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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

9 November 1904

Elfter Vortrag

[ 1 ] Man redet oft von den Prinzipien, als ob sie gleichartig wären und nur verschiedene Grade hätten. Aber will man die Zusammenhänge verstehen, so müssen wir die Prinzipien selbst ihrer Natur nach kennenlernen.

[ 2 ] Wir müssen dreierlei in der Welt unterscheiden, dreierlei Arten von Wirkungen. Weil für ein wahrnehmendes Wesen nur das, was zur Wirkung kommt, in Betracht kommen kann, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Wirkungen. Es gibt also dreierlei Arten, wie etwas wirken kann: erstens die eigentlich geistige, zweitens die seelische, drittens die körperliche Art von Wirkung. Die geistige Wirkung, alles, was irgendwie als Geist wirken kann, nennt man Budhi; alles, was seelisch wirken kann, nennt man Kama; alles, was körperlich wirken kann, nennt man Prana. Das sind die drei Wirkungsformen: Budhi, Kama, Prana. Als Wirkungsformen sind sie gleichartig, nur auf verschiedenen Stufen.

[ 3 ] Nun muß man sich vorstellen, daß die Wirkungen fortwährend flüssig, unbestimmt wären, wenn sie sich nicht begrenzen würden. Soll zum Beispiel Kama in einer bestimmten Weise auftreten, so muß es sich eine Grenze geben. Also um zu begrenzten Wirkungen zu werden, müssen sich Budhi, Kama und Prana Grenzen geben. Diese Grenzen nennt man in der theosophischen Literatur «Shariras», das heißt Schalen, Hüllen, Scheiden. Und zwar bezeichnet man, wenn sich Budhi begrenzt, diese Grenze als Karana Sharira; gibt sich Kama eine Grenze, so nennt man diese Linga Sharira; gibt sich Prana eine Grenze, nennt man sie Sthula Sharira. Diese Shariras sind also die Grenzen, die Hüllen, die sich die drei Wirkungsarten setzen.

[ 4 ] Es kann nun folgendes eintreten [es wird nun das Schema I an der Tafel entwickelt und zwar von unten nach oben angeschrieben]

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[ 5 ] Wir haben zuerst Prana in Wirksamkeit; dann gibt sich Prana eine Grenze nach außen: Sthula Sharira. Prana begrenzt sich also nach einer Seite und bleibt nach der anderen wogend offen. Zu Prana tritt nun Kama hinzu und gibt sich hier eine Grenze: Linga Sharira. Dadurch bleibt Prana auch auf dieser Seite nicht mehr wogend offen, weil sich Kama mit seiner Grenze hineinschiebt; aber Kama bleibt wieder offen nach der anderen Seite. Nun tritt Budh:i hinzu und gibt sich die Grenze gegen Kama und es entsteht Karana Sharira. Die drei Prinzipien haben also Zwischenlagen. Wenn dies ein Wesen ist, muß in diesen drei Prinzipien und ihren Zwischenlagen noch ein Ich-Bewußstsein leben: das bezeichnet man als Atma.

[ 6 ] Aus den drei Prinzipien und den Zwischenlagen und dem IchBewußtsein oder Atma besteht der Mensch. Jedes einzelne kann Unterabteilungen haben. Wenn wir dies so fassen, haben wir die Zusammensetzung des Menschen als solchen gegeben.

[ 7 ] Hier, beim Menschen [Schema I], bildet der physische Körper die äußere Hülle, und Atma ruht im Innern. Nun kann die Anordnung auch ganz anders sein. [Beim Planetengeist ist es] nämlich so, daß sich Prana zunächst nach innen wirksam zeigt und sich eine Grenze setzt. Dann würde folgendes entstehen [Schema folgende Seite]:

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[ 8 ] Prana ist dann nach innen begrenzt durch Sthula Sharira, Kama durch Linga Sharira, Budhi durch Karana Sharira und wir hätten nun ein Wesen, bei dem zuerst außen Atma liegt, dann Budhi, dann Kama und zuletzt Prana. Dann [folgendes Schema] würde Atma ganz im Umkreis ausgespannt erscheinen [eine Kugel], und Sthula Sharira wäre ein Punkt in der Mitte.

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[ 9 ] Ein solches Wesen ist ein Dhyan-Chohan, ein Planetengeist und muß umgekehrt wirken wie ein Mensch. Beim Menschen liegt Sthula Sharira nach außen, bei den Dhyan-Chohans Atma, dann kommt Budhi und so weiter.

[ 10 ] Man kann sich davon eine klare Vorstellung machen durch folgendes Beispiel. Wenn wir unsere Augen schließen, ist es zuerst dunkel und wenn wir sie dann wieder aufmachen, dann sehen wir das Licht. Wir sehen das Licht aber nur, weil wir eine Empfindung dafür haben und es dadurch empfangen können. Es muß aber erst da sein, bevor wir es empfangen können. Und ebenso, wie wir da sein müssen, um Licht zu empfinden, so muß ein Wesen draußen sein, das Licht offenbart. Wir sind Lichtempfänger, draußen müssen Lichtgeber, Lichtoffenbarer sein. Und so wie wir das Licht nur dadurch empfinden können, daß wir in uns Kama, den Astralkörper haben, so muß ein planetarisches Wesen ein Kama haben, das Licht ausstrahlt. So daß also Kama hier gegen den Mittelpunkt hin wirkt und dort im Radius des Kreises.

