Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108
26 October 1908, Berlin
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Poetry and Meaning of Fairy Tales, tr. Pusch
9. Märchendeutungen
2. The Interpretation of Fairy Tales
[ 1 ] Was heute hier gegeben werden soll, das ist zunächst eine Art Prinzip für die Erklärung von Märchen und Sagen. Im weiteren Sinne läßt sich dann dieses Prinzip auch ausdehnen auf die Mythenwelt, und wir werden dann mit ein paar Worten auch anzudeuten haben, wie das auszudehnen ist. Natürlich ist es mir in einer Stunde nicht möglich, Ihnen im genaueren anzugeben, wie man sich dem heutigen Kinde gegenüber mit der Erzählung beziehungsweise, wenn das Kind älter geworden ist, mit der Erklärung des Märchens dann abzufinden hat. Es wird mir heute mehr darum zu tun sein, Ihnen anschaulich zu machen, was in der Seele dessen leben soll und was der wissen soll, der Märchen erzählen und erklären will.
[ 1 ] The subject of today's lecture is a kind of principle or rule for the explanation of fairy tales and legends. In a wider sense this principle can be extended to the world of myths, and we will indicate in a few words how this can be done. Naturally it is impossible in one hour to specify exactly how one should satisfy a child today with the fairy story itself and then later, when the child is older, with the explanation of it. I would now rather try to clarify what should exist in the soul of the one who wishes to explain such stories, and what that person ought to know.
[ 2 ] Das erste, was wir von vornherein dabei festzustellen haben, wenn wir Märchen, Sagen oder Mythen erzählen, und auch wenn wir sie erklären wollen, das ist, daß wir unbedingt mehr wissen müssen, als wir zu sagen in der Lage sind, und zwar beträchtlich viel mehr. Und als zweites kommt in Frage, daß in uns der Wille da sein muß, aus der anthroposophischen Weisheit heraus die Mittel zur Erklärung zu holen. Das heißt nicht, was einem gerade einfällt, in die Märchen hineinzutragen, sondern wir müssen den Willen haben, anthroposophische Weisheit als solche zu erkennen und dann auf Grund alles dessen, was wir in der anthroposophischen Weltanschauung gelernt haben, zu versuchen, die Märchen damit zu durchdringen. Es ist nicht gesagt, daß das bei jedem gleich richtig gehen müßte. Aber wenn man auch zunächst ganz danebenhaut, wird man später schon von selbst die richtige Deutung herausfinden. Wo auf gutem Grund gebaut wird, da wird es schon richtig werden; wo aber nicht auf gutem Grund gebaut wird, da stellt es sich heraus, daß dann alles mögliche da hineingedeutet wird. Also für die Erzählenden wie auch für die zu Belehrenden soll hier gesprochen werden. Es sollen uns dabei Beispiele möglichst anschaulicher Art vergegenwärtigen, um was es sich dabei handelt. Das erste Märchen, das wir zu behandeln haben, wäre vielleicht so zu erzählen:
[ 2 ] The first thing we must determine when relating fairy tales, legends or myths is that we should certainly know more than we are able to say, indeed, a great deal more; and secondly, we should be willing to draw the sources of our explanation from anthroposophical wisdom; that is, we must not introduce into the fairy tales just anything that may occur to us but must be willing to recognize anthroposophical wisdom as such, and then try to permeate the fairy tales with it. Not everyone will succeed at once. But even if at first we cannot unriddle it all, we should gradually be able to find the right meaning. What is built on a good foundation will work out well, but where it is not, it follows that all manner of things can be construed into it. We speak both for those who are narrating and also for those to be instructed. Examples of the clearest possible kind will be given, to let us picture what it is all about. The first fairy tale we have to discuss can be told in the following manner:
[ 3 ] Es hat sich einmal etwas ereignet, ja, wo war es denn nur? Ja, es kann auch gefragt werden: Wo war es denn nicht? - Es war einmal ein Schneidergeselle. Der hatte nur noch einen Groschen in der Tasche, aber es trieb ihn mit diesem Groschen auf die Wanderschaft. Da hungerte ihn, und er konnte sich für diesen Groschen nur noch eine Milchsuppe kaufen. Als die Milchsuppe so vor ihm stand, da flogen eine ganze Menge Fliegen in die Suppe, und als er ausgegessen hatte, war der ganze Teller mit lauter Fliegen bedeckt. Da schlug er dann mit seiner Hand ein paarmal auf den Teller und zählte dann, wieviel er erschlagen hätte, und zählte hundert. Da nahm er sich von dem Wirt eine Schreibtafel und schrieb darauf: Der hat hundert auf einmal erschlagen! - Und mit dieser Tafel, die er sich umhing, ging er weiter. Da kam er vorbei an einem Königsschloß. Der König schaute gerade hinunter und sah da einen gehen, der hinten etwas aufgeschrieben hatte. Er schickte seinen Diener hinunter, um nachzusehen, was darauf stände. Der Diener ging, und da stand: Der hat hundert auf einmal erschlagen! - und sagte das dem König. Halt! sagte sich der König - das ist einer, den ich brauchen kann -, und schickte hinunter und ließ ihn kommen. Dich kann ich brauchen! sagte ihm der König. Willst du in meinen Dienst treten? - Ja - sagte der -, ich will ganz gerne in Euren Dienst treten, wenn Ihr mir einen gehörigen Lohn gebt, den ich Euch nachher sagen werde. - Jasagte der König -, ich werde dich, wenn du das hältst, was du versprichst, sehr gut belohnen. Deshalb sollst du einmal gut essen und trinken, solange es dir beliebt. Dann mußt du mir aber auch einen Dienst leisten, der deiner Stärke entspricht. In mein Land kommt alle Jahre ein ganzer Trupp Bären, und die richten einen schrecklichen Schaden an. Sie sind so stark, daß sie kein Mensch töten kann. Du wirst es gewiß können, wenn du das hältst, was deine Tafel verspricht. - Da sagte der Geselle: Gewiß, ich werde das tun; aber bis die Bären kommen, muß ich um so viel zu essen und zu trinken bitten, als ich will. - Denn der Schneidergeselle sagte sich nämlich: Wenn ich dann die Bären nicht erschlagen kann, wenn sie mich töten, so habe ich dann doch wenigstens eine Zeitlang gut gegessen und getrunken. Und das ging so eine Weile. Als dann die Zeit kam, wo die Bären wieder erscheinen sollten, da richtete er folgendes her: Er ging in die Küche und stellte da eine Tafel auf. Das Tor ließ er weit offen; auf die Tafel legte er alle möglichen Dinge, die die Bären gern haben wollen zu essen und zu trinken, Honig und so weiter. Dann versteckte er sich. Die Bären kamen heran, aßen und tranken, bis sie nicht mehr konnten und dalagen. Da schlug er einem jeden der Bären den Kopf ab und hatte die Bären auf diese Weise erlegt. Als der König das sah, fragte er ihn: Ja, wie hast du das gemacht? Und der Geselle sagte: Ich habe die Bären einfach über die Klinge springen lassen und habe dann jedem den Kopf abgeschlagen! - Der König war da schon sehr gläubig und sagte: Wenn du das getan hast, dann kannst du mir auch noch einen größeren Dienst erweisen. In unser Land kommen alljährlich große starke Riesen. Niemand kann sie töten oder vertreiben; vielleicht kannst du es tun? - Der Schneider sagte: Ja, ich will es tun, wenn Ihr mir Eure Tochter nachher zur Gemahlin gebt. - Dem König lag viel daran, daß die Riesen vertrieben würden, und er versprach es, und der Schneider ließ es sich wieder gut ergehen.
[ 3 ] Once upon a time it happened—where did it happen? where indeed did it not happen?—there was a tailor's apprentice. He had only one penny left in his pocket, and with this penny in his pocket he felt driven to wander forth. He soon became hungry, but with his penny he could only afford to buy some milk soup. When the soup was placed before him, a swarm of flies flew into it and when he had finished his meal the plate was covered with buzzing flies. He struck the plate once or twice with his hand, counting how many he had killed, and found it amounted to a hundred. So he got a slate from the innkeeper and wrote on it: “He killed a hundred at one blow!” And having hung the slate on his back he went his way. As he passed a king's palace, the king was looking out and seeing someone passing who had something written on his back, he sent his servant down to see what the writing was. The servant saw: “He killed a hundred at one blow!”—and told the king. “Ho!” said the king to himself, “That is someone I can make use of!” and he sent down and had him brought in. “I can make use of you,” said the king to the tailor. “Will you enter my service?” “Yes,” said the other, “I will willingly enter your service if you will give me a proper reward, but what that is I shall tell you later.” “Very well,” said the king, “I shall reward you handsomely if you keep to what you have promised. You shall eat and drink well, as long as you like. After that, you must do me a service, equal to your strength. Every year a number of bears come to my country and do fearful damage. They are so strong that no one can kill them. You will of course be able to kill them, if you live up to the statement on your slate.” Then the apprentice said: “Certainly I will do this, but till the bears come I must ask for as much to eat and drink as I want.” For the apprentice said to himself: “If I cannot slay the bears, and they kill me, I shall at least have eaten and drunk well.” And so it went for a while. When the time came and the bears were due to appear, he arranged the kitchen, set up a little table and left the door wide open; on the table he placed all manner of things that bears like to eat and drink—honey and suchlike; then he hid himself. The bears came along, ate and drank till they were gorged and then had to lie down. He cut off the head of each bear and in this way killed them all. When the king saw this, he asked: “Now how did you do it?” And the apprentice said: “I simply killed the bears and then cut off their heads.” The king took this on trust and said: “If you have done that, you can render me an even greater service. Every year great strong giants come to our country. No one can kill them or drive them away; perhaps you can.” The tailor replied: “Yes, I will do it, if afterwards you will give me your daughter as my wife.” Now it was very important to the king to have the giants driven away, and so he promised, and again for a time the tailor lived a good life.
[ 4 ] Als die Zeit kam, wo die Riesen wieder erscheinen sollten, nahm er sich alles mögliche mit, was die Riesen gern essen und trinken, und ging zu den Riesen hin. Aber auf dem Wege nahm er sich zu allem übrigen noch mit ein Stückchen Käse und eine Lerche und kam nun mit seinen vielen Sachen und dem Stück Käse und der Lerche bei den Riesen an. Die Riesen sagten: Wir sind wieder da, um mit dem Stärksten zu ringen; uns hat noch keiner bezwungen! - Da sagte der Geselle: Nun, dann will ich einmal mit euch ringen! - Das wird dir schlecht ergehen! - meinte ein Riese. Da sagte der Schneider: Zeige doch einmal deine Stärke, und was du kannst! - Da nahm der Riese einen Stein und zerrieb ihn zwischen seinen Fingern. Dann nahm er einen Bogen und einen Pfeil und schoß den Pfeil in die Luft, daß er erst nach langer Zeit wieder herunterkam. - Da sollt ihr meine Kraft einmal sehen! Wenn ihr mit mir ringen wollt, so müßt ihr mit etwas anderem kommen. - Der Schneider nahm einen kleinen Stein und überzog ihn heimlich mit etwas Käse, und als er mit den Fingern drückte, da spritzte der Käse heraus. Nun sagte er zu dem Riesen: Ich kann aus dem Stein Wasser herauspressen, und das kannst du nicht! - Das machte auf den Riesen einen starken Eindruck, daß der noch etwas anderes konnte als er. Dann nahm der Schneider auch einen Pfeil und Bogen, aber während er schoß, ließ er unvermerkt die Lerche hinauffliegen; die kam nicht wieder. Da sagte er zu dem Riesen: Dein Pfeil ist wieder heruntergekommen, aber ich habe so hoch geschossen, daß er gar nicht mehr herunterkommt! - Da waren die Riesen überrascht, daß sich noch ein Stärkerer finde, und sagten zu ihm: Willst du nicht unser Kamerad werden? - Er willigte ein. Klein war er zwar, aber es war doch ein guter Zuwachs. So nahmen sie ihn in ihre Kameradschaft auf, und er blieb eine Zeitlang bei ihnen. Aber es war ihnen doch ungeheuerlich, daß noch ein Stärkerer da war als sie selbst, und als er einmal wachend im Bette lag, hörte er, wie sie beschlossen, ihn zu töten.
