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The Rudolf Steiner Archive

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Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100

20 Juni 1907, Kassel

>Theosophie und Rosenkreuzertum V

[ 1 ] Es wird uns heute obliegen, den Menschen während seines Aufenthaltes im Devachan zwischen Tod und Wiederverkörperung etwas zu charakterisieren. Da müssen wir uns zunächst einmal einen Begriff davon machen, was eigentlich der Mensch erreicht durch das, was er zunächst für sich selbst tut in der Zeit, in welcher er durch diese geistige Welt hindurchgeht. Wir bekommen am leichtesten eine Vorstellung davon, wenn wir einmal das Verhältnis zweier Dinge uns vergegenwärtigen: nämlich das Verhältnis von dem, was wir erleben, zu dem, was aus dem Erlebten wird, und zwar zunächst erst einmal in der Zeit zwischen Geburt und Tod. Bedenken Sie einmal, was Sie alles durchzumachen haben, wenn Sie zum Beispiel schreiben lernen. Sie würden Schwierigkeiten haben, das im Auge zu behalten, was Sie alles in sich aufnehmen mußten an Fertigkeiten, bis Sie damals diese edle Kunst des Schreibens erlernt hatten. Denken Sie an alle Ermahnungen und vielleicht auch an den Zorn der Lehrer. Das alles ist an Ihrer Seele vorübergegangen, und was ist Ihnen von alledem geblieben? Die Fähigkeit des Schreibens. Alles andere hat sich verwischt, und geblieben ist diese Kunst des Schreibens. — So geht es überhaupt im Leben, und nicht nur in dem Leben zwischen Geburt und Tod, sondern im ganzen universellen Leben durch die physische und übersinnliche Welt.

[ 2 ] Wir können uns eine Vorstellung davon machen, wie das eben Gesagte auch in den übersinnlichen Welten wirkt. Nehmen wir zum Beispiel Mozart: Er ist noch ein ganz junger Knabe, da hört er in der Peterskirche in Rom ein langes Musikstück, das vorher nach einer alten Tradition nie aufgeschrieben werden durfte, und er hat es hinterher ganz aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Was für ein Gedächtnis gehörte dazu! Und das konnte er als junger Knabe machen! Was sagt der Materialist dazu? Er wird sich sehr dagegen sträuben, wenn man von ihm verlangt, zu glauben, daß ein Ochse aus einem Stück Erdreich hervorwächst, wenn man ihn glauben machen wollte, daß ohne naturgemäße Entwickelungsweise sich ein solches Ding wie ein Ochse entwickeln könne. Er sagt: Wunder gibt es nicht — und damit hat er vollkommen recht. Aber er wird furchtbar abergläubisch und wundergläubig geistigen Dingen gegenüber! Solch eine Tatsache, wie die eben aus dem Leben Mozarts geschilderte, nimmt der Materialist einfach hin und setzt sie ohne tiefere Überlegung auf das Konto der Vererbung. Und trotzdem wäre es in diesem Falle genauso ein Wunder wie das Entstehen eines Ochsen aus einem Stück Erde, wenn sich ihr wahrer Zusammenhang nicht durch die Geisteswissenschaft erklären ließe. Es ist nämlich möglich, indem ein Mensch seinen Geist immer wieder an eine Sache wendet, daß er sich nach und nach ein vorzügliches Gedächtnis anerzieht. Genauso wie nach und nach Vollkommenes aus Unvollkommenem sich entwickelt hat, so entwickelt sich auch ein Gedächtnis, aber es wäre ein Wunder, wenn sich ein solches Gedächtnis wie bei Mozart aus dem Nichts heraus entwickelt haben sollte! — Die Geisteswissenschaft antwortet darauf, daß auch hier nach und nach sich das Gedächtnis naturgemäß entwickelt hat. Es gibt kein Entschlüpfen für den Materialisten, wenn er so etwas erklären will: entweder muß er wundergläubig sein, oder er muß zugeben, daß die Fähigkeiten, die so auftreten, beweisen, daß dieselben in einem früheren Leben schon da waren und den ganz naturgemäßen Werdegang genommen haben. Wiederverkörperung ist also nichts anderes als eine logische Folgerung aus solchen Gedankengängen. Und diejenigen, die nach materialistischer Anschauungsweise annehmen, daß ein so vollkommenes Gedächtnis wie das des jungen Mozart aus dem Nichts entstehen kann, die sollen auch die Konsequenz aus ihrer Anschauungsweise ziehen und annehmen, daß zum Beispiel Frösche sich ohne weiteres aus dem Schlamm entwickeln, wie es ja die Naturwissenschaft bekanntlich vor Francesco Redi angenommen hat.

