Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
GA 96
12 Juni 1907, Berlin
20. Die Drei Aspekte des Persönlichen
[ 1 ] Der Münchner Kongreß, der der vierte ist - nach Amsterdam, London und Paris —, sollte in einer gewissen Beziehung eine Etappe sein in der Entwickelung unserer theosophischen Bewegung. Er wird eine Art Verbindung zwischen den verschiedenen Nationen herstellen auch in bezug auf unsere theosophische Sache innerhalb Europas. Nicht einen eigentlichen Bericht über den Kongreß will ich heute geben, sondern nur ein paar Bemerkungen für diejenigen, welche nicht daran teilnehmen konnten.
[ 2 ] Er sollte eines zeigen, was immer und immer wieder von mir betont worden ist in bezug auf unsere theosophische Sache - er sollte zeigen, daß Theosophie nicht nur Gegenstand persönlichen Brütens und In-sich-Hineinlebens sein soll. Die theosophische Sache soll ins praktische Leben eingreifen, soll eine Sache der Bildung sein, eine Sache des Sich-Einlebens in alle Zweige des praktischen Daseins. Nur wer ein tieferes Verständnis und einen tieferen Begriff von den eigentlichen Impulsen der theosophischen Sache hat, weiß schon heute, welche Möglichkeiten diese Theosophie in der Zukunft bieten wird. Sie wird der Einklang sein zwischen dem, was wir [äußerlich] sehen und schauen und dem, was wir innerlich fühlen. Für den, der tiefer schauen kann, liegt ein wichtiger Grund für die Zerfahrenheit [heutiger Menschen] in dieser Disharmonie zwischen dem, was ist, und dem, was die Theosophie will. Nicht bloß Theosophen haben das empfunden, sondern auch andere bedeutende Naturen, wie zum Beispiel Richard Wagner. ..
[ 3 ] In früherer Zeit war jedes Türschloß, jedes Haus, jedes Gebilde ein Gebilde der Seele. Seelenstoff war eingeflossen. In den alten Zeiten gehörte das Kunstwerk zum menschlichen Fühlen und Denken. Die Formen der gotischen Kirchen waren in alten Zeiten entsprechend der Stimmung derer, die zu den Kirchen pilgerten. Sie besaßen deren eigene Seelenstimmung. Der zu der Kirche Pilgernde empfand damals die Formen wie ein Händefalten, so wie der alte Germane [beim Betreten eines Haines die Bewegungen der Bäume wie] ein Händefalten empfand. Alles war in jenen Zeiten den Menschen vertrauter. Das sehen Sie noch bei Michelangelo und Leonardo da Vinci wundervoll ausgedrückt. Das Zusammenstehen des ganzen Dörfchens in der Kirche war nichts anderes als der Ausdruck seines ganzen Seelenlebens. Die ganzen Ätherströme sammelten sich an dem Platze, wo die Kirche stand. Das materialistische Zeitalter hat das alles zerklüftet. Die, welche das Leben nicht betrachten können, wissen das nicht. Der Seher aber weiß, daß es heute, wenn man durch eine Stadt geht, fast nichts zu sehen gibt als Dinge, die den Magen oder die Putzsucht angehen. Wer die geheimen Lebensfäden zu verfolgen versteht, weiß auch, was die materialistische Kultur zu dieser Zerklüftung gebracht hat.
[ 4 ] Eine Gesundung der Außenwelt kann dadurch entstehen, daß sie ein Abdruck dessen wird, was unsere innersten Seelenstimmungen sind. Nicht zum Vollkommensten kann man gleich greifen, aber ein Beispiel dafür wurde in München gegeben. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wurde in dem Raum zum Ausdruck gebracht. Der ganze Saal war in Rot gehalten. Es besteht zwar häufig ein großer Irrtum in bezug auf die rote Farbe, aber das Rot ist in seiner tieferen Bedeutung nicht zu verkennen. Die Entwickelung der Menschheit ist ein Auf- und Absteigen. Sehen Sie sich die ursprünglichen Völker an. Grün haben sie in der Natur. Und was lieben sie am meisten? Rot! Der Okkultist weiß, daß das Rot eine besondere Wirkung auf die gesunde Seele hat. Es löst in der gesunden Seele die aktiven Kräfte aus, diejenigen Kräfte, welche zur Tat anspornen, diejenigen Kräfte, welche die Seele aus der Bequemlichkeit in die Unbequemlichkeit des Tuns versetzen soll. Ein Raum mit Feiertagsstimmung muß rot austapeziert sein. Wer ein Wohnzimmer rot austapeziert, der zeigt, daß er keine Feiertagsstimmung mehr kennt und die tote Farbe profaniert. Goetbe hat über solche Dinge die schönsten Worte gesagt, die es gibt: «Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie in ihrem dunklen, verdichteten, dieses in ihrem hellen, verdünnten Zustande. Und so kann sich die Würde des Alters und die Liebenswürdigkeit der Jugend in eine Farbe kleiden.»
