Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Support the Archive

Die Beantwortung von
Welt- und Lebensfragen
GA 108

26 October 1908, Berlin

9. Märchendeutungen

[ 1 ] Was heute hier gegeben werden soll, das ist zunächst eine Art Prinzip für die Erklärung von Märchen und Sagen. Im weiteren Sinne läßt sich dann dieses Prinzip auch ausdehnen auf die Mythenwelt, und wir werden dann mit ein paar Worten auch anzudeuten haben, wie das auszudehnen ist. Natürlich ist es mir in einer Stunde nicht möglich, Ihnen im genaueren anzugeben, wie man sich dem heutigen Kinde gegenüber mit der Erzählung beziehungsweise, wenn das Kind älter geworden ist, mit der Erklärung des Märchens dann abzufinden hat. Es wird mir heute mehr darum zu tun sein, Ihnen anschaulich zu machen, was in der Seele dessen leben soll und was der wissen soll, der Märchen erzählen und erklären will.

[ 2 ] Das erste, was wir von vornherein dabei festzustellen haben, wenn wir Märchen, Sagen oder Mythen erzählen, und auch wenn wir sie erklären wollen, das ist, daß wir unbedingt mehr wissen müssen, als wir zu sagen in der Lage sind, und zwar beträchtlich viel mehr. Und als zweites kommt in Frage, daß in uns der Wille da sein muß, aus der anthroposophischen Weisheit heraus die Mittel zur Erklärung zu holen. Das heißt nicht, was einem gerade einfällt, in die Märchen hineinzutragen, sondern wir müssen den Willen haben, anthroposophische Weisheit als solche zu erkennen und dann auf Grund alles dessen, was wir in der anthroposophischen Weltanschauung gelernt haben, zu versuchen, die Märchen damit zu durchdringen. Es ist nicht gesagt, daß das bei jedem gleich richtig gehen müßte. Aber wenn man auch zunächst ganz danebenhaut, wird man später schon von selbst die richtige Deutung herausfinden. Wo auf gutem Grund gebaut wird, da wird es schon richtig werden; wo aber nicht auf gutem Grund gebaut wird, da stellt es sich heraus, daß dann alles mögliche da hineingedeutet wird. Also für die Erzählenden wie auch für die zu Belehrenden soll hier gesprochen werden. Es sollen uns dabei Beispiele möglichst anschaulicher Art vergegenwärtigen, um was es sich dabei handelt. Das erste Märchen, das wir zu behandeln haben, wäre vielleicht so zu erzählen:

[ 3 ] Es hat sich einmal etwas ereignet, ja, wo war es denn nur? Ja, es kann auch gefragt werden: Wo war es denn nicht? - Es war einmal ein Schneidergeselle. Der hatte nur noch einen Groschen in der Tasche, aber es trieb ihn mit diesem Groschen auf die Wanderschaft. Da hungerte ihn, und er konnte sich für diesen Groschen nur noch eine Milchsuppe kaufen. Als die Milchsuppe so vor ihm stand, da flogen eine ganze Menge Fliegen in die Suppe, und als er ausgegessen hatte, war der ganze Teller mit lauter Fliegen bedeckt. Da schlug er dann mit seiner Hand ein paarmal auf den Teller und zählte dann, wieviel er erschlagen hätte, und zählte hundert. Da nahm er sich von dem Wirt eine Schreibtafel und schrieb darauf: Der hat hundert auf einmal erschlagen! - Und mit dieser Tafel, die er sich umhing, ging er weiter. Da kam er vorbei an einem Königsschloß. Der König schaute gerade hinunter und sah da einen gehen, der hinten etwas aufgeschrieben hatte. Er schickte seinen Diener hinunter, um nachzusehen, was darauf stände. Der Diener ging, und da stand: Der hat hundert auf einmal erschlagen! - und sagte das dem König. Halt! sagte sich der König - das ist einer, den ich brauchen kann -, und schickte hinunter und ließ ihn kommen. Dich kann ich brauchen! sagte ihm der König. Willst du in meinen Dienst treten? - Ja - sagte der -, ich will ganz gerne in Euren Dienst treten, wenn Ihr mir einen gehörigen Lohn gebt, den ich Euch nachher sagen werde. - Jasagte der König -, ich werde dich, wenn du das hältst, was du versprichst, sehr gut belohnen. Deshalb sollst du einmal gut essen und trinken, solange es dir beliebt. Dann mußt du mir aber auch einen Dienst leisten, der deiner Stärke entspricht. In mein Land kommt alle Jahre ein ganzer Trupp Bären, und die richten einen schrecklichen Schaden an. Sie sind so stark, daß sie kein Mensch töten kann. Du wirst es gewiß können, wenn du das hältst, was deine Tafel verspricht. - Da sagte der Geselle: Gewiß, ich werde das tun; aber bis die Bären kommen, muß ich um so viel zu essen und zu trinken bitten, als ich will. - Denn der Schneidergeselle sagte sich nämlich: Wenn ich dann die Bären nicht erschlagen kann, wenn sie mich töten, so habe ich dann doch wenigstens eine Zeitlang gut gegessen und getrunken. Und das ging so eine Weile. Als dann die Zeit kam, wo die Bären wieder erscheinen sollten, da richtete er folgendes her: Er ging in die Küche und stellte da eine Tafel auf. Das Tor ließ er weit offen; auf die Tafel legte er alle möglichen Dinge, die die Bären gern haben wollen zu essen und zu trinken, Honig und so weiter. Dann versteckte er sich. Die Bären kamen heran, aßen und tranken, bis sie nicht mehr konnten und dalagen. Da schlug er einem jeden der Bären den Kopf ab und hatte die Bären auf diese Weise erlegt. Als der König das sah, fragte er ihn: Ja, wie hast du das gemacht? Und der Geselle sagte: Ich habe die Bären einfach über die Klinge springen lassen und habe dann jedem den Kopf abgeschlagen! - Der König war da schon sehr gläubig und sagte: Wenn du das getan hast, dann kannst du mir auch noch einen größeren Dienst erweisen. In unser Land kommen alljährlich große starke Riesen. Niemand kann sie töten oder vertreiben; vielleicht kannst du es tun? - Der Schneider sagte: Ja, ich will es tun, wenn Ihr mir Eure Tochter nachher zur Gemahlin gebt. - Dem König lag viel daran, daß die Riesen vertrieben würden, und er versprach es, und der Schneider ließ es sich wieder gut ergehen.

[ 4 ] Als die Zeit kam, wo die Riesen wieder erscheinen sollten, nahm er sich alles mögliche mit, was die Riesen gern essen und trinken, und ging zu den Riesen hin. Aber auf dem Wege nahm er sich zu allem übrigen noch mit ein Stückchen Käse und eine Lerche und kam nun mit seinen vielen Sachen und dem Stück Käse und der Lerche bei den Riesen an. Die Riesen sagten: Wir sind wieder da, um mit dem Stärksten zu ringen; uns hat noch keiner bezwungen! - Da sagte der Geselle: Nun, dann will ich einmal mit euch ringen! - Das wird dir schlecht ergehen! - meinte ein Riese. Da sagte der Schneider: Zeige doch einmal deine Stärke, und was du kannst! - Da nahm der Riese einen Stein und zerrieb ihn zwischen seinen Fingern. Dann nahm er einen Bogen und einen Pfeil und schoß den Pfeil in die Luft, daß er erst nach langer Zeit wieder herunterkam. - Da sollt ihr meine Kraft einmal sehen! Wenn ihr mit mir ringen wollt, so müßt ihr mit etwas anderem kommen. - Der Schneider nahm einen kleinen Stein und überzog ihn heimlich mit etwas Käse, und als er mit den Fingern drückte, da spritzte der Käse heraus. Nun sagte er zu dem Riesen: Ich kann aus dem Stein Wasser herauspressen, und das kannst du nicht! - Das machte auf den Riesen einen starken Eindruck, daß der noch etwas anderes konnte als er. Dann nahm der Schneider auch einen Pfeil und Bogen, aber während er schoß, ließ er unvermerkt die Lerche hinauffliegen; die kam nicht wieder. Da sagte er zu dem Riesen: Dein Pfeil ist wieder heruntergekommen, aber ich habe so hoch geschossen, daß er gar nicht mehr herunterkommt! - Da waren die Riesen überrascht, daß sich noch ein Stärkerer finde, und sagten zu ihm: Willst du nicht unser Kamerad werden? - Er willigte ein. Klein war er zwar, aber es war doch ein guter Zuwachs. So nahmen sie ihn in ihre Kameradschaft auf, und er blieb eine Zeitlang bei ihnen. Aber es war ihnen doch ungeheuerlich, daß noch ein Stärkerer da war als sie selbst, und als er einmal wachend im Bette lag, hörte er, wie sie beschlossen, ihn zu töten.

