Occult Truths of Old Myths and Legends
Griechische und Germanische Mythologie
GA 92
15 Juli 1904, Berlin
4. Germanische Mythologie
[ 1 ] Sie wissen, daß, wenn wir zurückgehen in der Entwicklung unseres Geschlechtes, wir zu der atlantischen Wurzelrasse kommen, deren Reich der Boden des [heutigen] Atlantischen Ozeans ist. Und wenn wir noch weiter zurückgehen, dann kommen wir zur lemurischen Wurzelrasse; das ist eine Rasse, die Sie sich noch ganz anders in ihrer Organisation denken müssen als unsere heutige Wurzelrasse und selbst anders als die atlantische. Die Menschen wohnten auf einem Kontinente, der sich südlich von Vorder- und Hinterindien ausdehnte und der heute auch Meeresboden geworden ist. Einige Nachkommen dieser Bevölkerung sind noch in Australien vorhanden. Wo haben wir aber die zweite Menschenrasse zu suchen? Da ist schon zu berücksichtigen, daß auch die dritte Menschenrasse, die Lemurier, ganz anders ausgesehen hat als wir und auch ganz anders als die vierte Menschenrasse, die Atlantier. Die Lemurier haben nicht das gehabt, was wir Gedächtnis, Vorstellung, Verstand nennen; die Lemurier hatten dies erst im Keime entwickelt. Dagegen war die zweite Menschenrasse mit einer hohen Spiritualität begabt, die nur nicht in den Köpfen der Menschen saß, sondern die wie eine fortwährende Offenbarung von außen vorzustellen ist. Man nannte die zweite Menschenrasse die Hyperboräer. Sie wohnten um den Nordpol herum, in Sibirien, Nordeuropa mit Einschluß der Gebiete, die Meer geworden sind. Und wenn Sie sich dieses Land denken mit einer Art von tropischer Temperatur, so bekommen Sie ungefähr die Vorstellung, wie das Land damals war. Es war ursprünglich bevölkert von Menschen, welche als einzelne Individuen wie Traumwesen herumwandelten. Wären sie sich selbst überlassen gewesen, so würden sie gar nichts gekonnt haben. Es war sozusagen Weisheit in der Luft, in der Atmosphäre. Erst in der lemurischen Zeit fand die Ehe der Weisheit mit dem Seelischen statt, so daß wir uns vorher die ganze Geistigkeit der Menschen nebelhaft vorzustellen haben. Es waren das die Keime des nebligen Geistes und die Keime des Lichtgeistes. Die Geistigkeit, die als Keim in den Söhnen des Feuernebels aufging, die uns noch vertraut erscheint, die haben wir in den südlichen Gegenden zu suchen, in Lemurien. In den Gegenden, die von uns aus nördlich gelegen sind, lebten Menschen, Völker, die mit einem Traumbewußtsein begabt waren, das deutlicher war als das Pitribewußtsein. Im ganzen müssen wir uns nicht denken, daß die Menschen, die da oben wohnten, auch da oben geblieben sind. Sie haben Wanderzüge gemacht, die nach Süden gingen. Und diese Wanderzüge erstreckten sich noch lange in die Zeiten hinein, in denen im Süden die lemurische Rasse aufgesproßt war. Es gab sozusagen eine nördliche lemurische Rasse und eine südliche lemurische Rasse. Es waren zwölf große Wanderzüge. Diese zwölf großen Wanderzüge brachten die Bewohner der verschiedenen Gegenden allmählich miteinander in Berührung. Sie brachten diese Menschen auch in Gegenden, die den unsrigen nicht fernliegen, in Gegenden, die als mittleres Deutschland, Frankreich, Mittelrußland und so weiter angesprochen werden können.
