Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
GA 96
22 Oktober 1906 a.m., Berlin
11. Ernährungsfragen und Heilmethoden
[ 1 ] Heute soll vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus über etwas gesprochen werden, dem ein eminent großer Wert beigemessen werden kann, wenn es in der richtigen Weise aufgefaßt wird. Es sollen einige Gesichtspunkte über Ernährungs- und Heilweise angegeben werden. Mehr noch als bei irgendeiner anderen Auseinandersetzung müssen Sie dabei allerdings berücksichtigen, daß es sich nur um das Herausgreifen ganz aphoristischer Einzelheiten aus einem unendlich weiten Gebiete handelt und daß es sehr schwierig ist, heute schon darüber in einer allgemein verständlichen Sprache zu sprechen. Es kann deshalb auch nur annähernd darüber gesprochen werden, weil man es in einem solchen erweiterten Kreise nicht mit lauter Eingeweihten zu tun hat, die in der Lage wären, jedes Wort auch wirklich seinem Wahrheitswert nach zu empfinden.
[ 2 ] In okkulten Schulen, deren Angehörige bereits auf einer höheren Stufe stehen, kann man sich auf eine ganz bestimmte Ausdrucksform einigen, so daß ein gewisses Wort einen entsprechenden Gefühlsimpuls zum Ausdruck bringt. Alle derartigen Dinge, wie sie heute angedeutet werden können, haben im gewöhnlichen Leben oft eine andere Bedeutung. Aber es soll doch versucht werden, auch heute schon über solche Fragen zu sprechen, haben sie doch zugleich einen praktischen Wert. Diejenigen werden freilich nicht viel davon haben, die nicht glauben, daß die Wirkungen, die aus Ursachen in der geistigen Welt erzeugt werden, viel stärker sind als die Wirkungen der äußeren physischen Welt. Daß in dem, was als Geist bezeichnet werden muß und was eine starke Wirkung in der Welt ausübt, Kräfte enthalten sind, ähnlich wie in Elektrizität, Magnetismus und so weiter, wird mancher theoretisch zugeben. Aber von realer Bedeutung wird das erst, wenn jeder dafür ein tieferes Gefühl und Verständnis aufbringt. Die Geisteswissenschaft kommt gegenüber dem heutigen Kulturleben in mancherlei Lagen. Vor allem wird sie sowohl von denen mißverstanden, die konservativ in den alten Geleisen weiterleben wollen, als auch von den zahlreichen Menschen, die auf den verschiedensten Lebensgebieten durch Reformen tätig sein wollen. Alle diese verschiedenen Gruppen von Menschen kommen an die Geisteswissenschaft heran und finden es eigentlich selbstverständlich, daß nicht sie zur Geisteswissenschaft kommen, sondern daß die Geisteswissenschaft zu ihnen komme. Wohl mag es leicht verständlich sein, daß beispielsweise ein radikaler Tierschutzfreund seine Kräfte und Erfahrungen nicht der geisteswissenschaftlichen Bewegung zur Verfügung stellt, sondern wütend wird, wenn nicht alle Theosophen gleich in die Tierschutzbewegung eintreten. Sie können das auf allen möglichen Spezialgebieten erleben. Das ist auch ganz natürlich. Da aber die theosophische Bewegung ein Universelles ist, verhält sie sich zu den verschiedenen Einzelbewegungen wie der Plan eines Baumeisters zu dem, was die Zimmerleute, Maurer, Handwerker und so weiter an dem Hause zu leisten haben. Die letztgenannten sind einzelne Arbeiter. Wer aber den ganzen Bau leitet, muß von den Arbeitern verlangen, zu ihm zu kommen, damit sie ihre speziellen Anweisungen von ihm erhalten. Deshalb kann sich die Geisteswissenschaft auch nicht darauf einlassen, wenn andere Bewegungen, Homöopathen, Antialkoholiker und andere, fordern, daß die Geisteswissenschaft zu ihnen komme, sondern alle die Spezialgebiete müssen sich eingliedern in die geisteswissenschaftliche Bewegung, die eine Grundreform auf allen Gebieten des Lebens anstreben muß, aber von innen heraus.
