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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

3 November 1904

Neunter Vortrag

[ 1 ] Wir wollen ein Beispiel für das Werden der Welt geben, wir wollen den Punkt ins Auge fassen, wo die Entwicklung durch die Mitte der lemurischen Zeit hindurchgeht, und wollen ein Stück vor und nach dieser Zeit betrachten. Es soll gezeigt werden, wie dazumal der Sinn des Auges entstanden ist.

[ 2 ] Wenn wir die Erde betrachten könnten zur Zeit der ersten, der polarischen Rasse, würden wir sie als eine Ätherkugel finden. Bald, das heißt mehrere Millionen Jahre nachher - was in der Weltentwicklung «bald» heißen kann -, verdichtete sich die Materie. Wir sehen in Anfängen sich das entwickeln, was wir Luft nennen. In der Luft selbst bildeten sich die ersten Anfänge dessen, was wir Feuer und Wasser nennen. Doch bestand in der Luft das Wasser erst als feuriger Nebel. Die Erde war damals, im Anfange der lemurischen Zeit ein dichter, qualmender Feuernebel. Wirkliches Wasser, wie wir es jetzt kennen, bildete sich erst später bei der Abkühlung der Erde und noch später erst das Feste. Man muß bedenken, daß in allen diesen Entwicklungsstadien die Menschen in irgendeiner Form dabei waren. Die menschliche Entwicklung hängt immer von der Umgebung ab.

[ 3 ] Wir wollen nun den Menschen betrachten, wie er in der Zeit der Feuernebelbildung anfängt sich zu entwickeln. Er hatte zu jener Zeit den Sinn des Gehörs und den Sinn des Gefühls für die Temperaturunterschiede und war ein vielfach gegliedertes, bewegliches Wesen, das in dem Feuernebel herumflog. Um zu fühlen, ob die Daseinsbedingungen günstige waren, ob es nicht zu warm oder zu kalt war, brauchte er ein Organ. Es bildete sich zu dieser Zeit das zyklopenartige Organ, das zunächst den Zweck hatte, ein Fühlorgan zu sein für die umgebende Temperatur, ob er in diese hineingehen konnte oder nicht.

[ 4 ] Dann fing die ganze Masse, in der er sich bewegte, an, feurig zu werden. Vorher war das, was wir jetzt Flamme nennen, nicht vorhanden; es bestand ein Temperaturgrad, der ein viel höherer war als der des jetzigen Feuers. Dieses Fühlorgan empfand, wie der Wärmezustand zur Flamme wurde und verdichtete sich so allmählich zum Sehorgan. Wir sehen also, daß sich dieses Fühlorgan von innen heraus bildet, weil es zunächst einem inneren Bedürfnis des Menschen entspringt; es soll angeben, ob er sich wohlfühlt oder nicht. Es ist also ursprünglich um des Menschen selbst willen da, damit er sich als Lebewesen unter den entsprechenden Bedingungen entwickeln kann. Nebenbei — zunächst als eine Begleiterscheinung des Fühlens - bildet es sich die Fähigkeit, die erkaltete Flamme, das Licht, wahrzunehmen. Das Organ befand sich oben auf dem Kopf des Menschen wie eine glühende Laterne. Mit zunehmender Verdichtung der Materie bildete es sich vom Fühlorgan in ein Sehorgan um.

[ 5 ] Da des Menschen beweglicher Leib von immer dichterer Materie durchsetzt wurde, war die Folge, daß dieses Fühlauge seine Bedeutung verlor, denn es trat den immer dichter werdenden Gegenständen, die äußerlich begrenzt waren, gegenüber. Jetzt kam die Begleiterscheinung, nämlich die kalte Flamme zu sehen, zu ihrer Geltung. Das Organ wurde fähig, durch die dichter werdende Materie, den äußeren begrenzten Gegenstand zu sehen; es erhielt somit eine neue Bestimmung durch seine veränderte Umgebung. Die ursprüngliche Bestimmung blieb ihm, um in einem späteren Zustand zur Geltung zu kommen.

