Natur- und Geistwesen
ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt
GA 98
1 Dezember 1907, Nürnberg
7. Über die Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Welt
[ 1 ] Heute werde ich zu Ihnen sprechen über mannigfaltige und verschiedene Dinge, durch die ja leicht eine Art von Band zu ziehen sein wird, für die Sie selbst leicht eine gewisse Zusammengehörigkeit finden werden.
[ 2 ] Ich möchte vor allen Dingen einmal einige Worte an Sie richten über die Beziehung des Menschen zu der uns umgebenden Welt, über die Empfindungen und Gefühle des Menschen zur Welt, wie diese Empfindungen und Gefühle sich vertiefen können aus der theosophischen Weltanschauung heraus. Dadurch möchte ich vor allen Dingen die Empfindung hervorrufen, daß es nicht dasselbe ist, die Welt anzuschauen als ein Mensch mit der gewöhnlichen heutigen Durchschnittsbildung und Durchschnittsweltanschauung, und die Welt anzuschauen als Theosoph.
[ 3 ] Wir müssen, wenn wir die Theosophie erheben wollen von dem, als was sie viele kennen, von einer Theorie, von einer Summe von Lehren zu etwas, was Seele hat, was die Seele erfüllt, was alle unsere Empfindungen und Gefühle läutert und veredelt, wir müssen, wenn wir sie zu einem Lebensinhalt erheben wollen, das, was wir durch sie erfahren können, auch erleben können, wirklich auch sozusagen für unser alltäglichstes Leben anwenden können. Wir haben dann erst die Theosophie in der richtigen Weise in uns aufgenommen, wenn wir zum Beispiel verstehen, eine Pflanze oder ein Feld oder einen Berg oder ein Tier anders anzuschauen, anders zu empfinden, als wir sie anzuschauen, zu empfinden imstande waren, bevor wir Theosophen geworden sind. Und wir werden uns in das vertiefen können, was damit gemeint ist, wenn wir einmal uns vertiefen in das Wesen dessen, was man Selbstbewußtsein nennt.
[ 4 ] Das Selbstbewußtsein beim Menschen kennen Sie alle, Sie wissen, daß wir im Menschen unterscheiden die vier Glieder: physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, und daß dadurch, daß der Mensch sich dieses Ichs bewußt wird, das entsteht, was wir Selbstbewußtsein nennen. Dieses hat also nicht bloß die Möglichkeit, von der Welt umher zu wissen, sondern auch von sich selbst zu wissen: daß wir eine Wesenheit selbständiger Art sind. Wenn Sie den Gedanken wirklich zu Ende denken, so können Sie darauf kommen, wie Sie beim Menschen selbst dieses Selbstbewußtsein auffassen sollen. Es entsteht nun die Frage: Wie ist das nun beim Tier, bei der Pflanze, bei dem Mineral? Können wir in einem gewissen Sinne bei Tier, Pflanze, Mineral von Selbstbewußtsein sprechen? — Die Menschen, die einfach sagen: Warum sollte nicht auch jeder Stein in demselben Sinne ein Ich haben wie der Mensch, nur daß der Mensch kein solches wahrnimmt? -, die sprechen ohne Kenntnis der Sache. Denn auf dem, was wir den physischen Plan nennen, hat nur der Mensch Selbstbewußtsein, ein Ich, nicht das Tier, nicht die Pflanze, nicht das Mineral. Dadurch unterscheidet sich der Mensch von Tier, Pflanze, Mineral, daß er dieses Ich hier auf dem physischen Plan, in der gewöhnlichen Welt hat.
[ 5 ] Nun müssen Sie die Worte, die ich jetzt spreche, nicht so nehmen, daß Sie gleich wieder mit einem Entweder-Oder darüber denken. Sie müssen sich klar bewußt sein, daß gewisse höhere Tiere, namentlich solche, die mit dem Menschen viel zusammenleben, wie die Haustiere, eine Art von Selbstbewußtsein haben, das schon dem des niedrigen wilden Menschen heute in einer gewissen Weise gleichkommt. Überall sind Gradunterschiede. Wir sprechen nicht von Übergängen, sondern von den Hauptsachen, wie sie sozusagen in mittleren Zuständen sind. Da finden wir beim Tier im allgemeinen hier auf dem physischen Plane nicht das Selbstbewußtsein. Wie ist nun dieses Selbstbewußtsein des Tieres? Sie erheben sich leicht zu einem Verständnis, wenn Sie sich fragen: Wo ist das Selbstbewußtsein jedes meiner Finger? -— Da müssen Sie sich sagen: Ihr eigenes Bewußtsein ist das Selbstbewußtsein Ihres Fingers. Es ist nicht denkbar ohne Ihr gemeinsames Bewußtsein. In Ihrem Ich haben Ihre zehn Finger ihr gemeinschaftliches Bewußtsein, ihr gemeinschaftliches Ich, ebenso Ihre anderen Glieder. Das ist ihr Selbstbewußtsein.