[ 3 ] Insbesondere wird die Stellung der Theosophie gegenüber der Wissenschaft sehr leicht mißverstanden. Nicht nur die Wissenschafter glauben, die Theosophie wäre ihre Feindin und wolle von der Wissenschaft nichts wissen. Auch manche Freunde der Theosophie sind dieser Ansicht. Namentlich der wissenschaftlich gebildete Arzt, der im Sinne der offiziellen Anforderungen tätig ist, wird leicht zu dem Vorurteil kommen, die Theosophie arbeite nicht mit wissenschaftlichen Methoden und gehe daher nicht mit der Wissenschaft Hand in Hand. Und doch ist das nicht der Fall.
[ 4 ] Sie hören heute von vielen Leuten Schlagworte über Schlagworte. Daß es Spezialisten gibt, ist in gewisser Weise durchaus berechtigt. Nicht die Vertreter der Spezialgebiete, sondern vor allem ihre Nachbeter gebrauchen solche Schlagworte. Eines von diesen Schlagworten möchte ich gleich an die Spitze stellen. Man hört vielfach, daß das Publikum sich geradezu hypnotisieren läßt, wenn der Ausdruck «Gift» gebraucht wird. Es erscheint sehr einleuchtend, wenn gesagt wird: Ein Gift darf nicht in den Körper kommen! — Man spricht dann gerne von «Naturheilkunde». Was hat man überhaupt unter Natur zu verstehen? Und was unter Gift? Natur umfaßt auch die Wirkung, die das Gift der Belladonna auf den menschlichen Organismus ausübt, denn es ist eine rein natürliche Wirkung. Natur schließt selbstverständlich alle Wirkungen ein, die unter Naturgesetzen stehen. Und was ist ein Gift? Wasser ist ein starkes Gift, wenn es der Mensch eimerweise vertilgt, denn es wirkt dann in hohem Grade zerstörend. Und Arsenik ist eine sehr gute Sache, wenn Sie es in bestimmten Kombinationen verwenden. Deshalb ist ein wirklich intimes Studium des menschlichen Organismus und der Dinge in der Natur draußen notwendig.
[ 5 ] Schon Paracelsus hat in seiner schlagenden Sprache darauf hingewiesen, wie bestimmte Vorgänge des menschlichen Körpers mit solchen in der äußeren Natur zusammenhängen, so Cholera mit Arsenik. Deshalb nannte er auch einen Cholerakranken einen Arsenicus, weil er wußte, daß bei Arsenik und Cholera dieselben Faktoren wirksam sind, und weil er zugleich erkannte, wie die Dinge zusammen harmonieren. Da haben wir es mit einem Naturprozeß zu tun, den man erst durchschauen muß.
[ 6 ] Ein anderes, was hindernd in den Weg tritt, wenn es sich um eine Verständigung mit der Wissenschaft handelt, ist die materialistische Denkweise, welche alle Fragen, um die es hier geht, in ein schiefes Licht gebracht hat. Erinnern Sie sich daran, was über die Wirkungen gewisser Metalle auf den menschlichen Organismus gesagt wurde. Nun könnte jemand behaupten, die Geisteswissenschaft sei reinster Materialismus, wenn sie erklärt, daß die Kräfte in den Mineralien und Metallen materielle Wirkungen auf den menschlichen Organismus ausüben. Doch die Geisteswissenschaft weiß zugleich, daß das Materielle in einer bestimmten Beziehung zum Geiste steht. Wer wirklich eine spirituelle Weltanschauung vertritt, hat erkannt, daß es sich bei solchen Stoffen eben nicht um bloße Materie handelt, sondern daß darin ebenso wie in einem von Haut umgebenen Wesen Geist und Seele lebt. In diesem Sinne spricht der 'Theosoph von dem Geist, der im Gold, im Quarz, im Arsenik oder im Gift der Belladonna verkörpert ist. Für den Okkultisten ist die Welt voll von geistigen Wesenheiten. Die im Blei verkörperte Geistigkeit hat jene Beziehung zum menschlichen Organismus, von der Sie gestern hörten. Für die Theosophen handelt es sich nicht um das Aufsuchen von irgendwelchen sonderbaren geistigen Wesen, die gar nichts mit unserer Welt zu tun haben, sondern um solche, die in jedem Stück Metall, wie überhaupt in allem, was uns umgibt, enthalten sind. So durchgeistigt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Stoff. Geistige Analogien sind etwas, was auf wirklicher spiritueller Forschung beruht.