[ 2 ] Nun müssen Sie sich vorstellen, daß wir von einer Zeit sprechen, in der das, was wir höhere Tiere nennen, schon vorhanden war. Die Lemurier wurden wie eine Art Riesen dargestellt, und diese kamen mit den von Norden kommenden Menschen in Berührung. Dadurch entstanden zwei Geschlechter. Es entstand ein Geschlecht, das in der Vorgeschichte der Menschheit die Grundlage der Atlantier wurde; alle diese Menschen vermischten sich damals in dem heutigen Europa. Wir dürfen uns das nicht so einfach vorstellen, wie das hier in Worte gefaßt wird. Nun gingen aus dieser Geschlechtervermischung der Hyperboräer, der Lemurier und später auch der Atlantier Initiierte hervor, die sich unterschieden von den Initiierten, die wir heute als unsere Lehrer anzusehen haben; diese letzteren stammen wesentlich aus dem Süden, dem lemurischen Kontinent. Im Norden entwickelte sich, ich möchte sagen eine Art von Nebelwelt, und die drei Hauptinitiierten, die wir hier auf dieser Menschheitsinsel zu suchen haben, sie nannte man in der Zeit, die selbst noch hineinragte bis in die Entstehung unseres Christentums: Wotan, Wili und We. Das sind die drei großen nordischen Initiierten. Sie leiteten ihren Ursprung her in ganz regelrechter Weise, in populärer Weise könnte man sagen aus dem Erdenreich, in dem noch ungemischt alles das enthalten war, was jetzt auf die Menschen verteilt ist. In populärer Weise könnte man sagen, es ist aus diesem Erdenreich hervorgegangen ein Geschlecht, das sehr unähnlich war der gegenwärtigen Menschheit. Dieses Geschlecht war beherrscht von einer Allweisheit. Diese Allweisheit nannten die lehrenden Priester «Allvater». Dann wird gesprochen von den zwei Reichen, von dem Nebelheim und dem Muspelheim. Das Nebelheim ist das Nifelheim des Nordens, der dämmernde Nebelzustand der hyperboräischen Wurzelrasse, im Gegensatz zu Muspelheim. Es werden geschildert zwölf Ströme, die sich gestaut haben und dann zu Eis wurden. Daraus entstand ein Menschengeschlecht, dessen Repräsentant der Riese Ymir war, und dann das Tiergeschlecht, die Kuh Audhumbla. Von Ymir stammten die Söhne der Reifriesen. Die Menschen, die schon verstandesbegabte Menschen waren, entstanden, auch im Sinne der «Geheimlehre», später. Und so erzählt auch die deutsche Sage, daß [die Nachkommen von Ymir und Audhumbla], Wotan, Wili und We, am Strande gingen und die Menschen bildeten. Damit sind jene Menschen der «Geheimlehre» gemeint, die erst später entstanden, und die mit Verstand begabt worden sind.
[ 3 ] In dieser urgermanischen Sage liegt eine alte Wahrheit. Es wird uns auch gesagt, wie später die zwei großen Züge waren, die vom fernen Osten nach dem Westen [und vom Westen nach dem Osten] gegangen sind. Wir haben uns vorzustellen, daß zuerst die keltische Bevölkerung da war, die dann eine Kolonie gebildet hat. Diese ursprüngliche keltische Bevölkerung stand ganz unter dem Einfluß ihrer Initiierten. Diese haben fortgepflanzt die ursprüngliche Lehre von Wotan, Wili und We und ihrer Priesterschaft. Die Kelten hatten Priester, die wir Druidenpriester nennen. Diese waren zentriert in einer großen Loge, in der nordischen Loge. Dies hat sich erhalten in der Sage vom König Artus und der Tafelrunde. Tatsächlich hat diese Loge der nordischen Initiierten bestanden, die heilige Loge der Ceridwen - die Weiße Loge des Nordens. Später wurde sie der Bardenorden genannt. Diese Loge bestand noch lange bis in die späteren Zeiten hinein. Aufgelöst wurde sie erst im Zeitalter der Königin Elisabeth. Dann zog der Orden sich ganz von dem physischen Plan zurück. Davon geht alles aus, was wir an altgermanischen Sagen haben. Alle germanische Dichtung geht zurück auf die ursprüngliche Loge von Ceridwen, die auch der Zauberkessel der Ceridwen genannt worden ist. Derjenige, welcher am meisten gewirkt hat noch bis herein in die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, das war der große Initiierte Meredin, der uns erhalten ist unter dem Namen des Zauberers Merlin. Er war genannt «der Zauberer der nordischen Loge».