[ 4 ] When the time came for the giants to appear, he took all manner of things that giants like to eat and drink, and went to meet them. On the way he added to the rest a piece of cheese and a lark, and then with all his many things and the piece of cheese and the lark he met the giants. The giants said: “We have come again to wrestle with the strongest; no one has overcome us!” Then said the tailor's apprentice: “I will wrestle with you!” “It will go badly with you!” said one of the giants. The tailor said: “Show me your strength and what you can do!” The giant took a stone and pulverized it between his fingers. He then took a bow and arrow and shot the arrow so high into the air that it did not come down for a long time. “If you want to see my strength, if you want to wrestle with me, you must be able to do something better than that,” said the giant. The tailor took a small stone, and covered it secretly with a little cheese, so that when he pressed it between his fingers the cheese spurted out milk. Then he said to the giants: “I can press liquid out of a stone and that you cannot do!” It made a great impression on the giants that he could do something different from them. Then he also took a bow and arrow, but when he shot, unobserved by them he let loose the lark, which flew up and did not return. So he said to the giants; “Your arrow came down again, but I shot so high that mine never returned to earth!” The giants were astonished to find anyone stronger than themselves and said to him: “Will you be our comrade?” He agreed. Certainly he was small, but for all that he would be a good addition, so they took him into their company and he stayed a while with them. But it was galling to them that there should be anyone stronger than themselves, and once when he lay awake in bed he overheard them arranging to kill him.
[ 5 ] Da traf er nun seine Vorsorge. Er richtete ein großes Mahl her von den Sachen, die er mitgebracht hatte. Die Riesen aßen und tranken, bis sie nicht mehr konnten und bis sie von Sinnen waren. Aber sie hatten sich wohl gemerkt, ihn zu töten. Er aber nahm eine Schweinsblase, die füllte er mit Blut, band sie sich auf den Kopf und legte sich damit ins Bett. Der Riese, der dazu ausersehen war, ihn zu töten, kam und stach hinein - und als das Blut herausfloß, da waren die Riesen sehr befriedigt, denn nun waren sie ihn los. Und sie legten sich hin und schliefen. Da kam der Schneider nun aus dem Bett und tötete die schlafenden Riesen einen nach dem anderen. Dann ging er zum König und erzählte, wie er einen Riesen nach dem anderen erschlagen habe.
[ 5 ] Therefore he made preparations. He got a big meal ready with the things that he had brought with him. The giants ate and drank all they could until they were gorged. Still they were determined to kill him. So he took a pig's bladder and filled it with blood, fastened it on his head and went to bed. The giant who had been chosen to kill him came and stabbed at his head, and when the blood ran out they were delighted, for now, they thought, they were rid of him, and they lay down and slept. But he got out of bed and killed one giant after another as they slept. Then he went to the king and related how he had slain one giant after the other.
[ 6 ] Der König hielt sein Wort und gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und der Schneider hielt mit der Königstochter Hochzeit. Der König wunderte sich sehr über die Stärke seines Schwiegersohnes. Aber weder der König noch die Tochter wußten, wer der hergereiste Mensch eigentlich sei, ob ein Schneider oder ein entsprungener Königssohn? Damals wußten sie es nicht. Wenn sie es seitdem nicht erfahren haben, dann wissen sie es heute noch nicht. Das ist das eine der Märchen, das wir im Prinzip einmal betrachten wollen. Wir wollen aber daneben, bevor wir darauf eingehen, ein anderes stellen. Denn wenn Sie Märchen auflesen, wo Sie wollen, bei welchem Volk Sie wollen, und aus welcher Zeit Sie wollen, Märchen, die richtige Märchen sind, da wird es sich immer herausstellen, daß ein gewisser Grundstock von Vorstellungen in allen Märchen pulsiert. Ich mache Sie hier schon darauf aufmerksam, daß wir den Riesen begegnet sind, die durch Schlauheit überwunden werden. Und nun machen Sie einen Sprung durch Jahrtausende und denken Sie in der Odysseus-Sage an Odysseus und den Riesen Polyphem. Aber wir wollen ein anderes Märchen neben dieses erste hinstellen.
[ 6 ] The king kept his word and gave him his daughter for a wife, and the tailor was married to the king's daughter. The king marveled greatly at his son-in-law's strength, but neither the king nor his daughter knew who this man really was, whether a tailor or a king's son; they did not know it then, and if they have not found it out since, they do not know it even today. This is one of the fairy tales that we want to take as an example. But before we go into it, let us put another beside it, for if you collect fairy tales, from whatever period or people, if they are genuine fairy tales you will find that certain basic ideas run through them all. I must call your attention to the fact that the giants were overcome by cunning. Now make a plunge back through the centuries and recall Odysseus and the giant Polyphemus in the Odyssey. Let us put the following fairy tale side by side with the first one:
[ 7 ] Es hat sich einmal ereignet, wo war es nur? Ja, wo war es denn eigentlich nicht geschehen? Da war ein König, der war bei seinem Volke so beliebt, daß er immerfort den Wunsch um sich herum hörte, er solle doch eine Gemahlin bekommen, die ebenso gut und edel wäre wie er. Schwer war es ihm, jemanden zu finden, von der er glauben konnte, daß sie so geeignet wäre, wie er es für sein Volk wünschte. Aber er hatte einen alten Freund, einen armen Forstmann, der einfach und zufrieden im Walde lebte, der aber sehr weise war. Leicht hätte er reich werden können, denn der König hätte ihm gern alles gegeben. Aber der Forstmann wollte arm bleiben und seine Weisheit behalten. Da ging nun der König zu seinem Freunde, dem Forstmann, und fragte ihn um Rat. Der gab ihm einen Rosmarinstengel und sagte ihm: Den bewahre auf, und das Mädchen, vor dem er sich neigt - man denke hier an das Wünschelrutenmotiv -, das ist das Mädchen, mit dem du dich verbinden sollst! - Da ließ nun der König gleich am nächsten Tag eine große Anzahl Mädchen kommen. Eine große Menge Perlen ließ er vor den Mädchen ausbreiten und den Namen einer jeden mit Perlen auf den Tisch schreiben. Dann ließ er bekanntmachen, daß dasjenige Mädchen, vor dem sich der Stengel neige, seine Gemahlin werden solle; die anderen sollten nur die Perlen bekommen. Dann ging er mit dem Rosmarinstengel herum - aber der rührte sich nicht, er neigte sich vor keiner. Die Mädchen bekamen ihre Perlen und wurden fortgeschickt. Am zweiten Tage wurde dasselbe angestellt, aber es ging wieder so, und am dritten Tage war es auch nicht anders. Da schlief der König in der nächsten Nacht und hörte, daß sich etwas an seinem Fenster meldete. Da stellte es sich heraus, daß es ein Goldvögelchen war. Das sagte zu ihm: Du weißt es zwar nicht, aber du hast mir zweimal einen großen Dienst erwiesen. Ich will dir auch einen Dienst erweisen. Wenn es Morgen geworden ist, dann stehe auf, nimm deinen Rosmarinstengel und folge mir. Ich will dich an einen Ort führen, wo du ein Pferd finden wirst. Das hat in seinem Leibe einen silbernen Pfeil stecken. Den mußt du dem Pferde herausziehen. Dann kann es dich dahin führen, wo du deine Gattin findest! - Am anderen Morgen ging der König hinaus und folgte dem Goldvögelchen. Sie kamen schließlich zu einem Pferd, das war schwächlich und krank und sagte: Es hat mir eine Hexe einen Pfeil in den Leib geschossen. - Der König zog dem Pferde den Pfeil heraus, und in dem Augenblick verwandelte sich das schwächliche Tier in ein wunderbar kühnes Pferd. Das bestieg der König, der Rosmarinstengel bewegte sich vor dem Pferde her, und das Goldvögelchen führte voranfliegend den König auf seinem Zauberpferde dahin. Endlich kamen sie zu einem gläsernen Schloß. Da vernahmen sie schon von ferne ein Gebrumm und Gebrumm und Gebrumm, und als sie eintraten, der König, der Rosmarinstengel und das Goldvögelchen, da konnte der König sehen, wie ein anderer König dastand, der ganz aus Glas war, und in dem Magen dieses gläsernen Königs war eine große Brummfliege. Die war es eben, die so brummte, und die bearbeitete den Magen des Königs furchtbar stark und wollte sich von innen nach außen durcharbeiten. Der König fragte den gläsernen König, was denn das eigentlich wäre? Ja - sagte dieser -, da sieh nur einmal nach dem Sofa; da sitzt meine Königin in dem rosaseidenen Gewande, und das Geheimnis, um das es sich da handelt, das wirst du gleich sehen können. Denn jetzt ist gerade von dem Dornenhecker das Gespinst, das um die Königin herumgesponnen ist, zerrissen, gleich wird es ganz abgerissen sein. Wenn keines mehr herum ist, wenn es ganz ab ist, dann kommt eine böse Spinne, und die spinnt dann wieder ein neues Gespinst um die Königin herum, und während ich hier in einem gläsernen Körper verzaubert bin, wird meine Gemahlin von der Spinne eingesponnen. So sind wir jetzt schon durch viele hundert Jahre hier eingesperrt, bis wir davon erlöst werden.
[ 7 ] Once upon a time it happened—where then was it? where indeed was it not?—there was a king who was so beloved of his people that he was always hearing them wish that he would take a wife as good and noble as himself. It was difficult for him to find anyone suitable for him and for his people. Now he had an old friend, a poor forester, who lived simply and contentedly in the forest and who was very wise. He might very easily have been rich, for the king would willingly have given him everything, but the forester wished to remain poor and retain his wisdom. So the king now went to his friend the forester and asked his advice. The latter gave him a branch of rosemary, saying: “Take care of this; the maiden before whom it bends is the maiden you ought to marry.” So the very next day the king had a number of damsels brought before him. He had pearls spread out before them, and every girl's name was written on the table in pearls; then he made it known that the maiden before whom the branch bent should be his bride; the others would have only the pearls. So he went around with the branch of rosemary, but it did not move; it bent before no one. The girls were given their pearls and went away. The second day the same thing was arranged, and again the same thing happened, and likewise on the third day. The next night, while the king slept, he heard something tapping on the window. It proved to be a little golden bird; it said to him: “You do not know it, but twice you have done me a great service; I will also do you a service. As soon as day breaks, get up, take your branch of rosemary and follow me. I will lead you to a place where you will find a horse; it has a silver arrow piercing its body; you must pull it out, and the horse will lead you to where you will find your bride.” The next morning the king went out and followed the little golden bird until they came to a horse that was very weak and ill and that said: “A witch has shot an arrow into my body!” The king pulled out the arrow and at that moment the weak animal was changed into a wonderfully swift horse. The king mounted it, the golden bird flew on in front, and the rosemary branch waved ahead of the king on his magic horse. At last they reached a castle made of glass. Long before they reached it, they heard a buzzing and a buzzing and a buzzing, and when the king entered with the branch of rosemary and the little golden bird, he saw another king standing there, fashioned entirely of glass, and in the stomach of the glass king was an enormous bluebottle fly; it was this bluebottle fly that made the buzzing, and it was trying to work its way out. The king asked the glass king what it all meant. “Well,” said the latter, “just look towards the sofa: there sits my queen in a pink silk gown, and the secret of it all you will soon discover. The web that has been spun around the queen has just been torn away by a thornbird and will soon be quite torn off her. Then there will come a wicked spider to spin a new web around the queen, and while I am bewitched here in a glass body, my wife will be enmeshed by the spider's web. We have already been imprisoned like this for several hundred years and must remain here until we are released.”
[ 8 ] In der Tat stellte es sich heraus, daß eine böse Spinne erschien und die Königin mit einem Spinnetz umgab. Aber als sich die Spinne betätigte, kam auch das Zauberpferd herbei und wollte die Spinne töten. Es wollte gerade seinen Fuß auf die Spinne setzen, da hatte sich aber auch die Brummbrummfliege nach außen durchgearbeitet und wollte der Spinne zu Hilfe kommen. Da aber tötete das Zauberpferd sie beide. In dem Augenblick verwandelte sich der König, der aus Glas war, in einen ganz menschlichen König, der Dornenhecker verwandelte sich in ein nettes Mädchen, die Königin wurde von dem Spinnetz befreit, und der gläserne König erzählte, wie das alles gekommen wäre.
[ 8 ] Presently the wicked spider appeared and spun her web around the queen, but while the spider was at work the magic horse stepped up and wanted to kill the spider. He was just about to put his hoof on her, when the buzzing bluebottle fly, which had worked its way out, came to the help of the spider, but the magic horse killed them both. Then instantly the glass king was turned into a quite human king. The thornbird was changed into a charming waiting-maid, the queen was freed from the cobweb, and the glass king related how it had all come about:
[ 9 ] Er hatte, als er schon König war, unter den Nachstellungen einer bösen Hexe zu leiden, die unten am Rande seines Besitztumes im Walde wohnte. Die Hexe wollte, daß er ihre Tochter heiraten sollte. Da er sich aber seine Gemahlin aus einem benachbarten Zauberschlosse geholt habe, so schwur sie ihm Rache zu. Sie verwandelte ihn in einen gläsernen König, ihre Tochter in eine Brummfliege, die an seinem Magen nagte. Die Königin wurde dadurch gequält, daß die Hexe selbst sich in die böse Spinne verwandelte und die Königin mit einem Spinngewebe umgab. Das Dienstmädchen wurde in den Dornenhecker verwandelt, und das Pferd, das er sich geholt hatte, wurde von der bösen Hexe angeschossen und hatte dann diesen Pfeil in seinem Leibe. Jetzt war das alles dadurch gut geworden, daß das Zauberpferd befreit war und dadurch die anderen befreit wurden.
