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The Rudolf Steiner Archive

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Das christliche Mysterium
GA 97

17 Februar 1907, Leipzig

8. Der Ursprung der Religionsbekenntnisse und Gebetsformeln

[ 1 ] Von einer allumfassenden Grundanschauung ging die Menschheit aus, und je nach den Charakteren der Völker, nach den klimatischen Verhältnissen, in denen sie lebten, prägte sich diese in den Religionsbekenntnissen verschieden aus. Wie im Vaterunser, so treten uns in allen andern religiösen Formeln und Bekenntnissen die geisteswissenschaftlichen Grundbegriffe entgegen. Mag auch mancher sagen, sie seien bloß hineingeträumt, sie sind tatsächlich darin enthalten. Aber wie kommen sie hinein? Dazu müssen wir uns klarmachen, daß das, was uns heute gelehrt wird, in den ältesten Anschauungen nicht etwa in derselben Art vorgetragen wurde. Die Formeln der religiösen Bekenntnisse waren zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden. Die älteren. Anschauungen sprechen in Bildern, nicht in Begriffen, wie wir es heute tun. Diese Bilder wurden in gewisser Weise beibehalten, und wir finden sie wieder und wieder. So wird stets von der Erkenntnis als einem Licht geredet, und von der Weisheit spricht man als vom flutenden Wasser. Wie kommt es aber, daß zu den älteren Völkern in Bildern gesprochen wurde? Wir wollen uns einmal klarmachen, wie vor Hermes, vor Buddha, Zarathustra und Moses, wie vor dem größten Religionsstifter, vor Christus, die Religionslehrer zu den Völkern sprachen.

[ 2 ] Zwischen dem alltäglichen und dem imaginativen Bewußtsein müssen wir unterscheiden. Das gegenständliche, alltägliche Bewußtsein haben wir von morgens bis abends. Da sehen wir die Dinge so, wie sie sich unseren Sinnen zeigen. Die andern Bewußtseinszustände sind uns zunächst verborgen. Wir haben alle von dem Zustande des traumlosen Schlafes gehört. Der hat für den Eingeweihten eine ganz andere Bedeutung als für die gewöhnlichen Menschen. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist der Eingeweihte in einem bewußten Zustande. Er nimmt eine Welt wahr, wenn auch anders, in ganz anderer Art als sonst. Der gewöhnliche Mensch weiß nichts von diesem Zustand. Das Bewußtsein des traumerfüllten Schlafes kennt man schon eher. So soll uns nun der traumerfüllte Schlaf den traumlosen erklären.

[ 3 ] Der traumerfüllte Schlaf zeigt alles in Sinnbildern. Er ist ähnlich dem Bewußittseinszustand des Eingeweihten, wenn er in der geistigen Welt ist. Bilder sieht auch der Eingeweihte, aber nicht chaotische Traumbilder, obwohl sich auch seine Bilder fortwährend verwandeln. Auf dem physischen Plane hat jedes Ding nur eine Form, zum Beispiel ein Tisch, ein Stein. Aber je höher wir steigen, um so mehr ist die Form in der Verwandlung begriffen. Es verwandelt und regt sich die Pflanze, mehr noch das Tier, am beweglichsten und verwandlungsfähigsten ist der Mensch. Im Devachan ist alles fortwährend in der Verwandlung begriffen. Durch bestimmte Übungen kann man es erreichen, daß, wenn man eine Pflanze betrachtet, sich die Farbe von ihr abhebt und im freien Raume auf und ab schwebt. Dann muß man lernen, solche freischwebenden Farben und auch Töne zu bestimmten Dingen und Wesenheiten hinleiten zu können. Dann wird die Farbe ein Ausdruck des Innenlebens. So wirkt ja auch die Aura des Menschen in Farbe und Form. Inneres seelisches Erleben drückt sich in ihr aus. Auch sie ist niemals still. Eine ewige Bewegung ist sie, eine ewige Bewegung ist das Wesentliche der höheren Welt. Das ist auch das Verwirrende der geistigen Welt für den, der sie zum ersten Male betritt. Es verwirrt den Unerfahrenen das, was sich augenblickgemäfß manifestiert. Vor denen, die mit geistigen Augen schauen, kann kein geistiges Wesen sein Seelenleben verbergen. Der gewöhnliche Mensch muß aus dem Äußeren aufs Innere schließen. Frei und offen liegt in der geistigen Welt das Innere jedes Wesens da. Wir sind da mit dem innersten Wesen der Dinge zusammen. Dies kann sich jetzt nur der Eingeweihte verschaffen, der das Innere der Dinge zum Äußeren hinzufügen kann. Und zwar tut er dies bewußt. Unbewußt konnten dies einst die Menschen vor langer Zeit. Je älter die Menschen sind, desto weniger können sie das, was wir können: sie können nicht rechnen, nicht zählen. Von Logik wissen sie nichts. So war es in der Mitte der atlantischen Zeit. Dafür konnten die Atlantier aber etwas anderes. Sie konnten ein ganz bestimmtes Gefühl in sich aufsteigen fühlen, wenn sie zum Beispiel eine Pflanze betrachteten. Blaß und schattenhaft sind unsere Gefühle dagegen. Die ersten Atlantier hatten noch nicht so deutliche Farbenvorstellungen wie wir. Wie Nebel sah der Atlantier die Farbe frei schwebend von der Pflanze aufsteigen. Auch die Farbe eines Kristalls hätte er nicht gesehen. Einen Strahlenkranz von Farben sah er zum Beispiel um einen Rubin herum, den Rubin selbst nur als Einschnitt darin. Vor dieser Zeit sah der Mensch noch nicht einmal die Umrisse von Menschen, Tieren und Pflanzen. Aber wenn er sich einem Feinde näherte, so sah er ein Gebilde von bräunlich-rötlicher Färbung aufsteigen. Eine schöne bläulich-rötliche Färbung zeigte ihm den Freund. So nahm er das Innenleben in einzelnen Farben wahr.