[ 7 ] Nicht um eine Gegnerschaft gegen die Fachwissenschaft handelt es sich hier. Es muß Spezialisierung geben, und man darf über die äußeren Tatsachen nicht hinweggehen. Aber es ist unmöglich, aus einem Spezialwissen heraus einen Gesamtstandpunkt über die Welt zu erhalten. Auch der Arzt muß als Persönlichkeit etwas von den höheren Welten wissen. Er wird dann seine Arbeit ganz anders einrichten, als ein solcher, der nichts von den großen Zusammenhängen weiß. Dann wird man auch die Symptome anders werten. Eine einzelne Beobachtung oder ein Erlebnis wird man vielleicht für etwas ganz Geringfügiges halten, wenn sich das aus einem Überblick über das Ganze ergibt. Wie jeder, der an der Kultur arbeitet, bestimmte Voraussetzungen mit sich bringen muß, so wird die Zukunft auch geisteswissenschaftlich gebildete Ärzte verlangen. Nicht nur um das empirische Vermögen handelt es sich, sondern noch um etwas ganz anderes. Als Beispiel sei hier Hahnemann, der Begründer der Homöopathie angeführt. Zwischen Paracelsus und Hahnemann besteht ein großer Unterschied. Der Arzt des 16. Jahrhunderts war noch bis zu einem gewissen Grade hellsehend. Das war damals noch eine weitverbreitete Eigenschaft. Hahnemann war das nicht mehr. Er konnte nur die Wirkung der Heilmittel durch die Sinneserfahrung erproben.
[ 8 ] Für die hier gemeinte Beziehung des Menschen zu Wesen und Gegenständen der Natur gibt es ein Analogon, nämlich das Verhältnis der Geschlechter zueinander, das vorzugsweise durch Sympathie bestimmt wird. Es ist ein geheimnisvoller Zug, der die Geschlechter zueinander drängt, eine Kraft, die innerhalb des Lebendigen wirkt. Es ist nicht als irgend etwas Mystisches im schlechten Sinne des Wortes aufzufassen, daß sich der eine Mann zu dem einen Weibe hingezogen fühlt. Wer sich zum okkulten Weltbetrachter ausbildet, hat ein ähnliches Verhältnis zu allen lebenden Dingen um sich herum, das ein universales genannt werden kann. So wie es ein spezifisches Verhältnis zwischen dem einen Mann und dem einen Weibe gibt, so gibt es ein spezifisches Verhältnis zwischen einem solchen Menschen und den Phänomenen seiner Umgebung. Wer diese Kräfte in sich ausgebildet hat, erlangt das Wissen, das ihn erkennen läßt, welches Verhältnis ein bestimmtes Ding zum Menschen hat. Daraus ergibt sich auch eine Erkenntnis der Wirkung der Heilkräfte.
[ 9 ] Paracelsus brauchte nicht erst zu probieren, ebensowenig wie der Magnet zu probieren braucht, der das Eisen anzieht. Er konnte sagen, daß im Roten Fingerhut diese oder jene Heilkraft wohnt. Ein solches Wissen wird erst dann wiederkommen, wenn der Arzt erkennen wird, daß es nicht nur auf den intellektuellen Verstand, sondern auf die innere Lebenshaltung ankommt; wenn er weiß, daß er selbst ein ganz anderer Mensch werden muß. Wenn er Temperament, Charakter, die ganze Anlage seiner Seele umgewandelt hat, dann kann er erst jene Schau- und Erkenntniskraft gegenüber den Kräften der Welt entfalten, welche den Menschen harmonisieren. Das wird in gar nicht so ferner Zukunft möglich sein. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hat vor allem gewisse Prinzipien anzugeben, und einige davon sollen sich an diese allgemeine Betrachtung anschließen. Wer will, kann daran viel gewinnen.
