Mythen und Sagen
Okkulte Zeichen und Symbole
GA 93
7 Oktober 1907, Berlin
1. Altnordische Mythen und Sagen
[ 1 ] Wir wollen in dieser und in den nächsten Stunden das betrachten, was man nennen könnte: Okkulte oder auch mystische Sinnbilder in ihren Beziehungen zur astralen und geistigen Welt. Immer wieder treten vor Ihnen diese und jene Zeichen, Symbole, Erzählungen auf; und nun kommen diejenigen, die materialistisch gesinnt sind und sagen, das sei alles Dichtung. Es wird als irgendwie aus der Volksphantasie entlehnt angenommen und nur betrachtet als eine leere Phantasterei. Oder es kommen die Gutgesinnten und spekulieren alles mögliche über das, was zum Beispiel das Pentagramm und andere Symbole bedeuten. Bei unserem Kongreß in München haben wir sogar Zeichen und Symbole zur Ausschmückung unseres Saales gebraucht und damit schon angedeutet, daß wir den okkulten Zeichen eine gewisse Bedeutung beimessen. Aber der wahre Okkultist spekuliert nicht darüber, sondern er sucht die wirklichen Tatsachen. Durch eine philosophische Spekulation können Sie nie und nimmer auf die Bedeutung eines okkulten Zeichens kommen, und vieles, was gesagt und geschrieben wird über okkulte Zeichen und ihre Bedeutung, ist vergeblich geschrieben, weil es nur aus der Spekulation, dem mehr oder weniger geistreichen Darüber-Nachdenken heraus geschrieben ist. Doch diese okkulten Zeichen sind für uns wichtig, denn sie sind etwas wie Instrumente, durch die wir hinaufkommen können in die höheren Welten.
[ 2 ] Wir haben schon manches über die Bedeutung wichtiger Symbole gehört, so zum Beispiel über das Symbolische, das sich auf die Zahl 666 bezieht, und wir haben da tief in die religiöse Urkunde der Apokalypse eindringen können. Heute soll uns etwas ganz anderes aus der Symbolik beschäftigen. Es sind Symbole, die Ihnen schon öfter vor die Seele getreten sind, die wir nun ihrem Ursprung und ihrem wirklichen Wert nach kennenlernen wollen. Bevor wir zur Besprechung dieser Symbole übergehen, müssen wir eine Vorbetrachtung über den Menschen anstellen. Sie werden gleich sehen, warum etwas scheinbar ganz und gar Entlegenes angeführt wird, um gewisse Zeichen und Symbole zu erklären.
[ 3 ] Wir versetzen uns zurück an den Zeitpunkt unserer Menschheitsentwickelung, den Sie alle aus früheren Vorträgen kennen. Sie wissen, daß unserer jetzigen Zeit vorangegangen ist eine Zeit, die wir die atlantische Zeit nennen. Wo jetzt der Boden des Atlantischen Ozeans ist, zwischen Amerika und Europa, war vor Urzeiten Land, während unsere Gebiete weithin mit Wassermassen bedeckt waren. In diesem Lande wohnten unsere Vorfahren. In Wahrheit stammt der größte Teil der europäischen Bevölkerung nicht etwa aus dem Osten, sondern aus dem Westen und ist die Nachkommenschaft der atlantischen Bevölkerung. Von jenem Lande, der alten Atlantis, wo unsere Vorfahren und wir selbst in früheren Inkarnationen gewohnt haben, wanderten sie weit hinein nach Osten, als die Fluten, die jetzt den Atlantischen Ozean bilden, diesen früheren Erdteil verschlungen hatten.