[ 5 ] Da traf er nun seine Vorsorge. Er richtete ein großes Mahl her von den Sachen, die er mitgebracht hatte. Die Riesen aßen und tranken, bis sie nicht mehr konnten und bis sie von Sinnen waren. Aber sie hatten sich wohl gemerkt, ihn zu töten. Er aber nahm eine Schweinsblase, die füllte er mit Blut, band sie sich auf den Kopf und legte sich damit ins Bett. Der Riese, der dazu ausersehen war, ihn zu töten, kam und stach hinein - und als das Blut herausfloß, da waren die Riesen sehr befriedigt, denn nun waren sie ihn los. Und sie legten sich hin und schliefen. Da kam der Schneider nun aus dem Bett und tötete die schlafenden Riesen einen nach dem anderen. Dann ging er zum König und erzählte, wie er einen Riesen nach dem anderen erschlagen habe.

[ 6 ] Der König hielt sein Wort und gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und der Schneider hielt mit der Königstochter Hochzeit. Der König wunderte sich sehr über die Stärke seines Schwiegersohnes. Aber weder der König noch die Tochter wußten, wer der hergereiste Mensch eigentlich sei, ob ein Schneider oder ein entsprungener Königssohn? Damals wußten sie es nicht. Wenn sie es seitdem nicht erfahren haben, dann wissen sie es heute noch nicht. Das ist das eine der Märchen, das wir im Prinzip einmal betrachten wollen. Wir wollen aber daneben, bevor wir darauf eingehen, ein anderes stellen. Denn wenn Sie Märchen auflesen, wo Sie wollen, bei welchem Volk Sie wollen, und aus welcher Zeit Sie wollen, Märchen, die richtige Märchen sind, da wird es sich immer herausstellen, daß ein gewisser Grundstock von Vorstellungen in allen Märchen pulsiert. Ich mache Sie hier schon darauf aufmerksam, daß wir den Riesen begegnet sind, die durch Schlauheit überwunden werden. Und nun machen Sie einen Sprung durch Jahrtausende und denken Sie in der Odysseus-Sage an Odysseus und den Riesen Polyphem. Aber wir wollen ein anderes Märchen neben dieses erste hinstellen.

[ 7 ] Es hat sich einmal ereignet, wo war es nur? Ja, wo war es denn eigentlich nicht geschehen? Da war ein König, der war bei seinem Volke so beliebt, daß er immerfort den Wunsch um sich herum hörte, er solle doch eine Gemahlin bekommen, die ebenso gut und edel wäre wie er. Schwer war es ihm, jemanden zu finden, von der er glauben konnte, daß sie so geeignet wäre, wie er es für sein Volk wünschte. Aber er hatte einen alten Freund, einen armen Forstmann, der einfach und zufrieden im Walde lebte, der aber sehr weise war. Leicht hätte er reich werden können, denn der König hätte ihm gern alles gegeben. Aber der Forstmann wollte arm bleiben und seine Weisheit behalten. Da ging nun der König zu seinem Freunde, dem Forstmann, und fragte ihn um Rat. Der gab ihm einen Rosmarinstengel und sagte ihm: Den bewahre auf, und das Mädchen, vor dem er sich neigt - man denke hier an das Wünschelrutenmotiv -, das ist das Mädchen, mit dem du dich verbinden sollst! - Da ließ nun der König gleich am nächsten Tag eine große Anzahl Mädchen kommen. Eine große Menge Perlen ließ er vor den Mädchen ausbreiten und den Namen einer jeden mit Perlen auf den Tisch schreiben. Dann ließ er bekanntmachen, daß dasjenige Mädchen, vor dem sich der Stengel neige, seine Gemahlin werden solle; die anderen sollten nur die Perlen bekommen. Dann ging er mit dem Rosmarinstengel herum - aber der rührte sich nicht, er neigte sich vor keiner. Die Mädchen bekamen ihre Perlen und wurden fortgeschickt. Am zweiten Tage wurde dasselbe angestellt, aber es ging wieder so, und am dritten Tage war es auch nicht anders. Da schlief der König in der nächsten Nacht und hörte, daß sich etwas an seinem Fenster meldete. Da stellte es sich heraus, daß es ein Goldvögelchen war. Das sagte zu ihm: Du weißt es zwar nicht, aber du hast mir zweimal einen großen Dienst erwiesen. Ich will dir auch einen Dienst erweisen. Wenn es Morgen geworden ist, dann stehe auf, nimm deinen Rosmarinstengel und folge mir. Ich will dich an einen Ort führen, wo du ein Pferd finden wirst. Das hat in seinem Leibe einen silbernen Pfeil stecken. Den mußt du dem Pferde herausziehen. Dann kann es dich dahin führen, wo du deine Gattin findest! - Am anderen Morgen ging der König hinaus und folgte dem Goldvögelchen. Sie kamen schließlich zu einem Pferd, das war schwächlich und krank und sagte: Es hat mir eine Hexe einen Pfeil in den Leib geschossen. - Der König zog dem Pferde den Pfeil heraus, und in dem Augenblick verwandelte sich das schwächliche Tier in ein wunderbar kühnes Pferd. Das bestieg der König, der Rosmarinstengel bewegte sich vor dem Pferde her, und das Goldvögelchen führte voranfliegend den König auf seinem Zauberpferde dahin. Endlich kamen sie zu einem gläsernen Schloß. Da vernahmen sie schon von ferne ein Gebrumm und Gebrumm und Gebrumm, und als sie eintraten, der König, der Rosmarinstengel und das Goldvögelchen, da konnte der König sehen, wie ein anderer König dastand, der ganz aus Glas war, und in dem Magen dieses gläsernen Königs war eine große Brummfliege. Die war es eben, die so brummte, und die bearbeitete den Magen des Königs furchtbar stark und wollte sich von innen nach außen durcharbeiten. Der König fragte den gläsernen König, was denn das eigentlich wäre? Ja - sagte dieser -, da sieh nur einmal nach dem Sofa; da sitzt meine Königin in dem rosaseidenen Gewande, und das Geheimnis, um das es sich da handelt, das wirst du gleich sehen können. Denn jetzt ist gerade von dem Dornenhecker das Gespinst, das um die Königin herumgesponnen ist, zerrissen, gleich wird es ganz abgerissen sein. Wenn keines mehr herum ist, wenn es ganz ab ist, dann kommt eine böse Spinne, und die spinnt dann wieder ein neues Gespinst um die Königin herum, und während ich hier in einem gläsernen Körper verzaubert bin, wird meine Gemahlin von der Spinne eingesponnen. So sind wir jetzt schon durch viele hundert Jahre hier eingesperrt, bis wir davon erlöst werden.

[ 8 ] In der Tat stellte es sich heraus, daß eine böse Spinne erschien und die Königin mit einem Spinnetz umgab. Aber als sich die Spinne betätigte, kam auch das Zauberpferd herbei und wollte die Spinne töten. Es wollte gerade seinen Fuß auf die Spinne setzen, da hatte sich aber auch die Brummbrummfliege nach außen durchgearbeitet und wollte der Spinne zu Hilfe kommen. Da aber tötete das Zauberpferd sie beide. In dem Augenblick verwandelte sich der König, der aus Glas war, in einen ganz menschlichen König, der Dornenhecker verwandelte sich in ein nettes Mädchen, die Königin wurde von dem Spinnetz befreit, und der gläserne König erzählte, wie das alles gekommen wäre.