[ 9 ] As soon as he became king he had had to suffer from the persecutions of a wicked witch who lived in a forest on the edge of his domain. The witch wanted him to marry her daughter, but as he had already chosen a wife from a neighboring fairy castle, the witch swore to be revenged on him; she changed him into a glass king and her daughter into a bluebottle fly, who gnawed at his stomach. The queen was tormented by the witch, who changed herself into a wicked spider and spun a cobweb around the queen; the maid was changed into a thornbird, and the king's horse was shot by the witch, whose arrow remained in its body. Now everything had been set right through the horse being freed and able to free the others.
[ 10 ] Nun fragte der König den verwandelten früheren gläsernen König, wo er eine Gattin finden könne, die für ihn gut wäre. Der wies ihm den Weg nach dem benachbarten Zauberschlosse. Das Goldvögelchen flog wieder voraus, und als sie hinkamen, fanden sie da eine Lilie. Da trieb es geradezu den Rosmarinstengel dahin, und er verneigte sich vor der Lilie. In diesem Augenblicke wurde aus der Lilie ein wunderschönes Mädchen, das da auch hineinverzaubert war; denn die Königin des benachbarten Schlosses war ja ihre Schwester gewesen. Jetzt war es durch das, was vorgegangen war, auch erlöst worden. Der König nahm es nun mit nach Hause. Sie hielten Hochzeit und lebten in einer außerordentlich glücklichen Weise für sich selbst und für ihr Volk. Sie lebten lange, lange. Man weiß nicht, wenn sie seither nicht verschwunden sind oder gestorben sind, dann müssen sie eigentlich immer noch leben.
[ 10 ] Then the king asked the former glass king if he knew where he could find a suitable wife. The latter showed him the way to the neighboring fairy castle. The little golden bird flew on in front and when they came to the castle they found a lily. The branch of rosemary led them straight to it and bent before the lily, and at the same moment the lily was changed into a wonderfully beautiful maiden who had also been bewitched, for the queen of the neighboring castle was her sister. Now she was released, because of what had just taken place. The king took her back to his home, the wedding was celebrated, and they lived in great happiness, they themselves and all their people. They lived for a long, long time. No one knows how long, but if they have not died, they must still be alive today.
[ 11 ] Nun haben wir also ein anderes Märchen vor uns hingestellt, das andere Elemente in sich enthält. Das erste, was wir uns abgewöhnen müssen, wenn wir den Inhalt von richtigen Märchen oder Sagen verstehen wollen, das ist, daß wir sie für irgendeine in der Volksphantasie entstandene Dichtung halten. Das sind sie niemals. Der erste Ausgangspunkt zur Märchenentstehung liegt bei allen wirklichen Märchen in uralten Zeiten, in den Zeiten, in denen es für alle noch nicht zur Verstandeskultur herangereiften Menschen ein gewisses mehr oder weniger hochgradiges Hellsehen gab, das als ein Rest eines ursprünglichen Hellsehens geblieben war. Die Menschen, die sich noch ein solches Hellsehen lange bewahrten, hatten Zwischenzustände zwischen dem Schlafen und dem Wachen. Und wenn solche Menschen, die solchen Rest des alten Hellsehens hatten, in solchen Zwischenzuständen waren, dann erlebten sie tatsächlich die geistige Welt, die geistige Welt in der mannigfaltigsten Gestalt. Es war nicht das, was ein heutiger Traum ist. Ein heutiger Traum ist für die meisten Menschen, nicht für alle, schon etwas Chaotisches. In diesen alten Zeiten erlebten die Menschen mit diesem alten Hellsehen etwas ganz Regelmäßiges, und zwar so regelmäßig, daß bei den verschiedenen Menschen die Erlebnisse dieselben oder wenigstens typisch ähnlich waren.
[ 11 ] The first thing we must do in order to understand the meaning of genuine fairy tales and myths is to stop regarding them as fantasy derived from folk imagination; they are never that. The starting point of all true tales lies in time immemorial, in the time when those who had not yet attained intellectual powers possessed a more or less remarkable clairvoyance, the remains of the primeval clairvoyance. People who had preserved this lived in a condition between sleeping and waking where they actually experienced the spiritual world in many different forms. This was not like one of our dreams today, which have for most people (but not for everyone) a somewhat chaotic nature. In those ancient times, people with the old clairvoyance had such regular experiences that everyone's were the same or very similar.
[ 12 ] Was ist denn da eigentlich in solchen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen mit den Menschen geschehen? Wenn die Menschen in ihrem physischen Leibe sind, nehmen sie die Welt um sich herum wahr, wie man sie mit physischen Wahrnehmungsorganen sehen kann. Aber dahinter ist die geistige Welt. Es war so in diesen Zwischenzuständen, wie wenn ein Schleier vor den Menschen weggezogen würde, nämlich der Schleier der physischen Welt, und sichtbar wurde die geistige Welt. Und alles, was in der geistigen Welt war, stand in einer gewissen Beziehung zu dem, was in dem Inneren der Menschen war. Es ist so, wie es in der physischen Welt ist: man kann nicht mit dem Ohr die Farben sehen und nicht mit den Augen die Töne hören; es entspricht das, was außen ist, dem, was innen ist. Die äußeren Sinne also schweigen in solchen Zwischenzuständen, aber das, was im Inneren war, in dem Seelischen, das wurde rege. Und wie das Auge und das Ohr ihre Beziehungen eingehen zur Umwelt, so gingen jetzt, in diesen Zwischenzuständen, die einzelnen Teile des menschlichen astralischen Leibes ihre Beziehungen ein zur Umwelt. Wenn die äußeren Sinne schweigen, dann lebt die Seele auf.
[ 12 ] What then really happened to human beings in this intermediate state between waking and sleeping? When people are in their physical bodies, they perceive the world around them as far as they can with their physical organs of perception but behind that world is the spiritual world. In this intermediate state it was as though a veil were lifted, the veil of the physical world, and the spiritual world became visible. Everything in the spiritual world was seen in some particular relationship to what lived inwardly in the human being. It is much the same in the physical world; we cannot see colors with the ear nor hear tones with the eye. The outer accords with the inner. In such an intermediate state, the external senses were silent, while the inner soul became active. Just as the eye and the ear connect themselves with the surrounding world, the different parts of the human astral body make their own connection, in this intermediate state of consciousness, with their surrounding world. When the outer senses are silenced the soul comes to life.
[ 13 ] Wir haben ja zunächst drei Glieder der Seele: die Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele. Wie Auge und Ohr ihre verschiedenen Beziehungen zur Umwelt haben, so haben diese drei Glieder der menschlichen Seele ihre ganz bestimmten Beziehungen zur Umwelt. Dadurch wird für den Menschen in solchen Zwischenzuständen wahrnehmbar, je nachdem der eine oder der andere Teil der Seele auf die geistige Umgebung gerichtet ist, der eine oder der andere Teil der geistigen Umgebung. Nehmen wir an, die Empfindungsseele wird insbesondere auf die geistige Umgebung gerichtet. Dann sieht der Mensch alle diejenigen geistigen Wesenheiten in seiner Umgebung, welche mit den gewöhnlichen Naturkräften in einem innigen Verbande stehen, dasjenige, was sozusagen in den Elementen der Natur lebt. Er sieht nicht selbst das Spiel der Naturkräfte, aber er sieht das, was im Spiel der Naturkräfte lebt, in Wind und Wetter und in den anderen Vorgängen der Natur. Die Wesen, die sich da aussprechen, die sieht der Mensch durch seine Empfindungsseele. Und wenn insbesondere die Empfindungsseele tätig ist, dann ist es gerade so, wie wenn der Mensch in der Zeit noch lebte, als er seine Verstandesseele noch nicht benutzen konnte und auch seine Bewußtseinsseele noch nicht. Der Mensch ist dann zurückversetzt und sieht die Umgebung so, wie er sie in alten Zeiten sah, als er noch nichts mit der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele anzufangen wußte. Aber in jenen alten Zeiten war er selbst noch in einem innigen Verbande mit den Naturkräften. Er selbst steckte ja noch in all den Naturkräften drinnen. Er war da ein Wesen, bestehend nur aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Empfindungsseele. So bevölkerte er die Welt. Da konnte er dasselbe, was jetzt jene Wesen um ihn herum können, die in den niederen Naturkräften leben. Sie erscheinen ihm als der Ausdruck dessen, was er einst war, als die Menschen so waren, daß sie im dahinsausenden Windsturm Bäume umreißen konnten, daß sie Wetter, Nebel und Regen beherrschen konnten. So erscheinen ihm die Wesen, die um ihn herum sind, wie er selbst einmal in einer Vergangenheit war, wo er riesig mächtig war, weil er sich noch nicht von den Naturkräften so entfernt hatte. Die Gestalten, die ihm da erscheinen - es waren ja die Nachbilder seiner eigenen Gestalt -, die erscheinen ihm als Menschen mit riesiger Stärke. Das sind die «Riesen». Der Mensch sieht in einem solchen Zwischenzustand die Riesen als wirkliche Gestalten, und sie stellen ihm eine ganz bestimmte Art von Wesenheiten dar: Menschen mit einer riesigen Kraft. Aber die Riesen sind dumm, weil sie aus einer Zeit kommen, wo sie noch nicht die Verstandesseele gebrauchen konnten. Sie sind stark und dumm.
[ 13 ] We have, to begin with, three members of the soul: sentient soul, intellectual soul, and consciousness soul. As the eye and the ear each have a different relationship to the surrounding world, so has each of these three members of the human soul its quite distinct relationship to its surrounding world. We become aware, in this intermediate state, of one or another part of our soul, which is directed to its surroundings. If the sentient soul especially is directed to its spiritual surroundings, we will see all those beings that are intimately connected with the ordinary forces of nature. People do not themselves see the active forces of nature, but they do see what lives in that activity: wind, weather and other natural phenomena. The beings that express themselves within it are perceived through the sentient soul. When that soul is especially active, it is exactly as if we were still living at the time when neither the intellectual soul nor the consciousness soul had yet been developed; we are transported back and see our surroundings as we did in ancient times, just as when we did not know how to use our intellectual and consciousness souls. In those ancient times we were in very close touch with all the forces of nature and still bound up with them. We consisted, as everyone on earth did at that time, of physical body, etheric body, astral body and sentient soul alone. We ourselves were able then to do what now those beings around us that are active within the lower nature forces can do; they appear to us as the expression of what we once were, when in the howling windstorm men could tear up trees, when they could control the weather, the mist and the rain. The beings around us appear to us just as we ourselves once were when we still had the strength of giants, before we had withdrawn so completely from the forces of nature. The figures that appear around us are the facsimiles of our own former appearance, people with gigantic strength, “giants.” In such an intermediate state of consciousness, we see giants as real figures, representing a quite definite kind of being, men possessed of gigantic strength. The giants are also stupid, because they belong to a time when people could not yet use an intellectual soul—they are strong and stupid.
[ 14 ] Nehmen wir nun einmal das, was die Verstandesseele sehen kann in solchen Zwischenzuständen. Sie kann dasjenige sehen, wo schon nach einer gewissen Weisheit die Dinge gestaltet sind, nicht nur durch bloße Kraft, wie bei den Riesen. Durch das, was die Verstandesseele ist, sieht der Mensch, wenn er in dieser Verstandesseele lebt, Wesenheiten um sich herum, Gestalten, die Weisheit in alles hineinbringen, die alles weise anordnen. Während er die Riesen in der Regel männlich sieht, sieht er die Gebilde der Verstandesseele als die formenden weiblichen Wesenheiten, die Weisheit in die Dinge hineinbringen, in das Gewoge der Welt. Das sind die «weisen Frauen», die hinter den Dingen wesen, die gestaltend sind, die alles gestalten. Er sieht wiederum in dieser Gestalt seine eigene Gestalt, als er zwar noch nicht eine Bewußtseinsseele hatte, aber doch schon eine Verstandesseele. Weise walten diese Wesen hinter den Dingen. Und weil er sich ihnen innig verwandt sieht, so fühlt der Mensch sehr häufig, wenn er in einem solchen Zwischenzustand ist: Was ich da als die weisen weiblichen Wesen sehe, das ist etwas, was eigentlich mir verwandt ist. Daher sehen wir, daß hier im Märchen sehr häufig der «Schwesters-Begriff auftritt, wenn diese weiblichen Wesenheiten erscheinen.