[ 4 ] Im letzten Drittel der atlantischen Zeit gliederte sich im Nordosten - in der Gegend des heutigen Irland - ein kleines Häuflein heraus aus der Bevölkerung, die als die damals vorgeschrittenste sich darstellt. Das ganze atlantische Land war bedeckt mit schweren, dichten Nebelmassen und wird deshalb in der Erinnerung der germanischen Völkerschaften «Niflheim» genannt. In diesen alten Zeiten, als die Luft fortwährend mit dichten Wassermassen geschwängert war, da war das Seelenleben auch ein ganz anderes. Es war immer noch ein altes Hellsehen vorhanden; die Menschen haben damals hineingesehen in die geistige Welt. Wenn sie sich einem Menschen genähert haben, sahen sie vor ihrer Seele gewisse Farbenerscheinungen aufsteigen, die ihnen sagten, ob ihnen dieser Mensch sympathisch oder unsympathisch war. Ebenso war es mit den Tieren; wenn sie sich einem Tiere näherten, konnten sie sehen, ob es ihnen schadete oder nicht. Ein primitives Hellsehen war also in gewisser Beziehung in der atlantischen Zeit vorhanden.
[ 5 ] Die Menschheit machte nun verschiedene Entwickelungszustände durch; sie konnte nicht stehenbleiben bei jenem alten dumpfen Hellsehen; es mußte die heutige Art des Wahrnehmens durch die Sinne eintreten. Da mußte für eine gewisse Zeit das Hellsehen zurücktreten, das aber in der Zukunft wieder zu dem heutigen hellen Tagesbewußtsein hinzuerobert werden wird. Was die Menschen heute als Grundlage unserer äußeren Kultur haben, den Gebrauch der Vernunft, den Verstand, das war nicht den alten atlantischen Hellsehern eigen, das mußte erst erobert werden. Der Mensch mußte seine Augen und Ohren, seine Sinneswahrnehmungsorgane nach außen richten; das innere geistige Auge trat für eine Zeit zurück. Als unsere Vorfahren aus der alten Atlantis nach dem Osten hinüberwanderten, da war dieses Ereignis zugleich verknüpft mit dem Verlust des alten Hellsehens und mit dem Erringen der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, mit dem Erringen von Fähigkeiten wie Zählen, Rechnen, Urteilen.
[ 6 ] Bei jenem kleinen Häuflein in der Nähe des heutigen Irland hatte sich zuerst die Fähigkeit des Rechnens, Zählens und so weiter ausgebildet. Diese Menschen zogen zunächst nach dem Osten hinüber, und mit den hereinbrechenden Fluten des Ozeans zogen ihnen immer andere Völkerschaften nach; sie bevölkerten den Boden des heutigen Europa. So war ein zweifaches Anschauen der Dinge bei diesen Völkerschaften da: die äußere Beobachtung der Sinneswelt, das Zählen, Rechnen, Kombinieren, was dazu führte, daß die heutigen technischen Fortschritte, Maschinen, Verkehrsmittel und so weiter, errungen werden konnten. Im Herzen trugen diese Völker aber noch etwas anderes: die Erinnerung an jene Welten des Geistes, in die sie hineingeschaut hatten, und die Sehnsucht, durch irgendwelche Mittel diese geistigen Welten wieder zu erobern.
[ 7 ] Nun stellen wir uns einmal recht lebhaft diese Vorfahren im alten Europa vor. Nicht gleichzeitig haben sie alle mit dem Herüberwandern die Gabe des alten Hellsehens verloren. Viele, ja zahlreiche Leute, die herübergewandert waren, haben noch vollgültige Reste des alten Hellsehens auch nach Europa mitgebracht. Es gab viele unter diesen Vorfahren, die, wenn sie sich in der Dämmerung des Abends oder in der Nacht still hinsetzten, in ein lebhaftes Träumen versanken, das mehr als das heutige Träumen bedeutete; sie sahen noch hinein in die geistige Welt.
