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Die Theosophie des Rosenkreuzers
GA 99

29 Mai 1907, München

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Wir sind in unserer Betrachtung bis zu dem Punkte gekommen, wo der Mensch, indem er heruntersteigt aus den geistigen Regionen, sich umkleider fühlt von einem Ätherleib und dadurch für einen Augenblick eine Art von Vorschau hat, einen Vorblick auf das Leben, das ihn hier erwartet. Wir haben gesehen, was das für Abnormitäten und Zustände für den Menschen hervorrufen kann. Bevor wir nun weiterschreiten, wollen wir eine Frage beantworten, die manchem wichtig erscheinen könnte, wenn er den geistigen Blick hinaufrichtet in das Devachan, die Frage: Wie ist es mit dem Zusammenleben der Menschen zwischen Tod und neuer Geburt? — Wir müssen uns klar sein, daß es nicht bloß hier auf der physischen Erde ein Zusammenleben, ein Miteinandersein der Menschen gibt, sondern auch dort in den höheren Welten. Ganz genau ebenso, wie die Arbeit der Menschen im Geistgebiet hinunterreicht in die physische Welt, so reichen alle die Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch, alle ihre Zusammenhänge, alle ihre Beziehungen zueinander, die gesponnen sind hier unten, hinauf in das Gebiet des geistigen Landes.

[ 2 ] Wir wollen uns das an einem konkreten Beispiel versinnlichen. Nehmen wir das Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Es kann die Frage entstehen: Gibt es eine Beziehung zwischen ihnen, die fortdauert? — Ja, die gibt es. Viel inniger, viel fester als irgendein Verhältnis, das hier auf dieser Erde gesponnen werden kann! Die Mutterliebe hat zuerst einen animalischen Charakter, sie ist eine Art Naturinstinkt. Wenn das Kind heranwächst, dann gestaltet sich dieses Verhältnis zu einem moralischen, ethischen, geistigen. Wenn Mutter und Kind gemeinschaftlich denken lernen, gemeinsame Empfindungen haben, dann tritt der Naturinstinkt immer mehr zurück; er hat nur die Gelegenheit gegeben, daß sich das schöne Band schlingen konnte, das Mutterliebe und Kindesliebe im höchsten Sinne in sich begreift. Was da an gegenseitigem Verstehen, an inniger Liebe sich entwickelt, das setzt sich auch fort bis in die Regionen der geistigen Gebiete, wenn auch dadurch, daß der eine Teil früher stirbt als der andere, der Zurückbleibende eine gewisse Zeit scheinbar abgetrennt ist von dem Gestorbenen. Nach diesem Zeitabschnitt ist das Band, das sich hier zusammengesponnen hat, ein ebenso lebhaftes und inniges; man ist beieinander, nur all die animalischen, rein natürlichen Instinkte müssen erst abgestreift werden. Was sich als Seelengefühl, als Seelengedanke von einem Wesen zum andern hier auf der Erde spinnt, das ist droben nicht gehemmt durch die Schranken, die hier vorhanden sind. Ja, das Devachan bekommt sogar ein gewisses Aussehen, eine gewisse Struktur durch die Verhältnisse, die hier angesponnen sind.

[ 3 ] Nehmen wir ein anderes Beispiel. Es bilden sich Freundschaften, Zusammengehörigkeiten, die aus der Seelenverwandtschaft herausgeboren sind; sie setzen sich fort bis hinauf in das Devachan. Und daraus entwickeln sich für das nächste Leben die sozialen Zusammenhänge. So arbeiten wir, indem wir hier Seelenverbindungen schließen, an der Gestalt, die das Devachan erhält. Alle, alle haben wir so gearbeitet, indem wir Bande der Liebe von Mensch zu Mensch schlangen. Dadurch schaffen wir etwas, was nicht nur für die Erde Bedeutung hat, sondern was auch die Zusammenhänge im Devachan gestaltet. Man möchte sagen: Das, was hier geschieht, durch Liebe, durch Freundschaft, inniges Einander-Verstehen, das sind Bausteine, die da oben in der geistigen Region Tempel bauen, und es muß für die Menschen, die diese Gewißheit durchdringt, ein erhebendes Gefühl sein, zu wissen, daß, wenn sich hier schon von Seele zu Seele Bande schlingen, das die Grundlage ist eines ewigen Werdens.

