Die Theosophie des Rosenkreuzers
GA 99
22 Mai 1907, München
Erster Vortrag
[ 1 ] Was hier vorgebracht werden soll, das wird in der Ankündigung «Theosophie nach rosenkreuzerischer Methode» genannt. Damit ist gemeint die eine uralte und immer neue Weisheit in einer unserer Gegenwart angemessenen Methode, in einer Methode, die man eigentlich, so wie sie sich hier in der Art der Darstellung ausdrücken wird, seit dem vierzehnten Jahrhundert kennt. Doch will ich in diesen Vorträgen nicht von einer Geschichte des Rosenkreuzertums sprechen.
[ 2 ] Sie wissen alle, daß man heute in den Elementarschulen eine gewisse Geometrie lehrt, zu der zum Beispiel der Pythagoräische Lehrsatz gehört, Das Elementare dieser Geometrie lernt man ganz unabhängig davon, wie die Geometrie selbst zustande gekommen ist, denn was weiß der Schüler, der heute die ersten Elemente der Geometrie lernt, von Euklid! Und dennoch ist es die Euklidische Geometrie, die da gelehrt wird. Erst viel später, wenn man schon das Sachliche, den Inhalt kennt, lernt man vielleicht in der Geschichte der Wissenschaften die Gestalt, die Form kennen, in welcher das, was heute in den Elementarschulen allgemein zugänglich ist, ursprünglich in der Menschheitsentwickelung auftrat. So wenig den Schüler, der heute die elementare Geometrie lernt, die ursprüngliche Art angeht, wie Euklid die Geometrie der Menschheit gegeben hat, so wenig soll es uns kümmern, wie im Laufe der Geschichte sich das sogenannte Rosenkreuzertum entwickelt hat. Und wie der Schüler echte, wahre Geometrie aus der Sache herauslernt, so wollen wir diese rosenkreuzerische Weisheit aus sich selbst heraus betrachten.
[ 3 ] Wer die Geschichte und namentlich die äußere Geschichte des Rosenkreuzertums kennt, wie sie in der Literatur niedergelegt ist, der weiß übrigens sehr wenig von dem wirklichen Inhalt der rosenkreuzerischen Theosophie. Was rosenkreuzerische Theosophie ist, das lebt seit dem vierzehnten Jahrhundert als etwas, was unabhängig von seiner Geschichte wahr ist, ebenso wie die Geometrie wahr ist und erkennbar, unabhängig von der Geschichte der Geometrie und ihrem allmählichen Auftreten. Es soll deshalb nur flüchtig auf einiges hingedeutet werden, was aus der Geschichte heraus zu wissen ist.
[ 4 ] Im Jahre 1459 war es, als eine hohe spirituelle Individualität, verkörpert in der menschlichen Persönlichkeit, die vor der Welt den Namen Christian Rosenkreutz trägt, als Lehrer zunächst eines kleinen Kreises eingeweihter Schüler auftrat. 1459 wurde Christian Rosenkreutz innerhalb einer streng in sich abgeschlossenen spirituellen Bruderschaft, der Fraternität Roseae crucis, zum Eques lapidis aurei, zum Ritter des goldenen Steines erhoben. Immer klarer wird es uns im Laufe der Vorträge werden, was das bedeutet. Jene hohe spirituelle Individualität, die in der äußeren Persönlichkeit des Christian Rosenkreutz den physischen Plan betrat, wirkte immer wieder als Führer und Lehrer der rosenkreuzerischen Strömung in «demselben Körper», wie man im Okkultismus sagt. Auch die Bedeutung des Ausdrucks «immer wieder in demselben Körper» werden wir schon im Laufe der nächsten Stunden kennenlernen, wenn wir über das Schicksal des Menschen nach dem Tode sprechen werden.
[ 5 ] Nun war diese Weisheit, von der wir hier sprechen, bis weit in das achtzehnte Jahrhundert hinein beschlossen in einer engbegrenzten Bruderschaft, die strenge Regeln hatte, durch die sie sich von der exoterischen Außenwelt abschloß.