[ 8 ] Noch hatten sich unzählige Menschen nicht nur die Erinnerung daran bewahrt, sondern sogar die Fähigkeit, in gewissen Ausnahmezuständen des Lebens in die geistigen Welten hineinzublicken. Und die anderen, die diese Fähigkeit verloren hatten, hatten dafür eine Eigenschaft, die im Laufe der Entwickelung viel mehr abhanden gekommen ist, als man gewöhnlich denkt: Es gab in alten Zeiten, namentlich in der Bevölkerung Mittel- und Osteuropas, eine Eigenschaft, die weit verbreitet war, in einer Intensität, von der man sich heute keine Vorstellung macht, und das war das Vertrauen, der treue Glaube. Diejenigen, die etwas über die geistigen Welten zu sagen wußten, die fanden Gehör, sie fanden Glauben, weil Liebe und Vertrauen gerade in jenen europäischen Ländern eine große, eine bedeutsame Kraft hatten. Jenes Kritisieren und Pochen auf die eigene Überzeugung, wie man es heute findet, war etwas, woran damals überhaupt kein Mensch dachte. Diese Dinge aber sind es, die es heute notwendig machen, daß ein jeder selber zur geistigen Welt geführt wird. Das war in jener Zeit wegen des starken, großen Vertrauens nicht notwendig. Wenn wir die alte Bevölkerung Europas überblicken, sehen wir auf dem Grunde der Seelen dieser Leute, daß sie ein volles Bewußtsein hatten von den hinter der sinnlichen Welt stehenden geistigen Welten.
[ 9 ] Und nun wollen wir uns einmal das Werden der neuen Anschauung des nun durch seine Sinne zu den Gegenständen hinblickenden Menschen klarmachen. Ich habe schon angedeutet, daß bei jenem kleinen Häuflein im Norden, in der Nähe des heutigen Irland, ein Ereignis eintrat, durch welches das Rechnen, das Zählen und Kombinieren eine Fähigkeit des Menschen geworden ist. Ich habe schon früher angedeutet, daß dazumal des Menschen Ätherkopf hineingerückt ist in den physischen Kopf. Während früher der Teil des Ätherkopfes in der Nähe der Augenbrauen außerhalb des physischen Gehirnes war, rückte er jetzt hinein, und beide wurden eine
[ 10 ] Einheit. Dadurch erlangte der Mensch die Fähigkeit des Selbstbewußtseins, des Ichbewußtseins, er erlangte die Fähigkeit, zu urteilen und hinzuschauen zu den Gegenständen. Der Ätherkopf, der heute mit der Form des physischen Kopfes zusammenfällt, stand bei den alten Atlantiern weit vor der Stirn hervor, daher ihr Hineinsehen in die geistige Welt, ihr Hellsehen. Nun versetzen wir uns einmal in die Seele der atlantischen Bevölkerung, versetzen wir uns in jene alten Zeiten, wo die Menschen noch ihren Ätherkopf weit außerhalb ihres physischen Kopfes hatten, und versetzen wir uns dann in jene Zeiten gegen Ende der Atlantis, wo die beiden schon zusammengefallen waren. Der Atlantier konnte schauen, wie der Ätherkopf nach und nach hineinrückte, er war ja noch hellsehend, er sah das. Wie sah er nun dieses Hineinrücken des Ätherkopfes in den physischen Kopf? Als etwas ganz besonderes kam dem Atlantier dieses Hineinrücken des Ätherkopfes vor. Das wollen wir uns einmal vor die Seele rücken; ich will es Ihnen beschreiben.
[ 11 ] Woher, fragte sich der Atlantier, kommen denn die Kräfte, die mir jetzt zuteil werden? - Vorher hatte der Mensch um sich herum eine geistige Welt gesehen. Was zeigte ihm diese geistige Welt um ihn herum? Machen Sie sich das einmal ganz klar. Wenn Sie jetzt plötzlich hellsehend werden könnten, bis zu dem Grade, wie es der Atlantier war, was würde da in Ihrer Seele vorgehen? Sie würden geistige Wesenheiten um sich herum sehen. Die physische Welt würde sich bevölkern mit Wesenheiten des astralischen, des geistigen Planes, und die würden Sie sehen. Woher würde das kommen? Durch Ihre eigenen Fähigkeiten, die jetzt in Ihrer Seele schlummern, die Sie dann aber entwickelt hätten. Es würde Ihnen so erscheinen, wie wenn etwas aus Ihnen selbst herausstrahlte. Was heute aus Ihnen herausstrahlt in die Welt, das war ja damals zur Zeit der alten Atlantis erst in Sie hineingestrahlt. Alle Anschauungen, die der Mensch heute sich bilden kann in bloßen Begriffen von der geistigen Welt, das waren zu jener Zeit lebendige Wesenheiten für ihn, und der Atlantier sah, wie etwas hineinzog in ihn und in ihm Fähigkeiten anregte. Er sagte sich: Ich fange an, mit meinen Augen die Dinge zu sehen, mit meinen Ohren Geräusche, Töne zu hören, ich fange an zu sehen, was draußen sinnlich wahrnehmbar ist. - Woher kommen diese Fähigkeiten? Sie strahlten von außen in den Menschen hinein.