[ 5 ] Das sind die Stimmungen, die durch das Rot ausgelöst werden, Stimmungen, die man auf okkultem Wege nachweisen kann. Schaut euch die Landschaft durch ein rotes Glas an, und ihr habt den Eindruck: So muß es aussehen am Tage des Gerichts. - Rot macht froh darüber, was der Mensch in der Fortentwickelung vollbracht hat. Rot ist Feind gegen retardierende Stimmungen, gegen Sündenstimmungen.
[ 6 ] Dann gab es da sieben Säulenmotive für die Zeit, in welcher der Theosophie auch einmal Gebäude gebaut werden können. Die Motive der Säulen sind aus den Lehren der Eingeweihten herausgeholt, aus uralten Zeiten. Die Theosophie wird die Möglichkeit haben, wirklich neue Säulenmotive der Architektonik zu geben. Die alten Säulen sagen eigentlich dem Menschen schon längst nichts mehr. Die neuen haben Bezug auf Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Venus. Die Gesetzmäßigkeit drückte sich in den Kapitellen aus. Zwischen den Säulen hatten wir die sieben apokalyptischen Siegel in Rosenkreuzerart angebracht. Das Gralssiegel ist zum ersten Mal vor der Öffentlichkeit erschienen.
[ 7 ] Die Theosophie kann man auch bauen: Man kann sie bauen in der Architektonik, in der Erziehung und in der sozialen Frage. Das Prinzip des Rosenkreuzertums ist, den Geist in die Welt einzuführen, fruchtbare Arbeit für die Seele zu leisten. Es wird auch gelingen, die Kunst zu einer Mysterienkunst zu erheben, nach der Richard Wagner eine so große Sehnsucht hatte. Ein Versuch ist gemacht in Edounard Schurés Mysteriendrama. Hier hat Schur& versucht, den Mysterienspielen nachzuarbeiten. Was dem zugrundelag, war die Absicht, die Theosophie einzukristallisieren in den Aufbau der Welt. Das Programm zeigte die feiertägliche Farbe Rot und trug ein schwarzes Kreuz mit Rosen umwunden im blauen Felde. Das Rosenkreuzertum leitet das, was das Christentum gegeben hat, in die Zukunft weiter. Die Anfangsbuchstaben auf dem Programm geben die Grundgedanken wieder.
[ 8 ] Heute möchte ich über einige Fragen sprechen, die man in diesem Zusammenhang stellen könnte. Zunächst: Wie wäre es, wenn die Theosophie in die Rosenkreuzerströmung übergeht und sich in diesen Vorstellungen ausleben wird? -— Darüber wollen wir uns einige Vorstellungen in bezug auf theosophische Ethik oder Sittenlehre bilden. Die theosophische Ethik oder Sittenlehre ist keine solche, die sagt: Dies oder jenes sollst du tun oder nicht tun. — Die Theosophie hat es nicht zu tun mit Forderungen und Geboten, sondern mit Tatsachen und Erzählungen. Man braucht nur ein Beispiel einer Tatsache der astralen Welt zu nehmen, woraus man sieht, daß man nicht nötig hat, Moral zu predigen. Übrigens nützt dies auch nichts, denn Ermahnungen und Gebote begründen keine wirkliche Sittlichkeit, sondern dies geschieht durch die Tatsachen des höheren Lebens. Wenn Sie von Okkultisten hören, Lüge ist Mord und Selbstmord, dann wirkt das als Impuls mit einer solchen ethischen Kraft, daß sie sich nicht vergleichen läßt mit der einfachen Ermahnung:: Ihr sollt nicht lügen. - Wenn man weiß, was Lüge und was Wahrheit ist, wenn man weiß, daß alles im Geistigen seinen Abdruck hat, dann wird die Sache etwas anders. Die der Wahrheit entsprechende Erzählung bildet die Lebenskräfte für die Fortentwickelung. Die unrichtige Behauptung schlägt an die Wahrheit und schlägt zurück auf den Menschen selbst. Alles, was der Mensch lügt, hat er später selber zu fühlen. Lügen sind die größten Hemmnisse für die Weiterentwickelung. Nicht umsonst nennt man den Teufel den Geist der Lügen und Hindernisse. Der explosive Stoff der Lüge tötet objektiv und entlädt sich auf den, der sie aussendet.
