Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Kosmogonie
GA 94

7 Juni 1906, Paris

Elfter Vortrag

[ 1 ] Was gewöhnlich nach dem Sanskrit als Devachan bezeichnet wird, ist der lange Zeitraum, der zwischen dem Tode eines Menschen und einer neuen Geburt verfließt. Nach dem Tode lernt die Seele zuerst auf dem Astralplan, die an ihren Körper gebundenen Instinkte sich abzugewöhnen. Sie geht dann über in das Devachan, wo sie ein langes Leben zwischen zwei Inkarnationen verbringt. Wie die Astralwelt ist die Welt des Devachan kein Ort, sondern ein Zustand. Sie umgibt uns auch noch in diesem gegenwärtigen Leben, aber wir nehmen nichts davon wahr. Um den devachanischen Zustand vergleichsweise zu begreifen, ebenso die Einwirkungen des Devachan im Erdenleben und im Leben des Kosmos, wird es das beste sein, noch einmal vom Schlafzustand auszugehen.

[ 2 ] Der Schlaf ist für die weitaus größte Mehrheit der Menschen ein rätselhafter Zustand. Im Schlaf bleibt der Ätherleib des Menschen mit dem eingeschlafenen Körper verbunden und setzt seine vegetative und erneuernde Arbeit fort. Aber der Astralleib und das Ich des Individuums lösen sich von dem eingeschlafenen Körper, um ein selbständiges Leben zu führen.

[ 3 ] Während des Tages verzehrt unser ganzes bewußtes Leben den physischen Leib. Vom Morgen bis zum Abend verbraucht der Mensch seine Kraft, der Astralleib übermittelt dem physischen Leib Empfindungen und Eindrücke, die diesen verbrauchen und erschöpfen. In der Nacht betätigt sich der Astralleib dagegen auf eine ganz andere Weise. Er übermittelt keine Eindrücke mehr von außen, sondern er verarbeitet diese Eindrücke und schafft Ordnung und Harmonie, wo das Leben des Tages Unordnung und Disharmonie durch das Chaos der Wahrnehmungen geschaffen hatte. Am Tage verhält sich der Astralleib also passiv; da ist er Empfänger und Übermittler. In der Nacht ist seine Rolle aktiv, nämlich ordnend und aufbauend, um die verbrauchten Kräfte zu ersetzen.

[ 4 ] Die Beschaffenheit des Menschen in seinem gegenwärtigen Zustand bringt es mit sich, daß sein Astralleib nicht zu gleicher Zeit diese nächtliche Aufbauarbeit leisten und wahrnehmen kann, was um ihn in der Astralwelt vorgeht. Wie kann man den Astralleib von seiner Arbeit entlasten, um ihn für das Leben in der Astralwelt frei zu machen?

[ 5 ] Das Verfahren des Adepten zur Befreiung seines Astralleibes besteht darin, daß er die Gefühle und Gedanken pflegt, die schon durch sich selbst einen bestimmten, dem physischen Körper mitteilbaren Rhythmus besitzen, und auf der anderen Seite alle diejenigen Gefühle und Gedanken zu vermeiden, die Unordnung und Zerrüttung in ihn hineintragen. Er verschmäht es, sich extremen Freude- und Schmerzgefühlen zu überlassen und gibt ein Vorbild für völliges seelisches Gleichgewicht.

[ 6 ] Ein oberstes Gesetz beherrscht die Natur, das ist der Rhythmus. Wenn der Mensch die zwölfblättrige Lotusblume entwickelt hat, die sein astrales und geistiges Wahrnehmungsorgan darstellt, kann er über seinen Körper verfügen und ihm einen neuen Rhythmus geben, der die Ermüdungserscheinungen in ihm aufhebt. Dank diesem Rhythmus und dieser Wiederherstellung der Harmonie hat der Astralleib nicht mehr nötig, während der physische Leib schläft, seine Wiederaufbauarbeit zu vollziehen, ohne welche der physische Leib zerfallen würde.

[ 7 ] Das ganze Tagesleben besteht durchweg in einer Zerrüttung unseres physischen Leibes. Alle Krankheiten haben ihren Ursprung in Ausschweifungen des Astralleibes. Wer zum Beispiel im Übermaß ißt, erweckt in seinem Astralleib Begierden nach Genüssen, die auf seinen physischen Leib zerstörend zurückwirken. Er ruiniert seinen Leib, um sich chaotisierende Genüsse zu verschaffen. Das ist der Grund, warum gewisse Religionen das Fasten vorschreiben. Durch das Fasten wird der Astralleib weniger belastet, er wird ruhiger und löst sich teilweise vom physischen Leibe. Seine Schwingungen werden besänftigt und verschaffen dem Ätherleib einen regelmäßigen Rhythmus. Das Fasten ermöglicht also dem Ätherleib, seinen Rhythmus zu bewahren. Es bringt das Leben, nämlich den Ätherleib und die Form, das heißt den physischen Leib in Harmonie und stellt damit zugleich die Harmonie zwischen der Welt und dem Menschen her.

