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Die Theosophie des Rosenkreuzers
GA 99

31 Mai 1907, München

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Um das Karmagesetz, sofern es im Menschenleben auftritt, noch besser verstehen zu können, will ich eine Erscheinung erzählen, die unmittelbar nach dem Tode des Menschen auftritt. Denken Sie an das Erinnerungs-Tableau, das auftritt, wenn der Mensch befreit ist von dem physischen Leibe und für kurze Zeit nur in der Hülle des ätherischen und astralischen Leibes lebt, ehe er seinen weiteren Fortgang durch die elementare Welt nimmt. Zum intimen Verständnis des Wirkens von Karma lassen Sie mich ein eigentümliches Gefühl schildern, das auch schon während dieses großen Tableaus auftritt. Es ist das eines Größerwerdens, eines Aus-sich-heraus-Wachsens. Dies tritt stärker und stärker auf, auch solange der Mensch noch in seinem Ätherleibe ist. Er kommt in eine eigentümliche Lage gegenüber diesem Tableau. Zuerst sind es Bilder des verflossenen Lebens, die er wie in einem Panorama anschaut. Dann kommt ein Moment — er liegt nicht lange nach dem Tode und dauert Stunden, auch Tage, je nach der Individualität des Menschen —, wo der Mensch die Empfindung hat: Ich bin selbst alle diese Bilder. — Er fühlt seinen Ätherleib wachsen, als ob er umgreife den ganzen Umkreis der Erde bis zur Sonne hinauf.

[ 2 ] Dann, wenn der Mensch seinen Ätherleib verläßt, tritt ein anderes, höchst merkwürdiges Gefühl auf, das geradezu schwer mit Worten aus der physischen Welt zu beschreiben ist. Es ist zwar ein Gefühl der Ausdehnung weit hinaus bis in den Weltenraum, aber so, als ob man alle die Orte des Weltenraumes nicht mehr ausfülle. Man kann es nur grob beschreiben. Man fühlt sich so, daß man sich zum Beispiel mit einem Teil seines Wesens in München, einem andern in Mainz, einem dritten in Basel und noch mit einem andern Teile weit außerhalb’ des Erdkreises, vielleicht auf dem Monde fühlt. Man fühlt sich sozusagen zerstückelt und die dazwischenliegenden Räume als nicht zu sich gehörig. Das ist die eigentümliche Art, sich astral zu fühlen: wie ausgebreitet im Raum, an verschiedene Orte hinversetzt, aber den dazwischenliegenden Raum nicht ausfüllend. Und diese Empfindung dauert die ganze KamalokaZeit hindurch, die der Mensch rückläufig bis zur Geburt durchlebt. Es ist immer ein Durchleben solcher Stücke, die zu einem gehören. Das gliedert sich dann zusammen mit dem ganzen übrigen KamalokaLeben. Es ist wichtig, das zu wissen, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie eigentlich das Karmagesetz wirkt. Man fühlt sich zunächst in dem Menschen drinnen, mit dem man zuletzt verbunden war, und dann zurück in allen Menschen und andern Wesen, mit denen man zu tun hatte während des Lebens.

[ 3 ] Wenn Sie zum Beispiel in Mainz einmal einen Menschen geprügelt haben, so erleben Sie nach Ihrem Tode zur gegebenen Zeit die Prügel selbst, die Schmerzen, die Sie ihm zugefügt haben. Wenn der Mensch also dann noch in Mainz ist, so fühlt sich ein Teil Ihres astralischen Leibes nach Ihrem Tode in Mainz und erlebt dort die Sache. Ist der Geprügelte dagegen inzwischen gestorben, so fühlen Sie sich dort, wo er selbst jetzt in Kamaloka ist. Wir haben es natürlich nicht nur mit diesem einen Menschen zu tun, sondern auch mit vielen andern, die auf der Erde und in Kamaloka zerstreut sind. Überall sind Sie; das gestattet Ihnen dies unterbrochene Wesen, das die Körperlichkeit in Kamaloka ausmacht. Sie macht es möglich, in allen anderen drinnen das zu erleben, was Sie mit ihnen zu tun gehabt haben, und Sie bilden sich so eine bleibende Verbindung mit all denen, mit denen Sie in Berührung gekommen sind. Sie sind nun mit diesem Menschen, den Sie geprügelt haben, verbunden dadurch, daß Sie in Kamaloka mit ihm gelebt haben. Sie gehen später hinauf nach Devachan und dann wieder zurück nach Kamaloka. Nun findet Ihr Astralleib beim Aufbau das, was ihn zusammenbringt mit dem Menschen, mit dem Sie zusammengewachsen waren. Und da es viele solcher Verbindungen gibt, so sehen Sie, daß alles, was mit Ihnen zu tun hat, durch eine Art Band mit Ihnen verknüpft ist.