[ 4 ] Nehmen wir an, irgendein anderer physischer Planet hätte solche Wesen, welche sich gegenseitig nicht sympathisch wären, die wenig Bande der Liebe miteinander schließen könnten. Sie würden ein armseliges Devachan haben. Ein reichgegliedertes, inhaltvolles Devachan hat nur ein planetarisches Gebiet, wo solche Bande der Liebe von Mensch zu Mensch sich schlingen. Wer oben schon im Devachan ist und zunächst zwar nicht von dem gewöhnlichen Menschen wahrgenommen werden kann, hat, je nach seiner Entwickelung, ein mehr oder weniger deutliches Bewußtsein von seiner Zusammengehörigkeit mit den Wesen, die hier zurückgeblieben sind. Es gibt sogar Mittel, diese Zusammengehörigkeiten zu vergrößern. Senden wir unseren Abgeschiedenen Gedanken der Liebe, aber nicht einer egoistischen Liebe, so verstärken wir dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl mit ihnen.

[ 5 ] Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, daß der Bewußtseinszustand des Menschen im Devachan dämmerhaft, schattenhaft sei. Das ist nicht der Fall. Wir müssen betonen, daß derjenige Grad eines Bewußtseins, den der Mensch erreicht hat, nicht wieder verlorengehen kann, wenn auch bei gewissen Übergängen Herabdämpfungen stattfinden, so daß der Mensch im Devachan tatsächlich ein deutliches Bewußtsein durch seine geistigen Organe hat für das, was vorgeht hier auf dem Erdenrund. Der Okkultismus zeigt, daß der im Geistigen lebende Mensch durchaus miterlebt das, was sich abspielt hier auf der Erde.

[ 6 ] So sehen wir, daß das Leben im Devachan, wenn man es in seiner Wahrheit betrachtet, alles Unbefriedigende verliert, daß der Mensch, auch wenn er es nicht von seinem egoistischen Erdenstandpunkt aus betrachtet, es dennoch als ein unendlich Beseligendes empfinden kann, abgesehen davon, daß jene Freiheit vom physischen Leibe, von den niederen Gliedern, in die der Mensch hier eingeschlossen ist, ein ungeheuer beseligendes Gefühl gibt. Das allein schon, daß diese Schranken gefallen sind, daß der Mensch nicht mehr durch diese Fesseln gehemmt ist, trägt ein Gefühl der Beseligung in sich. So ist das Devachan eine Zeit des Frei-sich-Auslebens nach allen Seiten hin, in einer so reichen, so weiten, ungehemmten Weise, wie der Mensch es niemals hier kennengelernt hat.

[ 7 ] Wir haben nun gesehen, daß der Mensch bei seinem Abstieg zur neuen Geburt von geistigen Wesenheiten, im Range ähnlich den Volksgeistern, mit einem neuen Ätherleib umkleidet worden ist. Dieser Ätherleib ist dem Menschen nicht vollständig angepaßt; noch weniger angepaßt ist ihm aber das, was er als eine physische Hülle erhält. Wir wollen jetzt in großen Zügen die Eingliederung des Menschen in die physische Welt erklären. Manches davon entzieht sich in einer gewissen Beziehung einer öffentlichen Besprechung.

