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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

10 November 1904

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Heute wollen wir versuchen, den Übergang des Logos zu einem neuen System, zu einer neuen Schöpfung etwas uns klarzulegen.

[ 2 ] Die Menschen fragen gewöhnlich zuerst: Wie ist alles entstanden? — Dies ist wohl die schwierigste Frage, die aber oft gestellt wird. Man kann davon nur eine annähernde Vorstellung geben. Vor allem muß man sich einmal klarmachen, daß es unser Verstand ist, der da frägt, wie die Dinge entstanden sind und sich ungefähr plausibel macht, wie man selbst die Welt geschaffen hätte, wenn man der Schöpfer gewesen wäre. Der Menschenverstand gehört aber schon zu denjenigen Dingen, die vom Logos stammen, und es ist klar, daß das Bewußtsein des Logos ein weit größeres ist; daher können wir den Logos nicht mit dem menschlichen Verstand beurteilen. Darum kann die Frage nicht so gestellt werden: Warum mußte die Welt aus dem Logos hervorgehen? -, sondern man kann nur fragen, wie sich das Hervorgehen der Welt aus dem Logos verhält, wie die Dinge entstanden sind, nicht warum — weil das Warum einen Zwang in sich schließen würde. Das Hervorgehen der Welt aus dem Logos muß eine freie Tat des Logos sein, nicht eine Tat der Notwendigkeit.

[ 3 ] Durch ein Bild nur kann das Schöpferische des Logos bezeichnet werden, indem man sich ein Wesen und sein Spiegelbild vorstellt. Man muß sich sagen: In dem Spiegelbild ist alles das enthalten, was in dem Wesen selbst vorhanden ist. Es sieht genauso aus, aber es ist nicht lebendig, es enthält nicht das Lebensprinzip. Wollen wir begreifen, wie das Spiegelbild dem Wesen gleich werden kann, so müssen wir uns denken, es ist nur dadurch möglich, daß das Wesen sein Leben, seine Existenz, dem Spiegelbild abgibt — dann hat man den Begriff des ersten Opfers. Die Hingabe der eigenen Existenz, die Übertragung des eigenen Lebens an das Spiegelbild, das ist das ursprüngliche Opfer.

[ 4 ] Genauso verhält es sich mit dem Logos. Der erste Logos verhält sich zum zweiten, wie wenn wir, vor dem Spiegelbild stehend, uns vornehmen, unser eigenes Leben an das Spiegelbild abzugeben. Die Hingabe des Lebens ist das ursprüngliche Opfer in freier Tat. Das ist die Tat des ersten Logos. Der zweite Logos ist genau dasselbe wie der erste Logos, nur daß er seine Existenz durch ein Opfer erhalten hat. Wenn man nun die Wirkung des zweiten Logos studiert, so findet man, daß das Wesen des zweiten Logos darin besteht, daß er das Wesen des ersten Logos nach dem ersten Logos hinstrahlt, zurückstrahlt. So ist der zweite Logos eine Widerspiegelung des ersten Logos, von dem er sein eigenes Leben erhalten hat, das Leben, welches vom ersten Logos ausströmte.

[ 5 ] Zuerst spiegelt sich der erste Logos wider, dann gibt er dem Spiegelbild sein Leben. Während im ersten Logos alles sich nach außen richtet, die Existenz nach außen wirkt, hat der zweite Logos erstens die Existenz, die er erhalten hat und zweitens die Eigenschaft, seinen Inhalt zurückzustrahlen auf den ersten Logos. Damit haben wir nun im zweiten Logos eine Zweiheit. Das Leben und der Inhalt des zweiten Logos sind zweierlei. Der Inhalt ist dasselbe wie bei dem ersten Logos, aber das Leben ist etwas anderes als im ersten Logos:

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[ 6 ] Der Strich in der Mitte des zweiten Kreises bedeutet, daß im zweiten Logos Leben und Inhalt zweierlei sind, daß sie geteilt sind.

[ 7 ] Wenn es sich um den Inhalt handelt, ist Bild und Spiegelbild bei beiden gleich, das Leben aber ist zweierlei. Dies würde als solches noch kein Weltsystem ergeben können, denn hier würde sich nur der eine Logos zum andern verhalten; eine Mannigfaltigkeit würde da nicht hineinkommen. Mannigfaltigkeit kann nur hineinkommen durch ein weiteres Opfer. Eine nochmalige Spiegelung muß stattfinden: das Verhältnis, das die beiden zueinander haben, muß sich auch spiegeln.