[ 4 ] Eine deutliche Erklärung wird Ihnen das vom Okkultisten beobachtete Geschehnis geben, von dem ich Ihnen bereits sprach, wo fünf Femrichter einen Menschen zum Tode verurteilten und denselben auch hinrichteten. Diese letztere Persönlichkeit war in ihrem vorhergehenden Leben eine Art Häuptling und hatte die fünf hinrichten lassen; dann starb sie und kam nach Kamaloka. Während dieser Zeit wurde sie an den Ort versetzt, an dem die andern waren, und in die andern hinein, und mußte die Empfindungen erleben, die die andern gehabt hatten, als sie getötet wurden. Das ist der Ausgangspunkt von Anziehungskräften, die beim Wiedererscheinen auf der Erde die Personen zusammenbringen, so daß das Karmagesetz sich vollziehen kann.

[ 5 ] So haben wir die Technik, wie Karma wirkt. Sie sehen daraus, daß es Arten des Seins, Zusammengehörigkeiten in der Welt gibt, die schon auf dem astralen Plane beginnen. Auf dem physischen Plan besteht Kontinuierlichkeit der Substanz, auf dem astralen Plan dagegen können zusammengehörende, aber doch voneinander getrennte Teile der Körperlichkeit empfunden werden. Das ist so, wie wenn Sie in sich fühlten den Kopf, zwischen Kopf und Herz nichts, und dann das Herz, und dann die Füße und dazwischen nichts. Ein Stück von Ihnen kann in Amerika sein und ganz abgegrenzt zu Ihrer astralischen Körperlichkeit gehören, ein anderes auf dem Monde und ein drittes auf noch einem andern Planeten, und es braucht kein astral sichtbarer Zusammenhang zwischen diesen Gliedern zu sein.

[ 6 ] Wenn wir in dieser Art das Karmagesetz betrachten, dann wird uns klar, daß, was im menschlichen Leben in einem Lebenszyklus auftritt, Ergebnis vieler Ursachen ist, die in verflossenen Leben liegen. Wie bringen wir nun das Karmagesetz in Einklang mit der äußeren Vererbung? Man sagt, es gebe viele Widersprüche zwischen Vererbung und diesem Gesetz. Viele sagen von einem moralisch tüchtigen Menschen, er müsse der Sprößling einer ebensolchen Familie sein, er müsse es von seinen Vätern ererbt haben. Wenn wir vom okkulten Standpunkte die physischen Vorgänge betrachten, wissen wir, daß dem nicht so ist. Allerdings können wir sie in gewisser Beziehung als Vererbungsvorgänge bezeichnen. Machen wir uns das durch Beispiele klar.

[ 7 ] Wenn wir zum Beispiel die Familie Bach betrachten, so sehen wir, daß dort neunundzwanzig Musiker innerhalb zweihundertfünfzig Jahren geboren wurden, unter ihnen der große Bach. Zu einem guten Musiker gehört nämlich nicht nur die innere musikalische Fähigkeit, sondern ein physisch gut gebildetes Ohr, eine bestimmte Form desselben. Laien können das, worauf es ankommt, nicht unterscheiden; man muß tief mit okkulten Kräften hineinschauen. Wenn auch die Unterschiede klein und unbedeutend sind, eine bestimmte Form der inneren Gehörorgane ist notwendig, damit jemand Musiker werden kann, und diese Formen vererben sich. Sie sind ähnlich bei einem Menschen mit denen seines Vaters, Großvaters und so weiter, wie sich die Form der Nase vererbt.

[ 8 ] Nehmen wir an, es sei oben auf dem astralen Plan eine Individualität bereit, sich zu verkörpern, und suche nach einem physischen Leibe. Sie hat sich vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden besondere musikalische Fähigkeiten erworben. Findet sie nicht einen physischen Leib mit den passenden Ohren, kann sie nicht Musiker werden. Sie drängt darum hin zu einer solchen Familie, die ihr das musikalische Ohr gibt. Ohne ein solches könnte ihre musikalische Veranlagung sich nicht ausleben, denn der größte Virtuose kann nichts leisten, wenn man ihm kein Instrument gibt.

