Das christliche Mysterium
GA 97
21 April 1906, München
27. Das Innere der Erde
[ 1 ] Es ist sehr naheliegend, daß der Schüler der Geisteswissenschaft unter dem Eindruck jener gewaltigen Naturereignisse, des Ausbruchs des Vesuvs und des Erdbebens in Amerika, die Frage nach dem Zusammenhang einerseits mit dem kosmischen Entwickelungsprozeß, andererseits mit dem menschlichen Karma aufwirft. Und in der Tat ist es ungeheuer interessant, diese jüngsten Ereignisse vom Standpunkt des Okkultismus zu untersuchen und zu erklären. Um dies zu können, ist es erforderlich, daß der Okkultist nicht nur im gewöhnlichen Sinne hellseherisch geschult ist, sondern es ist notwendig, daß er die Einweihung des zweiten Grades durchgemacht hat. Es ist in Okkultistenkreisen eine bekannte Tatsache, daß dieses Innere der Erde sich dem Blick des gewöhnlichen Hellsehers entzieht. Verhältnismäfig leicht ist es, astral, devachanisch hellseherisch bewußt zu sein. Aber um das Innere der Erde erforschen zu können, ist eine andere Art von Einweihung erforderlich.
[ 2 ] Zunächst lassen Sie mich darauf hinweisen, daß es dem heutigen Menschen nur geglückt ist, bis zu einer ganz geringen Tiefe in die äußerste Schale der Erde einzudringen. Kaum hat er die Tiefe von zweitausend Metern erreicht. Alles andere, was darunter folgt, entzieht sich seinem Erkenntnisvermögen. Und wirklich würde er aufs höchste überrascht oder sogar verwirrt sein, wenn es ihm gelänge, über die tiefer liegenden Schichten unserer Erde nähere Erfahrungen zu machen. Es würde ihn verwirren darum, weil er Dinge fände, die den unsrigen auf der Erdoberfläche nur ganz entfernt ähnelten. Für die meisten wurden ihm die Worte fehlen, denn in der Tat sind die Zustände der Materie in der Erde gänzlich verschieden von den uns hier oben bekannten. Höchst erstaunt würde er sein, wenn er sähe, daß dasjenige Metall, das unserem Silber entspricht, dort unten flüssig wie Quecksilber ist. Ebenso ist es mit den andern Metallen und Mineralien.
[ 3 ] Die Erde zerfällt nun in sieben verschiedene Schichten, und die Erforschung dieser sieben Schichten entspricht stufenweise den sieben verschiedenen Graden der christlichen Einweihung. Sie lauten: erstens Fußwaschung, zweitens Geißelung, drittens Dornenkrönung, viertens Kreuzigung, fünftens der mystische Tod am Kreuz, sechstens die Grablegung, siebentens die Auferstehung.
[ 4 ] Demnach würde ein Mensch, der die erste Einweihung bestanden hätte, fähig sein, die äußerste Schicht hellseherisch zur Erforschung der zweiten zu durchschreiten und so weiter fort.
[ 5 ] Die Erde zerfällt also zunächst in sieben Schichten. Die äußerste, auf der wir leben, wird in der Sprache der Eingeweihten die mineralische Erde genannt. Diese und die folgenden Bezeichnungen stammen von einer großen Okkultistenschule. Dieselben Benennungen hatten die mittelalterlichen Mystiker, Rosenkreuzer und andere.
[ 6 ] Diese mineralische Erde enthält alle uns bekannten Mineralien. Ihre Schicht ist verhältnismäßig äußerst dünn und zart. Die vulkanischen Eruptionen legen für ihre Durchdringbarkeit von tieferliegenden Schichten Zeugnis ab.
[ 7 ] Auf diese mineralische Erde folgt die sogenannte weiche Erde. Sie heißt darum so, weil der Verhärtungsprozeß in ihr noch nicht so weit wie in der mineralischen vorgeschritten ist. Ferner zeigt sie eine höchst bemerkenswerte Eigenschaft. Sie besitzt eine Art Empfindung. Rührt man sie an, so äußert sie Symptome von Empfindung wie das dumpfe Bewußtseinsempfinden von gewissen Pflanzenarten.
[ 8 ] Die nächstfolgende Schicht wird die Dampferde genannt. Wie der Dampf in einem Wasserkessel erzeugt wird, so zeigt diese Schicht eine willensartige Äußerung. Eine ungeheure Expansionskraft ist ihr eigen, und nur mit Mühe gelingt es der mineralischen Schicht, sie fest zu umschließen.
