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The Rudolf Steiner Archive

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Die Apokalypse des Johannes
GA 104

23 Juni 1908, Nürnberg

Sechster Vortrag

[ 1 ] Es ist in der materialistischen Wissenschaft allgemein gebräuchlich, mit Ausnahme einiger Kreise, die sich in der letzten Zeit zu einer anderen Erklärung entschlossen haben, die Entstehung unseres gegenwärtigen Sonnensystems so darzustellen, daß es sich herausgebildet hat aus einer Art von Urnebel, der einen Raum umfaßt hat bis über die Neptungrenze hinaus, also bis an die Bahn des äußersten Planeten unseres Sonnensystems. Und da, so nimmt man an, hat sich durch einen Verdichtungsprozeß nach und nach herausgebildet unsere Sonne und die sich um sie herumbewegenden Planeten. Wie gesagt, einige wenige Erklärer haben heute eine etwas anders lautende Anschauung, aber sie bringen auch noch nichts Wesentliches für uns, die wir auf dem Boden einer spirituellen Weltanschauung stehen. Also es hätte sich herausgeballt unsere Sonne mit den um sie kreisenden Planeten. Dabei wurde ja immer und wird auch heute noch in den Schulen ein niedlicher Vergleich gebracht, der so recht anschaulich machen soll, wie ein ganzes Planetensystem so durch Drehung entstehen kann. Da nimmt man eine ölige Substanz, die in Wasser schwimmt, und macht sie kugelförmig. Dann schneidet man ein kleines Blättchen, das man ganz in der Äquatorlinie so durchdrücken kann durch diese ölige Kugel, daß sie in zwei Hälften geteilt wird. Man steckt oben hinein eine Stecknadel, und dann gibt man das in Wasser, so daß es schwimmt. Man sieht alsdann, wenn man nun diese kleine Kugel dreht, wie sich zuerst ein Tropfen abspaltet und gleichsam als ein äußerer Körper die größere Kugel umkreist, wie sich dann ein zweiter, dritter Tropfen abspaltet und endlich in der Mitte ein großer Tropfen übrigbleibt, um den sich viele kleinere drehen. Ein Planetensystem im kleinen! — sagt man. Warum, so meint man, könne nicht aus jenem Urnebel einstmals durch solche Abdrehung unser Sonnensystem entstanden sein, wenn man es doch jetzt nachmachen kann bei einem solchen Miniatur-Sonnensystem?

[ 2 ] Es erscheint gewöhnlich dieser Vergleich den Menschen ungeheuer einleuchtend, und jetzt begreifen sie, wie einstmals aus solchem Urnebel sich herausgespaltet haben Saturn, Jupiter, Mars, Erde, Venus, Merkur. Aber die ganze Geschichte, nicht nur der Vergleich, sondern überhaupt die ganze Anschauung geht hervor aus der Kurzatmigkeit alles Denkens der Gegenwart. Denn die betreffenden, zuweilen recht gelehrten Männer, die diesen Vergleich so einleuchtend hinstellen, vergessen dabei nur eines: daß sie nämlich selbst dabei sind und oben diese Nadel drehen! Nun ist ja Selbstvergessenheit in gewissen Gebieten des Lebens sehr gut, aber in diesem Fall ist gerade mit dem Experimentator das Allerwichtigste vergessen, ohne das der Öltropfen sich überhaupt nicht drehen würde. Mindestens müßte der Gelehrte, der mit solchem Aberglauben ausgestattet ist — Kant-Laplacesches System ist dieser Aberglaube benannt —, wenigstens ein klein bißchen Konsequenz im Denken haben. Er müßte wenigstens annehmen, daß sich damals irgendein Wesen einen Riesenstuhl in den Weltenraum hinausgestellt und eine Riesenachse in Bewegung gesetzt hätte. Das müßte man mindestens voraussetzen. Aber es hat sich allmählich das menschliche Denken so sehr daran gewöhnt, nur das Materielle ins Auge zu fassen, daß man den Widerspruch eines solchen Vergleiches gar nicht mehr bemerkt.

[ 3 ] In der Tat ist ja eine gewisse Wahrheit in diesem sogenannten Kant-Laplaceschen Weltensystem, wenn sich auch diese Wahrheit anders verhält, als die materialistische Erklärung die Sache hinstellt. Es ist eine gewisse Wahrheit darinnen, weil dem hellseherischen Blick alles, was unser heutiges Sonnensystem enthält, tatsächlich erscheint als aus solch ursprünglicher Nebelmasse hervorgegangen. Allein demjenigen, der wirklich geschichtlich forschen kann, dem wird klar, daß das Gute an der Kant-Laplaceschen Hypothese von den okkulten Traditionen herrührt. Das hat man vergessen, als das Wort «Okkultismus» etwas wurde, wovor man sich fürchtete wie Kinder vor dem schwarzen Mann. Aber das, was bei der Bildung unseres Sonnensystems wirklich geschehen ist, das ist nicht ohne den Einfluß von geistigen Wesenheiten und Mächten geschehen. Die Materie tut nichts, ohne daß geistige Wesen zugrunde liegen.

[ 4 ] Es würde uns heute zu weit führen, wenn wir, anknüpfend an das Gestrige, die ganze Erklärung unseres Sonnensystems aufnehmen wollten. Wir wollen außer Betracht lassen die Planeten wie Saturn, Jupiter und so weiter und nur ins Auge fassen, was vor allen Dingen für unser menschliches Leben und die menschliche Entwickelung von Bedeutung ist.

