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The Rudolf Steiner Archive

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Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a

15 Mai 1909, München

Sechster Vortrag

[ 1 ] Damit wir die Aufgabe unserer Zeit und unsere Zukunftsentwickelung uns vor die Seele führen können, müssen wir einen Blick werfen auf die Tatsachen, die wir schon kennen. Wenn wir von der Erde sprechen, meinen wir ja dabei alles, was von geistigen Wesenheiten dazugehört. Im Beginne der Entwickelung war sie noch nicht abgetrennt von den übrigen Körpern unseres Sonnensystems. Wir rechnen zu unserem Sonnensystem alles bis zum Saturn hinauf, und wie die physische Wissenschaft von einem alten, großen Erdball spricht, von dem sich die übrigen Gestirne abgegliedert haben, so spricht auch die geistige Forschung von dem alten, großen Saturn, der, weit über die heutige Erde hinausreichend, das ganze Sonnensystem umfaßte und der aus ineinanderwogender Wärme bestand. Es gab keine Luft; der Raum, in dem diese uralte Kugel war, war durchsetzt mit regelmäßigen Wärmeströmungen. Das waren die Vorfahren von uns Menschen; unser Leib bestand dazumal aus Wärmeströmungen.

[ 2 ] Wir können uns davon eine Vorstellung bilden, wenn wir uns vom Menschen fortdenken würden, was Knochen, Nerven, Muskeln sind und dann nur behalten würden die Blutwärme. Es war also dazumal von dem Menschen die Wärmesubstanz vorhanden; es gab kein mineralisches Reich, aber der Mensch war selbst innerhalb mineralischer Gesetzmäßigkeit. Das war es, was wir heute deutlich empfinden müssen als die eine Epoche unserer Erdenentwickelung.

[ 3 ] Dann gab es eine Epoche, da hatte die Erde abgestreift den alten Saturn, aber Sonne, Mond und Erde blieben verbunden und blieben ein Körper. Der Mensch war dazumal in luftförmiger Leiblichkeit vorhanden. Alle Kraft, die von der Sonne kommt, kam zu jener Zeit aus dem Innern der Erde heraus. Alles kam von innen heraus, die Erde strahlte in den Weltenraum hinaus. Erst als sich die Sonne von der Erde getrennt hatte, fing sie an, sie von außen zu bestrahlen. So haben wir eine zweite Epoche in der Menschheitsentwickelung, in der der Mensch, wenn auch ein luftförmiges, so doch ein pflanzliches Dasein hatte. ... [Große Lücke in der Nachschrift; es wird der Mondenzustand und die polarische und hyperboräische Zeit geschildert.]

[ 4 ] Nun kommt die dritte Zeit, die lemurische Zeit, da der Mond heraustritt aus der Erde und die Wesenheiten des Mondes von außen auf sie einwirken. Es wäre gar nicht möglich, eine Pflanzendecke der Erde zu denken, ohne daß die Sonnen- und Mondkräfte wechselseitig von außen wirkten. Wäre der Mond im Leibe der Erde darinnen geblieben, dann wäre die Erde so starr geworden, daß der Mensch verhärtet wäre. Nur dadurch, daß der Mond sich losgetrennt hatte, wurde die Erde mitten hineingestellt zwischen Sonne und Mond; sonst würde die Erde unter dem bloßen Einfluß der Sonnenkräfte ein zu schnelles Tempo in der Entwickelung eingeschlagen haben. So verdanken wir unserer Stellung zwischen Sonne und Mond das richtige Tempo. Wir haben also nun ein drittes Stadium, wo der Mond schon draußen ist.

[ 5 ] Diese drei Stadien spiegeln sich in der nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Das, was sich draußen im großen während des Erdenzustandes vollzogen hat, das spiegelt sich im kleinen in der nachatlantischen Zeit. So sehen wir, wie die äußeren kosmischen Vorgänge der sogenannten polarischen Zeit sich widerspiegeln in der ersten nachatlantischen Kultur, in der altindischen Zeit. Damals, in der polarischen Zeit, war alles innerlich, innen in dem Wärmeleib der Erde; und wir sehen, wie die alten Inder das alles fühlten in ihrem Innern. Daher schaute ihr Gemüt nicht hinaus in Weltenräume, sondern sie fühlten sich eins mit Brahman.