[ 10 ] Vier Momente kommen dabei in Betracht. Das erste ist, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen dem, was man Verdauung, und dem, was man Denktätigkeit nennt. Mit anderen Worten: was die Verdauung auf einem niederen Gebiete ist, das ist die Denktätigkeit auf einem höheren Gebiete. Beide stehen im Organismus des Menschen, so wie er sich auf dem physischen Plane darlebt, in einem innigen Kontakt. Etwas Konkretes über diesen Kontakt soll jetzt angeführt werden. Zur Denktätigkeit gehört es, daß man logisch folgern kann, das richtige Folgern des einen Begriffes aus einem anderen. Dieses Folgern innerhalb der Gedankentätigkeit ist etwas ganz Bestimmtes. Man kann gewisse Übungen machen, um diese Denktätigkeit in ein bestimmtes Gleis zu bringen. Dasselbe, was Sie in dieser Denktätigkeit seelisch bewirken, wenn Sie solche logischen Übungen ausführen, bewirkt in der Verdauung eine bestimmte Substanz, und zwar der Kaffee. Das ist keine phantastische Annahme, sondern man kann diese Tatsache belegen. Was Sie dem Magen mit dem Kaffee antun, das bewirken Sie beim Denken, wenn Sie praktische logische Übungen machen. Wenn Sie Kaffee trinken, fördern Sie in einer gewissen Weise die logische Folgerichtigkeit im Denken. Und wenn man sagt, der Genuß des Kaffees bedeute eine Steigerung derjenigen Tätigkeit, die für die Stärkung des Denkens erforderlich sei, so ist das wohl zutreffend. Aber der Kaffee fördert eben nur auf eine unselbständige Weise das folgerichtige Denken: er wirkt wie durch einen Zwang. Sie fühlen in sich eine gewisse Unselbständigkeit, etwas wie eine Wirkung von außen. Will der Mensch folgerichtig denken, dabei aber unselbständig bleiben, so mag er viel Kaffee trinken. Wenn er aber die Denktätigkeit selbständig vollziehen will, dann muß er sich gerade von den Dingen freimachen, die auf das Untere wirken; er muß die Kräfte in sich ausbilden, die von der Seele ausgehen. Dann wird er auch die Erfahrung machen, daß nach entsprechenden Übungen auch der Magen wieder in Ordnung kommt oder in Ordnung bleibt.
[ 11 ] Eine andere Sache: Der geordneten Denktätigkeit gegenüber steht dasjenige Denken, das nicht bei einem Gedanken stehenbleiben kann, das haltlose Denken. Es wirkt zerstreuend und ist durch eine Art bestimmt, die nicht einen Gedanken mit dem anderen zusammenhalten kann. Auch dieses Denken hat sein Korrelat in der Wirkung eines bestimmten Stoffes auf die Verdauung, und dieser ist im Tee enthalten. Der Tee wirkt in der Tat im Unteren wieder so, wie das alle Gedankenflüchtigkeit Bewirkende im Oberen. Daraus können Sie entnehmen, daß gewisse schädliche Wirkungen des Tees unter Umständen recht verheerend sein können. Glauben Sie aber nicht, daß jemand, der sein ganzes Leben hindurch Tee trinkt, schließlich innerlich ganz zerrissen sein müßte. Wenn er durch den Tee nicht in einer derartigen Weise nachteilig beeinflußt wird, ist das nur ein Beweis, daß sein Organismus genügend Widerstandskraft besitzt.