[ 6 ] Im achtzehnten Jahrhundert hatte diese Bruderschaft die Mission, auf einem spirituellen Wege etwas Esoterisches einfließen zu lassen in die Kultur Mitteleuropas, und deshalb sehen wir, wie innerhalb einer exoterischen Kultur mancherlei aufleuchtet, was zwar äußerlich exoterisch ist, was aber nichts anderes ist als ein äußerer Ausdruck esoterischer Weisheit. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Leute bemüht, jene Weisheit, die wir die rosenkreuzerische nennen, irgendwie durchschauen zu können; es ist ihnen nicht gelungen. So hat sich Leibniz vergebens bemüht, der Quelle rosenkreuzerischer Weisheit nahezukommen. Wie Blitzlichter leuchtete aber diese rosenkreuzerische Weisheit in einer exoterischen Schrift auf, welche erschien, als Lessing seiner Vollendung auf dem physischen Plan entgegenging. Es ist Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts». Man muß diese Schrift nur zwischen den Zeilen lesen, dann wird man in ihrem eigentümlichen Ausklange — zwar nur als Esoteriker — erkennen, daß sie ein äußerer Ausdruck rosenkreuzerischer Weisheit ist.
[ 7 ] Insbesondere großartig leuchtete diese Weisheit auf in demjenigen Menschen, der die Kultur des damaligen Europas um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, und zwar die internationale Kultur, widerspiegelte: in Goethe. Als Goethe in verhältnismäßig frühen Jahren seines Lebens einer rosenkreuzerischen Quelle nahekam, empfing er etwas von einer höchst merkwürdigen hohen Initiation. Es kann leicht mißverstanden werden, wenn man von einer Initiation Goethes spricht; daher geziemt es sich vielleicht gerade hier, darauf hinzuweisen, wie es sich mit dieser eigentümlichen Art der Initiation verhält. Es war in der Zwischenzeit, als er von der Universität Leipzig fortging, bis er nach Straßburg ging. Da geschah etwas höchst Merkwürdiges. Er hatte ein tief in seine Seele eingreifendes Erlebnis, das sich äußerlich in der Tatsache ausdrückte, daß er in der letzten Leipziger Zeit dem Tode recht nahestand. Auf seinem schweren Krankenlager hatte er ein wichtiges Erlebnis, eine Art von Initiation. Goethe war sich dieser zunächst nicht bewußt, sie wirkte als eine Art poetischer Strömung in seiner Seele, und es war ein höchst merkwürdiger Vorgang, wie sich diese Strömung hineinarbeitete in seine verschiedenen Produktionen. Solch einen Lichtblitz finden wir in dem Gedicht «Die Geheimnisse», das die intimsten Freunde Goethes als eine seiner tiefsten Schöpfungen bezeichnet haben, und es ist in der Tat so tief angelegt, daß Goethe niemals die Kraft wiederfinden konnte, zu diesem Fragmente den Schluß zu gestalten. Die damalige Kulturströmung hatte noch nicht die Macht, äußerlich die ganze Tiefe des Lebens auszugestalten, die in diesem Gedichte pulst. Dies Gedicht ist aufzufassen als eine der tiefsten Quellen der Seele Goethes, es ist ein Buch mit sieben Siegeln für alle GoetheKommentatoren. Dann aber arbeitete sich diese Initiation immer weiter heraus, und Goethe konnte endlich, nachdem er sich dieser Initiation mehr und mehr bewußt geworden war, jene merkwürdige Prosadichtung entstehen lassen, die wir als das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» kennen. Es ist eine der tiefsten Schriften der Weltliteratur; wer sie in richtiger Weise zu interpretieren vermag, der weiß viel von der rosenkreuzerischen Weisheit.
