Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100
19 Juni 1907, Kassel
Theosophie und Rosenkreuzertum IV
[ 1 ] Da wir heute die Aufgabe haben, die Schicksale des Menschen weiter zu verfolgen durch die geistige Welt, wird es gut sein, wenn wir uns vorher eine Vorstellung davon bilden, was man überhaupt im geisteswissenschaftlichen Sinne eine Welt nennt.
[ 2 ] Die Empfindung von der Welt um uns herum hängt davon ab, welche Fähigkeiten und Organe wir haben, sie wahrzunehmen. Hätten wir andere Organe, dann wäre auch die Welt ganz anders für uns. Wenn zum Beispiel der Mensch keine Augen hätte, um das Licht zu sehen, sondern ein Organ, wodurch er, sagen wir, die Elektrizität wahrnehmen könnte, dann würden Sie diesen Raum nicht als hell, vom Lichte durchflutet wahrnehmen, wohl aber würden Sie in den Drähten, die durch den Raum gehen, die Elektrizität hinfließen sehen; dann würden Sie es überall zucken, blitzen und strömen sehen. So ist eben das, was wir unsere Welt nennen, abhängig von unseren Sinnesorganen.
[ 3 ] So ist auch die astrale Welt nichts anderes als eine Summe von Erscheinungen, die der Mensch um sich herum erlebt, wenn er von seinem physischen und Ätherleib getrennt ist, und wenn er diese Kräfte in seinem Inneren verwenden kann, um das zu schauen, was er sonst nicht sehen kann. Das ist eben der Fall, wenn er den physischen Leib und den Ätherleib abgeworfen hat. Die Wahrnehmungsorgane für die Astralwelt sind die Organe des Astralleibes, analog den Sinnesorganen für den physischen Leib. Wir wollen nun einmal die astrale Welt betrachten.
[ 4 ] Der geistig Schauende kann diese Astralwelt durch jene Methoden, die wir später besprechen werden, auch schon hier im physischen Leibe wahrnehmen. Diese Astralwelt unterscheidet sich von unserer physischen ganz beträchtlich. Zunächst können Sie sich eine Vorstellung bilden von dem, was um Sie herum ist in der Astralwelt, wenn Sie sich den letzten Rest, den der Mensch noch von seinem früheren Hellsehen in alten Zeiten hat, das ist das Traumleben, einmal vor die Seele rufen. Sie kennen ja alle dieses Traumleben aus der Erfahrung, und Sie kennen es als eine Welt chaotischer Bilder. Woher kommt es nun, daß der Mensch überhaupt träumt? Wir wissen ja, daß während dieses Traumlebens im Bette der physische Leib und der Ätherleib liegt, während der Astralleib darüber schwebt. Beim vollen, tiefen, traumlosen Schlafe ist der Astralleib ganz aus dem Ätherleibe herausgehoben; beim Traumschlaf stecken noch Fühlfäden des Astralleibes im Ätherleib drinnen, und dadurch nimmt der Mensch dann die mehr oder weniger verworrenen Bilder der Astralwelt wahr. Die astrale Welt ist so durchlässig wie die Traumbilder, sie ist wie aus Träumen gewoben. Aber diese Träume unterscheiden sich von den gewöhnlichen Träumen dadurch, daß diese Bilder eine Wirklichkeit sind, genau so eine Wirklichkeit, wie die physische Welt. Die Art der Wahrnehmung ist sehr ähnlich der Traumwahrnehmung: sie ist nämlich auch symbolisch. Sie wissen ja alle, daß die Traumwelt symbolisch ist. Alles, was von der Außenwelt in den Schlaf aufgenommen wird, das wird im Traum symbolisiert. Ich will Ihnen einige typische Beispiele von Träumen sagen, und daran werden Sie ohne weiteres sehen können, wie sich der Traum auf Grund eines einfachen äußeren Eindruckes symbolisiert.