[ 5 ] In der Tat war einmal ein solcher Urnebel, und in diesem waren, wie aufgelöst, alle Teile unseres Sonnensystems. Aber mit diesem Urnebel verbunden, so daß sie dazu gehörten, waren die Wesenheiten, welche wir im Laufe der gestrigen Betrachtung kennengelernt haben. Zum Beispiel waren mit jenem Weltennebel, mit jenem kosmischen Nebel verbunden alle die Wesen, die in den 24 Stufen durchgemacht haben die Menschenstufe. Auch noch andere Wesenheiten waren mit ihm verbunden. Sie alle wohnten in jenem Urnebel, der, wenn man ihn nicht im Zusammenhang mit diesen Wesenheiten denkt, eine phantastische Abstraktion ist. Wie ihn sich der materialistische Chemiker etwa denkt, ist er unmöglich. So ist er nur in Gedanken, von der Wirklichkeit abgesondert. In Wirklichkeit ist er so vorhanden, daß er bewohnt ist von einer Reihe von geistigen Wesenheiten. Denn als jener Urnebel aufstieg zu seiner neuen Sichtbarkeit, da waren verbunden mit ihm alle die Wesenheiten, die einst den alten Saturn bewohnten, die dann die verschiedenen Entwickelungsstufen durch Sonne, Mond durchgemacht haben bis herauf zur Erde, wo nach langer Zwischenpause der Erden-Urnebel sozusagen aufstieg. Und auch die anderen Wesenheiten, die wir erst auf der Sonne kennengelernt haben, waren verbunden mit diesem Urnebel. Und diese Wesenheiten, der ganze Chorus, der darinnen war, der diesen Urnebel durchsetzte, diese sind es, welche die Bewegungen hervorriefen. Denn die Wesenheiten sind es, die sich ihren Schauplatz schaffen.

[ 6 ] Da waren zum Beispiel Wesenheiten, die einen ganz anderen Wohnplatz brauchten als die Menschen, wenn sie die ihnen entsprechende Entwickelung durchlaufen wollten. Die Menschen, die auf dem alten Monde als die Vorfahren der jetzigen Menschen gelebt haben, hatten erst physischen Leib, Ätherleib und Astralleib. Mit diesen drei Gliedern ihrer Wesenheit kamen sie im Beginne der Erdenentwickelung aus dem sogenannten Pralaya wiederum heraus wie eine Pflanze aus dem Samen. So, wie nun dieses ganze System im Anfang war, war es ungeeignet für die Wesenheiten, die die Anlagen mitgebracht hatten zum heutigen Menschen. Wäre jene Schnelligkeit der Entwickelung beibehalten worden, die unser Sonnensystem im Anfang hatte, als es herauskam aus der kosmischen Dämmerung, so hätte der Mensch seine Entwickelung nicht finden können. Es wäre eine Entwickelung gewesen, als ob Sie jetzt geboren würden und dann in kürzester Zeit schon Greise wären. Würde jene Schnelligkeit der Entwickelung beibehalten worden sein, die der Sonne eigen war, so würden Sie alle rasch altern. Sie würden nicht jenen langsamen Gang durch die Jahrzehnte machen können, wie Sie es wirklich tun. Nach kurzer Zeit würden Sie weiße Haare haben. Kaum daß Sie Kind gewesen sind, würden Sie schon Greise sein.

[ 7 ] So hat es nicht sein dürfen. Es waren also Wesenheiten vorhanden, die ein schnelleres Tempo brauchten. Diese \Wesenheiten machten nur einen Teil der Entwickelung mit, nahmen sich dann jenen Weltenkörper heraus, der heute als Sonne am Himmel steht, und machten diese Sonne zu ihrem Wohnplatz. Sie zogen mit ihrer Wesenheit die Sonnenmaterie heraus. Denn diese Sonne, die heute ihr Licht uns zuschickt, ist ebenso von geistigen \Wesenheiten bewohnt wie unsere Erde. Mit jedem Sonnenstrahl, der herunterdringt, gehen auf die Erde herunter die Taten jener geistigen Wesenheiten, die sich im Verlauf der Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung dahin gebracht haben, daß sie eine so rasche Entwickelung durchmachen können, wie sie auf der heutigen Sonne stattfindet. Hohe, erhabene Wesenheiten sind verknüpft mit diesem Sonnendasein im Beginne unserer Erdenentwickelung, und sie spalten sich ab. Und was dann zurückgeblieben ist, müssen Sie sich so vorstellen, als wenn Sie den heutigen Mond und die heutige Erde in einem großen Topf zusammengerührt hätten und diese zusammengerührten Erde und Mond zunächst eine Zeitlang die Sonne umkreisten.

[ 8 ] So haben wir, bevor wir den Punkt erreichen, den wir gestern als Menschwerdung bezeichnet haben, zunächst die Trennung der Sonne von der Erde, das heißt der heutigen Erde plus dem heutigen Monde festzustellen. Auf der Sonne blieben wohnen die Wesenheiten, welche die geistigen Lenker der irdischen Ereignisse sind. Als sie vom Monde herüberkamen, da waren es sieben solcher Wesenheiten. Die Genesis nennt sie Elohim, Lichtgeister. Sie haben eine Weile ihre Entwickelung mit der Erde zusammen durchgemacht und dann die Sonne herausgezogen, so daß sie nun von der Sonne heraus auf die Erde wirken können. Diese Elohim, diese Lichtgeister waren also ihrer sieben. Sechs von ihnen waren so, daß sie ihr Dasein mit der eigentlichen kosmischen Sonne verbanden. Einer sonderte sich aus von ihnen, einer, den das Alte Testament Jahve nennt. Der sonderte sich aus und blieb zunächst mit der Erde verbunden. Der leitete und lenkte die Erdenentwickelung von innen heraus, während die anderen von außen herein wirkten. So war es eine Weile.