[ 4 ] Wenn wir noch weiter zurückgehen, in die lemurische Zeit, so waren da sogar alle Willensimpulse anders. Der Wille wirkte noch ‚ magisch, er zeigte seine Verwandtschaft mit den Naturkräften draußen. Legte damals ein Mensch die Hand über eine Pflanze und ließ dabei seinen Willen wirken, so wuchs sie zusehends. Dadurch, daß der Mensch sich in eine Haut abschloß, entfernten sich seine Kräfte von den Kräften der Natur.

[ 5 ] Der Natur am unähnlichsten sind die Denkkräfte. Noch weiter zurück gab es Wesen, die es für ein Unding gehalten hätten, zu sagen: Ich fasse einen Begriff von einem Außending. - Denn sie sahen ja den Begriff draußen, arbeitend, als Wesenheit. Die Begriffe bildeten ursprünglich die Dinge. Heute betrachten wir eine Uhr und bilden uns einen Begriff davon. Aber wir könnten uns den Begriff «Uhr» nicht bilden, wenn nicht einmal jemand diesen Begriff, bevor es Uhren gab, gebildet und danach eine Uhr konstruiert hätte. Geradeso ist es mit den Begriffen aller Dinge. Die Begriffe, die wir uns über die Dinge der Welt bilden, existierten als Wirklichkeiten in urferner Vergangenheit. Damals wurden sie in die Dinge hineingelegt. Alles entsteht nach solchen Begriffen, wie es die Menschen mit ihren Schöpfungen heute auch machen. Jene Wesen von damals haben gleichsam dem Werkmeister der Dinge zugeschaut. Sie hatten einen schöpferischen Intellekt. Im fleischlichen Leibe waren sie noch nicht verkörpert. Was heute im menschlichen Leibe wohnt, ruhte damals noch im Schoße der Gottheit. Unten auf der Erde gab es schon ein physisches Leben und Wesen, die zwischen dem heutigen Tier und Menschen standen und reif waren, die menschliche Seele zu empfangen. Man kann sich das unter einem Bilde vorstellen. Wenn viele Schwämmchen in Wasser getaucht werden, so wird jedes Schwämmchen Wassertröpfchen aufsaugen, und so wird dann das Wasser in lauter einzelne Tropfen geteilt. Die physische Erde mit ihrem Gewimmel von Wesen war damals von einer geistigen Hülle umgeben, wie wir heute von einer Lufthülle. Da entstanden erst die einzelnen Seelen, als jedes Wesen ein geistiges Tröpfchen aufgesogen hatte. Damit war auch der Prozeß eingeleitet, wodurch der Mensch ein abgeschlossenes, gegenständliches Bewußtsein erhält.

[ 6 ] Vorher empfing die Seele von der Weltseele wie von innen heraus alles, denn die Weltseele wußte ja alles. Das ist der Unterschied zwischen heutigem und damaligem Wissen. Die innere Welt sinkt ins Dunkel des traumlosen Schlafes herab, wenn das helle Tagesbewußtsein eintritt. Der astralische Leib ist es, der die Außenwelt wahrnimmt: er sieht Farben, hört Töne, empfindet Lust und Schmerz, aber er kann dies nicht ohne den physischen Leib. Der astralische Leib ist auch derselbe wie der, der einst in der gemeinschaftlichen Seelensubstanz war. Wenn alle Menschen zugleich einschlafen würden und ihre Astralleiber würden vermischt und auch mit dem vermischt, was sich von der allgemeinen Weltseele nicht in einzelne Leiber herabsenkte, dann würde der traumlose Schlaf aufhören, Farben und Töne würden in den Astralleibern aufsteigen, geradeso wie es ehemals war, als alle Seelen noch in der Weltseele ruhten. Was heute Nacht ist, das war einst lichterfüllt, erfüllt von Wahrnehmungen in der geistigen Welt. So hat einst die ganze Menschheit astral wahrgenommen.