[ 12 ] Ebenso wie die Verdauung der Denktätigkeit entspricht, so entspricht die Herz- und Bluttätigkeit dem Willens- und Begierdenleben; so daß alles, was durch gewisse Stoffe, durch gewisse Arten von Ernährungsmitteln als Wirkung auf das Blut ausgeübt wird, eine Entsprechung in der Willenstätigkeit bewirkt. Das ist besonders zu beobachten, wenn man auf das Umgekehrte sieht. Heute hören Sie vielfach, es sei ein längst überwundener Standpunkt, daß man jemanden durch Gedanken heilen könne; daß zum Beispiel eine Person, die von religiösem Wahnsinn oder auch von Verfolgungswahn befallen ist, nicht durch entsprechende entgegengesetzte Gedanken geheilt werden könne. Was da äußerlich zum Ausdruck kommt, ist nämlich nur ein Symptom, und wenn man dieses äußere Symptom beseitigen könnte, so würde die Krankheit sich auf ein anderes Organ legen und in neuer Gestalt wieder hervortreten. Was die materialistische Heilkunde erforscht hat, weiß der Okkultismus längst. Und nie würde es einem Okkultisten einfallen, eine Wahnvorstellung durch eine Gegenvorstellung heilen zu wollen. Etwas anderes ist es aber, wenn durch die Mittel des Okkultismus viel tiefer eingegriffen wird, nämlich auf das, was als eigentliche Ursache zugrundeliegt. Nehmen Sie einmal an, ein Mensch wäre in der Willens- und Begierdensphäre erkrankt, dann liegt das an gewissen Störungen bestimmter Organe. Dabei kommt nicht nur das Herz in Betracht, sondern manches andere, was damit zusammenhängt. Dann wird der materialistische Arzt sagen: Was sich da kundgibt, kann ich nicht dadurch heilen, daß ich dem Kranken richtige Vorstellungen beibringe. Aber Sie müssen sich eines vorhalten: Im Organismus hat man nicht nur zwei Dinge zu unterscheiden, nicht nur die materielle Grundlage und das, was sich dadurch auslebt; es gibt noch ein drittes Element, das der Okkultist kennt. Wohl steht hinter der unmittelbaren Seelentätigkeit auf dem physischen Plan, also hinter dem, was sich durch Willensimpulse äußert, in der Tat eine organische Tätigkeit. Aber hinter dieser organischen Tätigkeit existiert das dritte: Das Organ ist aufgebaut vom Geiste, es ist aus einem Geistigen entstanden. Und auf dieses Geistige, das hinter dem Organ als dessen Erzeuger vorhanden ist, muß gesehen werden. Wenn Sie beispielsweise einem religiös Wahnsinnigen eine richtige Vorstellung beibringen wollen, haben Sie damit gar nichts getan. Wenn Sie aber so auf ihn einwirken, daß Sie den Erzeuger der Organtätigkeit treffen — und das ist der Ätherleib -, dann können Sie etwas bei ihm bewirken, nicht durch Vorstellungen, sondern indem Sie etwas tun, was scheinbar in gar keinem Zusammenhang mit dem Vorstellungsleben steht.
[ 13 ] Um das zu begreifen, gehen wir einmal von dem Begriff einer religiösen Wahrheit aus. Sie können der Vorstellung der religiösen Wahrheit so gegenübertreten, daß Sie dieselbe begreifen. Dann ist für den Verstand das Nötige getan. Aber wenn Sie noch so viele Vorstellungen einsehen, sie sind für Ihr organisches Leben — das Leben für den Ätherleib wie für den physischen Leib — absolut unwirksam. Deshalb ist es auch unwirksam, wenn Sie einem Kranken durch Überzeugung richtige Vorstellungen beibringen wollen, denn auf seine Willenstätigkeit hat das gar keinen Einfluß. Denken Sie sich aber diese Wahrheit nicht bloß verstandesmäßig wirksam, sondern sagen Sie dem Menschen: Du mußt das nicht nur einmal begreifen, sondern du mußt diese Vorstellungen jeden Tag von neuem auf dich wirken lassen; das muß sich Tag für Tag rhythmisch wiederholen, muß von ganz bestimmten Gefühlen und Bildern begleitet sein. Es einmal zu tun, hat nichts zur Folge. Geschieht es aber eine längere Zeit hindurch regelmäßig, dann wirkt es bis in die organische Konstitution hinein. Das ist das, was man Konzentration und Meditation nennt. Also durch eine Stunde wirkt man nicht auf den Menschen. Wenn Sie ihm aber Anweisungen geben und er sie viele Wochen hindurch täglich ausführt, dann wirken Sie schon ein wenig auf den Menschen, denn Sie erreichen das, was hinter dem Organ als dessen Erbauer steht. Der Okkultismus befindet sich auf keinem anderen Boden als die wissenschaftliche Heilweise, aber er weiß viel mehr. Heute kann man diese Vorstellungen freilich noch nicht öffentlich verkünden.