[ 6 ] Übertragen Sie in gewisser Beziehung diesen Begriff auf den Begriff einer tierischen Art. Da müssen Sie sich sagen: Alles, was im Tierreich ähnlich gestaltet ist, alle Löwen, Bären, Frösche, Fische, die ähnlich gestaltet sind, diese zusammengehörigen Löwen und so weiter verhalten sich wirklich wie Ihre zehn Finger. Die Entfernung tut dabei nichts. Wenn man die einzelnen Finger nach ihrem Ich fragen würde, dann müßten sie sagen: das ist das Ich des Menschen, zu dem wir gehören. So müßten, wenn Sie einen Löwen fragen würden in einer Menagerie und einen anderen in Afrika und so weiter, alle hinweisen auf das gemeinschaftliche Art-Ich, auf das Gattungs-Ich, das Gruppen-Ich. Alle ähnlich gestalteten Tiere haben ein gemeinschaftliches Ich. Dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier, daß jeder Mensch für sich ein Ich hat, das Tier aber ein Art-Ich, ein Gruppen-Ich. Diese Iche der Tiere können Sie nicht finden in unserer physischen Welt, sondern diese Iche sind da vorhanden, wo wir vom Astralplan reden. Für alle Löwen finden Sie dort eine einzige Wesenheit. Gerade so wie Sie hier auf dem physischen Plan einem Menschen begegnen können, der Ihnen eine abgeschlossene Wesenheit innerhalb seiner Haut zeigt, so könnten Sie, wenn Sie hellsehend wären, auf dem astralen Plane Wesenheiten begegnen, dem Löwen-Ich, dem Bären-Ich als abgeschlossenen Wesenheiten wie hier den Menschen. Das sind dort ganz intelligente Wesen, die nicht etwa hinter dem Menschen zurückstehen. Der einzelne Löwe steht hinter ihm zurück, sein Ich aber ist eine ganz hohe Wesenheit und hat mit einer durchdringenden Weisheit die ganze Aufgabe der Löwen auf der Erde hier zu erfassen und durchzuführen. Also sehr intelligente Wesen sind die Tier-Iche.
[ 7 ] Wenn Sie nun diese Wesenheiten, die die sämtlichen Iche der Tiere ausmachen, als Seher verfolgen könnten, so würden Sie sehen, daß diese Wesenheiten in einer merkwürdigen Tätigkeit sind. Was die Tiere als Aufgabe haben, wird verwaltet, regiert von diesen Wesenheiten, die wir die Tier-Iche nennen. Diese Tier-Iche umgeben die Erde fortwährend. Als Beispiel will ich Ihnen unter vielen dieser Dinge eine Aufgabe dieser Tier-Iche nennen. Wenn Sie eine Erscheinung, die sehr bekannt ist und über die sehr viel nachgedacht wird, den Vogelflug, verfolgen, so finden Sie, daß die Vögel, die in nördlichen Gegenden leben, sich im Herbste sammeln. Sie fliegen von den nordöstlichen Gegenden gegen die südwestlichen, dann gegen Süden. Im Frühling sammeln sie sich wieder und ziehen in umgekehrter Weise nach Norden. Dasjenige, was diesen Zügen zugrunde liegt, ist im wesentlichen das Brüten, das Jungebekommen und so weiter. Der Frühlingsflug ist eine Art von Hochzeitsflug. Die Regelmäßigkeit, die darin liegt, wird von den Gruppenseelen besorgt. Die ordnen dies alles an. Und Sie können im Vogelflug die Linien verfolgen; die eine Vogelart fliegt so, die andere so, die eine niedrig am Boden hin, die andere hoch in den Lüften. Überall werden Sie eine tiefe Weisheit drinnen finden. Man sagt: Alles, was Tierseelen sind, alles das umkreist unseren Planeten, umkreist die Erde. Das ist ein Beispiel, wie im Vogelflug die Weisheit der Gruppenseele wirkt.