[ 12 ] Wir wollen die alte Atlantis noch einmal so recht ins Auge fassen. Das Land war bedeckt mit weiten Wassernebelmassen; diese Wassernebelmassen waren von verschiedener Dichte in der ersten und in der letzten atlantischen Zeit, namentlich waren sie in der Nähe des heutigen Irland anders als in den sonstigen Gegenden. Die Wasserund Nebelmassen waren zuerst warm und heiß. Im südlichen Teil der Atlantis waren sie noch warm, zum Teil heiß, wie warme, heiße Rauchmassen; gegen Norden zu waren sie kälter. Insbesondere gegen das Ende der atlantischen Zeit trat eine mächtige Abkühlung ein. Nun war es gerade diese Abkühlung der Nebelmassen, diese nordische Kälte, welche die neue Anschauung, das neue Seelenleben aus den Menschen herauszauberte. Niemals hätten unter den Gluten der Hitze des Südens der Intellekt, die Urteilskraft zuerst sich in der Menschheit entwickeln können. Der Atlantier in der Nähe Irlands fühlte Fähigkeiten in sich hineinströmen, die ihn so durchdrangen, daß er fähig wurde, mit seinen Sinnesorganen die Dinge draußen zu sehen, zu hören und so weiter. Er empfand das so, daß er es der Abkühlung der Luftmassen zu verdanken hatte.
[ 13 ] Zu dem Wahrnehmen äußerer Gegenstände durch Sinnesorgane gehören Nerven. Zu jedem unserer Sinnesorgane gehen Nerven vom Gehirn aus. Augennerven, Geruchs-, Gehörnerven und so weiter haben wir. Diese Nerven, die heute den Menschen fähig machen, die Sinneseindrücke sich zum Bewußtsein zu bringen, waren untätig, bevor die äußere sinnliche Anschauung der Dinge da war. Sie vermittelten nicht das äußere Anschauen, sie hatten eine innere Aufgabe. Der atlantische Mensch sah damals die Kräfte an sich herankommen, die diese Nerven in ihm zu Sinnesorganen machten. Er empfand diese ganze Situation so, wie wenn in den Kopf von außen hineinfluteten die Strömungen, welche dann seine Nerven im Kopf durchsetzten.
[ 14 ] Nun gibt es unter den Nerven im Kopfe, die dazumal tätig wurden und die wir heute noch anatomisch nachweisen können, zwölf Paare, und zwar zehn Paare, die vom Kopfe ausgehend sich gliedern, um die einzelnen Sinnesorgane in Tätigkeit zu setzen. Wenn Sie zum Beispiel die Augen bewegen, so sind dazu die Augenmuskelnerven da und nicht der Sehnerv. Also zehn Paare, die zu den einzelnen Sinnesorganen gehen, und zwei Paare, die tiefer hinuntergehen und die den Verkehr vermitteln zwischen dem sinnlichen Wahrnehmen und der Gehirntätigkeit. Der Atlantier fühlte zwölf Strömungen in sich hineingehen, in sein Gehirn und hinunter in seinen Leib. Das sah er. Was Sie jetzt als Nerven in sich haben, wurde für sein Wahrnehmen erzeugt durch zwölf in ihn hineingehende Ströme. Wenn nun diesem Umstande, daß die Luft sich abkühlte und das ganze Niflheim ein kaltes Land wurde, die zwölf Nervenstränge verdankt werden, so war doch noch etwas anderes dazu notwendig, um die menschlichen Sinnesorgane zu gestalten. Bevor die menschlichen Sinnesorgane gestaltet waren, hatte auch das Herz noch eine ganz andere Aufgabe. Die Blutzirkulation muß eine andere gewesen sein bei einem Wesen, das sich hellseherisch, geistig die Farben und Töne der Umgebung vor die Seele zaubert, als bei dem atlantischen Menschen, dem die äußere Welt allmählich für die äußeren Sinne wahrnehmbar auftauchte. Diese Umgestaltung des Herzens hat niemals kommen können von den kalten Teilen der Atlantis. Sie mußte dadurch kommen, daß die menschliche Organisation von anderswoher angefacht wurde. Die Umgestaltung des Herzens hat der wärmere, südliche Erdstrich der Atlantis bewirkt.