[ 14 ] Im weitesten Umfang hängt die Atmungstätigkeit mit dem Gefühls- und Sinnesleben zusammen. Aus diesem Ursprung heraus können Sie wieder über viele Dinge Aufschluß erhalten, wenn Sie sich klar werden, was alles mit der Atmungstätigkeit zusammenhängt und wie dadurch das Gefühls- und Sinnesleben beeinflußt werden kann. Die Atmungstätigkeit setzt voraus, daß dem Blut genügend Sauerstoff zugeführt wird und daß die organischen Stoffe dadurch erhalten werden. Ein Mensch, der an geistigen Dingen Freude hat, der einen geistigen Inhalt besitzt, der ihm eine frohe Stimmung vermittelt und der dauernd auf ihn wirkt, ein solcher Mensch beeinflußt seine Organe vom Geiste her gesundend.
[ 15 ] Wenn wir nun noch einmal auf Verdauung und Denktätigkeit zurückkommen, so werden wir finden, daß insbesondere auf diesem Gebiet viel zu tun ist. Man sollte sich darüber klar sein, daß die Menschheit immer mehr zu einer bewußten Ernährungsweise übergehen muß. Wer heute auf diesem Gebiet Erkenntnisse sammelt, begeht freilich oft noch einen bestimmten Fehler. Dieser besteht darin: Der Mensch will zuviel von dem lernen, was er «Natur» nennt; er will ganz und gar nur der Natur folgen. Paracelsus sagt demgegenüber: Man soll nicht ein Knecht der Natur sein. Zwar soll der Arzt durch der Natur Examen gehen, aber er muß ein Künstler sein, er muß die Natur fortsetzen. - Und die wirklichen Heilmittel sieht Paracelsus nicht in dem, was man der Natur unmittelbar entnimmt, sondern in Neuprodukten, die aus dem Geiste der Natur heraus geschaffen werden. So erwartet Paracelsus eine Epoche der Medizin, welche derartige Neuprodukte als eigentlich wirksame Heilmittel verwendet. Um eine Fortsetzung der Natur auf diesem Gebiete handelt es sich einzig und allein.
[ 16 ] Wenn heutzutage die Leute begründen wollen, warum eine gemischte Kost für den Menschen das Richtige sein soll, dann pflegen sie zu argumentieren: Pflanzenfresser seien die Wiederkäuer, diese hätten einen besonders veranlagten Magen und entsprechende Verdauungswerkzeuge. Fleischfresser seien die Raubtiere, deren Verdauungswerkzeuge und deren Gebiß auf den Fleischgenuß ausgerichtet seien. Des Menschen Zähne und Verdauungswerkzeuge seien nun ein Mittelding zwischen denen der Wiederkäuer und denen der Raubtiere. Deshalb weise die Natur selbst den Menschen auf eine gemischte Kost hin. — Aber alles in der Welt ist ja gerade im Fluß, im Werden und Wachsen. Nicht wie der Mensch heute ausschaut, sondern wie er anders werden kann, darum handelt es sich. Wird der Mensch zur Pflanzennahrung übergehen, so werden die Organe zurückgehen, die mehr der Fleischnahrung entsprechen, und es werden die Organe ausgebildet werden, die für die Pflanzennahrung notwendig sind. Man muß in Betracht ziehen, wie es einmal war und wie es in der Zukunft werden kann. Man gibt daher dem Menschen nicht die richtige Nahrung, wenn man sie auf seinen gegenwärtigen Status abstellt, sondern erst dann, wenn man seinen inneren Werdegang ins Auge faßt. Durch Statistiken und äußere Tatsachen erfassen Sie nur den äußeren Status, Sie erfassen aber nicht die Richtung, in der sich der Mensch bewegen muß. Man muß die Welt auch ein wenig im großen betrachten.