[ 9 ] Er hatte, als er schon König war, unter den Nachstellungen einer bösen Hexe zu leiden, die unten am Rande seines Besitztumes im Walde wohnte. Die Hexe wollte, daß er ihre Tochter heiraten sollte. Da er sich aber seine Gemahlin aus einem benachbarten Zauberschlosse geholt habe, so schwur sie ihm Rache zu. Sie verwandelte ihn in einen gläsernen König, ihre Tochter in eine Brummfliege, die an seinem Magen nagte. Die Königin wurde dadurch gequält, daß die Hexe selbst sich in die böse Spinne verwandelte und die Königin mit einem Spinngewebe umgab. Das Dienstmädchen wurde in den Dornenhecker verwandelt, und das Pferd, das er sich geholt hatte, wurde von der bösen Hexe angeschossen und hatte dann diesen Pfeil in seinem Leibe. Jetzt war das alles dadurch gut geworden, daß das Zauberpferd befreit war und dadurch die anderen befreit wurden.

[ 10 ] Nun fragte der König den verwandelten früheren gläsernen König, wo er eine Gattin finden könne, die für ihn gut wäre. Der wies ihm den Weg nach dem benachbarten Zauberschlosse. Das Goldvögelchen flog wieder voraus, und als sie hinkamen, fanden sie da eine Lilie. Da trieb es geradezu den Rosmarinstengel dahin, und er verneigte sich vor der Lilie. In diesem Augenblicke wurde aus der Lilie ein wunderschönes Mädchen, das da auch hineinverzaubert war; denn die Königin des benachbarten Schlosses war ja ihre Schwester gewesen. Jetzt war es durch das, was vorgegangen war, auch erlöst worden. Der König nahm es nun mit nach Hause. Sie hielten Hochzeit und lebten in einer außerordentlich glücklichen Weise für sich selbst und für ihr Volk. Sie lebten lange, lange. Man weiß nicht, wenn sie seither nicht verschwunden sind oder gestorben sind, dann müssen sie eigentlich immer noch leben.

[ 11 ] Nun haben wir also ein anderes Märchen vor uns hingestellt, das andere Elemente in sich enthält. Das erste, was wir uns abgewöhnen müssen, wenn wir den Inhalt von richtigen Märchen oder Sagen verstehen wollen, das ist, daß wir sie für irgendeine in der Volksphantasie entstandene Dichtung halten. Das sind sie niemals. Der erste Ausgangspunkt zur Märchenentstehung liegt bei allen wirklichen Märchen in uralten Zeiten, in den Zeiten, in denen es für alle noch nicht zur Verstandeskultur herangereiften Menschen ein gewisses mehr oder weniger hochgradiges Hellsehen gab, das als ein Rest eines ursprünglichen Hellsehens geblieben war. Die Menschen, die sich noch ein solches Hellsehen lange bewahrten, hatten Zwischenzustände zwischen dem Schlafen und dem Wachen. Und wenn solche Menschen, die solchen Rest des alten Hellsehens hatten, in solchen Zwischenzuständen waren, dann erlebten sie tatsächlich die geistige Welt, die geistige Welt in der mannigfaltigsten Gestalt. Es war nicht das, was ein heutiger Traum ist. Ein heutiger Traum ist für die meisten Menschen, nicht für alle, schon etwas Chaotisches. In diesen alten Zeiten erlebten die Menschen mit diesem alten Hellsehen etwas ganz Regelmäßiges, und zwar so regelmäßig, daß bei den verschiedenen Menschen die Erlebnisse dieselben oder wenigstens typisch ähnlich waren.

[ 12 ] Was ist denn da eigentlich in solchen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen mit den Menschen geschehen? Wenn die Menschen in ihrem physischen Leibe sind, nehmen sie die Welt um sich herum wahr, wie man sie mit physischen Wahrnehmungsorganen sehen kann. Aber dahinter ist die geistige Welt. Es war so in diesen Zwischenzuständen, wie wenn ein Schleier vor den Menschen weggezogen würde, nämlich der Schleier der physischen Welt, und sichtbar wurde die geistige Welt. Und alles, was in der geistigen Welt war, stand in einer gewissen Beziehung zu dem, was in dem Inneren der Menschen war. Es ist so, wie es in der physischen Welt ist: man kann nicht mit dem Ohr die Farben sehen und nicht mit den Augen die Töne hören; es entspricht das, was außen ist, dem, was innen ist. Die äußeren Sinne also schweigen in solchen Zwischenzuständen, aber das, was im Inneren war, in dem Seelischen, das wurde rege. Und wie das Auge und das Ohr ihre Beziehungen eingehen zur Umwelt, so gingen jetzt, in diesen Zwischenzuständen, die einzelnen Teile des menschlichen astralischen Leibes ihre Beziehungen ein zur Umwelt. Wenn die äußeren Sinne schweigen, dann lebt die Seele auf.

[ 13 ] Wir haben ja zunächst drei Glieder der Seele: die Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele. Wie Auge und Ohr ihre verschiedenen Beziehungen zur Umwelt haben, so haben diese drei Glieder der menschlichen Seele ihre ganz bestimmten Beziehungen zur Umwelt. Dadurch wird für den Menschen in solchen Zwischenzuständen wahrnehmbar, je nachdem der eine oder der andere Teil der Seele auf die geistige Umgebung gerichtet ist, der eine oder der andere Teil der geistigen Umgebung. Nehmen wir an, die Empfindungsseele wird insbesondere auf die geistige Umgebung gerichtet. Dann sieht der Mensch alle diejenigen geistigen Wesenheiten in seiner Umgebung, welche mit den gewöhnlichen Naturkräften in einem innigen Verbande stehen, dasjenige, was sozusagen in den Elementen der Natur lebt. Er sieht nicht selbst das Spiel der Naturkräfte, aber er sieht das, was im Spiel der Naturkräfte lebt, in Wind und Wetter und in den anderen Vorgängen der Natur. Die Wesen, die sich da aussprechen, die sieht der Mensch durch seine Empfindungsseele. Und wenn insbesondere die Empfindungsseele tätig ist, dann ist es gerade so, wie wenn der Mensch in der Zeit noch lebte, als er seine Verstandesseele noch nicht benutzen konnte und auch seine Bewußtseinsseele noch nicht. Der Mensch ist dann zurückversetzt und sieht die Umgebung so, wie er sie in alten Zeiten sah, als er noch nichts mit der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele anzufangen wußte. Aber in jenen alten Zeiten war er selbst noch in einem innigen Verbande mit den Naturkräften. Er selbst steckte ja noch in all den Naturkräften drinnen. Er war da ein Wesen, bestehend nur aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Empfindungsseele. So bevölkerte er die Welt. Da konnte er dasselbe, was jetzt jene Wesen um ihn herum können, die in den niederen Naturkräften leben. Sie erscheinen ihm als der Ausdruck dessen, was er einst war, als die Menschen so waren, daß sie im dahinsausenden Windsturm Bäume umreißen konnten, daß sie Wetter, Nebel und Regen beherrschen konnten. So erscheinen ihm die Wesen, die um ihn herum sind, wie er selbst einmal in einer Vergangenheit war, wo er riesig mächtig war, weil er sich noch nicht von den Naturkräften so entfernt hatte. Die Gestalten, die ihm da erscheinen - es waren ja die Nachbilder seiner eigenen Gestalt -, die erscheinen ihm als Menschen mit riesiger Stärke. Das sind die «Riesen». Der Mensch sieht in einem solchen Zwischenzustand die Riesen als wirkliche Gestalten, und sie stellen ihm eine ganz bestimmte Art von Wesenheiten dar: Menschen mit einer riesigen Kraft. Aber die Riesen sind dumm, weil sie aus einer Zeit kommen, wo sie noch nicht die Verstandesseele gebrauchen konnten. Sie sind stark und dumm.