[ 8 ] Erstens spiegelt sich der erste Logos noch einmal zweitens spiegelt sich die Spiegelung. Dadurch entsteht dann der dritte Logos als die Widerspiegelung der zwei andern Logoi. Es enthält also der dritte Logos:

1. das Spiegelbild des ersten Logos
2. das Spiegelbild dessen, was der erste Logos im zweiten Logos bewirkt hat, nämlich sein Leben
3. das Spiegelbild davon, was der zweite Logos zum ersten zurückstrahlt.

[ 9 ] Stellen wir uns nun vor: Der erste Logos ist gespiegelt in a. Wenn der erste Logos die nach außen strebende, schöpferische Tätigkeit ist, so ist sein Spiegelbild im dritten Logos gerade die umgekehrte Tätigkeit des ersten Logos. Im ersten Logos ist a das höchste geistige Weltlicht; im dritten Logos ist a die äußerste geistige Finsternis.

[ 10 ] b ist im zweiten Logos das Leben, das der zweite Logos vom ersten Logos erhalten hat. Es ist nicht das Leben, das sich hinopfert, sondern dasjenige, das angenommen worden ist. Das Leben, das sich im ersten Logos hinopfert, ist die Liebe. Das Gegenteil davon im dritten Logos ist das absolute Verlangen, Sehnsucht, Streben nach Logos. b ist also im dritten Logos das absolute Verlangen.

[ 11 ] c ist im zweiten Logos das Spiegelbild des ersten Logos, welches der zweite Logos zurückstrahlt.

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[ 12 ] Bei unserem eigenen Spiegelbild unterscheiden wir:

1. Das ausgestrahlte Bild, das aus der Finsternis zurückkommt.
2. Das, was wir hingegeben haben, kommt zurück als Verlangen.
3. Das Bild selbst, das wir selbst sind.

[ 13 ] Dies entspricht im dritten Logos den drei Teilen:

a die geistige Finsternis = Tamas
b das absolute Verlangen = Rajas
c das einfache Spiegelbild des ersten Logos = Sattwa

[ 14 ] Tamas, Rajas, Sattwa sind die drei Gunas, die drei Teile des dritten Logos.

[ 15 ] Zunächst sind a, b und c vorhanden. Wenn a allein vorhanden ist, ist es eben Tamas. Wenn a - die geistige Finsternis oder Tamas - sich kombiniert mit b - Rajas, dem absoluten Verlangen -, kombiniert sich Finsternis mit Verlangen, und es ist ein Hinstreben nach dem ersten Logos. Wenn a und c - Tamas und Sattwa - kombiniert werden, haben wir das Bild des ersten Logos, aus der Finsternis heraus geschaffen. Ebenso können wir b mit c kombinieren. Es kann jedes für sich auftreten und mit einem der andern kombiniert werden. Alle drei miteinander kombiniert, sind, was der erste Logos selbst ist. Wir haben sieben mögliche Kombinationen der drei Gunas:

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[ 16 ] Dies sind also die sieben verschiedenen Kombinationen der Gunas. Man stelle sich diese sieben möglichen Kombinationen vor als das nächste weltschöpferische Prinzip, das aus den drei Gunas hervorgehen kann. Diese sieben Wesenheiten existieren wirklich. Es sind die sogenannten sieben schöpferischen Geister vor dem Throne Gottes, nach den drei Logoi die sieben nächsten schöpferischen Kräfte:

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[ 17 ] Aus diesen sieben schöpferischen Kräften geht dasjenige hervor, was wir als die Prajapatis bezeichnen. Indem jeder wieder diese Tatsache genau wiederholen kann auf untergeordneten Stufen des Bewußtseins, des Lebens und der Form, bekommen wir überall drei: also dreimal a, dreimal b, dreimal c, dreimal ab, dreimal ac, dreimal bc, dreimal abc, also zusammen dreimal sieben = 21 PraJapatis. Sie verhalten sich selbst jeder wie ein ursprünglicher Logos. Dadurch bekommen wir die 21 Schöpfer eines bestimmten Sonnensystems.

[ 18 ] Der erste Begriff, der uns also begegnet, ist der des vollständig freien Opfers. Wenn man ihn faßt, hört die Frage nach dem Warum auf, eine Bedeutung zu haben. Der Fortschritt des Menschen besteht darin, daß man diese Frage nicht mehr stellt, sondern zu dem Begriff des schöpferischen Logos aufsteigt.

[ 19 ] Wenn man ein mechanisches Instrument hat, zum Beispiel eine Uhr oder eine Maschine, so kann man voraussagen, wie sie sich verhalten wird. Etwas weniger ist dies dagegen möglich bei den Naturvorgängen, doch im gewissen Grade auch da. Eine Sonnenfinsternis zum Beispiel ist berechenbar. Man kann da von einer Notwendigkeit sprechen. Man wird noch bei der Pflanze angeben können, was sie unter bestimmten Verhältnissen tun wird. Je weiter wir aber hinaufrücken im Reiche der Natur, hört die Möglichkeit immer mehr auf zu sagen, was ein Wesen in einer gewissen Situation tun wird. Je höher ein Mensch steht an Begabung und Inhalt, desto weniger ist es möglich, etwas über seine Handlungen vorauszusagen, denn man kann nicht seine Gründe und Motive überschauen. Dann hat man nichts anderes zu tun als abzuwarten, was er in einer bestimmten Situation tun wird.

