Kosmogonie
Populärer Okkultismus
GA 94
6 Juli 1906, Leipzig
Neunter Vortrag
[ 1 ] Es wird uns in den folgenden Vorträgen die Entwickelung des Menschen und der Erde selbst und des ganzen Sonnensystems beschäftigen, ferner die Methoden der okkulten, inneren Trainierung, insbesondere der Unterschied zwischen orientalischer und abendländischer Einweihung, dann die christliche Einweihung, wie sie seit Johannes üblich ist, dem Verfasser des Johannes-Evangeliums und der Apokalypse.
[ 2 ] Die okkulte Forschung über die Entwickelung des Menschen geht weit hinter die Zeiten zurück, von denen uns Geschichte und Naturwissenschaft berichten. Woher weiß der Okkultist diese längst vergangenen Dinge? Er erfährt und erforscht sie aus der Akasha-Chronik. Diese lebendige Chronik der geistigen Welt enthält die Dokumente und Tatsachen, von denen wir sprechen werden. Sie stehen mit den Forschungsergebnissen der Naturwissenschaft vollständig im Einklang. Auch die äußere Naturwissenschaft fängt Jetzt an, sich mit der Atlantis zu beschäftigen. Für die okkulte Forschung war diese Atlantis stets vorhanden und bekannt. Wichtig ist, daß das, was mit Augen gesehen werden kann, der modernen Naturwissenschaft allerdings besser bekannt ist als Früheres, dafür aber die alte Wissenschaft der Mysterien über umfassendere, gewaltigere Wirklichkeiten Bescheid wußte. Was die moderne Naturwissenschaft noch nicht zugibt, nämlich daß auch der Mensch schon in Atlantis gelebt hat, das bringt der Okkultismus als eine Tatsache vor. Unsere Vorfahren, die Völker, die auf unserem Kontinent leben, stammen alle von den Atlantiern ab. Freilich sah der atlantische Mensch, den damaligen Erdenverhältnissen angepaßt, ganz anders aus als der heutige Mensch. Atlantis hatte ein ganz anderes Klima, und daher eine ganz andere Verteilung von Luft und Wasser. Es war ein Nebelland. Den Wechsel von Regen und Sonnenschein gab es deshalb damals noch nicht. Es war alles in Wolken eingehüllt, nur der Feuchtigkeitsgrad wechselte. Erst als die Wasserfluten sich verlaufen hatten und die Atlantis untergegangen war, entstand der Wechsel von Regen und Sonnenschein, was wir auch im Alten Testament nachlesen können. Dort ist vom Regenbogen die Rede, den Noah nach der Sintflut gesehen hat.
[ 3 ] Die religiösen Urkunden können von vier Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Erstens: Naiv und wörtlich genommen. Zweitens: Vom Standpunkt der Wissenschaft aus, die sich für klüger hält als die Verfasser dieser Urkunden. Drittens: Allegorisch-symbolisch in der Auslegung. Diese Art der Auslegung kann sehr geistreich sein, aber sie ist vielfach willkürlich. Viertens: Vom okkulten Standpunkt aus, indem man die Tatsachen, die in der eigentümlichen Sprache derartiger Dokumente verfaßt sind, wiederum exakt auffaßt und dadurch wieder ein wörtliches Verständnis gewinnt. So ist zum Beispiel der Regenbogen des Noah kein Symbol, sondern der Ausdruck dafür, daß nach dem Untergang der Atlantis und dem Abziehen der Nebel ein Regenbogen erst möglich war. In der alten Atlantis konnte es ja noch keinen Regenbogen geben. Noah ist als der Führer, Manu, anzusehen, der die Völker aus der untergehenden Atlantis herauszuführen hatte. In diesem Zeitpunkt geschah es, daß zum erstenmal der Regenbogen entstand. Auf diese Weise lernt man die Bibel wieder wörtlich nehmen, und zugleich lernt man, vorsichtiger zu sein gegenüber dem, was andere kritisieren. Es gilt der Satz: Wo du dich heute als Kritiker dünkst, wirst du dich später als Lehrling fühlen, wenn das Wissen und das Verständnis gewachsen sind. Ebenso liegt ein tiefer Sinn und eine uralte Wahrheit in den Sagen und Märchen. Die germanische Sage zum Beispiel spricht von «Niflheim». Damit ist das Nebelland Atlantis gemeint. «NibelungenLand» ist eine Umgestaltung des Wortes Niflheim, Nebelheim.