[ 9 ] Aber schon nach dem, was gestern für den alten Mond angedeutet worden ist, werden Sie es begreiflich finden, daß mit dem Herausgehen der Sonne eine Verdichtung alles dessen verbunden war, was als Erde plus Mond zurückblieb. Es kam eine Periode über die Erdentwickelung, wo alle Wesenheiten, und nicht nur die Substanz, eine Vergröberung durchmachten. Die Wesenheiten zum Beispiel, die später die Menschen wurden, die damals noch sehr weich und fein waren, machten dadurch eine Vergröberung durch, daß sie scheußliche Instinkte annahmen. Eine Vergröberung des ganzen Lebens fand statt.

[ 10 ] Aber so durfte die Entwickelung nicht bleiben, wenn der Mensch entstehen sollte. Es würde eine Vergröberung eingetreten sein, dichter und dichter wäre alles geworden, und die Menschen wären zu Mumien erstarrt. Mumifiziert wären die Menschen geworden, und Sie hätten sehr bald einen Planeten gehabt, auf dem so etwas wie nicht gerade schöne, aber menschenähnliche Mumien, wie Statuen, sich angesammelt hätten. Mumifiziert wäre die Erde geworden. Es mußte ein anderes Ereignis eintreten. Gerade durch die Regierung des kosmischen Geistes Jahve wurde nun aus dieser Gesamtmasse Erde plus Mond dasjenige abgesondert, herausgeholt, was Sie jetzt als Mond, als diese ausgebrannte Mondschlacke am Himmel sehen. Da wurden nicht nur die gröbsten substantiellen Bestandteile, sondern auch die gröbsten Wesenheiten ausgesondert. So war durch das Weggehen der Sonne zuerst bewirkt worden, daß der Mensch nicht eine zu rasche Entwickelung nimmt, und durch das Weggehen des Mondes wurde nun bewirkt, daß der Mensch nicht eine Entwickelung nach dem Verdorren, nach dem Verdichten, nach dem Mumifizieren hin nimmt.

[ 11 ] So war die Erde herausgesondert aus der ganzen Masse, und jetzt wird der Gang der menschlichen Entwickelung unter dem Einflusse dieser zwei Himmelskörper über die Erde geleitet, das heißt natürlich nicht unter dem Einfluß der Himmelskörper, sondern ihrer Wesenheiten, der sechs Sonnengeister und des Mondengeistes, der sich zum Heil der Menschen abgesondert hatte. Und sie wird so geleitet, daß im wesentlichen diese beiden Kräfte sich die Waage halten. Durch das Heraustreten beider, der Sonnenkräfte und der Mondkräfte, wurde gerade das richtige Tempo der Menschheitsentwickelung erzielt.

[ 12 ] Denken Sie einmal — um Ihnen das durch etwas anderes nahezuführen —, daß nur die Sonne wirksam wäre für den Menschen. Sie wissen, die Menschen machen ihre Entwickelung auf der Erde in vielen, vielen Inkarnationen durch. Sie haben einmal mit der ersten Verkörperung auf der Erde angefangen und bekommen immer wieder neue Leiber, bis sie die letzte Verkörperung durchmachen werden. Eine Reihe von Inkarnationen macht der Mensch durch. Dadurch entwickelt er sich langsam und geht von Verkörperung zu Verkörperung aufwärts. Als wahre geistige Babies betraten die Menschen unsere Erdoberfläche. Seit der Trennung von Sonne und Mond von unserer Erde stiegen sie herauf bis zur heutigen Stufe. Alle diese Seelen werden wiederkommen in anderen Leibern bis zum Ende der Erdenentwickelung. Nun denken Sie sich, daß nur die Sonne wirksam wäre für den Menschen. Dann würden die Menschen alles das, was sie in so vielen Inkarnationen durchmachen, in einer einzigen durchlaufen müssen. Daß das richtige Tempo in die vielen Inkarnationen hineinkommt, das wird bewirkt durch das Sich-die-Waage-Halten der Kräfte zwischen Sonne und Mond von außen.

[ 13 ] In der Zeit, in welcher also Sonne und Mond hinausgetreten sind, beginnt allmählich der heutige Mensch. Da wird die erste Anlage zum heutigen Menschen geschaffen. Das war in einer Zeit, wo der Mensch keineswegs etwa schon wie heute auf dieser Erde herumwandelte. Sie dürfen durchaus nicht glauben, daß, als der Mond draußen war, der Mensch so wie heute in Fleischgestalt auf dieser Erde herumgewandelt ist. Es kommen zuerst all die Formen, die früher schon dagewesen waren, wie in einer Wiederholung wieder. Und als die Erde befreit war von der Sonne und dem Mond, da sah sie ungefähr so aus wie der alte Mond, war sogar noch weicher. Und wenn ein Auge, das so organisiert ist wie das heutige, hingesehen hätte auf die Erde, es hätte den Menschen noch nicht sehen können. Dagegen waren gewisse andere Wesenheiten da, welche nicht reif genug waren, abzuwarten die spätere Zeit. Sie mußten, während die Entwickelungsstufe noch unvollkommen war, sich herausentwickeln, mußten körperliche Gestalt annehmen, so daß gewisse Formen der niederen Tiere dazumal, einige Zeit nach dem Weggange des Mondes von der Erde, schon in physischer Verdichtung zu sehen waren. Der Mensch war noch nicht herabgestiegen, noch nicht einmal die höheren Säugetiere. Der Mensch war noch ein Geistwesen, er umschwebte noch als geistiges Wesen die Erde. Aus der Umgebung der Erde hat er die feinste Materie angenommen. Nach und nach verdichtete sich der Mensch so weit, daß er heruntersteigen konnte, da, wo die Erde schon fest geworden war und einzelne Inseln gebildet harte.