[ 14 ] Now what can the intellectual soul see in such an intermediate state? It can see that things were fashioned in accordance with a certain wisdom. Through strength, through the giant in man, everything was formed and brought about; through what is in our intellectual soul when we are alive to it, we see beings around us who bring wisdom into everything, who regulate everything wisely. While the giants are generally seen in male form, we see the images of the intellectual soul as constructive female beings who bring wisdom into the activity of the world. These are the “wise women” of the tales, working behind everything that is formed and themselves forming everything. In these figures we see ourselves over and over again as we once were when we had acquired an intellectual soul but not yet a consciousness soul. Because we see ourselves intimately connected with such wise rulers at the back of things, we often feel when we enter an intermediate state of consciousness: “The wise female beings I see there are really related to me.” Therefore the idea of “sisters” often arises when these female beings appear.
[ 15 ] Nun gibt es, wenn der Mensch in einem solchen Bewußtseinszustande ist, noch etwas, was er in seiner Seele erlebt, was man eigentlich nur ganz intim erfassen kann. Der Mensch ist in einem solchen Seelenzustand der gewöhnlichen physischen Wahrnehmung entrückt. Jetzt sagt er sich: Ja, was ich da sehe, das ist eigentlich in dem enthalten, was ich bei Tag sehe, was bei Tag meiner Verstandesseele klar wird; aber wenn ich das bei Tag sehe, dann ist es gerade umgekehrt. - Wenn sich der Mensch im Zwischenzustande an die Tageseindrücke erinnert, da erscheinen sie ihm umgekehrt dem, was er empfindet, wenn er sich bei Tag an die Zwischenzustände erinnert, an die verschiedenen hinhuschenden Gestalten seines Astralsystems. Jetzt, wenn er sich der Tageseindrücke erinnert, ist es ihm, wie wenn sich ihm das, was eigentlich die feinen, ätherischen Gestalten hinter der gewöhnlichen Wirklichkeit sind, in steifen Gestalten darstellt. Daher erscheinen dem Menschen die Tagesgegenstände so, wie wenn sie wie verzaubert in sich das enthalten, was ihre Wesenheit ist. Überall, wo Gestalten auftreten, die verzaubert sind, ob sie nun in Pflanzen verzaubert sind oder in etwas anderes, ist dies auf diese Weise entstanden: Der Mensch sieht den Inhalt eines weisen Wesens, das hinter der physischen Erscheinung ist, und er erinnert sich: Ja, bei Tag ist das nur eine Pflanze, und getrennt ist es von meiner Verstandesseele, so daß ich es eigentlich nicht erreichen kann bei Tag. - Wenn der Mensch nun diese Fremdheit fühlt zwischen den Tagesgegenständen und dem, was dahinter ist, zum Beispiel dem Tagesgegenstand der Lilie und dem, was dahinter ist, der Gestalt, die mit seiner eigenen Verstandesseele verwandt ist, dann fühlt er das Sich-Verbindenwollen seiner Verstandesseele mit dem, was hinter dem Gegenstande ist bei Tag wie eine «Vermählung», wie ein Zusammenwachsen der nächtlichen Gestalt mit der Tagesgestalt. Was die Bewußtseinsseele ist, das entstand ja im Menschen zu einer Zeit, als er schon sehr weit sich von den Naturkräften entfernt hatte, als er schon sozusagen gar nicht mehr hinter die Geheimnisse des Daseins schauen konnte. Weit, weit weg ist das, was die Bewußtseinsseele vermag, von jenen starken Kräften, die wir vorhin geschildert haben. Schlauheit ist die Fähigkeit der Bewußtseinsseele, aber weit entfernt von Stärke, von einer großen Kraft. Mit der Bewußtseinsseele sehen wir diejenigen geistigen Wesenheiten an, die auf der Stufe stehengeblieben sind, wo der Mensch erst nur die Hülle des Ich hatte. Diese Wesenheiten sieht da der Mensch leben; sie können nicht viel, ihre Kräfte sind klein. Und da der Mensch in den Bildern die Gestalten ihrer inneren Natur angemessen sieht, so erscheinen sie als «Zwerge». So bevölkert sich dann in solchen Zwischenzeiten dadurch, daß der Mensch frei ist von der Sinneswahrnehmung, das ganze Reich, das hinter der Sinneswahrnehmung ist, mit solchen Gestalten. Wenn der Mensch in seinen gewissermaßen höheren Augenblicken fühlt, daß er diese Beziehung zur geistigen Welt hat, dann erscheinen ihm die äußeren Ereignisse des Lebens, was sie ja auch in Wirklichkeit sind, als ein Ausdruck dieser ganzen Beziehungen zur geistigen Welt. Und wenn der Mensch dann im Leben besonders schlau ist, wenn er nicht nur trocken und prosaisch auf das Leben sieht, sondern sich die Beziehungen des Lebens zur geistigen Wirklichkeit klarlegt, insbesondere in solchen Zuständen, wo die Menschen noch etwas wissen können von der geistigen Wirklichkeit, dann kann ihm folgendes geschehen.
[ 15 ] Now there is something else our soul experiences when in this state of consciousness and this can be understood only very inwardly. In such a condition of soul we have withdrawn from ordinary physical perception, so that we say to ourselves, “Yes, what I see now in my soul is certainly contained in what I see during the day, in what is clear then to my intellectual soul—but when I see it by day, it is exactly reversed.” When in the intermediate state of consciousness we remember the impressions of the day, they appear to be the reverse of what we remember during the day of the perceptions we had during the intermediate state, of the various fleeting forms of our astral organization. When we recall the impressions of the day, it seems as though the subtle etheric forms behind ordinary reality were changed into stiff figures. Things during the day appear to us as though they were bewitched, with their real nature held prisoner within them. Wherever a plant or being appears bewitched, it has happened like this: we see the substance of a wise being behind the physical appearance and we remember, “Yes, by day that is only a plant; it is separated from my intellectual soul so that I cannot really reach it during the day.” When we feel this estrangement between the objects by day and what is behind them, for example the perception of the lily in the daytime and the form behind it related to our own intellectual soul, we will perceive that our intellectual soul has a strong kind of longing to unite with what is behind the object or the lily; it would be a “marriage,” a union of the night-form with the day-form. The consciousness soul originated in human beings at a time when we had already distanced ourselves from the forces of nature and no longer could look into the mysteries of existence. What the consciousness soul is able to do is far removed from those strong forces we have described. Shrewdness is its essential quality, not strength nor any rough force. By means of the consciousness soul we can see all those spiritual beings that have remained behind at the stage where the human being had only the sheath of the ego. We see them living at that point, not able to do much with their minute strength, and as we see their forms in images according to their inner nature, they appear to us as dwarfs. In intermediate periods when we free ourselves from sense perception, we find the whole realm that lies behind sense perception peopled with such forms. In our more or less higher moments, when we feel our connection to the spiritual world, the outer events in life appear to be what they genuinely are: an imprint or reproduction of this whole relationship to the spiritual world.
[ 16 ] Nehmen wir einmal an, er ist ein etwas sinniger Mensch und beobachtet, daß gewisse Menschen schlau sind und durch allerlei Schlauheit die rohen Kräfte überwinden, die sonst im Menschenleben walten. Da sagt sich der Mensch: Was im Leben da eigentlich geschieht, wo das durch die Schlauheit Angesponnene die rohen Kräfte überwindet, das verdankt man jenen hinter uns stehenden Mächten, mit denen wir verwandt sind, und die geschehen lassen, daß in uns selber eine Kraft bewußt geworden ist, die durch Intelligenz die rohen Kräfte überwindet, die wir selbst noch in uns gehabt haben, als wir auf der Stufe der Riesen waren. - Und die Geschehnisse seines Inneren erscheinen dem Menschen als die Spiegelbilder der äußeren Weltereignisse, die sich zurückgezogen haben, aber in der geistigen Welt noch wahrzunehmen sind. In der geistigen Welt spiegeln sich ab die Kämpfe derjenigen Wesenheiten, die schwächer sind an Körperkraft, aber dafür stärker geworden sind an geistiger Kraft. Überall, wo im Märchen die Besiegung der rohen Kräfte oder der Riesen auftritt, da ist zugrundeliegend die Wahrnehmung in einem solchen Zwischenzustand. Der Mensch will sich aufklären über sich selbst. Die geistige Welt ist ihm entschwunden, aber er sagt sich: Ich kann mich aufklären, wenn ich in einem solchen Zwischenzustande bin. Da werde ich so weise, daß Klugheit und Schlauheit über die rohen Kräfte den Sieg davontragen! - Und da erscheinen die Gewalten, die in der Tat in der geistigen Welt da sind und die unseren Klugheitskräften entsprechend sind. Die erscheinen und handeln und klären den Menschen auf über das, was in der geistigen Welt geschieht.
[ 16 ] If a person is especially shrewd in life and not only dry and prosaic but able to conceive the relationship of life to spiritual reality, particularly in such states in which human beings can still know something of spiritual reality, the following may happen. If he is a somewhat thoughtful person, he will observe that certain people with shrewdness are able in all sorts of clever ways to overcome the crude forces that otherwise dominate people's lives. He will then tell himself: “What actually happens in life is that rough strength is overcome by cleverness; for this we can thank the powers behind us, to whom we are related, for they have allowed a force to become conscious in us that overcomes rough strength with cleverness, the rough strength that we ourselves possessed when we were at the stage of the giants.” The incidents of our inner life appear to us as mirror-images of events in the outer world that have passed away but can still be perceived in the spiritual world. In the spiritual world are reflected the struggles of those beings who, though weaker in bodily strength, are in consequence stronger in spiritual strength. Whenever the overcoming of the rough forces or the giants appears in fairy tales it is founded on the perception taking place in such an intermediate state of consciousness. Man wishes to gain a clear insight about himself; he has lost sight of the spiritual world, but he says to himself: “I can gain a clear insight when I am in such an intermediate state. Then I shall be so wise that intelligence and shrewdness will gain the victory over the rough forces!”
[ 17 ] Da erzählt dann der Mensch das, was sich in der geistigen Welt zugetragen hat, und er muß es so erzählen, daß er sagt: Was ich gesehen habe und erzähle, das ist einmal geschehen; aber das geschieht eigentlich immer hinter der sinnlichen Welt, in der geistigen Welt, wo andere Lebensverhältnisse sind. - Es kann sein, daß jedesmal, wenn der Betreffende in einem solchen Zustande das geschaut hat, dieses Ereignis schon abgestorben ist, und die Bedingungen, unter denen eine solche Handlung sich abspielen kann, schon verflossen sind. Aber es kann noch da sein. Das hängt davon ab, ob irgendwo einer in einem Zwischenzustande auftritt, der das beobachtet. Es ist auch nicht da und nicht dort, sondern überall, wo jemand ist, der das beobachten kann. Daher muß jedes Märchen, das stilgemäß ist, damit beginnen: Es hat sich einmal etwas zugetragen - wo war es denn nur? Ja, wo war es denn eigentlich nicht?
[ 17 ] Powers appear and act and enlighten man as to what happens in the spiritual world. He then recounts what has happened in the spiritual world, and must recount it in such a way that he says: “What I have seen and related happened once upon a time, and is still happening behind the world of sense in the spiritual world, where there are different conditions of life.” It may be that every time he has seen it under such conditions, the event is already past, together with the conditions which made such an action possible. Yet it may still be there. It depends on whether someone entering an intermediate state observes that event. It is neither here nor there but everywhere where there is anyone who can observe it. Therefore, every genuine fairy tale begins:
[ 18 ] Das ist der richtige Anfang eines Märchens. Und jedes Märchen muß damit schließen: Ich habe das einmal gesehen; und wenn das, was in der geistigen Welt sich zugetragen hat, nicht dem Tode verfallen, nicht gestorben ist, so lebt es noch heute. Ganz in dem Stile ist das, wie jedes Märchen erzählt werden muß. Man ruft die richtige Empfindung hervor von dem, was erzählt wird, wenn man es immer in dieser Weise beginnen und schließen läßt.
[ 18 ] “Once upon a time it happened—where then was it? Where indeed was it not?” That is the correct beginning of a fairy tale, and every fairy tale must end with, “I once saw this, and if what happened in the spiritual world did not perish, if it is not dead, it must still be alive today.” That is just the way every fairy tale should be related. If you always begin and end this way, you will create the right sort of sensitivity to what you are telling.