[ 8 ] Wir wissen, daß der Mensch durch die Eigenschaften, die er hat, sich mit einem astralen Leibe umkleidet. Er hat durch das, was in diesem astralen Leibe ist, eine Anziehungskraft zu bestimmten Wesen auf der Erde. Durch den Ätherleib wird er hingezogen zu dem Volk und zu der Familie im weiteren Sinne, in welche er neu hineingeboren wird. Durch die Art und Weise, wie er ausgebildet hat seinen Astralleib, wird er hingezogen zum mütterlichen Teil seiner Eltern. Die Essenz, die Substanz, die Gliederung des Astralleibes zieht ihn zur Mutter. Das Ich zieht den neuen Menschen hin zum väterlichen Teil der Eltern. Das Ich war ja da in uralten Zeiten, als die Seele zum ersten Male herunterstieg aus dem Schoße der Gottheit in einen irdischen Leib. Dieses Ich hat sich durch viele Inkarnationen hindurch entwickelt. Das Ich des einen Menschen unterscheidet sich vom Ich des andern, und wie es jetzt ist, bildet es die besondere Anziehungskraft zum Vater. Der Ätherleib zieht hin zum Volke, zur Familie, der Astralleib zieht besonders hin zur Mutter, das Ich zum Vater. Darnach richtet sich das ganze Gebilde, das zur neuen Verkörperung hinunter will.

[ 9 ] Es kann vorkommen, daß der Astralleib zu einem mütterlichen Teil hingezogen wird, das Ich aber nicht zu dem entsprechenden Vater will. In diesem Falle setzt es seine Wanderung fort, bis es ein passendes EIternpaar finder.

[ 10 ] Im gegenwärtigen Entwickelungszyklus stellt das Ich das Element des Wollens, der Empfindungsimpulse dar; im astralen Leibe sind die Eigenschaften der Phantasie, die Eigenschaften des Denkens. Letztere wird daher die Mutter, wie man sagt, vererben und erstere der Vater. Und wir sehen so, daß die Individualität, die sich verkörpern will, durch ihre unbewußten Kräfte das Elternpaar aussucht, das ihr den physischen Leib geben soll.

[ 11 ] Das hier Beschriebene spielt sich so ab, daß es im wesentlichen etwa bis zur dritten Woche nach der Empfängnis fertig ist. Zwar ist dieser Mensch, der aus Ich, Astralleib und Ätherleib besteht, durchaus vom Moment der Empfängnis an in der Nähe der Mutter, die den befruchteten Menschenkeim in sich hat, aber er wirkt von außen ein. In dieser Zeit, etwa in der dritten Woche, fängt dieser Astral- und Ätherleib gleichsam den Menschenkeim ab und beginnt nun mitzuarbeiten an dem Menschen. Bis dahin geht die Entwickelung des physischen Menschenleibes vor sich ohne den Einfluß von Astral- und Ätherleib; von da ab wirken sie an der Entwickelung desKindes mit und gliedern selbst die weitere Ausgestaltung des Menschenkeimes. Wir sehen also, daß in bezug auf den physischen Leib in noch höherem Maße das gilt, was vom Ätherleibe gesagt wurde, daß hier noch weniger leicht ein Zusammenstimmen stattfinden kann. Diese wichtige Tatsache verbreitet Licht über vieles, was in der Welt vorgeht.

[ 12 ] Wir haben bis jetzt den gewöhnlichen Menschen der Gegenwart in seiner normalen Entwickelung geschildert. Nicht ganz gilt das für einen Menschen, der in einer vorigen Inkarnation eine okkulte Entwickelung angefangen hat. Je höher er gekommen ist, desto früher liegt der Zeitpunkt, wo er selbst beginnt, seinen physischen Leib zu bearbeiten, um ihn dadurch geeigneter zu machen für die Mission, die er hier auf der Erde zu erfüllen hat. Je später er dazu kommt, den physischen Keim abzufangen, desto weniger wird er Herr werden über den physischen Leib. Bei höchstentwickelten menschlichen Individualitäten, die die Leiter und Führer des geistigen Teiles unserer Welt sind, finder solches Abfangen bereits bei der Empfängnis statt. Für sie geht nichts vor ohne ihr Zutun. Sie leiten ihren physischen Leib bis zum Tode und beginnen den neuen zu bearbeiten, sobald der erste Anstoß dazu gegeben ist.

[ 13 ] Die Stoffe, die den physischen Leib zusammensetzen, ändern sich immerfort. Nach ungefähr sieben Jahren hat sich jedes Teilchen erneuert. Der Stoff wird ausgetauscht, die Form bleibt. Zwischen Geburt und Tod müssen wir den Stoff immer neu gebären, er ist das Wechselnde. Dasjenige, was man zwischen Geburt und Tod höherentwickelt über den Tod hinaus, das bleibt erhalten und bildet einen neuen Organismus.