[ 6 ] Dem polarischen Zeitalter folgte die hyperboräische Zeit mit einer Menschenrasse, die eines luftartigen Leibes teilhaftig wurde. Die Sonne hatte sich da von der Erde getrennt und wirkte nun von außen. Die Trennung spiegelt sich in der urpersischen Kulturepoche, da Zarathustra den Ahura Mazdao, den Sonnengeist verkündete. Der Sonnengeist ist das lenkende und leitende Prinzip in der urpersischen Kulturepoche.

[ 7 ] Und das dritte, das lemurische Zeitalter spiegelt sich in der ägyptischen Zeit in der ganzen religiösen Anschauung. Man kann von den verschiedensten Seiten und Standpunkten die Lehre von Osiris und Isis charakterisieren. Das Charakteristischste an dieser Lehre aber war folgendes: In dem alten lemurischen Zeitalter waren Geburt und Tod noch gar nicht vorhanden. Der Mensch wiederholte zunächst den Zustand, in dem er gewesen war, als die Sonne sich noch nicht von der Erde getrennt hatte. Damals war er in einem geistigen Leibe. Dann, als die Sonne nicht mehr mit der Erde vereinigt war, brachte er es zu einem luftartigen Leibe; dann aber wurde der Menschenleib mit wäßrigen Dünsten erfüllt. Vor der lemurischen Zeit war die menschliche Wesenheit nur als Dunst und Dampf vorhanden, kaum unterscheidbar von dem, was da als Dunst oder Nebel durcheinanderflutete, wie Wolken wandelbar, gleich den heutigen Wolken sich fortwährend wandelnd. Es war also in diesen alten Zeiten der Mensch überhaupt noch nicht auf der Erde, sondern über der Erde schwebend. Stücke von dieser feinen Materie gingen fortwährend von dem Menschen weg, quollen aus ihm hervor. Eine Verdichtung der Menschenleiber trat erst in der lemurischen Zeit ein. Damit, daß sich der Mensch verdichtete, trat erst das ein, was man die aufeinanderfolgenden Inkarnationen nennt. Erst da trennt sich das Seelische und Leibliche so, daß man sagen kann, der Mensch fängt an, das Äußere als einen Gegensatz zu seinem Inneren zu betrachten. Heute unterscheidet der Mensch sein Inneres und sein Äußeres als den Gegensatz zwischen Seelenleben und Außenleben. In der Sonnenzeit der Erde hatte der Mensch als Außenwelt das wahrgenommen, was es als geistige Wesenheit in seiner Umgebung gab. Jetzt kam die Zeit der Mondentrennung; da begann das Äußere sich vom Inneren zu trennen. So trat der Unterschied auf zwischen Wachen und Schlafen: der Mensch wechselte ab zwischen Zuständen, da er der Sonne ausgesetzt und ihr abgewandt war. Und so kam die Zeit heran, da der Mensch die von der Sonne beschienenen Gegenstände wahrzunehmen begann. Es regte während der Nacht die Mondenkraft das Seelenleben so an, daß der Mensch unterschied zwischen einer Zeit, da er die Außenwelt wahrnahm und einem Zustand, da er die durch den Mond wirkenden Kräfte so empfand, daß er hellseherisch wurde. Da sagte sich der Mensch, daß er durch die im Monde wohnende Geistigkeit wahrnehmen könne die geistige Welt, die durch die Kräfte des Mondes innerlich in ihn einströmte. So waren ihm die Mondenkräfte als reflektierte Sonnenkraft das, was ihm die geistige Welt vermittelte, während ihm bei Tage die Außenwelt mehr und mehr wahrnehmbar wurde.

[ 8 ] Dies spiegelte sich nun im Gemütsleben der alten Ägypter. Als Osiris bezeichnete man den Sonnengeist und als Isis die den Sonnengeist suchende Seele. In dieser Weise spiegelte sich das alles in dem Isisdienst des alten Ägyptertums. So war das religiöse Leben ein Mondendienst. Ein auf dem Monde wohnendes Sonnenwesen ist der Osiris. Er konnte hellseherisch geschaut werden durch die Seelen, die ihn suchten. Aber als der Mensch immer mehr in die physische Körperlichkeit herabstieg, da wurde dem Osiris diese Körperlichkeit wie ein Kasten. Als die Menschen im eigentlichen Sinne Erdenmenschen wurden, zieht sich der Osiris immer mehr zurück.