[ 8 ] Wie ist die Sache nun bei den Pflanzen? Die haben nur einen physischen Leib und einen Ätherleib. Sie haben für sich keinen selbständigen Astralleib und kein selbständiges Ich hier auf dem physischen Plan. Nun, wenn Sie sich selbst während Ihrer nachtschlafenden Zeit beobachten könnten, würden Sie sehen, wie im Bette liegen physischer und Ätherleib. Was im Bette liegt, hat den Wert einer Pflanze, daraus besteht die Pflanze fortwährend. Dasjenige, was während des Tages, während Ihres Wachzustandes in Ihnen wohnt, in Ihrem physischen Leib mit drinnensteckt, das ist in der Nacht außerhalb Ihres physischen und ätherischen Leibes. Bei der Pflanze ist das, was Sie in der Nacht herausheben, immer heraußen. Es ist dieses Herausgehen noch mit etwas anderem verknüpft. Nehmen wir an, Sie würden hier alle einschlafen — was ja nicht gerade wünschenswert ist -, so würden alle Ihre Iche und Astralleiber heraußen liegen. Sie würden nicht so abgesondert sein können, wie Sie jetzt abgesondert voneinander sind im physischen Leibe. Sie vermischten sich mehr, bildeten eine mehr einheitliche Masse, wie wenn Sie ineinander wogen würden. Sie lösten sich in gewisser Weise auf in einem gemeinsamen Astralleibe der Erde und holten sich aus diesem gemeinsamen Astralleibe der Erde, der vermischt ist mit dem der Sonne, Kraft, um die Ermüdung fortzuschaffen. So ist es bei der Pflanze fortwährend.
[ 9 ] Was Sie in der Pflanze vor sich sehen, ist physischer und Ätherleib. Aber die Pflanze hat außer sich den Astralleib. Die ganze Erde hat einen gemeinschaftlichen astralischen Leib, und der ist der astralische Leib der Pflanzen. Und die Erde hat ein gemeinschaftliches Ich, und das ist das Ich der Pflanzen, so daß Sie das Ich der Pflanzen suchen müssen im gemeinschaftlichen Ich der ganzen Erde. Und jetzt erscheinen Ihnen alle Pflanzen auf der Erde, wie Ihnen Ihre Fingerglieder erscheinen. Sie sind ein Organismus, und Ihre Finger wachsen aus ihm heraus. Die ganze Erde ist ein Organismus und die Pflanzen sind im buchstäblichen Sinne Glieder der Erde und gehören mit ihr zu einem gemeinschaftlichen Bewußtsein zusammen.
[ 10 ] Und dasjenige, was daraus folgt, ist buchstäblich wahr: Wenn man Sie verletzt, wenn man in Ihr Fleisch schneidet, empfinden Sie Schmerz. In ähnlicher Weise kann unter gewissen Verhältnissen die ganze Erde Schmerz fühlen. Aber nicht kann die Erde Schmerz fühlen, wenn Sie zum Beispiel eine Pflanze oder eine Blüte abschneiden. Das würde der Erde keinen Schmerz machen. Das, was der Erde Schmerz macht, ist zu verstehen, wenn Sie eines wissen: Sie müssen sich die ganze Erde vorstellen wie einen einheitlichen Organismus und alle Pflanzen als Glieder dieses gemeinschaftlichen Organismus. Nun verhält sich das, was über der Erde ist an Pflanzen, zu der Erde ungefähr so, wie sich die Milch zum Menschen und zum Tier verhält. Wenn am Tiere, an der Kuh das Kalb saugt, so bedeutet das für die Kuh ein gewisses Wohlgefühl. Dieses selbe Gefühl hat die ganze Erde, wenn Sie eine Blüte oder Pflanze abschneiden. Denn das, was die Erde der Sonne zuschickt, was sie heraustreibt, ist in anderer Form dasselbe, was in der Milch lebt. Reißen Sie aber eine Pflanze mit der Wurzel heraus, so ist das genau so, wie wenn Sie ein Glied des Menschen herausreißen oder ihn ins Fleisch schneiden. Das ist etwas ganz anderes, was unsere Erde empfindet, wenn man eine Pflanze, die noch fest in der Erde wurzelt, abschneidet -— da empfindet die Erde ein Wohlgefühl -, und etwas ganz anderes, wenn man eine Pflanze mit der Wurzel herausreißt. Nicht moralisch sollen Sie das beurteilen, sondern so, wie die Tatsachen liegen; und so liegen sie.