[ 6 ] Die neue Eigenschaft war also zuerst von außen in das Wesen eingezogen, um später ihre Bedeutung zu erhalten. Jedes Wesen saugt erst aus seiner Umgebung dasjenige ein, was es später zu seinen Lebensbedingungen braucht. Der Mensch könnte niemals durch die Augen wahrnehmen, wenn sie ihm nicht durch die Umgebung einerschaffen worden wären. Es müssen erst aus der Umgebung die Organe geschaffen werden, damit diese Umgebung wahrgenommen werden kann. Dann kommt durch die Organe, die die Umwelt in ihn hineingebildet hat, sein Wirken in der Umwelt wieder zur Geltung.

[ 7 ] Niemals kann der Mensch der Welt etwas geben, wozu sie ihm nicht selbst die Bedingungen geschaffen hat, so wie die Wechselwirkung zwischen ihm und der ihn umgebenden Welt ihm die Augen geschaffen hat, durch die er später wieder auf die Welt wirken kann. Überall finden wir denselben Prozeß: erst saugt der Mensch von außen ein, was er später wieder hinausgibt. Alles, was an uns ist, ist das Ergebnis einer Tätigkeit. Es gibt kein Sein, das nicht zuerst Tätigkeit war. Alles Sein ist die Wirkung einer Tätigkeit. Dies gilt auf allen Gebieten des Daseins, auf allen Plänen.

[ 8 ] Wenn man die dhyanischen Wesenheiten in ihrer offenbarenden Tätigkeit betrachtet, so ist diese das Ergebnis einer früheren eingesogenen Tätigkeit. Das ist das Gesetz von Karma im umfassendsten Sinn des Wortes. Jedes Sein ist das Ergebnis einer Tätigkeit. Soll jemand ein glücklicher Mensch sein, so muß er das Glück in einem früheren Dasein selbst geschaffen haben. Glück, welches der Mensch genießt, ist das Ergebnis irgendeiner von ihm ausgegangenen segenbringenden Tätigkeit.

[ 9 ] Die Betrachtung vom Karma der Augenbildung unterscheidet sich von den anderen [karmischen Betrachtungen] dadurch, daß der Mensch bei dieser Betrachtung völlig ruhig und objektiv bleibt. Wenn er aber das Karma seines Wesens betrachtet — Begriff von gerecht und ungerecht -, so mischen sich seine Emotionen hinein. Und daher war es in den Vedanta- und in den Pythagoräerschulen der Brauch, das Karma an emotionsfreien Gegenständen zu erörtern. Dadurch wurden zunächst die Gedanken so gereinigt, daß in sie nichts einfloß von Leidenschaften und Gefühlen. Das war das Studium, welches bezweckte, die Gesetze der Welt so kennenzulernen, daß sich nichts von Emotion hineinmischte. Das nannte man Katharsis, die Loslösung vom Persönlichen. Dann erst konnte der Betreffende ein Myste werden. Solange der Mensch über das Schicksal der Seele nachdenkt, ist er sehr interessiert, ob sie sterblich oder unsterblich ist. Daher mußte er damals erst durch die Katharsis hindurchgehen, ehe er das Schicksal der Seele selbst studieren konnte. Die Menschen mußten durch ruhiges, emotionsfreies Studium frei werden von Furcht und von Mitleid mit sich selbst, von allem egoistischen Mitleid. Deshalb definiert Aristoteles das Drama als eine Reinigung durch Furcht und Mitleid.

[ 10 ] So sehen wir, wie im Werdegang eine gewisse Stufenfolge herrscht. Auf einer Stufe saugt das Wesen ein, um sich auf einer anderen Stufe nach außen zu betätigen. Auf diese Weise steht das Wesen zuerst der Außenwelt gegenüber, dann entwickelt sich Wechselwirkung. Die würde bleiben, wenn sich nicht die Bedingungen änderten. Bei Verdichtung wird die Tätigkeit zurückgeschlagen und das Wesen von innen heraus umgebildet.