[ 15 ] Sie müssen sich das so vorstellen, daß beide Strömungen auf den Atlantier eingewirkt haben, die kalten Ströme des Nordens und die warmen Ströme des Südens. Die warmen Ströme haben in das Herz Feuer hineinkommen lassen, sie haben es auflodern lassen zu Enthusiasmus, während der andere Teil der Menschennatur angefacht wurde vom kalten Norden. Die Strömungen, die von Norden kamen, haben des Menschen Stirn [andere Nachschrift: Hirn] so weit umgebildet, daß der Mensch ein Denker, ein sinnlich Anschauender werden konnte. Der Kopf des Atlantiers war ganz anders gebildet als der Kopf des Menschen von heute. Gerade was diese Kräfte der zwölf Ströme des Nordens bewirkt haben, das hat den Menschen zum Denker gemacht. Und die warme Strömung des Südens hat ihm sein Gefühl, seine Empfindungsart und auch seine heutige Sinnlichkeit gegeben. Das, was das Blut dadurch erhielt, strömte in das Herz ein, das dadurch ein ganz anderes Organ geworden ist. Dadurch, daß das Blut, der den Menschen ernährende Saft, die ganze Blutzirkulation, anders geworden ist, mußte auch die äußere Ernährung des Leibes eine andere werden. So können wir sagen: Von zwei Seiten her ist ann dem Menschen gearbeitet worden in jener Zeit. Es ist sein physischer Leib so umgeschaffen worden, daß er auf der einen Seite der Träger des Gehirnes werden konnte, und auf der anderen Seite so, daß der Leib mit dem Blute versorgt worden ist, das dieser umgestaltete Mensch nötig hatte.
[ 16 ] Diese Vorgänge stellten sich der Anschauung des Atlantiers im Bilde dar. In der astralen Anschauung stellt sich ja alles im Bilde dar. Das Einfließen der geistigen Strömungen, die unsere Nerven heranbildeten, stellte sich ihm dar als zwölf aus dem kalten Norden herunterkommende Ströme; und das, was das Herz umbildete, stellte sich ihm dar als das Feuer, das von Süden heraufkam. Das, was den physischen Kopf umbildete zu dem des heutigen anschauenden Menschen, stellte sich ihm dar als das Bild des Urmenschen, und das Ernährende im Menschen stellte sich ihm dar als ein anderes Bild, als das Bild des sich ernährenden Tieres.
[ 17 ] Wie trat nun derjenige vor das Volk hin, der dies alles gesehen hatte? Wie drückte er sich aus? Er drückte sich in Bildern aus. Denn das, was wir jetzt hier gesagt haben, das würden die Leute dazumal nicht verstanden haben. Aber sie hatten sich ja noch ein altes Hellsehen bewahrt; wenn man zu ihnen in Bildern sprach, so konnten sie die großen bedeutsamen Wahrheiten verstehen. Diese Methode wurde auch an den druidischen Schulen ausgeübt. Die alten Priesterweisen sprachen zu dem Volke auf folgende Weise:
[ 18 ] Bevor ihr habt hineinsehen können in diese Welt, die erfüllt ist von Pflanzen und Tieren, von all den Gegenständen, die ihr jetzt draußen unterscheiden könnt, war nichts da als ein finsterer, gähnender Raum, wie ein Abgrund. Ihr sahet die Bilder in den Raum hinein. Aber alles das, was jetzt da ist, ging hervor aus diesem Abgrund, aus Ginnungagap, - das ist das alte germanische Chaos. Nun erzählte man weiter: Von Norden her flossen zwölf Ströme, und von Süden her kamen die Feuerfunken. Dadurch, daß die Feuerfunken des Südens sich verbanden mit den zwölf Strömen des Nordens, entstanden zwei Wesen: der Riese Ymir und die Kuh Audhumbla.