[ 9 ] Auch das mathematische Talent braucht etwas ganz Bestimmtes. Zum Mathematiker ist nicht eine besondere Gehirnkonstruktion nötig, wie viele Menschen glauben. Das Denken, die Logik ist bei ihm wie bei andern. Worauf es ankommt, sind die im Ohre befindlichen drei sogenannten halbzirkelförmigen Kanäle, die so zueinander stehen, daß sie die drei Richtungen des Raumes einnehmen. Die besondere Ausbildung derselben bedingt das mathematische Talent. Darin liegt die Anlage zur Mathematik. Es ist ein physisches Organ und das muß vererbt werden. So sehen wir, daß sich in der Familie Bernoulli acht bedeutende Mathematiker verkörpert haben.

[ 10 ] Auch der moralische Mensch braucht, um seine moralische Anlage zu betätigen, ein Elternpaar, das ihm den geeigneten physischen Leib vererbt. Und er hat diese Eltern, weil er eine solche Individualität ist und keine andere. Die Individualität sucht sich selbst ihre Eltern aus, wenn auch unter der Leitung von höheren Wesenheiten. Es gibt manche Menschen, die gegen diese Tatsache vom Standpunkte der Mutterliebe etwas einzuwenden haben. Sie haben Angst, sie könnten etwas verlieren, wenn das Kind nicht von der Mutter diese oder jene Eigenschaft ererbt. Die richtige Erkenntnis aber vertieft sogar das Gefühl der Mutterliebe. Sie zeigt, daß es ein vorgeburtliches Liebesgefühl ist, das schon vor der Empfängnis da war, was das Kind zur Mutter hinführte. Das Kind bringt schon vor der Geburt der Mutter Liebe entgegen; die Mutterliebe ist die Gegenliebe. So finden wir die Mutterliebe, spirituell angesehen, verlängert bis vor die Geburt hinaus. Sie beruht auf Gegenseitigkeitsgefühlen.

[ 11 ] Man glaubt oft, der Mensch stünde unter dem unabänderlichen Gesetz des Karma, es wäre nichts daran zu ändern. Führen wir ein Gleichnis aus dem gewöhnlichen Leben für das Wirken dieses Karmagesetzes an. Ein Kaufmann hat in seinem Buche Posten für Soll und Haben. Wenn er diese zusammenzählt und vergleicht, drückt sich in ihnen der Stand seines Geschäftes aus. Der Geschäftsstand des Kaufmanns steht unter dem unerbittlichen Rechnungsgesetze des Soll und Haben. Macht er jedoch neue Geschäfte, so kann er neue Posten eintragen, und er wäre ein Tor, wenn er keine neuen Geschäfte machen wollte, weil er einmal die Bilanz gezogen hat. In bezug auf das Karma steht auf der Habenseite alles, was der Mensch Gutes, Kluges, Wahres, Richtiges getan hat, auf der Sollseite alles, was er Böses, Törichtes getan hat. Es steht ihm in jedem Momente frei, neue Posten ins karmische Lebensbuch einzutragen. Daher glaube man niemals, daß im Leben ein unabänderliches Schicksalsgesetz herrschend sei. Die Freiheit wird nicht beeinträchtigt durch das Karmagesetz. Und deshalb müssen Sie bei dem Karmagesetz ebensosehr an die Zukunft denken wie an die Vergangenheit. Wir tragen in uns die Wirkungen vergangener Taten, und wir sind die Sklaven der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft. Wollen wir dieselbe gut gestalten, müssen wir möglichst günstige Posten ins Lebensbuch eintragen.

[ 12 ] Es ist ein großer, gewaltiger Gedanke, zu wissen, daß, was man auch tut, nichts vergeblich ist, daß alles seine Wirkung in die Zukunft hinein hat. So wirkt das Gesetz nicht bedrückend, sondern es erfüllt uns mit schönster Hoffnung. Es ist die schönste Gabe der Geisteswissenschaft. Wir werden froh durch das Karmagesetz, dadurch, daß wir hineinschauen in die Zukunft. Es gibt uns die Aufgabe, tätig zu sein im Sinne eines solchen Gesetzes, es hat nichts, was den Menschen traurig machen kann, nichts, was der Welt eine pessimistische Färbung geben könnte. Es beflügelt unsere Tätigkeit, mitzuwirken an dem Erden-Werdegang. In solche Gefühle muß sich das Wissen vom Karmagesetz umsetzen.