[ 11 ] Nun versuchen Sie, solch eine Wahrheit nicht bloß zu denken, sondern zu empfinden! Sehen Sie, man empfindet sie so: Wenn man im Herbst draußen geht und sieht den Landmann mit der Sense das Getreide wegmähen, so empfindet einer, der weiß, um was es sich handelt im astralischen Leib der Erde, mit dem Wegmähen des Getreides etwas wie über die Erde hinziehende Gefühle wie von Wollust, von Freude, von Lust. In der Tat ist es für die ganze Erde ein Gefühl von Freude, wenn der Schnitter das Getreide bei der Ernte wegschneidet. So empfindet man, wenn man weiß, um was es sich handelt in der tierischen Gruppenseele, in der pflanzlichen Erdenseele, im Gruppen-Ich und Erden-Ich. So empfindet man in der hinziehenden Vogelschar die Weisheit, die weise Einrichtung der astralischen Wesenheiten, die diese Einrichtungen treffen. Man fühlt durch die Luft den Wind der Weisheit ziehen. Und wenn man weiß, daß es sich bei der Pflanze um die Erdenseele handelt, so fühlt man in allem, was mit der Pflanze geschieht, Empfindung und Gefühl. Weltengeist, sagt man, empfindet man im Umkreis der Erde, wenn man auf das Tier-Ich achtet; Weltenseele, das Gefühl der Natur, wenn man auf das Pflanzen-Ich achtet.
[ 12 ] Und so ist es tatsächlich. Wenn wir die Lehren der Theosophie nicht bloß theoretisch betrachten, sondern wenn sie das Ganze unserer Seele erfüllen, dann empfinden wir jenen Gott, der immer durch die Natur zieht. Und wenn das der Fall ist, nicht wahr, daß, wenn der Mensch dem Menschen gegenübersteht, er doch weiß, daß in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt, daß ähnliche Gefühle innerhalb des anderen Haut stecken wie in der eigenen, daß er nicht nur nachdenkt über den anderen, sondern auch mit ihm fühlt, so lernen wir auch allmählich etwas empfinden wie den Pulsschlag, das warme Fühlen der Natur. Ein lebendiges Wesen nach Geist und Seele wird uns die Natur! Nun stellen wir uns vor, was das heißt, so die Natur sich zu vergeistigen aus der Lehre heraus, dann erleben wir es so, wie wenn wir uns durch die Theosophie in ganz anderer Weise zu allem verhalten lernen, wie wenn unsere Empfindungen geläutert und veredelt würden. Wie gleichgültig ist es dem gewöhnlichen Menschen, ob die Sense hingeht und die Saat abschneidet! Und wie anders ist es dem Theosophen, der nachfolgt mit seinem Herzen der hinschneidenden Sense; und der weiß, daß da, wo die Sense hinrührt, ein lebendes Wesen darunter ist, daß der Astralleib der Erde Lust empfindet! So wird uns nach und nach wirklich die Natur belebt. Das heißt: Übergehenlassen scheinbar abstrakte Lehren in lebendiges Fühlen und Empfinden. Im alltäglichsten Leben verändert sich jeder Schritt, wenn man so die Lehre zum Gefühl werden läßt.
[ 13 ] Und jetzt wollen wir uns einmal, nachdem wir dies verstanden haben, zu etwas anderem aufschwingen, was wir schon von anderer Seite vielleicht berührt haben, was uns in neuem Lichte erscheinen wird.
[ 14 ] Sie richten Ihre Augen zum Mond, zur Sonne hinauf. Sie haben jetzt gesehen, wie man aus der theosophischen Weisheit heraus das Gefühl anfachen kann, daß wir lernen, mit der Umgebung mitzufühlen. Das erstreckt sich auch bis zum toten Gegenstand, bis zum Stein. Es ist sehr eigentümlich, wie wir da manche Dinge in unserer Umgebung anders beurteilen lernen. Der Mensch stellt sich oft die Dinge verkehrt vor. Wir denken uns, wir gehen hinaus als Wissende, wir wollen sehen, was da geschieht, wenn draußen etwas vorgeht. Wir nähern uns einmal dem Steinbruch. Die Arbeiter hämmern und schlagen die Steine heraus. Da kommen wir zu dem Stein-Ich. Das ist nun nicht mehr nur verbunden mit unserem Erdplaneten, sondern der Stein ist verbunden mit unserem ganzen Planetensystem. Der Stein hat da seinen Mittelpunkt, wo das Planetensystem ihn hat. Auch der Stein hat seine Empfindung. Aber Sie dürfen nicht glauben, wenn Sie einen Stein zerschlagen, zerstören, so würde ihm das weh tun. Nein! Wenn Sie den Stein zerschlagen, zerstören, so bedeutet das ein Wohlgefühl. Unendliches Wohlgefühl sehen Sie herauspulsieren aus dem Steinbruch beim Arbeiten der Männer. Zum Zusammenfügen der Steine gehört dafür Schmerz. Es ist interessant, das zu wissen. Die Erde war ein glutflüssiger Gegenstand. Darin könnten Sie nicht leben, sie hat sich abkühlen müssen. In der Glut war alles aufgelöst. Das mußte sich zusammenfügen. Dies macht Schmerz, das Trennen macht Freude, Lust. Die ganze leblose Natur hat Leid, damit Sie Wohnplätze für sich bauen können. Sie seufzt für den, der sie durchschauen kann, sie seufzt! Sie wird wiederum aufgelöst werden in ihre Elemente. Daß der Mensch seine Entwickelung hat durchmachen können, dazu mußte diese leblose Natur unter Schmerzen zusammengefügt werden. Wenn der Mensch sich so vergeistigt haben wird, daß er die feste Erde als Grundlage nicht mehr braucht, wird die Erde mit ihm erlöst sein. Danach sehnt sich die leblose Natur. Es ist wahr, was Paulus sagt: «Alle Kreatur seufzt und leidet unter Schmerzen.» Erlöst wird sie durch die Annäherung an jenen vergeistigten Zustand des Menschen.