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[ 11 ] Der Kreis, der nach oben hin konvex ist, ist für uns, für die Empfindung, für das Empfangende, das dem Gebenden Entgegenstrebende. Der Kreis, der nach unten zu konvex ist, ist das Kama der dhyanischen Wesenheit. So wirkt das Kama der Offenbarung nach unten: Karana Sharira. So wie der Mensch ein Kama hat, das nach seinem Mittelpunkt hinstrebt, so hat der Planetengeist ein nach außen, nach dem Umkreis strebendes Kama, welches lichtoffenbarend ist, während das Kama des Menschen lichtempfangend ist. Es gehören immer zweierlei Wesenheiten von sich ergänzenden Naturen zusammen. Fine Wesenheit muß das Verlangen besitzen: die empfangende Wesenheit; eine andere muß geben können: die gebende Wesenheit. Menschliches verlangendes Kama setzt voraus, daß gebendes Kama da ist, Kama der Liebe.

[ 12 ] Menschliche Budhi vermittelt das Erkennen. Dasjenige, was uns von den Dingen an Erkennen offenbart wird, wird empfangen durch unsere Budhi. Der planetarische Geist muß also gedankengebend, menschliche Budhi muß empfangend sein. Der planetarische Geist verhält sich somit ganz entgegengesetzt und ergänzend zum Menschengeist.

[ 13 ] Ein jedes einzelne Ding in der Welt existiert nur im Weltenzusammenhang, es ist ein Glied im Ganzen. Als Glied gehört es dem ganzen planetarischen Erdgeist an. So hat zum Beispiel der Tisch erstens eine Materie, durch die er ein Wesen ist, das uns im Raume entgegentritt; zweitens hat er.Kraft, dadurch daß er Widerstand gibt, denn sonst würde er für uns nicht da sein; und zum dritten äußert sich die Kraft nicht beliebig, sondern nach bestimmten Gesetzen (Naturgesetzen).

[ 14 ] Was ist die Kraft? Was ist das, was in uns das Leben möglich macht? Es ist eine Kraft, die einnehmend ist, das Leben erhaltend. Des Menschen Lebenskraft äußert sich dadurch, daß sie, was an Materie in ihm ist, zusammenhält. Daher ist die Materie und die ihr zukommende Kraft beim Menschen nach innen gerichtet, sie baut den Menschen von innen auf; er könnte sonst nicht als lebendes Wesen wahrgenommen werden. Der Tisch dagegen hat die nach außen gerichtete Materie, und diese äußert sich durch das Gesetz. Materie an sich kann nicht wahrgenommen werden, nur ihre Eigenschaften, wie Farben, Töne und so weiter. Die Materie selbst entzieht sich vollständig der Wahrnehmung. Es ist ein Prana in der Materie, welches sich ganz der Wahrnehmung entzieht, aber sich dahingibt, um sich zu offenbaren. Daneben erkennen wir das Gesetz in der Materie, den Gedanken, der sich darin ausdrückt.

[ 15 ] Budhi äußert sich in der Natur nach außen. Jeder Körper, der der äußere Ausdruck des Planetengeistes ist, strahlt fortwährend nach außen, das heißt, er hat Budhi nach außen gekehrt. Es wird zum Licht, das wahrgenommen wird. Budhi ist in den Eigenschaften der Dinge, in dem, was nach außen liegt. Das Gesetz muß sich offenbaren durch Karana Sharira. Das sich offenbarende Manas ist das Gesetz. Indem ein Körper leuchtet, schickt er uns Budhi zu. Der Gedanke, die Geistesäußerung, durch die er es schickt, ist Karana Sharira. Kama dagegen behält der Planetengeist für sich; er entzieht es der Wahrnehmung. Seine Materie ... [in den Notizen von Marie Steiner-von Sivers ist hier eine Lücke markiert]. -— Dagegen offenbart er die kosmischen Gedanken, die der Mensch erst tief im Innern ergründen muß. Und was der planetarische Geist ganz an der Oberfläche äußert, hingibt, das ist sein Budhi.

[ 16 ] In der Bibel ist dies zum Ausdruck gebracht. Es wird gesagt, daß der planetarische Geist in seiner ersten Äußerung eine Lichtäußerung war. Es sind Budhi-Eigenschaften (Licht), die der Geist auf der ersten Stufe offenbart. Diese uralte heilige Lehre von dem Gegensatz des Menschen und des Planetengeistes ist in der christlichen Esoterik schön zum Ausdruck gebracht. Man nennt die sich offenbarenden Budhi-Eigenschaften in der kabbalistischen Sprache «Gewalten». Daher offenbaren sich zunächst die Gewalten des Lichtes und der Finsternis. So kann man die Genesis wieder wörtlich nehmen.