[ 3 ] Wer also in der Geisteswissenschaft auf Logik sieht, der sagt: Wie eine Eiche aus dem Samen entsteht und sich nach und nach entwickelt, so entwickeln sich auch unsere seelischen Fähigkeiten nach und nach, und wenn der Mensch in das eine Leben schon mit solch hochentwickelten Fähigkeiten, wie zum Beispiel Mozart, eintritt, gibt uns das den unumstößlich logischen Beweis dafür, daß sich der Mensch diese Fähigkeiten in früheren Erdenleben nach und nach erworben hat. Das gibt uns eine Handhabe, das Schicksal des Menschen in der geistigen Welt zu begreifen.

[ 4 ] Es handelt sich also darum, daß die Erlebnisse des einen Lebens sich in Fähigkeiten für das nächste Leben verwandeln. Alles, was in diesem Leben Anlagen sind, das brachten wir mit als Früchte von Erlebnissen früherer Erdenleben. Deshalb muß man den Gang durch das Devachan betrachten, um ganz zu verstehen, wie aus den Erlebnissen eines Lebens Fähigkeiten für das nächste Leben uns erwachsen.

[ 5 ] Wenn wir also durch das Leben hier auf Erden gehen, erleben wir tagtäglich sehr viel, und alle diese Erlebnisse treten in dem früher geschilderten Tableau, direkt nach dem Tode, vor das Seelenauge; die Fähigkeiten aber, die wir uns aus allen diesen Erlebnissen errungen haben, die verbleiben uns als Essenz, und diese Essenz, die ihm für alle Folgezeiten verbleibt, nimmt der Mensch dann mit in die geistige Welt.

[ 6 ] Wenn der Mensch nun das Devachan betritt, nimmt er also die Gebiete wahr, wie wir sie gestern geschildert haben: das Kontinentale, das besteht aus den Urbildern aller irdischen Formen; das Meeresgebiet, das besteht aus allem Leben; das Luftgebiet, das besteht aus allem Seelischen, Lust, Leid, Freude, Schmerz und so weiter. Von dem Kontinentalen nimmt der Mensch zuerst wahr das Urbild seines eigenen physischen Leibes, und vom Luftgebiet nimmt er natürlich zunächst auch das wahr, was in seiner eigenen Seele im verflossenen Leben an Freude, Leid, Lust, Schmerz und Leidenschaften sich abgespielt hat. Das heißt also, er nimmt wiederum wahr alle Erlebnisse des vorigen Lebens, aber nun ganz anders als beim früher geschilderten Durchgang durch die Kamalokazeit. Da war es für den Menschen ein inneres Erleben zum Zweck des Abgewöhnens. Jetzt aber sind alle diese Erlebnisse als Außenwelt lange, lange Zeit vor seiner Seele ausgebreitet. Da erlebt er die Eigentümlichkeit seines Leibeslebens in dem Flußgebiet des Devachan, und alle seelischen Erlebnisse erlebt er wie im Luftgebiet der himmlischen Welt.