[ 14 ] Nehmen wir nun einmal das, was die Verstandesseele sehen kann in solchen Zwischenzuständen. Sie kann dasjenige sehen, wo schon nach einer gewissen Weisheit die Dinge gestaltet sind, nicht nur durch bloße Kraft, wie bei den Riesen. Durch das, was die Verstandesseele ist, sieht der Mensch, wenn er in dieser Verstandesseele lebt, Wesenheiten um sich herum, Gestalten, die Weisheit in alles hineinbringen, die alles weise anordnen. Während er die Riesen in der Regel männlich sieht, sieht er die Gebilde der Verstandesseele als die formenden weiblichen Wesenheiten, die Weisheit in die Dinge hineinbringen, in das Gewoge der Welt. Das sind die «weisen Frauen», die hinter den Dingen wesen, die gestaltend sind, die alles gestalten. Er sieht wiederum in dieser Gestalt seine eigene Gestalt, als er zwar noch nicht eine Bewußtseinsseele hatte, aber doch schon eine Verstandesseele. Weise walten diese Wesen hinter den Dingen. Und weil er sich ihnen innig verwandt sieht, so fühlt der Mensch sehr häufig, wenn er in einem solchen Zwischenzustand ist: Was ich da als die weisen weiblichen Wesen sehe, das ist etwas, was eigentlich mir verwandt ist. Daher sehen wir, daß hier im Märchen sehr häufig der «Schwesters-Begriff auftritt, wenn diese weiblichen Wesenheiten erscheinen.

[ 15 ] Nun gibt es, wenn der Mensch in einem solchen Bewußtseinszustande ist, noch etwas, was er in seiner Seele erlebt, was man eigentlich nur ganz intim erfassen kann. Der Mensch ist in einem solchen Seelenzustand der gewöhnlichen physischen Wahrnehmung entrückt. Jetzt sagt er sich: Ja, was ich da sehe, das ist eigentlich in dem enthalten, was ich bei Tag sehe, was bei Tag meiner Verstandesseele klar wird; aber wenn ich das bei Tag sehe, dann ist es gerade umgekehrt. - Wenn sich der Mensch im Zwischenzustande an die Tageseindrücke erinnert, da erscheinen sie ihm umgekehrt dem, was er empfindet, wenn er sich bei Tag an die Zwischenzustände erinnert, an die verschiedenen hinhuschenden Gestalten seines Astralsystems. Jetzt, wenn er sich der Tageseindrücke erinnert, ist es ihm, wie wenn sich ihm das, was eigentlich die feinen, ätherischen Gestalten hinter der gewöhnlichen Wirklichkeit sind, in steifen Gestalten darstellt. Daher erscheinen dem Menschen die Tagesgegenstände so, wie wenn sie wie verzaubert in sich das enthalten, was ihre Wesenheit ist. Überall, wo Gestalten auftreten, die verzaubert sind, ob sie nun in Pflanzen verzaubert sind oder in etwas anderes, ist dies auf diese Weise entstanden: Der Mensch sieht den Inhalt eines weisen Wesens, das hinter der physischen Erscheinung ist, und er erinnert sich: Ja, bei Tag ist das nur eine Pflanze, und getrennt ist es von meiner Verstandesseele, so daß ich es eigentlich nicht erreichen kann bei Tag. - Wenn der Mensch nun diese Fremdheit fühlt zwischen den Tagesgegenständen und dem, was dahinter ist, zum Beispiel dem Tagesgegenstand der Lilie und dem, was dahinter ist, der Gestalt, die mit seiner eigenen Verstandesseele verwandt ist, dann fühlt er das Sich-Verbindenwollen seiner Verstandesseele mit dem, was hinter dem Gegenstande ist bei Tag wie eine «Vermählung», wie ein Zusammenwachsen der nächtlichen Gestalt mit der Tagesgestalt. Was die Bewußtseinsseele ist, das entstand ja im Menschen zu einer Zeit, als er schon sehr weit sich von den Naturkräften entfernt hatte, als er schon sozusagen gar nicht mehr hinter die Geheimnisse des Daseins schauen konnte. Weit, weit weg ist das, was die Bewußtseinsseele vermag, von jenen starken Kräften, die wir vorhin geschildert haben. Schlauheit ist die Fähigkeit der Bewußtseinsseele, aber weit entfernt von Stärke, von einer großen Kraft. Mit der Bewußtseinsseele sehen wir diejenigen geistigen Wesenheiten an, die auf der Stufe stehengeblieben sind, wo der Mensch erst nur die Hülle des Ich hatte. Diese Wesenheiten sieht da der Mensch leben; sie können nicht viel, ihre Kräfte sind klein. Und da der Mensch in den Bildern die Gestalten ihrer inneren Natur angemessen sieht, so erscheinen sie als «Zwerge». So bevölkert sich dann in solchen Zwischenzeiten dadurch, daß der Mensch frei ist von der Sinneswahrnehmung, das ganze Reich, das hinter der Sinneswahrnehmung ist, mit solchen Gestalten. Wenn der Mensch in seinen gewissermaßen höheren Augenblicken fühlt, daß er diese Beziehung zur geistigen Welt hat, dann erscheinen ihm die äußeren Ereignisse des Lebens, was sie ja auch in Wirklichkeit sind, als ein Ausdruck dieser ganzen Beziehungen zur geistigen Welt. Und wenn der Mensch dann im Leben besonders schlau ist, wenn er nicht nur trocken und prosaisch auf das Leben sieht, sondern sich die Beziehungen des Lebens zur geistigen Wirklichkeit klarlegt, insbesondere in solchen Zuständen, wo die Menschen noch etwas wissen können von der geistigen Wirklichkeit, dann kann ihm folgendes geschehen.

[ 16 ] Nehmen wir einmal an, er ist ein etwas sinniger Mensch und beobachtet, daß gewisse Menschen schlau sind und durch allerlei Schlauheit die rohen Kräfte überwinden, die sonst im Menschenleben walten. Da sagt sich der Mensch: Was im Leben da eigentlich geschieht, wo das durch die Schlauheit Angesponnene die rohen Kräfte überwindet, das verdankt man jenen hinter uns stehenden Mächten, mit denen wir verwandt sind, und die geschehen lassen, daß in uns selber eine Kraft bewußt geworden ist, die durch Intelligenz die rohen Kräfte überwindet, die wir selbst noch in uns gehabt haben, als wir auf der Stufe der Riesen waren. - Und die Geschehnisse seines Inneren erscheinen dem Menschen als die Spiegelbilder der äußeren Weltereignisse, die sich zurückgezogen haben, aber in der geistigen Welt noch wahrzunehmen sind. In der geistigen Welt spiegeln sich ab die Kämpfe derjenigen Wesenheiten, die schwächer sind an Körperkraft, aber dafür stärker geworden sind an geistiger Kraft. Überall, wo im Märchen die Besiegung der rohen Kräfte oder der Riesen auftritt, da ist zugrundeliegend die Wahrnehmung in einem solchen Zwischenzustand. Der Mensch will sich aufklären über sich selbst. Die geistige Welt ist ihm entschwunden, aber er sagt sich: Ich kann mich aufklären, wenn ich in einem solchen Zwischenzustande bin. Da werde ich so weise, daß Klugheit und Schlauheit über die rohen Kräfte den Sieg davontragen! - Und da erscheinen die Gewalten, die in der Tat in der geistigen Welt da sind und die unseren Klugheitskräften entsprechend sind. Die erscheinen und handeln und klären den Menschen auf über das, was in der geistigen Welt geschieht.

[ 17 ] Da erzählt dann der Mensch das, was sich in der geistigen Welt zugetragen hat, und er muß es so erzählen, daß er sagt: Was ich gesehen habe und erzähle, das ist einmal geschehen; aber das geschieht eigentlich immer hinter der sinnlichen Welt, in der geistigen Welt, wo andere Lebensverhältnisse sind. - Es kann sein, daß jedesmal, wenn der Betreffende in einem solchen Zustande das geschaut hat, dieses Ereignis schon abgestorben ist, und die Bedingungen, unter denen eine solche Handlung sich abspielen kann, schon verflossen sind. Aber es kann noch da sein. Das hängt davon ab, ob irgendwo einer in einem Zwischenzustande auftritt, der das beobachtet. Es ist auch nicht da und nicht dort, sondern überall, wo jemand ist, der das beobachten kann. Daher muß jedes Märchen, das stilgemäß ist, damit beginnen: Es hat sich einmal etwas zugetragen - wo war es denn nur? Ja, wo war es denn eigentlich nicht?

[ 18 ] Das ist der richtige Anfang eines Märchens. Und jedes Märchen muß damit schließen: Ich habe das einmal gesehen; und wenn das, was in der geistigen Welt sich zugetragen hat, nicht dem Tode verfallen, nicht gestorben ist, so lebt es noch heute. Ganz in dem Stile ist das, wie jedes Märchen erzählt werden muß. Man ruft die richtige Empfindung hervor von dem, was erzählt wird, wenn man es immer in dieser Weise beginnen und schließen läßt.