[ 14 ] So sehen wir, daß die ersten Menschen verhältnismäßig spät auftreten und daß sie damals ganz andere Beschaffenheit hatten als der heutige Mensch. Ich kann Ihnen nicht die Gestalten jener Menschen schildern, die sozusagen sich zuerst herauskristallisierten aus dem Geistigen. Wenn Sie auch schon viel von schwer zu Glaubendem über sich haben ergehen lassen müssen, Sie würden doch zu stark schockiert werden, wenn ich Ihnen schildern würde die grotesk ausschauenden Gestalten der Leiber, in denen Ihre Seelen inkarniert waren. Sie würden solch eine Schilderung nicht ertragen können. In einer späteren Zeit jedoch, wenn diese Dinge, die heute durch die anthroposophische Geistesströmung erst beginnen zum Bewußtsein der Menschen zu kommen, immer mehr und mehr dieses Bewußtsein der Menschen erobern, dann wird einmal das bekannt gegeben werden müssen, und es wird einen ungeheuren Erfolg haben, eine ungeheure Bedeutung für das ganze Leben der Menschen. Denn nur dadurch, daß der Mensch kennenlernen wird, wie er sich auch leiblich entwickelt hat, wie diejenigen Organe, die jetzt vorhanden sind, allmählich aus ganz anderen Formen sich herausgebildet haben, wird er jene merkwürdige Verwandtschaft zwischen Organen im menschlichen Leibe fühlen, die heute scheinbar weit auseinanderliegen. Da wird er die Korrespondenz einsehen, die zwischen gewissen Organen besteht, zum Beispiel zwischen dem Blinddarm und der Luftröhre, die in ihrer früheren Form bei jenen merkwürdigen Gestalten zusammengewachsen waren. Das alles, was heute der Mensch ist, das ist das auseinandergerollte Frühere, das in der mannigfaltigsten Weise auseinandergenommen ist. Organe, die heute auseinanderliegen, waren früher zusammengewachsen, sie haben aber ihre Verwandtschaft wohl bewahrt. In Krankheiten zeigt sich oft diese Verwandtschaft, da zeigt sich, wie die Erkrankung eines Organes notwendigerweise die eines anderen nach sich ziehen muß. Da werden diejenigen, die wirklich Medizin studieren werden, mancherlei Entdeckungen zu machen ‚haben, von denen sich die heutige Medizin, die nur eine Notizensammlung ist, nichts träumen läßt. Da wird diese Medizin erst wirklich etwas lernen über die wahre menschliche Natur. Das alles nur, um hinzuweisen, wie ganz anders die frühere Menschengestalt war.

[ 15 ] Erst nach und nach haben sich eingegliedert in diese menschliche Gestalt die festen Teile. Ursprünglich waren im Menschenleibe, auch als er sich schon heruntergesenkt hatte, noch keine Knochen. Die Knochen entwickelten sich aus weichen, knorpelartigen Dingen, die wie Stränge den menschlichen Leib durchsetzten, und diese wiederum waren aus ganz weichen Substanzen entstanden, und diese weichen Substanzen aus flüssigen, diese aus luftförmigen, die luftförmigen aus ätherischen und die ätherischen aus astralischen, die sich aus geistiger Substantialität verdichtet hatten. Alles Materielle ist zum Schluß aus dem Geistigen heraus entsprungen. Im Geiste ist alles vorgebildet. Erst in der Zeit, die wir schon angedeutet haben als den atlantischen Zeitraum, ist der Mensch nach und nach dazu gekommen, sein Knochensystem, das schon früher veranlagt war, herauszubilden.

[ 16 ] Nun müssen wir uns diesen lemurischen Menschen genauer anschauen, damit wir den Schreiber der Apokalypse besser verstehen lernen. Nur hinzudeuten brauche ich, daß in der ersten Zeit, wo der Mond weg war von der Erde und der Mensch sich heruntersenkte, daß da der Mensch in bezug auf seine Willenskraft ganz anderer Natur war als später. Die Willenskraft des Menschen wirkte dazumal magisch. Der Mensch konnte durch seinen Willen auf das Wachstum der Blumen wirken. Wenn der Mensch seinen Willen anstrengte, konnte er eine Blume rasch in die Höhe schieBen lassen, eine Fähigkeit, die heute nur durch eine abnorme Entwickelungsprozedur zu erreichen ist. Daher war damals die ganze natürliche Umgebung abhängig davon, wie der Wille des Menschen beschaffen war. War er gut, so wirkte er besänftigend auf das Wogen der Wassermassen, auf den Sturm und auf die damals in weitem Umkreis herrschenden feurigen Gebilde, denn es war die Erde damals zum großen Teil vulkanischer Natur. Der Mensch wirkte besänftigend auf das alles durch einen guten, und zerstörend durch einen bösen Willen. Ganze Inseln konnten zerschlagen werden durch den bösen Willen. So war durchaus des Menschen Wille im Einklang mit seiner Umgebung. Im wesentlichen gingen die Ländermassen, in denen der Mensch damals gewohnt hat, durch den bösen Willen der Menschen zugrunde, und nur ein kleiner Teil der damaligen Menschen — hier müssen wir wieder zwischen Rassen- und Seelenentwickelung unterscheiden — rettete sich hinüber in den Zeitraum, den wir richtig beschreiben können, weil wir da aus unserer Sprache heraus Worte finden, die die hellscherische Wahrnehmung wiedergeben können.

[ 17 ] Wir kommen nach dieser Katastrophe in die alte atlantische Zeit, in jene Zeit, in welcher sich das Menschengeschlecht im wesentlichen auf einem Kontinent entwickelte, der heute den Boden des Atlantischen Ozeans bildet, zwischen dem heutigen Europa und Amerika. Unter ganz anderen physikalischen, unter ganz anderen Verhältnissen überhaupt lebte damals der Mensch. Anfangs war er durchaus ein Gebilde, das ganz anders wahrnahm als der heutige Mensch. Wir haben schon darauf hingedeutet im ersten Vortrag und später wiederum. Heute wollen wir nochmals etwas genauer hinweisen auf diese ganz andere Art der Anschauung des damaligen Menschen.