[ 7 ] Es ist wichtig und von großem Interesse, sich klarzumachen, wie man alles das, was man im Laufe eines Lebens erlebt hat - Empfindungen über die Welt, Lust, Schmerz und so weiter -, in der geistigen Welt um sich hat als Außenwelt. Es ist nicht traurig, daß sich die Schmerzen dort um uns ausbreiten. Das ist gar nicht traurig, denn alle Leiden sind dort um uns vorhanden wie Gewitter hier in der physischen Welt, und alle freudigen Erfahrungen sind dort wie wunderbare Wolkenerscheinungen. Und gerade, was wir selbst im Inneren erlebt haben, das ist dort nicht, wie hier, innerlich in uns, sondern in dieser äußeren Form in unserer Umwelt, so wie ein Naturbild sich ausbreitet. Es ist so um uns herum, als ob es in Bildern, Tönen oder atmosphärischen Erscheinungen um uns wäre; es ist objektiviert als himmlisches Gebilde. Daß zum Beispiel die Schmerzen uns entgegenstrahlen, sagte ich, ist nicht traurig, so wenig es hier im Leben traurig ist, wenn Blitz und Donner uns umgeben; denn der, welcher den Zusammenhang einsieht, der weiß, was wir gerade den Schmerzen verdanken. Gerade wer Leid und Schmerz erfahren hat, wird immer sagen, daß zwar Freuden und Lust dankbar hingenommen werden, daß man aber die Schmerzen und Leiden nie missen möchte. Alle unsere Weisheit verdanken wir den Leiden und Schmerzen der verflossenen Erdenleben. Fin Antlitz, das in diesem Leben mit dem Ausdruck der Weisheit erscheint, ist deshalb so, weil es den Weltenzusammenhang als Schmerz in früheren Leben empfunden hat.

[ 8 ] Ich sagte ja schon, alles, was wir hier erleben während des Erdenlebens, das ist im Devachan in Bildern und so weiter um uns ausgebreitet. Was hat das für eine Bedeutung? Das ist leichter zu verstehen, wenn Sie sich klarmachen, wie die Umgebung hier auf den Menschen wirkt. Sie kennen ja alle den Ausspruch von Goethe: «Das Auge ist an dem Lichte für das Licht gebildet.» Was heißt das? Unser Auge muß zwar da sein, um das Licht zu erblicken. Dunkel und finster wäre die Welt, wenn nicht das Auge in uns wäre. Aber woher kommt das Organ? Das Licht selbst hat es ausgebildet, genau wie das Fehlen des Lichtes das Auge wieder degenerieren läßt. Diese Beobachtung hat man zum Beispiel an den in die Höhlen von Kentucky eingewanderten Tieren direkt machen können. Das Licht ist die Ursache des Sehvermögens. Früher war der Mensch nicht mit Augen begabt, weil er noch unter ganz andern Verhältnissen lebte; die Sonne war ja in den früheren Zeiten der Erdenentwickelung noch gar nicht für ein äußeres sinnliches Auge sichtbar. Denken wir an das, was uns in der Sage über Niflheim berichtet wird. Je mehr der Mensch am Sonnenlicht lebte, um so mehr bildete dies Sonnenlicht nach und nach das Auge aus. Und ebenso haben sich auch alle andern Sinnesorgane entwickelt; so haben die Töne das Ohr gebildet, die Wärme den Wärmesinn. Gäbe es keine harten Gegenstände, so gäbe es auch keinen Tastsinn. Die Außenwelt ist der Bildner und Gestalter unseres ganzen Leibes. Das ist sehr wichtig für das praktische Leben, wie ja Theosophie immer für das praktische Leben ist. Das ist auch ungeheuer wichtig für die Erziehung, denn ganz richtig kann nur erzogen werden, wenn der Erzieher tief in die Natur des Menschen hineinzuschauen vermag. Bis zum Zahnwechsel entwickelt sich der physische Leib, bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahr etwa der Ätherleib, bis zum einundzwanzigsten Jahr der Astralleib. Alles das muß man wissen, wenn man praktisch und nicht phantastisch in die Erziehung eingreifen will. Wenn also bis zum siebenten Jahre ganz besonders die Veranlagung des physischen Leibes in Betracht kommt, dann müssen bei der Erziehung diese physischen Eindrücke, das heißt also alles, was das Kind mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, tief und gründlich berücksichtigt werden. Was bis zum siebenten Jahre in diesem Kindesleib an Formen und Veranlagung der physischen Organe versäumt wird, das ist für alle Zeiten des Lebens verloren.