[ 4 ] Dies ist alles in alten keltischen Geheimlehren direkt enthalten. Da finden Sie angedeutet, was die Initiierten des Ostens zu geben hatten. Und das, was ihnen der Kelte zurückgegeben hat, das war die Baldur-Sage, die Sage von dem Gott des Lichts und dem Gott der Finsternis. So haben die Initiierten des Westens langsam diese Sage an die Initiierten des Ostens herangebracht, in der wohlweislichen Absicht, ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Und in dem Glauben, daß da noch etwas nachkommen muß, haben sie zu dieser Sage noch etwas hinzugefügt, was noch in der Zukunft lag, nämlich den Untergang der Götter in der Zukunft. Baldur konnte dem Untergang nicht widerstehen. Es wurde daher ein zweiter Zug vorbereitet nach der Götterdämmerung. Es wurde gesagt, ein neuer Baldur würde erstehen, und dieser «neue Baldur», welcher dem Volke angekündigt wurde, ist kein anderer als der Christus. Hier im Norden konnten sich diese Dinge nicht gleich ausbilden wie im Süden, zum Beispiel in Griechenland. Im Norden waren mehr die männlichen Götter, im Süden war man mehr dem Kultus der Schönheit ergeben. Dem ganzen nordischen Element war etwas eigen, was lange bestanden hat, was aber gleichzeitig der Keim des Verderbens war, die Kampfnatur. Wir haben also im Norden Wotan, Wili und We und daneben Loki. Loki ist das Begehrliche, der Wunsch, und das macht die nordische Welt zu einer Kampfnatur, die in sich hat das Element der Walküren. Diese begeistern zum Kampf. Sie sind etwas, was das nordische Element immer hatte. Loki war der Sohn der Begierde; Hagen ist die spätere Form für den ursprünglichen Loki.
[ 5 ] Und nun noch einige Worte darüber, wie ein Initiierter beschaffen war in jener Zeit. Wenn er initiiert wurde und dadurch mit geistigen Mächten bekanntgemacht wurde, dann drückte man das so aus, daß man sagte: Er hat den Zug unternommen in das Reich der guten Toten, ins Alfen-Reich, nach Alfgard, damit er sich dort hole das Gold des Nifelheim - das Gold ist das Symbol für die Weisheit. Siegfried war der Initiierte des alten germanischen Elementes in der Zeit, als sich das Christentum verbreitete. Er war eigentlich unverwundbar, hatte aber noch eine verwundbare Stelle, weil in dieser nordischen Initiation noch Loki anwesend war, der Begierdengott in der Gestalt von Hagen. Hagen ist derjenige, welcher den Initiierten an der schwachen Stelle tötet. Brünhilde ist in der Nibelungen-Sage eine ähnliche Gestalt, eine ähnliche weibliche Gottheit wie die Pallas-Athene der Griechen. Im Norden bedeutet sie die Verkörperung des wilden, tötenden Kampfelementes. Den alten germanischen Initiierten haben Sie in Siegfried gegeben. Das Kampfelement ist ausgedrückt durch das alte germanische Rittertum. Da es vorzugsweise ein weltliches Element war, so mußte das weltliche Rittertum bis ins 8., 9., 10., 11. Jahrhundert hinein seinen Ursprung zurückführen auf Siegfried als einen Initiierten. Der Ursprung dieses Rittergeschlechts war die Tafelrunde des Königs Artus. Von dort aus kamen die großen Ritter, oder vielmehr, es mußten diejenigen, welche führende weltliche Ritter werden wollten, zur Tafelrunde des Königs Artus gehen. Dort lernte man weltliche Weisheit, aber es war dem beigemengt der Kampfeswille, das Loki-Hagen-Element.
[ 6 ] Im besonderen war im germanischen Element etwas vorzubereiten, was im nordischen Elemente ganz besonders herauskommen konnte. Hier konnte etwas vorbereitet werden, was mit der Entwicklung des Menschen auf dem physischen Plan zusammenhängt. Wir wissen, daß sich da abgespielt hat das Heruntersteigen des Höchsten bis zum physischen Plan; das Persönliche ist die Gestalt des Höchsten auf dem physischen Plan. Da entwickelte sich also das persönliche Element, die persönliche Kampftüchtigkeit, die vielleicht bei Hagen am höchsten ausgebildet war.