[ 13 ] Wenn ein Mensch leidet, sagt man oft: Er verdient sein Leiden, er muß sein Karma austragen; helfe ich, so greife ich ein in sein Karma. — Das ist eine Torheit. Seine Armut, sein Elend ist bewirkt durch sein voriges Leben, aber wenn ich ihm helfe, wird meine Hilfe einen neuen Posten in sein Leben eintragen. Ich bringe ihn dadurch vorwärts. Es ist ja auch töricht, einem Kaufmann, den man mit 1000 Mark oder 10 000 Mark vor dem Untergang retten könnte, zu sagen: Nein, dann würde ja deine Bilanz verändert werden. — Gerade das muß uns drängen, dem Menschen zu helfen. Ich helfe ihm, weil ich weiß, daß im karmischen Zusammenhange nichts ohne Wirkung ist. Das sollte uns ein Ansporn sein für ein wirkliches Handeln.

[ 14 ] Von vielen Leuten wird vom Gesichtspunkte des Christentums aus das Gesetz des Karma bestritten. Die Theologen sagen: Das Christentum kann das Karmagesetz nicht anerkennen, denn wenn dieses richtig wäre, könnte es niemals das Prinzip des stellvertretenden Todes zulassen. — Aber esgibt auch Theosophen, die sagen, das Karmagesetz stände in Widerspruch mit dem Erlösungsprinzip. Sie sagen, sie könnten diese Hilfe, die ein einzelnes Wesen vielen Menschen gibt, nicht anerkennen. Sie haben beide unrecht, sie haben das Karmagesetz beide nicht verstanden.

[ 15 ] Nehmen Sie einen elenden Menschen. Sie selbst sind in einer glücklicheren Lage, Sie können ihm helfen. Durch diese Hilfe schreiben Sie einen neuen Posten in sein Leben ein. Eine noch mächtigere Person kann zweien Menschen helfen und auf das Karma von zweien einwirken. Ein noch Mächtigerer kann zehn oder hundert Menschen helfen, und der Mächtigste kann Ungezählten helfen. Das widerstrebt durchaus nicht dem Prinzip der karmischen Zusammenhänge. Gerade durch die Zuverlässigkeit des Karmagesetzes wissen wir, daß diese Hilfe auch wirklich eingreift in das Schicksal des Menschen.

[ 16 ] Man weiß, daß in der Tat die Menschheit jene Hilfe brauchte, als die Christus-Individualität auf diesen Plan herunterversetzt wurde. Der Kreuzes-Tod des Erlösers, des einen Mittelpunktwesens, das war die Hilfe, die eingriff in das Karma von Unzähligen. Es gibt keinen Zwiespalt zwischen der richtig verstandenen christlichen Esoterik und der richtig verstandenen Geisteswissenschaft. Wir finden einen tiefen Einklang zwischen den Gesetzen beider und sind durchaus nicht gezwungen, das Prinzip der Erlösung aufzugeben.

[ 17 ] Wir werden noch tiefer hineingeführt in das Karmagesetz, wenn wir zur Menschheitsentwickelung sowohl als zur Entwickelung der Erde übergehen. Wir haben einige Tatsachen angeführt, die uns zum Verständnis des Karmagesetzes führen sollen. Einiges andere werden wir noch besser verstehen, wenn wir zur Menschheitsevolution selber übergehen, und zwar nicht nur während der Erde, sondern auch durch die anderen Planeten hindurch, die andere Verkörperungen unserer Erde sind. Wir werden darin einige Ergänzungen für das Karmagesetz finden können, indem wir zurückgeführt werden in uralte Zeiten und zugleich hingewiesen werden auf urferne Zukunft.

[ 18 ] Einleitend wollen wir uns noch mit einer wichtigen Tatsache bekannt machen. Wir sind uns heute klar geworden, daß das, was wir mit physischen Augen sehen können am Menschen, sein äußerer physischer Leib, ausgebaut wird von den höheren Gliedern der Menschennatur, daß sein Ich, Astral- und Ätherleib und so weiter bis zum höchsten Glied, Atma, arbeiten an unserem Körper. Die Teile desselben, wie sie heute im Menschen sind, sind nicht gleichwertig, sondern sie haben einen verschiedenen Wert in der menschlichen Natur. Man braucht nur eine ziemlich triviale Betrachtung zu machen, um einzusehen, daß unser physischer Leib im Grunde der vollkommenste Teil unserer Natur ist. Man nehme zum Beispiel einen Teil des Oberschenkelknochens. Das ist kein kompakter fester Knochen, sondern ein kunstvoll wie aus hin- und hergehenden Balken konstruierter Teil. Wer nicht nur mit dem Verstande, sondern mit Empfindung diesen Teil betrachtet, der wird in Bewunderung geraten über die Weisheit, die da geschaffen hat, die nicht mehr Material verwendet hat, als notwendig ist, um nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes den Oberkörper zu tragen. Keine Ingenieurkunst, die eine Brücke bauen will, ist so weit wie jene Weisheit, die in der Natur so etwas zustande gebracht hat.