[ 9 ] Die Einsicht in diesen letzten Satz gibt gerade der Medizin ungeheuer viel Richtlinien für eine sachgemäße Behandlungsweise, unter anderem zum Beispiel der Rachitis. Wie kommt es, daß diese Erkrankung gerade in dieser Lebensperiode auftritt? Eben weil da das Kind seinen Körper formt, und deshalb äußern sich diese Symptome gerade in der Form: krummer Knochenbau, schlechte Zähne, falsche Schädelform und so weiter. Deshalb ist aber auch das Kind gerade in der Zeit bis zum Zahnwechsel noch fähig, diese falschen Formen auf die Norm zurückzuführen. Wir sehen, daß bei sachgemäßer Behandlung selbst die krummsten Beine vollkommen gerade werden können, und daß selbst bei schlechtesten Milchzähnen ein vollkommen gesundes zweites Gebiß sich entwickeln kann, während krumme Beine, die bis zum siebenten Jahre nicht korrigiert sind, für das ganze Leben bleiben.

[ 10 ] Auch das Gehirn ist bis zum siebenten Lebensjahr in der Ausbildung seiner plastischen Formen begriffen, und was bis dahin an diesen feinen Ausbildungen, Ausgestaltungen der Form nicht ausgebildet ist, das ist für immer verloren. Und da ja das physische Gehirn das Instrument ist, durch welches sich der Geist äußert, ist es von ungeheurer Wichtigkeit, daß dieses Instrument so fein als möglich ausgearbeitet, respektive in den ersten sieben Jahren veranlagt wird. Denn mit einem mangelhaft ausgebildeten Gehirn kann selbst der größte Geist nichts anfangen, sowenig wie der größte Pianist auf einem verstimmten Klavier gut spielen kann. Gerade auch in bezug auf die Ausbildung des Gehirns werden von der Geisteswissenschaft sowohl der Erziehung als auch der Medizin sehr wichtige Richtlinien gegeben. Gerade hier stößt man sehr häufig in der modernen Medizin auf eine vollkommene Verkennung der Tatsachen. Geradeso wie sich die Rachitis in einer Mißbildung und Mißgestaltung der Knochen äußert, so äußert sie sich sehr häufig auch zugleich in einer Mißbildung im Drüsensystem und in den Schleimhäuten; das heißt, die von Rachitis befallenen Kinder zeigen sehr häufig die Erscheinungen von Drüsenschwellungen, adenoide Wucherungen und so weiter. Und als dritte Krankheitserscheinung bemerkt man bei diesen Kindern sehr häufig, daß sie auch geistig zurückbleiben, daß sie in der Schule zurückbleiben, unaufmerksam, ja direkt etwas blöde werden. Das ist aber in Wirklichkeit dieselbe mangelhafte Ausbildung des physischen Gehirns, namentlich der sogenannten Rindensubstanz, die ja gerade in diesen Jahren in ihrer feinsten Organisation ausgebildet werden muß und die wie die andern Erscheinungen auf einem Entwickelungsmangel beruht. Nun ist in einem solchen Falle der heutige moderne Mediziner infolge seiner ganzen modern-naturwissenschaftlichen Erziehung und Einstellung nur zu geneigt, es genauso zu machen wie die heutige Naturwissenschaft, und mit völliger Außerachtlassung der tieferen geistigen Ursachen einfach die zutage tretenden äußeren Erscheinungen als Ursache und Wirkung direkt aneinanderzureihen, wie die Perlen an einer Kette. Was ist die Folge? Die Tatsachen sind: rachitische Knochen, adenoide Wucherungen, Nachlassen der Aufmerksamkeit und der Aufnahmefähigkeit,. Sofort ist die Schlußfolgerung: Kinder, die adenoide Wucherungen haben, werden durch diese geistig schwach — also müssen diese Wucherungen entfernt werden. Die Wucherungen werden also operativ entfernt. Wenn nun diese Schlußfolgerung richtig wäre, müßte ein jedes Kind, das so behandelt wäre, mit einem Nachlassen und Verschwinden der Hemmungen von seiten des Gehirns antworten. Was ist aber nach einer solchen Behandlungsweise in den allermeisten Fällen zu beobachten? Daß der Eingriff nur einen ganz vorübergehenden Scheinerfolg hat, und daß in ganz kurzer Zeit die Wucherungen wieder nachgewachsen sind. Wird aber die Krankheit sachgemäß an der Wurzel angefaßt - und das ist sehr wohl möglich, nur würde es uns hier zu weit vom Thema abführen -, dann schwinden sowohl die krummen Knochen, als auch die Wucherungen der Schleimhäute und Drüsen, als auch die Trägheit des Gehirns.