[ 18 ] Der Mensch hatte noch eine Art alten Hellsehens aus dem Grunde, weil das Gefüge seiner Leibesglieder anders war als heute. Es war noch nicht in so enger Weise der Äther- mit dem physischen Leibe verbunden. Der Ätherleib des Kopfes war weit heraußen aus dem physischen Leibe. Erst gegen das letzte Drittel der atlantischen Zeit ging der heraushängende Ätherleib zurück und bekam die Form des heutigen physischen Menschenkopfes. Dadurch, daß dieser alte Atlantier so ganz anders gestaltet war als der heutige Mensch und anders im Gefüge seiner Glieder war, war auch das ganze Bewußtseinsleben, das ganze Seelenleben dieses alten Atlantiers ein anderes. Und hier müssen wir noch, wenn wir richtig verstehen wollen den Apokalyptiker, ein sehr wichtiges, aber auch sehr geheimnisvolles Kapitel berühren.

[ 19 ] Wenn Sie in diese alte Atlantis kommen würden, würden Sie finden, daß sie nicht von solch reiner Luft umgeben war wie die heutige Erde, sondern von einer Luft, die durchschwängert war mit Nebel-, mit Wassermassen. Diese Luft wird durchsichtiger, klarer, je weiter sich die Atlantis entwickelt. Aber die Nebel sind am stärksten dort, wo sich die erwähnte höherentwickelte atlantische Kultur entfaltet hat. Da waren die ärgsten Nebel vorhanden, und aus diesen Nebeln heraus entwickelte sich die Grundlage für die späteren Kulturen. Die Atlantis war weit und breit mit solchen Nebeln durchzogen. Eine solche Verteilung von Regen und Sonnenschein wie heute hat es nicht gegeben. Daher konnte in der alten Atlantis das nicht entstehen, was Sie als den Regenbogen kennen. Sie können die ganze Atlantis absuchen, Sie finden ihn kaum. Erst als die Verdichtung der Wasser zur Überflutung geführt hatte, als die Sintflut hingegangen war über die Erde, da erst konnte der Regenbogen physikalisch entstehen. Und hier haben Sie einen Moment, wo Ihnen aus der Geisteswissenschaft heraus die höchste Ehrfurcht kommen wird vor den religiösen Urkunden. Denn wenn Ihnen erzählt wird, daß nach der Flut Noah, der Repräsentant von denen, die das Menschengeschlecht hinübergerettet haben, den Regenbogen zuerst aufgerichtet sieht, so ist das wirklich ein historisches Ereignis. Nach der Flut sieht die Menschheit den ersten Regenbogen. Früher war er physikalisch nicht möglich.

[ 20 ] Da sehen Sie, wie tief, wie buchstäblich wahr die religiösen Urkunden sind. Heute quält es manchen, wenn man sagt, die religiösen Urkunden seien buchstäblich wahr. Manche zitieren ein Sprichwort, das wahr ist, aber von den Bequemlingen nicht als wahres Wort, sondern aus Bequemlichkeit zitiert wird. Es ist das Wort: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. — Daraus leiten sie die Berechtigung ab, überhaupt gar nicht mehr auf das hinzuschauen, was in den Urkunden dasteht, gar nicht mehr den Willen haben zu müssen, zu erkennen, was da wirklich steht, denn das ist der tötende Buchstabe, sagen sie. Und so lassen sie ihren Geist glänzen, der alles mögliche zusammenphantasiert. Sie können ja sehr geistreich sein, diese Menschen in ihren Erklärungen, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß wir wirklich das sehen in den Urkunden, was in ihnen drinnensteht. «Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig», dieses Wort hat dieselbe Bedeutung in der mystischen Sprache wie das Goethesche Wort:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

[ 21 ] Dieses Wort heißt nicht: Wenn du jemand zur höheren Erkenntnis führen willst, mußt du ihn erschlagen —, sondern das heißt: Der Mensch muß gerade durch die Kultur der physischen Welt sich erheben zu der Geistigkeit. — So ist auch der Buchstabe der Leib des Geistes, und erst muß man ihn haben und verstehen, dann mag man sagen, man könne aus ihm heraus den Geist finden. Der Buchstabe, der begriffene Buchstabe soll dann absterben, auf daß der Geist aus ihm auferstehe. Nicht eine Anweisung ist jenes Wort, beliebig zu phantasieren gegenüber dem, was in den religiösen Urkunden steht. Gerade wenn wir die wahre Bedeutung dieses Regenbogens zum Beispiel, wie wir sie dargestellt haben, erkennen, dann zieht etwas ein in unsere Seele wie tiefe Ehrfurcht vor den religiösen Urkunden, und wir bekommen einen Begriff, wie durch jene Vertiefung der Auffassung durch die anthroposophische Weltanschauung der Mensch erst zur wahren, echten Empfindung und zum wahren Willensverständnis der religiösen Urkunden vorschreitet.

[ 22 ] Nun wollen wir zurückschauen in die alte Atlantis, Wir haben schon gesagt, daß der Mensch da in einem anderen Bewußtseinszustand lebte, daß sein Gedächtnis anders war als heute. Aber der Unterschied ist noch viel beträchtlicher. Wenn wir weit zurückgehen, nicht bloß bis in die Endzeit der Atlantis, sondern in die Anfangszeit, dann finden wir das menschliche Bewußtsein sehr verschieden von dem, was wir heute haben.