[ 9 ] Drei Vorstellungen von dem Persönlichen kennen wir: das Persönliche, das Unpersönliche und das Überpersönliche. Es gab einstmals einen Menschenvorfahren, welcher höher war als jedes Tier, aber niedriger als der Mensch. Er bestand aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib. Dann kommt das Ich dazu, welches die höheren Teile wieder aus sich heraus bildet, zur siebengliedrigen Menschennatur.
[ 10 ] Die Entwickelung von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib geht durch lange Zeiträume. Sie haben sich dadurch reif gemacht, das Ich-Bewußtsein in sich aufzunehmen. Die Tendenz der drei niederen Glieder und die Art und Weise, wie sie sich entwickelt haben, soll uns heute interessieren. Immer mehr ist der Mensch fähig geworden, ein selbstbewußtes Wesen zu werden. Das ist nur möglich durch die Kraft des Egoismus, der Selbstsucht. Sie kann göttlich oder teuflisch sein. Diese Worte müssen nicht nur nach der Empfindung, sondern nach ihrem wahren Kern beurteilt werden. Die Selbständigkeit setzt voraus, daß der Mensch ein egoistisches Wesen wurde.
[ 11 ] Mit der Entwickelung des Egoismus hängt zusammen die Form des — scheinbaren — Bewußtseinsverlustes, die wir als Tod im jetzigen menschlichen Leben kennen. In demselben Grade wie sich die Selbstsucht entwickelt hat, hat sich auch der Tod entwickelt. In den ersten Zeiten starb der Mensch nicht. Er war wie ein Glied, das vertrocknet und dann wieder nachwächst, etwa so wie der Nagel am Finger abfällt und wieder nachwächst. Unser jetziges Sterben und Wiedergeborenwerden ist gekommen, damit wir unser jetziges Ich-Bewußtsein haben können. Egoismus und Tod sind zwei Seiten derselben Sache. Das Höhere der menschlichen Natur ist so, daß es den Egoismus wieder überwindet, sich zu dem Göttlichen hinaufarbeitet und damit den Tod überwindet. Je mehr ein Mensch den höheren Teil in sich entwickelt, desto mehr entwickelt er das Bewußtsein seiner Unsterblichkeit. In dem Augenblick, wo der Mensch egoistisch geworden ist, ist er auch eine Persönlichkeit geworden. Das Tier ist nicht persönlich, weil es das Ich als Gruppenseele hat, die nicht vom Astralplan heruntersteigt. Die Persönlichkeit ist dasjenige, was die drei Leiber — physischer Leib, Ätherleib und Astralleib - vom Ich durchstrahlt sein läßt. Das kann auch unklar, schattenhaft sein - und wenn dies der Fall ist, so ist der betreffende Mensch eine schwache Persönlichkeit.
[ 12 ] Für den Hellseher ist dies durchaus erkennbar. Er sieht den Menschen von einer farbigen Aura umflossen, in der sich seine Stimmungen, Leidenschaften, Gefühle, Empfindungen in Farbströmungen und Farbwolken genau ausdrücken. Versetzen wir uns in die Zeit, in welcher die drei Wesensglieder erst bereit waren, das menschliche Ich aufzunehmen, so würden wir auch bei diesem noch nicht ganz Mensch gewordenen Wesen eine Aura finden. Es würden aber darin die gelben Strömungen fehlen, in denen die höhere Natur des Menschen zum Ausdruck gelangt. Starke Persönlichkeiten haben eine stark gelb strahlende Aura. Nun kann man eine starke Persönlichkeit sein, aber ohne Aktivität, man kann innerlich stark reagieren, ohne ein Tatenmensch zu sein. Dann zeigt die Aura gleichwohl viel Gelb. Ist man aber ein Tatenmensch und wirkt sich die Persönlichkeit in der Außenwelt aus, so geht das Gelb allmählich in ein strahlendes Rot über. Eine rot strahlende Aura ist die eines Tatenmenschen; sie muß aber strahlen.
