Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
GA 96
15 Oktober 1906, Berlin
7. Karma und Einzelheiten der karmischen Gesetzmässigkeit
[ 1 ] Wir werden heute über Karma und Einzelheiten der karmischen Gesetzmäßigkeit sprechen. Sie wissen, daß man unter Karma das große Gesetz von Ursache und Wirkung im geistigen Leben versteht und daß dieses Karmagesetz für die Geisteswissenschaft zunächst insofern in Betracht kommt, als es auf die wiederholten Erdenleben angewendet wird. Wir sprechen von Reinkarnation und Karma als von zwei zusammengehörigen Dingen. Nun wird dieses Karmagesetz, wie Sie wohl wissen, vielfach ein wenig äußerlich aufgefaßt, so als ob es sich lediglich um eine Art Belohnung und Bestrafung handeln würde, die sich von einer Inkarnation in die andere hinzieht, so daß der Mensch, wenn ihm irgend etwas Böses oder Schlimmes in diesem Leben widerfährt, sich unbedingt sagen müßte: Dies habe ich wegen irgendeiner Verschuldung im vorhergehenden Leben verdient. — Oder: Wenn ich dies oder jenes tue, wird mir im nächsten Leben der entsprechende Lohn oder die entsprechende Strafe zuteil werden. — So einfach liegt die Sache aber nicht. Wer dieses Gesetz von Karma verstehen will, muß sich schon tiefer auf die Natur des Menschen und auf seine ganze Wesenheit einlassen.
[ 2 ] Von den Gegnern der Geisteswissenschaft erfährt das Gesetz von Karma und Reinkarnation, das Gesetz von den wiederholten Erdenleben, die heftigsten Angriffe, angefangen von der Redensart: Ich habe von einem Erdenleben genug — man möchte dieses Leben nicht so und so oft leben -, bis zu der Behauptung, daß es eine Lehre sei, welche zu Tatenlosigkeit, zu Resignation gegenüber einem blinden Schicksal führe. Wir werden auf solche Gegnerschaft genau eingehen und bei jedem Einwand finden können, was zu erwidern ist, wenn wir uns auf den ganzen Hergang von Karma einlassen. Dazu müssen wir uns daran erinnern — obwohl wir es schon oft gehört haben -, was der Mensch im tieferen Sinne ist.
[ 3 ] Wie wir wissen, besteht der Mensch zunächst aus dem physischen Leib, den man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann, den die physische Wissenschaft durchforscht und durchsucht, den die Anatomie zergliedert, den man im gewöhnlichen Leben kennt, Diesen physischen Leib betrachten viele materialistisch denkende Menschen als das einzige, was überhaupt von der menschlichen Wesenheit existiert. Als zweites Glied dieser Wesenheit haben wir den Äther- oder Lebensleib zu betrachten. Es ist das derjenige Leib, der aus einer wesentlich anderen Substanz besteht als der physische Leib. Es genügt nicht einmal zu sagen, daß die Materie, der Stoff, aus dem dieser Ätherleib besteht, wesentlich dünner sei als der Stoff des physischen Leibes. Vielmehr haben wir es mit einer völlig anderen «Stofflichkeit» zu tun. Es ist eine tätige, eine Kraftmaterie. Diese Äthermaterie, die nichts mit dem zu tun hat, was man in der Physik Äther nennt, hat etwas Schöpferisches, sie ist das eigentlich Aufbauende. Sie stellen sich den Ätherleib am besten so vor, daß er ungefähr dieselbe Form hat wie der physische Leib, aber vollständig durchscheinend ist, wenn auch nicht ganz durchsichtig — selbst für hellsichtige Menschen nicht. Er ist durchlässig; wenn er allein da wäre, könnte man also durch ihn durchgehen, zugleich ist er aber schöpferisch, so daß die physischen Organe des Menschen aus ihm heraus gebaut sind. Herz, Lunge, Leber und so weiter sind aus diesem Ätherleib heraus geschaffen. Vom materialistischen Standpunkt aus könnte gesagt werden: Da müßte beim Kinde der Ätherleib ganz klein sein. Das ist auch durchaus der Fall. Sie dürfen sich nicht daran stoßen, denn wir haben ihn mehr als Kraft zu betrachten, die unter Umständen einen kleineren Raum einnehmen kann als das, was sie dann schafft. Wir haben es hier also mit dem schaffenden Leben zu tun, mit einem schaffenden Leib, der dem physischen, im Raume tastbaren Leib zugrunde liegt. Dieser Ätherleib ist der Träger der Gewohnheiten des Menschen. Er ist vor allem der Träger des Gedächtnisses und des Temperamentes, überhaupt von alledem, was bleibende seelische Eigenschaften im Menschen sind. Wenn wir vom Seelischen des Menschen sprechen, so meinen wir nicht zuletzt das Temperament und die ursprüngliche Charakteranlage. Das drückt sich der Form nach im Ätherleibe aus.
[ 4 ] Das dritte menschliche Wesensglied ist der Astralleib. Er erfüllt uns und umgibt den Menschenleib wie eine lichte Aura, in der die Triebe, Begierden und Leidenschaften sichtbar werden. Das ist oftmals beschrieben worden.