[ 19 ] Nehmen wir einmal an, es hätte jemand, wie unser König im zweiten Märchen, die Gattin zu suchen. Er sucht ein Wesen, das ihm möglichst genau in der Menschenwelt das abbildet, was der Mensch als sein Urbild in der geistigen Welt finden kann, was gefunden werden kann im weisen Walten derjenigen Mächte, die durch die Verstandesseele wahrgenommen werden können. Im äußeren Leben ist das nicht zu finden. Darum muß er den äußeren Menschen dem intimeren Menschen unterwerfen. Auf dem physischen Plan ist der Mensch dem Irrtum unterworfen. Darım muß er die tieferen Kräfte walten lassen, wenn er so etwas finden will. Das kann er, wenn er sich, selbst heute noch, in jenen Zwischenzustand versetzt und sich selbst in eine Beziehung bringt zu den Kräften, die da walten. Diese Leute aber, die Träger solcher Kräfte sind, leben in der Verborgenheit, wo sie nicht abgelenkt werden durch die großen Lebensverhältnisse. Daher muß der König zu dem Freund gehen, zu dem Einsiedler, der arm und einsam lebt, der aber das Geheimnis von Kräften kennt, die den Menschen an die geistige Welt binden, und der ihm den Rosmarinstengel geben kann. Und der König kann nicht durch irgendwelche äußeren Veranstaltungen das finden, was nur an seinen Urbildern aus der geistigen Welt heraus entschieden werden kann. Daher träumt er zunächst, es komme das Goldvögelchen, und er bleibt auch weiter in einer Art Traum-Wachzustand. Und da macht er durch jenes klare Tasten, in dem man sich befindet, wenn man in der geistigen Welt ist, alles das durch, was ich Ihnen gezeigt habe. Er kommt allmählich dazu, aus denjenigen Kräften, die der menschlichen Reinheit und menschlichen Hoheit widerstreben, das herauszufinden, was sich bewahrt hat bis in unsere Tage hinein, diese reine Beglückungsmöglichkeit im Menschen. Es kann ihn nicht dahin tragen irgendeine von den Kräften, die heute an die physische Welt gebunden sind, sondern nur eine solche, die ihm erscheint, wenn sich die Verstandesseele oder überhaupt die innere Seelenkraft auf die geistige Welt richtet. Das erscheint ihm da im Bilde, hier als das Zauberpferd. Aber dieses Pferd in der physischen Welt ist nur das Schattenbild des Geistigen, das dahintersteht. Die in der physischen Welt befindlichen schädlichen Seelenkräfte, diese Kräfte, die in der physischen Welt verkörpert sind, haben dem Pferde den Pfeil in den Leib getrieben. In dem Augenblick aber, wo diese Kräfte heraus sind, als es davon befreit ist, da wird rege die Kraft, die den König dazu bringt, die Verhältnisse zu beurteilen, so daß er, wenn er nicht nur auf das Äußere schaut, dasjenige finden kann, was für ihn geeignet ist. Mit dem gewöhnlichen Verstande könnte er weit in der Welt herumgehen, würde er Menschen da und dort finden, aber die Gattin, die er sucht, an ihr würde er vorbeigehen; denn die Verhältnisse, die da in Betracht kommen, die dagegenspielen, die versteht er gar nicht. Da haben sich die früheren Verhältnisse erhalten.

[ 20 ] Die Verhältnisse, die er sucht, sind da, aber entstellt durch die äußere physische Welt, wo die Dinge überhaupt verwandelt erscheinen. In der physischen Welt haben wir die Kräfte überhaupt nicht in ihrer Wahrheit. Aber im verwandelten gläsernen König erscheint ihm in seiner wahren Gestalt diejenige Persönlichkeit, die ihn dort hinweisen kann, wo er die Gattin suchen soll. Durch die widerstrebenden Kräfte der äußeren Welt ist er gerade verwandelt worden. Und diese Kräfte machen sich geltend durch das, wodurch der Mensch ganz verstrickt ist in die äußeren Weltverhältnisse. Der gläserne König ist erst ganz verstrickt in die äußeren Weltverhältnisse. Das hat ihn innerlich anders gemacht, als er eigentlich sein könnte. Der Mensch hat Dinge in seinem Karma, die eigentlich wie ein Unrecht sind, die ihn stören, wie eine böse Brummbrummfliege. Das zeigt sich alles im Bilde, was in Wahrheit da zugrunde liegt. Die ganze Situation muß man sich vorstellen: wie durch die im König rege gemachten Kräfte dasjenige gefunden werden könnte, was hinter den physischen Erscheinungen ist. Wenn seine Seelenkräfte in ihm erregt werden und wenn er sie richtig leitet, dann findet der König das, was die äußeren physischen Kräfte ihm verhüllen: die «Gattin».

[ 21 ] Eine äußere Erscheinung, die sich zuträgt, irgendein Geschehnis, sagen wir eine Brautwerbung, wird dargestellt, die sich aber nicht abspielt unter den gewöhnlichen Verhältnissen, sondern unter den Verhältnissen, wo jemand zusammenkommt mit einem solchen Seelenführer, wie es der Einsiedler für den König ist, der in ihm tiefere Kräfte regsam macht. Dadurch wird der Mensch geführt zu den Kräften, durch die alles, was in der physischen Welt ist, für eine Weile als unwahr erscheint, und die er braucht, wenn es ihm möglich gemacht werden soll, die Wahrheit zu durchschauen. So sehen wir, wie zwar äußere Verhältnisse zugrunde liegen, wie aber andere Bewußtseinszustände, die wirkliches Schauen hervorrufen, vorhanden sind.

[ 22 ] So kann im Grunde jedes Märchen gedeutet werden; aber man muß es deuten aus der hinter der ganzen Märchenwelt liegenden geistigen Wirklichkeit, und alles, was uns in einem Märchen, auch als einzelne Züge, auftritt, das können wir nach und nach finden und deuten. Zum Beispiel jene geheimnisvolle Verbindung, die da ist zwischen den lebendig wahrnehmenden Kräften und zwischen den geheimnisvollen Kräften des bloßen Lebens, sie kann sichtbar werden, wenn man innerlich schaut. Sie symbolisiert sich wunderbar in der Berührung des Rosmarinzweiges mit der Lilie. In der Lilie ruhen zwar feinere, höhere geistige Kräfte, aber sie müssen erst berührt werden von dem Rosmarinzweige; dann erst sind sie da.

[ 23 ] So liegt der Märchenwelt der begründete Glaube zugrunde, daß alles, was wir um uns herum haben, die verzauberte geistige Wirklichkeit ist, und daß der Mensch zur Wahrheit kommt, wenn er die verzauberte geistige Welt wieder entzaubert. Freilich müssen wir uns darüber klar sein, daß ein Märchen ursprünglich allerdings die Wiedergabe eines astralisch geschehenden Ereignisses ist, daß es aber weitererzählt worden ist. Und da haben die Menschen ja dann ein solches Talent, einzelne Züge zu verändern! Sobald man die Märchen aus dem Munde des Volkes sammelt, hat man zwar den Überrest eines alten, astralisch gesehenen Bildes, aber es können einzelne Züge verändert sein. Da kann dann der Erklärer sehr leicht den Fehler machen, diese hinzugekommenen Züge besonders geistreich zu deuten, während man bei der richtigen Märchenerklärung nie verkennen darf und es sich gefallen lassen muß, daß man auf die Urgestalt zurückgehen und sie erkennen muß. Alles entspricht solchen astralischen Erlebnissen.