[ 19 ] Was ist nun der Riese Ymir? Ymir ist der denkende Mensch, der entstanden ist, sich herausgebildet hat aus dem Chaos - aus Ginnungagap; und die Kuh Audhumbla ist das neue Ernährende und das neue Herz. In der menschlichen Gestalt sind vereinigt der Riese Ymir und die Kuh Audhumbla.
[ 20 ] Wie müssen wir uns vorstellen, daß der alte Druide, der Priesterweise zu den Menschen sprach? Er hatte die Weisheit, er wußte von dem, was geschehen war. Er sprach zu solchen Menschen, die sich entweder ein altes Hellsehen in Ausnahmemomenten noch erhalten hatten, oder zu solchen, die Vertrauen hatten. Er wußte, er wird verstanden, wenn er den Vorgang der Menschwerdung so erzählt, wie er sich dem astralen Sehen darbietet. Die zwölf Ströme, die aus dem Norden kommen und die zwölf Nervenpaare bilden, verbinden sich mit den Feuerfunken, die aus dem Süden hervorsprühen, die das Herz und das Ernährungssystem bilden. Das sind die beiden Kräfte, die als Riese Ymir und als Kuh Audhumbla sich darstellen wie schön wird das erzählt in der germanischen Genesis! Zwei Welten entstanden - so hören wir -: das kalte Niflheim und das heiße, flammensprühende Muspelheim. Niflheim entläßt die zwölf Ströme, Muspelheim entläßt die Feuerfunken.
[ 21 ] Und jetzt gehen wir ein Stück weiter. Wir wissen, daß damals, in jenem Moment, wo sich der Ätherleib des Kopfes mit dem physischen Kopf vereinigte, das Ich entstand als ein klares, selbstbewußtes Ich. Vorher konnte der Mensch zu sich nicht «Ich» sagen. Der Mensch fühlte sich zwar schon als ein Ich-Wesen, aber es war ihm noch nicht das Ich-Bewußtsein aufgegangen. Mit diesem Ich-Werden zusammen mußte der Mensch erkennen, was sich da umgestaltet und herausgebildet hatte. Er war im höheren Sinne ein Ich geworden.
[ 22 ] Nun betrachten wir das einmal, was alles entstanden war im Menschen. Es war das entstanden, was von den zwölf Strömen kam, das ist das, was seinen Kopf mit den Gehirnnerven durchsetzte. Es war aber auch das entstanden, was seiner Natur nach nicht mit dem Kopf zusammenhängt, dasjenige, was seiner Natur nach abstammt von der Kuh Audhumbla. Diese zwei Naturen haben sich dazumal zusammengefügt; das können Sie förmlich sehen. Versuchen Sie, sich klarzumachen, wie alles, was von den zwölf Strömen des Nordens kam, eingeschlossen ist im Schädel und im Rückenmark. Alles andere ist angesetzt; die Rippen und die darunterliegenden Organe sind das, was von Süden her kam aus den Feuerfunken, die Kuh Audhumbla; es hat sich herausgebildet aus einem ganz anderen Menschheitszustande und angegliedert an das Frühere. Was hat sich da gebildet? Das eine, das sich gebildet hat aus einem ganz anderen Menschheitszustande heraus ist das geschlechtliche Prinzip. Zwar war das Geschlechtsprinzip schon gebildet im alten Lemurien, aber erst mit dem Auftreten des Ich-Bewußtseins ist es dem Menschen auch zum Bewußtsein gekommen. Vor diesem Zeitpunkte war der Mensch mehr oder weniger unbewußt; der Geschlechtsakt ging wie in einem Traumzustande, einem dämmerhaften Zustande vor sich. Das zweite, was dem Menschen gegeben wurde, war die Gestalt des Herzens selber. Und ein drittes, das ihm gegeben wurde, das nach und nach in dieser Zeit sich herausbildete, das war die Sprache. Die Sprache ist auch ein Geschöpf der Atlantis. Ohne die Sprache können Sie sich nicht die Entwickelung des Denkens, der höheren Geistigkeit vorstellen. Und auch ohne das umgestaltete Herz und ohne das veränderte, das bewußte geschlechtliche Prinzip können Sie sich dies nicht vorstellen. So erscheint der Mensch merkwürdig gegliedert. Sein Denken, sein äußeres Anschauen sind eingegliedert worden seinem Kopfe. Beigegeben ist diesem ein dreifaches: das bewußte Geschlechtsprinzip, das bewußte Herzprinzip und die bewußte Sprache, die der Ausdruck seiner inneren Wesenheit ist.