[ 19 ] Wenn man nicht nur mit dem Blick des Anatomen und Physiologen das menschliche Herz erforscht, wird man in demselben einen Ausdruck hoher Weisheit finden. Glauben Sie nicht, daß der Astralleib des Menschen in seiner Art heute schon so weit ist wie das physische Menschenherz. Das Herz ist kunstvoll und weisheitsvoll gebaut; der Astralleib in seiner Begierde veranlaßt den Menschen, jahrzehntelang lauter Herzgift in sich hineinzugießen, und das Herz hält dem jahrzehntelang stand. Erst auf einer zukünftigen Entwickelungsstufe wird auch der Astralleib so weit sein wie heute der physische Leib, und zwar wird er dann viel, viel höher stehen als der physische Leib. Heute ist dieser der vollkommenste, weniger vollkommen ist der Äther-, und noch weniger der Astralleib, und das Baby unter den Leibern ist das Ich.

[ 20 ] Der physische Leib, so wie er heute vor uns steht, ist das älteste Glied der Menschennatur. An ihm ist am längsten gearbeitet worden. Erst als er eine bestimmte Stufe im Laufe der Entwickelung erreicht hatte, wurde er durchzogen vom Ätherleib. Nachdem diese beiden eine Zeitlang zusammengewirkt hatten, trat der Astralleib hinzu und erst zuletzt das Ich, das aber in der Zukunft ungeahnte Höhen in der Entwickelung erlangen wird.

[ 21 ] Ebenso wie der Mensch sich wiederholentlich verkörpert, so hat auch unsere Erde Verkörperungen durchgemacht und wird noch weitere durchmachen. Der Gang der Reinkarnation vollzieht sich durch den ganzen Kosmos hindurch. Unsere Erde ist in ihrer heutigen Gestalt die Wiederverkörperung früherer Planeten, und wir können auf drei derselben blicken.

[ 22 ] Unsere Erde war, ehe sie Erde wurde, das, was man im Okkultismus — nicht in der Astronomie — Mond nennt. Der heutige Mond ist gleichsam eine Schlacke, die als nicht brauchbar hinausgeworfen worden ist. Wenn wir Erde und Mond mit allen Substanzen und Wesenheiten zusammenrühren könnten, dann bekämen wir das, was wir den Vorgänger der Erde nennen, den okkulten Mond, und was heute als Erde zurückgeblieben ist, ist der nach dem Abwerfen der Schlacke stehengebliebene Rest des Mondes.

[ 23 ] So wie der jetzige Mond ein hinausgeworfener Rest der alten Mondesverkörperung ist, so ist die Sonne, die am Himmel steht, etwas, was hervorgegangen ist aus einem noch früheren Zustand der Erde. Bevor die Erde Mond wurde, war sie, wie wir im Okkultismus sagen, selbst Sonne, und diese Sonne bestand aus allen Substanzen und Wesenheiten, die heute Sonne, Mond und Erde bilden. Diese Sonne entledigte sich der Glieder, die sie als höherer Körper nicht behalten konnte, der Substanzen und Wesenheiten, die heute Erde und Mond bilden, und dadurch wurde sie Fixstern. Ein solcher ist für den Okkultisten nicht etwas, was immer schon ein Fixstern war. Die Sonne ist erst zum Fixstern geworden, nachdem sie Planet gewesen war.

[ 24 ] Die Sonne, die man heute erblickt, die einst mit der Erde vereint war, hat in sich viele Wesenheiten aufgenommen, die höherstanden als die Erdenwesenheiten, ebenso wie der Mond, den man sieht, die schlechtesten Teile bekommen hat und daher eine ausgeworfene Schlacke ist. Der Mond ist ein herabgekommener, die Sonne ein heraufgestiegener Planet.