[ 19 ] Nehmen wir einmal an, es hätte jemand, wie unser König im zweiten Märchen, die Gattin zu suchen. Er sucht ein Wesen, das ihm möglichst genau in der Menschenwelt das abbildet, was der Mensch als sein Urbild in der geistigen Welt finden kann, was gefunden werden kann im weisen Walten derjenigen Mächte, die durch die Verstandesseele wahrgenommen werden können. Im äußeren Leben ist das nicht zu finden. Darum muß er den äußeren Menschen dem intimeren Menschen unterwerfen. Auf dem physischen Plan ist der Mensch dem Irrtum unterworfen. Darım muß er die tieferen Kräfte walten lassen, wenn er so etwas finden will. Das kann er, wenn er sich, selbst heute noch, in jenen Zwischenzustand versetzt und sich selbst in eine Beziehung bringt zu den Kräften, die da walten. Diese Leute aber, die Träger solcher Kräfte sind, leben in der Verborgenheit, wo sie nicht abgelenkt werden durch die großen Lebensverhältnisse. Daher muß der König zu dem Freund gehen, zu dem Einsiedler, der arm und einsam lebt, der aber das Geheimnis von Kräften kennt, die den Menschen an die geistige Welt binden, und der ihm den Rosmarinstengel geben kann. Und der König kann nicht durch irgendwelche äußeren Veranstaltungen das finden, was nur an seinen Urbildern aus der geistigen Welt heraus entschieden werden kann. Daher träumt er zunächst, es komme das Goldvögelchen, und er bleibt auch weiter in einer Art Traum-Wachzustand. Und da macht er durch jenes klare Tasten, in dem man sich befindet, wenn man in der geistigen Welt ist, alles das durch, was ich Ihnen gezeigt habe. Er kommt allmählich dazu, aus denjenigen Kräften, die der menschlichen Reinheit und menschlichen Hoheit widerstreben, das herauszufinden, was sich bewahrt hat bis in unsere Tage hinein, diese reine Beglückungsmöglichkeit im Menschen. Es kann ihn nicht dahin tragen irgendeine von den Kräften, die heute an die physische Welt gebunden sind, sondern nur eine solche, die ihm erscheint, wenn sich die Verstandesseele oder überhaupt die innere Seelenkraft auf die geistige Welt richtet. Das erscheint ihm da im Bilde, hier als das Zauberpferd. Aber dieses Pferd in der physischen Welt ist nur das Schattenbild des Geistigen, das dahintersteht. Die in der physischen Welt befindlichen schädlichen Seelenkräfte, diese Kräfte, die in der physischen Welt verkörpert sind, haben dem Pferde den Pfeil in den Leib getrieben. In dem Augenblick aber, wo diese Kräfte heraus sind, als es davon befreit ist, da wird rege die Kraft, die den König dazu bringt, die Verhältnisse zu beurteilen, so daß er, wenn er nicht nur auf das Äußere schaut, dasjenige finden kann, was für ihn geeignet ist. Mit dem gewöhnlichen Verstande könnte er weit in der Welt herumgehen, würde er Menschen da und dort finden, aber die Gattin, die er sucht, an ihr würde er vorbeigehen; denn die Verhältnisse, die da in Betracht kommen, die dagegenspielen, die versteht er gar nicht. Da haben sich die früheren Verhältnisse erhalten.
[ 19 ] Suppose—like the king in the second tale—someone has to find a wife. He looks for a being in the human world who is as nearly as possible a picture of what he can find in the spiritual world as his archetype, and this can be found through the wise guidance of the powers that the intellectual soul can recognize. But in the outer world it cannot be found; therefore we have to subordinate the outer to the more inward element in ourselves. On the physical plane we are subject to error. Therefore we must allow deeply inward powers to rule, when we make such a search as the king is doing. Even today we are able to do this by putting ourselves in that intermediate state of consciousness, in order to make a connection with the powers ruling there. The persons who possess such powers, however, live in retirement where they are not distracted by the immense happenings of the world. And so the king has to go to his friend, the hermit, living alone and in poverty, who knows the secrets of the forces guiding human beings to the spiritual world. He is able to give the king the branch of rosemary. The king cannot find, through any outward contrivance, what can be determined only by his archetypes in the spiritual world. Therefore he dreams first of all that a little golden bird comes to him and then he remains in a sort of waking-dream state. In this condition, through the transparent touch one has as a sense in the spiritual world, he experiences everything I have shown. Gradually he comes to find out, through the powers opposing human purity and nobility, something that has been preserved even into our own time: the possibility of being blessed with pure joy. None of the powers bound to the physical world today can bring him to this, only the power that appears to him when the intellectual soul or his general inner soul strength is directed towards the spiritual world. And this power comes to him in the image of the “magic horse.” In the physical world the horse is only the shadow picture of what lies behind it in the spiritual world. The harmful powers of soul embodied in the physical world have shot the arrow into the horse's body. The moment that these forces are plucked out and the horse is freed from them, the powers are aroused that enable the king to understand and assess all these relationships, so that by looking not only on outer appearance, he is able to find what is right for him. With ordinary intelligence, he might wander far into the world and find people here, there, and everywhere, but he would pass by the wife he is looking for; he would not understand at all what conditions are involved or what hindrances there are. The earlier conditions would be preserved.
[ 20 ] Die Verhältnisse, die er sucht, sind da, aber entstellt durch die äußere physische Welt, wo die Dinge überhaupt verwandelt erscheinen. In der physischen Welt haben wir die Kräfte überhaupt nicht in ihrer Wahrheit. Aber im verwandelten gläsernen König erscheint ihm in seiner wahren Gestalt diejenige Persönlichkeit, die ihn dort hinweisen kann, wo er die Gattin suchen soll. Durch die widerstrebenden Kräfte der äußeren Welt ist er gerade verwandelt worden. Und diese Kräfte machen sich geltend durch das, wodurch der Mensch ganz verstrickt ist in die äußeren Weltverhältnisse. Der gläserne König ist erst ganz verstrickt in die äußeren Weltverhältnisse. Das hat ihn innerlich anders gemacht, als er eigentlich sein könnte. Der Mensch hat Dinge in seinem Karma, die eigentlich wie ein Unrecht sind, die ihn stören, wie eine böse Brummbrummfliege. Das zeigt sich alles im Bilde, was in Wahrheit da zugrunde liegt. Die ganze Situation muß man sich vorstellen: wie durch die im König rege gemachten Kräfte dasjenige gefunden werden könnte, was hinter den physischen Erscheinungen ist. Wenn seine Seelenkräfte in ihm erregt werden und wenn er sie richtig leitet, dann findet der König das, was die äußeren physischen Kräfte ihm verhüllen: die «Gattin».
[ 20 ] The conditions he is looking for are there, but they are distorted by the outer physical world, where indeed most things do appear altered. We certainly do not have—in the physical world—the forces in their true reality. However, the transformed glass king finally appears in his true form and is the very personality who can point out where the other should look for a wife. Through the opposing forces of the outer world the glass king has been transformed; these forces assert themselves when the human being is completely entangled in the concerns of the external world. At first the glass king is completely enmeshed in outer circumstances and this has made him different inwardly from what he actually could be. We often have things like wrong-doing in our karma that are like an evil bluebottle fly. The truth lying at the bottom of all this is revealed in such pictures. We must be able to imagine the situation: what lies behind physical phenomena can be found in the forces awakened in the king. As his soul forces awaken and when he directs them well, he finds what the outer physical forces had hidden from him, his “bride.”
[ 21 ] Eine äußere Erscheinung, die sich zuträgt, irgendein Geschehnis, sagen wir eine Brautwerbung, wird dargestellt, die sich aber nicht abspielt unter den gewöhnlichen Verhältnissen, sondern unter den Verhältnissen, wo jemand zusammenkommt mit einem solchen Seelenführer, wie es der Einsiedler für den König ist, der in ihm tiefere Kräfte regsam macht. Dadurch wird der Mensch geführt zu den Kräften, durch die alles, was in der physischen Welt ist, für eine Weile als unwahr erscheint, und die er braucht, wenn es ihm möglich gemacht werden soll, die Wahrheit zu durchschauen. So sehen wir, wie zwar äußere Verhältnisse zugrunde liegen, wie aber andere Bewußtseinszustände, die wirkliches Schauen hervorrufen, vorhanden sind.
[ 21 ] When some external happening like searching for a bride is pictured in such tales, it usually takes place not in an ordinary way but in circumstances where someone comes into contact with a sort of soul-shepherd, who will awaken the deeper forces within him, as the hermit did for the king. He is led thereby to the forces that make everything in the physical world appear unreal for a time; he needs this if it is going to be possible for him to discern the truth. And so we see that while outer conditions seem to be the source, other states of consciousness are present, calling forth genuine vision.
[ 22 ] So kann im Grunde jedes Märchen gedeutet werden; aber man muß es deuten aus der hinter der ganzen Märchenwelt liegenden geistigen Wirklichkeit, und alles, was uns in einem Märchen, auch als einzelne Züge, auftritt, das können wir nach und nach finden und deuten. Zum Beispiel jene geheimnisvolle Verbindung, die da ist zwischen den lebendig wahrnehmenden Kräften und zwischen den geheimnisvollen Kräften des bloßen Lebens, sie kann sichtbar werden, wenn man innerlich schaut. Sie symbolisiert sich wunderbar in der Berührung des Rosmarinzweiges mit der Lilie. In der Lilie ruhen zwar feinere, höhere geistige Kräfte, aber sie müssen erst berührt werden von dem Rosmarinzweige; dann erst sind sie da.
[ 22 ] Every fairy tale can be explained in this way, but the explanation should come forth out of the spiritual reality that lies in back of the whole world of fairy tales. Everything that occurs in a tale, including all the small details, can gradually be found and interpreted. For example, the mysterious connection between the active forces of perception and the hidden forces of ordinary life can become visible when we begin to look at it more inwardly. This is beautifully symbolized in the touch of the little golden bird on the lily. Delicate, significant spiritual forces are indeed latent in the lily, but they only appear when they have been aroused by the golden bird.
[ 23 ] So liegt der Märchenwelt der begründete Glaube zugrunde, daß alles, was wir um uns herum haben, die verzauberte geistige Wirklichkeit ist, und daß der Mensch zur Wahrheit kommt, wenn er die verzauberte geistige Welt wieder entzaubert. Freilich müssen wir uns darüber klar sein, daß ein Märchen ursprünglich allerdings die Wiedergabe eines astralisch geschehenden Ereignisses ist, daß es aber weitererzählt worden ist. Und da haben die Menschen ja dann ein solches Talent, einzelne Züge zu verändern! Sobald man die Märchen aus dem Munde des Volkes sammelt, hat man zwar den Überrest eines alten, astralisch gesehenen Bildes, aber es können einzelne Züge verändert sein. Da kann dann der Erklärer sehr leicht den Fehler machen, diese hinzugekommenen Züge besonders geistreich zu deuten, während man bei der richtigen Märchenerklärung nie verkennen darf und es sich gefallen lassen muß, daß man auf die Urgestalt zurückgehen und sie erkennen muß. Alles entspricht solchen astralischen Erlebnissen.
[ 23 ] The established belief that everything around us is bewitched spiritual truth and that we attain the truth when we break the spell, is the basis of the realm of the fairy tale. We must be quite clear that a fairy tale is primarily the account of an astral event. But by its constant repetition minor details are altered—people have an extraordinary talent for changing things! We carefully collect the tales as they are told again and again by simple people, and indeed these are remnants of an ancient picture seen in the astral world, but many of the details may well have been altered. And then the mistake is made to explain these alterations in a clever way. To explain fairy tales correctly, we must always go back to their original form and recognize it as such. Everything has to correspond to those astral experiences.
[ 24 ] So kann namentlich die Frage vor uns auftreten: War denn der Mensch in einer früheren Zeit, die also festgehalten wird in den geistigen Erlebnissen der Zwischenzustände, von einer solchen Gestalt wie heute? Nein, das war er nicht. Der Mensch hat ganz andere Gestalten durchgemacht und sich erst zu der heutigen Gestalt hin entwickelt. Aber auch das, was der Mensch überwunden hat, was er aus sich herausgesetzt hat, das erscheint in einer ganz bestimmten äußeren Gestalt. Der Mensch mußte, um sich seiner Riesengewalt zu entfremden, die Riesengestalten aus sich heraussetzen, sie überwinden, seine Kräfte verfeinern und sie heraufheben zur Verstandesseele und zur Bewußtseinsseele. Es gibt nun auch Wesen, die auf der Stufe der rohen Kräfte stehengeblieben sind. Überall, wo dem Menschen etwas als schlecht erscheint, das überwunden werden müßte, das aber stehengeblieben ist auf dem Astralplan, erscheint dieses als «Drachen» und dergleichen, die nichts anderes sind als groteske, seither in der geistigen Welt umgewandelte Formen dessen, was der Mensch umwandeln und aus sich heraussetzen mußte. Und auch da müssen wir uns wieder bewußt sein, daß das einer ganz bestimmten Tatsache entspricht.