[ 5 ] Sie sehen zum Beispiel im Traume, wie Sie einen Laubfrosch fangen. Sie fühlen ganz genau den glitschigen Laubfrosch: beim Aufwachen fühlen Sie, daß Sie den kalten Bettlakenzipfel in der Hand halten. Oder Sie träumen, Sie wären in einem dumpfen Kellerloch voller Spinnweben; Sie wachen auf, und haben Kopfschmerzen. Oder Sie sehen im Traum Schlangen, und merken beim Aufwachen, daß Sie Schmerzen in den Därmen haben. Oder ein Akademiker träumt eine lange Geschichte von einem Duell vom Anfang der Anrempelung bis zum Schluß des Austragens in der Pistolenforderung: der Schuß fällt - da wacht er auf und merkt, daß der Stuhl umgefallen ist. Aus dem ganzen Ablauf dieses letzten Traumbildes ersehen Sie auch, daß die Zeitverhältnisse ganz andere sind. Nicht nur, daß die Zeit sozusagen nach rückwärts konstruiert wird, sondern auch, daß der ganze Zeitbegriff im Traumerlebnis seine Bedeutung verliert. Man träumt im Bruchteil einer Sekunde ein ganzes Leben, wie ja auch im Augenblick eines Absturzes oder des Ertrinkens unser ganzes Leben vor unserem Seelenauge vorüberzieht. Worauf es aber jetzt in all den angeführten Traumbildern besonders ankommt, ist eben, daß sie Bilder darstellen zu dem, was die Veranlassung dazu ist. So ist es überhaupt in der Astralwelt. Und wir haben Veranlassung, diese Bilder zu deuten. Dasselbe astrale Erlebnis erscheint auch immer als dasselbe Bild, darin ist durchaus Regelmäßigkeit und Harmonie, während die gewöhnlichen Traumbilder chaotisch sind. Man kann sich schließlich in der Astralwelt genausogut wie in der sinnlichen zurechtfinden.
[ 6 ] Aus lauter solchen Bildern ist die Astralwelt gewoben, aber diese Bilder sind der Ausdruck für seelische Wesenheiten. Alle Menschen sind nach dem Tode selbst in solche Bilder gehüllt, die zum Teil sehr farbenund formenreich sind. So ist auch, wenn ein Mensch einschläft, dessen Astralleib in flutenden und wechselnden Formen und Farben zu sehen. Alle astralen Wesenheiten erscheinen in Farben. Kann der Mensch astral schauen, so nimmt er diese astralen Wesenheiten in einem flutenden Farbenmeer wahr.
[ 7 ] Nun hat diese astrale Welt eine Eigentümlichkeit, die dem, der das zum ersten Male hört, eigenartig erscheint: Es ist in der Astralwelt alles wie im Spiegelbild vorhanden, und daher müssen Sie als Schüler sich erst nach und nach daran gewöhnen, richtig zu sehen. Sie sehen zum Beispiel die Zahl 365, die entspricht der Zahl 563. So ist es mit allem, was man in der Astralwelt wahrnimmt. Alles, was zum Beispiel von mir selbst ausgeht, das scheint auf mich zuzukommen. Das zu berücksichtigen, ist außerordentlich wichtig. Denn wenn zum Beispiel durch Krankheitszustände solche astralen Bilder zustande kommen, muß man wissen, was man davon zu halten hat. Im Delirium treten sehr häufig solche Bilder auf, und es können solche Menschen alle möglichen Fratzen und Bildgestalten sehen, die auf sie zukommen, da in solch krankhaften Zuständen die astrale Welt für den Menschen geöffnet ist. Diese Bilder sehen natürlich so aus, als ob die Dinge auf den Menschen zustürzten, während sie doch in Wirklichkeit von ihm ausströmen. Das müssen die Ärzte in Zukunft wissen, weil derartige Dinge durch die verdrängte religiöse Sehnsucht in der Zukunft immer häufiger sein werden. Einem solchen Astralbilderlebnis liegt auch zum Beispiel das Motiv zu dem bekannten Gemälde «Die Versuchung des heiligen Antonius» zugrunde. Wenn Sie das alles bis zum letzten Ende durchdenken, so wird es Ihnen nicht mehr drollig erscheinen, daß auch die Zeit sich in der Astralwelt umkehrt. Einen Anklang daran geben Ihnen ja schon die Erfahrungen des 'Traumes. Erinnern Sie sich an das eben erwähnte Beispiel des geträumten Duells. Alles läuft hier rückwärts, und so auch die Zeit. So kann man im astralen Erleben am Baum zuerst die Frucht, dann die Blüte und zurück bis zum Keim verfolgen.