[ 11 ] Nach dieser Abschweifung kehren wir wieder zum Thema zurück. Also an der Außenwelt entzünden und gestalten sich die richtigen physischen Formen. Das Kind ist in Wirklichkeit bis zum siebenten Jahre eigentlich nur Sinnesorgan. Alles, was es mit seinen Sinnen aufnimmt, verarbeitet es, und so auch vor allen Dingen alles, was es in seiner allernächsten Umgebung sieht und hört. Das Kind ist daher bis zum Zahnwechsel ein nachahmendes Wesen, und das geht bis in seine physische Organisation hinein. Das ist ja etwas ganz Natürliches. Das Kind nimmt durch die Sinnesorgane seine ganze Umgebung in sich auf. Es übt sich auch in dem Gebrauch seiner Glieder. Es sieht, wie der Vater, die Mutter und so weiter dieses oder jenes machen und macht dies ohne weiteres nach. Das geht bis in jede Bewegung der Hände und Beine hinein. Sind Mutter oder Vater zum Beispiel zappelig, so wird wohl in unzähligen Fällen auch das Kind zappelig; ist die Mutter ruhig, wird ganz selbstverständlich auch das Kind ruhig. Da muß man also versuchen, durch die richtige Umgebung die richtige Gegenwirkung hervorzurufen.

[ 12 ] Damit das Kind nun zur Ausbildung seines physischen Gehirns gerade die richtigen Richtlinien bekommt, ist es unbedingt nötig, daß, neben den sinnlichen Eindrücken, der Phantasie Anregungen gegeben werden. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, dem kleinen Kinde möglichst einfache Spielsachen in die Hand zu geben. So wird ein natürliches Kind immer wieder, wenn es auch eine noch so «schöne» Puppe hat, zu der alten Puppe greifen, die aus einem Lappen besteht. Nur die verbildeten Kinder unseres Zeitalters werden mit «schönen» Puppen aufgezogen. Worauf beruht das? Das Kind muß seine Phantasie anstrengen, um das Gebilde in seiner Phantasie so umzugestalten, daß es ähnlich einer menschlichen Figur wird, und das ist gerade eine gesunde Übung für das Gehirn. Genau wie der Arm durch Turnen gestärkt wird, so wird das Gehirn durch diese Übung ausgebildet.