[ 4 ] Die Tier- und Pflanzenwelt war ebenso wie der Mensch auf der Atlantis ganz anders geartet als heute. Hohe Stirnen gab es damals noch nicht; sie waren weit nach hinten abgeflacht. Das Verhältnis von Ätherleib zum physischen Leib war beim Atlantier so, daß der erstere, besonders am Kopf, weit herausragte. Die Fortentwickelung des Menschen seither bestand darin, daß der Ätherkopf in den physischen Kopf hineingerückt ist. Der alte Atlantier hatte noch nicht die Fähigkeit des abstrakten Denkens, auch nicht die Kraft, bestimmt zu sich «Ich» zu sagen. Dafür waren bei ihm andere Fähigkeiten in hohem Maße entwickelt, zum Beispiel das Gedächtnis. Er hatte geringe Verstandeskraft, aber sein Wille war stark und wirksam. Er konnte zum Beispiel durch einen bestimmten Willensimpuls das Wachstum der Pflanzen fördern. Die Kraft seines Willens wirkte magisch. Die Atlantier lebten in einem Zustand dämmerhaften Hellsehens. Sie sahen nicht die Dinge so, wie wir sie heute als materielle sehen, sondern in übersinnlichen Bildern. Darum waren auch alle ihre Geistesprodukte bildliche Mythen.
[ 5 ] Die Kultur der Atlantier war überhaupt ganz anders geartet. Die Atlantier beherrschten die Lebenskraft, zumal in den älteren Zeiten. Auf diese Weise bildeten sie sich ihre Fortbewegungsmaschinen, mit denen sie sich vom Boden erheben und über ihn hinwegbewegen konnten. Diese Art von Gleitflugzeugen trieben sie mit der Lebenskraft an, die in den Pflanzen verborgen liegt. Diese Fahrzeuge der Atlantier wurden mit Getreidekörnern gespeist, ähnlich wie unsere Eisenbahnen mit Steinkohlen. Auf technischem Gebiete wird die Zukunft in dieser Beziehung manches Beachtenswerte bringen. Auch die Wohnungsverhältnisse waren damals ganz andere. Da die Atlantier die Lebenskraft beherrschten, konnten sie aus den Bäumen, die sie nach Belieben biegen konnten, eine Art Wohngrotten bauen, zu deren Bau sie nur lebendige Gebilde, keine toten Stoffe verwendeten. Der Atlantier stand der Natur unendlich viel näher als der heutige Mensch. Seine Kultur war eine sehr hohe. Es gab eine Stadt, in der die höchsten Eingeweihten lebten und von der die alten Mysterien sprachen als von der Stadt mit den goldenen Toren. Auch die Art des Unterrichtens war damals anders. Man wirkte durch die mächtige Kraft des Willens suggestiv auf die Schüler. Der Atlantier hatte noch ein unmittelbares Gefühl für das lebendige Aufleuchten des Göttlichen in allen Naturerscheinungen. Der Atmungsprozeß war für ihn noch etwas Heiliges, Religiöses. Alle diese religiösen Empfindungen strömten im Menschen in ein Grundgefühl zusammen. Der äußere Laut dafür kann heute nicht mehr ausgesprochen werden, aber bei den Chinesen ist noch etwas ähnliches enthalten in dem Wort TAO. Das Zeichen für diesen Laut finden Sie in dem griechischen Buchstaben Tau wieder und in dem alten Kreuzeszeichen, das heute noch in der Freimaurerei eine Rolle spielt.
[ 6 ] Der Vorgänger des Atlantiers war der Lemurier. Lemurien stellt einen noch früheren Entwickelungszustand der Menschheit dar. Die Erdverhältnisse waren damals infolge der viel heißeren Temperatur ganz andere als heute. Auch damals schon war der Mensch vorhanden. Damit kommen wir auf die Verwandtschaft zwischen Tieren und Menschen. Etwa in der Mitte der lemurischen Zeit hat die Vereinigung, der Zusammenfluß der menschlichen Seele mit dem Leibe stattgefunden. Die Seele lebte schon in Spätlemurien und in der Atlantis im menschlichen Leibe. Vorher aber gab es eine Zeit, in welcher der Mensch noch nicht imstande war, seine Seele in einem physischen Leibe zu haben. Damals lebte die Menschenseele noch ganz in den höheren Welten, auf dem astralen Plan. Davon wollen wir morgen sprechen.