[ 5 ] Ein viertes Wesensglied ist das, was im eigentlichen Selbstbewußtsein, im Ich, zum Vorschein kommt. Die anderen Glieder der menschlichen Wesenheit sind erst keimhaft veranlagt und haben ihren Sitz in diesem Ich.
[ 6 ] Im Hinblick auf die karmische Entwickelung interessieren uns vorzugsweise die eben genannten Glieder der menschlichen Wesenheit. Da müssen wir uns eines vor allen Dingen, eine Tatsache des Lebens, vorhalten, die wichtig ist. Wenn Sie auf Ihr verflossenes Leben zurücksehen und sich bis in Ihre Kindheit zurückversetzen, dann werden Sie sich sagen können, Sie haben vieles, vieles gelernt. Es gab eine Zeit, in der Sie noch nicht schreiben und lesen konnten und nichts vom Weltgeschehen, von Geschichte, Literatur und vielen anderen Dingen gewußt haben. Jetzt wissen Sie das alles, es ist Ihnen zum Eigentum der Seele geworden. Aber noch etwas anderes ist Ihnen bekannt. Sie wissen, daß man viel lernen kann und damit doch nicht viel an seiner ursprünglichen Charakter- und Temperamentsanlage ändert. Es gibt Menschen, die im Lauf ihres Lebens ungemein viel gelernt und ihre Seele mit allem möglichen Wissensinhalt gefüllt haben, die sich aber trotzdem sagen müssen: Damals bin ich jähzorrnig gewesen — und heute bin ich es noch. - Oder aber: Ich war von jeher ein phlegmatischer Mensch und bin es geblieben. Einst hatte ich diese und jene Gewohnheit, heute habe ich sie noch immer. — Es gibt allerdings auch Menschen, die an sich selber und an ihren seelischen Charakteranlagen viel umgeändert haben. Vielleicht gibt es keinen Menschen, der überhaupt nichts an seinen Anlagen umgewandelt hätte. Wenn Sie auf die Kindheit zurückblicken, so werden Sie sich am Ende doch sagen müssen, daß Sie seither manches umgeändert haben. Aber Sie werden zugleich feststellen, daß sich Beobachtung und Lernen zur Wandlung der charakterlichen Anlagen wie der Minutenzeiger der Uhr zum Stundenzeiger verhalten. Die Umänderung von Charakter und Temperament rückt langsam wie der Stundenzeiger der Uhr vor, und das Aufnehmen von Beobachtungen des Lebens geht schneller, etwa so wie der Minutenzeiger. Das hängt davon ab, daß alles, was man lernt, sich schnell in der Seele aufnehmen läßt, daß es den Astralleib zum Träger hat und sich im Astralleib ausdrückt. Wenn Sie etwas grundsätzlich Neues hören, werden Sie von einem Gefühl durchdrungen werden, das jetzt an Sie herantritt und morgen wieder vergessen ist. Oder wenn Sie einen Schmerz erleben, der mit der Zeit wieder aus dem Bewußtsein versinkt — das sind die Dinge, die man im Astralleib aufleuchten sieht, die aber wieder aus dem Astralleib verschwinden. Alles das hat den Astralleib zum Träger.
[ 7 ] Was also im Leben vorübergehend in uns aufleuchtet und wieder verschwindet, haftet im Astralleib. Was jedoch zum bleibenden Lebensstock des Menschen gehört, insofern es sich seelisch ausdrückt, alles was in die Gewohnheit eingeht, so daß der Mensch es sich durch lange Zeit des Lebens hindurch, vielleicht auf immer merkt, alles, was mit dem Temperament zu tun hat, das ist im Ätherleib, der dichter ist als der Astralleib. Wenn es dem Menschen gelingt, eine Gewohnheit, eine Temperamentseigenschaft zu ändern, wenn er zum Beispiel eine gewohnheitsmäßige Nachlässigkeit ablegt und ein achtsamer Mensch wird, so zeigt sich das im Ätherleib und nicht bloß im Astralleib. Wenn ein Mensch viel lernt und es so aufnimmt, daß es nach und nach ganz sein seelisches Eigentum und Bestandteil seines Inneren wird, so daß er es nicht nur weiß, sondern im tieferen Sinne besitzt, so ändert er damit die Konfiguration seines Ätherleibes. Wenn jemand einen moralischen Grundsatz aufnimmt und sich immer wieder sagen muß: Der Grundsatz besteht, daher befolge ich ihn - dann haftet er doch nur im Astralleib. Wenn er aber so in ihn einzieht, daß er nicht mehr anders kann, dann haftet er im Ätherleib. Das Übergehen vom Astralleib in den Ätherleib vollzieht sich im Leben langsam und allmählich.
