Cosmogony
GA 94
26 May 1906, Paris
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An Esoteric Cosmology, tr. Querido
Zweiter Vortrag
II. The Mission of Manicheism
[ 1 ] Vor und nach der Begründung des Christentums hat es okkulte Bruderschaften gegeben. Auch jetzt gibt es noch Bruderschaften, in welchen okkultes Leben gepflegt wird. Der Unterschied zwischen den vorchristlichen und nachchristlichen okkulten Bruderschaften besteht darin, daß die vorchristlichen im wesentlichen die Aufgabe hatten, die geheiligten Überlieferungen zu bewahren, während den christlichen in erster Linie zum Ziel gesetzt wurde, die Zukunft vorzubereiten. Die okkulte Wissenschaft ist nämlich keine abstrakte, tote Wissenschaft, sondern eine tätige und lebendige. Die okkulten Bruderschaften sind fähig, ins Leben einzugreifen, und die Teilnahme am Entwickelungsgang der Menschheit ist ihre Aufgabe.
[ 1 ] The purpose of this lecture is to expand and deepen what was said in the preceding lecture. The difference between Occult Brotherhoods before and after Christianity is that before the advent of Christianity their chief mission was to guard the sacred tradition; afterwards, it was to form and mould the future. Occult science is not abstract and dead but active and living.
[ 2 ] Der christliche Okkultismus geht zu einem bedeutenden Teil auf die Manichäer zurück, deren Überlieferung lebendig geblieben ist. Ihr Begründer Manes hat drei Jahrhunderte nach Christus gelebt. Auch Augustinus, der Kirchenvater, hatte ursprünglich der Gemeinschaft der Manichäer angehört. Ein Kernpunkt der manichäischen Lehre ist der Satz vom Guten und vom Bösen. Für die landläufige Anschauung bilden das Gute und das Böse zwei absolute, miteinander unvereinbare Gegensätze, von denen das eine das andere ausschließt. Dagegen ist das Böse nach der Ansicht der Manichäer ein integrierender Bestandteil des Kosmos, es arbeitet an dessen Evolution mit und muß zuletzt durch das Gute absorbiert, verwandelt werden. Den Sinn von Gut und Böse, von Lust und Schmerz in der Welt zu studieren, ist die große, einzigartige Mission der Manichäer.
[ 2 ] Christian occultism is derived from the Manicheans whose founder, Manes, lived on the Earth three hundred years after Jesus the Christ. The essence of Manichean teaching relates to the doctrine of Good and Evil. In ordinary thought, the Good and the Evil are two irreducible qualities, one of which—the Good—must destroy the other—the Evil. To the Manicheans, however, Evil is an integral part of the cosmos, collaborating in its evolution, finally to be absorbed and transfigured by the Good. The great feature of Manicheism is that it studies the function of Evil and of suffering in the world.
[ 3 ] Um die Entwickelung der Menschheit zu begreifen, ist es notwendig, sie von weitem und aus der Höhe zu betrachten und in ein umfassendes Ganzes einzuordnen. Nur unter dieser Bedingung können wir uns eine hohe, ideale Vorstellung davon bilden. Und es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, man könne des Ideals bei dieser Unternehmung entraten. Ein Mensch ohne Ideal ist ein Mensch ohne Energie. Das Ideal spielt im Leben dieselbe Rolle wie der Dampf in der Maschine. Der Dampf schließt gewissermaßen auf kleinem Raum eine unendliche Fülle von kondensiertem Raum ein, daher seine intensive Ausdehnungskraft. Von gleicher Art ist aber auch die magische Kraft des Gedankens im Leben. Erheben wir uns also zum gedanklichen Ideal der Menschheit in ihrer Gesamtheit, erfühlen wir den Faden, der ihre Evolution durch.die Epochen hindurch leitet.
[ 3 ] To understand the development of humanity, it must be viewed in its whole range. Only so can we see its high ideal. To believe that an ideal is not necessary for action is a great error. A man without ideals is a man without power. The function of an ideal in life is like that of steam in an engine. Steam comprises in a small area a vast expanse of ‘condensed space’—hence its tremendous power of expansion. The magic power of thought is of the same nature. Let us then rise to the thought of the ideal of humanity as a whole, guided by the thread of its evolution through the epochs of time.