[ 8 ] Und so verläuft auch nach dem Tode — das ist also die Zeit des Abgewöhnens - das ganze Leben durch die Astralwelt rückwärts, und Sie durchleben Ihr Leben noch einmal von rückwärts nach vorn und schließen es ab mit den ersten Eindrücken Ihrer Kindheit. Dieses geht aber wesentlich schneller als hier in der physischen Welt und dauert etwa ein Drittel des Erdenlebens. Man erlebt nun da auch noch manches andere bei diesem Rückwärtsdurchlaufen des Lebens. Nehmen wir an, Sie sind mit achtzig Jahren gestorben und leben nun das Leben zurück bis zum vierzigsten Lebensjahr. Da haben Sie zum Beispiel einmal einem eine Ohrfeige gegeben, wodurch seinerzeit dieser Mensch von Ihnen einen Schmerz erfahren hat. Nun ist es so in der Astralwelt, daß auch diese Schmerzempfindung sozusagen wie im Spiegelbild auftritt; das heißt: nun erleben Sie den Schmerz, den damals der andere durch Ihre Ohrfeige erfahren hat. Und dasselbe ist natürlich auch der Fall bei allen freudigen Ereignissen. — Und dann erst, wenn der Mensch sein ganzes Leben durchlebt hat, tritt er ein in die himmlische Welt. Religiöse Urkunden sind immer wörtlich zu nehmende Wahrheiten. Wenn Sie das soeben Gesagte sich vor Augen halten, werden Sie ohne weiteres einsehen, daß der Mensch wirklich erst in die geistige Welt — und mit der geistigen Welt ist das gemeint, was in der Bibel mit «Himmelreich» oder «das Reich der Himmel» bezeichnet wird — eintreten kann, wenn er eben vorher sein ganzes Leben rückläufig durchlebt hat bis zur Kindheit. Und dieses liegt in Wahrheit dem Worte Christi zugrunde: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.» Dann nämlich, wenn der Mensch rückläufig wieder an der Stufe seiner Kindheit angekommen ist, streift er den Astralleib ab und tritt in die geistige Welt ein.
[ 9 ] Nun muß ich Ihnen einmal diese geistige Welt erzählungsweise schildern. Dieses Reich der Himmel ist noch mehr verschieden von der physischen Welt als die Astralwelt. Da man aber selbstverständlich alles nur mit Ausdrücken schildern kann, die dieser physischen Welt entnommen sind, so gilt es noch mehr als für die obige Beschreibung der Astralwelt, daß alle diese Schilderungen nur vergleichsweise gelten dürfen.
[ 10 ] Auch in diesem Reich der Himmel gibt es eine Dreiheit, wie hier auf der Erde. Wie man hier die drei Aggregatzustände hat: fest, flüssig und luftförmig, und danach die Erde einteilt in das Kontinentale, die Ozeane und das Luftgebiet, so kann man auch im Geisterlande, wenn auch wie gesagt nur vergleichsweise, drei derartige Gebiete unterscheiden; nur ist das Gebiet der Kontinente aus etwas anderem zusammengesetzt als unsere Felsen und Steine. Was nämlich dort der feste Boden des Geisterlandes ist, das sind die Urbilder alles Physischen. Alles Physische hat ja seine Urbilder, auch der Mensch. Diese Urbilder nehmen sich für den Hellseher aus wie eine Art Negativ, das heißt, man sieht den Raum wie eine Art Schattenfigur, und rings um ihn ist strahlendes Licht. Dieser Schatten ist aber, entsprechend zum Beispiel dem Blut und den Nerven, nicht gleichmäßig, während ein Stein oder ein Mineral im Urbild einen gleichmäßig leeren Raum erscheinen läßt, um den herum auch eine Lichtstrahlung zu sehen ist. Wie Sie auf der Erde auf festen Felsen gehen, so gehen Sie dort auf den Urbildern der physischen Dinge herum. Daraus ist das Land dieser geistigen Welt zusammengesetzt. Wenn der Mensch dieses Land zuerst betritt, dann hat er immer einen ganz bestimmten Anblick: das ist der Moment, in dem er das Urbild seines eigenen physischen Leibes erblickt. Da sieht er zuerst klar daliegen seinen eigenen Leib. Denn er selbst ist ja Geist. Das geschieht bei einem normal verlaufenen Erdenleben etwa dreißig Jahre nach dem Tode; und dabei hat man die Grundempfindung: Das bist du. — Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Vedantaphilosophie das «Tat tvam asi — Das bist du», als einen grundlegenden Erkenntnissatz geprägt. Alle derartigen Ausdrücke sind tief aus dem geistigen Erkennen herausgeholt.