[ 8 ] Jetzt wollen wir sehen, welche Rolle der Astralleib während des Schlafes spielt. Wo befindet sich während dieser Zeit das Ich des Menschen? Genau gesprochen im Devachan. Aber im Schlaf haben wir keinerlei Bewußtsein. Es gilt, den traumerfüllten Schlaf vom Tiefschlaf zu unterscheiden. Der traumerfüllte Schlaf entspricht dem Astralbewußtsein. Der traumlose Tiefschlaf, der sich nach den ersten Träumen einstellt, entspricht dem Devachanzustand. Daran erinnern wir uns nicht, weil dieser Zustand dem gewöhnlichen physischen Gehirn nicht bewußt wird. Der Eingeweihte besitzt die Kontinuität des Bewußtseins während des Wachzustandes, des Schlafes mit Träumen und des traumlosen Schlafes. Er verbindet diese drei Zustände im Ganzen seines Daseins.

[ 9 ] Untersuchen wir jetzt die Situation des Menschen nach seinem Tode im Devachan. Nach einer bestimmten Zeit löst sich der Ätherleib in den Kraftströmungen des Lebensäthers auf. Was ist nun die Aufgabe des Astralleibes und des Bewußtseins? Es handelt sich für Ich und Astralleib darum, sich einen neuen Ätherleib für die nachfolgende irdische Existenz aufzubauen. Der Aufenthalt im Devachan ist zum Teil dem Erwerb dieser Fähigkeiten gewidmet. In der Tat ist die Substanz des Ätherleibes wie diejenige des physischen Leibes nicht von Dauer. Diejenige des physischen Leibes wechselt dauernd, in der Weise, daß sie im Verlauf von sieben Jahren vollständig erneuert wird. Ebenso erneuert sich die Äthersubstanz, obwohl ihre Form und ihre Struktur einheitlich unter der Obhut des höheren Ich bleibt. Beim Tode kehrt diese Substanz vollständig in die Ätherwelt zurück, und ebensowenig wie beim physischen Leib bleibt etwas davon von einer Inkarnation zur anderen erhalten. Die aufeinanderfolgenden Inkarnationen vollziehen sich also mit jedesmal völlig neuen Ätherleibern, und das ist der Grund, warum die Physiognomie und die Leibesform von einer Inkarnation zur anderen derart wechseln. Sie hängen nicht vom Willen des Individiuums ab, sondern von seinem Karma, von seinem Gefühlsleben und seinen unbewußten Willenstrieben.

[ 10 ] Ganz anders verhält es sich bei einem Geistesschüler, der eine Einweihung durchmacht. Er entwickelt seinen Ätherleib schon hier unten in der Weise, daß er ihm Dauer verleiht und ihn befähigt, nach dem Tode in das Devachan einzutreten. Er ist genügend fortgeschritten, um schon hier auf der Erde im Schoß seiner Ätherkräfte den Lebensgeist zu erwecken, der eines seiner drei unvergänglichen Wesensglieder bildet. Dieser zum Lebensgeist umgewandelte Ätherleib wird im Sanskrit Budhi genannt. Hat der Schüler diesen Lebensgeist erlangt, hat er es nicht mehr nötig, zwischen zwei Inkarnationen seinen Ätherleib vollständig umzubilden. Er verbringt dann eine wesentlich kürzere Zeit im Devachan. Daher zeigt er von einer Inkarnation zur anderen dieselbe Grundveranlagung, das gleiche Temperament, den gleichen Grundcharakter. Wenn der okkulte Meister es dazu gebracht hat, nicht nur seinen Ätherleib, sondern auch noch seinen physischen Leib bewußt zu lenken, entsteht ebenfalls ein geistiges Wesensglied, das man im Sanskrit Atma nennt, das heißt Geistesmensch. Auf diesem Grade angekommen, behält der Eingeweihte bei jeder Inkarnation auf der Erde die Züge seiner physischen Erscheinung bei. Er bewahrt sein Gesamtbewußtsein beim Übergang vom Erdenleben zum himmlischen Leben und von einer Inkarnation zur anderen. Daher stammt die Legende von den Eingeweihten, die tausend oder zweitausend Jahre leben. Das heißt, daß es für sie weder ein Kamaloka noch ein Devachan gibt, sondern ein durchgehendes Bewußtsein jenseits von Toden und Geburten.

[ 11 ] Man macht manchmal bezüglich der Wiederverkörperung folgenden Einwand: Wenn der Mensch seine Aufgabe auf der Erde erfüllt hat, so kennt er sie; warum muß er dann wiiederkommen? — Der Einwand wäre richtig, wenn der Mensch auf dieselbe Erde wiederkäme. Aber da er in der Regel erst im Laufe von zweitausend Jahren wiederkommt, findet er eine neue Natur, eine neue Erde und Menschheit, denn sie haben sich entwickelt, und so kann er jedesmal Neues lernen und eine neue Mission erfüllen.