[ 4 ] In gleicher Weise suchen Weltanschauungssysteme wie dasjenige von Darwin diesen durchlaufenden Faden. Man braucht die Größe des Darwinismus nicht zu leugnen. Aber er erklärt nicht die innere Entwickelung des Menschen; er sieht nur dasjenige, was sich auf das Äußerliche bezieht. Es verhält sich damit ebenso wie mit jeder rein physischen Erklärung, welche die spirituelle Wesenheit des Menschen mißachtet. So schreibt die evolutionistische Hypothese, die sich rein auf physische Tatsachen stützt, dem Menschen einen tierischen Ursprung zu, weil sie beim fossilen Menschen eine niedrige, zurückgebliebene Stirn konstatiert hat. Dagegen sieht der Okkultismus, für den der physische Mensch nur der Ausdruck des ätherischen Menschen ist, die Sache ganz anders an. Tatsächlich hat der Ätherleib des Menschen etwa die gleiche Form wie sein physischer Körper, über den er nur leicht hinausragt. Aber je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto mehr herrscht ein Mißverhältnis zwischen dem Ätherkopf und dem physischen Kopf, desto größer ist der Ätherkopf. So erscheint er tatsächlich in einer Periode der Erdentwickelung, die der unsrigen vorangegangen ist. Die damals lebenden Menschen hießen Atlantier. In der Tat beginnen die Geologen die Spuren der alten Atlantier zu entdecken: Mineralien, Pflanzen von diesem alten Erdteil, der im Ozean versunken ist, der seinen Namen trägt. Noch hat man nicht Spuren vom Menschen gefunden, aber das wird nicht auf sich warten lassen. Sogar in der Zeitschrift «Kosmos», die für die Ideen Haeckels eintritt, ist ein Aufsatz von Theodor Arldt erschienen, in dem aus den Spuren von Fauna und Flora hypothetisch auf die Existenz eines versunkenen Erdteils Atlantis geschlossen wird. Okkulte Forschung ist prophetisch, und die Naturforschung folgt ihr nach.
[ 4 ] Systems like that of Darwin are also seeking for this guiding thread. The grandeur of Darwinian thought is not disputed, but it does not explain the integral evolution of man. It only sees the lower, inferior elements. So it is with all purely physical explanations which do not recognise the spiritual essence of man's being. Theories of evolution based entirely on physical facts, attribute to man an animal origin because science has established that in fossilised man the brow is lacking. Occultism, knowing that physical man is but an expression of etheric man, sees something very different. At the present point of time, the etheric body of man has practically the same form as his physical body, although extending a little beyond it. But the farther back we go in history, the greater is the difference in size between the etheric head and the physical head. The etheric head is found to be much larger. Especially was this so in the period of earthly development which precedes our own. The men living at that time were Atlanteans. Geologians, indeed, are beginning to discover traces of ancient Atlantis, of the minerals and flora of this ancient continent now submerged under the ocean that bears its name. Traces of man himself have not yet been discovered but that is only a matter of time. Occult prophecies have always preceded authentic history.
[ 5 ] Bei den europäischen Rassen, die auf die Atlantier gefolgt sind, hat die Stirnpartie des Kopfes begonnen, sich weiter zu entwickeln. Aber bei den Atlantiern lag der Punkt, wo sich das Bewußtsein konzentrierte, außerhalb der Stirn, im Ätherkopf. Heute finden wir ihn im Inneren des physischen Kopfes, ein wenig oberhalb der Nase.
[ 5 ] The frontal part of the human head began to develop in the European races which followed those of Atlantis. The focus-point of consciousness in the Atlanteans lay outside the brow, in the etheric head. Today it lies within the physical head, a little higher than the nose.
[ 6 ] Was die germanische Mythologie mit dem Namen Niflheim oder Nebelheim - Wolkenheim - bezeichnet, das ist das Land der Atlantier. Die Erde war zu dieser Zeit in der Tat wärmer und noch umhüllt von einer konstanten Dampfhülle. Der atlantische Kontinent ging unter durch eine Reihe von sintflutartigen Wolkenbrüchen, in deren Verlauf die Erdatmosphäre sich lichtete. Erst dann entstanden blauer Himmel, Gewitter, Regen und Regenbogen. Aus diesem Grunde sagt die Bibel, daß, nachdem die Arche des Noah gelandet war, der Regenbogen zum neuen Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Menschen wurde.
[ 6 ] Nifelheim or Nebelheim (the land of mists) in Germanic mythology is the country of the Atlanteans. In that age the Earth was hotter and still enveloped by vaporous clouds. The continent of Atlantis was destroyed by a series of deluges, as a consequence of which the terrestrial atmosphere cleared,—Then and only then came the blue sky, the storm, rain, the rainbow. That is why the Bible says that when Noah's Ark had come to rest, the rainbow, the “bow in the cloud” was a new token of alliance between God and man.
[ 7 ] Das Ich der arischen Rasse konnte erst zum Selbstbewußtsein kommen durch die Zentralisierung des Ätherleibes im physischen Gehirn. Erst da fing der Mensch an, zu sich selbst «Ich» zu sagen. Die Atlantier sprachen von sich selbst in der dritten Person. Der Darwinismus hat große Irrtümer begangen bezüglich der Differenzierung, die er zwischen den tatsächlich auf der Erde sich findenden Rassen festsetzte. Die höheren Rassen stammen nicht von den niederen ab, sondern im Gegenteil: die niederen Rassen sind Entartungserscheinungen der höheren Rassen, die ihnen vorangegangen sind. Nehmen wir einmal an, wir sähen zwei Brüder, von denen der eine intelligent und schön, der andere häßlich und beschränkt ist. Was würde man von einem Menschen sagen, der glauben würde, daß der intelligente Bruder von dem idiotischen abstamme? Auf dieser Linie liegt der Irrtum des Darwinismus in bezug auf die Rassen. Der Mensch und das Tier haben einen gemeinsamen Ursprung. Die Tiere sind eine Dekadenzerscheinung von einem gemeinsamen Vorfahren, von dem der Mensch den höheren Entwickelungsgrad darstellt.