[ 9 ] Die vierte Schicht wird die Form- oder auch Wassererde genannt. An ihr ist bemerkenswert, daß sie alle Formen, welche wir auf der mineralischen Schicht haben, im Negativ besitzt. Ein Bergkristall zum Beispiel würde in ihr die Form eines Negativs wie bei einem Gipsabguß hier oben haben.
[ 10 ] Die fünfte Schicht wird die Fruchterde genannt. Könnte sie ins Freie gelangen, so würden wir an so einem Stück Fruchterde die Beobachtung machen, wie fortwährend Formen auf Formen aus ihr entständen und wieder vergingen. Sie besitzt gleichsam Seele, die Fähigkeiten einer nach Gestaltung ringenden Seele.
[ 11 ] Als sechste Schicht folgt die Feuererde, eine sehr bemerkenswerte Schicht, wie wir noch weiter sehen werden. Sie hat die Fähigkeit, sozusagen Lust und Leid zu empfinden, und befindet sich in einem ähnlichen Zustand wie der Mensch, der zwischen «himmelhoch jauchzend» und «zu Tode betrübt» schwankt. Die Leidenschaften der Menschen üben auf sie einen ungeheuren Einfluß aus, so daß mit Zunahme menschlicher Leidenschaften auch ihre Unruhe wächst.
[ 12 ] Die siebente Schicht heißt der Erdenspiegel, eben darum, weil sich in dieser Region alle Dinge widerspiegeln, die sich auf der äußersten Schicht ereignen. Nur muß man sich den Verlauf ein wenig anders vorstellen. Alles, was hier passiv ist, ist dort aktiv, und umgekehrt. Schlüge man demnach hier auf ein Metall, so daß es tönte, so gäbe das Metall dort unten von selbst einen Ton von sich.
[ 13 ] Auf diese sieben Schichten folgen nun noch zwei weitere, die sehr eigenartiger Natur sind. Die achte Schicht wurde von der Schule des Pythagoras die Sphäre der Zahlen genannt, und zwar wegen einer Eigentümlichkeit, die wir gleich kennenlernen werden. Unsere okkulten Schulen nennen sie den Zersplitterer. Würde man nämlich gegen dieselbe etwa eine Blume halten, also so, daß wir versuchten, gleichsam durch die Blume hindurch die Schicht zu betrachten, so würden wir dieselbe unendlich oft vervielfältigt sehen. Würde man dagegen dieses Experiment mit einem Stein versuchen, so würde keine Vervielfältigung eintreten. Nur lebende Naturformen oder mit künstlerischem Sinn Geschaffenes ist hierzu geeignet. Diese Region nun ist der Sitz alles Unharmonischen, aller Unmoral, alles Unfriedens. Alles strebt dort auseinander. Sie ist das Gegenteil von Liebe. Gelingt es einem Schwarzmagier, bis zu ihr vorzudringen —- und es steht dies im Bereich seiner Kräfte -, so wird das Böse in ihm noch gewaltig verstärkt. Auf diese Sphäre nun hat die jeweilige Moral der Menschen einen ungeheuren Einfluß. Wenn es den Menschen immer mehr gelingt, die Unmoral zu beseitigen und die Moral an ihre Stelle treten zu lassen, so wird sich auch diese Zone immer mehr und mehr zur Ruhe begeben. Dann findet auch ihrerseits wieder eine Rückwirkung auf die Gesinnungen der Menschen statt.
[ 14 ] Die neunte und letzte Schicht ist sozusagen der Wohnsitz des Planetengeistes. Sie zeigt zwei eigentümliche Erscheinungen. Man könnte sie mit einem Menschen vergleichen, denn sie besitzt ein Organ, das einem Gehirn ähnelt. Ein anderes Organ gleicht einem Herzen. Auch der Planetengeist ist Veränderungen unterworfen, die mit der Entwickelung der Menschen in engem Zusammenhange stehen.
[ 15 ] Wir kehren nun zu der Feuererde zurück. Wie erwähnt, zeigt sie die Eigenschaft des Lust- und Leidempfindens, und die Leidenschaften der lebenden Menschen üben auf sie einen gewaltigen Einfluß aus, so daß sie zu Zeiten, wo die Menschen große Leidenschaften entwickeln, in eine um so größere Unruhe und Aufregung gerät. Infolgedessen übt sie einen noch stärkeren Druck auf die über ihr liegende Fruchterde aus. Und von dieser Schicht führen in der Tat verzweigte Kanäle nach allen oberhalb liegenden Schichten. In der mineralischen Erde befinden sich nun, allerdings in beträchtlicher Tiefe, große Höhlungen. In diese führen die von der Fruchterde kommenden Kanäle und pressen in sie hinein gewaltige Massen, die nun ihrerseits entweder Erdbeben verursachen oder in dem Schacht eines Vulkans sich ihren Ausweg suchen. Und diesen Ursachen sind auch die jüngsten Katastrophen zuzuschreiben.