[ 12 ] Diese Perioden der Erneuerung der Erde, welche für die Zeit der Wiederverkörperungen bestimmend sind, werden selbst wiederum bestimmt durch den Durchgang der Sonne durch die Tierkreiszeichen. Acht Jahrhunderte vor Christus hatte die Sonne ihren Frühlingspunkt im Zeichen des Widders. Einen Widerschein davon sehen wir in der Legende vom Goldenen Vlies und in der Bezeichnung «Lamm Gottes» für den Christus. 2160 Jahre früher befand sich der Frühlingspunkt der Sonne im Zeichen des Stieres. Das hat seinen Einfluß auf die Kulte, so auf den des Apisstieres in Ägypten oder den Mithraskult in Persien. Wiederum 2160 Jahre früher befand sich der Frühlingspunkt in den Zwillingen, was sich in der Kosmogonie des alten Persien und in den gegensätzlichen Gestalten von Ormuzd und Ahriman widerspiegelt. Als die atlantische Zivilisation zu Ende geht und die Zeit der Veden sich ankündigt, hat die Sonne ihren Frühlingspunkt im Krebs, dessen Zeichen man folgendermaßen schreibt:77=%. Damit ist das Ende einer Periode und der Beginn einer neuen bezeichnet.

[ 13 ] Die Völker haben immer ein Bewußtsein von der Wichtigkeit der Beziehungen gehabt, die sie mit den Konstellationen verbinden. In der Tat unterliegen die großen Menschheitsperioden dem Einfluß der himmlischen Umschwünge, dem Gang der Erde in Beziehung zu Sonne und Sternen.

[ 14 ] Diese Tatsache erklärt den Unterschied der Epochen und gibt den Verkörperungen, die sich in jeder dieser Epochen vollziehen, einen neuen Sinn. Denn 2160 Jahre bilden den Zeitraum, der nötig ist für je eine männliche und eine weibliche Inkarnation, das heißt für die zwei Aspekte, unter denen sich der Mensch den ganzen Erfahrungsschatz einer Epoche erwirbt.

[ 15 ] Was ist es, das auf der Erde eine neue Flora und eine neue Fauna hervorbringt? Das sind die Devas und die Gestalten des Devachan.

[ 16 ] Darwin sucht die Erdenevolution durch den Kampf ums Dasein zu erklären, womit in Wirklichkeit nichts erklärt ist. Für den Okkultisten sind es die formenden Wirkungen aus dem Devachan, welche die Flora und die Fauna ändern. Je weiter der Mensch fortgeschritten ist, desto mehr kann er an dieser Arbeit teilnehmen. Die Tätigkeit des Menschen ist von um so größerem Einfluß auf die Formen der Natur, als er sein Bewußtsein entwickelt hat. Der Initiierte kann in der Welt arbeiten, wo die neuen Pflanzen ihren Ursprung nehmen. Denn das Devachan ist das Gebiet, wo die Vegetation Form gewinnt. Im Kamaloka, der Astralwelt, arbeitet der Mensch am Aufbau des Tierreiches. Das Kamaloka ist in der Mondensphäre, während das Devachan mit der Sonne zusammenhängt.

[ 17 ] So ist der Mensch mit allen Naturreichen verknüpft. Plato spricht vom Symbol des Kreuzes, indem er sagt, daß die Weltseele in Kreuzesform auf den Weltenleib geheftet sei. Was bedeutet dieses Kreuz? Es ist die Seele, die durch alle Naturreiche hindurchgeht. In der Tat hat die Pflanze, im Gegensatz zum Menschen, ihre Wurzel oder, wenn man so will, ihr Haupt, Trägerin der Ernährungskräfte, unten, und wendet im Gegensatz dazu ihre Fortpflanzungsorgane keusch nach oben, der Sonne zu. Das Tier nimmt in einer meist horizontalen Lage eine Mittelstellung ein. Der Mensch und die Pflanze sind vertikal gerichtet und bilden zusammen mit dem horizontal gerichteten Tier ein Kreuz, das Weltenkreuz.

[ 18 ] In künftigen Zeiten wird die Teilnahme des nach dem Tode in den höheren Welten weilenden Menschen am Aufbau der niederen Reiche eine bewußte sein. Das Bewußtsein wird die Beziehungen in der Weise dirigieren, daß einer neuen Flora immer eine neue menschliche Kultur entspricht. Die göttliche Mission des Geistes ist es, die Zukunft zu schmieden. Es wird dann weder Wunder noch Zufall geben. Flora und Fauna werden in Freiheit Ausdruck der verwandelten menschlichen Seele sein.

[ 19 ] Die Arbeit auf der Erde vollzieht sich von zwei Seiten her: durch die Devas, die Götter, und durch den Menschen.

[ 20 ] Wenn wir eine Kathedrale bauen, arbeiten wir im Mineral. Die Gebirge zu beiden Seiten des Nil sind das Werk der Götter, die Tempel an seinen Ufern sind das Werk der Menschen. Und beide haben das gleiche Ziel: die Verwandlung der Erde.

[ 21 ] Später wird der Mensch lernen, alle Reiche der Natur mit demselben Bewußtsein zu formen, mit dem er jetzt das Mineralreich formt. Er wird die Lebewesen formen und wird die Arbeit der Götter auf sich nehmen. So wird er die Erde ins Devachan verwandeln.