[ 13 ] Doch gibt es eine Klippe, wenn die Persönlichkeit zu Taten drängt. Das ist der Ehrgeiz, die Eitelkeit. Davon können besonders leicht starke Naturen befallen werden. Der Hellseher sieht dies in der Aura. Ohne den Ehrgeiz geht das Gelb unvermittelt in Rot über. Ist der Mensch jedoch ehrgeizig, so hat er viel Orange in der Aura. Diese Schwelle muß man überwinden, um zur objektiven Tat zu gelangen.
[ 14 ] Schwache Persönlichkeiten sind solche, die mehr darauf gerichtet sind, daß man ihnen gibt, als daß sie geben und etwas tun. Da sehen Sie dann hauptsächlich blaue Farben, und wenn die Menschen besonders bequem sind, die Indigofarbe. Es bezieht sich dies mehr auf die innerliche Bequemlichkeit als auf die äußere.
[ 15 ] Sie sehen, wie sich in der Aura des Menschen die starke oder schwache Persönlichkeit abspiegelt. Der Mensch soll das Persönliche immer mehr überwinden und das Höhere wirken lassen. Daher hören Sie viel reden von der Überwindung der Persönlichkeit und des Egoismus. Nun kommen wir aber auf den Hauptpunkt. Es kommt darauf an, ob wir das Persönliche durch das Unpersönliche oder durch das Überpersönliche überwinden.
[ 16 ] Was heißt: sich überwinden durch das Unpersönliche? Das heißt, die starke Kraft abschwächen, die Energie der Persönlichkeit zurückdrängen wollen. Das würde dann unpersönlich sein. Überpersönlich würde in gewisser Beziehung genau das Gegenteil davon sein. Es würde die Erhöhung der Energie der Persönlichkeit sein, die Hervorkehrung der starken Kräfte der Persönlichkeit.
[ 17 ] Das Ich finden wir in der Seele, und darin erstens das Mutartige, zweitens aber das Begehrliche und Begierdenhafte der Seele. Auf diese zwei Dinge läßt sich im Grunde genommen alles im Seelenleben zurückführen. Die Dinge erfahren da eine verschiedene Behandlung. Und diese verschiedene Behandlung rührt von folgendem her: Der Mensch gibt sich nicht genügend Mühe, das Höhere aufzunehmen. Er entwickelt sich dann wohl weiter, aber das Niedere entwickelt sich, das Mutartige und Begierdenhafte entwickelt sich im rohen Stil. Wenn er das einfach abschwächen würde, so wäre das eine Kultur des Unpersönlichen. Der Mensch würde das Aktive verlieren. Das Tätige, dasjenige, was den Menschen zu einem Menschen macht, der unter die anderen geht und das tut, wozu er fähig ist, das bringt in gewisser Beziehung einen solchen Menschen immer in Kollision mit anderen. Und er muß in Kollision kommen, wenn er sich zu etwas berufen glaubt.
[ 18 ] Man kann auch seine Begierden abtöten. Dadurch wird aber die Persönlichkeit farblos. Man kann indessen auch etwas anderes tun: Man kann sie veredeln. Man braucht sie nicht in ihrer Stärke abzutöten. Man kann sie auf höhere Gegenstände richten. Dann braucht die Persönlichkeit nichts von ihrer Stärke zu verlieren, und dennoch wird sie edler und göttlicher. Man braucht die Begierden nicht abzutöten, sondern nur umzuwandeln in feinere und edlere Begierden, dann können sie mit derselben Vehemenz sich ausleben. Ein Beispiel: Denken Sie sich ein Tingeltangel. Der, welcher nicht hineingeht, braucht deshalb noch kein Asket zu sein. Er hat nur die niederen Begierden in höhere umgebildet, so daß er sich im Tingeltangel nur langweilen würde.