[ 16 ] Die Lemurier, also die dritte große Wurzelrasse, lebten noch auf der weichen Erde. Der Verhärtungsprozeß war oben bei der äußersten Kruste damals noch nicht so weit vorgeschritten, und es gab nur ganz wenige härtere Gebiete, die gleichsam wie Inseln auf dieser weichen Schicht schwammen. Als letzte Überbleibsel und Zeugnisse von der weichen Erde haben wir die vielen kleinen Inseln im Stillen Ozean zu betrachten, die plötzlich über der Meeresoberfläche auftauchen und nach einiger Zeit wieder versinken. Die Lemurier nun, die gewaltige Leidenschaften entwickelten, übten, je weiter sie in ihrer Entwickelung fortschritten und ihren Lästern frönten, einen derartigen Einfluß auf die Feuererde aus, daß diese sozusagen rebellisch wurde, mit ungeheurer Kraft an die Oberfläche gelangte und die Rasse vernichtete.
[ 17 ] Wir sehen also, daß die Lemurier ihren Untergang sich selbst zuzuschreiben haben. Für den Okkultisten gibt dies Anlaß zu der Betrachtung, daß, wenn er an seiner eigenen Vervollkommnung arbeitet, er nicht nur den Entwickelungsprozeß seiner Epoche beschleunigt, sondern auch auf den Werdegang der Erde erheblich einwirken kann. Es muß sich für ihn hieraus ein Verantwortungsgefühl in zweifacher Richtung ergeben und ihn zum weiteren Arbeiten an sich selber anspornen.
[ 18 ] Wenden wir uns nun noch der Betrachtung zweier höchst wichtiger okkulter Tatsachen zu, die mit diesen Naturereignissen in Zusammenhang stehen. Einmal führen wir uns das Karma derjenigen vor Augen, die bei diesen Katastrophen umgekommen sind. Freilich ist es verständlich, wenn der Mensch sich über das ungeheure Karma wundert, das bei dieser Gelegenheit über so unzählige Menschen hereinbricht. Aber lassen Sie mich sagen, wie man okkult beobachtet hat, daß alle diejenigen Seelen, die bei einer solchen Katastrophe zu Tode gekommen sind, in der nächsten Inkarnation die besten Spiritualisten werden. Der gewaltsame Tod, den sie jetzt fanden, war gleichsam der letzte Schock, um die Fesseln des Materialismus für sie endgültig abzustreifen.
[ 19 ] Und die andere Beobachtung, die man okkult angestellt hat, ist die, daß alle diejenigen, welche um die Zeit solcher Ausbrüche geboren werden, im Leben Materialisten werden. Es ist dies ganz erklärlich. In der Zeit, wo sie mit aller Gewalt die Wiederverkörperung suchen, wirkt auf sie das beunruhigende Element der Feuererde ein und gibt ihnen materialistische Leidenschaften. Ob nun die Seele hier geboren wird, während zum Beispiel in Amerika der Ausbruch stattfindet, ist gleichgültig. Räumliche Trennung bleibt in dieser Zone ohne Ursache. So sind viele Leser und Verfasser materialistischer Schriften um das Jahr 1822 geboren, damals, als der Vesuv nach langer Zeit wieder ausbrach. Einen Hinweis auf das spirituelle Mittelalter bildet die Tatsache, daß der Vesuv jahrhundertelang ruhig geblieben ist. Seither folgen sich die Ausbrüche in kürzeren Abständen. Jetzt findet überhaupt eine beschleunigte Entwickelung statt. Der Zeitraum von Karl dem Großen bis zu Friedrich dem Großen entspricht dem Zeitraum des 19. Jahrhunderts. Dies ist so zu verstehen, daß alle Ereignisse während des gekennzeichneten langen Zeitraumes in ihrer Zahl und Bedeutung hinsichtlich der Entwickelung heute einem Zeitraum von hundert Jahren entsprechen. Wir werden uns in der Folgezeit noch schneller entwickeln.