[ 8 ] Nun wollen wir von der Betrachtung dieser Wesensglieder dazu übergehen, dasjenige, was Karma ist, im Zusammenhang zu überblicken. Was sich innerhalb des gleichen Erdenlebens nur langsam vollzieht, also der Übertritt von etwas, was zunächst bloß im Astralleib vorhanden ist, in den Ätherleib hinein, vollzieht sich karmisch von einer Inkarnation zur anderen in folgender Weise: Wer sich bemüht hat, moralisch richtig zu urteilen, und der in diesem Bestreben vielleicht auch noch von anderen gefördert worden ist, findet in seinem nächsten Leben die Früchte dieser Bemühungen als eine ursprüngliche Anlage seines Ätherleibes, als eine Art Gewohnheit, als Charakteranlage vor. Was jetzt im Astralleib lebt, wird im nächsten Leben Eigentum des Ätherleibes. Wenn Ihnen ein Mensch mit einer löblichen Gewohnheit begegnet, wenn diese Gewohnheit immer wieder in seinem Leben zum Ausdruck kommt, dann deutet das darauf hin, daß er im früheren Leben entsprechende Vorstellungen aufgenommen oder sich selbst vor Augen geführt hat. Neigungen und Gewohnheiten rühren von Vorstellungen, Gedanken und Begriffen her, die man sich in den vorhergehenden Leben gebildet hat. Wenn Sie das beachten, können Sie schon für das nächste Leben Vorsorge treffen, so daß Sie eine bestimmte Organisation des Ätherleibes für das nächste Leben veranlagen können. Sie können sich sagen: Ich werde in diesem Leben versuchen, mir immer und immer wieder zu sagen, daß dieses oder jenes gut und richtig ist. -— Dann wird der Ätherleib Ihnen zeigen, daß es selbstverständlich gut und richtig ist, den entsprechenden Grundsätzen zu folgen.
[ 9 ] Besonders wichtig ist hier ein Begriff, der seine karmische Beleuchtung erfahren kann. Das ist der Begriff des Gewissens. Was aus dem Gewissen eines Menschen aufsteigt, ist ebenfalls etwas Erworbenes. Der Mensch hat nur dadurch einen Gewissensschatz, einen Instinkt für das Gute, Richtige und Wahre, daß er sich in seinen verflossenen Leben, in seinen Lebenserfahrungen, in seinen Grundsätzen dieses Gewissen erst zurechtgezimmert hat. Sie können für eine Befestigung und Erhöhung dieses Gewissens sorgen, wenn Sie sich vornehmen, jeden Tag Ihre moralischen Anschauungen ein wenig zu vertiefen. Moralische Anschauungen werden zum Gewissen in dem nächsten und übernächsten Leben.
[ 10 ] So sehen Sie, daß dasjenige, was uns der Minutenzeiger des Lebens zeigt, zu dem wird, was der Stundenzeiger im nächsten Leben ist. Es muß nur eine gewisse Wiederholung der Grundsätze und Anschauungen in einem Leben herrschen, dann befestigen sie sich für das nächste Leben. Was im Ätherleibe eines Lebens auftritt, zeitigt die Früchte für den physischen Leib des nächsten Lebens. Gute Gewohnheiten, gute Neigungen, gute Charaktereigenschaften bereiten Gesundheit, physische Tüchtigkeit, physische Kraft, also einen gesunden physischen Leib für das nächste Leben vor. Ein gesunder physischer Leib in einem Leben weist darauf hin, daß der betreffende Mensch sich diesen physischen Leib in einem früheren Leben durch selbst erworbene Gewohnheiten und Charakteranlagen vorbereitet hat. Insbesondere besteht ein starker Zusammenhang zwischen einem ausgebildeten Gedächtnis in einem Leben und dem physischen Leibe im nächsten Leben.
[ 11 ] Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der alles gleich wieder vergißt, und einen anderen, der ein treues Gedächtnis hat. Man braucht sich nur in bewußter Weise die erlebten Dinge ins Gedächtnis zu rufen und dies konsequent zu üben, dann wird man schließlich merken, daß man nicht nur für die Dinge ein gutes Gedächtnis bekommen hat, für welche man sich besonders trainiert hat, sondern daß dieses Gedächtnis auch noch zu einer ganz anderen Kraft wird. Und das kommt bei der spirituellen Entwickelung in Betracht. Es bildet sich das Überschauen des Vergangenen in ganz besonderer Weise aus. Wer das Gedächtnis gewissenhaft ausbildet, wird mit physischer Festigkeit, mit Gliedern, die ihm wirklich dienen können, wiedergeboren, um im nächsten Leben das zu vollführen, was er innerlich seelisch will. Ein Körper, der nicht ausführen kann, was die Seele will, rührt von einem vorhergehenden Leben her, in dem keine Sorgfalt darauf verwendet wurde, ein gesundes, gutes Gedächtnis auszubilden, sondern in dem man es bei der Schlamperei der Gedächtnislosigkeit und Vergeßlichkeit belassen hat.
[ 12 ] Wir führen heute nur einzelne Erscheinungen an, aber Sie können sich denken, wie umfangreich dieses ganze Gebiet ist, von dem wir sprechen. Der wahre Okkultist wird sich dabei niemals auf Spekulationen einlassen. Was von mir angeführt wird, das sind keine Theorien, sondern Dinge, die an bestimmten Fällen geprüft worden sind. Dem, was hier gesagt worden ist, liegen also bestimmte Forschungsergebnisse zugrunde. Wenn soeben geschildert wurde, daß ein fester physischer Organismus, welcher der Seele gehorcht, auf ein gutes Gedächtnis im vorigen Leben zurückzuführen ist, dann sind so und so viele Fälle untersucht worden, und die entsprechenden Angaben beruhen auf den bei dieser Untersuchung festgestellten Tatsachen. Es sollen eben nur Tatsachen erzählt werden.