[ 24 ] The question may arise whether the human being has the same form today as in those earlier times that are still contained in the spiritual experiences we have in the intermediate state of consciousness. The answer is no, we do not. We have passed through very different forms before developing into what we are today. However, what we have overcome and cast forth appears in a quite distinct, external form. In order to estrange ourselves from our giant power, we had to cast forth our giant shapes and overcome them, refining our forces and raising them to the intellectual soul and the consciousness soul. There are indeed beings who have remained at the stage of the rough forces. Wherever something evil appears and has to be overcome, something that has remained stationary on the astral plane, it always appears as a “dragon” or something similar; this is none other than the grotesque form, transformed in the spiritual world, of what human beings had to change and cast forth from themselves. We must be aware that this corresponds to an absolutely certain fact.
[ 25 ] Nun möchte ich Ihnen zum Schluß, wie zu Ihrer eigenen Verarbeitung, noch ein Märchen erzählen, welches die mannigfaltigsten Motive, die wir jetzt haben sich abspielen sehen, wenn der Mensch in eine Beziehung zum Astralischen kommt, in sich vereinigt zeigen wird. Und wenn Sie das, was wir gesagt haben, anwenden auf dieses etwas komplizierte Märchen, dann können Sie den Faden fast von selber darinnen finden. Dieses Märchen ist wie eine Synthese, wie eine Zusammenfassung der allerverschiedensten ineinanderspielenden Kräfte.
[ 25 ] In conclusion, I should like to relate another fairy tale for you to ponder over for yourselves. It will contain the various motifs that come into play when the human being makes a connection with the astral world. If you apply what I have been describing to this somewhat complicated tale, you will be able to unravel the threads almost entirely for yourselves. This particular fairy tale is a kind of synthesis, bringing together the most varied, interweaving forces:
[ 26 ] Es geschah einmal - wo war es denn nur? Ja, es könnte eigentlich überall geschehen sein, wo war es denn nicht geschehen? -, da lebte ein alter König. Der hatte drei Söhne und drei Töchter. Als es zum Sterben ging, sagte der König zu den drei Söhnen: Gebt die drei Töchter denen, die als erste um sie anhalten, damit sie nicht unverheiratet bleiben. Das ist die erste Lehre, die ich euch gebe. Die zweite ist diese, daß ihr euch nicht an einen bestimmten Platz begeben sollt, und besonders nicht in der Nacht! Und er wies ihnen diesen Platz unter einem Pappelbaum des Waldes.
[ 26 ] Once upon a time it happened—where then was it? Where indeed was it not? There was an old king, who had three sons and three daughters. When he was about to die, he said to his three sons, “Give my three daughters to those who first ask for them in marriage, that they do not stay single. That is my first charge to you. And my second is this: you must never find yourselves at a certain place, especially at night.” And he showed them the spot, under a poplar tree in the forest.
[ 27 ] Als der König gestorben war, trachteten die Söhne danach, seine Weisungen auch zu befolgen. Am ersten Abend rief etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben. Die Brüder taten es und warfen die eine Schwester zum Fenster hinaus. Am zweiten Abend rief wieder etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben. Da warfen die Brüder die zweite Schwester zum Fenster hinaus. Und am dritten Abend rief auch wieder etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben, und da warfen die Brüder die dritte Schwester zum Fenster hinaus. Jetzt waren sie allein.
[ 27 ] When the old king died, his sons were resolved to carry out his directions. On the first evening, something or someone shouted through the window, asking for a king's daughter. The brothers were willing and they threw one of their sisters out of the window. The second evening again someone or something shouted through the window, asking for a king's daughter. The brothers threw their second sister out of the window. And on the third evening again someone or something shouted through the window, asking for a king's daughter, and the brothers threw their third sister out of the window.
[ 28 ] Aber nun waren sie neugierig und wollten doch gerne wissen, was es mit dem Pappelbaum für eine Bewandtnis habe. Sie gingen also eines Abends hinaus und setzten sich unter den Pappelbaum, zündeten ein Feuer an und schliefen ein. Der älteste mußte Wache halten. Wie er da so mit dem Säbel auf und ab ging, zeigte sich etwas, das am Feuer fraß, und als er näher zusah, da war es ein dreiköpfiger Drache. Da begann er mit dem dreiköpfigen Drachen zu kämpfen. Er besiegte ihn, begrub ihn, aber sagte seinen Brüdern nichts davon, und am anderen Morgen gingen sie nach Hause. Am nächsten Abend gingen sie wieder hinaus. Sie zündeten wieder ein Feuer an und legten sich hin. Diesmal mußte der zweite Bruder Wache halten. Da sah er bald etwas, das am Feuer fraß; und als er näher hinsah, war es ein sechsköpfiger Drache. Da fing er an, mit dem sechsköpfigen Drachen zu kämpfen. Er besiegte ihn und begrub ihn, aber sagte weiter nichts, und die Brüder glaubten, es wäre nichts geschehen. Und sie gingen am anderen Morgen nach Hause. Am dritten Abend machten sie es ebenso, zündeten ein Feuer an, und diesmal mußte der jüngste Bruder Wache halten. Kaum daß die anderen eingeschlafen waren und er mit dem Säbel auf und ab ging, da sah er, wie etwas am Feuer fraß. Er sah sich das genauer an und zögerte etwas und dadurch verging einige Zeit. Dann fing er an, mit dem Drachen, der jetzt ein neunköpfiger war, zu fechten. Aber als er ihn besiegt hatte, da war das Feuer ausgegangen. Nun wollte er den Brüdern die Überraschung nicht bereiten, und er machte sich auf den Weg, um etwas Licht zu finden. Da sah er zwischen den Zweigen etwas Licht; das wollte er holen, aber es reichte nicht aus. Da sah er etwas kämpfen in den Lüften und fragte, was denn das wäre, und die kämpfenden Wesen sagten: Wir sind die Sonne und die Morgenröte; wir kämpfen um den Tag. - Da schnürte er sich das Band los, mit dem er seine Beinkleider zusammengebunden hatte, und knüpfte damit die Sonne und die Morgenröte zusammen, so daß der Tag nicht beginnen konnte. Dann ging er weiter, um sich Licht und Feuer zu holen. Da kam er dann dahin, wo bei einem mächtigen Feuer drei Riesen schliefen. Er nahm sich Feuer, aber wie er dann über den einen Riesen hinwegsetzen wollte, fiel etwas Feuer auf den Riesen, daß er erwachte. Der griff mit der Hand nach ihm, zeigte ihn den anderen und sagte: Guckt mal, was ich da für eine Mücke gefangen habe! - Der Königssohn war im höchsten Maße unglücklich, denn die Riesen wollten ihn töten. Aber vorher wollten sie noch etwas von ihm haben und schlossen daher mit ihm einen Vertrag. Sie wollten sich nämlich drei Königstöchter holen; aber da waren ein Hund und ein Hühnchen, und die machten solchen Spektakel, daß sie nicht hinkommen konnten. Der Königssohn versprach, ihnen zu helfen, und die Riesen wollten ihn dafür freilassen.
[ 28 ] Now they were alone, but they began to be curious. They wanted above all to know why they should avoid the poplar tree in the forest. So they went out one evening and sat under the poplar tree, lighted a fire, and fell asleep. The eldest was to keep watch. While he walked backwards and forwards, armed with his sword, he saw something eating the fire; on looking closer he saw it was a three-headed dragon. He fought the three-headed dragon, he vanquished and buried it, but he said nothing about this to his brothers, and in the morning they went home. The next evening they went out again, lighted a fire, and lay down beside it. This time the second brother had to keep watch. Soon he saw something eating the fire, and on looking closer saw it was a six-headed dragon. He fought the six-headed dragon, vanquished and buried it, but said nothing about it, and the others thought nothing had happened; the next morning they went home. The third night the same thing happened; they lighted a fire, and the youngest brother had to keep watch. Almost as soon as the others were asleep, while he was walking up and down carrying his sword, he saw something eating the fire. He looked closer and hesitated a little, losing a few moments' time. Then he began to fight the dragon, which was a nine-headed one; but by the time he had finally vanquished it, the fire had gone out. Now he did not want to catch the others by surprise, so he set about finding a light. He saw a little light between the twigs, which he tried to get, but it was not enough. Then he saw something fighting in the air, and asked what it was, and the fighting Creatures replied: “We are the sun and the dawn, we are fighting for the day.” So he loosened a cord which fastened up his garments and tied the sun and the dawn together, so that the day might not begin. Then he went further to fetch light and fire, and came to a spot where three giants slept by a mighty fire. He took some of the fire, but as he tried to step over one of the giants, some fire fell on the giant and woke him. The giant seized him with his hand, showed him to the others and said: “Look at the midge I have caught!” The king's son was greatly alarmed, for the giants wanted to kill him; however, they struck a bargain with him. There were three princesses they wanted to get hold of but a dog and a chicken at the door made such a noise that they could not get to them. The king's son promised to help them, and so the giants let him go free.
[ 29 ] Es wurde nun ein Fadenknäuel angebunden, und der Königssohn ging mit dem Fadenknäuel weiter. Es war ausgemacht, daß jedesmal einer der Riesen nachkommen sollte, wenn er an dem Faden ziehen würde. Er kam bald an einen Fluß, über den er aber nicht hinüber konnte. Die Brüder schliefen unterdessen ja noch. Er zog an dem Faden - da kam der eine Riese herbei, warf einen Baumstamm über den Fluß, und er konnte weitergehen. Dann kam er an das Königsschloß, wo die Schwestern sein sollten. Er ging hinein und kam in die eine der Kammern. Da sah er die eine Schwester. Die lag auf einem kupfernen Bett und hatte ein goldenes Ringlein am Finger. Das zog er ihr ab, steckte es an seinen eigenen Finger und ging weiter. Da kam er in die zweite Kammer, wo die zweite Schwester auf einem silbernen Bett lag, und ein goldenes Ringlein hatte sie am Finger. Das zog er ab und steckte es selbst an. Dann kam er in die dritte Kammer. Da lag auf einem goldenen Bett die dritte Schwester, und ihren goldenen Ring steckte er ebenfalls an. Als er sich weiter umsah, da entdeckte er, daß an dem Schloß ein Eingang mit einer sehr kleinen Öffnung war. Nun zog er an dem Faden und da kam der erste Riese herbei. Aber in demselben Augenblick, als er durch das Tor wollte und als er mit dem Kopfe schon hindurch, der Körper jedoch noch draußen war, da schlug er schnell dem Riesen den Kopf ab. Und mit dem zweiten und dritten Riesen machte er es ebenso. Jetzt hatte er die drei Riesen getötet. Nun ging er zu seinen Brüdern zurück, nachdem er zunächst losgebunden hatte Sonne und Morgenröte. Die sahen sich an und sagten: Ach, es war doch eine lange Nacht! - Ja - sagte er -, es war eine lange Nacht! - und kam nun zu seinen Brüdern. Aber wie es die anderen gemacht hatten, so sagte auch er ihnen weiter nichts, und sie gingen also nach Hause.
[ 29 ] A ball of thread was attached and the king's son went forward, carrying the ball of thread. It was arranged that every time he pulled the thread one of the giants should follow. He soon came to a river he could not cross. (All this time the brothers still slept.) He pulled the thread and one of the giants came and threw the trunk of a tree across the river so that he was able to go on. Now he came to the king's palace, where he expected to find the princesses. He went in and entered one of the rooms. There he saw one of the princesses. She lay on a copper bed and had a little gold ring on her finger. This he took off and put on his own finger and went on. Then he came to a second room where the second princess lay on a silver bed; she, too, had a little gold ring on her finger, which he took off and put on his own finger. Then he came to the third room, where the third princess lay on a golden bed, and he also put on her golden ring. Then he looked about him and discovered a very small opening which was an entrance to the castle. So he pulled the thread and the first giant came along; but the moment that the giant tried to get through the door, his head inside but his body outside, the king's son quickly cut off his head. He did the same with the second giant and the third, and so he killed them all. Then he went back to his brothers, after he had first unbound the sun and the dawn. They looked at each other and said; “Oh! what a long night!” “Yes,” he said, “it was a long night!” But like the others, he said nothing further, and they all went home.
