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The Rudolf Steiner Archive

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Occult Truths of Old Myths and Legends
Griechische und Germanische Mythologie
GA 92

1 Juli 1904, Berlin

2. Lesen in der Akasha-Chronik Wolfram von Eschenbach

[ 1 ] Nachdem ich am vorigen Freitag schon verschiedenes Esoterisches vorausgeschickt habe, wird Ihnen das, was ich heute zu sagen habe, nicht mehr so fremd erscheinen. Ich möchte nämlich ein Stück der Geschichte der letzten Jahrhunderte aus der Akasha-Chronik abhandeln. Sie wissen, daß alle Ereignisse, welche geschehen sind, in einer gewissen Weise aufgezeichnet sind in einer ewigen Chronik, in dem Akasha-Stoff, der ein viel feinerer Stoff ist als die Stoffe, welche wir kennen. Sie wissen, daß alle Ereignisse der Geschichte und Vorgeschichte in diesem Stoff aufgezeichnet sind. Das, was man gewöhnlich in der theosophischen Sprache die Akasha-Chronik nennt, sind aber nicht die ursprünglichen Aufzeichnungen, sondern es sind Abspiegelungen der eigentlichen Aufzeichnungen im astralen Raum. Um diese lesen zu können, sind gewisse Vorbedingungen notwendig, von denen ich Ihnen wenigstens eine angeben will.

[ 2 ] Um in der Akasha-Chronik lesen zu können, ist es notwendig, daß man seine eigenen Gedanken den Kräften und Wesenheiten zur Verfügung stellt, die wir in der theosophischen Sprache die «Meister» nennen. Die Meister müssen uns die nötigen Anweisungen geben, um in der Akasha-Chronik lesen zu können, die geschrieben ist in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten irgendeiner bestehenden Sprache oder einer, die früher bestanden hat. Solange man die Kraft noch anwendet, die der Mensch beim gewöhnlichen Denken anwendet - und jeder Mensch, der nicht ausdrücklich gelernt hat, sein Ich bewußt auszuschalten, wendet diese Kraft an -, solange kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen. Wenn Sie sich fragen: Wer denkt? -, so werden Sie sich sagen müssen: Ich denke. - Sie verbinden Subjekt und Prädikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst die einzelnen Begriffe miteinander verbinden, sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie müssen aber Ihr Ich ausschalten; Sie müssen verzichten auf jeden Eigen-Sinn. Sie müssen lediglich die Vorstellungen hinstellen und die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Kräfte außerhalb Ihrer selbst durch den Geist herstellen lassen. Es ist also der Verzicht notwendig - nicht auf das Denken -, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was der universelle Weltengeist über Ereignisse und Tatsachen, die in der Geschichte sich vollzogen haben, zu zeigen vermag. Wenn Sie nicht mehr urteilen über die Tatsachen, dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst, und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur Verfügung.

[ 3 ] Nun muß ich über etwas sprechen, was vielleicht Vorurteile erwecken wird. Ich muß etwas sagen, was eine gute Vorbereitung ist, um zur Ausschaltung des eigen-sinnigen Ich zu kommen und dadurch in der Akasha-Chronik lesen zu lernen. Sie wissen, wie heute das verachtet wird, was die Mönche im Mittelalter gepflegt haben: sie haben das Opfer des Intellektes gebracht. Der Mönch hat nicht so gedacht wie der heutige Forscher. Der Mönch hatte eine bestimmte heilige Wissenschaft, die geoffenbarte heilige Theologie, deren Inhalt gegeben war, über den man nicht zu entscheiden hatte. Der Theologe des Mittelalters hat seinen Verstand dazu gebraucht, die gegebenen Offenbarungen zu erklären und zu verteidigen. Das war - wie man sich auch heute dazu stellen mag - eine strenge Schulung: die Hinopferung des Intellektes an einen gegebenen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorzügliches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen. Dieses Opfer des Intellektes, das der Mönch brachte, die Ausschaltung des von dem persönlichen Ich ausgehenden Urteils, das führte ihn dazu zu lernen, wie man den Gedanken in den Dienst eines Höheren stellt. Bei der späteren Wiederverkörperung kommt dann das, was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswirkung und befähigt den Betreffenden zu selbstlosem Denken und macht ihn zu einem Genie des Anschauens. Kommt das höhere Schauen, die Intuition dazu, dann kann er diese Fähigkeiten darauf anwenden, die Tatsachen in der Akasha-Chronik zu lesen.