[ 7 ] The ‘I’ of the Aryan race could only be consciously realised when the etheric body was centralised in the physical brain. Not until then could man begin to say: ‘I.’ The Atlanteans spoke of themselves in the third person. Darwinism has made many errors in regard to the differentiation expressed by the races actually existing on the Earth. The higher races have not descended from the lower races; on the contrary, the latter represent the degeneration of the higher races which have preceded them. Suppose there are two brothers—one of whom is handsome and intelligent, the other ugly and dull-witted. Both proceed from the same father. What should we think of a man who believed that the intelligent brother descends from the idiot? That is the kind of error made by Darwinism in regard to the races. Man and animal have a common origin; the animals represent a degeneration of the one common ancestor, whose higher development comes to expression in man.
[ 8 ] Das braucht uns nicht hoffärtig zu machen, denn nur den niederen Reichen ist es zu danken, daß die höheren sich entwickeln konnten.
[ 8 ] This should not give rise to pride, for it is only thanks to the lower kingdoms that the higher races have been able to develop.
[ 9 ] Der Christus, der den Aposteln die Füße wäscht (Joh.-Ev. 13) ist das Sinnbild der Demut des Initiierten vor den unter ihm Stehenden. Der Eingeweihte dankt seine Existenz nur den Nichteingeweihten. Daher die tiefe Demut der wahrhaft Wissenden vor denen, die nicht wissen. Es ist die tiefe Tragik der kosmischen Entwickelung, daß eine Menschenklasse sich erniedrigen muß, damit eine andere emporsteigen kann. In diesem Sinne kann man das schöne Wort des Paracelsus würdigen: Ich habe alle Wesen betrachtet: Steine, Pflanzen, Tiere, und sie sind mir wie zerstreute Buchstaben erschienen, im Verhältnis zu denen der Mensch das lebendige und vollständige Wort bildet.
[ 9 ] Christ washes the feet of the Apostles. That is a symbol of the humility of the Initiate in face of his inferiors. The Initiate owes his existence to those who are not initiated. Hence the deep humility of those who truly know in face of those who do not. The tragic aspect of cosmic evolution is that one class of beings must abase themselves in order that the other may rise. In this sense we can appreciate the beauty of Paracelsus' words: “I have observed all beings—stones, plants, animals—and they seem to me nothing but scattered letters, man being the word, living and whole.”
[ 10 ] Im Laufe der menschlichen und tierischen Evolution stammt das Untere vom Oberen ab; das, was fällt und stirbt, fällt ab vom Lebendigen. Man behauptet, Lebendiges entstehe aus TTotem. In Wirklichkeit entsteht aber das Tote aus dem Lebendigen. Steinkohle, Kalkschalen und anderes sind Absonderungen des Lebendigen. Wir sehen ja auch beim Menschen, daß zuerst Knorpel da sind und dann Knochen. Unsere Knochen sind Verhärtungen aus einem weicheren Knorpelgerüst. So sind auch die Steine Verhärtungen aus einem lebendigen Erdorganismus. Heute hat der Mensch noch etwas in sich, was er zurücklassen wird. Und damit kommen wir wieder zum Manichäismus.
[ 10 ] The animals are crystallised passions. In the course of human and animal evolution the inferior descends from the superior. The contradictions in man, the way in which the elements mingle in him, constitute his karma, or destiny. Just as man has wrested himself from the animal so will he wrest himself from evil. But never yet has he passed through a crisis as severe as that of the present age.
[ 11 ] Wie früher die Tierheit im Menschen war, so sind es jetzt die beiden Gegensätze Gut und Böse, Wahrheit und Unwahrheit in ihm. Diese Widersprüche, die Art, wie sich diese Elemente in ihm mischen, bilden sein Karma, sein Schicksal. Einst wird er das Böse als objektive Gebilde hinter sich lassen. Das finden wir in allen apokalyptischen Darstellungen. Und heute schon erzieht der Manichäismus seine höherentwickelten Jünger so, daß sie Erlöser der Hinuntergestoßenen werden. Wer könnte leugnen, daß es schon heute eine Entwickelung gibt, die zum Egoismus treibt, und eine andere, die zur Selbstlosigkeit führt? Ebenso wie sich der Mensch von der Tierheit befreit hat, wird er sich vom Bösen befreien. Aber noch nie ist er durch eine heftigere Krise hindurchgegangen als zur gegenwärtigen Stunde.
[ 11 ] Evil and the good are still within man just as in days of yore the animals were within him. The aim of Manicheism is to sublimate men to be redeemers.
[ 12 ] Wer aller Herr ist, muß aller Diener werden. Das muß als große Notwendigkeit kommen. Die wahre Moral entspringt aus der Erkenntnis der großen Weltgesetze. Die großen Ideen sollen die Spannkraft erzeugen, die im kleinen unsere Ideale vorwärtstreibt. In stillen Augenblicken unseres Lebens müssen wir uns zu den großen Evolutionsideen erheben.
[ 12 ] The Master must be the servant of all.