[ 13 ] Nun drängt sich das, was sich im Ätherleibe ausbildet, im nächsten Leben in den physischen Leib hinein, so daß sich nicht nur gute Neigungen und Charaktereigenschaften und tüchtige Lebensgewohnheiten in einem gesunden physischen Leibe im nächsten Leben auswirken, sondern daß sich auch untüchtige Eigenschaften, schlechte Gewohnheiten, verderbte Neigungen in der nächsten Inkarnation in einem kranken Organismus zum Ausdruck bringen. Das ist nicht so aufzufassen, als ob eine ganz bestimmte Krankheit von einer bestimmten Eigenschaft herrühre, sondern gewisse Krankheitsdispositionen, gewisse Krankheitsanlagen führen immer auf ganz bestimmte Charakter- und Temperamentseigenschaften im vorhergehenden Leben zurück. Ein Mensch, der ein Leben mit verdorbenen Charaktereigenschaften hinter sich hat, besitzt in diesem Leben also einen Organismus, der leichter physischen Krankheiten ausgesetzt ist als der eines anderen. Ein Mensch, der mit gesunden Charaktereigenschaften, mit einem tüchtigen Temperament ausgestattet war, wird mit einem Leib wiedergeboren, der sich allen möglichen Epidemien aussetzen kann, ohne angesteckt zu werden, und umgekehrt.
[ 14 ] Sie sehen also, daß die Dinge in der Welt kompliziert nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zusammenhängen. Um eines anzuführen, sei ein Fall erwähnt, der bestimmten geistigen Forschungsresultaten entspricht. Es mag zunächst schockierend wirken, aber in einem theosophischen Zweige darf man das schon sagen. Jemand hatte in seinem Leben einen ganz egoistischen Erwerbssinn, eine wahre Gier nach äußerem Reichtum entwickelt. Dabei handelte es sich nicht etwa um jenes gesunde Streben nach Reichtum, das der altruistischen Absicht entspringen kann, in der Welt zu helfen und eine selbstlose Tätigkeit zu entwickeln — das ist etwas anderes -, sondern es ist von dem egoistischen Erwerbssinn die Rede, der eine bestimmte Konstitution des Ätherleibes bedingt und das Erwerbsstreben über das notwendige Maß hinaus ausbildet. Ein solcher Mensch wird sehr oft im nächsten Leben mit einem physischen Leib geboren, welcher die Anlage zu Infektionskrankheiten zeigt. Es ist in zahlreichen Fällen okkult festgestellt, daß Leute, die durch bestimmte Epidemien im jetzigen Leben leicht infizierbar sind, in ihrem früheren Leben mit einem krankhaft gesteigerten Erwerbssinn ausgestattet waren.
[ 15 ] Auch anderes können wir im einzelnen anführen. So gibt es zwei Eigenschaften, die einen deutlich erkennbaren Einfluß auf die karmische Gestaltung des folgenden Lebens haben. Da ist zunächst einmal von dem starken Einfluß zu sprechen, den der bleibende Charakterzug des liebevollen, wohlwollenden Begegnens gegenüber seinen Mitmenschen ausübt. Es gibt Menschen, die bei ihren Mitmenschen alles wohlwollend aufnehmen, die ihre Umgebung liebevoll behandeln und sie teilnehmend erfassen. Bei manchen geht diese Liebe weit über die reine Menschenliebe hinaus. Sie lieben die Natur und die ganze Welt. Je mehr sich dieser Sinn des Umfassens ausgebildet hat und eine Gewohnheit der Seele geworden ist, also am Ätherleibe haftet, um so mehr hat der Mensch in einem nächsten Leben die Anlage zum Jungsein: er erhält sich lange jung. Wer also spät altert, sich lange jung und beweglich erhält, dessen Leben führt zurück auf ein früheres Erdenleben oder gar auf mehrere frühere Leben, die er in Liebe zur Umgebung verbracht hat. Um so mehr bleibt der Mensch in einer folgenden Inkarnation physisch jung, je mehr er seiner Umgebung gegenüber die Liebe ausprägt. Wer zu Antipathie gegenüber seinen Mitmenschen neigt, kommt zu einem frühen Altern. Ein Leib, der physisch früh die Zeichen des Alters zeigt, führt auf das Leben eines Kritikasters, auf ein Leben von Abneigung und Mißwollen zurück. So sieht man, daß man auf sein Leben einwirken kann, indem man bewußt in Karma eingreift. Wer in diesem Leben Liebe entfalten kann, darf versichert sein, daß er im nächsten Leben einen Leib haben wird, der junge Züge zeigt. Alle jene Menschen, die heute in einem frühen Alter Kritiken unter dem Strich schreiben, werden im nächsten Leben Leute sein, die fast mit Runzeln geboren werden. Das ist ein radikaler Ausspruch, aber ihm liegt eine starke Wahrheit zugrunde.