[ 23 ] Machen wir uns nun gegenwärtig, wie sich dies der astralen Anschauung darstellt. Der astrale Seher sieht dies wiederum in einem Bilde, wie ein Baum stellt es sich ihm dar, ein Baum, der drei Wurzeln hat. Die eine Wurzel ist die Geschlechtlichkeit, die zweite ist das Herz und die dritte die Sprache. Diese drei Wurzeln sind in Korrespondenz mit dem Geistigen, dem Kopfe. Fortwährend gehen Nervenströmungen hin und her. Der Hellseher kann das so sehen, wie wenn ein Wesen fortwährend von unten nach oben und von oben nach unten läuft. Es erscheint so, wie wenn das Obere, das Geistige, fortwährend bekämpft würde durch das, was von unten kommt. Es widerstreiten sich diese beiden Strömungen. Der Mensch würde niemals in seinen unteren Gliedern leben können, ohne durch die vom Kopf kommenden zwölf Nervenströme befruchtet zu werden. Im Blute tropfen die geistigen Ernährungssäfte von oben nach unten. So sieht der Hellseher im Bilde das Werden des neuen Menschen, wie es sich in der letzten Zeit der atlantischen Epoche vorbereitet hat für die nachatlantische Zeit.
[ 24 ] Der alte Druidenweise mußte so sprechen, daß er den Menschen sagte: So sieht man die Sache. - Die Menschen hatten ja noch das astrale Hellsehen, und so konnte er ihnen noch schildern, was er auf dem astralen Plane sah. Daher lehrte er: Was im Menschen entstanden ist und heute in ihm lebt - die Ich-Persönlichkeit -, entspringt aus drei Quellen. Das Ich, das früher schon da war, aber jetzt erst zum Bewußtsein gekommen ist, stammt aus Niflheim. Es ist aber eine Schlange da, die fortwährend an der Wurzel nagt, die aus dieser Quelle stammt, Niddhögr ist ihr Name. Hellseherisch kann man tatsächlich diese Schlange nagen sehen. Die Ausschreitungen des Geschlechtsprinzipes, das nicht im Zaume gehalten wird, nagen an dieser Wurzel des Menschen.
[ 25 ] Die zweite Wurzel ist das Herz. Aus ihm stammt das neue Leben des Menschen. Alles, was der Mensch tut, tut er unter dem Antrieb des Herzens. Er fühlt, was ihn glücklich oder unglücklich macht. Er fühlt die Gegenwart, er fühlt aber auch dasjenige, mit dem er in die Zukunft hineinwächst; das eigentliche Schicksal des Menschen wird vom Herzen empfunden. Darum sagten die Priesterweisen: An der Quelle, aus der diese Wurzel stammt, sitzen drei Nornen und spinnen die Fäden des Schicksals. Die Nornen sind Urd, die Herrin des Vergangenen, Verdhandi, die um die Gegenwart, um das Seiende und Werdende weiß, und Skuld, die kennt, was in der Zukunft sein soll. «Skuld» ist dasselbe Wort wie «Schuld». Die Zukunft entsteht dadurch, daß aus der Gegenwart etwas weiter hinausgeht, das abgetragen werden muß.
[ 26 ] An der dritten Wurzel ist Mimirs Quelle, Mimir, der den Weisheitstrank trinkt. Das ist dasjenige, was sich als Sprache ausdrückt. Und oben ragen die Wipfel des Baumes ins Geisterland hinein, und aus dem Geistigen herunter kommen Tropfen des befruchtenden Nervenfluidums. Das drückten die Priesterweisen so aus, daß sie sagten: Da oben in den Wipfeln der Weltesche weidet eine Ziege, von deren Geweih es fortwährend heruntertropft. - So wird das Untere fortwährend von dem Oberen befruchtet. Und ein Eichhörnchen läuft von oben nach unten und von unten nach oben und trägt Zankesworte hin und her: der Kampf der niederen gegen die höhere Natur.