[ 19 ] Die Theosophie ist in dieser Beziehung am meisten von den Theosophen mißverstanden worden. Es kann sich ja nicht darum handeln, das Persönliche zu ertöten, sondern ihm einen Aufschwung nach oben, zu einem Höheren zu geben. Dazu ist gerade all das notwendig, was uns durch die Theosophie vermittelt wird. Es handelt sich also vor allern darum, daß höhere Interessen geweckt werden. Solche Interessen ergreifen den Menschen schon. Er braucht seine Gefühle gar nicht herabzudämpfen, sondern er wendet sie dann auf das höhere göttliche Werden an, auf die großen Weltentatsachen. Wenn wir unsere Gefühle darauf hinlenken, verlieren wir zwar das Interesse für die brutale Seite des Lebens, aber unsere Gefühle werden dadurch nicht abgestumpft, sondern sie werden reich, und die ganze Natur des Menschen entzündet sich daran. Hat ein Mensch viel übrig für einen guten Schweinebraten, so geht es nicht darum, sein Gefühl für den Schweinebraten zu ertöten, sondern dieses Gefühl umzuwandeln. Eine Metamorphose des Gefühls muß angestrebt werden. Dieselben Gefühle, die der eine für die Symphonie des Mahles hat, verwendet ein anderer für eine wirkliche Symphonie. Predigen Sie die Überwindung der Begierde und Aktivität, dann predigen Sie das Unpersönliche. Zeigen Sie aber den Weg, der dazu führt, die Begierde auf das Geistige zu richten, dann verweisen Sie auf das Überpersönliche. Und dieses Überpersönliche muß das Ziel der theosophischen Bewegung sein.
[ 20 ] Die Geisteswissenschaft soll und will nicht Stubenhocker und Sonderlinge erziehen, sondern sie will Menschen der Tat, wirkende Menschen hervorbringen, die hinaustreten in die Welt. Wie kommen wir aber zum Überpersönlichen? Nicht dadurch, daß wir uns ins Persönliche einfressen, sondern daß wir das Wahre, Große und Umfassende ergreifen. Deshalb ist es nicht unnötig, wenn in der Theosophie der Blick für die großen Zusammenhänge des Daseins gepflegt wird. Wir wachsen dadurch über das Kleine hinaus und lernen die Dinge nicht unpersönlich, sondern überpersönlich nehmen.
[ 21 ] Auf einem Gebiet können wir durch eine Art Experimentum crucis den Unterschied zwischen persönlich, unpersönlich und überpersönlich erkennen. Von der Liebe wird man leicht glauben, daß das, was ein Mensch für den anderen fühlt, etwas Unpersönliches sei. Aber das braucht noch lange nicht das zu sein, was mit einem Überpersönlichen zu tun hat. Dem Menschen läuft hier eine merkwürdige Illusion unter: Er verwechselt Eigenliebe mit Liebe zum anderen. Die meisten Menschen glauben einen anderen zu lieben, weil sie sich selber in dem anderen lieben. Das Aufgehen in dem anderen ist doch nur etwas, was den eigenen Egoismus befriedigt. Der Betreffende weiß es nicht, braucht es gar nicht zu wissen, aber es ist im Grunde eben doch ein Umweg zur Befriedigung des Egoismus.
[ 22 ] Der Mensch ist eben nicht ein Einzelwesen. Er ist ein Glied an einem Ganzen. Der Finger ist in liebevollem Zusammenhang mit der Hand und dem Organismus. Würde er das nicht sein, so würde er absterben. Der Finger liebt meine Hand und den Organismus, weil er sie braucht. Ebenso könnte der Mensch nie ohne die anderen Menschen sein. Das bewirkt, daß der Mensch die Menschen gern hat. — Manche Liebe entspringt häufig nur aus Seelenarmut, und Seelenarmut entspringt immer einem verstärkten Egoismus. Und wenn jemand behauptet, daß er ohne einen anderen nicht leben könne, so ist seine eigene Persönlichkeit verarmt, und er sucht nach etwas, das ihn ausfüllt. Er verhüllt das Ganze darin, daß er sagt: Ich werde unpersönlich, ich liebe den anderen.