[ 24 ] So kann namentlich die Frage vor uns auftreten: War denn der Mensch in einer früheren Zeit, die also festgehalten wird in den geistigen Erlebnissen der Zwischenzustände, von einer solchen Gestalt wie heute? Nein, das war er nicht. Der Mensch hat ganz andere Gestalten durchgemacht und sich erst zu der heutigen Gestalt hin entwickelt. Aber auch das, was der Mensch überwunden hat, was er aus sich herausgesetzt hat, das erscheint in einer ganz bestimmten äußeren Gestalt. Der Mensch mußte, um sich seiner Riesengewalt zu entfremden, die Riesengestalten aus sich heraussetzen, sie überwinden, seine Kräfte verfeinern und sie heraufheben zur Verstandesseele und zur Bewußtseinsseele. Es gibt nun auch Wesen, die auf der Stufe der rohen Kräfte stehengeblieben sind. Überall, wo dem Menschen etwas als schlecht erscheint, das überwunden werden müßte, das aber stehengeblieben ist auf dem Astralplan, erscheint dieses als «Drachen» und dergleichen, die nichts anderes sind als groteske, seither in der geistigen Welt umgewandelte Formen dessen, was der Mensch umwandeln und aus sich heraussetzen mußte. Und auch da müssen wir uns wieder bewußt sein, daß das einer ganz bestimmten Tatsache entspricht.

[ 25 ] Nun möchte ich Ihnen zum Schluß, wie zu Ihrer eigenen Verarbeitung, noch ein Märchen erzählen, welches die mannigfaltigsten Motive, die wir jetzt haben sich abspielen sehen, wenn der Mensch in eine Beziehung zum Astralischen kommt, in sich vereinigt zeigen wird. Und wenn Sie das, was wir gesagt haben, anwenden auf dieses etwas komplizierte Märchen, dann können Sie den Faden fast von selber darinnen finden. Dieses Märchen ist wie eine Synthese, wie eine Zusammenfassung der allerverschiedensten ineinanderspielenden Kräfte.

[ 26 ] Es geschah einmal - wo war es denn nur? Ja, es könnte eigentlich überall geschehen sein, wo war es denn nicht geschehen? -, da lebte ein alter König. Der hatte drei Söhne und drei Töchter. Als es zum Sterben ging, sagte der König zu den drei Söhnen: Gebt die drei Töchter denen, die als erste um sie anhalten, damit sie nicht unverheiratet bleiben. Das ist die erste Lehre, die ich euch gebe. Die zweite ist diese, daß ihr euch nicht an einen bestimmten Platz begeben sollt, und besonders nicht in der Nacht! Und er wies ihnen diesen Platz unter einem Pappelbaum des Waldes.

[ 27 ] Als der König gestorben war, trachteten die Söhne danach, seine Weisungen auch zu befolgen. Am ersten Abend rief etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben. Die Brüder taten es und warfen die eine Schwester zum Fenster hinaus. Am zweiten Abend rief wieder etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben. Da warfen die Brüder die zweite Schwester zum Fenster hinaus. Und am dritten Abend rief auch wieder etwas zum Fenster hinein, man möchte ihm doch eine Königstochter geben, und da warfen die Brüder die dritte Schwester zum Fenster hinaus. Jetzt waren sie allein.

[ 28 ] Aber nun waren sie neugierig und wollten doch gerne wissen, was es mit dem Pappelbaum für eine Bewandtnis habe. Sie gingen also eines Abends hinaus und setzten sich unter den Pappelbaum, zündeten ein Feuer an und schliefen ein. Der älteste mußte Wache halten. Wie er da so mit dem Säbel auf und ab ging, zeigte sich etwas, das am Feuer fraß, und als er näher zusah, da war es ein dreiköpfiger Drache. Da begann er mit dem dreiköpfigen Drachen zu kämpfen. Er besiegte ihn, begrub ihn, aber sagte seinen Brüdern nichts davon, und am anderen Morgen gingen sie nach Hause. Am nächsten Abend gingen sie wieder hinaus. Sie zündeten wieder ein Feuer an und legten sich hin. Diesmal mußte der zweite Bruder Wache halten. Da sah er bald etwas, das am Feuer fraß; und als er näher hinsah, war es ein sechsköpfiger Drache. Da fing er an, mit dem sechsköpfigen Drachen zu kämpfen. Er besiegte ihn und begrub ihn, aber sagte weiter nichts, und die Brüder glaubten, es wäre nichts geschehen. Und sie gingen am anderen Morgen nach Hause. Am dritten Abend machten sie es ebenso, zündeten ein Feuer an, und diesmal mußte der jüngste Bruder Wache halten. Kaum daß die anderen eingeschlafen waren und er mit dem Säbel auf und ab ging, da sah er, wie etwas am Feuer fraß. Er sah sich das genauer an und zögerte etwas und dadurch verging einige Zeit. Dann fing er an, mit dem Drachen, der jetzt ein neunköpfiger war, zu fechten. Aber als er ihn besiegt hatte, da war das Feuer ausgegangen. Nun wollte er den Brüdern die Überraschung nicht bereiten, und er machte sich auf den Weg, um etwas Licht zu finden. Da sah er zwischen den Zweigen etwas Licht; das wollte er holen, aber es reichte nicht aus. Da sah er etwas kämpfen in den Lüften und fragte, was denn das wäre, und die kämpfenden Wesen sagten: Wir sind die Sonne und die Morgenröte; wir kämpfen um den Tag. - Da schnürte er sich das Band los, mit dem er seine Beinkleider zusammengebunden hatte, und knüpfte damit die Sonne und die Morgenröte zusammen, so daß der Tag nicht beginnen konnte. Dann ging er weiter, um sich Licht und Feuer zu holen. Da kam er dann dahin, wo bei einem mächtigen Feuer drei Riesen schliefen. Er nahm sich Feuer, aber wie er dann über den einen Riesen hinwegsetzen wollte, fiel etwas Feuer auf den Riesen, daß er erwachte. Der griff mit der Hand nach ihm, zeigte ihn den anderen und sagte: Guckt mal, was ich da für eine Mücke gefangen habe! - Der Königssohn war im höchsten Maße unglücklich, denn die Riesen wollten ihn töten. Aber vorher wollten sie noch etwas von ihm haben und schlossen daher mit ihm einen Vertrag. Sie wollten sich nämlich drei Königstöchter holen; aber da waren ein Hund und ein Hühnchen, und die machten solchen Spektakel, daß sie nicht hinkommen konnten. Der Königssohn versprach, ihnen zu helfen, und die Riesen wollten ihn dafür freilassen.

[ 29 ] Es wurde nun ein Fadenknäuel angebunden, und der Königssohn ging mit dem Fadenknäuel weiter. Es war ausgemacht, daß jedesmal einer der Riesen nachkommen sollte, wenn er an dem Faden ziehen würde. Er kam bald an einen Fluß, über den er aber nicht hinüber konnte. Die Brüder schliefen unterdessen ja noch. Er zog an dem Faden - da kam der eine Riese herbei, warf einen Baumstamm über den Fluß, und er konnte weitergehen. Dann kam er an das Königsschloß, wo die Schwestern sein sollten. Er ging hinein und kam in die eine der Kammern. Da sah er die eine Schwester. Die lag auf einem kupfernen Bett und hatte ein goldenes Ringlein am Finger. Das zog er ihr ab, steckte es an seinen eigenen Finger und ging weiter. Da kam er in die zweite Kammer, wo die zweite Schwester auf einem silbernen Bett lag, und ein goldenes Ringlein hatte sie am Finger. Das zog er ab und steckte es selbst an. Dann kam er in die dritte Kammer. Da lag auf einem goldenen Bett die dritte Schwester, und ihren goldenen Ring steckte er ebenfalls an. Als er sich weiter umsah, da entdeckte er, daß an dem Schloß ein Eingang mit einer sehr kleinen Öffnung war. Nun zog er an dem Faden und da kam der erste Riese herbei. Aber in demselben Augenblick, als er durch das Tor wollte und als er mit dem Kopfe schon hindurch, der Körper jedoch noch draußen war, da schlug er schnell dem Riesen den Kopf ab. Und mit dem zweiten und dritten Riesen machte er es ebenso. Jetzt hatte er die drei Riesen getötet. Nun ging er zu seinen Brüdern zurück, nachdem er zunächst losgebunden hatte Sonne und Morgenröte. Die sahen sich an und sagten: Ach, es war doch eine lange Nacht! - Ja - sagte er -, es war eine lange Nacht! - und kam nun zu seinen Brüdern. Aber wie es die anderen gemacht hatten, so sagte auch er ihnen weiter nichts, und sie gingen also nach Hause.