[ 17 ] Es sind also Budhi-Eigenschaften, die der Geist auf der ersten Stufe offenbart. Auf der zweiten offenbart er sein Karana Sharira; er ordnet die Dinge nach Gesetzen. Was im Makrokosmos nun konvex angeordnet ist, ist im Mikrokosmos konkav. Was der Mensch zuletzt erkennt, kommt im Makrokosmos zuerst, der Mikrokosmos kommt zuletzt dazu, die Empfindung im Makrokosmos zu erkennen.

[ 18 ] Nun frägt es sich, ob es einen Übergang gibt zwischen den beiden Wesenheiten, zwischen Mensch und Planetengeist. Man denke eine Wesenheit mit einem Bewußtsein: Das ist der Mensch; er hat verschiedene Glieder, aber mit einem gemeinsamen Bewußtsein. (Streit der Patrizier und Plebejer). Das wäre etwa so darzustellen:

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[ 19 ] Es sind einzelne Glieder, die alle hinstrahlen zu dem gemeinschaftlichen Bewußtsein. Wollen wir das gemeinschaftliche Bewußtsein als Kraft ansehen und die Glieder auch, so können wir sagen, das gemeinsame Bewußtsein ist das überwiegende, es wirkt auf die anderen alle. Man denke sich nun viele solcher Wesenheiten, die in dieser Weise wirksam sind:

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[ 20 ] Jede von den Wesenheiten hat ihre eigene Existenz. Durch [das gemeinsame Ideal] kann sie andere Existenzen mit ihrer verbinden. Diese verschiedenen Bewußtseine setzen sich selbst einen gemeinsamen Mittelpunkt, sie streben nach einem gemeinsamen bestimmten Ideal hin. Dieses lebt dann als gemeinschaftliches geistiges Ideal in den verschiedenen Bewußtseinen. Wenn diese dahin kommen, daß ihnen ihr geistiges Ideal wertvoller ist als sie selbst, dann werden sie von diesem Ideal genauso angezogen, wie sie selbst früher die Glieder ihres Bewußtseins zu sich herangezogen haben. Bildeten sie früher den Mittelpunkt für diese verschiedenen Sphären, so bildet das gemeinsame Ideal dann den Mittelpunkt für die große Sphäre. Die einzelnen Existenzen werden dann selbst Glieder der gemeinschaftlichen Existenz, geben ihr Sondersein auf und leben in dem gemeinschaftlichen Ideal. Sie hören auf, selbst Zentrum zu sein und geben sich ein gemeinschaftliches Zentrum. So entsteht aus einzelnen Menschen eine Bruderloge. Wenn ein so starkes gemeinschaftliches Ideal da ist, daß es die einzelnen Bewußtseinszentren alle anzieht, so bilden diese Menschen einen Körper, der eine Seele höherer Art hat. Dadurch entsteht eine Bruderloge mit einem vollständig gemeinschaftlichen Geist. Und so haben wir es mit einem neuen Wesen zu tun. Niemals hätte sich eine Seele in den Menschen senken können, wenn er nicht ein Gehäuse wäre aus Gliedern. Niemals kann sich ein Höheres herniedersenken, wenn nicht die einzelnen Bewußtseine zu Lebensgliedern werden, die Form für ein höheres Gehäuse, damit darin das gemeinschaftliche Bewußtsein zum Ausdruck kommt.

[ 21 ] Damit haben wir den Übergang; es wird ein anderes Zentrum geschaffen. Eine Inversion, eine Umkehrung sämtlicher Prinzipien ist die menschliche Entwicklung. Da die Menschen sich in sieben Arten äußern, entsteht nicht ein Zentrum, sondern sieben Zentren. Dies werden die sieben Elohim, die Pitris für den nächsten Planeten sein.

[ 22 ] So geht der Mensch von einem Wesen, das die Umgebung in sich aufnimmt, zu einem Wesen über, das sich offenbart. Die beiden ganz entgegengesetzten Wesenheiten, der Mensch und die Elohim oder Dhyani sind nur Formen einer Wesenheit. Was also der Mensch hier ist, wird er in Zukunft nicht mehr sein, sondern eine dhyan-chohanische Wesenheit. Das wird in der Esoterik das «Geheimnis der Gottwerdung des Menschen» genannt.

[ 23 ] Wenn die Einzelbewußtseine sich alle einem Zentrum zuwenden und draußen alles Atma wird, wird im Innern nur ein einziger Kern von Sthula Sharira sein, also die Einheit im höchsten Grade.

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[ 24 ] Diese Einheit kann auf der Erde nicht erreicht werden; diese können erst sieben erhabene Geister bilden. Das ist dann der Logos, der Atma im Umkreis hat. In der Kabbala ist die Krone von allem das «Reich», die Vereinigung. Dieses Prinzip liegt auch der Kirche zugrunde, nämlich daß alle Menschen Glieder eines Bewußtseins werden.

[ 25 ] Das Gesetz der Form ist Geburt und Tod. Das Gesetz des Lebens ist die Wiedergeburt. Das Gesetz des Geistes ist Karma. Das Leben geht durch Geburt und Tod und erscheint in immer neuen Formen. Die Form ist vergänglich, das Leben wiederholt sich, der Geist ist unvergänglich, ewig.