[ 27 ] So stellt es die germanische Sage dar. Sie sagt: Der neue Mensch in der neuen Welt gleicht einem Baum, einer Esche, die drei Wurzeln hat. Die erste Wurzel geht nach Niflheim, in das eiskalte düstere Urland. Inmitten von Niflheim war der unausschöpfliche Brunnen Hwergelmir; zwölf Ströme entsprangen aus ihm, sie flossen durch die ganze Welt. Die zweite Wurzel ging zum Brunnen der Nornen Urd, Verdhandi und Skuld; sie saßen an seinen Ufern und spannen die Fäden des Schicksals. Die dritte Wurzel ging zu Mimirs Brunnen. Yggdrasil nannte man die Weltesche, in der sich die Weltenkräfte zusammengezogen hatten. Ein Mensch wird abgebildet in dem Moment, wo er sich seines Ich bewußt werden soll, wo aus seinem Innern heraustönen soll das Wort «Ich». «Yggdrasil» ist soviel wie «Ich-Träger». Ich-Träger ist dieser Baum. «Ygg» ist «Ich» und «drasil» ist derselbe Wortstamm wie «tragen».
[ 28 ] Nun versuchen Sie einmal, sich zu vergegenwärtigen, was alles für gelehrte und ungelehrte, für geistreiche und ungeistreiche Erklärungen zu dieser germanischen Mythe gegeben worden sind. Alle diese Erklärungen haben für den Okkultismus keinen Wert. Denn für den Okkultisten gilt der Satz, daß alles, was Zeichen sind - und auch eine Erzählung ist Zeichen -, eine reale Wirklichkeit hat in der geistigen Welt; und erst, wenn wir wissen, was einem solchen Zeichen in der geistigen Welt entspricht, erst dann erkennen wir die wahre Bedeutung der Zeichen und Mythen. Niemand kann die Kräfte für die menschliche Entwickelung, die in den alten nordischen Mythen liegen, heben und anwenden, der sich nicht in dieser Weise dem tieferen Sinn dieser Mythen nähert. Gerade durch den Okkultismus erringen wir uns die Erkenntnisse der Welt und des Menschen, die von den alten Druiden hineingelegt worden sind in die Bilder der germanischen Mythe, nicht etwa, weil sie aus einer blühenden Phantasie heraus Bilder erfinden wollten, sondern weil sie diese Bilder schauten. Kein Zeichen hat eine Berechtigung im Okkultismus, das nicht in den höheren Welten geschaut werden kann. Die alten Sagen und Mythen sind Zeichen in der physischen Welt für eine höhere Wirklichkeit. Sie sind eine Schrift, die wunderbar verzeichnet die vergangenen Zeiten. Wenn wir diese Schrift lesen können, dann blicken wir tief hinein in die Vorzeit, und zu gleicher Zeit befruchtet uns die Mythe selber.
[ 29 ] Erkennen wir die Mythen in dieser Weise, so erkennen wir viel tiefer als die abstrakte Wissenschaft. Die Wissenschaft kann uns die zwölf Paar Nervenstränge zeigen; der Okkultist macht die Entstehung und den ganzen Weltenzusammenhang erkennbar. Was ist der Mensch? Ein Symbolum des Geistes, denn er ist herausgeboren aus der geistigen Welt. Er ist eine Zusammensetzung geistiger Kräfte. Erkennt sich der Mensch recht, so erkennt er sich selbst als ein Symbolum für das in ihm liegende Ewige. Dies wollen wir mitnehmen und heute in acht Tagen die Betrachtungen fortsetzen. Wir wollen darüber nachdenken im Sinne des Goetheschen Wortes «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Der Mensch selbst ist ein Gleichnis für das unvergängliche Geistige im Vergänglichen. Wenn der Mensch dies erkennt, geht ihm die Erkenntnis auf für seinen eigenen geistigen unvergänglichen, ewigen Wesenskern.