[ 15 ] Man kann sogar bemerken, daß Kinder, die dadurch, daß sie noch anders konstruiert sind als die Erwachsenen, gewisse Empfindungen für das Astrale haben, noch etwas fühlen von dem, was ein lebloses Ding empfindet, wenn es zerstört wird. Nicht immer - es geschieht oft auch aus Ungezogenheit -, aber oft ist dies ein Grund bei Kindern, daß sie solches Mitgefühl haben und die Dinge zerstören. Es geschieht nicht immer bloß aus Ungezogenheit. Das kann man sogar sehen. Die Dinge haben manchmal ein ganz anderes Gesicht vom geistigen Standpunkt aus.
[ 16 ] So sehen Sie, daß sich die ganze Erde durchseelt, durchgeistigt, mit Gefühlen durchdringt. Das ist das Wunderbare, daß uns die Theosophie hineinführt in die lebendige Natur. Jetzt werden Sie leicht verstehen können, daß derjenige, der als Okkultist hineinsieht, die Dinge, auch die Sonne und den Mond, sich ebenso durchseelt, durchgeistigt denken muß wie die Naturreiche. Es ist wirklich so. Was wir sehen von der Sonne, wenn wir mit dem physischen Auge hinsehen, verhält sich zum Ganzen der Sonne ebenso, wie dasjenige vom Menschen, was wir mit dem physischen Auge sehen, sich verhält zum Ganzen des Menschen. Der Sonnenleib ist der Leib des Sonnengeistes und der Mondleib ist der Leib des Mondgeistes. Und Sonne, Mond und Erde gehören in geistiger Beziehung zusammen, und zwar ist die Sache sehr kompliziert. Es sind mit der Sonne eine ganze Reihe von geistigen Wesenheiten vereinigt, die in der Sonne ihren Leib haben, nicht bloß eine geistige Wesenheit. Wenn also der Okkultist in die Sonne schaut und die Sonnenstrahlen sieht, dann ist das nicht bloß eine physische Erscheinung für ihn, sondern noch etwas anderes. Das, was er sieht, davon können Sie sich eine Vorstellung machen, wenn Sie etwa eine weibliche Persönlichkeit auf der Straße sehen, die die Hand mit der Bewegung des Gebens gegen ein Kind erhebt. Da sehen Sie die Handbewegung und vielleicht ein Geldstück fallen in die Hand des Kindes. Das ist aber nur das Physische. Würden Sie hineinschauen können in das, was hier nur Ausdruck ist, dann würden Sie das Mitleid sehen, würden Sie sehen, wie dieses die Ursache der Bewegung der Hand ist. Auch beim Kinde: Sie würden den äußeren Vorgang sehen und verfolgen können als Ausdruck von einem geistigen Vorgange, vielleicht als den Ausdruck der Dankbarkeit. Der bloß mit dem physischen Auge die Sonnenstrahlen Empfangende verhält sich zu dem geistig Sehenden wie der, der nur auf die physische Bewegung der Frau und des Kindes sieht, sich zu dem verhält, der auch die inneren Vorgänge beobachtet. Wer mit dem okkultistisch geschulten Auge die Vorgänge der Sonnenstrahlen zu uns kommen sieht, der sieht, wie geistige Wesenheiten in der Sonne in Gefühlen überfließen und wie diese Gefühle zur Tat werden. Und ihre Tat ist, was sie niedersenden in den Sonnenstrahlen. Und wenn Sie den Astralleib der Erde beobachten, dann sehen Sie etwas wie Dankbarkeit der ganzen Pflanzenseele, die die Sonnenstrahlen empfängt. Und erst ein ganzer Jahreslauf! Wenn sich die Pflanzen öffnen, so ist das ein seelischer Herzensausdruck für innere seelische Vorgänge der Erde wie für das, was die schöpferisch gebenden Geister der Sonne empfinden.