[ 30 ] Nach einiger Zeit wollten die drei Brüder heiraten, und der jüngste Bruder sagte den anderen, er wisse, wo drei Königstöchter wären und führte sie hin nach jenem Schlosse. Die drei Brüder heirateten der jüngste heiratete die schönste, die, welche auf dem goldenen Bette gelegen hatte. Der jüngste war der Erbe seines Schwiegervater, und er mußte daher in einem fremden Lande leben. Als aber einige Zeit verflossen war, wollte er sein Heimatland besuchen und auch seine Gattin mitnehmen. Da sagte ihm aber der Schwiegervater: Wenn du die Reise antrittst, so wird dir an der Grenze deine Gattin entrissen werden, und vielleicht auf Nimmerwiedersehen! Sie wollten aber doch reisen, reisten auch und nahmen zum Schutz dreißig Reisige mit. Als sie aber an die Grenze kamen, wurde wie von einer unbekannten Macht die Gattin herausgerissen. Er ging nun zurück und fragte seinen Schwiegervater, wie und wo er seine Gattin wiederfinden könne. Der Schwiegervater sagte ihm: Wenn schon, so kannst du sie nur in dem weißen Lande finden. Er also machte sich nun auf die Reise, um seine Gattin wiederzufinden. Er wußte aber gar nicht, wo der Weg zu dem weißen Lande ging. Da kam er zunächst an ein Schloß und wollte nun dort vorfragen, wo der Weg zu dem weißen Lande wäre. Als er in das Schloß hineinkam, sah er die Schloßfrau sitzen, und da sah er, daß das die eine seiner Schwestern war, welche die Brüder vorher zum Fenster hinausgeworfen hatten, und er fragte nach dem Gatten. Der wurde hineingerufen. Das war ein vierköpfiger Drache - und er wurde gefragt nach dem Weg zum weißen Lande. Der vierköpfige Drache aber meinte, er wisse nicht, wo das weiße Land läge; die Tiere wüßten es aber vielleicht. Die Tiere wurden hineingerufen, aber keines wußte den Weg zum weißen Lande. Der Königssohn ging also weiter und kam nun an ein zweites Schloß. Dort fand er die zweite seiner Schwestern, welche die Brüder weggegeben hatten. Er fragte nach ihrem Gatten. Der wurde gerufen - da war es ein achtköpfiger Drache. Aber auch er wußte nichts von einem weißen Lande. Vielleicht aber, meinte er, wüßten es die Tiere. Die Tiere wurden wieder zusammengerufen, aber keines kannte den Weg zum weißen Lande, und der Königssohn mußte weitergehen. Nach einer Weile kam er zu einem dritten Schlosse. Als er eintrat, fand er die dritte der Schwestern dort. Er sagte, was er wollte - sie antwortete ihm sehr traurig. Der Gatte wurde gerufen, da war es ein zwölfköpfiger Drache. Er wurde gefragt nach dem weißen Lande, aber er sagte, er wisse es nicht, es könnte aber sein, daß es vielleicht eines seiner Tiere wüßte. Die Tiere wurden also gerufen, aber auch von ihnen kannte keines das weiße Land. Ganz zuletzt kam ein lahmer Wolf. Der erzählte: Ja, ich bin einmal eingefallen in ein Land, da hat man mich verwundet, so daß ich jetzt lahm bin. Ich weiß das weiße Land, leider weiß ich es! - Da sagte der Königssohn: Ich will dahingeführt werden! - Aber der Wolf wollte nicht, und wenn ihm ganze Schafherden versprochen würden. Aber zuletzt ließ er sich doch herbei, den Königssohn so weit zu führen, daß er von einem Berge aus in das weiße Land hineinsehen könnte. Sie kamen dann auch an diesen Berg, und da verließ ihn der lahme Wolf.
[ 30 ] Some time after this the brothers wanted to marry, and the youngest brother told the others he knew where there were a king's three daughters, and he led them to the castle. The three brothers married, the youngest marrying the most beautiful princess, the one who had lain on the golden bed. The youngest brother was the heir of his wife's father and had therefore to live in a foreign land. After a time he wished to visit his native land and to take his wife with him. But his father-in-law said to him: “If you set forth on this journey, your wife will be taken from you at the border, and perhaps you may never see her again!” They wanted to go, however, so they set out and took thirty horsemen to protect them. But when they came to the border, the wife was torn away as if by an unknown power. He went back and asked his wife's father how and where he could find his wife again. His father-in-law said; “If you find her at all it will only be in the White Country.” So he set out to find his wife. But he did not know the way to the White Country. At last he came to a castle, and went in to ask the way to the White Country. There he met the lady of the castle and saw that she was one of his own sisters whom her brothers had thrown out of the window. He asked for her husband, who was called in, and lo! he was a four-headed dragon! They asked him the way to the White Country; he did not know where it was, but his animals might know. The animals were called in, but none of them knew the way to the White Country. So the king's son went on and came to a second castle. There he found his second sister. He asked for her husband, and he was called in. He was an eight-headed dragon, and he, too, knew nothing of a white land. “Perhaps,” said he, “the animals might know.” The animals were called in, but none of them knew the way to the White Country, and so the king's son had to go on. After a time he came to a third castle, and there he found his third sister. He told her what he wanted, and she answered him very sadly. Her husband, a twelve-headed dragon was called in, and asked about the White Country; he said he knew nothing of it, but it might be that one of his animals did. The animals were therefore called in, but none of them knew the White Country. As the very last came a lame wolf. “Yes,” said he, “I once came to such a land; there I was wounded, and am now lame for evermore. I know the White Country, unluckily for me!” Said the king's son: “I want to be taken there.” But the wolf would not go, even though they promised him whole herds of sheep. At last he was persuaded to guide the king's son as far as a hill from which he could see the White Country. They came to this hill, and the lame wolf left him there.
[ 31 ] Da traf der Königssohn eine Quelle. Er trank daraus und fühlte sich wunderbar erfrischt von dem Wasser. Da kam eine Frau heran, die er gleich als seine geraubte Gattin erkannte. Und sie, die ihn auch gleich wieder erkannte, sagte ihm: Wiedererringen kannst du mich doch nicht; denn würdest du es tun, dann würde der Zauberer, der mich jetzt hier zur Gattin hat, mich doch gleich wieder holen auf seinem Zauberpferde. Das kann so schnell durch die Luft fliegen wie der Gedanke! - Da sagte der Königssohn: Ja, was sollen wir denn da tun? - Und sie antwortete: Es gibt ein Mittel, und das ist: wir müßten ein schnelleres Pferd haben. Du gehst zu der alten Frau, die an der Grenze des Landes wohnt. Bei der verdingst du dich als Knecht. Sie wird dir zwar schwere Sachen aufgeben, aber du wirst schon sehen, wodurch du bestehen kannst; und du verlangst als Lohn das jüngste Fohlen und einen Sattel und sagst der alten Frau: der oben auf dem Boden liegt und ganz voll Hühnermist ist -, und als drittes verlangst du einen ganz alten Zaum!
[ 31 ] The king's son found a spring from which he drank and felt greatly refreshed by the water. Then a woman came by, whom he recognized at once as his stolen wife. She also recognized him, saying immediately: “You cannot carry me off yet, for if you do, the magician who imprisons me here as his wife will at once bring me back on his magic horse. It flies through the air as quickly as thought.” Whereupon the king's son said: “What then shall we do?” She answered: “There is only one way: we must have a swifter horse. Go to the old woman who lives at the border. Hire yourself out to her as a servant; she will set you hard tasks, but you will soon find out how to accomplish them. You must demand as wages the youngest foal and a saddle. Say to the old woman: ‘I want the old saddle that lies over there on the ground, covered with dirt.’ Thirdly, you will demand a very old bridle.”
[ 32 ] Mit diesem Unterricht ging der Königssohn fort und kam an einen Bach. Als er dort rastete, sah er am Rande des Bächleins auf dem Lande einen Fisch liegen. Der bat ihn: Nimm mich, und wirf mich wieder ins Wasser hinein, da tust du mir eine große Wohltat! - Er tat es - aber während er es tun wollte, gab ihm das Fischlein eine Pfeife und sagte zu ihm: Wenn du etwas brauchst, so nimm nur die Pfeife und pfeife, und ich will dir einen Dienst erweisen! - Er nahm auch das Pfeifchen zu sich und ging weiter. Nach einer Weile traf er eine Ameise, die von ihrer Feindin, die eine Spinne war, verfolgt wurde. Er befreite sie, und die Ameise gab ihm dafür ein Pfeifchen und sagte ihm, wenn er einmal in Not wäre und damit pfeifen würde, so wird ihm Hilfe werden. Er steckte es zu sich und ging weiter. Da fand er bald einen Fuchs. Der war verwundet und hatte einen silbernen Pfeil in sich; und der Fuchs sagte zu ihm: Wenn du mir den Pfeil herausziehen wirst und mir für meine Wunde etwas Pfahlkraut gibst, so soll dir in einer schwierigen Lage geholfen werden! - Der Königssohn tat es, und der Fuchs gab ihm auch wieder eine Pfeife. Mit diesen drei Pfeifchen begab sich der Königssohn nun zu der alten Frau an der Grenze des Landes. Er sagte ihr, er wolle sich bei ihr als Knecht anstellen lassen. Das kannst du wohl, meinte sie, aber der Dienst ist bei mit recht schwer; es hat ihn bis jetzt noch keiner bestanden. - Und damit nahm sie ihn hinaus auf das Feld. Da hingen neunundneunzig Menschen. Die Alte sagte: Das sind alles diejenigen, welche sich bei mir haben als Diener anstellen lassen, aber es ist keiner, der den Dienst bei mir besteht. Wenn du also Lust hast und nicht bestehst, so kannst du ja der hundertste werden! - Aber er verdingte sich doch bei ihr auf ein Jahr, aber dort in der Gegend hat das Jahr nur drei Tage.
[ 32 ] With these instructions the king's son went on his way and came to a stream. As he rested beside it, he saw a fish lying on the bank. The fish begged him, “Take me and throw me back into the water; you will be doing me a great kindness!” He did so, and while he was doing it the fish gave him a whistle and said to him: “If you ever want anything, just whistle, and I will do you a service!” He took the little whistle and went on. After a while he met an ant who was pursued by her enemy, a spider. He freed her, and in return the ant gave him a small whistle, and told him that if he were ever in trouble and whistled, help would be sent him. He took it and went on his way. Soon he met a wounded fox, who had a silver arrow stuck in him. The fox said, “If you will draw out the arrow, and give me some herb roots for my wound, I will help you if ever you are in great trouble.” The king's son did this, and the fox also gave him a whistle. With these three whistles in his pocket the king's son went to the old woman who lived at the border. He told her he wished to hire himself out to her as a servant. “That you may,” said she, “but service with me is very hard; so far no one has been able to stand up to it.” Saying this she led him out into a field where ninety-nine men were hanging. “All these men hired themselves out to me, but none could do what I wanted. If you still wish to come and are also not able to stand up to it, you may be the hundredth.” However, he entered her service for a year.
[ 33 ] Am ersten Tage kochte ihm die alte Frau eine Traumsuppe, und dann schickte sie ihn mit drei Pferden fort. Aber er hatte ja die Traumsuppe getrunken, und daher schlief er bald ein, und als er wieder erwachte - da waren die drei Pferde fort. Er dachte an die Pfeifen, zog das erste Pfeifchen heraus und pfiff. Es war nun da an der Stelle eine Art von Quelle. Da kamen drei Goldfischchen geschwommen, und als er sie berührte, verwandelten sie sich in die drei Pferde. Und er brachte nun die Pferde der alten Frau zurück. Sie hatte ja selbst erst die Pferde in die Goldfische verwandelt. Als sie ihn daher nun mit den Pferden sah, schimpfte sie und warf sich von einer Seite zur anderen.
[ 33 ] Now in that district a year has only three days. On the first day the old woman made him a soup that sent people to sleep, a dream-soup, and then she sent him away with three horses. Having taken the soup he soon fell asleep, and when he awoke the three horses were gone. He bethought himself of the three whistles; he took the first one out and whistled. There was a kind of spring at that spot, and three little goldfish came swimming along. As soon as he touched them, they turned into the three horses, and so he brought the horses back to the old woman. She herself had changed the horses into goldfish. When she saw him return with the horses, she lost her temper and threw herself from side to side with rage.
[ 34 ] Am nächsten Tage kochte ihm die alte Frau wieder eine Traumsuppe und schickte ihn dann mit den Pferden fort. Er schlief wieder von der Traumsuppe ein, und als er erwachte, waren die Pferde verschwunden. Da pfiff er auf dem zweiten Pfeifchen, und in diesem Augenblick erschienen drei Goldameisen. Als er sie berührte, da waren es seine drei Pferde wieder, die er nun der alten Frau zurückbrachte. Da wurde die Alte ganz wild, weil sie ja die Pferde selbst verzaubert hatte, und schalt noch mehr auf die Pferde. Aber der Königssohn war gerettet.
[ 34 ] The next day the old woman again made him a dream-soup, and sent him away with the horses. The soup sent him to sleep, and when he awoke the horses had disappeared. Then he whistled with the second whistle, and three golden ants instantly appeared. As soon as he touched them, there were his three horses again, which he brought back to the old woman. Then the old woman was quite wild, because she herself had enchanted the horses, and she railed against the horses. But the king's son was saved.