[ 11 ] Bei der Augenbildung findet zuerst die unmittelbare Berührung des Fühlauges mit der Umgebung statt. Dann wird das Auge abgegrenzt durch die dichtere Materie, die sich als Schicht dazwischenschob. Durch diese materielle Schicht wurde das Feuer des inneren Auges von dem Feuer außen getrennt. Die Bildung dichterer Schichten geschieht in folgender Weise. Wenn zuerst eine einheitliche Kugel vorhanden ist, so bildet sich zuerst eine Kugelschale, die sich durch eine dazwischengeschobene Schicht von der inneren Kugel trennt. Auf diese Weise bildet sich das ursprüngliche Atom. Also anfänglich haben wir innen und außen eine gleich feine Materie, die durch ein Häutchen dichterer Materie voneinander getrennt wird. Man denke sich diesen Vorgang fortgesetzt. Man denke sich das Häutchen der dichteren Materie in ähnlicher Weise wiederum zerteilt, als ob es um sich herum ein neueres dichteres Häutchen bekäme. So gestaltet sich das Sonderwesen, indem es sich mit immer dichteren Häutchen umgibt, wie das Atom sich bildet. So müssen wir uns als Schema die Atombildung denken: das Abgliedern eines gewissen Teiles einer bestehenden Materie durch eine dichter werdende Materie.

[ 12 ] Es besteht dann ein gewisser Unterschied zwischen dem Innern und Äußern. Dieser wird sich in irgendeiner Weise äußern müssen. Denken Sie an das, was wir Empfindung nennen. Sie kann zum Beispiel durch einen Nadelstich hervorgerufen werden. Aber es muß etwas da sein, was die Empfindung hervorruft und etwas, was die Empfindung hat, etwas Aktives und etwas Passives. Alles in der Welt kommt so zustande. Alles Sein ist Ergebnis einer Tätigkeit. Alle Tätigkeit bedingt, daß etwas Passives da ist. Das sind die zwei Pole, die in aller Tätigkeit gesucht werden müssen. So gibt es auch beim kleinsten Atom Aktives und Passives. Die Kräfte von außen stülpen beim Atom das dasselbe umgebende Häutchen ein. Es wird dann von außen konkav und von innen konvex, das Entgegengesetzte.

[ 13 ] Der Welt gegenüber sind wir der passive Teil, dä wir fortwährend Eindrücke aufnehmen und empfinden. Diese fortwährenden Eindrücke sind das, was durch den Astralleib empfunden wird. Man muß in der Astralwelt Aktivität und Passivität unterscheiden. Jede Empfindung muß erzeugt oder vielmehr verursacht werden. Nichts kann innerhalb der Empfindungswelt verursacht werden, was nicht innerhalb der Empfindungswelt eine Wirkung hat. Man muß sich den ganzen Empfindungsraum vorstellen. Wenn nur ein einziger Astralkörper wäre, so würden wir niemals Empfindungen dem Tun anderer Wesen zuschreiben können. Es hätte aber in uns nicht die Fähigkeit zum Empfinden entstehen können, wenn wir sie nicht so herausgegliedert hätten aus einer gesamten Astralwelt. Astrales Sein setzt astrale Tätigkeit voraus. Ebenso setzt mentales Sein Gedankentätigkeit voraus und physisches Sein physische Tätigkeit.

[ 14 ] Wenn wir dies verstanden haben, dann verstehen wir etwas weiteres. Der Mensch denkt. Dies ist sein Sein. «Cogito ergo sum» (Cartesius). Des Menschen passives Denken über die Dinge setzt aktives Denken voraus, setzt voraus, daß die Dinge erst durch den Gedanken geschaffen sind. Unser menschliches passives Denken setzt ein aktives voraus. Für jeden passiven Gedanken muß ein aktiv-schöpferischer Gedanke vorausgegangen sein. Jedes Gefühl, jede Empfindung, alles passive Erleben im Astralkörper setzt ein aktives Bewirken dieses astralen Erlebens voraus. Alles, was ringsherum in der Welt erscheint, setzt ein ins Daseinrufen der Erscheinungen voraus. Licht wäre nicht da, wenn das Licht nicht bewirkt worden wäre; Sein wäre nicht da, wenn es nicht bewirkt worden wäre, das Wahrnehmen setzt ein Offenbaren der Erscheinung voraus.