[ 20 ] Ebenso muß man die Schöpfung der Welt hinnehmen als eine freie Tat des Logos. Und der Fortschritt besteht darin, zu wissen, daß man beim Weltall nicht zu fragen hat nach dem Warum, daß . die Frage nach dem Grund unberechtigt ist. Alle, die dies eingesehen haben, haben nicht von einem Grund der Welt gesprochen. Jakob Böhme spricht von einem «Ungrund» der Welt. Wollen wir aufsteigen zur Erkenntnis der schöpferischen Weltmacht, so können wir nichts anderes tun, als bis dahin gehen, wo wir wissen, daß im Ziel unsere eigene Entwicklung stehen muß, denn da muß der Schöpfer einmal gestanden haben. Der Schöpfer muß alles umgekehrt besitzen, was wir besitzen. Atma ist der tiefste Punkt in unserem Innern. Der Schöpfer aber hat Atma als lauter Punkte in seinem Umkreis. Der weltschöpferische Logos hatte bei Beginn des Sonnensystems die Eigenschaften, die wir als Ziel unserer Entwicklung gefunden haben, Atma, Budhi, Karana Sharira oder Manas, Kama, Linga Sharira, Prana, Sthula Sharira, alle in seinem Wesen.

[ 21 ] Wir müssen uns klar darüber werden, wo die Tätigkeit dieses schöpferischen Logos liegen kann. Dazu untersuchen wir zuerst, wohin wir durch die verschiedenen Metamorphosen gelangen. Die Form-Metamorphosen sind: eine physische, zwei astrale, zwei mentale, zwei arupische, also zusammen sieben. Wenn wir die Höhe des Mentalplanes erreicht haben, dann sind wir von außen Karana Sharira geworden; darauf werden wir Budhi, dann Atma [linkes Schema]. Wenn die Erde ihr Ziel erreicht hat, werden wir auf dem höheren Mentalplan tätig sein. Dann beginnt jener Übergang, welcher uns hinüberführt zu dem nächsten Planeten. Dazu müssen wir Atma außen haben. Also müssen auch Karana Sharira und Budhi außen verschwinden [rechtes Schema]:

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[ 22 ] Amar Die Folge davon ist, daß wir uns nicht vorzustellen haben, daß beim Übergang zu einem neuen Planeten nichts geschieht — Pralaya ist nicht Untätigkeit und Schlaf -, sondern während Pralaya wird noch abgestreift Karana Sharira und Budhi. Auf dem Budhiplan müssen wir Karana Sharira abstreifen und auf dem Nirvanaplan

[ 23 ] Budhi selbst. So gestaltet sich die Entwicklung folgendermaßen:

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[ 24 ] Pralaya ist eine Tätigkeit ganz anderer Art als die Tätigkeit während eines Manvantaras. Um eine neue Planetenkette zu gestalten, muß die Wesenheit auf der anderen Seite hindurchgegangen sein durch den Budhi- und Nirvanaplan. Die Bedeutung des Budhiund Nirvanaplanes liegt darin, daß auf ihnen die Wesenheiten zwischen den Planeten ganz dasselbe durchmachen, was der Mensch im Devachan durchmacht. Es gibt auch große Pralajas: Mahapralajas. Wenn wir die Metamorphosen des Bewußtseins verfolgen von einem Planeten zum andern, so haben wir auf Erden das Tagesbewußtsein, auf dem Monde das Traumbewußtsein und so weiter (siehe Schema S. 201):

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[ 25 ] Zwischen einem Bewußtsein und dem anderen muß hindurchgegangen werden durch den Nirvanaplan. Wenn nun der höchste Bewußtseinszustand erreicht ist, Atma sich aller Hüllen entledigt hat und wirklich das Allumfassende geworden ist, dann wird es fähig, ein neues Sonnensystem zu bilden. Dazu muß es noch durch zwei weitere Plane des Bewußtseins hindurchgehen. Bis dahin hat es eine Art Allschau erlangt, es kann dann das ganze Weltensystem überschauen.

[ 26 ] Das jetzige Tagesbewußtsein kann das Mineralreich, das psychische Bewußtsein kann das Leben, das intellektuelle Bewußtsein das Empfinden überschauen, und das spirituelle Bewußtsein kann alles Vorhandene überschauen. Atma ist dann auf der höchsten Stufe angelangt. Atma ist Allbewußtsein.

