Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
Vorbemerkungen
[ 1 ] Mit der Darstellung der Weltschöpfung als dreifache Manifestation des Logos, des in die Welt ergossenen göttlichen Geistes, wie sie bereits im letzten Vortrag von Teil I und in den folgenden Texten gegeben ist, wurde von Rudolf Steiner für die damaligen Zuhörer angeschlossen an seine beiden kurz vorher erschienenen Schriften: «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung» (erschienen 1901 als Zusammenfassung der während des Winters 1900/01 gehaltenen Vortragsreihe) und «Das Christentum als mystische Tatsache» (erschienen 1902 ebenfalls als Zusammenfassung der im Winter 1901/02 gehaltenen Vortragsreihe).
[ 2 ] In der «Mystik» ist an großen Mystikern des Mittealters geschildert, wie erst durch mystische, d.h. innere Erfahrung wahre Selbsterkenntnis und aus dieser heraus auch wahre Welt- oder Gotteserkenntnis gewonnen werden kann. In der Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» ist dargestellt, wie der Weg dazu in den Mysterien des Altertums gesucht worden ist: daß der einzuweihende Myste, um zum Göttlichen zu gelangen, das kosmische Drama des Schöpfungs-Werdeganges, das Ausgespanntsein des Logos, der Weltseele, an den Weltenleib in Kreuzesform, als eigenes seelisches Schicksal erleben mußte, damit der in der Welt ausgegossene Logos seine Auferstehung in der Seele feiern konnte, auf geistige Art geboren werden konnte. Zur historischen Tatsache wurde dies, als im Beginn unserer Zeitrechnung der Logos in dem Menschen Jesus Fleisch geworden ist. Er mußte im Fleisches-Dasein den kosmischen Weltprozeß wiederholen, mußte ans Kreuz geschlagen werden und auferstehen. Als historische Tatsache mußte es der Mensch gewordene Logos durchmachen, damit die Besiegung des Todes nicht nur für einzelne Auserwählte, sondern für die ganze Menschheit Geltung haben kann. «Das Christentum als mystische Tatsache ist eine Entwicklungsstufe im Werdegang der Menschheit; und die Ereignisse in den Mysterien waren die Vorbereitung zu dieser mystischen Tatsache.» (Kap.: Christentum und heidnische Weisheit).
[ 3 ] Somit ist mit diesen beiden Schriften, ausgehend von der mystischen Erkenntnisart und der Logosophie der alten Mysterien die Voraussetzung geschaffen worden für eine geisteswissenschaftliche kosmologisch orientierte Christologie, wie sie von 1903 an darzustellen begonnen wurde.
[ 4 ] Da bei den damaligen Zuhörern großes Interesse für die Logoslehre der alten Mysterien bestand, denn diese hatte in der Literatur der Theosophischen Gesellschaft schon vor Rudolf Steiner einen großen Stellenwert,1Vgl. H. P. Blavatskys Werke «Die entschleierte Isis» und «Die Geheimlehre»>; Schriften von G. R. S.Mead und Annie Besant, insbesondere «Die uralte Weisheit». sah er sich bald veranlaßt, davor zu warnen, zu abstrakt über den Logos zu sprechen. In den für den Druck leider völlig unzulänglichen Notizen von Ausführungen über die drei Logoi im Berliner Zweig am 2. Februar 1904 findet sich die Bemerkung: «Man ist so sehr versucht, in allgemeinen Vorstellungen von erstem, zweitem, dritten Logos zu sprechen. Besonders Anfänger sprechen sehr gern gleich vom Logos und wollen mit Auseinandersetzungen, was erster, zweiter, dritter Logos für eine Aufgabe haben, die ganze Welt erörtern. Das ist aber nicht das, was wir wollen.» Ihm ginge es vielmehr darum, klarzumachen, was innerhalb der Entwicklung der Welt die Aufgabe der einzelnen Wesen ist. - Wie sich oft und oft von ihm betont findet, beruht geisteswissenschaftliche Forschung eben nicht auf Spekulation, sondern auf wirklicher geistiger Erfahrung. Folgerichtig heißt es darum (Berlin, 18. Dezember 1906, in GA 266/I) «Eigentlich kann kein Mensch, in dem nicht das höhere Bewußtsein erwacht ist, sich eine Vorstellung vom Wesen der drei Logoi machen. Aber doch kann man durch Hervorrufen der richtigen Bilder die Seele vorbereiten für richtiges Schauen in der Zukunft.» Mit den «richtigen Bildern» sind zweifellos die Bilder von den Entwicklungsstufen des sich in der Welt ausgegossenen Logos zu verstehen, wie sie von 1903 an immer weiter ins Konkrete hinein dargestellt worden sind und in dem Werk «Die Geheimwissenschaft im Umriß» (1910) der Öffentlichkeit vorgelegt wurden.
H.W.