[ 17 ] Nun besteht ein gewisser Gegensatz, der nicht wie eine Opposition aufzufassen ist, zwischen den geistigen Wesenheiten in der Sonne und denen im Monde. Erde, Sonne und Mond gehören zusammen. In einer urfernen Vergangenheit, da waren sie ein Körper. Da hat sich die Sonne herausgelöst aus der Erde, das heißt aus der Vereinigung von heutiger Erde und heutigem Mond. Warum ist das geschehen? Wir können die verschiedensten Gründe anführen. Aber wir wollen heute von den vielen Gründen nur einen anführen. Damals, als die Sonne sich herauslöste aus der Erde, da gingen mit der Sonne all die Wesen mit, welche höhere Naturen waren als das, was zurückblieb. Denn die Sonne kann der Schauplatz sein viel höherer geistiger Wesenheiten, als der Mensch ist. Wesenheiten, die weit, weit über dem Menschen stehen, gingen als Sonnengeister mit, und ihr Schauplatz wurde die Sonne, so daß, wenn wir mit dem okkultistisch geschulten Auge in die Sonne sehen, wir dann die physische Sonne als Leib, als Schauplatz und Wohnplatz erhabener Geister, der Sonnengeister, sehen, die eine Weile ihre Entwickelung auf demselben Körper fortsetzen konnten, auf dem wir heute auch leben, die sich aber trennen mußten, indem sie die feinsten Stoffe herausnahmen, um ihre Entwickelung in entsprechender Weise fortzusetzen. Einer trennte sich los von diesen Sonnengeistern, der eine besondere Aufgabe erhielt. Er blieb noch mit der Erde verbunden. Und später ging auch der Mond heraus; die Erde wurde selbständig. Und dieser eine, der sozusagen Sonnengeist war, aber zunächst eine vorläufig andere Aufgabe bekommen hatte, nicht eine von der Sonne aus, dieser eine Geist ist Jahve oder Jehova als kosmische Intelligenz. Diese eine Individualität ging mit dem Monde, so daß, als die Erde losgespalten war, wir in der Sonne eine Art von hohen Sonnengeistern und im Monde Jehova haben. Mit dem Licht, das von Sonne und Mond kommt, strahlen auch zu gleicher Zeit die Seelen- und Geisteskräfte dieser Wesenheiten auf die Erde. Und der Mensch hätte sich nicht entwickeln können, so wie er sich entwickelt hat, unter dem Einflusse nur einer dieser Wesenheiten. Das muß so geschehen, wie es geschehen ist.
[ 18 ] Hätte die Erde nicht den Mond, sondern bloß die Sonne, dann würde der Mensch in ungeheuer rascher Folge sich immer verwandelt, sich sehr rasch entwickelt haben. Das konnte ihm nicht zukommen, er hätte sich überhastet, übersprungen. In der Sonne sind die besten Kräfte vereinigt, die zur Entwickelung des Menschen gehören, aber das schnelle Tempo durfte nicht eingeschlagen werden. Daher wurde Jehova abgespalten, so daß der ganze Entwickelungsgang des Menschen dadurch verzögert wurde. So wirken Sonnen- und Mondkräfte zusammen und bringen das richtige Mittlere in der Entwickelung des Menschen hervor. Hätten bloß die Mondenkräfte eingewirkt, so wäre der Mensch verdorrt. Statt lebendiger Menschen hätte es nur verdorrte, leblose Naturen, bloße Formwesen gegeben. Wenn Sie in einem Museum unter Statuen gehen, so haben Sie ein Bild von dem, was der Mond aus Ihnen gemacht hätte: seelenlose Formwesen, von großer Schönheit zwar, aber doch seelenlos. In diese Formen, in diese Erstarrung bringen die Sonnenkräfte Leben und Bewegung hinein; mit den Sonnenkräften allein aber würde sich der Mensch zu rasch vergeistigt haben. So weise ist der Gang unserer Erdenentwickelung eingerichtet. Deshalb mußten Sonne und Mond mit ihren Kräften und Wesenheiten sich von der Erde abspalten.