[ 27 ] Wenn Atma nach außen strahlen soll, so muß es erst die Fähigkeit erlangen, alles hinzugeben; es muß schöpferisch sein. Das wird es dadurch, daß es sich mit Budhi und Manas umhüllt. Dann kann es auf dem Arupaplan ein neues Weltensystem anfangen. Wenn also das Bewußtsein auf der letzten Stufe angelangt ist, muß es noch hindurchgehen durch zwei andere Plane. Der erste Plan ist der, wo es Budhi nicht abschält, sondern hinzufügt, den nennt man Paranirvana-Plan. Denjenigen, wo das Wesen wieder heruntersteigt, um auf dem Arupaplan wieder tätig sein zu können, den nennt man Mahaparanirvanaplan. Je zwei gegenüberliegende Plane entsprechen sich. Der unterste ist der physische, der ihm gegenüberliegende Nirwana:

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[ 28 ] Auf dem Astralplan herrscht das Verlangen, auf dem Paranirvanaplan herrscht die Liebe, Budhi. Auf dem Mentalplan herrscht Erkenntnis, was den Gedanken aufnimmt, auf dem Mahaparanirvana-Plan herrscht der schöpferische Gedanke. Der Budhiplan ist die absolute, liebevolle Hingabe an das Göttliche. Es hat zu seinem Gegenteil die absolute Abkehr von allem Göttlichen. Hat der Budhiplan etwas Beseligendes, so sein Gegenteil die absolute Unseligkeit. Das ist der achte Plan, die achte Sphäre.

[ 29 ] Man denke sich, irgendein Wesen hätte sich auf irgendeinem Plan in der Evolution von der Entwicklung abgekehrt, wäre eigene Wege gegangen, dann fiele es in die achte Sphäre und müßte dort warten, bis die ganze Entwicklung herumgegangen ist. Es könnte erst bei der nächsten Evolution wieder mitgenommen werden als unterstes Wesen. In dieser kosmischen Windrose kommen die Gegenteile gut zum Ausdruck. - Wenn wir auf dem Nirvanaplan angelangt sind, ist das Wesen an dem Punkt angelangt, daß sein Atma ganz nach außen liegt. Wir haben es dann zu tun mit einem solchen Logos, den wir als die Sieben bezeichnet haben. Es sind die sieben schöpferischen Geister, deshalb haben wir auch sieben verschiedene Rassen, [die sogenannten Wurzelrassen mit ihren je sieben Unterrassen].

[ 30 ] Die sieben verschiedenen Geister gehören dem Nirvanaplan an. Wenn wir dann den Paranirvanaplan und den Mahaparanirvanaplan durchlaufen, kommen wir zum ersten und zweiten Logos selbst. Auf dem Paranirvanaplan entsteht der zweite Logos und auf dem Mahaparanirvanaplan der erste Logos. Auf dem Nirvanaplan wird das Weltsystem von den 7 mal 3 = 21 Prajapatis vollendet. Der letzte von ihnen ist abc, der dritte Logos selbst. Erst der erste Logos kann das, was in die achte Sphäre gefallen ist, wieder mitnehmen. Er nimmt es mit mit dem Weltenstaub. Hinaufgeworfen werden aus der Entwicklung heißt sein Leben verketten mit etwas, was unbedingt zurückbleibt, und darin warten, bis die Evolution wieder auf den betreffenden Zustand trifft. Ein Wilder, der von der Seele eines Wilden bewohnt wird, ist relativ glücklich; aber denken Sie sich ein entwickeltes Wesen im Körper eines Wilden oder eines Hundes, dann ist es in der Tat Verbannung. Die höhere Seele ist den Weg in eine niedere Manifestation gegangen. Tatsächlich heißt «in die achte Sphäre gehen»: nicht mit der Evolution fortschreiten, nicht mitmachen zu können die Entwicklung der andern, sondern auf niedere Stufe zurückgeworfen zu werden.

[ 31 ] Das Bewußtsein ist zuerst ein Erkenntnisbewußtsein bis zum Nirvanaplan. Vom Nirvanaplan an ist es nicht mehr ein bloßes Erfassen, sondern ein innerliches Schaffen. Auf dem Paraniirvanaplan ist es ein Schaffen nach außen. Auf dem Mahaparanirvanaplan ist es das schöpferische Bewußtsein des Logos. Von da geht das Bewußtsein des Logos durch die achte Sphäre auf den physischen Plan über und wird dort zu schöpferischen Naturkräften. In Wahrheit sind sie der Ausdruck göttlicher Gedanken, die uns als Kräfte erscheinen, weil wir sie nicht überschauen.