[ 13 ] Wichtig sind auch die Farben in der Umgebung, die beim kleinen Kind ganz anders wirken als beim Erwachsenen. Man glaubt heute vielfach, grün wirke auf ein Kind beruhigend. Das ist durchaus falsch. Einem zappeligen Kind soll man eine rote Umgebung geben, und einem ruhigen Kinde eine grüne oder blaugrüne. Die Wirkung des Rot auf das Kind ist so: Wenn Sie auf ein helles Rot sehen und dann schnell weg auf ein weißes Papier, dann sehen Sie die komplementäre Farbe: grün. Das ist die Tendenz, die Gegenfarbe hervorzubringen. Das versucht auch das Kind, es versucht innerlich die Tätigkeit zu entfalten, die die Gegenfarbe hervorruft. — Das war ein Beispiel dafür, wie die Umgebung wirkt. Und so wirkt die ganze Umgebung — neben vielen, vielen andern Dingen, die wir später und an anderer Stelle erörtern werden — in außerordentlich hohem Maße mit an der Bildung des kindlichen physischen Körpers von der Geburt bis zum Zahnwechsel, an der Bildung des Ätherleibes vom siebenten bis vierzehnten Jahre, des Astralleibes vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre und so weiter. Ja, während des ganzen Lebens macht sich der Einfluß der Umwelt auf den einzelnen Menschen geltend. Das Sprichwort: Sage mir, womit du umgehst, und ich sage dir, wer du bist — beruht ja auf dieser Einsicht, denn «womit ich umgehe», heißt doch «was in meiner Umgebung vor sich geht». Diese Umgebung hat also einen starken Einfluß auf mich. Das gilt ja ganz besonders für die Zeit der Ausbildung des Astralleibes vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre, und es ist eine fast alltägliche Erfahrung, daß ein junger Mensch in diesen Jahren leicht durch seine Umgebung astral verdorben wird.

[ 14 ] Und wie hier im physischen Leben, genauso ist es auch im Leben im Devachan. Wie zum Beispiel der Mensch hier fortwährend unter den Einflüssen der Elemente steht, so natürlich auch im Devachan. Und das bringt uns nun zurück zu dem Beispiel am Ausgangspunkte dieser Betrachtung über Mozart. Wie nämlich hier auf Erden der Mensch dauernd unter den Einflüssen der äußeren Atmosphäre steht, so auch im Devachan, und dort ist die Atmosphäre ja gebildet aus allem Seelenleben, dem unseren und dem unserer Mitmenschen. All dies Seelenleben wirkt dauernd auf den Menschen ein und dadurch bilden sich gerade dort die Talente aus, daß sie die ihnen seelenverwandten astralen Kräfte ihrer Umgebung an sich ziehen und auf sich wirken lassen. So wurde Mozart deshalb mit dem ungeheuren Musikgedächtnis geboren, weil er einmal in seinem früheren Leben dahinzielende Erlebnisse gesammelt hatte und dann diese im Devachan lange hatte auf sich wirken lassen. Wir durchleben die Höherbildung gerade unseres innersten Wesens durch unsere Umgebung im Devachan, also indirekt durch alle Erlebnisse unseres früheren Lebens. So sind alle Fähigkeiten die Früchte früherer Leben, und sie sind im Devachan weiter ausgebildet worden. Und das ist gerade das Gefühl, welches den Menschen beseligt im Devachan. Das, was wir jetzt imstande sind zu tun, das haben wir ausgebrütet im Devachan. Und dementsprechend ist das Gefühl in dieser ganzen Zwischenzeit des Devachanlebens. Das Gefühl, das an jeder Hervorbringung haftet, ist Seligkeit.

[ 15 ] Hier empfinden wir oft Schmerzen, aber im Devachan sind selbst Schmerzen Seligkeit, weil wir uns dort bewußt werden, daß wir durch Schmerzen uns Weisheit aneignen. Selbst ein materialistischer Gelehrter hat das herausgefunden. In einer Abhandlung: «Mimik des Denkens» sagt er: « Jedes weise Gesicht zeigt den Ausdruck kristallisierten Schmerzes.» Aus den Schmerzen des vorigen Lebens produziert der Mensch in der Tat durch seine Erfahrungen im Devachan Talente und Weisheit für das nächste Erdenleben. Und das Gefühl des Hervorbringens ist das Gefühl unendlicher Seligkeit.