[ 16 ] So zeigen uns die karmischen Gesetze den Zusammenhang zwischen der Gesundheit und dem geistigen Leben. Daß dieser Zusammenhang allerdings nicht so mit zwei Schritten zu erreichen ist, sondern daß man schon ins einzelne gehen muß, wird niemand bestreiten. Ebensowenig kann der Satz bezweifelt werden, daß eine moralische, aufrichtige, gewissenhafte Seele der künftige Erbauer eines gesunden Leibes ist. Aber man darf das nicht von heute auf morgen erwarten und auch nicht glauben, daß der, welcher mit seelischen Fehlern behaftet ist, von heute auf morgen geheilt werden kann. Man sollte auch einsehen, daß man vom Egoismus zu einer selbstlosen Lebensweise aufsteigen muß, die nicht gleich die Früchte ihres Tuns einheimsen will. Was zur Gewohnheit wird, kann aber auch schon in diesem Leben auf den physischen Körper zurückwirken. Ein Beweis dafür ist die okkulte Entwickelung, welche nicht nur in bewußter Weise auf den Astralleib, sondern auch auf den Ätherleib Einfluß gewinnen kann. Wer eine okkulte Entwickelung durchmacht, lernt nicht nur seinen Astralleib, sondern auch seinen Ätherleib und seinen physischen Leib zu beeinflussen. Durch Umwandlung des gewohnheitsmäßigen Verhaltens kann aus einem jähzornigen Menschen ein sanfter, aus einem mit Affekten behafteten ein gleichmütiger, harmonischer Mensch werden. Der Okkultist muß seine Gewohnheiten in verhältnismäßig kurzer Zeit ändern. Die wahre Entwickelung setzt voraus, daß das, was man lernt, nicht bloß Lehre bleibt, sondern in den Ätherleib hineingeht. Dann erreicht der Okkultist auch, daß es in den physischen Leib hineingeht. Er lernt den Herzschlag, den Pulsschlag und den Atem zu beherrschen. In der okkulten Entwickelung wird das abgekürzt, was sich im gewöhnlichen Leben auf viele Inkarnationen verteilt. Das Karma wird also abgekürzt.
[ 17 ] Manches, was wir in diesem Winter noch besprechen werden, wird uns verständlicher und durchsichtiger werden, wenn wir gewisse intimere karmische Zusammenhänge kennen werden, zum Beispiel den Unterschied zwischen einem schönen und einem häßlichen Menschen. Was liegt karmisch bei einem schönen Menschen vor? Da kommt etwas in Betracht, was zunächst unglaublich erscheint, aber es ist so. Die Schönheit des physischen Leibes ist vielfach, nicht immer, aber sehr oft eine Folge von erduldetem Leiden im vorhergehenden Leben. Leiden im vorhergehenden Leben — physisches Leiden und auch Seelenleiden — werden zur Schönheit in einem nächsten Leben, zur Schönheit des äußeren physischen Leibes. Es ist wirklich in diesen Fällen so, daß man einen Vergleich gebrauchen darf, den ich schon öfter angewendet habe. Wodurch entsteht die schöne Perle in der Perlmuschel? Eigentlich durch eine Krankheit, sie ist das Ergebnis einer Erkrankung. So ungefähr gibt es auch im karmischen Zusammenhang einen Prozeß, der den Zusammenhang von Krankheit, Leiden, mit der Schönheit darstellt. Diese Schönheit ist vielfach mit Leiden und Krankheit erkauft.
[ 18 ] Auch die Weisheit ist vielfach mit Schmerz erkauft. Es ist nicht uninteressant, daß heute durch eine äußere Forschung in mannigfaltiger Weise bestätigt wird, was die Okkultisten seit Jahrtausenden gesagt haben: Daß die Weisheit mit Schmerzen und Leiden, mit einem entsagungsreichen, ernsten Leben im vorhergehenden Dasein zusammenhängt. Es lohnt sich gelegentlich durchaus, die äußere wissenschaftliche Forschung zu befragen. Da ist in letzter Zeit ein Buch über die Mimik des Denkens erschienen. Das Buch soll zeigen, wie sich in der Physiognomie des Menschen die Art und Weise malt, wie sein Denken gestimmt ist. Der Verfasser, der, wie man klar sieht, nicht viel vom Okkultismus weiß, hat doch durch äußerliche Beobachtung herausgefunden, daß man in der Physiognomie des Denkers einen Abdruck durchgemachter Schmerzen erkennen kann. Die gegenwärtige Wissenschaft ist im Begriff, Stück für Stück die uralte okkulte Weisheit zu bestätigen. Das wird in den nächsten Jahren noch viel mehr der Fall sein, als sich irgendein Gelehrter träumen läßt.