[ 14 ] Was der Mensch zwischen Geburt und Tod unbewußt macht, tut der Eingeweihte bewußt vom Tode bis zur neuen Geburt: er bildet bewußt seinen neuen physischen Körper aus. Die Geburt ist daher für ihn nur ein radikales Ereignis. Er tauscht nur einmal, aber gründlich die Stoffe aus. Daher die große Ähnlichkeit der Gestalt solcher Individualitäten von einer Inkarnation zur andern, während bei wenig Entwickelten durchaus keine Ähnlichkeit zwischen den Gestalten ihrer verschiedenen Inkarnationen besteht. Je höher der Mensch sich entwikkelt, desto ähnlicher sind die zwei aufeinanderfolgenden Inkarnationen. Das kann man durchaus beobachten mit hellseherischem Blick. Es gibt einen ganz bestimmten Ausdruck für dieses Verhältnis, in das der Mensch auf höherer Stufe der Entwickelung kommt. Man sagt, er wird überhaupt nicht in einen anderen Körper geboren, so wenig wie man vom gewöhnlichen Menschen sagt, daß er alle sieben Jahre einen neuen Körper erhält. Man sagt vom Meister: er ist geboren in denselben Körper. — Er braucht ihn Jahrhunderte, ja selbst Jahrtausende. Das ist bei weitaus den meisten führenden Individualitäten der Fall. Eine Ausnahme machen gewisse Meister, die ihre ganz besondere Mission haben. Bei denen bleibt der physische Leib erhalten, so daß der Tod für sie überhaupt nicht eintritt. Das sind die Meister, die für den Übergang von einer Rasse zu einer andern zu sorgen haben.

[ 15 ] Zwei andere Fragen treten jetzt an uns heran, die Frage: Wie lange dauert der Aufenthalt in den anderen Welten, und die Frage nach dem Geschlecht in aufeinanderfolgenden Verkörperungen.

[ 16 ] Die okkulte Forschung ergibt, daß der Mensch durchschnittlich in einem Zeitraum von 1000 bis 1300 Jahren wiederkommt. Das hat seinen Sinn darin, daß der Mensch, wenn er wiederkommt, das Antlitz der Erde verändert findet und dadurch neue Dinge erleben kann. Das, was sich ändert auf unserer Erde, steht mit gewissen Sternkonstellationen im innigen Zusammenhang; das ist eine sehr wichtige Tatsache. Im Frühlingsanfang geht die Sonne in einem gewissen Zeichen des Tierkreises auf. 800 Jahre vor Christo ging die Sonne zuerst im Sternbild des Widders, des Lammes auf, noch früher in dem danebengelegenen Sternbild des Stieres. Etwa 2160 Jahre braucht sie, um ein Sternbild zu durchlaufen. Das Durchlaufen sämtlicher zwölf Tierkreiszeichen nennt man im Okkultismus ein Weltenjahr.

[ 17 ] Tief haben die alten Völker immer empfunden, was in Zusammenhang stand mit diesem Durchlaufen des Tierkreises. Es durchzog ihre Seelen, andachtsvoll empfanden sie: Die Sonne kommt im Frühling herauf, es erneut sich die Natur, die im Winter geruht hat. Des Frühlings göttlicher Sonnenstrahl erweckt sie aus tiefem Schlaf. — Diese junge Frühlingskraft vereinigte sich mit dem Sternbilde, aus dem heraus die Sonne schien. Sie sagten: Es ist der Herabsender der neu zu ihren Kräften gekommenen Sonne, der neu schöpferischen Gotteskraft. — Und so erschien den Menschen einer Zeit, die nun zwei Jahrtausende zurückliegt, das Lamm als Wohltäter der Menschheit. Alle LammSagen entstehen um diese Zeit. Göttliche Begriffe verbinden sich mit diesem Symbolum. Der Erlöser selbst, der Christus Jesus, ist dargestellt in den ersten Jahrhunderten im Symbolum des Kreuzes und unter diesem das Lamm. Erst im sechsten Jahrhundert wird der Erlöser am Kreuz hängend dargestellt. Die bekannte Jason-Sage, das Holen des goldenen Widderfelles, des Goldenen Vließes, hat auch ihren Ursprung darin.