[ 23 ] Führen wir uns noch einmal vor die Seele, was heute da ist. Während des Tages bedient sich der Mensch der Sinne. Abends schläft er ein. Im Bette liegen der physische Leib und der ätherische Leib, der astralische Leib und das Ich treten heraus. Die Bewußtseinssphäre verdunkelt sich. Der Mensch von heute sieht .nichts, hört nichts. Morgens, wenn der astralische Leib mit dem Ich untertaucht in den physischen und Ätherleib, dann treten die physischen Dinge wiederum hervor. Wie war es in der ersten atlantischen Zeit? Nehmen wir jenen Zeitpunkt, wo morgens der Mensch hinuntertauchte in den physischen und Ätherleib. Da hatte er damals nicht eine solche physische Welt um sich wie heute. All die Gegenstände von heute, die Sie mit klaren Grenzen sehen, die würden Sie wie mit einer Aura, mit Farbensäumen umgeben, ganz verschwommen gesehen haben, so, wie Sie auch bei einem starken Nebel abends die Lichter auf den Straßen nicht klar sehen, dafür aber solche Farbensäume um die Lichter der Laterne herum. So war es in der alten Atlantis. Alle Gegenstände sah man nur verschwommen, nichts mit den Grenzen und Oberflächen von heute, alles wie in Nebelfarben eingehüllt. Erst nach und nach hat sich das herausgebildet, was feste Grenze ist. Wenn wir eine Rose vor uns gehabt hätten, so hätten wir in den ersten Zeiten der alten Atlantis gesehen, wie da ein Nebelgebilde aufgeht, wie in der Mitte ein rosaroter Kreis ist, und nach und nach erst hätten sich die äußeren Farben gleichsam hinübergelegt über die Oberfläche. Die Gegenstände haben erst später klare Umrisse bekommen.

[ 24 ] Also Sie sehen, ganz anders ist jetzt die physische Umwelt als in der alten Atlantis. Dafür war es auch anders, wenn Sie des Abends herausgestiegen sind aus Ihrem physischen Leib und, sagen wir, eingeschlafen sind. Eigentlich war es ja kein Einschlafen im heutigen Sinne. Allerdings, die ganze Welt der nebelhaften physischen Gebilde blieb unter Ihnen, aber auf ging eine geistige Welt. Ohne feste Grenzen lebten Sie sich in eine geistige Welt hinein. Die geistigen Wesenheiten waren Ihre Mitbewohner. So wechselten Tag und Nacht in der ersten atlantischen Zeit miteinander ab. Wenn der Mensch untertauchte in seinen physischen Leib, hatte er nur undeutliche, verschwommene Bilder des Physischen, aber wenn er des Nachts den physischen Leib verließ, hatte er die Möglichkeit, wenn auch etwas verschwommen, geistig unter Geistern zu leben, unter Geistern zu wandeln. Und vor allen Dingen war das ganze Empfindungsleben des Menschen auch ein anderes in der alten atlantischen Zeit. Wenn Sie, sagen wir, herausgegangen sind aus dem Innern Ihres physischen und Ätherleibes, da hätten Sie nicht Ermüdung gefühlt, kein Bedürfnis nach Ruhe gehabt. Sie hätten auch die Ruhe nicht gefunden; Sie mußten eintreten in die geistige Welt, da war die Sphäre des Wirkens. Wenn es dagegen Morgen wurde, fühlten Sie Ruhebedürfnis, und da suchten Sie sozusagen Ihr Bett auf, das Ihr eigener Leib war. Da blieben Sie ruhig liegen. Sie verkrochen sich in Ihren eigenen Leib und ruhten gerade bei Tage.

[ 25 ] In der ersten Zeit der Atlantis war es also durchaus anders als jetzt. Die atlantische Zeit verläuft so, daß der Mensch sich allmählich herüberlebt aus den ganz entgegengesetzten Zuständen in die späteren. Er lebt sich in dem Maße herüber, als sein Ätherleib mehr und mehr hineingetrieben wird in den physischen Leib. Im letzten Drittel der atlantischen Zeit wurde der Ätherleib hineingetrieben in den physischen Leib. Vor diesem Ereignis fühlte sich der Mensch oben in der geistigen Welt als Wachender. Aber als solcher sagte er nicht zu sich Ich, hatte er nicht das Selbstbewußtsein. Wenn er herausging aus dem physischen und Ätherleib, um in die Helligkeit der Nacht sich hineinzubegeben, da fühlte er sich so recht als Glied der Geistigkeit, die da oben war, fühlte sich sozusagen hineingeborgen in seine alte Gruppenseele. Jedesmal wurde es um ihn hell in der Nacht, aber er fühlte sich unselbständig. Wie unsere Finger zu unserem Ich, so fühlten sich die Menschen hinzugehörig zu den Gruppenseelen, die hellseherisch so gesehen werden, wie sie in den vier Köpfen des Löwen, Ochsen, Adlers und Menschen in der Apokalypse des Johannes geschildert sind. In irgendeine solche Gruppenseele hineinversetzt fühlte sich der Mensch. Und erst wenn er in seinem Leibesschneckenhaus war, fühlte er, daß er etwas Eigenes hatte. Denn daß der Mensch ein selbständiges Wesen wurde, das kam davon, daß er sich einschließen konnte in seinen Leib. Er mußte allerdings dieses Einschließen in seinen Leib damit bezahlen, daß sich nach und nach die geistige Welt für ihn verfinsterte, daß sie sich ganz und gar von ihm zurückzog. Dafür aber wurde immer heller und klarer die Welt, die er unten sah, wenn er im physischen Leibe war. Damit dämmerte immer mehr und mehr in ihm auf, daß er ein Ich sei, daß er in sich selbst ein Selbstbewußtsein trage. Er lernte zu sich Ich sagen.