[ 25 ] Dem Sonnendasein ging noch ein anderes Dasein voran, das Saturndasein. So haben wir vier aufeinanderfolgende Verkörperungen der Erde: Saturn, Sonne, Mond, und als vierte die Erde. Als der Menschenvorfahr auf dem Saturn sich entwickelte, war in ihm nur das Prinzip des physischen Leibes. Auf der Sonne gesellte sich dazu der Ätherleib, auf dem Monde der Astralleib und hier auf der Erde das Ich.

[ 26 ] Aus dem Vortrage «Blut ist ein ganz besonderer Saft» werden Sie wissen, wie das Ich in intimster Weise zum Blut steht. Dieses Blut war nicht in einem Menschenleibe, bevor sich ein Ich verkörperte, so daß dieses rote Menschenblut mit der Entwickelung der Erde selbst zusammenhängt. Es hätte sich gar nicht bilden können, wenn nicht die Erde im Gang ihrer Entwickelung mit einem anderen Planeten zusammengetroffen wäre: mit dem Mars. Vorher hatte die Erde kein Eisen, gab es kein Eisen im Blut; es gab überhaupt nicht solches Blut, von dem der Mensch heute abhängig ist. In der ersten Hälfte des Erdendaseins ist das Maßgebende für die Erdenentwickelung der Einfluß des Planeten Mars, ebenso wie es für die zweite Hälfte der Einfluß des Planeten Merkur ist. Der Mars hat der Erde das Eisen gegeben, und der MerkurEinfluß zeigt sich auf der Erde dadurch, daß er die Menschenseele immer freier macht, so daß sie immer unabhängiger werden kann. Man faßt daher im Okkultismus die Erdenentwickelung so auf, daß man von zwei Hälften derselben spricht, von der Marshälfte und der Merkurhälfte. Während die übrigen Namen einen ganzen Planeten bezeichnen, wird die Erdenentwickelung ausgesprochen als «Mars-Merkur». Man bezeichnet mit diesem Mars und Merkur nicht die heutigen Sterne, sondern eben das, was in der ersten und zweiten Hälfte diese bezeichnenden Einflüsse ausübt.

[ 27 ] In der Zukunft wird die Erde sich verkörpern in einem neuen Planeten, den man Jupiter nennt. Dann wird der Astralleib so weit sein, daß er sich nicht mehr wie ein Feind dem physischen Leib entgegenstellt, wie es heute der Fall ist, doch wird er noch nicht auf der höchsten Stufe angelangt sein. So weit wie der physische wird dann der Ätherleib sein. Der wird dann drei Planetenentwickelungen hinter sich haben wie heute der physische Leib.

[ 28 ] Der Astralleib wird auf der darnach folgenden Verkörperung so weit sein wie heute der physische Leib; er wird dann hinter sich haben die Mond-, Erden- und Jupiterentwickelung und wird angelangt sein in der Venusentwickelung. Auf der letzten Verkörperung, dem Vulkan, wird das Ich seine höchste Entwickelung erlangt haben. So werden die künftigen Verkörperungen der Erde sein: Jupiter, Venus, Vulkan.

[ 29 ] Diese Bezeichnungen finden sich wieder in den Wochentagen. Es gab eine Zeit, wo die Namengebung für die Tatsachen, die uns umgeben, ausging von den Eingeweihten. Heute hat man kein inneres Gefühl mehr für die Zusammengehörigkeit der Namen mit den Dingen. Die Namen der Wochentage sollten den Menschen eine Erinnerung sein an ihren Werdegang durch die Entwickelungszustände der Erde.

[ 30 ] Fangen wir an beim Sonnabend: Saturntag, englisch Saturday. Dann Sonntag: Sonnentag. Montag: Mondtag. Dann Mars und Merkur, die zwei Zustände unserer Erde: Mars-Tag — Dienstag, auf altgermanisch Ziu- oder Dinstag, und französisch Mardi, italienisch Martedi. Mittwoch: der Merkurs-Tag, italienisch Mercoledi, französisch Mercredi. Merkur ist dasselbe wie Wotan. Tacitus spricht vom Wotanstag; im Englischen noch jetzt Wednesday. Dann der Jupitertag: Jupiter ist der deutsche Donar, daher der deutsche Donnerstag, französisch Jeudi, italienisch Giovedi. Dann der Venus-Tag; Venus, die deutsche Freia: Freitag, französisch Vendredi und italienisch Venerdi.

[ 31 ] So haben wir in der Aufeinanderfolge der Wochentage ein Erinnerungszeichen an den Werdegang der Erde durch ihre verschiedenen Verkörperungen hindurch.