[ 30 ] Nach einiger Zeit wollten die drei Brüder heiraten, und der jüngste Bruder sagte den anderen, er wisse, wo drei Königstöchter wären und führte sie hin nach jenem Schlosse. Die drei Brüder heirateten der jüngste heiratete die schönste, die, welche auf dem goldenen Bette gelegen hatte. Der jüngste war der Erbe seines Schwiegervater, und er mußte daher in einem fremden Lande leben. Als aber einige Zeit verflossen war, wollte er sein Heimatland besuchen und auch seine Gattin mitnehmen. Da sagte ihm aber der Schwiegervater: Wenn du die Reise antrittst, so wird dir an der Grenze deine Gattin entrissen werden, und vielleicht auf Nimmerwiedersehen! Sie wollten aber doch reisen, reisten auch und nahmen zum Schutz dreißig Reisige mit. Als sie aber an die Grenze kamen, wurde wie von einer unbekannten Macht die Gattin herausgerissen. Er ging nun zurück und fragte seinen Schwiegervater, wie und wo er seine Gattin wiederfinden könne. Der Schwiegervater sagte ihm: Wenn schon, so kannst du sie nur in dem weißen Lande finden. Er also machte sich nun auf die Reise, um seine Gattin wiederzufinden. Er wußte aber gar nicht, wo der Weg zu dem weißen Lande ging. Da kam er zunächst an ein Schloß und wollte nun dort vorfragen, wo der Weg zu dem weißen Lande wäre. Als er in das Schloß hineinkam, sah er die Schloßfrau sitzen, und da sah er, daß das die eine seiner Schwestern war, welche die Brüder vorher zum Fenster hinausgeworfen hatten, und er fragte nach dem Gatten. Der wurde hineingerufen. Das war ein vierköpfiger Drache - und er wurde gefragt nach dem Weg zum weißen Lande. Der vierköpfige Drache aber meinte, er wisse nicht, wo das weiße Land läge; die Tiere wüßten es aber vielleicht. Die Tiere wurden hineingerufen, aber keines wußte den Weg zum weißen Lande. Der Königssohn ging also weiter und kam nun an ein zweites Schloß. Dort fand er die zweite seiner Schwestern, welche die Brüder weggegeben hatten. Er fragte nach ihrem Gatten. Der wurde gerufen - da war es ein achtköpfiger Drache. Aber auch er wußte nichts von einem weißen Lande. Vielleicht aber, meinte er, wüßten es die Tiere. Die Tiere wurden wieder zusammengerufen, aber keines kannte den Weg zum weißen Lande, und der Königssohn mußte weitergehen. Nach einer Weile kam er zu einem dritten Schlosse. Als er eintrat, fand er die dritte der Schwestern dort. Er sagte, was er wollte - sie antwortete ihm sehr traurig. Der Gatte wurde gerufen, da war es ein zwölfköpfiger Drache. Er wurde gefragt nach dem weißen Lande, aber er sagte, er wisse es nicht, es könnte aber sein, daß es vielleicht eines seiner Tiere wüßte. Die Tiere wurden also gerufen, aber auch von ihnen kannte keines das weiße Land. Ganz zuletzt kam ein lahmer Wolf. Der erzählte: Ja, ich bin einmal eingefallen in ein Land, da hat man mich verwundet, so daß ich jetzt lahm bin. Ich weiß das weiße Land, leider weiß ich es! - Da sagte der Königssohn: Ich will dahingeführt werden! - Aber der Wolf wollte nicht, und wenn ihm ganze Schafherden versprochen würden. Aber zuletzt ließ er sich doch herbei, den Königssohn so weit zu führen, daß er von einem Berge aus in das weiße Land hineinsehen könnte. Sie kamen dann auch an diesen Berg, und da verließ ihn der lahme Wolf.

[ 31 ] Da traf der Königssohn eine Quelle. Er trank daraus und fühlte sich wunderbar erfrischt von dem Wasser. Da kam eine Frau heran, die er gleich als seine geraubte Gattin erkannte. Und sie, die ihn auch gleich wieder erkannte, sagte ihm: Wiedererringen kannst du mich doch nicht; denn würdest du es tun, dann würde der Zauberer, der mich jetzt hier zur Gattin hat, mich doch gleich wieder holen auf seinem Zauberpferde. Das kann so schnell durch die Luft fliegen wie der Gedanke! - Da sagte der Königssohn: Ja, was sollen wir denn da tun? - Und sie antwortete: Es gibt ein Mittel, und das ist: wir müßten ein schnelleres Pferd haben. Du gehst zu der alten Frau, die an der Grenze des Landes wohnt. Bei der verdingst du dich als Knecht. Sie wird dir zwar schwere Sachen aufgeben, aber du wirst schon sehen, wodurch du bestehen kannst; und du verlangst als Lohn das jüngste Fohlen und einen Sattel und sagst der alten Frau: der oben auf dem Boden liegt und ganz voll Hühnermist ist -, und als drittes verlangst du einen ganz alten Zaum!

[ 32 ] Mit diesem Unterricht ging der Königssohn fort und kam an einen Bach. Als er dort rastete, sah er am Rande des Bächleins auf dem Lande einen Fisch liegen. Der bat ihn: Nimm mich, und wirf mich wieder ins Wasser hinein, da tust du mir eine große Wohltat! - Er tat es - aber während er es tun wollte, gab ihm das Fischlein eine Pfeife und sagte zu ihm: Wenn du etwas brauchst, so nimm nur die Pfeife und pfeife, und ich will dir einen Dienst erweisen! - Er nahm auch das Pfeifchen zu sich und ging weiter. Nach einer Weile traf er eine Ameise, die von ihrer Feindin, die eine Spinne war, verfolgt wurde. Er befreite sie, und die Ameise gab ihm dafür ein Pfeifchen und sagte ihm, wenn er einmal in Not wäre und damit pfeifen würde, so wird ihm Hilfe werden. Er steckte es zu sich und ging weiter. Da fand er bald einen Fuchs. Der war verwundet und hatte einen silbernen Pfeil in sich; und der Fuchs sagte zu ihm: Wenn du mir den Pfeil herausziehen wirst und mir für meine Wunde etwas Pfahlkraut gibst, so soll dir in einer schwierigen Lage geholfen werden! - Der Königssohn tat es, und der Fuchs gab ihm auch wieder eine Pfeife. Mit diesen drei Pfeifchen begab sich der Königssohn nun zu der alten Frau an der Grenze des Landes. Er sagte ihr, er wolle sich bei ihr als Knecht anstellen lassen. Das kannst du wohl, meinte sie, aber der Dienst ist bei mit recht schwer; es hat ihn bis jetzt noch keiner bestanden. - Und damit nahm sie ihn hinaus auf das Feld. Da hingen neunundneunzig Menschen. Die Alte sagte: Das sind alles diejenigen, welche sich bei mir haben als Diener anstellen lassen, aber es ist keiner, der den Dienst bei mir besteht. Wenn du also Lust hast und nicht bestehst, so kannst du ja der hundertste werden! - Aber er verdingte sich doch bei ihr auf ein Jahr, aber dort in der Gegend hat das Jahr nur drei Tage.

[ 33 ] Am ersten Tage kochte ihm die alte Frau eine Traumsuppe, und dann schickte sie ihn mit drei Pferden fort. Aber er hatte ja die Traumsuppe getrunken, und daher schlief er bald ein, und als er wieder erwachte - da waren die drei Pferde fort. Er dachte an die Pfeifen, zog das erste Pfeifchen heraus und pfiff. Es war nun da an der Stelle eine Art von Quelle. Da kamen drei Goldfischchen geschwommen, und als er sie berührte, verwandelten sie sich in die drei Pferde. Und er brachte nun die Pferde der alten Frau zurück. Sie hatte ja selbst erst die Pferde in die Goldfische verwandelt. Als sie ihn daher nun mit den Pferden sah, schimpfte sie und warf sich von einer Seite zur anderen.

[ 34 ] Am nächsten Tage kochte ihm die alte Frau wieder eine Traumsuppe und schickte ihn dann mit den Pferden fort. Er schlief wieder von der Traumsuppe ein, und als er erwachte, waren die Pferde verschwunden. Da pfiff er auf dem zweiten Pfeifchen, und in diesem Augenblick erschienen drei Goldameisen. Als er sie berührte, da waren es seine drei Pferde wieder, die er nun der alten Frau zurückbrachte. Da wurde die Alte ganz wild, weil sie ja die Pferde selbst verzaubert hatte, und schalt noch mehr auf die Pferde. Aber der Königssohn war gerettet.