[ 26 ] Wenn wir charakterisieren wollen, was damals geschah, so denken wir uns den Menschen, wie er gleichsam hinauskriecht aus seinem Leibesschneckenhaus, in die geistige Welt hinein. Er ist da unter geistig-göttlichen Wesenheiten. Da tönt ihm sein Name, das was er ist, von außen entgegen. Der einen Gruppe tönt entgegen das Wort, das in der Ursprache das Wort war für diese Gruppe, der anderen das Wort für die andere Gruppe. Der Mensch konnte sich nicht von innen heraus benennen, er mußte von außen seinen Namen entgegengetönt erhalten. Wenn er so herauskroch aus seinem Leibesschneckenhaus, wußte er, was er war, weil es ihm in die Seele hineingerufen wurde. Jetzt, da er lernte, in seinem Leibe wahrzunehmen die physische Umgebung, da lernte er sich als Ich empfinden, da lernte er die göttliche Kraft, die ihm früher von außen eingetönt war, in sich selbst fühlen. Er lernte den Gott in sich selber fühlen. Der ihm der nächste war, dieser Gott, der zu gleicher Zeit sein Ich andeutete, den nannte er Jahve, der war der Ich-Leiter. Die Kraft dieses Gottes fühlte der Mensch zunächst in seinem Ich aufgehen.

[ 27 ] Damit waren äußere Ereignisse verbunden. Wenn der alte Atlantier so untertauchte in seinen physischen Leib, dann sah er wohl auch hinaus in den Himmelsraum, und da sah er, wie gesagt, einen wirklichen Regenbogen nicht, aber so etwas wie ein Kreis aus Farbe gebildet war da, wo später die Sonne auftauchte. Die Sonne drang noch nicht durch mit ihrer Kraft, aber sie wirkte durch den Nebel hindurch. Gehindert, aufgehalten durch den Nebel wirkte sie mit ihrer Kraft auf die Erde. Immer mehr und mehr kam sie heraus, so daß alles, was geschildert worden ist, dieser Aufgang des äußeren Bewußtseins, verknüpft war mit dem Herauskommen der Sonne aus dem Nebel. Was da oben war, wo ihren Wohnsitz hatten die sechs anderen Geister, die mit Jahve zusammen die Erdenentwickelung zu lenken hatten, das drang allmählich heraus, das schien herunter in seinen Taten auf die Erde.

[ 28 ] Was war mit dem Menschen vorgegangen? Der Mensch war früher, seiner eigentlichen Seele, seinem Geiste nach, wenn er aus dem Leibe herausgestiegen war, wenn es sozusagen Nacht war, in innere, astralische Helligkeit getreten, zu der die äußere Sonne nicht notwendig ist. Diese Helligkeit war um ihn herum. Es war dasselbe Licht von mächtigen geistigen Wesenheiten, das später physisch herunterschien von der Sonne. Als er immer mehr sich in sein physisches Bewußtsein einschloß, da wurde das Tor des inneren Schauens zugeschlossen. Finsternis umgab ihn, wenn er des Nachts seinen physischen und seinen Ätherleib verließ und in die geistige Welt eintrat. In demselben Maße, in dem er sich einschloß, stieg das äußere Licht auf, das die Taten der geistigen Wesenheiten der Sonne darstellt. Das Licht der geistigen Wesenheiten schien äußerlich herunter auf die Erde. Der Mensch bereitete sich vor, das äußere Licht als etwas Materielles anzusehen. In sein jetziges verfinstertes Innere schien das Licht, das Licht aber wurde von seinen Finsternissen zunächst nicht begriffen.

[ 29 ] Das ist ein weltgeschichtlicher, kosmischer Vorgang. Der Mensch hat sich in der damaligen Zeit durch die geistige Verfinsterung sein Selbstbewußtsein erkauft. So ist der Mensch herausgewachsen aus der Gruppenseelen-Helligkeit. Aber es war nur das allererste Aufdämmern der Individualität. Lange, lange dauerte es noch, bis wahrhaft die Individualität über den Menschen kam. Es verging die letzte atlantische Zeit; die Flut brach herein. Die nachatlantische Zeit begann, die uralt indische Kultur verging. Das Selbstbewußtsein war da noch nicht gediehen. Dann kam die persische, die ägyptisch-babylonische Zeit. Immer mehr reifte der Mensch dazu heran, das Selbstbewußtsein in sich zu entwickeln. Endlich kam der vierte Zeitraum. Da vollzog sich etwas von ungeheurer Wichtigkeit, zu dem das vorher Geschehene die Vorbereitung war.

[ 30 ] Denken Sie sich einmal hinweggehoben von der Erde an einen fernen Stern und mit hellseherischem Auge begabt herunterschauend auf die Erde von jenem fernen Sterne aus. Da würden Sie sehen, daß diese Erde als physischer Leib eben nur physischer Leib ist und daß zu ihr gehören Ätherleib und astralischer Leib wie zum Menschen. Das alles hat auch die Erde. Sie würden die Erde von ihrer Aura umgeben sehen, und Sie würden durch Jahrtausende von jenem Stern aus verfolgen können die Entwickelung der irdischen Aura, Sie würden diese Erde eingeschlossen sehen von allerlei Farben: in der Mitte den physischen Kern, und darum herum flutend die Aura in verschiedenen Formen und Farben, die verschiedensten Gebilde darinnen in dieser geistigen Atmosphäre der Erde. Sie würden diese Farben und Formen im Laufe der Jahrtausende sich mannigfaltig verändern sehen, aber es würde ein Zeitpunkt eintreten, ein Zeitpunkt von großer Wichtigkeit: da nimmt die ganze Aura eine andere Form und Farbe an. Die Erde erscheint in einem neuen Lichte, zunächst von außen gesehen. Und das geschieht mit ungeheurer Schnelligkeit, so daß man sich sagen muß: Von diesem Augenblick an ist eine Grundverwandlung mit der Erde vor sich gegangen, die Erdenaura hat sich völlig verwandelt. — Welcher Zeitpunkt ist das? Das ist der Zeitpunkt, wo auf Golgatha das Blut aus den Wunden des Erlösers floß. Dieser Augenblick ist ein höchst wichtiger, der wichtigste Augenblick der ganzen Erdenentwickelung. Der Augenblick, wo das Blut aus den Wunden des Erlösers fließt, ist derselbe, wo die Aura der Erde sich neugestaltet. Es tritt eine ganz neue Kraft ein, jene Kraft, die der wichtigste Impuls für die Erdenentwickelung ist, zu der alles, was wir bisher gesehen haben, nur Vorbereitung war.