[ 4 ] Es ist ganz besonders interessant, jenen Zeitraum in der geistigen Entwicklung Europas, den wir vor acht Tagen betrachtet haben, noch einmal von diesem Gesichtspunkt aus darzustellen, ich meine die Zeit vom 9. bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert. Wenn man diese Selbstlosigkeit in bezug auf den Gedankeninhalt erreicht hat und damit vereinigt den richtigen Sinn für Verehrung, für Devotion, wie ihn auch der Mystiker haben mußte, dann nimmt sich die Zeit, wo große Geister in der Weltgeschichte auftreten, oft ganz anders aus als in der profanen Geschichtsschreibung. Wenn man diesen Zeitraum in der Akasha-Chronik betrachtet, dann haftet unser Blick an einer großen Gestalt, die uns über jene Zeit ungeheuer viel lehren kann, eine Gestalt, die sich dem Beobachter als groß und die sich dem Okkultisten noch gewaltiger darstellt als dem gewöhnlichen Forscher: Wolfram von Eschenbach.

[ 5 ] Wolfram von Eschenbach hat deutsche, romanische und spanische Sagen bearbeitet. Er gehört zu den großen initiierten Dichtern, die selbstlos genug waren, große gegebene Stoffe zu bearbeiten, und die nicht geglaubt haben, selbst Stoffe erfinden zu müssen. Die großen Dichter wie Homer, Sophokles, Euripides, Aeschylos haben niemals nach Stoffen suchen müssen. Zu diesen großen Dichtern gehört auch Wolfram von Eschenbach. Er stellt uns in seinen Werken die innere Geistesgeschichte der Zeit vom 9. bis zum 15. Jahrhundert dar, die sich äußerlich als die Vorbereitungszeit unserer neuen Zeit darstellt, in welcher, wie wir gesehen haben, vorzugsweise alles das studiert wird, was zur äußeren Sinneswelt gehört. Das beginnt mit Kopernikus. Die Menschen fingen an, den physischen Plan ernstzunehmen, nicht wie die früheren als Symbol für die höheren Plane. Die Weltanschauung der Alten war nicht eine falsche, sondern eine solche Weltanschauung, die von einem anderen Gesichtspunkt ausging: sie betrachtete die Erscheinungen der äußeren Welt als Symbole für devachanische Zustände. Kopernikus sagte, wir wollen die physische Welt nicht mehr als Symbol betrachten, sondern wir wollen die physische Welt selbst betrachten. - Selbstverständlich wurde dadurch das gesamte Weltbild der Menschen ein anderes. Es wurde in dieser Zeit vorbereitet die Hinlenkung auf das Praktisch-Physisch-Materielle. Die früheren Kulturen, bei denen unser physisches Leben abhängig war von Traditionen und Autoritäten, gingen über in eine solche, wo es auf persönliche Tüchtigkeit ankommt. Der Sohn eines Bauern hatte früher Geltung, weil er der Sohn eines Bauern war, der Sohn eines Ritters erbte die Rechte seiner Väter. Das änderte sich in dieser Zeit. Es ist dies die Zeit der Städtegründungen. Überall strömte das Volk vom Lande zusammen und gründete Städte; das Bürgertum kam hoch, praktische Erfindungen tauchten auf: die Taschenuhr, die Buchdruckerkunst wurden erfunden. Das ist aber nur der äußere Aspekt der Sache. Es wurden die Seelen hingelenkt auf das Praktische der Wissenschaften, wie sich das zeigt an Kopernikus, was dann in der Aufklärungszeit und politisch in der Französischen Revolution weiter ausgebildet wurde. Der Handelsstand pflegte die praktischen Interessen, persönliche Tüchtigkeit war notwendig. Es war nicht mehr so wichtig, ob man von diesem oder jenem Mann abstammte. Für denjenigen, der in der Akasha-Chronik die Dinge verfolgt, stellt sich die Sache so dar, daß das, was auf dem physischen Plane geschieht, gelenkt wird von den höheren Planen aus. Die führenden Geister sind beeinflußt von Initiierten, die auf den höheren Planen arbeiten. Geniale Persönlichkeiten führen hinauf zu Wesenheiten, die hinter den Kulissen arbeiten, bis hinauf zu der weißen Loge. Der physische Aspekt ist nur die Außenseite. Die Innenseite ist die Arbeit der höchsten Initiierten der weißen Loge und ihrer Sendboten, die hinausgehen in die Welt.