[ 35 ] Am dritten Tag sagte sich die Alte: Jetzt muß ich die Sache noch viel schlauer anstellen! Sie kochte ihm wieder eine Traumsuppe und schickte ihn mit den Pferden hinaus. Als er von der Traumsuppe einschlief, verwandelte sie die Pferde in drei goldene Eier, und diese Eier dirigierte sie unter ihren eigenen Sitz - und setzte sich also darauf. Der Königssohn erwachte, die Pferde waren fort, und da pfiff er nun auf dem dritten Pfeifchen, und - nun denken Sie, wie schlau die Dinge wirken -, jetzt kam der Fuchs herbei. Der Fuchs sagte: Diesmal ist die Sache doch etwas schwieriger, aber wir wollen es schon machen. Ich will nach dem Hühnerhof gehen und dort ein großes Geheul anstellen. Da wird die Alte herausspringen, und in dieser Zeit berührst du dann die drei goldenen Eier unter ihrem Sitz; und wenn du sie berührst, werden sie verwandelt sein. - Und so kam es. Der Fuchs ging zum Hühnerhof, machte dort ein großes Geheul, die Alte sprang auf, lief hinaus, der Königssohn berührte die goldenen Eier, und als die Alte wiederkam, da waren die drei Pferde da. Jetzt konnte die Alte nun nicht anders, als den Königssohn fragen: Was willst du als Lohn haben? - Sie dachte ja, er würde etwas ganz Besonderes haben wollen. Da sagte er: Ich will nur das Fohlen, das heute nacht geboren ist, dazu den Sattel oben auf dem Boden, der von Hühnermist ganz bedeckt ist, und einen alten Zaum. - Das bekam er. Das Pferd war noch klein. Er mußte es auf dem Rücken tragen. Als es Abend war, sagte das Pferdchen: Jetzt kannst du eine Weile schlafen; ich will zu einer Quelle gehen und Wasser trinken. Am Morgen kam es wieder. Am zweiten Tage konnte es schon mit einer Riesengeschwindigkeit laufen. In der zweiten Nacht ging es wie in der ersten. Und am dritten Tage führte es ihn zu dem Bannort seiner Gattin. Da wurde die Gattin auf das Pferdchen gesetzt, und - das ist jetzt ein Zug, der für jeden, der die Sache kennt, so tief beweisend ist für den okkulten Ursprung des Märchens - nun sagte der Königssohn: Mit welcher Geschwindigkeit werden wir jetzt durch die Luft fahren? - Und es antwortete die Gattin: Mit der Geschwindigkeit des Gedankens. - Als nun der unrechtmäßige Besitzer das bemerkte, setzte er sich ebenfalls auf sein Zauberpferd, um ihnen nachzueilen. Da fragte ihn das Pferd: Mit welcher Geschwindigkeit werden wir durch die Luft fahren? - Und er sagte: Mit der Geschwindigkeit des Willens oder des Gedankens! - Es sauste ihnen nach, kam näher und immer näher, und als es schon ganz nahe war, da sagte das Pferd zu dem voranfliegenden, es solle warten. Ich werde erst warten, wenn du ganz nahe bist - war die Antwort. In dem Augenblick erhob sich das andere Pferd und warf den Räuber ab, vereinigte sich mit dem ersten Pferde und die Königin war befreit. Nun konnte der Königssohn wieder mit seiner Gattin zurückkehren, und sie lebten in ihrem Lande weiter. Und wenn das Ereignis nicht verblichen ist, so leben sie noch heute.

[ 36 ] Das ist jetzt ein anderes, etwas komplizierteres Märchen, das die mannigfaltigsten Züge enthält. Bis wir in der Lage sein werden, hier Weiteres zur Deutung gerade dieses Märchens zu sagen, wollen wir es uns durch die Seele ziehen lassen, um die verschiedenen Züge, die gerade in diesem Märchen wunderbar zusammenklingen, selber zu enträtseln. Natürlich wird das, was durch falsche Tradition hinzugekommen ist, ausgesondert werden müssen. Aber Sie werden, wenn Sie es nach dem Prinzip betrachten, das heute geschildert worden ist, für alles, was hier auftritt, den Faden finden können: das Drachenmotiv, das Motiv der drei Schwestern, die herausgeworfen werden, das Überwindungsmotiv der Drachen am Feuer, das Klugheitsmotiv, das Vermählungsmotiv der Verstandesseele mit der äußeren Welt; jetzt wieder in einzigartiger Weise das Klugheitsmotiv der feineren Zauberkräfte. Dann tritt auf in einer merkwürdigen Weise Nemesis, Karma, indem der Königssohn seinen Schwestern wieder entgegentritt: Ihre höhere schwesterliche Natur haben die drei Brüder hinausgeworfen, daher das Drachentöten am Feuer und so weiter.

[ 37 ] Solche Märchenerzählungen sind Erfahrungen von Leuten aus dem Volk, die in solchen Zwischenzuständen sind. So sind ebenfalls die großen Göttermythen der Völker die Darstellung dessen, was die Eingeweihten auf dem astralischen Plan und den höheren Planen erleben. Die Märchen verhalten sich zu den großen Völkermythen folgendermaßen: Die großen Völkermythen können wir enthüllen, wenn wir die großen, umfassenden Verhältnisse des Kosmos zugrunde legen, und die Märchen enthüllen wir, wenn wir die Geheimnisse des Volkes zugrundelegen. Alles im Märchen tritt so auf, daß die verschiedenen Vorgänge und Bilder nichts anderes sind als Wiedererzählungen astralischer Erlebnisse. Solche astralische Erlebnisse hatten in einer gewissen Urzeit alle Menschen. Dann wurden sie immer seltener und seltener. Die einen Menschen erzählten sie den anderen, die anderen nahmen sie auf, und so wanderten die Märchen von Gegend zu Gegend. In den verschiedensten Sprachen traten sie auf, und wir merkten die Ähnlichkeit des Märchenschatzes über die ganze Welt, wenn wir die ihnen zugrundeliegenden astralischen Erlebnisse herausschälen können.

[ 38 ] Wer heute als sinniger Mensch durch die Welt wandert, der kann die letzten Reste des atavistischen Hellsehens wohl noch finden. Da oder dort tritt ihm jemand entgegen, und der erzählt, was er als eigene Erlebnisse in der astralischen Welt geschaut hat. Ein solcher Mensch, der so durch die Länder wandert, kann dann hören von solchen, die noch eine Ahnung haben von der wahren Wirklichkeit, die Märchengeschichten. So werden sie in unseren Büchern aufgezeichnet. So haben die Brüder Grimm die Märchen gesammelt. So haben sie andere gesammelt, die meist selbst nicht Hellseher waren, sondern die Märchen aus dritter, vierter, fünfter Hand bekamen, ja manchmal auch erst aus zehnter Hand, so daß sie ihnen in einer mannigfaltig entstellten Gestalt entgegentraten. Aber es neigte sich die Zeit der Abenddämmerung, wo die Menschen noch ihren intimen Zusammenhang mit der geistigen Welt hatten, der jetzt eben charakterisiert worden ist. Immer mehr und mehr treten die Menschen von dieser geistigen Welt zurück. Das atavistische Hellsehen wird immer seltener und seltener werden, wenigstens das als gesund zu bezeichnende, und wahres Hellsehen wird immer mehr und mehr das bloß durch Schulung dem Menschen zuteil gewordene sein können. Und von dem, was die Menschen in alten Zeiten gesehen haben, werden die meisten Menschen, die noch etwas wissen von den Dingen, in einer gewissen Zukunft sagen können: Es war einmal, daß alte Leute aus ihren astralischen Erlebnissen heraus dieses oder jenes erzählten. Wo war es doch? Es kann eigentlich überall gewesen sein. - Aber heute findet man nur noch sehr selten irgend jemanden, der das aus einer wirklichen Quelle heraus erzählen wird. Und man wird von den Märchenerlebnissen sagen können: Sie ereigneten sich einmal - und wenn sie nicht gestorben sind, diese Märchenerlebnisse, so leben sie heute noch. Aber für die meisten Menschen, die innerlich sich mit dem physischen Plan verstricken, sind sie eben längst gestorben.