[ 31 ] Für den Chemiker ist das Blut auf Golgatha dasselbe wie anderes Blut auch. Aber dieses Blut ist ein ganz anderes. Es bedeutet, daß die Materie des Blutes hinunterfließt auf den Erdboden und daß der Geist, der dem Blute entspricht, die Erdenaura erfüllt mit neuen Impulsen und neuen Kräften, die ihre Bedeutung haben für die zukünftige Menschheitsentwickelung. Von da strahlen die Kräfte aus, welche die Erde umändern, von da strahlen sie durch den Menschen. Nur ein kleiner Teil dessen, was eingeflossen ist in jenem Momente, hat sich bis heute erfüllt. Immer mehr und mehr werden die Menschen lernen, zu verstehen, was die Erde durch jenen Moment von Golgatha geworden ist, was der Mensch werden kann in dem Bewußtsein, das er sich auf die geschilderte Art errungen hat seit der Atlantis.

[ 32 ] Was hat sich denn der Mensch errungen seit der Atlantis? Zweierlei: das Ich-Bewußtsein und die Fähigkeit, außen in der äußeren Welt zu sehen. Zugeschlossen hat sich vor ihm, was früher offen für ihn war, die geistige Welt. Wahrhaftig, diese früheren Menschen, sie haben gesehen, was die späteren Mythen erzählen: Wotan — Merkur, Jupiter — Zeus, all die Gestalten haben sie des Nachts gesehen. Sie waren in der Nacht mitten unter ihnen. Das Tor zu diesen geistigen Wesenheiten hat sich zugeschlossen. Dafür hat der Mensch sich erobert die heutige Welt um ihn herum. Die Geister sind vor ihm zurückgetreten. Alles, was er damals hat sehen können, ist zurückgetreten. Früher hat er das Göttliche gesehen, wenn er hinausgeschlüpft ist aus dem Schneckenhaus seines physischen Leibes; jetzt mußte er innerhalb des Leibes das Göttliche sehen, wenn es vor ihm auftreten sollte. Das heißt nichts anderes, als daß wir das Göttliche in leiblich-sichtbarer Gestalt annehmen müssen, weil das Menschenbewußtsein so geworden war, daß es hingeordnet war auf das physische Schauen. Deshalb mußte das Göttliche selbst leiblich-physische Gestalt annehmen. Darum erschien das Göttliche einmal in der Zeitentwickelung im fleischlichen Leibe. Es mußte so erscheinen, weil der Mensch bis zu dieser Stufe des Wahrnehmens vorgedrungen war. Es mußte so seiner Wahrnehmung gegeben werden, damit er es verstehen konnte. Und es mußten all die Erscheinungen, die früher eingetreten waren für andere Stufen der Entwickelung, sich zusammenschließen in jenem größten Ereignis der Erdenentwickelung, das uns Licht werfen wird auf alle Zukunft, die wir nunmehr aus der Apokalypse enthüllen werden: in jenem Ereignis, das sich physisch so ausnimmt, daß die Blutstropfen niederströmten zur Erde; das, hellseherisch wahrgenommen, aber als etwas aufsteigt, was die Aura der Erde verändert. Die Kraft, die da einfloß, wird zusammenwirken mit der Erde in alle Zukunft hinein. Damit war der Erdenseele, dem Geist der ganzen Erde, etwas Neues eingeimpft worden. Was das Christus-Prinzip ist, hat sich damals mit der Erde verbunden, und die Erde ist der Leib dieses Christus-Prinzips geworden, so daß wörtlich wahr ist: «Wer mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.» Wenn der Mensch das Brot der Erde ißt, so ißt er den: Leib der Erde, und das ist der Leib des Erdgeistes, der seit jenem Ereignis auf Golgatha als Christus-Geist mit der Erde verbunden ist. Und der Mensch wandelt auf diesem Erdenleib herum, er tritt diesen Leib mit Füßen. Alles ist wörtlich zu verstehen, wenn wir uns erst die Möglichkeit verschaffen, den Wortlaut in der wirklichen Weise aufzufassen.

[ 33 ] Für einen solchen Menschen wie den Schreiber des JohannesEvangeliums wurde alles, was er wußte, was er im hellseherischen Schauen erfassen konnte, zu einer Aufforderung, das größte Ereignis der Erdenentwickelung zu verstehen. Was er lernen konnte hellseherisch, von dem sagte er sich: Ich muß es gebrauchen, um die Gestalt des Christus zu verstehen und ihre Wirkung. — Alle Geheimwissenschaft zur Erklärung des Ereignisses von Golgatha zu verwenden, ist die Tendenz dessen gewesen, der die Apokalypse geschrieben hat. Nichts anderes wollte er in dem erblicken, was er in der Geheimwissenschaft lernen konnte, als eine dienende Weisheit, um dieses Ereignis zu verstehen, das er in so großartiger Weise vor unsere Seele gestellt hat und von dem wir sehen werden, was es für ihn geworden ist.