[ 8 ] Damals aber, als einfließen sollte die rosenkreuzerische Weisheit in die allgemeine Kultur, geschah es, daß auf eine Weise, über die ich hier nicht weiter zu sprechen brauche, eine Art Verrat mit rosenkreuzerischer Weisheit begangen wurde, so daß gewisse Vorstellungen rosenkreuzerischer Weisheit exoterisch hinausdrangen in die große Welt. Dieser Verrat auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Notwendigkeit, daß die Kultur des Abendlandes eine Zeitlang, während des neunzehnten Jahrhunderts, auf dem physischen Plan unbeeinflußt bleibe von der Esoterik, diese zwei Dinge führten die Notwendigkeit herbei, daß die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit und vor allem auch der große Begründer, der seit jener Zeit immer auf dem physischen Plan war, scheinbar zurücktraten, so daß man in der ersten Hälfte und auch in einem großen Teil der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nicht viel von der rosenkreuzerischen Weisheit entdecken konnte. Erst in unserer Zeit ist es wieder möglich geworden, die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit zu erschließen und sie einfließen zu lassen in die allgemeine übrige Kultur, und wenn wir diese Kultur betrachten werden, so werden sich uns die Gründe ergeben, warum das so sein mußte,
[ 9 ] Nun möchte ich Ihnen zwei charakteristische Dinge angeben, welche die rosenkreuzerische Weisheit auszeichnen und die wichtig sind für ihre Weltmission. Das eine hängt zusammen mit des Menschen ganzer Stellung zu dieser rosenkreuzerischen Weisheit, die etwas anderes ist als die okkulte Form der christlich-gnostischen Weisheit. Wir müssen zwei Tatsachen des Geisteslebens vorläufig nur flüchtig berühren, wenn wir uns diese merkwürdige Stellung der rosenkreuzerischen Weisheit klar vor die Seele führen wollen. Die erste dieser zwei Tatsachen ist, was man die Stellung des Schülers zu dem Lehrer nennt, und zwei Dinge haben wir zu betrachten in bezug auf diese Stellung. Wir wollen besprechen erstens das, was man Hellsehen nennt, und zweitens das, was man Glauben an die Autorität nennt. In dem Worte Hellsehen — eigentlich ein unvollkommener Ausdruck — begreift man nicht allein spirituelles Schauen, sondern auch spirituelles Hören. In diesen beiden ist die Quelle einer jeglichen Weisheit, die uns über die verborgene Weisheit der Welt unterrichten will, und aus keiner anderen Quelle heraus können wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welten kommen. Nun ist für die Rosenkreuzer-Methode ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Auffinden der geistigen Wahrheiten und dem Begreifen derselben.
[ 10 ] Niemand kann eine geistige Wahrheit direkt in den höheren Welten finden, der nicht einen höheren Grad spiritueller Fähigkeit — also des Hellsehens — entwickelt hat. Für das Auffinden der spirituellen Wahrheit ist das Hellsehen die notwendige Voraussetzung. Aber auch nur für das Auffinden, denn bis heute und auch bis lange in die Zukunft hinüber wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas gelehrt werden, was nicht mit dem gewöhnlichen, allgemeinen logischen Verstande begriffen werden kann. Das ist es, worauf es ankommt. Wenn gegenüber dieser rosenkreuzerischen Form von Theosophie eingewendet wird, man gebrauche zum Begreifen Hellsehen, so ist das nicht richtig. Nicht die Fähigkeit des Wahrnehmens ist es, worauf es ankommt. Wer die rosenkreuzerische Weisheit nicht mit dem Denken begreifen kann, der hat nur seinen logischen Verstand noch nicht weit genug ausgebildet. Wenn man alles in sich aufnimmt, was die gegenwärtige Kultur gibt, was man heute erlangen kann, wenn man nur Geduld und Ausdauer hat und nicht zu bequem ist, um zu lernen, dann kann man begreifen und einsehen, was der Rosenkreuzer-Lehrer lehrt. Wer irgendwie eine solche Rosenkreuzer-Weisheit anzweifelt und sagt: Ich kann sie nicht begreifen —, bei dem ist nicht daran schuld, daß er noch nicht auf die höheren Plane hinauf kann, sondern daß er seinen logischen Verstand nicht genug anstrengen will, oder daß er nicht genügend Erlebnisse des gewöhnlichen Bildungslebens herbeitragen will, um wirklich zu begreifen.