[ 19 ] Wenn nun ein Mensch, der hellsehend ist, die Erdenentwickelung von einem anderen Planeten aus verfolgt haben würde, wenn er hätte zuschauen können, wie die Erde sich entfaltet hat, so würde er ein sonderbares Schauspiel gesehen haben. Wir setzen die Hypothese, daß jemand von einem fernen Himmelskörper aus unsere Erdentwickelung verfolgen würde. Er sähe nicht nur den physischen Erdenleib, sondern auch den astralischen Leib der Erde. Würde er diesen astralischen Leib beobachten, so würde er sehen, wie er alle möglichen Lichterscheinungen zeigt. Das würde er verfolgen durch Jahrtausende. Da nun tritt ein Zeitpunkt ein, wo dieser Astralleib sich ganz ändert, wo er neue Farben, ganz neue Vorgänge zeigt. Es gibt einen solchen Einschnitt in der Erdentwickelung, und zwar wenn wir die Erde als Organismus betrachten. Vorher zeigt uns ihr Astralleib bestimmte Farben, und nachher zeigt er uns andere Farben. Diese zwei Zeitläufe des Astralleibes der Erde sind ganz verschieden. Und wenn der Betreffende nachforschen würde, was das für ein Zeitpunkt war, wo der Astralleib der Erde diese radikale Veränderung erfahren hat, dann würde er finden, daß es der Zeitpunkt war, als Christus auf Golgatha gestorben ist. Als das Blut aus den Wunden des Christus Jesus floß, veränderte sich der ganze Astralleib der Erde. Das ist das kosmische Mysterium von der Bedeutung des Todes Christi.
[ 20 ] Das darf man nicht bloß mit dem Verstand ermessen. Keine okkulte Schulung wäre hoch genug, dies Ereignis in seiner vollen Bedeutung durchempfinden zu lassen. Was hat sich denn nun in unserem Weltensystem in diesem Zeitpunkte ereignet? Wodurch hat sich der Astralleib der Erde verändert? Dadurch, daß von diesem Zeitpunkt an einer der Sonnengeister seinen Astralleib mit dem der Erde vereinigt hat. Wir sagten: Auch unter den Sonnengeistern haben wir mehrere, sechs an der Zahl. Der eine, den wir als den Christus-Geist bezeichnen, der hat seinen astralischen Leib in dem Moment, in dem das Blut aus den Wunden des physischen Leibes floß, mit dem der Erde vereinigt. Seit jenem Zeitpunkt hat die Erde eine wesentliche Veränderung erfahren, weil die Erde seither mit dem Leib des Christus eins geworden ist. Heruntergestiegen aus Himmelshöhen ist das Christus-Prinzip. Gelebt hat es im Sonnenleibe bis zum Kreuzestode des Christus Jesus. Im Tode vereinigte es sich mit dem Erdenleib. Seit jener Zeit ist die Erde als planetarischer Körper der Leib des Christus. Er ist vereinigt mit der Erde seit jener Zeit. Und wir verstehen jetzt in einem tieferen Sinn, was es heißt: «Der mein Brot ißt, der tritt mich mit Füßen.» Man stelle sich vor, daß die Erde der Leib des Christus wäre, und nehme diesen Ausdruck wörtlich. Die Menschen gehen auf dem Erdenleib, und sie essen das Brot des Erdenleibes. Und wenn der Geist der Erde spricht, so kann er diesen Vorgang nicht anders bezeichnen als mit den Worten: «Der mein Brot verzehrt, der tritt meinen Leib mit Füßen», und zwar ohne Groll.
[ 21 ] Und das Abendmahl selber! Welche unendliche Vertiefung erfährt es, wenn wir verstehen, daß der Erdenleib der Leib des Christus ist! Was ist das Brot, das aus den Getreidekörnern gebacken wird? Wie muß der Geist der Erde zu diesem Brot sprechen? «Dies ist mein Leib!» Das muß man wörtlich nehmen. Wie muß der Geist der Erde zu den Kräften der Pflanzen sprechen? Wie muß er, nachdem er sich vereinigt hat mit dem Erden-Ich, zu den Säften, die in den Pflanzen strömen, sprechen? «Dies ist mein Blut!» So wie das Blut durch Ihre Adern rinnt in Ihrem Leib, so rinnt im Christusleib, im Erdenleib wörtlich das Blut Christi in den Pflanzensäften. Und wer möchte sagen, daß dadurch so etwas wie das Abendmahl nicht unendliche Vertiefung erfährt? Was empfindet man, wenn man empfindet, wie der astralische Leib des Christus sich mit dem der Erde vereinigt, und man in diesem Augenblicke den Sinn der Aussprüche, die soeben angeführt wurden, gewahr wird? Was empfindet der Mensch, wenn er sich ganz hineinlebt? Wie tief wird ihm da so etwas wie das Mysterium vom Abendmahl!
