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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmogonie
Populärer Okkultismus
GA 94

8 Juli 1906, Leipzig

Elfter Vortrag

[ 1 ] Die menschliche Seele kann sich entwickeln, ihr heutiger Zustand kann durch Trainierung, insbesondere des Ätherleibes, verändert werden. Menschen, die den übrigen in ihrer inneren Entwickelung vorauseilen, nennt man Eingeweihte. Der Weg, den sie gehen und lehren, ist der der Geheimschülerschaft. Unsere Wurzelrasse, die arische, stammt von der höchstentwickelten Unterrasse der Atlantier, der ursemitischen, ab, die zuletzt ungefähr in der Gegend des heutigen Irland wohnte. Als letzter Rest der untergehenden Atlantis kann die von Plato erwähnte Insel Poseidonis angesehen werden. Manu, eine Führergestalt der Atlantier, führte die reifsten Menschen nach dem Osten. Von dort aus wanderten sie in die Gegend des heutigen Indien. Es entstand eine uralte Kultur. Diese urindische Kultur liegt weit vor der Zeit, in der die Veden entstanden sind. Sie hatte noch etwas Traumhaftes, rein Innerliches. Die Seelenverfassung des alten Inders war unserer heutigen ganz entgegengesetzt. Ihm galt alles ÄuBere, Sichtbare als Maja, als Illusion, und die Wirklichkeit war nur das Brahman und was vom Brahman erfaßt werden konnte.

[ 2 ] Eine nächste Kultur entstand weiter westwärts. Diese zweite Kultur ist die urpersische, deren Inaugurator und Hauptführer der große Zarathustra oder Zoroaster war. Die Perser brachten Geist und Materie schon in Einklang und begannen mit der Bearbeitung und Umgestaltung der materiellen Welt durch den Menschengeist.

[ 3 ] Eine dritte Kultur entstand noch weiter im Westen, es war die ägyptisch-chaldäisch-babylonische. Hier richtet sich der Blick des Menschen noch mehr auf die materielle Welt, die äußeren Wissenschaften treten auf, das Studium der Naturkräfte und deren Gesetze. Von jeher hat diese alte Urwissenschaft über unsere Erde folgendes gesagt: Die Erde ist auch ein Wesen, das der Wiederverkörperung unterliegt. Sie hat frühere Stufen durchgemacht und wird in Zukunft weitere Verkörperungen haben. Man spricht von sieben planetarischen Zuständen oder «Planeten», durch die sich die Erde hindurchentwickelt. Mit den Namen dieser «Planeten» sind nicht unsere jetzigen Planeten gemeint, sondern vergangene beziehungsweise zukünftige Zustände der Erde. Es sind eben diese Zustände verwandt mit denen der Planeten, nach welchen sie genannt werden. Die erste Verkörperung der Erde wird «Saturn» genannt. Dann folgt die «Sonne», darauf der «Mond». «Mars» und «Merkur» nennt man die erste und zweite Hälfte der Erdenentwickelung. Die noch folgenden Zustände sind «Jupiter» und «Venus». Diese sieben Verkörperungen der Erde stehen in innigem Zusammenhang mit der Entwickelung des Menschen und spiegeln sich deshalb sogar im alltäglichen Leben in den Namen der Wochentage:

Samstag Saturn
Sonntag Sonne
Montag Mond
Dienstag Tiustag Mardi Mars
Mittwoch Wotanstag Mercredi Merkur
Donnerstag Donarstag Jupiter
Freitag Freyatag Vendredi Venus

[ 4 ] So war die Sternenwelt eng mit dem alltäglichen Leben verknüpft. Die alten Ägypter konnten genau die Überschwemmungen des Nil und dann seinen Rückgang nach dem Erscheinen des Hundssternes feststellen und danach ihren Ackerbau einrichten.

[ 5 ] Eine vierte Kulturepoche ist die griechisch-lateinische. Die alten Griechen und Römer glaubten nicht nur an die Gesetze der Weisheit, sondern sie versuchten, den Dingen diese Weisheit einzuprägen. Dadurch entstanden ihre Kunstwerke. Mitten in diese Kultur fällt die Tat des Christus, das Mysterium von Golgatha.

[ 6 ] Wir selbst leben in der fünften Kulturperiode der fünften Wurzelrasse des fünften Erdenzeitraums. Dies ist die germanisch-englisch-amerikanische Kultur. Ihre Hauptaufgabe ist die Eroberung des physischen Planes. Die nachfolgende sechste Kulturperiode wird die Aufgabe haben, die äußere Kultur wieder mehr zum spirituellen Leben hinaufzuführen und das ist das, worauf die Theosophie hinarbeitet. Die Zukunftsaufgabe der gesamten Kultur besteht darin, mit dem Geist wieder in Verbindung zu kommen. Jede Epoche hat ihre besonderen Aufgaben. Die gegenwärtige Wissenschaft hat das Weltsystem des Ptolemäus als falsch beiseite gelegt und Galilei und Kopernikus als richtig anerkannt. Für den astralen Plan ist aber das ptolemäische System richtig, da man dort von ganz anderen Perspektiven auszugehen hat. Die sechste Kulturperiode ruht noch in keimhaftem Zustand im Osten Europas. Sie wird die Trägerin der spirituellen Kultur der Zukunft sein.

[ 7 ] Es wird eine Zeit kommen, wo der Mensch die Zweigeschlechtlichkeit überwunden haben wird. Niedere Fähigkeiten, sexuelle Triebe, werden in höhere umgewandelt werden. Nicht um Vernichtung der Triebe kann es sich handeln, sondern um deren Veredelung. So ist zum Beispiel die Phantasie ein Ergebnis der Geistveredelung, sie ist eine Wirkung der bereits geläuterten Leidenschaften. Die Höherentwickelung der Phantasie führt zur hellseherischen Imagination. Wie jetzt schon die Eingeweihten, so werden in Zukunft alle Menschen den Seeleninhalt ihrer Mitmenschen wahrnehmen können. Heute kann das Wort geistige Erlebnisse durch die Luft weitergeben, später wird man durch das Wort lebendige Wesenheiten hervorbringen, und schließlich wird das Wort selbst schöpferisch sein: da werden die Menschen Magier des Wortes sein.

[ 8 ] Die Angaben über die okkulte Schulung stammen aus einer tief begründeten Wissenschaft. Grundlegend dafür sind zwei Eigenschaften, die der Mensch haben muß. Er muß fähig sein, zu ertragen, was man große Einsamkeit nennt, und er muß eine gewisse Grundstimmung der Devotion sich erringen. Was das erste anbelangt, so ist eine Einsamkeit mitten im tätigen Leben für einige Minuten am Tage gemeint, an denen man sich der Meditation und Konzentration hingibt. Schon das gibt der Seeleinnere Kraft. Im Anfang wird sich innere Leere und Traurigkeit einstellen, diese muß aber überwunden werden. Alle Menschen, die viel geleistet haben, gebrauchten diese innere Einsamkeit zu ihrer Sammlung. Das zweite Haupterfordernis ist die Devotion, das ehrfurchtsvolle Hinaufschauen zu einem Höheren. Wer hinaufsteigen will, der muß zuerst unten sein und sich unten fühlen. Die indische Geheimschulung verlangt eine völlige Unterwerfung des Schülers unter seinen Guru. Die rosenkreuzerische Einweihung ist für den gegenwärtigen Menschen des Abendlandes die richtige. Vorher entstand die christliche Einweihung. Alle drei Arten der Einweihung sind im Grunde genommen Ausdruck derselben einen Initiation, aber die Methoden müssen sich mit den Zeiten umgestalten.