[ 11 ] Denken Sie einmal an die ungeheure Popularisierung der Weisheit, die sich vollzogen hat seit dem Auftreten des Christentums bis zur heutigen Zeit, und versuchen Sie, sich vor Ihre Seele ein Bild des christlichen Rosenkreuzertums im vierzehnten Jahrhundert zu stellen. Denken Sie daran, wie in jener Zeit der einzelne Mensch, der draußen in der Welt lebte, den Lehrern gegenüberstand. Nur durch das gesprochene Wort konnte da gewirkt werden. Man stellt sich gewöhnlich nicht richtig vor, welche riesige Evolution sich seit jener Zeit vollzogen hat. Man braucht nur an die Errungenschaft der Buchdruckerkunst zu denken. Denken Sie an die tausend und abertausend Kanäle, durch welche vermittels dieser Erfindung in das allgemeine Kulturleben einfließen konnte, was heute in den Spitzen des Geisteslebens geleistet wird. Von dem Buche an bis zur letzten Zeitungsnotiz können Sie unendlich viele Kanäle verfolgen, durch die eine Unsumme von Vorstellungen einfließt in das allgemeine Leben. Das sind Wege, die erst seit dieser Zeit der Menschheit erschlossen worden sind, und die haben bewirkt, daß der Intellekt der abendländischen Kultur ganz andere Formen angenommen hat. Der abendländische Intellekt, der Verstand, wirkte seit jener Zeit ganz anders.
[ 12 ] Darauf mußte die neue Form der Weisheit Rücksicht nehmen. Es mußte eine solche Form geschaffen werden, die dem standhält, was in den tausend Kanälen hineinfließt in das allgemeine Leben. Die rosenkreuzerische Weisheit ist nun eine solche, die völlig standhält jedem Einwand, der von irgendeiner populären oder noch so hohen Seite der Wissenschaft ausgehen kann. In sich selbst hat die rosenkreuzerische Weisheit die Quellen des Sich-Haltens gegenüber jedem Einwande der Wissenschaft. Ein richtiges Verständnis der modernen Wissenschaft, nicht jenes dilettantische Verstehen, das selbst bei Universitätsprofessoren zu finden ist, sondern ein Verständnis, das frei von allen den abstrakten Theorien und materialistischen Phantasien arbeitet, das streng auf dem Boden der Tatsachen steht und nicht darüber hinausgeht, ein solches Verständnis liefert Stück für Stück gerade aus der Wissenschaft heraus die Beweise für die rosenkreuzerischen spirituellen Wahrheiten.