[ 9 ] Dem lemurischen Zeitraum folgte der alte atlantische Zeitraum und der spiegelt sich in der vierten, der griechisch-lateinischen Kultur. Diese hatte also eine Anschauung, welche sich schon kosmisch dargelebt hatte in dem atlantischen Zeitalter. Immer mehr verdichtete sich da der Mensch. Im Anfang seiner Entwickelung sind die Knochen nur als Kraftlinien im Menschen angedeutet; dann ist der Mensch ein luftiges, später ein gallertartiges Wesen. Es bilden sich nun mehr und mehr die Formen des Knochensystems aus. Dagegen war in demselben Maße die seelische Kraft dazumal stärker. Die Lemurier, die in alten Zeiten in dickflüssigen Leibern waren, hatten viel größere Seelenkräfte als die folgenden Rassen. Ähnlich war es noch bei den Atlantiern. Hätte es damals schon Kanonenkugeln gegeben, so hätte zum Beispiel ein solcher Atlantier eine gegen ihn geschleuderte Kugel einfach wegreflektieren können durch Seelenkraft, wenn auch sein physischer Leib nicht so dicht war wie heute. Die Atlantier waren also als physische Leiblichkeit noch viel dünner.

[ 10 ] Nun gab es bei den Atlantiern Wesen, die nicht nötig hatten, die Entwickelung bis in unsere dichte Leiblichkeit durchzumachen. Sie waren dem Menschen ähnlich, nur höher entwickelt. Jene Wesen konnten schon in diesen dünnen atlantischen Leibern ihre volle Menschenstufe durchmachen. Sie stehen um einen Grad höher als wir Menschen, während die Menschen den Herabstieg bis in die dichte physische Leiblichkeit durchmachen müssen, um ihr Ich-Bewußtsein zu entwickeln.

[ 11 ] Eine Erinnerung an alle diese Wesen spiegelt sich in der alten griechischen Götterwelt ab und im ganzen Denken und Fühlen jener Epoche.

[ 12 ] Die Göttergestalten des europäischen Nordens sind gleichsam ehemalige Genossen der Menschheit, aber keine so stark verdichteten Wesenheiten. Die Skalden wußten noch von ihnen, wenn sie ihr eigenes Innere sprechen ließen. In alten Zeiten brauchte man nicht die Edda, nicht ein Schrifttum, um zu beweisen, daß es so etwas gegeben hatte. Aber wäre der Gott nicht in unserem vierten Zeitraum herabgekommen, so hätte der Mensch seine alten Genossen vergessen, die noch bis ins 13., 14. Jahrhundert so manchem in lebendiger Erinnerung waren.

[ 13 ] Nun kommen wir in unseren eigenen Zeitraum hinein. Jetzt aber haben wir nichts mehr zu wiederholen. Die Menschen haben keine Erinnerung mehr an die frühere Zeit. Wir haben gesehen, wie sich in der Wiederholung immer abspiegelt die alte Kultur. Jetzt aber, im fünften Zeitraum, gab es für die Menschheit nichts mehr zu wiederholen; leer wäre die Welt gewesen, wenn nicht im vierten Zeitraum die Jahve-Christus-Gottheit gekommen wäre und im Leibe des Jesus von Nazareth gewohnt hätte. Der fünfte Zeitraum wäre der götterlose Zeitraum geworden, wenn nicht der Christus in den fleischlichen Leib des Jesus von Nazareth herabgestiegen wäre.

[ 14 ] So sehen wir sich abspiegeln im alten indischen Zeitraum die polarische Zeit, im urpersischen die hyperboräische Zeit, im ägyptisch-chaldäischen die lemurische Zeit und im griechisch-lateinischen die atlantische Zeit. Und nun werden wir sehen, was als ein Wichtiges vorgeht im Ätherleib und Astralleib der Menschen, die in unserem Zeitraum in sich aufnehmen das Wissen vom Christus-Ereignis.