[ 16 ] Einen blassen Abdruck davon sehen Sie schon hier bei der Henne, wenn sie brütet. Dies ins Geistige umgesetzt und unendlich gesteigert, dann haben Sie das Gefühl der fortdauernden, unendlichen Seligkeit zwischen Kamalokazeit und Wiedergeburt, weil da der Mensch alle seine Anlagen und Fähigkeiten für das nächste Leben ausarbeitet. Alles wird da zu einem Quell beseligenden Daseins.

[ 17 ] So haben wir gesehen, daß der eine Quell der Seligkeit im Devachan der ist, daß alle Bande, die hier im Leben geschlossen werden, dort im Devachan wieder erlebt werden, und daß sogar alle diese Verhältnisse in ihrem geistigen Teil mit ungeheurer Steigerung erlebt werden. Und der andere Quell der Seligkeit ist das eben geschilderte Produzieren, dies Schaffen für das nächste Leben.

[ 18 ] Wenn nun der Geistesforscher seinen Blick auf diese eigentliche Tätigkeit des Menschen im Devachan richtet, ergibt sich ihm die Einsicht, daß diese Tätigkeit des Produzierens nicht nur für den einzelnen Menschen selbst, für seine eigene künftige Organisation, von Bedeutung ist, sondern daß der Mensch Wichtiges mitzuschaffen und mitzuarbeiten hat an dem Fortgang der ganzen weiteren Erdenentwickelung. Es ist ein Irrtum, wenn wir glauben, daß wir es dort im Devachan nur mit uns zu tun haben. Als seliger Geist im Reiche der Geister, wie haben wir da zu schaffen?

[ 19 ] Die Tätigkeit der Toten wirkt mit an der Entwickelung dieser Erde. Man könnte leicht fragen: Wozu immer wieder geboren werden, wenn wir die Erfahrungen eines Erdenlebens einmal durchgemacht haben? Ist das nicht nutzlos?

[ 20 ] So ist es aber nicht. Nie wird der Mensch nutzlos wiedergeboren. Die einzelnen Erdenleben liegen so weit auseinander, daß wir immer wieder Neues erfahren und durchzumachen haben. Es verfließen ja Jahrhunderte zwischen zwei Verkörperungen, und wenn wir wiederkommen, hat sich die Erde gründlich geändert. Nehmen wir an, wir wären im zweiten Jahrhundert nach Christo auf der Erde gewesen und jetzt wiederverkörpert. Wie sah damals die Erde aus? Selbst Schilderungen einer Gegend von viel später, von der Elbe, der Weser zum Beispiel, wären noch ganz anders; hier in dieser Gegend, in HessenNassau, gab es noch Urwälder.

[ 21 ] Wenn der Mensch wiedergeboren wird, dann ist es so, daß er etwas ganz anderes erlebt als im vorigen Leben. In den verschiedenen Erdenleben machen wir die Entwickelung der Erde selbst mit, eben dadurch, daß wir immer und immer wieder verkörpert werden. Und dazu kommt dann noch die Veränderung, die durch die jeweilige Kultur bewirkt wird. Was konnte ein römischer Knabe, und wie ganz anders ist die Bildung der Knaben heute! Alle diese Erlebnisse sind ja, wie wir gesehen haben, so ungeheuer wichtig. Einen tiefen Sinn hat es also durchaus, daß der Mensch immer wieder zurückkommen muß.

[ 22 ] Nun fragen wir uns: Wer verändert denn das Antlitz der Erde? Tatsächlich sind es die Toten selbst, die im Geisterlande leben, die durch die Kraft, die sie dort haben, selbst an dieser Umgestaltung der Erde arbeiten. So wie die Menschen hier an der äußeren Erde arbeiten, so die Toten an dem geistigen Urbild dieser physischen Erde. Sie sind es, die ihre Kräfte hereinsenden in diese physische Welt und die an der Umbildung mitwirken. Allerdings gibt es da Anführer und höhere Wesenheiten, welche die Führung übernehmen. Und in diesem Reiche, das da mitten unter uns ist, arbeiten die Toten an der Umgestaltung des Antlitzes unserer Erde.