[ 13 ] Die zweite Seite in der rosenkreuzerischen Weisheit — in der Stellung zwischen Lehrer und Schüler — ist die, daß im wesentlichen das Verhältnis vom Schüler zum «Guru», dem orientalischen Lehrer, gegenüber den anderen Einweihungen ein anderes ist. Die Art und Weise, wie der Schüler dem Guru gegenübersteht, kann eigentlich innerhalb der rosenkreuzerischen Weisheit gar nicht mit dem Glauben an eine Autorität bezeichnet werden. Durch ein Beispiel aus dem gewöhnlichen Leben werde ich Ihnen das anschaulich machen. Der RosenkreuzerLehrer will nicht anders zu seinem Schüler stehen als der kundige Mathematiker zu dem Mathematikschüler. Kann man davon sprechen, daß der Mathematikschüler seinem Lehrer aus Autoritätsglauben anhängt? Nein! Kann man davon sprechen, daß der Mathematikschüler den Lehrer nicht braucht? Ja — könnten da viele sagen, denn man hat vielleicht durch gute Bücher den Weg zum Selbststudium gefunden. Aber hier ist nur der Weg ein anderer, als wenn man sich Stuhl an Stuhl gegenübersitzt. Im Prinzip könnte man es natürlich. Ebenso könnte auch jeder Mensch, wenn er zu einer gewissen Stufe des Hellsehens aufsteigt, alle spirituellen Wahrheiten finden, aber ein jeder wird es unvernünftig finden, das Ziel auf einem Umweg zu erreichen. Ebenso unvernünftig wäre es zu sagen: Mein Inneres muß die Quelle sein für alle spirituellen Wahrheiten. — Wenn der Lehrer die mathematischen Wahrheiten kennt und sie dem Schüler überliefert, dann braucht der Schüler keinen Autoritätsglauben mehr, dann sieht er die mathematischen Wahrheiten durch ihre eigene Richtigkeit ein, und er braucht gar nichts anderes, als sie richtig einzusehen. Nicht anders ist es mit der ganzen okkulten Entwickelung im rosenkreuzerischen Sinne. Der Lehrer ist der Freund, der Ratgeber, der die okkulten Erlebnisse vorlebt und sie den Schüler leben läßt. Hat man sie einmal, dann braucht man sie ebensowenig auf Autorität hin anzunehmen, als in der Mathematik den Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind 180 Grad. Alle Autorität ist in der Rosenkreuzerei keine eigentliche Autorität, sondern vielmehr das, was notwendig ist für die Abkürzung des Weges zu den höchsten Wahrheiten.
[ 14 ] Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche sich auf das Verhältnis der spirituellen Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur bezieht. In den Darstellungen, die in den nächsten Tagen hier vorüberziehen sollen, werden Sie sehen, daß die geistige Wahrheit unmittelbar in das praktische Leben einfließen kann. Nicht irgendwelches System stellen wir auf, das man nur theoretisch verwerten kann, sondern etwas, was man brauchen kann, wenn man die tiefen Grundlagen unseres gegenwärtigen Weltenwissens erkennen will, wenn man die geistigen Wahrheiten einfließen lassen will in unser alltägliches Leben. Rosenkreuzer- Weisheit muß nicht nur in den Kopf gehen, auch nicht bloß in das Herz, sondern in die Hand, in unsere manuellen Fähigkeiten, in das, was der Mensch täglich tut. Es ist kein sentimentales Mitfühlen, es ist ein Sich-Erarbeiten der Fähigkeiten, innerhalb des allgemeinen Menschheitsdienstes zu wirken. Denken Sie sich, irgendeine Gesellschaft träte auf und würde nur allein Menschenbrüderschaft zu ihrem Ziele machen, würde nichts tun, als Menschenbrüderschaft predigen. Rosenkreuzerei wäre das nicht, denn der Rosenkreuzer sagt: Denke dir einen Menschen, der das Bein gebrochen hat und vor dir auf der Straße liegt. Wenn vierzehn Menschen herumstehen und warmes Empfinden und Mitleid haben, und keiner dabei ist, der das Bein wieder einrichten kann, so sind alle vierzehn weniger wesentlich als der eine, der hinzutritt, der vielleicht gar nicht sentimental ist, der aber die Fähigkeit besitzt, ein Bein einzurichten und es auch tut. — Und das ist die Gesinnung, die den Rosenkreuzer durchflutet. Auf die werktätige Erkenntnis, auf die Möglichkeit, aus der Erkenntnis heraus einzugreifen in das Leben, darauf kommt es an. Alles Reden über Mitgefühl ist der Rosenkreuzer-Weisheit sogar etwas Gefährliches, denn ihr erscheint ein fortwährendes Betonen von Mitgefühl wie eine Art astraler Wollust. Was das niedere Wollustgefühl ist auf dem physischen Plane, das ist auf dem astralen Plan diese Art, die immer nur fühlen will und nicht erkennen. Werktätige Erkenntnis, die eingreifen kann im Leben — allerdings nicht im materialistischen Sinne, sondern heruntergeholt von den spirituellen Planen —, die befähigt uns, praktisch zu wirken. Aus der notwendigen Erkenntnis, daß die Welt vorwärtskommen soll, fließt von selbst die Harmonie, und sie fließt umso sicherer, weil sie sich von selbst ergibt, wenn man erkennt. Von demjenigen, der ein Bein einrichten kann, könnte man sagen: wenn er kein Menschenfreund ist, läßt er vielleicht den liegen, der da liegt. — Das ist bei der bloßen Erkenntnis auf dem physischen Plan möglich. Bei der spirituellen Erkenntnis aber ist dieser Einwand nicht möglich. Es kann keine spirituelle Erkenntnis geben, die nicht einfließen würde in das werktätige Leben.