[ 7 ] Was hat die Menschheit seit jener Zeit wahrgenommen? Was hat der Mensch sich seither erobert? Sein Ich-Bewußtsein, die Möglichkeit, zu sich «Ich» zu sagen. Das ganze ältere Bewußtsein war nur ein gesteigertes Traumbewußtsein, die Menschen waren nicht selbstbewußt. Das Selbstbewußtsein ward den Menschen beim Heruntersteigen in den Leib geschenkt. Und das steigert sich mehr und mehr. Es bildet den Inhalt der jetzigen Menschheitsentwickelung. «Ich bin der Ich-bin», hat sich den Menschen offenbart. Das ist der wahre Name Jahves: «Ich bin der Ich-bin», oder länger ausgedrückt: «Ich bin, der da war, der da ist und der da sein wird.» In jener urfernen Vergangenheit war beim Menschen dies Bewußtsein nicht vorhanden. Wo war da ein «Ich-bin»-Bewußtsein? In dem Wesen, in dem die Seelen enthalten waren wie Tropfen im Wasser. Der Heilige Geist ist der, der oben vor der Einkörperung das Ich-Bewußtsein hatte. Der Geist an sich ist das, was im Menschen zum Ich-Bewußtsein kommt.

[ 8 ] In jener urfernen Vergangenheit war das Lehren ein Ausgießen der Weisheit: sie kam von innen, nicht von außen. Von jener Zeit bis zu uns gab es eine Zwischenzeit, die atlantische Zeit. In ihrer Mitte war es, da sahen die Menschen schon Umrisse von den Dingen und Wesen. Doch war ihnen alles noch in einen Farbennebel eingehüllt und von Tönen durchklungen, die etwas zu sagen hatten, die weise waren. Damals entstand eine Lehre, die sich zur späteren religiösen Lehre fortentwickelte. Vor ungeheuren Zeiträumen gab es dort eine große Adeptenschule. Alles, was wir heute lernen, stammt von jenen, den turanischen Adepten. Es ward durch Schüler fortgepflanzt bis auf den heutigen Tag. Damals aber lehrte man ganz anders als heute. Man mußte darauf Rücksicht nehmen, daß die Menschheit sich in einem Zwischenzustand befand. Bis fünf hätten die weisesten Männer nicht zählen können. Aber man konnte, wenn man auf ihr Inneres reagierte, sie erleuchten, bildlich ihnen Weisheit beibringen. Sagen hätte man ihnen die Weisheitslehren nicht können, man wäre nicht verstanden worden. Die Menschen von damals hatten noch kein so helles Tagesbewußittsein wie wir heute. Dafür aber konnten sie leicht wieder in jenen Zustand versetzt werden, in dem die Gottheit sie von innen erleuchtete. Die Lehrer brachten die Schüler in einen Zustand der Hypnose. Das war aber nicht der hypnotische Zustand, mit dem heute so viel Unfug getrieben wird, aber etwas Ähnliches. Diesen Schlafzustand benutzten die Lehrer, um die Schüler zu erleuchten. Damals hatte man die okkulte Schrift, das, was man auch okkulte Sprache nennen kann. Es gibt noch Mantren, die mehr als Gedankenwert haben. Diese sind aber schattenhaft gegenüber den Tonzusammenstellungen von damals. Einfach waren diese Tonzusammenstellungen, aber wenn ein Ton angeschlagen wurde, so war die verlorene Erleuchtungsfähigkeit ersetzt. Da kam dann jene Welt innerer Erleuchtung künstlich in den Menschen hinein, er sah die Weltgeister am Werke so wie einst. Von den Lehrern empfing dann der Schüler Formeln und bestimmte Zeichnungen. Die Weltengeheimnisse nahm er dann unmittelbar wahr. Zum Beispiel wie aus einem Samenkorn eine neue Pflanze wird, sagte ihm dieses Zeichen:

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[ 9 ] Der heutige Mensch kann sich ohne Auslegung nichts dabei denken, nichts dabei fühlen. Auf die Menschen der damaligen Zeit wirkte dies Zeichen unmittelbar, wenn sie es sahen, oder wenn es abgeklopft wurde. Die Formeln, die damals Anwendung fanden, lehrten dann die Religionsstifter den späteren Völkern.