[ 15 ] Überall in der Welt finden wir das Dreifache:

[ 16 ] Aktives und passives Denken,
Aktives und passives Leben,
Aktives und passives Sein.

[ 17 ] Alles, was für den Menschen passives Sein ist, nennt man den physischen Plan, das ist der Inbegriff alles passiven Seins.

[ 18 ] Den Inbegriff alles passiven Lebens nennt man den Astralplan.

[ 19 ] Den Inbegriff alles passiven Denkens nennt man den Rupa-Mentalplan.

[ 20 ] Den Inbegriff alles aktiven Denkens nennt man den Arupa-Mentalplan.

[ 21 ] Den Inbegriff alles aktiven Lebens nennt man den Budhiplan.

[ 22 ] Den Inbegriff alles aktiven Seins nennt man den Nirvanaplan.

[ 23 ] Das sind die fünf [sechs] uns bekannten Pläne. Der Nirvanaplan hat die intensivste Tätigkeit, denn auf ihm wird sogar das Sein geschaffen.

[ 24 ] Wenn man im Sinne dieser Pläne den Menschen betrachtet, so wird man sehen, daß jedem Gedanken, den der Mensch denkt, als Reaktion auf dem entsprechenden andern Plan, ein anderer, aktiver Gedanke folgt. Wenn man auf dem niederen Mentalplan einen Gedanken hegt, bewirkt dies ein Gegenbild auf dem höheren Mentalplan. Wenn man ein Gefühl hegt, bewirkt dies ein Gegenbild auf dem Budhiplan. Wenn man auf dem physischen Plan tätig ist bewirkt dies ein Gegenbild auf dem Nirvanaplan. Wie früher der aktive Gedanke unser passives Denken geschaffen hat, so schafft sich ein aktiver Gedanke ein entsprechendes passives Gegenbild auf dem höheren Mentalplan und so weiter. Es kann also kein Gedanke von uns gefaßt werden, der nicht sein Gegenbild hätte, ebenso kein Gefühl, keine Handlung.

[ 25 ] Die Summe von all diesen Gegengedanken, Gegenerlebnissen, Gegenhandlungen nennt man Akasha-Chronik. Man kann also alle Gedanken des Menschen lesen auf dem höheren Mentalplan, alle Gefühle und Erlebnisse auf dem Budhiplan und alle Handlungen auf dem Nirvanaplan. Die Wesenheiten, welche nun den Zusammenhang zwischen den Gegenbildern und dem Menschen regeln, haben eine große Bedeutung. Die Gedanken lebt der Mensch auf dem Mentalplan aus. Was der Mensch in Gedanken abmacht, geschieht alles auf dem Mentalplan. Dort, im Devachan, baut er sich zwischen Tod und neuer Geburt den Charakter seines Gedankenkörpers für das neue Leben auf. Dort sind die Gegenbilder seiner früheren Gedanken. Die zieht er an seinen vom Physischen und Astralen befreiten Mentalkörper heran und bildet sich so seinen künftigen Mentalkörper nach den von ihm geschaffenen Gedankenbildern. Dagegen würde er nicht von selbst die Gegenbilder seiner Erlebnisse und Handlungen mit sich verbinden können. Das unterliegt von außen regelnden Wesenheiten, den Herren des Karma, den Lipikas, die die geschaffenen Gegenbilder der Gefühle und Taten des Menschen auf dem Budhi- und dem Nirvanaplan mit ihm - der schon wieder die kamische und andere Hüllen um sich hat - in Zusammenhang bringen für die folgenden Inkarnationen.