[ 6 ] Diese okkulte Hierarchie möchte ich kurz charakterisieren. Wir haben da solche Wesenheiten, die sich nie sehen lassen: die Meister. Für die Menschen auf dem physischen Plan sind sie zunächst nicht wahrnehmbar. Unter diesen stehen Chelas, Geheimschüler, die es übernehmen, die großen Aufträge der Meister hinauszutragen auf den physischen Plan. Die ersten, die da unterrichten, nennt man «Hamsas», das heißt «Schwäne». Diejenigen Chelas, die man «heimatlose Menschen» nennt, werden so genannt, weil sie ihre Heimat nicht in dieser Welt haben, sondern auf höheren Planen wurzeln. Sie geben den Menschen den Unterricht, den sie selbst von den Hamsas genossen haben. Sie sind die Sendboten für die genialen Männer der Weltgeschichte. So ist zum Beispiel auch nachweisbar, daß die Führer der Französischen Revolution in Zusammenhang standen mit dieser geistigen Seite der Weltgeschichte.

[ 7 ] Die große Weiße Loge mußte ihre Sendboten ausschicken, die Menschen vorzubereiten und zu unterrichten, damit sie auf dem physischen Plane die Organe werden konnten, die den Willen der Meister ausführen. So war es auch mit Wolfram von Eschenbach. Man wußte im Mittelalter, daß es eine Weiße Loge gab, man nannte sie damals die «Gralsburg». Darin war die weiße Bruderschaft. Derjenige, welcher dazumal hinausgesandt worden ist, um die Städtegründung auf die physische Welt hinauszutragen, hieß Lohengrin; er war unmittelbar unterrichtet von einem Hamsa, und er unterrichtete Heinrich I., der als der Städtegründer bezeichnet wird. Das bedeutet, daß die Zeitseelen einen neuen Einschlag bekommen sollten von den «heimatlosen Menschen».

[ 8 ] Die Seele wird in der okkulten Sprache immer durch eine weibliche Persönlichkeit symbolisiert. Elsa von Brabant repräsentiert die Zeitseele. Sie soll mit einem Ritter vermählt werden, der der alten Tradition angehört, mit Telramund. Es kommt aber ein Gesandter des Gral und freit die Zeitseele Elsa von Brabant. Durch Wolfram von Eschenbach ist diese Zeit so charakterisiert, daß Heinrich nach Rom geführt wird, wo das innere, das esoterische Christentum die Weltfeinde des Christentums, die Sarazenen, bekämpft. Lohengrin ist ein «heimatloser Mensch», den man nicht fragen darf, woher er kommt. Wenn man ihn fragt, ist das gegen seine Ordenspflicht. Er ist mit einer Art von Januskopf behaftet; einerseits muß er nach der okkulten Bruderschaft hinblicken und andererseits nach den Menschen, die er in der physischen Welt führen muß. Richard Wagner hat oft ergreifende Worte gefunden, so zum Beispiel, wenn er Lohengrin singen läßt: Nun sei bedankt, mein lieber Schwan. - Das ist der Moment, wo ihn der Schwan verläßt und er von den physischen Verhältnissen abhängig wird. Er wird in eine Welt versetzt, die ihm nicht ganz angemessen ist; es ist nicht seine wahre Welt. Seine Welt ist die Welt der anderen Seite, so daß er angesehen werden muß als ein Heimatloser. Wenn seine Mission erfüllt ist, dann verschwindet der Heimatlose wieder dahin, woher er gekommen ist. Wenn seine Herkunft entdeckt ist, dann muß er wieder verschwinden. Das fällt dem mit dem physischen Plan in Beziehung Getretenen schwer. Deshalb muß Elsa von Brabant dreimal fragen, woher er stammt.