[ 18 ] Vor 800 vor Christo ging die Sonne durch das Sternbild des Stieres, und da haben wir in Ägypten die Verehrung des Apis-Stieres und in Persien des Mithras-Stieres. Noch früher ist der Durchgang der Sonne durch das Sternbild der Zwillinge. In indischen und germanischen Mythen finden wir wirklich den Hinweis auf das Zwillingspaar. Die Zwillingsböcke, mit denen Donar, der Gott, fährt, sind ein letzter Rest davon. Dann endlich kommen wir zurück zur Zeit des Krebses, die uns nahebringt der alten Atlantischen Flut. Eine alte Kultur ging unter, eine neue ging auf. Das bezeichnet man mit einem bestimmten okkulten Zeichen, dem Wirbel, der zugleich das Krebs-Symbol darstellt und in jedem Kalender zu finden ist.

[ 19 ] So haben die Völker stets ein deutliches Bewußtsein gehabt von dem, was am Himmel vorgeht, parallel den Veränderungen auf der Erde unten. Wenn die Sonne ein Sternbild durchlaufen hat, hat auch die Erde ihr Antlitz so verändert, daß es wertvoll ist für den Menschen, von neuem zu leben. Daher hängt die Zeit der Wiederverkörperung ab von dem Vorrücken des Frühlingspunktes. Ungefähr die Zeit, die die Sonne braucht, um durch ein solches Tierkreiszeichen durchzugehen, ist die Zeit, in der der Mensch zweimal inkarniert ist, einmal männlich und einmal weiblich. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die der Mensch durchmachen kann in einem männlichen oder weiblichen Organismus, sind für das geistige Leben so grundverschieden, daß er in demselben Antlitz der Erde sich einmal weiblich und einmal männlich inkarniert. Und das gibt ungefähr die Zeit zwischen zwei Inkarnationen von etwa 1000 bis 1300 Jahren durchschnittlich.

[ 20 ] Damit ist zugleich die Frage nach dem Geschlecht beantwortet: es ist in der Regel abwechselnd. Diese Regel wird oft durchbrochen, so daß manchmal drei bis fünf, aber nie mehr als sieben gleichgeschlechtliche Inkarnationen aufeinanderfolgen. Es widerspricht allen okkulten Erfahrungen, wenn gesagt wird, daß sieben aufeinanderfolgende gleichgeschlechtliche Inkarnationen die Regel sei.

[ 21 ] Bevor wir nun das Karma des einzelnen Menschen studieren, müssen wir eine Grundtatsache berücksichtigen. Es gibt ein gemeinschaftliches Karma, ein solches, das nicht durch den einzelnen Menschen bestimmt wird, obgleich es sich ausgleicht im Laufe seiner Inkarnationen. Ein konkretes Beispiel soll hier folgen.