[ 17 ] Fassen Sie einmal den Nationalcharakter des russischen Bauern, wie er heute ist, und den des Engländers ins Auge. Der russische Bauer wird das Ich so wenig wie möglich betonen. Bei dem Engländer ist das Gegenteil der Fall. Das findet schon einen rein äußerlichen Ausdruck in der Schreibweise. Der Engländer schreibt das Ich groß. Geht man diesem Sachverhalt weiter nach, so findet man, daß in England fünfmal so viel Zucker konsumiert wird als in Rußland. Hier zeigt sich also wiederum die gegenseitige Entsprechung von Verdauungstätigkeit und Denktätigkeit. Der Vorgang, welcher in der Verdauung durch Zuführung einer größeren Menge von Zucker bewirkt wird, hat im oberen Menschen sein Korrelat in einer stärkeren Selbständigkeit der Denkfunktion.
[ 18 ] Nun werden Sie sich denken können, daß man in diese Verhältnisse gegebenenfalls auch korrigierend eingreifen kann. Ein Mensch kann seine Ernährung so einrichten, daß er nur kurze Zeit zum Verdauen braucht, während ein anderer vielleicht lange Zeit damit zubringt. Das läßt uns wieder tief in den menschlichen Organismus hineinschauen. Wenn nämlich der eine Mensch Reis ißt und schnell mit seiner Verdauung fertig ist, dann bleiben gewisse Kräfte übrig, die ihm alsdann für seine Denktätigkeit zur Verfügung stehen. Ein anderer Mensch, der zum Beispiel Wildente ißt und entsprechend längere Zeit zur Verdauung braucht, kann durchaus klug sein; aber wenn er Gedanken produziert, denkt in Wirklichkeit sein Bauch. Der eine kann ein schwacher Denker sein, aber selbständig denken, der andere ein starker Denker, aber unselbständig denken. Daraus können Sie wiederum eine Lehre ziehen.
[ 19 ] Um noch etwas anderes zu berühren: Die denkbar größte Sorgfalt muß darauf gerichtet sein, daß dem Körper nicht zuviel und nicht zuwenig Eiweißstoffe zugeführt werden. Da muß unbedingt das richtige Maß gefunden werden. Denn innerhalb der Verdauung entsprechen die Eiweißstoffe demjenigen, was in der Denktätigkeit bei der Erzeugung von Vorstellungen vor sich geht. Dieselbe Tätigkeit, welche die Fruchtbarkeit des Denkens bewirkt, wird im unteren Organismus durch die Eiweißstoffe hervorgerufen. Werden diese dem Menschen nicht in ausgewogener Menge zugeführt, dann erzeugen sie einen Überschuß von solchen Kräften, die in der unteren Leibestätigkeit dem entsprechen, was in der oberen die Vorstellung bildet. Nun soll aber der Mensch immer mehr Herr seiner Vorstellungen werden. Darum soll die Zufuhr von Eiweißstoffen in gewissen Grenzen bleiben, sonst wird er von einer Vorstellungstätigkeit überwältigt, von welcher er gerade frei werden sollte. Das hatte Pythagoras im Sinne, wenn er seinen Schülern die Lehre gab: Enthaltet euch der Bohnen!