[ 10 ] Je weiter wir zurückgehen, um so einheitlicher war die Weltseele noch. Im Schlaf sind die Astralleiber aller Menschen einander noch ziemlich ähnlich. So waren damals in Atlantis die Astralleiber alle einander gleich. Da konnte man allen Menschen eine Urweisheit bringen. Nachdem die gewaltige Flut über die atlantische Menschheit hingegangen war, war keine einheitliche Weisheit mehr möglich. Jetzt mußte man in Indien so lehren, wie es der indische Leib verlangte, und wieder anders in Persien, anders in Ägypten, anders bei den Griechen und Römern und wieder anders bei den alten Germanen. Aber in allen wirklichen Religionsformen lebt das fort, woraus sie entstanden sind. In Atlantis war die Erleuchtung Mitteilung von Leben, nicht von Lehre. Das Zeichen des Wirbels erweckte ja unmittelbar Empfindung. Heute müssen die Gefühle sich erst an Begriffen entzunden. Auch die sieben Bitten des Vaterunser wurden einst so mitgeteilt wie eine Tonskala in sieben Tönen, verbunden mit bestimmten sieben Farben und Gerüchen.

[ 11 ] So erlebte der atlantische Schüler die siebengliedrige Wesenheit des Menschen. Das goß der größte der Religionslehrer, Christus, in das Vaterunser. Die Wirkung des Vaterunsers hat jeder, der es betet. Es ist kein eigentliches Mantram, obwohl es mantrische Kräfte haben kann. Es ist ein Gedankenmantram. Freilich hatte es in der Ursprache die größte Gewalt. Aber da es eben ein Gedankenmantram ist, so wird es seine Kraft nicht verlieren, und wenn man es in tausend Sprachen übersetzt. Wie man verdauen kann, ohne die Verdauungsgesetze zu kennen, so hat man die Frucht des Vaterunsers auch ohne Erkenntnis, wenn auch der Höherwissende noch eine ganz andere Frucht davon hat.

[ 12 ] Solchen Weg machten die religiösen Wahrheiten. Alle unsere Seelen waren einst somnambul in der Weltenseele. Sie ward gegliedert und herabgezogen in viele Leiber. Die geistige Wahrnehmung ward verdunkelt, auch die Möglichkeit, den Urzustand wieder hervorzurufen. Nur ein Nachklang in Begriffen und Worten sind die religiösen Lehren, und namentlich die Formeln, die aus der geistigen Welt geholt wurden. Von Urideen und Ideen spricht noch die Weisheit des Alten Testamentes. In den Ideen lebt ein schwacher Abglanz der Urideen. Aber jene Urweisheit ist nicht verloren. Sie ruht noch in unseren schlummernden Seelen. Und das ins hellklare Bewußtsein heraufzuheben, ist die Arbeit der Geisteswissenschaft. Wenn der Mensch nach der letzten Inkarnation die ganze Außenwelt kennengelernt haben wird, dann wird er in die ursprüngliche Hellsichtigkeit aufgenommen und bringt neue Erleuchtung, Hellbewußtsein mit. Aufgehen im Allbewußtsein sei Erlösung -, sagt man im Osten. So wird es nicht sein. Ehemals, vor der ersten Einkörperung, war kein Ich-Bewußtsein da. Es wird aber nach der letzten Inkarnation da sein. Jeder Tropfen der einen Seelenflüssigkeit färbt sich mit einer ganz bestimmten Farbe, jeder mit einer andern. Jeder bringt am Ende seine Farbe mit, und das ehemals helle, klare Wasser wird schillernd von unendlich schönen, leuchtenden Farben, die aber jede für sich da sind. Jeder bringt seine bestimmte Farbe mit, sein individuelles Bewußtsein, das unverlierbar ist. Harmonie aller Bewußtseine ist das Allbewußtsein zuletzt. In Freiheit werden die vielen, weil sie so wollen, eine Einheit sein! Wir müssen uns das vorstellen, wie es wirklich ist. Jedes Einzelbewußtsein ist ganz im Allbewußtsein enthalten.

[ 13 ] Diese Entwickelung der Menschheit ist nicht umsonst. Ja, das Leben hat einen Sinn, und der schönste Sinn ist, daß der Mensch zuletzt am Altar der Gottheit das Stück Menschendasein niederlegen wird, was er selbst erworben hat. Und daraus wird gewoben das Gewand, das der Erdgeist spinnt, wie Goethe so schön und erhebend sagt:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.