[ 23 ] Warum bin ich nun gerade heute und hierher geboren worden? Weil ich mir selbst sozusagen hier das Bett zubereitet habe, in das ich geboren bin. Die Kräfte, die umgestaltend wirken sowohl auf dieMeere als auch auf die Oberfläche der Erde, das sind die unserer Toten. Wir wissen, daß der heutige Atlantische Ozean früher eine weite Länderstrecke war, und auch zu dieser Umgestaltung haben die Toten beigetragen; und diese Kräfte wirken auf natürliche Weise und keineswegs wunderbar.

[ 24 ] Die Einsicht in diese Dinge bringt uns mit absoluter Logik nahe, wie wichtig und notwendig unsere Arbeit in dem Geisterlande ist. Wenn man nur die Erscheinungen richtig zu deuten weiß, dann kann man sogar sagen, wie diese Arbeit geschieht. Die Menschen atmen hier in der Luft; ohne Luft könnten sie nicht atmen. Ähnlich bei den Toten, nur daß, wie hier die Luft, dort das Licht wirkt. In dem ausgebreiteten Licht sieht der Eingeweihte die Wesen der Toten. So sind zum Beispiel für den Seher diePflanzen umgeben von den Geistern der Verstorbenen, und indem das Licht die Pflanze wandelt und wachsen läßt, sind es die Geister der Toten, die das vollbringen. Wir alle werden in der geistigen Welt über der Erde schweben und an den Pflanzen bauen.

[ 25 ] Es wird die Welt für unseren Blick größer und bedeutsamer, wenn wir sie so im Zusammenhang mit den geistigen Wesenheiten betrachten. Wir selbst sind so buchstäblich die Umgestalter dieser Erde.

[ 26 ] Zum Schluß noch einiges, das uns helfen kann, gewisse Feinheiten der Kultur zu verstehen. Der Seher kommt zuweilen in die Lage, durch seine eigenen Beobachtungen Erscheinungen in der Geschichte alter Völker bestätigt zu finden, die ihm bisher rätselhaft waren. So ist es eine bekannte Tatsache, daß primitive Völker anfänglich ein Hellsehen haben und manches sehen, wovon wir nichts wissen. Diese primitiven Völker sehen zum Beispiel oft im Schatten etwas, was mit der Seele zu tun hat. Nun kommt der Hellseher bei seinen Beobachtungen wieder darauf zurück. Sie lernen nämlich, wenn Sie in den Schatten sehen, den zum Beispiel Sie selbst werfen, Ihre geistigen Ausströmungen zuerst schauen. Wenn man das physische Licht zurückhält, dann sieht man das Geistige im Schattenraum. Das hat sich in der Geheimwissenschaft erhalten, und das hat mancher verwertet, ohne zu wissen was er macht, zum Beispiel Chamisso in seinem «Peter Schlemihl». Das ist ein Mann, der den Schatten verloren hat und sehr unglücklich darüber ist. Aber es ist eine geistige Tatsache, daß im Schatten die Seele sichtbar wird, und deshalb ist der Mann ohne Schatten der Mann ohne Seele. So gibt es Hunderte von Beispielen. Wir lernen wirklich die Welt erst voll begreifen, wenn wir sie in ihren geistigen Grundlagen kennenlernen. Deshalb ist die Geisteswissenschaft nicht etwas für Grübler, sondern gerade für solche, die wirklich praktisch wirken wollen. Nicht weil wir uns vom Sichtbaren zurückziehen wollen, sondern weil wir gerade das Sichtbare um so besser verstehen wollen.

[ 27 ] Die höheren Tatsachen verhalten sich zur sichtbaren Welt wie der Magnetismus zum Eisen. Wir lernen erst das Eisen richtig kennen, wenn wir auch den Magnetismus kennenlernen. Wir werden an einigen Beispielen sehen, daß gerade für das praktische Leben das fruchtbar wird, was wir in der geistigen Welt kennenlernen.