[ 11 ] Das zweite Gebiet des geistigen Landes ist das Ozeangebiet. Alles, was hier in der physischen Welt Leben ist, alles also, was einen Ätherleib besitzt, das ist in dem Geisterland wie ein fließendes Element. Fließendes, flutendes Leben durchströmt so das Geisterland. Es sammelt sich auch wie in einem Meerbecken, wie das Wasser im Meer, oder besser gesagt, wie das Blut, das durch die Adern fließt und sich im Herzen sammelt.
[ 12 ] Und drittens haben wir das Luftgebiet des Geisterlandes, welches gebildet wird durch alle Leidenschaften, Triebe, Gefühle und so weiter. Alles das haben Sie da oben als äußere Wahrnehmung, wie die atmosphärischen Erscheinungen hier auf der Erde. Alles das durchbraust die Atmosphäre des Devachan. Als Seher können Sie so im Geisterlande wahrnehmen, was hier auf der Erde gelitten wird, und was für Freude hier herrscht. Jede Leidenschaft, jeder Haß und dergleichen wirkt sich im Geisterlande aus wie ein Sturm. Eine Schlacht zum Beispiel wirkt sich so aus, daß der Seher das Erlebnis eines Gewitters in der Devachanwelt hat. So ist das ganze geistige Gebiet durchzogen sowohl mit dahinziehenden wunderbaren Freuden wie auch furchtbaren Leidenschaften. Und so kann man auch von geistigen Ohren sprechen. Wenn Sie so weit vorgeschritten sind, daß Sie sich den Einblick in diese Devachanwelt errungen haben, dann können diese hinwogenden Erscheinungen von Ihnen gesehen und gehört werden, und das also Gehörte ist dieSphärenharmonie.
[ 13 ] So haben wir das Gebiet des Geistigen bis zu dieser Stufe charakterisiert. Aber es gibt noch ein viertes Gebiet im Devachan. Wir haben bisher gesehen:
| die Urbilder aller physischen Form | = Kontinent | des Devachan |
| alles Leben | = Meer | |
| alles Seelenleben, Gefühle und so weiter | = Luftgebiet |
[ 14 ] Es gibt nun etwas im Menschenleben, was nicht in der Außenwelt angelegt werden kann, und der geistige Inhalt dessen bildet das vierte Gebiet des Devachan. Dahin gehört jeder originelle Einfall, bis zum Schöpferischen des Genies. Alles, was originell ist, das heißt, alles, was der Mensch in diese Welt hinein schafft, wodurch die Welt bereichert wird, alle diese Urbilder bilden das vierte Gebiet des Devachan. Damit haben wir das abgeschlossen, was die Beschreibung der unteren Partien des Devachan ist.
