, daß es zuletzt doch der Mensch ist, was sozusagen als ein Ziel, als eine Aufgabe des irdischen Planeten erscheint. Der Okkultist weiß, daß jeder Planet seine bestimmte Aufgabe hat. Nichts ist in dem ganzen Kosmos zufällig. Daß das, was für uns Menschen entsteht, sein Ziel erreicht, das ist die Aufgabe der physischen Entwicklung. Einen Menschen, der so ist wie der heutige Mensch, würden Sie auf keinem anderen Planeten finden. Wesen - ja, aber nicht Menschen. Daß der Mensch als ich-bewußtes Wesen entstehen konnte, dazu ist die Erde da. Durch die ersten vier Runden haben sich die Reiche der Natur entwickelt, um in der vierten den Menschen zum selbstbewußten Wesen zu machen, das sich im Körper bewußt spiegeln kann. Nun wird er weiter zu höheren Zuständen aufsteigen, von denen nur sehr wenige sich einen richtigen Begriff machen können. In der nächsten, der fünften Runde wird das Mineralreich ganz verschwinden. Alle mineralische Materie wird in Pflanzenmaterie verwandelt sein. Alles wird leben im Pflanzengedanken - okkultistisch gesprochen. Dann wird das Pflanzenreich auch seine Vollendung erreichen und in der nächsten Runde wird das Tierische das unterste Reich bilden. In der siebenten Runde wird dann der Mensch die Höhe seiner Entwicklung erreicht haben. Da wird er das sein, was er in seiner planetarischen Entwicklung werden soll.
[ 19 ] Wer das versteht, der kann wiederum einen tiefen Einblick haben in die religiösen Urkunden. Es gab eine Zeit, wo die Menschen an die Religionsurkunden glaubten wie Kinder. Dann kam die Zeit der Aufklärung, wo nichts mehr geglaubt wurde, und nun kommt eine Zeit, wo die Menschen wiederum die Bilder begreifen lernen werden, die uns in religiösen Urkunden, in Märchen und in Fabeln aufbewahrt sind. So haben wir die sieben Runden als die sieben Schöpfungstage in der Bibel. Die drei ersten Schöpfungstage sind vergangen, im vierten Schöpfungstage stehen wir jetzt, und die drei letzten Schöpfungstage werden noch kommen. Die drei ersten Schöpfungstage der Genesis stellen die vergangenen Runden dar, in den drei letzten wird angedeutet, was in der Zukunft kommen wird. Richtig aufgefaßt will Moses mit der Beschreibung des vierten Schöpfungstages sagen, daß wir in der vierten Runde leben; er beschreibt auch den vierten Schöpfungstag besonders. Deshalb finden Sie auch in der Genesis eine zweifache Schöpfung. Diejenigen, die die Bibel nur mit dem Verstande messen, können das niemals verstehen. Der Mensch des siebenten Schöpfungstages ist noch nicht erschaffen. Daß der Mensch aus Ton und Lehm gemacht ist, ist ein Sinnbild für unsere vierte Runde. Die zweifache Schöpfung sagt uns in bildlicher Form von dem Geschaffenen, von dem Zustand, in dem wir uns jetzt befinden, und von dem Zustand am Ende der siebenten Runde. Wenn wir das durch die Bibel Überlieferte so ansehen, dann kommt plötzlich ein Sinn aus diesen Urkunden, den wir früher nicht ahnen konnten. Nun wird die Menschheit endlich sehen, daß darin ein so tiefer Sinn liegt, daß man fast ein anderer Mensch werden muß, um ihn zu verstehen. Es ist notwendig, daß in der gegenwärtigen Zeit der hohe, spirituelle Sinn dieser ältesten Urkunde den Menschen wieder erschlossen wird, und das ist die Aufgabe der theosophischen Bewegung. Sie tadelt nicht das Materialistische unserer Zeit, weil sie dies für etwas Notwendiges hält. Aber sie arbeitet daran, daß die Menschen den spirituellen Sinn dieser Urkunden wieder erkennen sollen. Daran lassen Sie uns auch im kommenden Winter arbeiten. Unter den Zyklus-Vorträgen ist dieser heutige der letzte. Unsere Montage aber bleiben. Jeden Montag um acht Uhr abends treffen wir uns wieder hier.