[ 15 ] Das ist es, was man als die zweite Seite der Rosenkreuzer- Weisheit bezeichnet: daß sie nur durch hellseherische Kräfte gefunden, aber durch den gewöhnlichen Menschenverstand eingesehen werden kann. Es ist damit scheinbar etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Um Erlebnisse in der geistigen Welt zu haben, müssen Sie hellsehend werden; um das einzusehen, was der Hellseher sieht, brauchen Sie das nicht. Wer als Seher heruntersteigt aus den geistigen Welten und die Dinge erzählt, die da oben vorgehen, und damit etwas zur Kenntnis bringt, was der gegenwärtigen Menschheit notwendig ist, kann verstanden werden, wenn die Zuhörer es wollen, denn der Mensch ist so geartet, daß es ihm einleuchten kann.
[ 16 ] Zunächst werden wir nun die siebengliedrige Menschennatur nach Rosenkreuzer-Methode kennenlernen. Wir werden kennenlernen die ganze Menschennatur, wie sie vor uns steht. Wir werden den physischen Leib kennenlernen, den ein jeder zu kennen glaubt und eigentlich gar nicht kennt. So wenig man den Sauerstoff im Wasser sehen kann, sondern ihn erst vom Wasserstoff trennen muß, um ihn zu erkennen, so wenig sieht man, wenn man einen anderen Menschen erblickt, den physischen Menschen vor sich. Der Mensch ist ebenso ein Gemisch von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib und den anderen Gliedern seiner höheren Natur, wie das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht, und die Zusammenfassung aller dieser Glieder, die sehen Sie vor sich. Wollen Sie den physischen Leib allein sehen, müssen Sie erst den Astralleib herausheben; das haben Sie im traumlosen Schlaf. Der Schlaf ist eine Art von höherer chemischer Scheidung des Astralleibes im Verein mit den höheren Gliedern der Menschennatur von dem ätherischen und physischen Leibe. Aber auch dann haben Sie noch nicht den wirklichen physischen Leib vor sich. Erst mit dem Tode, wenn sich auch der Ätherleib herausgezogen hat aus dem physischen Leibe, ist der physische Leib allein übrig.