[ 7 ] Gehen wir zurück zu den Lemuriern. Bei den Lemuriern gab es noch nicht das, was der Mensch von heute die Liebe nennt. Eine Liebe zwischen Mann und Weib war nicht vorhanden. Es entstand wohl die Sexualität; aber die Liebe sollte erst später die Sexualität heiligen. Die Liebe im heutigen Sinne war auch bei den Atlantiern noch nicht vorhanden. Erst als das persönliche Element jene Wichtigkeit erlangt hatte, erst da konnte sich die Liebe entwickeln. Im Ausgange der lemurischen Zeit gab es in gewissen Gegenden ein eigentümliches System. Es wurde systematisch eine in bestimmten Gegenden lebende Menschheit in vier Gruppen geteilt. Dies wurde so aufgefaßt, daß niemals ein Mensch der ersten Gruppe - sagen wir der Gruppe A - einen Menschen aus der Gruppe B heiraten durfte. Es mußten sich verheiraten Menschen der Gruppe A mit Menschen der Gruppe C und Menschen der Gruppe B mit Menschen der Gruppe D. Dadurch wurde die persönliche Willkür vermieden, das heißt, es wurde dadurch das Persönliche ausgeschlossen. Es war diese Einteilung im Dienste der ganzen Menschheit getroffen. Damals war nichts darinnen von persönlicher Liebe. Erst langsam entwickelte sich die persönliche Willkür in der Liebe; das war nämlich die Liebe, die ganz auf den physischen Plan herunterkam, und dies wurde damals erst vorbereitet. Je weiter Sie zurückgehen in der Zeit, umso mehr werden Sie finden, daß die Erotik eine geringe Rolle spielt. Auch in der ersten Zeit der griechischen Dichter spielt sie fast keine Rolle. Aber sie spielt eine besondere Rolle in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Sie sehen da die Liebe in zweierlei Gestalt dargestellt, Sie sehen dargestellt die Liebe als Minne und als Begierde. Die Schicksale, die Siegfried erleiden mußte, waren die Folge der Hereinziehung des Persönlichen. Gehen Sie zurück nach Rom, und Sie werden finden, daß da die Ehe nach ganz anderen Grundsätzen geschlossen wurde. Auch in Griechenland hat man im Anfang keine persönliche Liebe gekannt; sie entstand erst später.
[ 8 ] Dann kam das Christentum nach Mitteleuropa. Wir haben gesehen, daß in Mitteleuropa in der ersten Zeit das Christentum mit Aufrechterhaltung des Alten eingeführt wurde. Langsam verwandelte sich die Vorstellung der Gestalt des Baldur in die Vorstellung der Gestalt des Christus. Das ging durch mehrere Generationen hindurch; Bonifatius fand deshalb schon einen vorbereiteten Boden.
[ 9 ] Die Sage vom König Artus und seiner Tafelrunde verband sich allmählich mit der Sage vom heiligen Gral. Diese Verbindung ist herbeigeführt worden durch einen wirklichen Initiierten des 13. Jahrhunderts, durch Wolfram von Eschenbach. Die SiegfriedInitiation war noch die alte Initiation. Dabei spielte noch die weltliche Ritterschaft eine Rolle und die Gefahr, durch das Element der Begierde und der Eigenliebe verraten zu werden. Erst wenn man dieses Element überwunden hatte, erst wenn man es ganz von sich abgetan hatte und wenn man vom Prinzip der weltlichen Ritterschaft zum Prinzip der geistigen Ritterschaft aufgestiegen war, dann konnte man die geistige Initiation erreichen. Das stellt Wolfram von Eschenbach im Parzival dar. Zuerst gehört Parzival dem weltlichen Rittertum an. Sein Vater ist durch Verrat bei dem Zug nach dem Orient ums Leben gekommen. Dem liegt zugrunde, daß der Vater schon nach höherer Initiation gesucht hat; aber weil er noch das Element der alten Initiation innehatte, wurde er verraten. Durch seine Mutter Herzeleide sollte Parzival entfremdet werden dem physischen Plan; eine Narrenkappe setzte sie ihm auf. Dennoch wird Parzival erfaßt von dem Strome des weltlichen Rittertums und kommt so an den Hof des Königs Artus. Daß Parzival bestimmt ist für die christliche Strömung, wird uns angedeutet dadurch, daß er nach der Burg des heiligen Gral kommt. Es ist ihm eine wichtige Lehre mitgegeben worden: nicht viel zu fragen. Dies bedeutet nichts anderes, als den Ruhepunkt in seinem Innern zu finden, innere Ruhe und Frieden gefunden zu haben und nicht mehr neugierig durch die äußere Welt zu gehen. Parzival fragt auch nicht, als er Einlaß will in die Burg. Er wird daher zuerst abgewiesen. Dann aber kommt er doch zum kranken Amfortas. Er wird durch die christliche Initiation höher geführt.
[ 10 ] Wo Sie Wolfram von Eschenbach aufschlagen, Sie werden überall finden, daß er ein Eingeweihter war. Er hat diese zwei Sagenkreise verbunden, weil er wußte, daß das schon geschehen war, was wir die Vereinigung der Artus-Loge mit der Grals-Loge nennen. Die Artus-Loge ist ganz in der Grals-Loge aufgegangen.