[ 22 ] Als im Mittelalter die Hunnen von Asien her sich in die europäischen Länder ergossen und beunruhigende Kriege verursachten, hatte das auch eine geistige Bedeutung. Die Hunnen sind die letzten Überbleibsel alter atlantischer Völker. Sie stehen in tiefer Dekadenz, die sich in einem gewissen Verwesungsprozeß ihres Astral- und Ätherleibes äußert. Diese Verwesungsstoffe fanden einen guten Mutterboden in der Furcht und dem Schrecken, den sie bei allen Völkern verursachten. Dadurch impften diese ihren Astralleibern solche verwesenden Stoffe ein, und das übertrug sich nun bei einer späteren Generation auf den physischen Leib. Die Haut saugte das aufgenommene Astralische ein, und die Folge davon war eine Krankheit des Mittelalters: der Aussatz. Der physische Arzt würde selbstverständlich physische Ursachen für diesen Aussatz ins Feld führen. Ich will nicht bekämpfen, was der Arzt sagt, aber es liegt bei ihm folgende logische Schlußfolgerung vor: Es verletzt jemand bei einer Rauferei einen anderen mit einem Messer, er hatte ein altes Rachegefühl gegen ihn. Nun sagt der eine, die Verletzung entstand aus dem Rachegefühl, der andere sagt, das Messer war die Ursache. — Beide haben recht. Das Messer war die letzte physische Ursache, aber dahinter liegt die geistige. Wer nach geistigen Ursachen sucht, wird immer die physischen gelten lassen. Wir sehen hier, wie geschichtliche Ereignisse bedeutsam wirken auf ganze Generationen hin, und wir lernen, wie wir verbessernd eingreifen können auf lange Zeiten bis tief in die Gesundheitsverhältnisse hinein.

[ 23 ] In den letzten Jahrhunderten entwickelte sich bei unserer europäischen Bevölkerung durch die technischen Fortschritte ein Industrie en proletariat, und mit demselben hat sich eine Unsumme von Klassenund Standeshaß gebildet. Die sitzen im Astralleib des Menschen und wirken sich physisch aus als Lungentuberkulose. Diese Erkenntnis ist ein Ergebnis okkulter Forschung. Den einzelnen unter solchem Gesamtkarma Stehenden können wir oftmals nicht helfen. Wir müssen oft mit schwerer Seele sehen, wie der einzelne leidet, wir können ihn nicht gesund oder froh machen, weil er im Zusammenhang mit dem gemeinschaftlichen Karma steht. Nur indem wir das Gesamtkarma verbessern, kann auch dem einzelnen geholfen werden. Nicht das einzelne egoistische Selbst sollen wir hochbringen wollen, sondern so wirken, daß wir der gesamten Menschheit zum Heile dienen.

[ 24 ] Ein anderes Beispiel, das unmittelbar in die Zeitverhältnisse eingreift, ist folgendes: Okkulte Beobachtungen haben ergeben, daß unter den astralen Wesen, die in dem Japanisch-Russischen Kriege an den einzelnen Schlachten teilnahmen, verstorbene Russen sich befanden, die gegen ihr eigenes Volk wirkten. Das kommt daher, daß in den letzten Zeiten der russischen Volksentwickelung viele edle Idealisten durch Kerker und Schafott zugrunde gingen. Es waren Menschen von hohen Idealen, doch nicht so weit entwickelt, daß sie verzeihen konnten. Sie gingen in den Tod mit einem starken Rachegefühl gegen diejenigen, die ihren Tod verursacht hatten. Das mußte sich ausleben in ihrer Kamaloka-Zeit, denn dort allein leben sich solche Rachegefühle aus. Nach ihrem Tode erfüllten sie vom Astralplan aus die Seelen der kämpfenden Japaner mit Haß und Rachegefühlen gegen das Volk, dem sie selbst angehört hatten. Wären sie schon im Devachan gewesen, dann würden sie gesagt haben: Ich verzeihe meinen Feinden! — Denn im Devachan würden sie in den ihnen von außen entgegentretenden Haß- und Rachewolken erkannt haben, wie furchtbar und wie ihrer unwürdig solche Gefühle sind. So zeigt uns die okkulte Forschung, wie ganze Völker unter dem Einflusse ihrer Vorfahren stehen.

[ 25 ] Die idealen Bestrebungen der Neuzeit können nicht ihre Ideale erreichen, weil sie nur mit physischen Mitteln auf dem physischen Plane wirken wollen. So zum Beispiel die Friedensgesellschaft, die den Frieden nur mit physischen Mitteln herbeiführen will. Erst wenn wir lernen, auch auf den astralischen Plan hineinzuwirken, erst dann können wir erkennen, welche Mittel die richtigen sind. Erst dann können wir so wirken, daß der Mensch, wenn er von neuem hineingeboren wird in die Welt, er sie so vorfindet, daß er gedeihlich in ihr arbeiten kann.