[ 9 ] So sehen wir, daß durch den Initiierten Wolfram von Eschenbach diese Zeit charakterisiert ist in ihrem Zusammenhang mit den höheren Planen. Lohengrin ist der Gesandte, der Bote der Gralsritter. Die Gralsritter sind die Weiße Loge auf dem Montsalvatsch. Es war die Aufgabe der Sendboten des Grals, der Gralsritter, die alten Traditionen des echten, wahren Christentums immer wieder zu erneuern. Das hatte man auch da im Sinne, wo man über die Gralsburg und über den heiligen Gral selbst sprach. Man stellte sich die Gralsritter vor als die Hüter desjenigen, was durch das richtige Christentum in die Welt gekommen war. Angedeutet ist das auch im Johannes-Evangelium: Das Wort ist Fleisch geworden. - Was durch den Christus verklärt worden ist, das ist das physische Dasein selbst; er ist eingezogen in die physische Welt. Die anderen großen Persönlichkeiten sind Lehrer der Menschheit gewesen: Buddha, Zarathustra, Pythagoras, Moses - sie alle waren Lehrer. Sie sind der «Weg und die Wahrheit»; das «Leben» im okkulten Sinne ist erst Christus; daher heißt es: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. - Das Leben konnte erst seine Heiligung finden, wenn das Wort unmittelbar in den Menschenleib einzog. Dieses Herunterführen des Göttlichen auf den physischen Plan sollte immer wieder erneuert werden durch die Weiße Loge. Daher ist die Gralsschale dargestellt als dieselbe Schale, aus der Jesus das Abendmahl gereicht hat und in welcher Joseph von Arimathia das Blut auf Golgatha aufgefangen hat. So soll das Prinzip des Christentums bewahrt werden und fortleben, und neue Kraft soll ihm erteilt werden dadurch, daß in Fortsetzung der Apostel zwölf Gralsritter als Sendboten ausgeschickt werden, um neue Aufgaben zu übernehmen.

[ 10 ] Das war die Anschauung des ganzen Mittelalters, daß wenn eine wichtige Zivilisationsstufe erreicht werden soll, ein Chela, ein «Schwan» die Menschen unterrichten sollte. In einer solchen Weise hat Wolfram von Eschenbach die Geschichte angesehen und dargestellt. Wer in Richard Wagners Lohengrin zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird finden, daß Wagner, wenn auch nicht verstandesmäßig, so doch gefühlsmäßig, intuitiv gefühlt hat, daß da etwas Großes vorlag. Daher glaubte er an eine Wiedererneuerung der Kunst durch Anknüpfung an Übermenschliches. Im Mittelalter wurde das so dargestellt, daß, als Elsa von Brabant Lohengrin in diese Welt bannen wollte, er sich zurückzog, und zwar, wie Wolfram von Eschenbach sagt, nach Indien. Zuletzt wird auch die Gralsburg als in Indien liegend vorgestellt. Auch von den Rosenkreuzern heißt es, daß sie, als sie sich am Ende des 18. Jahrhunderts zurückzogen, nach Asien gegangen seien, nach dem Orient. Das ist die Geschichte der Städtegründung des Mittelalters, nach den Eintragungen in der Akasha-Chronik. Einzelheiten könnten vielleicht von anderen etwas anders dargestellt werden, im großen und ganzen werden sie aber immer damit übereinstimmen.