[ 19 ] Nun werden Sie noch leichter einsehen, daß wir uns nicht in einem blinden Glauben oder Autoritätsgefühl gegenüber gewissen Erscheinungen der Geistesgeschichte bewegen können. Wenn wir mit dem Verständnis des Karmagesetzes zum Beispiel einer solchen Erscheinung gegenüberstehen, wie es Schopenhauer ist, der über seine ganze Weltanschauung eine pessimistische Stimmung ausgegossen hat, dann muß derjenige, der tiefer sieht, nicht glauben, daß dieser Pessimismus die menschliche Grundstimmung [überhaupt] darstellt. Es ist vielmehr eine Grundstimmung seiner Seele, die karmisch in ihm vorbereitet und durch eine gewisse Konstitution seines Ätherleibes bewirkt worden ist. Diese pessimistische Stimmung eines Denkers ist nur zu verstehen, wenn man sie karmisch verfolgt. Eine so geartete Persönlichkeit hat in einem früheren Leben — das ist eine ganz konkrete Erklärung - nicht Gelegenheit gehabt, viel Gutes zu tun. Dagegen war dieser Mensch durch seine Lebensstellung und durch den Beruf dazu verurteilt, mancherlei Böses zu tun und Uhnrichtiges zu vollbringen. Und dieses Böse und Unrichtige, zu dem er in seinem früheren Leben nicht karmisch, sondern durch seinen Beruf verurteilt war, kommt ihm zurück als ein gewisses antipathisches Gefühl gegenüber der Welt, die ihm jetzt entgegentritt. Das ist die Wiederholung seiner eigenen von ihm vollbrachten Taten. Wenn Sie Karma verstehen wollen, dürfen Sie sich nicht bloß auf den fatalistischen Standpunkt stellen, daß alles vorherbestimmt ist. Zu dem, was der Mensch jetzt tut, braucht er nicht durch die vorhergehenden Leben verurteilt zu sein. Das gleicht sich oft erst im nächsten Leben aus. Die Taten sind also nicht immer die Früchte von früheren Leben, sondern finden gegebenenfalls erst ihren Ausgleich in einem künftigen Leben. Solche Taten sind gemeint, wenn von der Ursache der pessimistischen Grundstimmung bei Schopenhauer gesprochen wird.
[ 20 ] Alles was der Mensch als seine eigenen individuellen Taten vollbringt, die ganz und gar aus seiner Person hervorgehen - nicht diejenigen, die er durch seine Volksgemeinschaft, seine Familiengemeinschaft und seinen Beruf auszuführen hat -, wollen wir einmal streng abgrenzen. Zwei Hofräte können dasselbe tun, weil sie Hofräte sind, das scheiden wir aus. Aber sie können auch etwas höchst Verschiedenes an Taten vollbringen, weil sie zwei verschiedene Menschen sind. Und das betrachten wir jetzt. Was als Tat von einer Persönlichkeit ausfließt, was sie so vollbringt, das kommt ihr als ihr äußeres Schicksal im nächsten Leben entgegen. Befindet sich ein Mensch in einer glücklichen Lebenslage, ist ihm ein günstiges Schicksal zuteil geworden, so führt das auf die von ihm als Persönlichkeit vollbrachten, richtigen, gescheiten und guten Taten eines früheren Lebens zurück. Ist ein Mensch in einer schlechten Lebenslage, mißglückt ihm vieles, lebt er in ungünstigen Verhältnissen — gemeint ist die äußere Lage, nicht die Beschaffenheit des physischen Körpers -, so geht das ebenfalls auf persönlich vollbrachte Taten des vorangehenden Lebens zurück. Was der Mensch durch seinen Beruf und seine Familienzugehörigkeit vollbracht hat, das lagert sich im Temperament und im Charakter ab. Das Schicksal des Menschen ist also durch seine persönlichen Taten im vorhergehenden Leben bedingt. Umgekehrt kann sich ein Mensch ein günstiges oder ungünstiges Schicksal im nächsten Leben durch gute, kluge und richtige Taten herbeiführen.
[ 21 ] Wer mit bestimmten Persönlichkeiten zusammengeführt wird, hat die Bedingungen dazu in einem vorhergehenden Leben selber geschaffen. Er hat etwas mit diesen Menschen zu tun gehabt und sie nun selbst in seine Nähe geführt. Als Beispiel ein Fall aus der Zeit der Femgerichte. Ein Femgericht war mit einer Exekution verbunden. Der Betreffende wurde vor vermummte Richter gestellt, die das Urteil auch gleich ausführten. Hier ein Fall, wo ein Mensch verurteilt und getötet worden ist. Das Schicksal ist bis in die früheren Inkarnationen hinein okkult untersucht und verfolgt worden. Dabei stellte sich heraus, daß der von den fünf Richtern Getötete einst als Häuptling diese fünf Menschen hatte umbringen lassen. Seine einstige Tat hatte wie mit magnetischer Kraft diese fünf Menschen wieder in sein Leben hineingestellt, und sie vollzogen an ihm die Rache. Es ist das ein radikaler Fall, aber ihm liegt eine allgemeine Gesetzmäßigkeit zugrunde. Sie können nicht mit einem Menschen zusammenkommen, der in Ihr Leben eingreift, wenn Sie ihn sich nicht auf Grund früherer Beziehungen selbst in Ihr Leben hineingebracht haben. Es kann allerdings der Fall sein, daß der Mensch durch allgemeine Verhältnisse, durch Beruf oder Familienzusammengehörigkeit mit Menschen zusammengeführt wird, mit denen er früher noch nie zusammen war. Dann aber wird durch das gegenseitige Verhalten ein Zusammentreffen im nächsten Leben begründet, das nunmehr mit dem äußeren Schicksal und Leben der Beteiligten zu tun hat. Sie sehen, daß solche karmischen Vorstellungen vielfach kompliziert und nicht so einfach zu erklären sind. Es ist wichtig, diese Dinge im einzelnen zu studieren, weil wir nur dadurch das Leben wirklich verstehen.