[ 22 ] So lernen wir, insbesondere durch eine okkulte Betrachtung dieser Vorgänge, alles Leben um uns herum anders auffassen. Wir lernen die religiösen Urkunden wörtlich verstehen. Und wir werden uns klar darüber, daß, wenn wir das lernen, alle äußerlichen Deutungen der religiösen Urkunden verschwinden müssen. Denn die religiösen Urkunden sind aus den tiefsten Tatsachen heraus geschrieben und geben diese wieder. Nichts werden Sie finden in den authentischen Urkunden, was nicht übereinstimmt mit so großen Wahrheiten wie das Zusammenfließen des Christus-Geistes mit der Erde, als das Blut auf Golgatha floß. Und wie unendlich wird das Empfindungsleben vertieft, wenn man in dieses Geheimnis hineinschaut!
[ 23 ] Das ist der Beruf der Theosophie, dahin zu wirken, daß der Mensch wiederum neu lernt, jene tiefen Empfindungen und Gefühle in der Seele aufleben zu lassen, die in den Vorfahren lebten, wirklich lebten. Denn so, wie wir jetzt durch die theosophischen Lehren das vor die Seele zu zaubern versuchen, was die Seele durch sie empfinden kann, so war es schon in alten Zeiten, wo die ersten Christen in dieser Weise empfanden. Sie empfanden es tief! Noch lange fühlten sie so tief, bis der Materialismus mit seinen Verstandesurteilen kam. Da zogen sich sozusagen die Geister zurück, denn nichts wirkt so befremdend auf die geistigen Wesenheiten wie der Verstand. Der Verstand, wenn er die Dinge zerzaust, in seine kaustische Kritik einfaßt, er bringt die geistigen Wesenheiten auch in der menschlichen Seele zum Fliehen. Der Mythus von den Heinzelmännchen hat seine tiefe Bedeutung. Sie waren da, als noch nicht das Licht des Verstandes im Menschen leuchtete. Das Licht des Verstandes verscheuchte die Heinzelmännchen. Jene Gefühle waren da, als noch nicht der kritische Verstand die menschliche Seele durchdrungen hatte. Die Theosophie ist da, um trotz des Verstandes den Menschen das warme, lebendige Mitfühlen mit der ganzen Natur wieder zu bringen. Es war nicht hintanzuhalten, daß die Verstandesbildung gekommen ist. Es mußte eine Zeitlang das geistige Wesen zurücktreten. Der Geist wird wiederkommen. Wir werden unsern Verstand behalten und hinzuerobern die Wärme, das Feuer der Gefühle, den Enthusiasmus, das Mitgefühl. Wissen und Fühlen werden vereinigt werden, wenn wir zu den Quellen des Lebens dringen.
[ 24 ] Und ein neues Leben wird uns sprießen aus den religiösen Urkunden, wenn der Fall eintritt, den Goethe herbeiwünschte. Vor langen, langen Jahrhunderten nämlich, da hat der Großteil der Menschheit noch nicht die Bibel lesen können; allerdings haben die Menschen einiges davon gehört, was darinnen steht. Erst als die Buchdruckerkunst gekommen war, konnten die Menschen die Bibel lesen. Heute aber lesen sie nicht mehr die tiefen, geheimnisvollen Urkunden selber, sondern was die kritischen Geister über die Bibel sagen. Goethe sehnte ein Zeitalter herbei, wo die Menschen wiederum zu lesen verstehen in der Bibel, nicht aber die Bibel. Heute liest man über die Bibel. Um ein paar Pfennige kauft man Schriften, die da zeigen, wie die Bibel aus einzelnen Stücken zusammengesetzt sein soll, wie das Alte Testament stückweise entstanden ist. Man hat sogar ein Buch konstruiert, wo man Satz für Satz zusammengestellt hat mit verschieden gefärbten Buchstaben, die anzeigen sollen, was früher und was später entstanden ist, was Zusatz ist und so weiter, die sogenannte Regenbogenbibel. Diese Dinge rühren vom kritischen Verstand her, der nur einsehen kann, wie auf dem materiellen Plan diese Dinge von dem einen oder andern geschrieben worden sind, der nicht einsehen kann, daß alle die Verfasser der biblischen Schriften die Schüler der großen Initiierten waren, die unmittelbare Einsicht hatten in die geistige Welt. Darauf aber kommt es an, daß wir im Worte den wirklichen Geist erkennen, daß wir hineindringen in das, was dahintersteht, daß wir verstehen, wie die religiösen Urkunden aus der Tiefe der geistigen, wahren Erkenntnis geschrieben sind.
[ 25 ] So haben wir gesehen, in welcher Weise wir die Dinge zu verstehen haben. Das Wichtige lernt der Mensch dadurch. Dann schwingt er sich auf zu dem richtigen Fühlen, das heißt zu dem richtigen Leben.