[ 20 ] Freilich kommen dann Leute und sagen: Seht euch den Reisesser an! Das ist ein schwacher Denker. — Ja, dann ist eben ein solcher Mensch bei seinem Reis noch nicht entwickelt, aber es handelt sich nicht darum, daß man nur die Regeln kennt und meint, jeder brauche sie nur auszuführen. Wenn das Untere zum Oberen nicht stimmt, wird man auch dadurch Unheil anrichten können. Nehmen Sie einen Menschen, der sich vor kurzem dem Vegetarismus zugewandt hat. Dann verläuft bei diesem neuen Vegetarier die Tätigkeit im Unteren in einer ganz bestimmten Weise. Gewisse Kräfte wandeln sich von materiellen in geistige um. Werden sie aber nicht verwendet, so wirken sie nachteilig und können sogar die Gehirntätigkeit beeinträchtigen. Wer sich nicht anders beschäftigt als etwa ein Bankier oder ein gewöhnlicher Stubengelehrter, kann sich dabei sehr schädigen, falls er nicht spirituelle Vorstellungen aufnimmt durch jene Kräfte, die durch seine vegetarische Lebensweise aufgespart werden. So muß der Vegetarier auch zugleich zu einem spirituellen Leben übergehen, sonst soll er lieber Fleischesser bleiben, sein Gedächtnis könnte Störungen erleiden, gewisse Gehirnpartien könnten geschädigt werden und so weiter. Es genügt nicht, sich von Früchten zu ernähren, damit einem die höchsten Gebiete des geistigen Lebens erschlossen werden.
[ 21 ] Eine andere Entsprechung im Organismus ist folgende. Der Fortpflanzungsfähigkeit entspricht im oberen Organismus das sogenannte Visionäre, also in gewisser Weise auch die imaginative Seelentätigkeit. Darum wurde von manchen Orden eine gewisse Askese verlangt, doch liegt darin zugleich eine Quelle von ungeheuren Gefahren. Diese können nur durch ein reines inneres Leben abgewendet werden, durch ein festes Vertrauen in die eigene Individualität und durch das Vermögen, in allen Lebenslagen immer gefaßt zu bleiben. Gibt man sich keinen Affekten und keinen äußeren Einwirkungen hin, so steht man sicher auf diesem Gebiete und wird schädliche Einwirkungen abwenden können.
[ 22 ] Bei der weißen Magie kommt nicht nur ein reines, sondern auch ein starkes und sicheres Leben in Frage, eine feste Beherrschung des inneren Lebens, die Fähigkeit, in allen Situationen die Fassung zu bewahren. Besitzen Sie auf der einen Seite wirklich so viel Selbstbeherrschung, daß nichts Sie verblüffen kann, stehen Sie innerlich sicher begründet da, dann werden Sie auch Abstürze leichter überwinden können.
[ 23 ] Eine neue Ära kann beginnen, wenn man sich entschließen wird, in allen diesen Dingen die theosophische Weisheit zur Richtschnur zu nehmen. Man wird in der Zukunft beispielsweise studieren müssen, wie man gewisse Kräfte, welche der Organismus hergibt, planvoll umwandeln kann in solche, die für die geistige Erkenntnis verwendet werden können. Im Laboratorium wird einmal ein Stoff produziert werden, der höherwertig sein wird als die Milch. Heute wäre es schon durchaus möglich, ein Nahrungsmittellaboratorium zu begründen und dadurch auch Einfluß auf die Ernährung der Völker zu gewinnen. Aber die Zeit wird kommen, da Schüler der Geisteswissenschaft chemisch arbeiten werden im Einklang mit der werdenden Natur, nicht mit der gewordenen Natur. Goethe sagt in diesem Sinne:
«Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.»
[ 24 ] Nehmen Sie diese wenigen Gesichtspunkte hin, die aus einem weiten Gebiet herausgenommen sind, und betrachten Sie sie so, daß man sie ausbauen muß. Dann werden Sie schon sehen, wie Sie aus diesen Dingen geistige Nahrung herausziehen können und welche praktische Bedeutung sie für Sie zu gewinnen vermögen.