[ 22 ] Es muß auch immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die richtig erfaßte Karmaidee zur Erlösungslehre, wie sie sich im Christentum findet, in keinen Gegensatz gebracht werden darf. Zwar habe ich für viele von Ihnen diese Vereinbarkeit der christlichen Erlösungslehre mit der Karmaidee schon dargelegt, aber es sind ja auch neue Zuhörer da. Man findet viele Mißverständnisse. Sie rühren vielfach daher, daß viele über die Theosophie reden, die nicht viel davon verstehen. So wird behauptet, Karma bedeute schlechthin, daß der Mensch alle Wirkungen seiner Taten auf sich nehmen müsse. Wenn er etwas verbrochen habe, so könne er sich nur selbst von seinen Sünden erlösen. Von diesem Gesichtspunkte aus erklären viele Theosophen, daß es mit dem Erlösungsgedanken durch den Christus Jesus nichts auf sich hätte. Es könne die Theosophie nicht eine Erlösung durch ein anderes Wesen annehmen, denn der Mensch müsse sich ja selbst erlösen. Christliche Theologen bekämpfen das wiederum, indem sie sagen: Wir glauben an die Erlösung durch Christus Jesus, ihr aber glaubt an die Selbsterlösung. Das vereinigt sich nicht recht.
[ 23 ] Indessen ist Karma eine Art von Lebenskonto, das man ganz gut mit einem kaufmännischen Konto vergleichen kann. Auf der einen Seite stehen die Sollposten und auf der anderen die Habenposten. Sie werden addiert und die Bilanz wird gezogen. Es wäre ein sonderbarer Kaufmann, der sagte: Ich will keine Geschäfte mehr machen, damit meine Bilanz nicht verschoben wird. — So wie in jedem Moment des kaufmännischen Lebens ein neues Geschäft vollzogen werden kann, so kann in jedem Moment durch eine neue Tat ein neues Karma herbeigeführt werden. Wenn jemand meint: Das Leiden hat ein Mensch sich selbst zugezogen, er hat es selber verdient, also darf ich ihm nicht helfen -, so ist das Torheit. Das ist gerade so, als ob man zu einem Kaufmann, der bankrott ist, sagte: Zwanzigtausend Mark würden dir helfen, aber wenn ich sie dir gäbe, würde ich ja in dein Kontobuch störend eingreifen. — Das wäre sicher nicht der Fall. Die geliehene Summe würde nur in das Kontobuch eingeschrieben werden. So ist es auch mit dem Leben. Es muß nur ausgeglichen werden, aber es muß nicht immer von einem selbst ausgeglichen werden. Karma besagt nicht das Selbstausgleichen, sondern nur das Ausgeglichenwerden durch eine Tat. Nun nehmen Sie an, Sie seien ein reicher, mächtiger Mann, der nicht nur einem, sondern zweien helfen kann. Dann können Sie in das Karma von zweien eingreifen. Gerade weil Karma besteht, können Sie in das Lebenskonto dieser beiden eingreifen. So gibt es Menschen, die drei, vier, fünf, ja sogar Hunderten helfen können. Solche Menschen werden nicht sagen: Ich darf den anderen nicht helfen, weil ich in ihr Karma eingreife. — Sie werden ihnen vielmehr helfen.
[ 24 ] Eine solche Hilfe kann nun ein im höchsten Sinne mächtiges Wesen, das einmal in der Welt aufgetreten ist, jenen Menschen, die sich zu ihm rechnen, angedeihen lassen. Das ist der Christus Jesus. Dadurch, daß die Erlösung durch eine gewisse Art von Übel herbeigeführt ist, widerspricht sie nicht dem Karmagesetz. Die Erlösung durch Christus Jesus ist vollständig vereinbar mit dem Karmagesetz, ebenso wie die Hilfe des Reichen bei dem bankrotten Kaufmann. Die Mißverständnisse rühren davon her, daß die Theosophen das Karma nicht gründlich verstanden und die Theologen sich nicht darum gekümmert haben. Gerade durch das Wesentliche und Wichtige der Tat eines einzelnen hohen Wesens wird verbürgt, daß das Karmagesetz besteht. Wenn diese Dinge einmal in der Zukunft richtig verstanden werden, wird sich erst herausstellen, wie wenig die Theosophie Gegnerin irgendeines Bekenntnisses ist, das auf einem wahren Grund gebaut ist, und wie sehr sie erst zu einem wahren Verständnis eines solchen Bekenntnisses führt. Wenn Sie so das Karmagesetz in einigen Fällen überschaut haben, werden Sie fühlen, daß man in eine ganz tiefe Notwendigkeit innerhalb des geistigen Lebens hineinschaut. Richtig erfaßt hat das Karmagesetz freilich erst derjenige, der es nicht bloß zur theoretischen Erkenntnis macht, sondern in die ganze Empfindungs- und Gefühlswelt seines Seins aufnimmt. Dann ergießt sich innere Sicherheit und Harmonie über das ganze Leben. Und diejenigen, die immer und immer wieder behaupten, das Karmagesetz führe zur Untätigkeit und Lethargie, es bewirke, daß man sich in sein Schicksal ergäbe, es führe nicht zur Lebensfroheit und dergleichen, die haben es noch nicht versucht, mit dem Karmagesetz zu leben. Mit dem Karmagesetz zu leben, heißt Lebensmut und Hoffnung in die Seele eingießen.