[ 23 ] Die schönste, selbstlose Liebe äußert sich darin, daß man den anderen nicht braucht, daß man ihn auch entbehren kann. Der Mensch liebt dann nicht um seiner selbst, sondern um des anderen willen. Er verliert dann auch nichts, wenn er von dem anderen verlassen wird. Dazu ist freilich nötig, daß man den Wert eines Menschen durchschauen kann, und das lernt man nur, wenn man sich in die Welt vertieft. Je mehr Sie Theosoph werden, desto mehr werden Sie lernen, auf das innere Wesen eines anderen einzugehen. Und um so fähiger werden Sie dann, seinen Wert zu empfinden und ihn nicht aus Selbstsucht zu lieben. Gehen Sie so durch die Welt, dann werden Sie auch sehen, daß die einen diesen, die anderen jenen Egoismus haben, und jeder lebt dem Werte seines Egoismus nach.
[ 24 ] Erforderlich ist die Höherentwickelung der Persönlichkeit. Eine unpersönliche Liebe, welche der Schwäche entspringt, wird immer auch mit Leid verknüpft sein. Die überpersönliche Liebe erwächst aus Stärke und gründet sich auf Erkenntnis des anderen. Sie kann ein Quell von Freude und Befriedigung werden. Ein Hinundherpendeln zwischen allen möglichen Stimmungen der Liebe ist immer ein Zeichen dafür, daß diese Liebe ein maskierter Egoismus ist und einer verarmten Persönlichkeit entstammt. So können wir uns am besten an der Liebe den Unterschied zwischen unpersönlich und überpersönlich klarmachen.
[ 25 ] Wem die Geisteswissenschaft nicht einen Fonds für das Leben gibt, der hat sie nicht begriffen, denn sie ist ein Quell innerer Lebensbefriedigung für die Zukunft. Wenn der Materialismus immer mehr überhandnehmen würde, und damit auch der Egoismus, der zu ihm gehört, so würde die Menschheit immer mehr in den Pessimismus verfallen, der die Schlacke ausgebrannter Geister ist. Wird die Menschheit die Geisteswissenschaft aufnehmen, so wird ihr die wahre Heiterkeit, die zugleich die Quelle der Gesundheit ist, wiedergegeben werden. Disharmonie ist letzten Endes ein Ausfluß des Egoismus, und heitere, frohe Stimmung entströmt dem höheren Menschen. Je mehr das Höhere, das Göttliche Platz greift, desto seliger wird der Mensch werden. Wir sollten mehr daran denken, wie wir der ganzen Menschheit helfen, als daran, wie die Geisteswissenschaft gerade uns helfen kann. Wir kommen immer mehr zum Erkennen des Quells echter Heiterkeit und Freude, ewiger Jugend, wenn wir uns mit der Ethik des Überpersönlichen bekanntmachen.
[ 26 ] Nicht in einer Verneinung liegt das Ziel der Theosophie, sondern in der Bejahung. Das Unpersönliche bedeutet Verneinung, das Überpersönliche Bejahung, selbst wenn es noch so schwach auftreten sollte. Das ist es, was uns zugleich die Aufgabe der Geisteswissenschaft aus dem Wesen der Menschheit heraus zeigt. «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen -», daran, daß sie die Menschen geeignet und tüchtig für das Leben macht, mit Gesichtern, die Ausdruck einer harmonischen Seele sind. Der Geist drückt sich niemals in einem vergrämten Gesicht aus. Selbst was der Mensch an Schmerz durchmachen muß, wandelt sich in dem Antlitz des Denkers um und erscheint veredelt; der Ausdruck des Schmerzes zeigt sich gereinigt in dem harmonischen Denkergesicht. Das vergrämte Gesicht ist der Ausdruck eines noch nicht überwundenen Egoismus. Die Geisteswissenschaft leitet uns an, aus uns herauszugehen, aber uns nicht zu verlieren, sondern uns die Außenwelt zu erhalten. Sie führt uns über das Persönliche hinaus, nicht durch eine Vernichtung der Persönlichkeit ins Unpersönliche, sondern durch eine Steigerung ins Überpersönliche.