[ 35 ] Am dritten Tag sagte sich die Alte: Jetzt muß ich die Sache noch viel schlauer anstellen! Sie kochte ihm wieder eine Traumsuppe und schickte ihn mit den Pferden hinaus. Als er von der Traumsuppe einschlief, verwandelte sie die Pferde in drei goldene Eier, und diese Eier dirigierte sie unter ihren eigenen Sitz - und setzte sich also darauf. Der Königssohn erwachte, die Pferde waren fort, und da pfiff er nun auf dem dritten Pfeifchen, und - nun denken Sie, wie schlau die Dinge wirken -, jetzt kam der Fuchs herbei. Der Fuchs sagte: Diesmal ist die Sache doch etwas schwieriger, aber wir wollen es schon machen. Ich will nach dem Hühnerhof gehen und dort ein großes Geheul anstellen. Da wird die Alte herausspringen, und in dieser Zeit berührst du dann die drei goldenen Eier unter ihrem Sitz; und wenn du sie berührst, werden sie verwandelt sein. - Und so kam es. Der Fuchs ging zum Hühnerhof, machte dort ein großes Geheul, die Alte sprang auf, lief hinaus, der Königssohn berührte die goldenen Eier, und als die Alte wiederkam, da waren die drei Pferde da. Jetzt konnte die Alte nun nicht anders, als den Königssohn fragen: Was willst du als Lohn haben? - Sie dachte ja, er würde etwas ganz Besonderes haben wollen. Da sagte er: Ich will nur das Fohlen, das heute nacht geboren ist, dazu den Sattel oben auf dem Boden, der von Hühnermist ganz bedeckt ist, und einen alten Zaum. - Das bekam er. Das Pferd war noch klein. Er mußte es auf dem Rücken tragen. Als es Abend war, sagte das Pferdchen: Jetzt kannst du eine Weile schlafen; ich will zu einer Quelle gehen und Wasser trinken. Am Morgen kam es wieder. Am zweiten Tage konnte es schon mit einer Riesengeschwindigkeit laufen. In der zweiten Nacht ging es wie in der ersten. Und am dritten Tage führte es ihn zu dem Bannort seiner Gattin. Da wurde die Gattin auf das Pferdchen gesetzt, und - das ist jetzt ein Zug, der für jeden, der die Sache kennt, so tief beweisend ist für den okkulten Ursprung des Märchens - nun sagte der Königssohn: Mit welcher Geschwindigkeit werden wir jetzt durch die Luft fahren? - Und es antwortete die Gattin: Mit der Geschwindigkeit des Gedankens. - Als nun der unrechtmäßige Besitzer das bemerkte, setzte er sich ebenfalls auf sein Zauberpferd, um ihnen nachzueilen. Da fragte ihn das Pferd: Mit welcher Geschwindigkeit werden wir durch die Luft fahren? - Und er sagte: Mit der Geschwindigkeit des Willens oder des Gedankens! - Es sauste ihnen nach, kam näher und immer näher, und als es schon ganz nahe war, da sagte das Pferd zu dem voranfliegenden, es solle warten. Ich werde erst warten, wenn du ganz nahe bist - war die Antwort. In dem Augenblick erhob sich das andere Pferd und warf den Räuber ab, vereinigte sich mit dem ersten Pferde und die Königin war befreit. Nun konnte der Königssohn wieder mit seiner Gattin zurückkehren, und sie lebten in ihrem Lande weiter. Und wenn das Ereignis nicht verblichen ist, so leben sie noch heute.
[ 35 ] The third day the old woman said to herself: “I must set about this much more cleverly.” She again made him a dream-soup, and sent him out with the horses. When the soup had sent him to sleep, she changed the horses into three golden eggs, which she placed under herself and sat down on them. When the king's son awoke, the horses were gone, and so he whistled on the third whistle. Now just imagine how cleverly everything happened. The fox came by and said: “This time the task is a little more difficult, but we shall manage it. I shall go to the hen-yard and make a great commotion there. The old woman will spring up and go out, and at that moment you will touch the eggs and they will be changed.” And so it happened. The fox went to the farmyard and made a disturbance, and as the old woman sprang up and ran out, the king's son touched the eggs; when she came back there were the three horses! The old woman was now obliged to ask the king's son: “What will you have for your reward?” She expected he would want something very special. But he said: “I only want the foal that was born last night, the old saddle over there covered with dirt, and an old bridle.” These she gave him. The foal was so small he had to carry it on his back. When evening came the little foal said; “Now you can sleep while I go to a spring and drink.” Next morning it returned, and could already gallop with great swiftness. The second night the same thing happened, and the third day it led him to the place where his wife was. His wife was placed on the little horse—and this is the point that proves to anyone who understands these things the occult origin of fairy tales—and the king's son asked, “How fast shall we travel through the air?” His wife answered: “With the swiftness of thought!” Now when the magician who had imprisoned her noticed their flight, he mounted his magic horse to hurry after them. The horse asked him: “How fast shall we travel through the air?” And he replied: “With the swiftness of will or of thought!” He rushed after them, getting nearer and nearer—and when he was quite near, the magic horse told the one in front of him to stop. “I will only stop when you are quite close,” was the answer. At the same moment the magic horse reared, threw the robber off, and joined the little horse. So the queen was freed. The king's son was now able to go home with his wife, and they lived again in their own country. And if what happened did not fade away, they must still be alive today.
[ 36 ] Das ist jetzt ein anderes, etwas komplizierteres Märchen, das die mannigfaltigsten Züge enthält. Bis wir in der Lage sein werden, hier Weiteres zur Deutung gerade dieses Märchens zu sagen, wollen wir es uns durch die Seele ziehen lassen, um die verschiedenen Züge, die gerade in diesem Märchen wunderbar zusammenklingen, selber zu enträtseln. Natürlich wird das, was durch falsche Tradition hinzugekommen ist, ausgesondert werden müssen. Aber Sie werden, wenn Sie es nach dem Prinzip betrachten, das heute geschildert worden ist, für alles, was hier auftritt, den Faden finden können: das Drachenmotiv, das Motiv der drei Schwestern, die herausgeworfen werden, das Überwindungsmotiv der Drachen am Feuer, das Klugheitsmotiv, das Vermählungsmotiv der Verstandesseele mit der äußeren Welt; jetzt wieder in einzigartiger Weise das Klugheitsmotiv der feineren Zauberkräfte. Dann tritt auf in einer merkwürdigen Weise Nemesis, Karma, indem der Königssohn seinen Schwestern wieder entgegentritt: Ihre höhere schwesterliche Natur haben die drei Brüder hinausgeworfen, daher das Drachentöten am Feuer und so weiter.
[ 36 ] That is a somewhat more complicated fairy tale, containing the most varied features. Until the time comes when we can say more in explanation of this tale, we should just let it penetrate our souls in order to decipher the different features that are here harmonized so wonderfully. Of course, all that has been brought in through false tradition must naturally be sifted out of it. But you will be able to find the threads leading to every event if you follow the principle described here: the dragon-theme; the theme of the three sisters who were thrown out of the window; the theme of the conquest of the dragons at the fire; the theme of cleverness; the marriage theme (the intellectual soul with the outer world); and once again in a unique manner the theme of the cleverness of the magic forces. Then Nemesis or fate appears in a wonderful way when the king's son meets his sisters: the three brothers had thrown out their higher sisterly nature—hence the death of the dragons at the fire, and so on.
[ 37 ] Solche Märchenerzählungen sind Erfahrungen von Leuten aus dem Volk, die in solchen Zwischenzuständen sind. So sind ebenfalls die großen Göttermythen der Völker die Darstellung dessen, was die Eingeweihten auf dem astralischen Plan und den höheren Planen erleben. Die Märchen verhalten sich zu den großen Völkermythen folgendermaßen: Die großen Völkermythen können wir enthüllen, wenn wir die großen, umfassenden Verhältnisse des Kosmos zugrunde legen, und die Märchen enthüllen wir, wenn wir die Geheimnisse des Volkes zugrundelegen. Alles im Märchen tritt so auf, daß die verschiedenen Vorgänge und Bilder nichts anderes sind als Wiedererzählungen astralischer Erlebnisse. Solche astralische Erlebnisse hatten in einer gewissen Urzeit alle Menschen. Dann wurden sie immer seltener und seltener. Die einen Menschen erzählten sie den anderen, die anderen nahmen sie auf, und so wanderten die Märchen von Gegend zu Gegend. In den verschiedensten Sprachen traten sie auf, und wir merkten die Ähnlichkeit des Märchenschatzes über die ganze Welt, wenn wir die ihnen zugrundeliegenden astralischen Erlebnisse herausschälen können.
[ 37 ] Such fairy tales are the experiences of certain individuals among people who are in the intermediate state of consciousness. The great popular myths of the gods are also representations of everything the initiates experience on the astral and higher planes. Fairy tales stand in relation to the great popular myths of the gods in the following manner: The myths can be understood when we realize the huge comprehensive circumstances of the cosmos underlying them, and fairy tales can be understood when we realize that the different happenings and pictures are nothing but the repetition of astral events. In far remote times everyone had astral experiences. They became fewer and fewer. One person told them to another, the other took them up, and so the fairy tales were carried from place to place. They appeared in the most varied languages, and we can note the similarity of the fairy tale treasures the whole world over, when we unveil the astral events that serve as their basis.
[ 38 ] Wer heute als sinniger Mensch durch die Welt wandert, der kann die letzten Reste des atavistischen Hellsehens wohl noch finden. Da oder dort tritt ihm jemand entgegen, und der erzählt, was er als eigene Erlebnisse in der astralischen Welt geschaut hat. Ein solcher Mensch, der so durch die Länder wandert, kann dann hören von solchen, die noch eine Ahnung haben von der wahren Wirklichkeit, die Märchengeschichten. So werden sie in unseren Büchern aufgezeichnet. So haben die Brüder Grimm die Märchen gesammelt. So haben sie andere gesammelt, die meist selbst nicht Hellseher waren, sondern die Märchen aus dritter, vierter, fünfter Hand bekamen, ja manchmal auch erst aus zehnter Hand, so daß sie ihnen in einer mannigfaltig entstellten Gestalt entgegentraten. Aber es neigte sich die Zeit der Abenddämmerung, wo die Menschen noch ihren intimen Zusammenhang mit der geistigen Welt hatten, der jetzt eben charakterisiert worden ist. Immer mehr und mehr treten die Menschen von dieser geistigen Welt zurück. Das atavistische Hellsehen wird immer seltener und seltener werden, wenigstens das als gesund zu bezeichnende, und wahres Hellsehen wird immer mehr und mehr das bloß durch Schulung dem Menschen zuteil gewordene sein können. Und von dem, was die Menschen in alten Zeiten gesehen haben, werden die meisten Menschen, die noch etwas wissen von den Dingen, in einer gewissen Zukunft sagen können: Es war einmal, daß alte Leute aus ihren astralischen Erlebnissen heraus dieses oder jenes erzählten. Wo war es doch? Es kann eigentlich überall gewesen sein. - Aber heute findet man nur noch sehr selten irgend jemanden, der das aus einer wirklichen Quelle heraus erzählen wird. Und man wird von den Märchenerlebnissen sagen können: Sie ereigneten sich einmal - und wenn sie nicht gestorben sind, diese Märchenerlebnisse, so leben sie heute noch. Aber für die meisten Menschen, die innerlich sich mit dem physischen Plan verstricken, sind sie eben längst gestorben.
[ 38 ] Any thoughtful person who travels about can even now find the last remnants of atavistic clairvoyance. Somewhere or other he may meet someone who relates what he has seen in the astral world as his own personal experience. Such a person in traveling about the world will hear fairy tales told by those who still possess a presentiment of the real truth. In this way they have been inscribed in our literature, and thus did the brothers Grimm collect their fairy tales; in like manner others have collected them, who were usually not clairvoyant themselves, but got them at second, third, or even tenth hand, so that they encountered them in a very mutilated form. But the time when people were still in such close touch with the spiritual world is approaching its twilight. Human beings are withdrawing more and more from the spiritual world. Atavistic clairvoyance is becoming rarer and rarer, at least, what may be called healthy clairvoyance, and true clairvoyance tends more and more to be attainable only through training, so that in the time to come most people who know anything of the matter will say about what people saw in ancient times: “Once upon a time old people related this or that from their astral experiences. Where was it then? It could have been everywhere.” Nowadays, however, we can very seldom find anyone who can relate things from a genuine source, and it will be said of fairy tale experiences: “They happened once upon a time, and if they did not perish, these fairy tale experiences are still alive.” But for most people, who are inwardly entangled with the physical plane, they have long since been dead.