[ 15 ] Darüber hinaus kommen noch drei höhere Gebiete, die aber der Mensch hier während des Lebens nur durch höhere Einweihung - also nur der Eingeweihte - erreichen kann, und die nach dem Tode auch nur höher entwickelten Individualitäten wahrnehmbar sind. Wenn nun aber ein solch vorgeschrittener Eingeweihter in dieses nächstfolgende höhere Gebiet des Devachan einzutreten vermag, was erlebt er denn da? Zunächst etwas, was man in der Geheimwissenschaft bezeichnet als die Akasha-Chronik. Alles, was in der Welt geschieht und je geschehen ist, wird als Eindruck in einer feinen Stofflichkeit, die unvergänglich ist, erhalten. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel etwas verständlich machen: Ich spreche jetzt zu Ihnen; Sie würden mich aber nicht hören, wenn meine Stimme nicht die Luft in Schwingungen versetzen könnte. So ist also alles, was von mir gesprochen wird, in feinen Bewegungsformen ausgedrückt hier in der Luft. Diese Bewegungsformen vergehen natürlich; aber in jene feine, geistige Stofflichkeit, die wir erleben, wenn wir in jene höhere Welt kommen, da wird alles eingedrückt, was hier sich ereignet, und das bleibt ewig. Jedes Wort, jeder Gedanke, alles, was in der Menschheit je geschehen ist, kann in dieser Akasha-Chronik gelesen werden. Dazu gehört entweder Einweihung oder jener Moment, wo der Mensch nach dem Tode in dieses Gebiet des Devachan kommt, das heißt, wenn er sich so weit entwickelt hat, daß er nach dem Tode dieses immerhin hohe Gebiet des Devachan wahrzunehmen vermag. Dann kann er in die Vergangenheit hineinsehen. Diese Akasha-Chronik ist eine Schrift, in der alles aufbewahrt wird, was jemals geschehen ist. Es ist eigentlich keine Schrift im physischen Sinne, sondern es sind Bilder. Sie sehen zum Beispiel Cäsar in allen Situationen seines Lebens; nicht das, was er eigentlich getan hat, sondern die inneren Impulse, die ihn zu seinen Taten veranlaßt haben. Diese Akasha-Bilder haben einen hohen Grad von Leben, und wenn man sie nicht in der richtigen Weise zu deuten versteht, können sie die Veranlassung zu großen Täuschungen sein. So sind sie zum Beispiel ein Quell von vielen spiritistischen Verirrungen — wenn nämlich in den Sitzungen ein Akasha-Bild erscheint. Wenn Sie zum Beispiel Goethe zitieren und es erscheint das Akasha-Bild vom 25. November 1797 und gibt Ihnen Auskunft über eine Frage: es beantwortet diese in der Weise, wie Goethe die Antwort damals gegeben hätte, wenn ihm am 25. November 1797 die Frage gestellt worden wäre. — Nur der genaue Kenner der geistigen Welt kann erkennen, ob es sich in einem solchen Falle um Wirklichkeit oder Schemen handelt. Aus solchen Schilderungen können Sie entnehmen, wie diese höheren Gebiete der geistigen Welten ausschauen.
[ 16 ] Das erste Erlebnis ist also die Wahrnehmung des eigenen Leibes; von diesem Erlebnis nehmen alle andern ihren Ursprung. Stark empfindet da der Mensch das Gefühl der Befreiung von den leiblichen Hüllen, denn es ist ja der beglückende Augenblick, wo er auch den letzten der Leichname, den Astralleichnam, abgelegt hat. Wie eine in einen Felsspalt eingeklemmte Pflanze es als Seligkeit empfände, wenn sie befreit würde, so wird dieses Gefühl der Seligkeit zu einer Grundempfindung des Menschen. Diese Seligkeit durchdringt und verklärt dann auch die früher mehr irdisch durchlebten Gefühle, zum Beispiel solche der Freundschaft, die hier vielleicht gewissen Wandlungen unterworfen waren und die drüben vertieft und geläutert werden. Eine solche Läuterung erfährt auch die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, und umgekehrt: das ursprünglich animalische Gefühl des Verbundenseins, das schon hier zu einem moralischen wurde, entfaltet sich im Devachan zu einer noch höheren sittlichen Macht. Alle hier auf Erden geknüpften Bande erfahren eine Vertiefung im Geistgebiet, sich gegenseitig durchdringend. Durch Liebe arbeitet sich der Mensch schon hier empor aus der Enge der Selbstsucht ins Umfassende des Welterlebens. Dort aber ist nichts voneinander abgeschlossen, getrennt, einer arbeitet für den andern, denn Arbeit ist auch dort das die Seelen tragende und fördernde, verbindende Element, die Liebe aber der unerschöpfliche Quell alles Lebens.