[ 25 ] Vor allen Dingen muß das Karmagesetz Licht auf unsere Zukunft werfen. Weniger müssen wir an die Vergangenheit denken als an die Zukunft. Wir haben vielfach angeführt, daß der Mensch weit in die Zukunft hineinwirken kann dadurch, daß er im Sinne des Karmagesetzes in seinem Astralleibe die künftige Konfiguration des Ätherleibes und im weiteren Verfolg die künftige Gestaltung des physischen Leibes vorbereitet. Wenn Sie das überschauen, werden Sie die ungeheure Wichtigkeit dieses Zusammenhanges ersehen, Sie werden ermessen, welche Vertiefung der Erziehungsgedanke, namentlich der Volkserziehungsgedanke unter dem Karmagesetz erfahren wird. Wird heute darauf hingewirkt, daß die Menschen im Sinne des Karmagesetzes leben und ihr zukünftiges Leben vorbereiten, dann bereiten sie zu gleicher Zeit die künftigen Volksgemeinschaften vor. Was in der Zukunft leben wird, sind ja die wiederverkörperten Menschen der Gegenwart. Gesunde Rassen in der Zukunft, und namentlich gesunde Führer der zukünftigen Rassen werden entstehen, wenn im Sinne des Karmagesetzes vernünftig in die Zukunft hinein gelebt wird. Denn wenn der einzelne Mensch sich vervollkommnet, so wirkt er damit auf die Völker- und Rassenorganismen der Zukunft zurück.
[ 26 ] Wie nun der eigentliche Mechanismus dieses Karma ist, das wäre zunächst auseinanderzusetzen. Damit ist die Frage gemeint, welche Kräfte wirksam sind, wenn die astralen Eigenschaften des jetzigen Lebens sich ins nächste Leben hinein auf den Ätherleib übertragen und welche Kräfte bewirken, daß die im Ätherleib veranlagten Eigenschaften des jetzigen Lebens - Gewohnheiten und Neigungen - sich auf die physische Disposition des nächsten Lebens übertragen. Noch schwieriger ist die Frage zu beantworten: Welche Kräfte wirken da, wo der Mensch sich auf Grund seiner gegenwärtigen Taten im nächsten Leben mit Äußerem umgibt; wo er nicht nur die Menschen, mit denen er etwas zu tun hat und zu tun gehabt hat, um sich herum sammelt, sondern sich auch in diejenige Naturumgebung, in die Pflanzen- und Tierwelt, in die Volks- und Gesellschaftsordnung, die er selbst zubereitet hat, hineinstellt? Wie sind diese Kräfte, die das alles wieder an den Menschen heranbringen? Wie kommt es zustande, daß zwei Menschen, die in einem früheren Leben etwas miteinander zu tun hatten und von denen der eine in Amerika und der andere in Europa wiedergeboren wird, dennoch zusammengeführt werden? Das sind die großen Fragen, die zu beantworten wir uns das nächste Mal bemühen wollen. Kurz, wie gestalten die Verhältnisse des einen Lebens die Verhältnisse des nächsten Lebens? Da wir viele Gäste haben werden, wird sich diese Frage auch für eine Betrachtung auf der Generalversammlung eignen. Es werden natürlich das nächste Mal diejenigen, die bei diesen Vorträgen zugegen waren, im Vorteil sein. «Die Technik des Karma» wird der Titel des nächsten Vortrages sein.
[ 27 ] Damit hätten wir auf heute und das nächste Mal eine wichtige Lebensfrage verteilt. Ich bitte zu berücksichtigen, daß das, was gesagt worden ist, herausgegriffene Fälle waren, die auf wirklichen, positiven okkulten Tatsachen beruhen. Alles, was heute als karmischer Zusammenhang aufgedeckt worden ist, führt also auf die wirkliche Erforschung des Karma bestimmter Menschen, einzelner Individuen zurück. Karma und seine Betrachtung lehrt uns auch die Grundlage kennen, wie wir schon in diesem Leben den Zusammenhang zwischen Krankheit und einzelnen Seeleneigentümlichkeiten, namentlich der Erweckung gewisser Seelenkräfte, zu bewerten haben. So wird für die, welche hier die Vorträge über Karma in sich aufnehmen, manches in eine genauere Beleuchtung rücken, was in allgemeinen Umrissen im Architektenhaus über den Zusammenhang von Krankheit und Tod, Leiden und Übel gegeben wird. Namentlich soll in diesem Winter hier und dort darauf Rücksicht genommen werden, wie sich die geisteswissenschaftliche Weltanschauung ins Leben hineinstellt. Auf diese Weise werden wir mehr den Impuls und die Einsicht gewinnen, daß die Geisteswissenschaft nichts ist, was als unpraktisch hingestellt werden darf, sondern daß sie ins unmittelbar praktische Leben eingreift.