[ 17 ] Das hat eine unmittelbare praktische Bedeutung. An einem Beispiele will ich Ihnen den Sinn dafür klarmachen. Nehmen Sie irgendeinen bestimmten Teil im Astralleibe an. In uralter Vergangenheit des Menschen war das, was er damals in einem dumpfen, dämmerhaften Hellsehen wahrnehmen konnte, ganz anders bildhaft als heute. Diese Bilder haben sich zunächst seinem Astralleibe eingeprägt. Wir stellen uns vor, daß sich dem Astralleibe einmal Bilder der drei Raumdimensionen eingeprägt haben, in Länge, Breite und Tiefe. Dieses Bild des dreidimensionalen Raumes, wie es einmal aus einem ursprünglichen dämmerhaften Hellsehen heraus dem Astralkörper eingeimpft worden war, wurde weiter übertragen in den Ätherleib. Wie man eine Petschaft in den flüssigen Siegellack eindrückt, so drückt sich das astrale Bild in den Ätherleib ein, und das arbeitete plastisch die Formen des physischen Leibes aus. So arbeitet das Bild des dreidimensionalen Raumes ein Organ an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Leibes aus. Es war ursprünglich ein Bild im Astralleibe von drei aufeinander senkrecht stehenden Raumlinien. Das drückte sich ein in den Ätherleib wie ein Petschaft in Siegellack, und ein gewisser Teil des Ätherleibes arbeitete praktisch ein Organ im Innern des menschlichen Ohres aus, und das sind die drei halbzirkelförmigen Kanäle. Sie alle haben diese in sich. Wenn sie verletzt werden, kann sich der Mensch nicht mehr in den drei Raumlinien orientieren. Den Menschen befällt Schwindel; er kann sich innerhalb der Raumdimensionen nicht mehr aufrechthalten. So hängen zusammen die Bilder des Astralleibes mit den Kräften des Ätherleibes und den Organen des physischen Leibes. Der ganze physische Leib des Menschen in seinen plastischen Formen ist nichts anderes als ein Ergebnis, das entstanden ist aus den Bildern des Astralleibes und dem Kräftezusammenhang des Ätherleibes. Daher versteht niemand den physischen Leib, der nicht zuerst den astralen und den Ätherleib kennt. Der Astralleib ist der Vorgänger des Ätherleibes und der Ätherleib der Vorgänger des physischen Leibes. So kompliziert sich die Sache.
[ 18 ] Die drei halbzirkelförmigen Kanäle sind ein physisches Organ wie die Nase; alle Nasen sind untereinander verschieden, aber Sie können eine Ähnlichkeit finden, die zwischen den Nasen von Eltern und Kindern besteht. Könnten Sie beim Menschen die drei halbzirkelförmigen Kanäle studieren, dann würden Sie finden, daß hier eine ebensolche Verschiedenheit und Gleichheit wie bei den Nasen besteht und daß der Mensch in bezug auf diese Kanäle ebenso der Mutter oder dem Vater ähnlich sein kann. Was sich nicht vererbt, das ist das tiefste Geistige, das Ewige, das durch die menschlichen Inkarnationen durchgeht. Das, was man spezifische Talente, Fähigkeiten nennt, beruht nicht auf den Gehirnen. Die Logik ist keine andere in der Mathematik als in der Philosophie oder im praktischen Leben. Die Verschiedenheit der Fähigkeiten tritt erst auf, wenn die Logik angewendet wird auf den Gebieten, die zum Beispiel in den halbzirkelförmigen Kanälen ihr ErkenntnisOrgan haben. So drückt sich die Mathematik besonders aus bei dem Menschen, der gerade diese Organe besonders ausgebildet hat. Ein Beispiel dafür ist die Familie Bernoulli, in der hintereinander gute Mathematiker aufgetreten sind. Eine Individualität könnte noch so viele Anlagen zu musikalischer oder anderer Befähigung mitbringen — wenn sie nicht in einen Menschenleib hineingeboren wird, der ihr die erforderlichen Formen und Organe vererben kann, so kann sie diese Befähigungen nicht ausleben.
[ 19 ] So sehen Sie, daß Sie gar nicht die Welt physisch erkennen können, wenn Sie nicht erkennen, wie sie geschaffen ist. Nicht im Sich-Zurückziehen von der physischen Welt sieht der Rosenkreuzer seine Aufgabe. Das wäre eine schlimme Sache, denn seine Aufgabe ist es gerade, die physische Welt zu vergeistigen. Hinaufgehen muß er in die höchsten Regionen des geistigen Lebens und mit den Erkenntnissen, die ihm da werden, tätig arbeiten innerhalb der ganzen physischen Welt, und innerhalb der Menschen ganz besonders. Das ist Rosenkreuzer-Gesinnung, die sich unmittelbar aus der Weisheit als Konsequenz ergibt. Ein solches System von Weisheit wollen wir betrachten, das uns das Kleinste verstehen machen kann. Und eingedenk sein wollen wir, daß das Kleinste in der Welt zum Größten wichtig ist, und daß das Kleinste, an die richtige Stelle gerückt, zum größten Ziele führen kann.
